Die geschichtliche Entwicklung von Loipersbach verlief völlig anders als die der übrigen Gemeinden im Bezirk Mattersburg. Während jene früher oder später unter die Herrschaft der Esterhazy gerieten, gehörte Loipersbach seit dem 16. Jahrhundert zur Herrschaft der Königlich Ungarischen Freistadt Ödenburg. Auch wenn die Stadtdörfer Agendorf, Wandorf, Harkau. Wolfs, Kohlnhof,  Mörbisch und Klingenbach und eben auch Loipersbach nicht immer mit der Herrschaftsausübung der Stadt zufrieden waren und es immer wieder Probleme gab, war ihre wirtschaftliche und soziale Situation doch meist besser. Die Zugehörigkeit zur Stadt, die Nähe des Ödenburger Marktes, die enge Verbindung von Pfarrern und Lehrern zur Ödenburger geistigen Oberschicht bot manchen Vorteil. Bewohner der Stadtdörfer konnten immer wieder auch in das Ödenburger Bürgertum aufsteigen. Eine Besonderheit hat Loipersbach dieser Zugehörigkeit zur Stadt Ödenburg zu verdanken: Der Ort konnte in der Gegenreformation trotz allen Drucks, der ausgeübt wurde, evangelisch bleiben und hat heute den höchsten Anteil an Evangelischen in ganz Österreich. Mit der neuen Grenzziehung von 1921, die Ödenburg und die meisten Stadtdörfer bei Ungarn beließ, und dann vor allem mit der Vertreibung der meisten deutschen Bewohner der Stadt und der Stadtdörfer im Jahre 1946 rissen die alten Beziehungen ab und Loipersbach war für einige Jahrzehnte sehr isoliert. Erst mit der zunehmenden Verbindung mit den österreichischen Nachbardörfern etwa durch wechselseitige Einheirat, mit dem Zuzug neuer Bewohner und vor allem mit der Grenzöffnung begann sich die Situation zu bessern. Die relative Isolation hatte freilich auch Vorteile: Der Dorfcharakter blieb in baulicher wie auch in sozialer Hinsicht erhalten, ebenso wie manche Besonderheiten der Kulturlandschaft, wie etwa die Kleinteiligkeit des Grundbesitzes, die Verbundenheit mit der Landwirtschaft, heute oft in der Form der Freizeitlandwirtschaft betrieben, ein relativ intaktes ökologisches Gefüge.

 

Die Anfänge

Loipersbach hat Anteil an zwei historischen Landschaften. Der Nordteil des Ortsgebietes Richtung Kogelberg (Marzer Kogel) und der östliche Teil liegen auf uraltem Siedlungsgebiet, der südliche Ortsteil entlang des Aubaches war vermutlich bis in das Hochmittelalter nur zum Teil gerodet, also Waldgebiet. Urgeschichtliche Funde sind auf Loipersbacher Ortsgebiet bis jetzt nicht bekannt, häufen sich aber in unmittelbarer Nachbarschaft: Direkt an der Ortsgrenze zu Schattendorf lag an einem kleinen Seitenbach zum Aubach (Tauscherbach) eine jungsteinzeitliche Siedlung, die durch Keramik- und Werkzeugfunde gut belegt ist. Auch in der Bronze- und Eisenzeit war die Mulde südlich des Marzer Kogels im Vorfeld der großen hallstattzeitlichen Siedlungen von Ödenburg genutzt. Hügelgräber wurden im Hadspitzwald und auf den Rohrbacher Leberäckern gefunden. Die Römer bauten die große Stadt Scarabantia, deren römerzeitliche Anlage ja im heutigen Ortsbild von Ödenburg/Sopron ja noch deutlich erkennbar ist. Die Römerstraße in Richtung Wr. Neustädter Pforte verlief auch über Loipersbacher Gemeindegebiet (Riedname Strassen). An dieser Straße lagen große römische Gutshöfe (Wandorf, Schattendorf, an der Ortsgrenze zwischen Loipersbach und Rohrbach (bei der Aglisterbrücke, in den 1960er Jahren von Gerhard Langmann ausgegraben). In Agendorf wurde schließlich der berühmte römische Grabstein mit der Wölfin und Romulus und Remus gefunden.

Vor allem die jüngeren Ausgrabungen in der Umgebung von Ödenburg beweisen eine hohe Besiedlungsdichte auch in der Völkerwanderungszeit und im Frühmittelalter. Zu den romanischen und germanischen Restgruppen kamen unter awarischer Herrschaft auch slawische Zuwanderer. Eine dieser Gruppen dürfte sich im etwas abseits der Hauptsiedellandschaft gelegenen mittleren Teil des Aubaches, im Bereich des heutigen Ortskernes von Loipersbach (Hauptplatz, Waldgasse) nieder gelassen haben. Zwei Flurnamen sprechen für diese Annahme: Loosfeld, auch heute noch inmitten des Waldes gelegen, ist von slawisch Losa (Wald) und Bach und Flur Tschurken von Csurak (Gerinne). Diese altslawische Siedlung muss über die Karolingerzeit und frühe Magyarenzeit weiter bestanden haben, so dass die Flurnamen von den deutschen Neusiedlern übernommen wurden. Es könnte sich bei diesen Siedlern um die auch urkundlich belegten Suslani, die "Leute vom Zeiselbach", handeln. Nach der Eroberung des Awarenreiches durch Karl d. Großen erfolgte die Eingliederung in das karolingische Ostland. In der sehr frühen Urkunde von 808, der "Wolfsbach-Urkunde", übergeben die Geschwister Wirut, Giselmar und Ventilmar ihre Besitzung Wolfsbach (Wulka, Raum um Mattersburg) an das Bistum Regensburg. Als östliche Grenze wird dabei die "Wiesach" genannt, die ich mit einiger Plausibilität mit dem an der Grenze von Rohrbach und Loipersbach  im Bereich des Teiches entspringenden Ödenmühlbach (am Wiesenberg, richtiger wohl Wiesachberg) identifizieren konnte.

Im 12. Jahrhundert muss dann die Anlage des neuen Dorfes Loipersbach als Siedlung deutscher Zuwanderer erfolgt sein. Die Benennung erfolgte nach einem Luitpold (Liutpold, Leopold), ein im bayerischen Raum sehr häufiger Personenname. Dieser Luitbold  folgte wahrscheinlich wie viele deutsche Adelige in der damaligen Zeit dem Ruf der ungarischen Könige in den Osten. Die Anlage des Dorfes nahm wahrscheinlich die bereits bestehenden Hofzeilen im westlichen Bereich des Hauptplatzes und in der Waldgasse auf. Sie wurde zum großen, nahezu rechteckigen Hauptplatz ergänzt und die beiden Hofreihen entlang der Hauptstraße bis zur Feldgasse angefügt. Die dazu gehörenden Felder lagen nördlich des Dorfes, wobei man bis heute sehr schön die drei "Felder" der damals hoch modernen Dreifelderwirtschaft erkennen kann. Auch die durchgehende Bezeichnung dieser zu jedem Hof gehörenden drei Parzellen als Jochen (ein Grundstück, das mit einem Joch, also einem Paar Ochsen pro Tag geackert werden konnte) bzw. Hofäcker stützt diese Vermutung.

 

Erste urkundliche Erwähnung

Im Jahre 1225 wurde von König Andreas II. die große Klostermarienberger Urkunde ausgestellt, in der Agendorf  neben anderen Orten als Besitz der Zisterzienser bestätigt wird. Bei der Beschreibung der Grenzen wird auch "Lupoltsbach im Wald" erwähnt. Die Beschreibung als "im Wald gelegen" ist insofern treffend, als der Ort damals tatsächlich auch im Norden noch vom Wald umgeben war. Alte Karten zeigen dies, ebenso wie die Flurnamen, die typische Rodungsnamen sind (Kreiten von Roden, Gereuth - Neuäcker - Lissen - Brand). In einer späteren deutschen Übersetzung der lateinischen Urkunde heißt es:

 "....Dagendorff genannt. Welhes erstes gemerckh anhebt pey dem weg, der do khumbt von Odenburckh zwischen zwayen Dagendorffen, dernach getz in das pechl und dem aufwerts mitten ins dorff  und darnach durch ainen chrumpen weg unntterm mittag zwen hoff begreiffund khertz sich gegen nydergang der sunnen und durch das tal eiltz zum weg der do khumbt von Luppoltsbach im walt, do zway gemerckh seinen..."

