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Der Ungarn - Aufstand 1956

Der Aufstand in Ungarn und in dessen Gefolge die riesige Flüchtlingswelle über die Grenze nach Österreich rückte das Burgenland in den Vordergrund des internationalen Interesses. Nur wenige Monate waren seit dem Ende der Besatzungszeit vergangen und schon stand die Sowjetarmee wieder an der Grenze, Die Angst vor einer neuerlichen Besetzung Österreichs war groß. Die Bewältigung des Flüchtlingsstromes war eine hohe logistische Herausforderung, auf die man in keiner Weise vorbereitet war. Etwa 400 km Grenze mussten überwacht werden. Das Bundesheer, aus der erst 1952 gegründeten B - Gendarmerie rekrutiert, bestand erst seit wenigen Tagen. Es musste sich zusammen mit der Exekutive der neuen Herausforderung stellen. Bundesheer und Exekutive waren personell unterbesetzt und verfügten kaum über technische Einsatzmittel. Vor allem an Fahrzeugen fehlte es, aber auch an geeigneten Räumlichkeiten. Es musste viel improvisiert werden. Trotzdem wurde die große Aufgabe bewältigt.

Zwar wurde die brutale Diktatur des Matyas Rakosi nach dem Tode Stalins und der Ernennung Imre Nagys zum Ministerpräsidenten etwas gemildert. Die Unzufriedenheit war aber groß. Die verfehlte Wirtschaftspolitik mit ihren Enteignungen und Kollektivierung trug dazu bei. Im Oktober 1956 formulierten Studenten erste politische Forderungen. Die Demonstrationen weiteten sich rasch zum Aufstand aus. Vor dem Parlament kam es zu Massendemonstrationen, im Stadtwäldchen wurde das riesige Stalin - Denkmal demoliert. Bei der Besetzung des Rundfunkgebäudes fielen die ersten Schüsse. In den folgenden Tagen kam es zu schweren Schießereien, die bereis hunderte Tote forderten. Es wurden freie Wahlen und der Abzug der Sowjetarmee gefordert. Für kurze Zeit keimte die Hoffnung auf ein freies und demokratisches Ungarn auf. Hoffnung weckte auch die Tatsache, dass die ungarische Armee begann, den erst 1949 vollendeten "Eisernen Vorhang" abzubauen. Verwandte und Freunde, die sich seit einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatten, konnten endlich wieder miteinander Kontakt aufnehmen. Freudenkundgebungen der ungarischen Grenzbevölkerung fanden bei Heiligenkreuz, Deutsch Schützen, Rattersdorf und Schattendorf statt - eine heikle Angelegenheit, da "Grenzverletzungen" verhindert werden mussten. Zusätzlich zur Flüchtlingsbetreuung mussten auch Hilfslieferungen für die Aufständischen mit Lastkraftwagen und der Bahn organisiert werden. Am 4. und 5. November begann die Intervention der Sowjetarmee und die brutale Niederschlagung des Aufstandes. Die erhoffte Unterstützung aus dem Westen blieb aus, da zur gleichen Zeit die Suezkanalkrise eine Einmischung verhinderte.

Etwa 200 000 Menschen flüchteten, die meisten in Richtung Österreich. Ende Oktober trafen die ersten Flüchtlinge an der Grenze ein. So kamen etwa am 28.10. 410 Flüchtlinge als Asylwerber in Andau an. Sie wurden zunächst von zivilen freiwilligen Helfern versorgt. Am folgenden Tag überschritten 40 schwerbewaffnete ungarische Grenzsoldaten die Grenze. Bald mussten 1600 Flüchtlinge von einer in einem Gasthaus eingerichteten Notküche des Roten Kreuzes versorgt werden. In Neusiedl wurde ein Flüchtlingslager eingerichtet. Immer mehr Autobusse wurden zum Abtransport der Flüchtlinge eingesetzt. Die steigende Anzahl von Flüchtlingen wurde auch in Notquartieren der Seewinkelgemeinden untergebracht. Die Asylwerber wurden anfangs aus dem ganzen Burgenland in ein provisorisches Auffanglager nach Eisenstadt gebracht. Die Grenze wurde mit rot-weiß - roten Fähnchen markiert. Mit zunehmenden Flüchtlingsstrom setzten vermehrt Hilfsaktionen des Roten Kreuzes, des Malteserordens und anderer Organisationen ein. Das Bundesheer spielte bei Transport, Verpflegung und Unterbringung eine wichtige Rolle. Das Innenministerium stellte Kasernen für die Unterbringung zur Verfügung, etwa die Stiftskaserne in Wien und Teile der Eisenstädter Kaserne. Kaisersteinbruch wurde zu einem Flüchtlingslager mit Lazarett umfunktioniert. Insgesamt wurden 26 Kasernen und militärische Einrichtungen herangezogen. Im gesamten Burgenland erreichte die Flüchtlingszahl bis Jahresende 1956 162 143 registrierte Personen. Allein in Andau, auf der berühmten Brücke über den Einserkanal, kamen 45 286 Personen, am 21 November 1956 9 547 Personen.

Am 4. November kamen bereits Massen von Flüchtlingen und Militärangehörigen auf Lastwagen und Traktoren, Pferdewagen und Kuhgespannen, Familien mit Handwagen. Mehr als 9000 Menschen kamen an diesem Tag, vermutlich waren es erheblich mehr, da eine Registrierung nicht immer möglich war. Provisorische Lager mussten in Schulen und Privatquartieren eingerichtet werden. Allein am Grenzübergang Klingenbach wurden 4000 Personen registriert. Am 1. Dezember wurden bereits 36 226 Flüchtlinge gezählt. Im Norden des Landes entstanden Auffanglager in Eisenstadt, Traiskirchen und Judenau, im Süden in Jennersdorf und Fehring. Später kamen Auffanglager in Andau, Kaisersteinbruch und Neckenmarkt hinzu und viele kleinere Lager. Ein Vorteil in diesem Chaos des Massenansturmes war, dass viele Gendarmen Ungarisch konnten und viele Personen, die erst 10 Jahre zuvor aus Ungarn vertrieben worden waren, sich selbstlos zur Verfügung stellten. Nicht allen gelang der Grenzübergang. Viele wurden von ungarischen Grenzorganen festgenommen und nach Ungarn zurückgebracht.

Am 20. Dezember besuchten der amerikanische Vizepräsident Richard Nixon zusammen mit Bundespräsident Körner, Bundeskanzler Raab, Vizekanzler Schärf und Außenminister Figl Andau. Anfang 1957 wurde der Stacheldrahtzaun wieder errichtet, der Zustrom an Flüchtlingen wurde etwas schwächer.

Bei der Grenzsicherung kam es zu gefährlichen Zwischenfällen mit Sowjetsoldaten, etwa in Rechnitz. Eine höchst bedauerliche Nebenerscheinung war die gewerbsmäßige Schlepperei. Viele Flüchtlinge wurden von den Schleppern ausgeraubt, manche ermordet. Es gab fürchterliche Einzelschicksale, etwa Kinder, die von ihren Eltern getrennt wurden. Insgesamt war aber die Aufnahme der Ungarnflüchtlinge eine großartige humanitäre Leistung. Die meisten Flüchtlinge zogen weiter, in andere europäische Staaten und in die USA. Diejenigen, die in Österreich blieben, konnten sich meist rasch integrieren.