Begriffe wie "Attila", "die Hunnen", "die Germanen"...entzünden  noch immer die Phantasie.  Archäologischen Funde aus der Völkerwanderungszeit, vor allem Waffen und Schmuck, sind faszinierend. Ausstellungen zu diesem Thema locken hunderttausende Besucher an.  Die Archäologie hat zur Völkerwanderungszeit in den vergangenen Jahrzehnten sowohl in Österreich als auch ganz besonders in Ungarn zahlreiche neue Forschungsergebnisse vorgelegt.

Freilich kann man das Thema Völkerwanderung nicht auf die engen Grenzen des Burgenlandes bezogen behandeln. Man muss die Nachbargebiete verstärkt einbeziehen.   Von einer alten Vorstellung muss man heute Abschied nehmen: Es war keineswegs so, dass die Hunnen und Germanen zunächst die Römer ausgerottet hätten, dann die Germanen die Hunnen und schließlich die Awaren die Germanen. Es gab trotz des kriegerischen Charakters des Zeitalters immer wieder Zeiten friedlichen Zusammenlebens. Auch ist gar nicht so klar, wer die "Hunnen", "Langobarden", "Awaren" ... waren.

 
Es waren Menschengruppen, die sich im Laufe ihrer "Wanderungen" immer wieder neu formierten, es waren "Stämme" im Werden. Und es wurden von besonders erfolgreichen Gruppen immer wieder andere aufgenommen. So waren etwa die berüchtigten Heere Attilas wohl nur zum kleineren Teil aus Hunnen, zum größeren aus verschiedensten germanischen Gruppen zusammengesetzt. Die "Awaren" nahmen die Vorbewohner des ungarischen Tieflandes, die germanischen Gepiden, in ihren Verband auf. Außerdem werden somanche römische oder keltisch - römische Gruppen auch weiterhin im Land geblieben sein, mit Sicherheit in den ehemals römischen Srädten. Auch die Langobarden zogen wohl nicht alle nach Italien ab. Im Gefolge der Awaren kamen schließlich auch slawische Siedler ins Land. Sie galten wohl zunächst ebenfalls als "Awaren", solange diese erfolgreich waren.

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Germanische Föderaten und Reichsbildungen im Weströmischen Reich

Unbekannte waren die Germanen den Römern diesseits der Donau nicht. Sie hatten schon seit Jahrhunderten in der Regel friedliche Kontakte. Aber es gab immer wieder auch heftige Konflikte. Schon im 2. Jahrhundert nach Christus kam es zu einem ersten Einbruch von Markomannen und Quaden in römische Gebiete; vermutlich waren erstmals auch Langobarden mit dabei.  Darauf weisen  vereinzelte Funde von "Trompetenfibeln", u.a. in Pöttsching, hin. Die Germanen drangen sogar bis Italien vor; die römische Armee war durch eine Pestepidemie sehr geschwächt. Im Gegenangriff schufen die  Römer eine "Sicherheitszone" von 7 km jenseits der Donau. Neuerliche Kämpfe konnten vom berühmten  Kaiser Mark Aurel siegreich beendet werden. Es bestand damals  sogar der Plan, eine Provinz Markomannia zu errichten. 180  starb aber der Kaiser in Wien; sein Nachfolger Commodus beendet den Krieg. Vorgeschobene römische Stationen nördlich der Donau blieben aber bestehen. Zur Zeit Caracallas  kam es neuerlich zu Kämpfen, sie enden mit einer Niederlage der Germanen. Die Markomannen, die immer wieder die Donau überschritten, wurden ihrerseits von nachrückenden Germanen aus dem Norden bedrängt. Die Markomannen  verheerten große Teile Pannoniens. In der Folgezeit werden Markomannen unter der Führung des Attalus in Pannonien angesiedelt. Auch die in Mähren lebenden Quaden drangen in Pannonien ein. 295 erfolgte erneut ein Vorstoß der Markomannen und Quaden über die Donau. Sie wurden 299 besiegt. Ruhe kehrte an der Donau aber nicht mehr ein. Kaiser Licinius errang einen Erfolg gegen die Donaugermanen. Mit Quaden und Sarmaten, die den pannonischen Limes bedrohten, mußte sich auch Kaiser Konstantius herumschlagen.