 

Loipersbach im Mittelalter

1238 war Loipersbach ganz oder teilweise im Besitz des Kreuzritterordens der Johanniter. König Bela IV. bestätigte in diesem Jahr dem Orden alle seine Besitzungen, darunter auch das Dorf Lipolt mit vier Hufen Ackerland. Der Orden hatte auch in Ödenburg eine Niederlassung, betrieb ein "Spital" und hatte eine wichtige Aufgabe bei der Verteidigung der Stadt. Dafür wurde er mit reichen Besitzungen, etwa dem Recht, Zölle einheben zu dürfen, ausgestattet.

Die Zisterzienser blieben nicht lange in Agendorf, der Besitz war wohl zu weit von Klostermarienberg entfernt. Trotzdem war ihr Wirken von einiger Bedeutung. Schon im Mittelalter gab es in Agendorf einen großen Obstgarten, und die Zisterzienser haben wohl auch die Anpflanzung von Edelkastanien veranlasst. Der hohe Stellenwert, der später dem Obstbau auch in Loipersbach zukam, könnte also auf diese Zisterziensertradition zurück zu führen sein. 1265 verkaufen die Zisterzienser Agendorf an den Grafen Peter, Burggraf von Ödenburg. Damit wird jene Adelsfamilie für uns wichtig, die man die "Agendorfer" nennt. Sie spielten in Ödenburg, wo sie einen Wohnturm an der Stelle des heutigen Rathauses besaßen, eine wichtige Rolle. Sie waren auch Besitzer eines Teiles von Loipersbach. Unbekannt ist, wann und wie sie diesen Besitzanteil erworben haben und ob die Johanniter ihr Dorf Loipersbach verkauft haben. In der Verkaufsurkunde wird auch ein Gut Gyula genannt, das man früher mit Loipersbach gleich gesetzt hat. Obwohl dies längst widerlegt ist, wird es immer wieder behauptet. Gemeint ist ein Ortsteil von Schattendorf, der im Besitz des Matheus, Sohn des Julius von Schattendorf war.

Um die Mitte des 14. Jahrhunderts  war zumindest ein Teil Loipersbachs im Besitz der Nachkommen des Grafen Peter, des Geschlechtes „von Daagh" (von Agendorf), während andererseits die Johanniter auch in Agendorf Besitzanteile hatten. Im Jahre 1366 wurde der Besitz eines Zweiges der Familie Daagh in vier Teile geteilt. Ein Viertel in der Größe von 5 Lehen und den vierten Teil von drei Hofstätten, des Weingartens, des Bergrechtes, der Wälder usw. bekam Anna von Daagh als ihren Mädchenanteil, den Rest ihre Brüder Lorenz und Peter. Außerdem gaben die beiden Brüder den vierten Teil ihres Besitzanteiles in „Lypospah" an Anna ab. Anna war mit einem Ödenburger Bürger Chertul (wahrscheinlich Gärtner) verheiratet. Schon drei Jahre später verkaufte sie ihren Anteil in Agendorf an die Stadt Ödenburg, die 1373 durch Kauf auch in den Besitz der restlichen Anteile von Agendorf gelangte.
In diesem Jahr bekam wahrscheinlich auch Loipersbach einen neuen Besitzer. Dr. Prickler vom Burgenländischen Landesarchiv äußerte die Vermutung, dass sich Loipersbach im Jahre 1412 im Besitz der Familie Osl oder eines ihrer zahlreichen Seitenzweige befand. Diese Ansicht wird besonders durch den eigenartigen Grenzverlauf des Loipersbacher Gemeindegebietes gestützt. Zum Loipersbacher Hotter gehört nämlich eine Exklave in der Größe von etwa 27 ha am Kogelberg. Dieser Teil der Loipersbacher Gemarkung war ursprünglich ein Teil der Gemeinde Klettendorf, einer Siedlung auf heute Marzer Gemeindegebiet, die schon um die Mitte des 14. Jahrhunderts wüst gefallen, d. h. aufgegeben worden war. 1412 verkaufte ein Zweig der Osl seinen Anteil an den beiden Dörfern Zemendorf und Klettendorf an die niederösterreichische Ritterfamilie der Königsberg. Die übrigen Besitzanteile wurden auf die benachbarten Dörfer März, Rohrbach, Stöttera, Pöttelsdorf, Baumgarten und Draßburg aufgeteilt, die sich zu dieser Zeit alle im Besitz der Familie Osl oder ihrer Verwandtschaft befanden. Da Loipersbach an dieser Aufteilung mitbeteiligt war, muss es ebenfalls einem Osl-Zweig  oder einer mit ihnen verwandten Familie gehört haben.

Im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Besitzgeschichte ergibt sich eine besonders interessante Frage: Gab es in Loipersbach eine Burg? Schon wiederholt ist Historikern der Loipersbacher Flurname "Burgstall", also Burgstelle, aufgefallen, der immer ein sicherer Hinweis auf eine Burg ist. Nur, eine solche Burg wird in den Quellen nicht erwähnt. Das heißt aber natürlich noch lange nicht, dass es sie nicht gab. Freilich darf man sich unter einer solchen "Burg" nicht einen mächtigen Steinbau wie etwa Forchtenstein (das ja größtenteils nicht aus dem Mittelalter stammt) vorstellen. "Burgen" im 13. und 14. Jahrhundert waren zumeist nur einfache Wehrtürme aus Holz, eventuell mit einem Steinfundament, und mit einem Palisadenzaun. Nicht anders haben die vielen kleinen Burgen der damaligen Zeit, die urkundlich belegt sind (etwa Rohrbach, Walbersdorf, Mattersburg), ausgesehen. Es ist durchaus möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass es eine derartige Anlage am Burgstall gab. Dafür sprechen auch noch andere Hinweise. Die anschließende Flur heißt Hofstatt, also die Stelle, an der ein herrschaftlicher Meierhof sich befand. Es scheint ein altes Grabensystem rund um den Burgstall gegeben zu haben. Auch der "Stadtgraben" könnte ursprünglich ein Hofstattgraben gewesen sein. Aber auch "Stadtgraben" wäre möglich, den eine "Stadt" war damals keinesfalls das, was man heute darunter versteht. Es könnte durchaus im Bereich um den Wehrturm eine Ansiedlung von Dienstleuten gegeben haben, die man eben als "Stadt" bezeichnete. Auch in Schattendorf gibt es einen Ortsteil, der bis heute "Vorstadt" heißt. Auch die Parzellenstruktur am Burgstall (Feldgasse) spricht für ein kleines "suburbium". Auf der gegenüberliegenden Seite des Weges lag eine Mühle mit eigens gegrabenen Mühlbach. Die Mühle bestand bis in das 20. Jahrhundert (zuletzt Stampfl-Mühle). Wer aber hätte die "Burg" errichtet? Waren es schon die Johanniter, die Agendorfer oder die Tompek? Die Agendorfer hatten in Agendorf wahrscheinlich ebenfalls eine "Burg", die urkundlich nicht bezeugt ist. Der "Hausberg" spricht jedoch eine eindeutige Sprache. "Haus" bedeutet im damaligen Sprachgebrauch immer "festes Haus", also ein befestigtes, meist turmartiges Gebäude.
 

1300 war die Nachbargemeinde Rohrbach im Besitz eines Grafen Perlup  (wahrscheinlich Berthold) „de Nadosd". Die Burg dieser Perlup in Rohrbach wurde 1289 von Herzog Albrecht von Österreich  im Verlauf der Güssinger Fehde zerstört. Es ist möglich, dass Perlup, der mit den Osl verschwägert war und Pfandrechte in Marz und Höflein hatte, auch in Loipersbach Besitzanteile erwarb. Rohrbach tauschte er allerdings bald gegen Walbersdorf ein. Leider klafft in den vorhandenen Urkunden eine schmerzliche Lücke. Wir wissen nichts über die Nachkommen des Perlup. Vor allem können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob die nächsten Besitzer von Loipersbach direkte Nachkommen Perlups waren. Es wäre möglich, dass Perlup  zum Stammvater eines weit verzweigten Kleinadelsgeschlechtes, das sich später Tompek „de Orosvar" (von Karlburg, heute in der Tschechoslowakei gelegen) nannte. In dessen Besitz  befand sich Loipersbach zusammen mit Walbersdorf während des 15. Jahrhunderts.
 

Aus dieser Zeit sind uns aus einem Verzeichnis von nach Ödenburg „geflüchteten" Weinen, die man beim Herannahen eines Feindes in die Keller der Stadt in Sicherheit brachte, die Namen von Bauern aus „Leopolczpah" bekannt: Gengel Grumatschober, Kristan Krewß, Paul und Nikl Pek, Andre Reus, Mert Reich, Sewnreich, Peter Hekel, Franz Weis, Peter Stainer, Jung Stainpeter, Jörg Pek, Steffan Veldner, Pangrecz, Erhart Halbax, Laurencz Pcenher, Peter Pinter.
 

Johannes von Karlburg, alias Hensyel, hatte zwei Söhne, Joannes Tombek de Orosvar und Georgius Tombek de Orosvar. Im Jahre 1451 führte Ambrosius Jolath, Gatte der Magdalena, der Tochter des Joannes Tambek de Orosvar, im Namen seiner Frau gegen Johannes den Jüngeren, Sohn des Georgius Tambek de Orosvar, einen Prozess, da sich dieser angeblich die Besitzanteile der Magdalena in Orosvar, Baruthe, Lojpesbach und in Burbala (Walbersdorf) angeeignet hatte. Anscheinend hatte er aber damit wenig Erfolg, denn im Jahre 1484 erneuerte Josa de Wason, der Gemahl seiner Tochter Ursula, im Namen eben dieser den Prozess. Vorläufig blieb Joannes Tombek de Orosvar Besitzer von Loipersbach. Dies geht aus einem Brief hervor, den er 1465 an seine „lieben nachparen, den erssamen und weissen richter und purgermaister und ratt der statt zu Edenburckh" schrieb. Hierin beklagt er sich, „das dy pawren von Agendorff Sand Michels dinst und czynns nicht haben wellen ausrichten meinen Richter zw Lepelspach". Wie aus dem weiteren Wortlaut des Briefes hervorgeht, war Agendorf zu dieser Zeit an ihn, „Haans Thannpeckh zu Kadelburchk", verpfändet.
 

Später dürfte der von Joannes Tombek de Orosvar abstammende Zweig der Familie aber doch Erfolg gehabt haben oder aber er kam durch Erbschaft in den Besitz Loipersbachs, da Hanns Thannpeckh zw Kadelburckh keine direkten Erben hatte. Jedenfalls befand sich ein Teil  Loipersbachs später im Besitz des Sohnes der Ursula und des Josa de Wason, Stephanus Josa, der sich de Savol nennt. Er und sein Sohn Wolfgang waren Mitbesitzer  Loipersbachs zu Beginn der Neuzeit, als in jenen Jahrzehnten, in denen die Reformation auch in Ödenburg und in seiner Umgebung Fuß fasste. Die vielen Prozesse, die um Loipersbach geführt wurden, sind in einem umfangreichen Urkundenmaterial im Ödenburger Stadtarchiv dokumentiert. Ihr Verlauf und die komplizierten  familiären Verwicklungen wurden von August Ernst erforscht und in den burgenländischen Heimatblättern dargestellt. Auch im Loipersbach-Teil der Landestopographie, Bezirk Mattersburg, können sie nachgelesen werden. Hier ist jedenfalls nicht der Ort, um sie ausführlich darzustellen.
 

Loipersbach im 16. Jahrhundert. Die Anfänge des Protestantismus.

Die Gemeinde Loipersbach lag zu Beginn des 16. Jahrhunderts. als Besitzung eines westungarischen Kleinadelsgeschlechtes zwischen der Herrschaft Forchtenstein im Westen und der Ödenburger Stadtherrschaft im Osten. Die Herrschaft Forchtenstein war durch Verpfändung in den Besitz der Habsburger gekommen und auch Ödenburg gelangte während lang andauernder Thronstreitigkeiten unter Friedrich III. vorübergehend an Österreich. In dieser Zeit litt das ganze Gebiet unter wilden Grenzfehden und ständigen Einfällen von Raubscharen.
Die Stadt Ödenburg, an der wichtigen Straße durch die Wr. Neustädter Pforte gelegen, hatte Jahrhunderte hindurch einen bedeutenden Platz im ungarischen Festungsgürtel gegen Österreich inne und konnte durch Schenkungen oder Kauf ihren Herrschaftsbereich auf die angrenzenden Dörfer ausdehnen. So erwarb die Stadt neben Wandorf und Kolnhof 1325 Wolfs, 1385 Mörbisch, 1390 Agendorf, 1419 Klingenbach, 1426 Harkau. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts. verfügte die königliche Freistadt bereits über den beachtlichen Herrschaftskomplex von 7 Dörfern, zu denen im Jahre 1547 auch noch Loipersbach hinzukam. Das Schicksal dieser 8 Gemeinden war besonders in der Gegenreformation mit dem der Stadt eng verknüpft.

Loipersbach war im 15. Jahrhundert  mit Sicherheit eine selbstständige Kirchengemeinde. Leider wissen wir nicht, wann die St.Peter-Paulskirche (im heutigen Friedhof) gegründet wurde. Das Patrozinium spricht jedenfalls für eine frühe Errichtung. Die alte Kirche auf dem Kirchbühel (davon der Flurname Kirpel) inmitten des Friedhofes war, wie wir aus einer späteren Beschreibung wissen, von einer Mauer umgeben, also eine Wehrkirche. Sie war klein, mit einem hölzernen Choranbau.  Im Jahre 1466 wurde angeblich im Dorfe, am Hauptplatz und nahe am Bach eine dem hl. Martin geweihte Kirche erbaut, und zwar deshalb, weil der Weg zur bereits bestehenden Peter- und Paulskirche auf dem Hügel (Flurname „Peterer") im Bereich des heutigen Friedhofes im Winter zu beschwerlich war. Diesem Kirchenbau werden wohl auch 1000 Stück Pflasterziege!, die die Stadt Ödenburg im Jahre 1498 an Loipersbach verkaufte, gedient haben. Aber auch die alte Kirche wurde, wie aus einem Testament aus dem Jahre 1493 hervorgeht, weiterhin benutzt. Im Jahre 1525 wurde im Testament eines Ödenburger Geistlichen auch eines „Herrn Lasla, pharrer zu Leopersbach" gedacht. Dieser Herr Lasla könnte, wie viele andere Geistliche im westungarischen  Raum, vier Jahre später während des großen Türkenzuges gegen Wien ums Leben gekommen sein. Im Jahre 1529 verwüsteten die Türken das Kloster in Wandorf, sämtliche Ortschaften Ödenburgs und wahrscheinlich auch Loipersbach. Auch während der Belagerung Wiens durchstreiften türkische Abteilungen das Gebiet um Ödenburg und richteten große Schäden an. In einer Bittschrift des Ödenburger Magistrats an König Ferdinand, in der sie um Vergütung des erlittenen Schadens ersuchten, führten diese an, dass „die blutdürstigen und grausamen Türken alle unsere, der Stadt und unserer Untertanen Güter und Besitzungen verwüstet, geplündert und eingeäschert und zugleich einen großen Teil der Menschheit fortgeschleppt und getötet hätten, „und zwar so sehr, dass kaum der vierte Teil der Bewohner übrig blieb." Loipersbach war im Jahre 1532, als die türkischen Streifscharen erneut bis vor Ödenburg kamen, angeblich gänzlich unbewohnt, die wenigen Überlebenden waren geflohen. Ein großer Teil der noch 1498/99 erwähnten Familiennamen kommt in späterer Zeit nicht mehr vor.
 

In diese Jahre der Not fallen die Anfänge des evangelischen Glaubens in Ödenburg. Als eine Folge der Missstände in der katholischen Kirche predigte schon im Jahre 1521 ein Franziskanermönch in Ödenburg im lutherischen Sinne und 1524 berichtete der Stadtpfarrer von Ödenburg, dass die Bürger „lutherische Bücher massenweise kauften und sie dann in den Schenken besprachen". Trotz rigoroser Maßnahmen wie Bücherverbrennungen und Einkerkerung der Prediger änderte sich daran auch in den folgenden Jahren nichts. Auch in den benachbarten Herrschaften Forchtenstein und Eisenstadt fasste die neue Lehre, begünstigt durch die Pfandinhaber, rasch Fuß.

Loipersbach war in den Jahren nach 1532 also vermutlich verwüstet, was mit ein Grund dafür gewesen sein dürfte, dass die Besitzung schließlich verkauft wurde. Im Jahre 1546 verkauften Wolfgang Josa de Savol, seine Schwestern Barbara und Margaretha sowie seine Tochter Ursula ihre Besitzanteile an Loipersbach für 880 rheinische Gulden an Jakob Dürr. Dieser, ein alter, erprobter Soldat, war Pfandinhaber der Herrschaft Forchtenstein, die aber zu dieser Zeit wenig gewinnbringend war. Außerdem war Dürr, wie er in einem Brief an den Kaiser schrieb, kränklich, so dass er die Pfandherrschaft schließlich an die Familie Weißpriach weiter verkaufte. Gegen den Verkauf Loipersbachs an Dürr protestierte aber sofort die Stadt Ödenburg, die geltend machte, dass Dürr als Österreicher ja „Ausländer" war. Außerdem hatte Ödenburg als Nachbar das Vorkaufsrecht, so dass Dürr schließlich nachgeben musste. Ödenburg hinterlegte die Kaufsumme in der Propstei von Csorna, von wo sie Dürr überbracht wurde. Noch 1547 bestätigte Kaiser Ferdinand der Stadt den Besitz des Dorfes Loipersbach.
 