Zur Zeit des Kaisers Valentinian (364-375) unternahm das römische Reich den letzten Versuch, den Donaulimes zu verstärken. Die Römer ermordeten den Quadenkönig Gabrinus bei einem Gastmahl in Aquincum (Budapest). Daraufhin brachen 374 die Quaden und Sarmaten in das römische Reichsgebiet ein,vernichteten zwei Legionen und verwüsten das südliche Pannonien. Valentinian führte den Krieg von der Basis Savaria (Steinamanger-Szombathely) aus, Carnuntum wurde als Stützpunkt nochmals aufgebaut. 375 kam es nochmals zu einem römischen Gegenangriff und zum Frieden von Brigetio.Die quadischen Gesandten traten dabei so selbstbewußt auf, dass den Kaiser der Schlag traf. 378 aber veränderte die Schlacht von Adrianopel auch die Machtverhältnisse in Pannonien total. Die "Völkerwanderung " begann.

Die Hunnen überschritten den Don und vernichten das Gotenreich des Ermanarich in der Ukraine. In der Schlacht von Adrianopel (Edirne) besiegten Westgoten, Alanen und Hunnen das oströmische Heer, Kaiser Valens fiel. Der gesamte Donauraum bis in das Gebiet des heutigen Österreich war damit für die Sieger offen. Die  Folgezeit   ist durch archäologisches Fundmaterial gekennzeichnet, das von der Donaumündung bis zum Inn  einheitlich ist und die Dominanz dieser Drei - Völker - Koalition von Goten - Hunnen - Alanen zeigt. Sie bekamen Land zugewiesen und werden als Föderaten auf Reichsgebiet diesseits der Donau aufgenommen. Goten, Alanen und Hunnen erreichen vermutlich damals erstmals den westpannonisch - ostnorischen Raum (Bgld., Steiermark) . Der Westkaiser Gratian siedeltr die ostgotisch - hunnisch - alanischen Reiter in Teilen Pannoniens an.

Die Zeitgenossen hatten den Eindruck, als hätte die römische Regierung die Provinz aufgegeben. Das Leben normalisiert sich aber bald wieder. Sogar geflohene   Großgrundbesitzer kehren zurück.  Schon 383 war Pannonien wieder Getreideüberschußland. Die pannonischen Föderaten wurden in der Folgezeit zu verschiedenen militärischen Aufgaben, etwa zur Verteidigung der Reichsgrenzen im Westen, herangezogen. Die Alanen zogen vermutlich Ende des 4.Jahrhunderts aus Pannonien ab. 406 gingen sie gemeinsam mit Vandalen, Teilen der Markomannen und Quaden über den Rhein, später nach Spanien und Nordafrika.

Nach dem Tod des Kaisers  Theodosius I. wurde das Römische Reich   unter seinen Söhnen Honorius (Westen) und Arkadius (Osten) geteilt. Im Westen regiert tatsächlich der Reichsfeldherr Stilicho, ein Vandale. Im Wiener Becken, im Burgenland und Westungarn  wurden Markomannen als Föderaten angesiedelt, die man später meist Sueben nannte.  Eine markomannische Königin Fritigil taitt in Briefwechsel mit Bischof Ambrosius von Mailand. Sie strebte den Übertritt ihrer Sippe zum Katholizismus an und  unterwarf sich der römischen Herrschaft.