Damit waren aber die Streitigkeiten um den Besitz Loipersbachs noch keineswegs abgeschlossen, sondern es wurden von den Verwandten Wolfgang de Savols, die ebenfalls das Vorkaufsrecht für sich in Anspruch nahmen, und von seinen zahlreichen Nachkommen einige  weitere Prozesse angestrengt, die sich über 100 Jahre hin zogen.
Zur gleichen Zeit war Loipersbach Opfer einer Streitigkeit zwischen Ödenburg und Forchtenstein, wobei es um die Blutgerichtsbarkeit in Loipersbach ging. Loipersbach gehörte nämlich vor 1575 der Vogtei und dem Landgericht Forchtenstein an und hatte jährlich 20 Metzen Vogthafer nach Forchtenstein zu entrichten. Ab 1575 lieferte das Dorf diesen, vermutlich von der Stadt dazu gezwungen, nach Ödenburg ab. Daraufhin erlaubte sich Hauptmann Kollonitsch von Forchtenstein mehrere Gewalttätigkeiten gegen Ödenburger Bürger und gegen die Richter von Loipersbach. 1576 setzte Kaiser Maximilian II. eine Kommission ein, die die Angelegenheit hätte schlichten sollen, aber nichts ausrichten konnte. Die Forchtensteiner belästigten den Loipersbacher Richter auch weiterhin. Erst 1585 wurde ihnen von König Rudolf II. jeglicher Übergriff verboten.
 

Über die wirtschaftliche Lage Loipersbachs im 16. Jahrhundert  ist nur wenig bekannt. Dem Weinbau am Kogelberg kam wahrscheinlich schon früh große Bedeutung zu. Die Dörfer der Stadt Ödenburg waren zwar in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht besser gestellt als etwa die der Herrschaft Forchtenstein, aber gerade in der Zeit, als Loipersbach an Ödenburg kam, versuchte die Stadt, einen Teil der hohen Lasten, die ihr aus den Türkenkriegen erwachsen waren, den Stadtdörfern aufzubürden. Nach einem Urbarium aus dem Jahre 1558 war der Besitz an Feld nur klein (6—12 Joch), obwohl weite Flächen öde lagen. Einer umfangreicheren Bewirtschaftung standen aber die hohen Abgaben und der Arbeitskräftemangel entgegen. Die wirtschaftliche Situation wurde noch dazu dadurch verschlimmert, dass im Jahre 1570 das ganze Dorf abbrannte. Die Bewohner wurden hierauf von Maximilian II. auf 6 Jahre von jeglichen Zahlungen an die königliche Kammer befreit, doch musste sich die Gemeinde verpflichten, innerhalb dieser Zeit die Häuser mit aller Sorgfalt wieder aufzubauen. Die Stadt Ödenburg als Grundherr erhöhte aber die Abgaben und die Robotleistungen so sehr, dass es in Mörbisch sogar zu einer Revolte gegen die städtische Herrschaft kam.
 

Im Jahre 1600 suchte eine Pestepidemie weite Teile des Komitates heim, die auch in Loipersbach gewaltige Opfer forderte: von den damals bestehenden 46 Häusern waren nur mehr 22 bewohnt. 21 Häuser waren durch die Pest verödet, 3 waren erneut abgebrannt. Erst ab dem Jahre 1610 zeichnete sich wieder eine Besserung der wirtschaftlichen Lage ab.
 

In Ödenburg hatte sich inzwischen die evangelische Lehre unter Pfarrer Simon Gerengel endgültig durchgesetzt. Zur gleichen Zeit stand der Protestantismus auch in den Herrschaften Forchtenstein und Eisenstadt in voller Blüte. Der Magistrat der Stadt Ödenburg setzte auch für die beiden Gemeinden Agendorf und Wandorf einen lutherischen Prediger ein. Dieser Kirchengemeinde wurde schließlich auch Loipersbach, obwohl es früher eine selbstständige Pfarre war, angeschlossen. Der erste Prediger dieser drei Gemeinden ist für das Jahr 1551 bezeugt. Er hieß Martin Floder und blieb nur kurze Zeit. Sein Nachfolger war Georg Schiller, dem jedoch die Bezahlung zu niedrig war. Auf ihn folgte 1574 der Steirer Erasmus Fellner, der bereits zwei Jahre später vom katholischen Geistlichen Andreas Scherer abgelöst wurde. Ab 1573 setzte mit dem neuen Bischof von Raab, Georg Draskovich, auch im Ödenburger Gebiet die Gegenreformation voll ein. Der Bischof berief eine Synode ein, doch verweigerten die evangelischen Geistlichen Ödenburgs die Teilnahme. Daraufhin erschien Draskovich persönlich in Ödenburg und forderte vom Magistrat die Entfernung der evangelischen Prediger. Der Magistrat lehnte ab, und der Bischof verließ drohend die Stadt. 1584 wurde der Magistrat zweimal nach Wien beordert, dort vorübergehend sogar eingekerkert und musste schließlich nachgeben. Die Prediger, darunter auch Fellner, wurden vertrieben und fanden in den Batthyany'schen und Nadasdy'schen Herrschaften besonders in Deutschkreutz, Unterschlupf. Trotz eines 1585 ergangenen strengen Verbotes, wiederholter Drohungen, Geldstrafen und körperlicher Züchtigungen besuchten die Bürger und die Bewohner der Dörfer in der Folgezeit die Gottesdienste in Deutschkreutz und Neckenmarkt. Weder in der Stadt selbst noch in den Dörfern hatte die Gegenreformation Erfolg, so dass sich der Ödenburger Stadtpfarrer beschwerte, dass „das Volk lieber selbst seine Toten bestatte ohne alle Leichenzeremonien, als dass es sich dabei dem Befehl gemäß des katholischen Pfarrers bedient hätte", und der Rektor der einst berühmten ödenburger Lateinschule hatte nun keine Schüler mehr.
 

Im Jahre 1597 führte der Ödenburger Erzpriester Georg Dubovsky in seinem Archidiakonat eine Visitation aller Pfarren durch. Das Visitationsprotokoll zeigt uns, daß Loipersbach zu dieser Zeit noch immer eine Filialkirche Agendorfs war. Der Pfarrer hieß Georg Loninger. Dabei wurde aber noch ausdrücklich vermerkt, dass die Gemeinde „derzeit" keinen eigenen Pfarrer habe, was darauf hindeutet, dass das Wissen um die vorreformatorische Selbständigkeit der Gemeinde noch nicht verloren gegangen war. Die Kirche war durch einen „wasser gueß zerissen und abgeödet", also durch eine Überschwemmung zerstört und nicht in Gebrauch. Der Pfarrer besaß einen Weingarten, 6 Joch groß, der aber öde war, ferner 6 Joch Acker und 4 Tagwerk Wiesen, eine weitere Wiese und einen Obstgarten.
 

Die Jahre um 1600 stellten also mit der Pestepidemie, Überschwemmungen und der Gegenreformation einen Tiefpunkt in der Entwicklung Loipersbachs dar. Im Jahre 1605 brachte die Belagerung Ödenburgs durch die Truppen Bocskais noch zusätzliche Verwüstungen mit sich. Die Dörfer wurden zerstört, ihre Bevölkerung nahm an der Verteidigung der Stadt teil.
 

Loipersbach im 17. Jahrhundert. Die Blütezeit des Protestantismus.

Im Jahre 1606 wurde der Wiener Friede geschlossen, der den Adeligen und den Städten Ungarns die freie Religionsausübung zusicherte. Damit konnte Ödenburg und die Stadtdörfer zum Protestantismus zurückkehren, während sich die Gegenreformation in den Herrschaften Forchtenstein und Eisenstadt unter den Esterhazy endgültig durchsetzte. Für Jahrzehnte waren nun die Stadtgemeinden, besonders aber das nach Westen weit vorgeschobene Loipersbach, Zentren des Protestantismus.
 

1608 wurde in der Kirchengemeinde Agendorf - Loipersbach Christoph Schwaiger als Predikant eingesetzt. Unter ihm wurde 1611 - 1613 die Martinskirche renoviert und vergrößert. Aus dieser Zeit kennen wir auch bereits die Namen der Lehrer. Es folgten 1625 Andreas Leonwald, 1630 Christoph Zimmermann und der aus Mährisch Iglau stammende, schon alte Martin Liebezeit als Pfarrer. Aushilfspfarrer war Christoph Gensel, der 1628 in Ödenburg in einer Predigt den Papst einen „römischen Gott", den man „seine wellisch Suppe fressen lassen" solle, genannte hatte, deswegen nach Mörbisch strafversetzt wurde und dann vorübergehend in seine sächsische Heimat zurückkehrte. Später bat er aber erneut um eine Anstellung in Ödenburg. Sein Nachfolger war der Kärntner Karl Paumgartner, ein Glaubensflüchtling, der bis 1661, zuletzt zusammen mit Heinrich Trost, in Agendorf-Loipersbach wirkte.
Heinrich Trost wurde 1624 in Jena geboren, war Hauslehrer, unternahm weite Reisen und wurde schließlich Pfarrer in Lockenhaus, dann in Agendorf-Loipersbach. 1664 kam er nach Ödenburg. Noch während der Amtszeit Trosts hielten sich in Loipersbach, das immer stärker von den bedrängten Protestanten der benachbarten Herrschaften aufgesucht wurde, mehrere evangelische Prediger auf. Ihre Tätigkeit leitete schließlich die Abtrennung Loipersbachs von Agendorf und die Erhebung zu einer selbständigen Kirchengemeinde ein. Im Jahre 1661 wurde der Pfarrer von Walbersdorf - Pöttelsdorf, Michael Marquart, der bis dahin eine blühende evangelische Gemeinde betreute, zusammen mit dem Lehrer Johann Sinabel vertrieben. Beide fanden wahrscheinlich in Loipersbach Zuflucht. Sinabel wird in den folgenden Jahren noch mehrmals erwähnt.
 

1661/62 hielt sich in Loipersbach ein Prediger namens Georg Müller auf. Er legte im Februar 1661 ein „Tauff  Buch" an, in das später Taufen, Eheschließungen und gelegentlich auch Sterbefälle eingetragen wurden. Dieses Buch, das sich im Besitz der röm.-kath. Pfarre in Agendorf befindet, ist eine der Hauptquellen für die folgenden Ausführungen.
Das Taufbuch wurde fortgeführt von Melchior Gärtner, der ab 1662 im zunehmenden Maße auch Kinder aus Walbersdorf und Pöttelsdorf taufte. Die Taufpaten kamen zum Beispiel aus Zemendorf, Mattersburg oder Marz, also aus zu dieser Zeit angeblich schon längst „rekatholisierten" Gemeinden. Auch Glaubensflüchtlinge weilten zu dieser Zeit in Loipersbach, etwa Ursula Degendorffer aus Schattendorf, „umb Verfolgung willen alhir". Ab 1662 war Matthias Rosner, ein Ödenburger Bürgersohn, der in Wittenberg studiert hatte und dort zum Pfarrer von Loipersbach ordiniert worden war, „Pastor Loipersbachiensis". Während seiner kurzen Amtszeit bis 1664 vollzog er 63 Taufen. Sein Nachfolger war Hieronymus Christoph Foman aus Gotha in Thüringen, „gewester zu Kobels- und Weppersdorf, nun aber vertriebener und verfolgter Diener Christi". Er blieb bis 1673 in Loipersbach. Der Pfarrhof wurde noch im Jahre 1674 von den katholischen Visitatoren als "schön" beschrieben.  Lehrer war Sinabel, dessen „Raitt-Buch" (Rechenbuch) uns einen guten Einblick in das damals in Loipersbach bereits hoch entwickelte Schulwesen gibt.
 

Das Jahrzehnt von 1663 —1673 kann man als Blütezeit der Gemeinde Loipersbach bezeichnen, in der es der Bevölkerung auch in wirtschaftlicher Hinsicht gut ging, in der die Beziehungen zum Grundherrn, also zur Stadt Ödenburg, hervorragend waren, und in der auch das kirchliche und schulische Leben einen Höhepunkt erreichten.
Noch im Jahre 1610 waren, wie die erhaltenen Schuldscheine beweisen, zahlreiche Familien stark verschuldet. Nun aber, nach dem Ende des 30-jährigen Krieges, nahmen die Ödenburger ihren Wein- und Viehandel über Mähren und Schlesien bis weit in das deutsche Reich hinein wieder auf und die Loipersbacher Bauern hatten für ihre Produkte in der Stadt günstige Absatzmöglichkeiten. Die Bevölkerung nahm in dieser Zeit stark zu, wahrscheinlich auch infolge des Zuzuges niederösterreichischer Protestanten. Das Auftreten bisher unbekannter Familiennamen in Agendorf und Loipersbach (z. B. Kirchknopf, Ferstl) bestätigt diese Vermutung. Auch aus den Nachbargemeinden zogen Menschen nach Loipersbach. Viele dieser Zuwanderer waren Handwerker, die bald zusätzlich Grund und Boden, besonders Weingärten, erwarben. Es gab in Loipersbach zu dieser Zeit ein umfangreiches und sehr differenziertes Gewerbe. So werden mehrere Schneider, Schuster, Fleischhauer, Müller, Wagner, ein Hufschmied, ein Schlosser und etliche Bindermeister erwähnt, die alle als Mitglieder der Zünfte in enger Verbindung zu den Ödenburger Bürgern standen. Besonders die Überlandweingärten, die nicht zum Hof gehörten, waren frei verkaufbar und vererbbar und damit besonders wertvoll. Wie die zahlreichen erhaltenen Testamente beweisen, waren die Loipersbacher in dieser Zeit auf der Grundlage von Handwerk und Weinbau reich an materiellen Gütern, aber auch gebildet und selbstbewusst. Viele Bauern führten ihr eigenes Siegel, das meist Pflugschar, Rebmesser, Weintrauben, Ähren oder ähnliches, kombiniert mit den beiden Anfangsbuchstaben des Namens, zeigte. Es gab in dieser Zeit nur wenige Kleinhäusler oder Taglöhner.
 

Erst gegen Ende des Jahrhunderts, mit dem erneuten Einsetzen der Gegenreformation, der Verpfändung Loipersbachs an die Jesuiten und den Verwüstungen durch die Türken änderte sich die Lage wieder grundsätzlich.
 

Gegenreformation und Türken. Loipersbach im 18. Jahrhundert

Im Jahre 1670 nahm man die Magnatenverschwörung zum Vorwand, um alle evangelischen Pfarrer und Lehrer Ungarns insgesamt für Hochverräter zu erklären. Sie mussten sich ihrer Ämter unwürdig erklären, wurden vertrieben, eingekerkert und sogar als Galeerensträflinge verschleppt. Die Stadt Ödenburg weigerte sich anfangs, die evangelischen Pfarrer zu entlassen, musste schließlich aber doch nachgeben und hohe Strafen zahlen. Da die Stadt das hohe Strafgeld von 2000 Gulden nicht aufbringen konnte oder wollte, musste sie die beiden Dörfer Klingenbach und Loipersbach an die Hofkammer verpfänden.Der Bischof von Raab, Georg Szechenyi, einer der eifrigsten Gegenreformatoren, hinterlegte die Pfandsumme bei der Hofkammer und kam so in den Besitz der beiden Dörfer. Szechenyi wollte offenbar an Loipersbach, das ja noch immer ein Zentrum für die Evangelischen der Umgebung war, ein Exempel statuieren. Pfarrer  Fomann wurde  nach Pressburg vor Gericht zitiert, konnte aber wegen einer schweren Krankheit diesem Befehl nicht Folge leisten.  Der Richter und die Geschworenen von Loipersbach  mussten nach  Kroisbach kommen, wo man sie bis 1673 einkerkerte. Im Frühjahr 1673 wurde Fomann vertrieben und kehrte vermutlich in seine Heimat zurück. Der Gemeindevertretung machte man das Angebot, sie aus der Haft zu entlassen, wenn sie den ihr in Kroisbach vorgestellten Franziskanermönch Stephan Rozenits, einen Wulkaprodersdorfer Kroaten,  als ihren Pfarrer akzeptiert hätte. Richter und Geschworene lehnten dies aber entschieden ab, und so musste Rozenits  am nächsten Tag allein nach Loipersbach abreisen. In Loipersbach ließ er dann auf Befehl des Bischofs die Kirche mit Gewalt aufbrechen. Am 17. Dezember 1673 übernahm er das erwähnte Taufbuch „zur Ehre Gottes, der hl. Jungfrau Maria und aller Heiligen." Daraufhin besuchten Walbersdorfer, Pötteldorfer und Loipersbacher die Gottesdienste in Agendorf. Am 7. Jänner wurde aber auch Pfarrer Rosner aus Agendorf vertrieben und begann seine abenteuerliche Flucht. Er wurde später Hofprediger des Herzogs Friedrich von Sachsen. Die Teilnahme an evangelischen Gottesdiensten in Ödenburg wurde in der Folgezeit streng bestraft, so dass die Loipersbacher ihre kirchlichen Handlungen von Rozenits vornehmen lassen mussten.
 