Die Provinz dürfte stark unter dem Einfall einer weiteren Gruppe von Germanen gelitten haben. Unter der Führung des Ostgoten Radagais überquerten sie die Grenze, verwüsteten Westillyrien, Pannonien und weite Teile Italiens. Viele Römer verließen die Donauprovinzen und strömen als Flüchtlinge nach Italien. Später besetzten Alarich - Goten besetzen den norisch - westpannonischen Raum. In Pannonien  stand Alarichs Schwager Athaulf an der Spitze gotisch - hunnischer Reiterkrieger. Nach dem Abzug Alarichs nach Italien wurde die Grenzverteidigung  noch einmal reorganisiert, unter der Führung eines heidnischen Barbaren als Heermeister

Bald darauf entstand  in der großen ungarischen Tiefebene  der   hunnische "Staate". Großfürst Ruga verlegt seinen Hauptsitz in das Karpatenbecken. 433 floh der röm. Heermeister Aetius zu den Hunnen; mit ihrer Hilfe kehrte er zurück. Vermutlich trat er dafür auch offiziell Pannonien an die Hunnen ab. Zur Zeit des Großfürsten Bleda (434-445) erreichte die hunnische Macht ihre größte Ausdehnung. Sie erstreckte sich von Mittelasien bis zur Donau. Auf Bleda folgte Attila als Großfürst (445-453), den germanische Kontingente gegen seinen Bruder zur Macht verhalfen. Unter Attila unternahmen die Hunnen und ihre germanischen Verbündeten große Eroberungszüge nach Westen (Schlacht auf den katalaunischen Feldern) und nach Italien. Pannonien und Ufernoricum gehören zum hunnischen Machtbereich. 453 starb Attila, unter seinen Söhnen zerfiel der hunnische Machtbereich rasch. Gegen die Attilasöhne erhob sich eine germanische Koalition unter der Führung der Gepiden.

 
In Ungarn wurden reiche archäologische Funde aus der "Hunnenzeit" gemacht, meist Überreste von Totenopfern, große Opferkessel (Szeged-Nagyszéksós , Pécs- Üszögpuszta....).  In Pannonien stützte sich die hunnische Herrschaft auf Besatzungen in den ehemaligen Römerstädten , in deren Umgebung hunnische Gräber gefunden wurden, z.B. in Arabona (Raab-Györ). Dort fand man Überreste von Totenopfern, verbrannte Schwerter mit Goldbeschlag, goldene Bogenbeschläge,vergoldete Trensen und Pferdezeug. Bei Arabona wurde auch ein Gräberfeld hunnischer Gemeiner, z.T.mit den bei den Hunnen, aber auch manchen Germanenvölkern üblichen deformierten Schädeln, gefunden.  In der Nähe von Csorna  wurde ein reich ausgestattetes Frauengrab entdeckt, mit einem vergoldetes Silberdiadem. Hunnische Gräber  fand man auch im Bereich von Wien (Zentralfriedhof), dort mit einem  vollständigen Exemplar eines hunnischen Reflexbogens.

Mit der Schlacht am Nedao (Fluß, der bis heute nicht identifiziert werden konnte) endete die hunnischen Herrschaft über Pannonien.  Eine Koalition unter Führung der Gepiden besiegte jene germanischen Völker, die noch auf hunnischer Seite standen. Die germanischen Stämme wurden nun im Karpatenbecken seßhaft: Östlich der Theiß bis Siebenbürgen ließen sich die Gepiden nieder,  im öst lichen Waldviertel und im Weinviertel die Rugier, östlich davon, an der March, die Eruler (Heruler), dann die Skiren; südlich der Donau Reste der Sueben (Donausueben), in der römischen Provinz Pannonien die Goten, die von Ostrom als Föderaten aufgenommen wurden. Die Goten siedeln vom Plattensee bis in das Drau-Save-Tiefland, vereinzelt auch im übrigen Pannonien, beherrschten aber offensichtlich eine weit größere Region,darunter auch das heutige Burgenland und das außeralpine Österreich bis zur Enns. Gegen sie bildet sich eine Koalition kleinerer germanischer Völker (Donausueben, Eruler, Skiren, Sarmaten, Gepiden, Rugier), die 469/70 am Fluß Bolia (nicht identifiziert) geschlagen wurde. Die Rugier und ein Teil der Eruler zogen unter Odoaker nach Italien. Schließlich verließen auch die Ostgoten  Pannonien, unter Thiudimir und seinem Sohn Theoderich (Dietrich von Bern), das Land  blieb aber Teil des  italienischen Gotenreiches.