1674 wurde eine Kirchenvisitation durchgeführt. Im Protokoll heißt es: „Hie parochiani praeter unum sunt omnes haeretici et omnes germani .. ." (Die Pfarrkinder sind, mit einer einzigen Ausnahme, aller Irrgläubige, also evangelisch, und Deutsche..) Die Kirche, von „den Irrgläubigen zurück gewonnen", war länglich und schmal, mit Schindeln gedeckt und hatte einen Holzturm mit einer nicht geweihten (also von den Evangelischen angeschafften) Glocke. Die St. Martinskirche im Dorf, die von den Evangelischen ausgebaut worden war, nun aber wieder katholisch war, fanden die Visitatoren etwas eng, aber lang. Das Sanktuarium war gewölbt, das Kirchenschiff hatte eine flache Decke. Es gab eine Sakristei, die ebenfalls gewölbt war, eine Steinkanzel und einen Altar.   Der Pfarrer besaß einen Weingarten mit 20 Tagwerk, 6 Joch Ackerland, eine Wiese mit 6 Tagwerk, 3 Gärten, die alle die Gemeinde bearbeiten musste, bewohnte ein bequemes Pfarrhaus mit Keller, Scheune und Stall, das ebenfalls die Gemeinde erbauen und in Stand halten musste. Schulmeister war Michael Major, offensichtlich der einzige erwähnte Katholik, ein Kroate, der zwar deutsch sprechen konnte, zu dem aber keine Kinder in den Unterricht kamen. 1680 ist bereits Agendorf katholische Muttergemeinde, Loipersbach ist Filiale Rozenits ist Pfarrer, anscheinend bis 1684, denn in diesem Jahr scheint er als Pfarrer von Kolnhof auf. Er stirbt 1702 und hinterlässt den Paulinern in Wandorf einen beachtlichen Besitz.
 

Im Jahre 1677 übergab der Bischof von Raab Loipersbach an die Günser Jesuiten, also an jenen Orden, der sich besonders um die Bekämpfung des Protestantismus verdient gemacht hatte. Doch kam es anscheinend zu keiner Jesuitenmission, denn nur wenige Jahre später wurde Loipersbach von den Türken zerstört.  Erst 1697, nach zwanzigjähriger Jesuitenherrschaft, nahm die Stadt Ödenburg den Kampf um ihre verpfändeten Dörfer wieder auf. Es kam zunächst zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Stadt und Jesuiten um die Einsetzung des Richters. 1698 befand sich die Gemeinde dann wieder im Besitz Ödenburgs, nachdem die Stadt die Pfandsumme aufgebracht hatte.

Die Bevölkerung Loipersbachs im Jahre 1672:

Halbe Ansässigkeit:

  • Andreas Holzinger, Richter
  • Michael Amringh
  • Andreas Csircz
  • Matthias Milner
  • Thomas Scholler
  • Relicta Philippi Poder
  • Adamus Pimped
  • Matthias Ambringh
  • Matthias Scheustuel
  • Philippus Unger
  • Georgius Roth
  • Stephanus Romer
  • Georgius Kientleitner
  • Jacobus Siller
  • Georgius Ameringh
     

Viertelansässigkeiten:

  • Josephus Puchner
  • Joannes Kurst
  • Joannes Lagler
  • Joannes Roidlstorffer
  • Wolfgangus Scholinczer
     

Achtelansässigkeiten:

  • Thomas Perl
  • Georgius Rostok
  • Joannes Offner
  • Stephanus Ameringh
  • Martinus Winkler
  • Stephanus Strommer
  • Michael Sneperger
  • Michael Allinger
  • Simon Bilffingh
    Matthias Floiger
  • Georgius Roth
  • Michael Fisser
  • Michael Redl
  • Laurentius Pinter
  • Martinus Bertold
  • Thomas Fisser
  • Thomas Ponczer
  • Michael Grueber
  • Martinus Kroier Martinus Czvaier
  • Johannes Cziegler
  • Blasius Knoczer
  • Stephanus Grazl
  • Michael Naihanzer
  • Martinus Unger
  • Joannes Gstettner
  • Martinus Czotl
  • Joannes Rauner
  • Joannes Jeniel
  • Caspar Maar
  • Erhardus Staner
  • Michael Kolpondner
  • Andreas Ponczer
  • Relicta Blasii Sneperger
  • Thomas Sventenbein
  • Matthias Unger
  • Georgius Altmar
  • Joannes Frank
     

Im Juli 1683 musste sich die Stadt Ödenburg der großen türkischen Übermacht ergeben. Die türkische Besatzung in Ödenburg versuchte zwar die Stadtdörfer zu schützen, konnte aber gegen die wilden Horden des Tartarenchans Murad Giraj nichts ausrichten. Diese erschlugen einfach die Schutzwachen und überfielen am 23. Juli Agendorf, am 24. Juli Klingenbach und Loipersbach. Die Ortschaften wurden niedergebrannt, die Martinskirche in Loipersbach zerstört, zahlreiche Menschen erschlagen oder verschleppt. In den folgenden Monaten erschienen wiederholt türkische Truppen, die alles an Vieh und Lebensmitteln für das türkische Lager vor Wien beschlagnahmten. Am 1. September wurden Agendorf und Loipersbach erneut geplündert. In der folgenden Zeit war die Not überaus groß, der Winter 1683/84 war noch dazu sehr streng, im Sommer kam es zu Überschwemmungen und die Pest brach aus. Im Winter 1684/85 mussten die Bauern schließlich auch noch kaiserliche Truppen einquartieren und verpflegen. Aus einem Vergleich der Konskription von 1672 und einer anderen aus dem Jahre 1697 kann man auf die Menschenverluste schließen: 1672 wurden 59 Familienoberhäupter gezählt, 1697 waren es nur mehr 35. Die Einwohnerzahl sank von ca. 400 — 500 auf 300 — 150 Menschen. Die Familien waren 1697 nur klein, meist 3 — 4 Personen, keine einzige zählte über 5 Personen. Von den 1672 erwähnten 49 verschiedenen Familiennamen scheinen 1697 nur mehr 11 auf! Offensichtlich waren die Loipersbacher nicht geflohen und hatten sich zu sehr auf die Schonung durch ihre ungarischen Glaubensbrüder, die sich in großer Zahl im türkischen Heer befanden, verlassen. Allerdings fand sofort nach Rückgabe der Gemeinde an Ödenburg eine Aufsiedlung statt. Viele Familien zogen aus Agendorf zu, das anscheinend weit geringere Schäden erlitten hatte. Man hat den Eindruck, dass die übrigen Stadtdörfer weit weniger schwer getroffen wurden, der Jesuitenbesitz Loipersbach aber übel verwüstet wurde. Vermutlich hatten die Loipersbacher auch nicht das Recht, wie zur Zeit der Bocskayrebellion, in Ödenburg Zuflucht zu suchen.
 

1685 gab es wieder eine Visitation, die aber nur wenig Fakten fest hielt: Pfarrer von Agendorf-Loipersbach war ein Kroate namens Michael Divjaczicz. 1696 war Loipersbach noch immer eine Filialgemeinde von Agendorf, der Pfarrer war ein Michael Bilt (Wild)  aus Wulkaprodersdorf. Die Martinskirche im Dorf war noch immer zerstört, nur das Dach hatte man wieder in Stand gesetzt. Noch 1713 musste die Gemeinde verpflichtet werden die Kirche zu renovieren. Die evangelische Bevölkerung hatte offensichtlich kein Interesse daran. Der Pfarrhof war an zwei Inwohner vermietet. Von der Gemeinde bekam der katholische Pfarrer 64 Gulden in bar, 30 Metzen Frucht und Brennholz nach Bedarf. Er besaß einen Weingarten, eine Wiese, 2 Gärten und 6 Joch Acker. 1704 wurde Andreas Dorner aus Mattersburg katholischer Pfarrer von Agendorf-Loipersbach und nunmehr auch Wandorf. Das Visitationsprotokoll von 1713 ist sehr aufschlussreich. Die Kirche war noch immer nicht benutzbar. Die Gemeinde wurde verpflichtet, sie wieder aufzubauen. Die Peter-Paulskirche im Friedhof konnte offenbar noch verwendet werden, war aber ärmlich ausgestattet. Es gab weder eine Sakristei noch eine Glocke. Die Kirche besaß 16 Pfund Weingärten, eine Wiese und zwei Gärten sowie 107 Gulden und neun Eimer Wein aus der Vorjahresernte. Der Pfarrer hatte drei Weingärten, elf Joch Acker und drei Wiesen. 1728 bekam die katholische Pfarrgemeinde Agendorf-Loipersbach einen neuen Pfarrer, den ebenfalls aus Mattersburg gebürtigen Lorenz Michael Beschitz. (Weschitz).  Unter ihm wurden die Agendorfer und die Loipersbacher Kirche restauriert.

Die noch vor wenigen Jahren blühende Wirtschaft lag gänzlich danieder und es dauerte Jahrzehnte, bis sich die Gemeinde einigermaßen erholte. Auch nach der Rückgabe Loipersbachs an Ödenburg änderte sich daran wenig, da gerade im Jahre 1696 in der Herrschaft Ödenburg bedeutende Veränderungen vor sich gingen, die die Dorfgemeinden in eine starke Abhängigkeit herab drückten. Bis zum Jahre 1696 waren die Leistungen der Bauern an die Stadt eher gering, vor allem wenn man sie mit jenen der benachbarten Herrschaft Forchtenstein vergleicht. Sie umfassten Abgaben zu Georgi und Michaeli, persönliche Leistungen an das Stadtoberhaupt und die Ratsherren und das Bergrecht, d.h. Abgaben für die Weingärten sowie von Zeit zu Zeit Robotleistungen. Nunmehr aber mussten die städtischen Ortschaften die Bearbeitung sämtlicher Weingärten, Äcker und Wiesen Ödenburgs unentgeltlich übernehmen (1360 Pfund, das sind 39 ha Weinqärten, 266 Joch Acker und ca. 200 Tagwerk Wiesen). Davon entfielen auf Loipersbach, das noch relativ günstig dran war, 188 Pfund Weingarten. 20 Familien mussten Zugrobot, 23 Familien Handrobot leisten. Auch so genannte lange Fuhren, meist nach Wiener Neustadt, mussten die Loipersbacher durchführen. Die Abgaben betrugen im Jahre 1702 für ein halbes Lehen 4, für ein Viertellehen 2 und für eine Hofstatt 1 Gulden pro Jahr, für die nicht zur Ansässigkeit gehörenden Überlandgründe musste zusätzlich, je nach der Qualität des Bodens, bezahlt werden. Bis zum Jahre 1707 wurden die Abgaben stark erhöht und Loipersbach hatte nunmehr für 74 Viertellehen 370 Gulden, für die „Übergeher", eine Art Land- und Flurpolizei, 50 Gulden und weitere kleinere Zahlungen, insgesamt 462 Gulden zu entrichten.
 

1698 wurden in Loipersbach gezählt:

  • 21 Halblehner (je 12 Joch Grund, 6 — 8 Pfund Weingarten)
  • 16 Viertellehner (je 6 Joch Grund, 3 — 6 Pfund Weingarten)
  • 11 Hofstättler (je 1,5 — 3 Joch Acker, 3 — 8 Pfund Weingarten)
  • 9 Kleinhäusler

Dazu kamen noch Überlandgründe in unterschiedlichem Ausmaße. Die überwiegende Zahl der Halb- und Viertellehner hatten 2, einige 4 Ochsen als Zugvieh. Der Bestand an Kühen und Schweinen war nur gering. Hofstättler und Kleinhäusler hatten nur vereinzelt eigenes Zugvieh.

Aufmerksamkeit verdienen auch die Überlandweingärten im „Loyperspackerischen Weingebirge" am Kogelberg, da der Weinbau sicherlich die wichtigste Grundlage des relativen Wohlstandes auch im 18. Jahrhundert war. Die Größe der Überlandweingärten betrug nach einem Bergrechtsregister insgesamt 1521,5 Pfund, das sind 43,82 ha (1 Pfund = ca. 80 Klafter, 1 Klafter = 2,88 a). An Bergrecht mussten pro Pfund zwei Halbe (1 Ödenburger Halbe = 0,91 I, 1 Eimer = 72,5 I), insgesamt also 3037 Liter Most an die Stadt abgeliefert werden. Allerdings waren weniger als die Hälfte der Weingärten, 604 Pfund, im Besitz von Bauern aus Loipersbach. Große Anteile hatten auch Agendorf, Schattendorf und Wandorf. Einzelne Besitzer kamen aus Stöttera, Zemendorf, Rohrbach und Tschurndorf.
 

Im Jahre 1713 wurde das Verhältnis der Stadtdörfer zur Stadt erneut geregelt. Die Höfe waren inzwischen stark geteilt worden. Es gab nunmehr 13 Viertel-, 34 Achtel- und 7 Sechzehn-tellehner und 5 Kleinhäuslerfamilien. Sie waren ohne Ausnahme ewige Untertanen. Jeder Achtellehner musste im Sommer wöchentlich einen Tag Zugrobot oder 2 Tage Handrobot leisten, im Winter war die Robotleistung geringer. Jeder Achtelbauer hatte 1 Gulden 7,5 ung. Denare Dienstgeld und für jedes Joch Überlandäcker und jedes Tagwerk Überlandwiesen zusätzlich 5 Denare zu entrichten. An Bergrecht wurden insgesamt 112 Preßburger Eimer (= 3 848 l) pro Jahr abgeliefert. Zwei Achtelbauern mussten jährlich zusammen 1 Klafter Holz hacken und in die Stadt führen, bekamen dafür aber 3 Klafter Brennholz aus dem herrschaftlichen Wald. Ferner mussten die Bauern die herrschaftlichen Weingärten mit ihrer Jauche düngen und weite Fuhren bis zu 12 Meilen, meist um Weingartenstecken nach Wiener Neustadt, durchführen. Weiters mussten Landtagstaxe, Abgaben bei Weinverkauf oder -tausch, Sterbegeld, Erbschaftssteuer gezahlt und Naturalabgaben an den Ödenburger Bürgermeister und an den städtischen Inspektor bezahlt werden. Diese Bestimmungen blieben bis zur Einführung des „Maria Theresianischen Urbars" im Jahre 1767 in Kraft.
 

Loipersbach im 18. Jahrhundert. Maria Theresianisches Urbar und Toleranzpatent.
 

Nach den schweren Rückschlägen gegen Ende des 17. Jahrhunderts. und nach den ständigen Überfällen der Kuruzzen in den Jahren 1704—1708, die den Dörfern schwere Schäden zufügten, war das 18. Jhdt. eine Zeit relativ ruhiger Entwicklung für die Gemeinde Loipersbach, allerdings unter dem doppelten Druck von Grundherrschaft und Gegenreformation. Die Bevölkerungszahl stieg wieder beträchtlich an und der Besitz an Äcker und Weingärten pro Ansässigkeit wurde ständig kleiner. Die Evangelische Kirchengemeinde hatte aufgehört zu existieren und es gab über 100 Jahre lang in Agendorf — Loipersbach keinen evangelischen Gottesdienst. Die kirchlichen Handlungen wurden in dieser Zeit vom katholischen Pfarrer in Agendorf vorgenommen, Loipersbach war seit 1690 erneut Filiale. Die Bevölkerung aber besuchte immer wieder die evangelischen Gottesdienste in Ödenburg.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts brachten zwei Reformen Maria Theresias und ihres Sohnes Josef II. einschneidende Veränderungen im Leben der Menschen unserer Heimatgemeinde. In den Jahren 1767—1773 wurde durch königliche Kommisare ein neues Urbar eingeführt, das gegen den heftigen Widerstand der Grundherren eine bestimmte Größe für die Ansässigkeit festlegte, Roboten und Abgaben begrenzte, und im Jahre 1781 erließ Josef II. das Toleranzpatent.
 

Nach dem maria - theresianischen Urbarium gab es 1767 in Loipersbach 53 Viertellehner, 9 Achtellehner, 30 Söllner mit Häuser und 3 Söllner ohne Häuser. Die Achtellehner besaßen 2,5 Joch Acker und 1 Viertel Tagwerk Wiesen, die Viertellehner 5 Joch Acker und ein halbes Tagwerk Wiesen. Der Besitz an Weingärten war unterschiedlich. Die Achtellehner hatten dafür 6—7 Tage Zugrobot oder 12—14 Tage Handrobot, die Viertellehner 12—15 Zug- bzw. 24—30 Tage Handrobot jährlich zu leisten. Auch das Neuntel, d.h. der zu zahlende 9. Teil der Ernte, konnte durch 1 bzw. 2,5 Tage Zugrobot abgelöst werden. Ein Viertelbauer musste also für seine 5 Joch Acker bis zu 35 Tage auf den städtischen Äckern bzw. in den städtischen Weingärten arbeiten. Außerdem musste jeder 1 Gulden Zins zahlen, Brennholz hacken und Leinen, Schmalz, Kapaunen, Hühner und Eier an die Stadt abliefern.
Die bäuerlichen Wirtschaften waren zu dieser Zeit also nur sehr klein, zusätzliche Überlandgründe waren kaum vorhanden, so dass die Stadt schließlich den erwähnten Wald im Norden des Gemeindegebietes zur Rodung freigab.
 