Die neue Großmacht in Ostösterreich  und Westungarn wurden die Langobarden. Diese erhoben sich gegen die Eruler, besetzten von Südmähren aus das östlliche Niederösterreich, das Nord- und Mittelburgenland und Westungarn. 526, nach Theoderichs Tod und dem gotischen Machtverfall, eigneten sie sich auch das übrige Pannonien bis zur Donau an.

Der Langobardenkönig Wacho (510-540) schloss ein Bündnis mit Byzanz und lehnte ein Hilfegesuch der bedrängten Ostgoten in Italien  ab. Er betrieb eine großräumige Politik, war mit dem thüringischen, dem gepidischen und dem fränkischen Königshaus verschwägert und hatte zeitweise große Pläne einer fränkisch - langobardisch - gepidischen Koalition gegen Byzanz. Die merowingischen Frankenkönige expandierten zu dieser Zeit ebenfalls nach Südosten, besetzen die von den Goten aufgegebenen Ostalpenländer und ließen sich Venetien abtreten. Gegen Gepiden und Goten gewann schließlich Byzanz die Langobarden als Verbündete. Unter König Audoin (540-560)   schlossen die Langobarden einen Vertrag mit Byzanz. Die Langobarden erhielten hohe oströmische Geldzahlungen und Pannonien, das sie freilich schon längst besetzt hatten. 552 zog ein großes oströmisches Heer unter Narses nach Italien, gegen die Ostgoten. Die 5500 langobardischen und erulischen Krieger aus Pannonien waren kriegsentscheidend.

Schließlich besiegte König Audoin auch die Gepiden, die alten, ebenfalls germanischen Feinde der Langobarden.  Diese hatten  inzwischen zahlreiche andere germanische Gruppen aufgenommen und waren nun der  entscheidende Machtfaktor. Ihr Hauptsitz lag vermutlich in der kleinen ungarischen Tiefebene. Langobardische Friedhöfe   wurden auch auf burgenländischem Gebiet (Nikitsch, Leithaprodersdorf) gefunden. In der Umgebung von Ödenburg wurden die Eruler angesiedelt. Die berühmten und überaus reich ausgestatteten Fürstengräber von Heiligenstein (Hegykö) östlich von Ödenburg sind wahrscheinlich ihrer führenden Sippe zuzuordnen. . König Alboin (560-572) heiratet eine Tochter des Frankenkönigs Chlothar, besiegte 567 erneut die Gepiden, diesmal schon mit awarischer Hilfe.

Damit hatten sie sich einen gefährlichen Bundesgenossen eingehandelt. Schließlich zogen die Langobarden nach langer Herrschaft über Pannonien nach Oberitalien ab (Lombardei). Der Abzug war geordnet und gut vorbereitet.  Mit ihnen zogen auch norische und pannonische Provinziale, Donausueben, Eruler, Gepiden, Sarmaten, Bulgaren, thüringische und sächsische Kontingente.  Pannonien wurde den Awaren überlassen, doch hatten die Langobarden ein zweihundertjähriges vertragliches Rückkehrrecht.

In Pannonien und damit auch im heutigen Burgenland begann die lange, über drei Jahrhunderte dauernde Vorherrschaft der Awaren. Aber selbstverständlich haben nicht alle früheren Bewohner des Gebietes, Romanen, Germanen verschiedenster Stämme . . . das Land verlassen. Unter awarischer Herrschaft kam ein neues Element auch an Ostalpenrand. Slawische Bauern wanderten ein und ließen sich hier nieder.


 

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