Die Familienoberhäupter im Jahre 1767:Michael Hauer -  Thomas Hauer jünger -  Johann Lamppel - Johann Graßel -  Paul Brenner -  Thomas Hauer ältere - Johann Hasch -  Mathias Tschirtz -  Andreas Tschirtz -  Joseph Bauer -  Thomas Bauer -  Thomas Tschorl - Johann Hauer -  Andreas Floyger -  Johann Kirchknopf -  Andreas Hauer ältere -  Andreas Rehling -  Maria Gruberin -  Andreas Bauer - Thomas Tschirtz  - Georg Rath -  Johann Kirchknopf -  Matthias Tschirtz -  Mathias Rauner -  Stephan Baader -  Johann Amering -  Eva Huberin -  Georg Breuner -  Maria Tschirtzin -  Johann Spannraft -  Mathias Bauer ältere -  Veronica Förstlin -  Mathias Bauer jüngere -  Andreas Steiner -  Elisabetha Fürstin - Michael Schneberger -  Michael Aminger -  Thomas Floyger -  Johann Rehling -  Georg UschneberJohann Aminger ältere -  Andreas Bauer jüngere - Caspar Spannraft  - Georg Spannraft -  Maria Strengin - Paul Förstel  - Thomas Streng -  Georg Floyger  jüngere - Elisabetha Baderin -  Maria Baderin -  Maria Kirchknopfin -  Michael Bauer -  Johann Floyger -  Johann Gruber -  Thomas Tschirtz -  Georg Neuhauser -  Georg Stiegel  - Benedict Müllner -  Andreas Bauer jüngere -  Andreas Aminger -  Mathias Hauer -  Thomas Ameringer -  Paul Prenner -  Andreas Jenel -  Maria Ringaufin -  Georg Ameringer -  Paul Reiner  - Michael Rath -  Magdalena Redlin -  Mathias Wimpersperger - Stephan Wimpersperger -  Andreas Schiebendrein -  Mathias Gruber -  Georg Pfluyger -  Johann Steiner-  Andreas Lagler -  Mathias Nästler -  Mathias Saloman -  Johann Georg  - Gruber Maria Nästlerin - Johann Cäpl -  Georg Kalbantner - Paul Weisenpeck -  Paul Treml - Cäcilia Laglerin - Joseph Wollenhofer - Georg Nästier -  Johann Trinkel - Michael Reiner -  Mathias Krauß - Georg Wölfing  - Michael Wöltzner jüngere - Michael Wedsner -  Georg Tschirtz
 

Am 13. Oktober 1781 erließ Kaiser Josef II. das Toleranzpatent, das den Evangelischen nach langer Zeit der Unterdrückung wieder die Gleichstellung mit den Katholiken brachte. Es zeigte sich nun, dass die große Mehrheit der Bevölkerung, und zwar in Agendorf 900 und in Loipersbach 450 Personen, evangelisch geblieben war. Die Gemeinde Loipersbach schloss sich erneut mit Wandorf und Agendorf zu einer Kirchengemeinde zusammen. Da die Komitatsbehörden aber große Schwierigkeiten machten, wandte man sich 1783 mit einer Bittschrift unmittelbar an den Kaiser. Kurze Zeit später kam die Zustimmung zum Bau eines Bethauses. Die Gemeinde berief Mathias Harnwolf als ihren Pfarrer, und am 7. September 1783 wurde der erste Gottesdienst abgehalten. Zwei Jahre später konnte ein neues Bethaus in Agendorf eröffnet werden, 1796 kam ein Glockenhaus hinzu. Am 12. Mai 1791 wurde der „ehrsame Samuel Unger aus Agendorf" zum Ortsschulmeister und Notarius von Loipersbach gewählt. Am 14. Juni begann er im Gemeindehaus mit dem Unterricht von 35 Schulkindern. Die Schulprüfung wurde in der folgenden Zeit jeweils am Sonntag nach Ostern abgehalten. Anschließend begann man mit dem Konfirmationsunterricht. Unter Ungers Nachfolger, Georg von Horvath, wurde rühmend erwähnt, dass die Kinder in Loipersbach nach ihrer erfolgten Konfirmation schon damals bis zum vollendeten 14. Lebensjahr freiwillig die Schule weiter besuchten. 1829/30 sollte an der Schule die ungarische Sprache eingeführt werden. Bei der Prüfung zeigte sich aber, dass die Kinder das Vaterunser ungarisch konnten, aber das auswendig Gelernte nicht verstanden.
 

Die katholische Kirche hatte es in Loipersbach nach dem Toleranzpatent  nicht leicht. Die katholische Schule hatte nur wenige Schüler und war auf Dauer nicht mehr zu halten. Sie musste um 1850 aufgegeben werden. Das Vermögen der katholischen Schule wurde vom katholischen Pfarrer in Agendorf, später in Schattendorf verwaltet. Es wurde noch 1927 vom evangelischen Schulstuhl beansprucht, da die katholischen Kinder ja auch die evangelische Schule besuchten. 1870, beim großen Dorfbrand, brannte auch die katholische Kirche - vermutlich nur der Turm, da die Inneneinrichtung erhalten blieb -  ab. Da die wenigen Katholiken nicht in der Lage waren, die Kirche zu erneuern, setzte sich der Raaber Bischof Zalka besonders für den Neubau ein, der 1871 geweiht werden konnte. Die neue katholische Kirche wurde nicht mehr dem Hl. Martin, sondern Peter und Paul geweiht. Nach 1921 wurde die katholische Gemeinde von Schattendorf aus verwaltet und schließlich der Kirchengemeinde Schattendorf angeschlossen. In der Nachkriegszeit wurde die katholische Kirche mehrmals renoviert.

Loipersbach im 19. JahrhundertSo wie in ganz Mitteleuropa war das 19. Jahrhundert auch für das kleine Dorf Loipersbach eine Zeit gewaltiger Umbrüche in jeder Beziehung. Die Bevölkerung wuchs rasch, die Verdienstmöglichkeiten wurden immer geringer und der Strukturwandel von der Landwirtschaft hin zu Handwerk und Gewerbe beschleunigte sich. Besonders einschneidend war der Bau der Eisenbahnlinie Ödenburg-Wr. Neustadt, die zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnete: einerseits konnten nun die Produkte einer intensiven kleinbäuerlichen Landwirtschaft leichter auf die städtischen Märkte gebracht werden, andererseits begann das Zeitalter der "Pendler". Den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung allerdings erst im 20. Jahrhundert, in der Zwischenkriegszeit.

Zunächst war die Gemeinde, die ohnedies mit den Robotleistungen und Abgaben schwer belastet war, zusätzlichem Druck durch die napoleonischen Kriege ausgesetzt.

Die Geschichte des Dorfes im 19. Jahrhundert und die Zeitgeschichte werden noch ausgebaut. Sie sollen Bausteine einer Festschrift werden, die für das Jahr 2025 geplant ist (800 Jahre Loipersbach)

Ergänzung:

Auf Wunsch vieler Loipersbacher werden hier die Manuskripte von Vorträgen zur Geschichte Loipersbachs aufgenommen, die die Basis für die 2025 geplante Ortsfestschrift "800 Jahre Loipersbach" sein sollen und den oben geschriebenen Überblick durch Detaildarstellungen ergänzen.

Manuskript eines Vortrages in Loipersbach

Die Anfänge von Loipersbach

40 Jahre sind seit unserer 750 – Jahr-Feier vergangen. In Zehn Jahren werden wir 800 Jahre Loipersbach feiern. Es ist daher höchst an der Zeit, sich wieder intensiv mit der Vergangenheit unseres Dorfes zu beschäftigen. Aus der Mitarbeit an vielen Festschriften weiß ich, dass 10 Jahre dafür keinesfalls zu lang sind. Es ist sehr zeitaufwändig, in den Archiven und Bibliotheken danach zu forschen. In den vergangenen 40 Jahren sind sehr viele neue Dokumente aufgetaucht. Wir wissen heute sehr viel mehr über die Geschichte unseres Dorfes als vor 40 Jahren. Ich hoffe, dass am Ende dieser Bemühungen eine schöne, repräsentative, umfangreiche Festschrift stehen wird, so wie sie auch unsere Nachbargemeinden inzwischen vorgelegt haben. Ich fordere alle Loipersbacher schon jetzt dazu auf, an diesem großen Vorhaben mitzuwirken. Wozu überhaupt die viele Arbeit? Nun, ich bin überzeugt und weiß auch aus vielen Gesprächen, dass ein lebhaftes Interesse gegeben ist. Wir leben in der Gegenwart und hoffen auf eine gute Zukunft. Das ist selbstverständlich wichtiger. Ich möchte die Geschichte nicht überbewerten. Tatsache ist freilich, dass wir diese Gegenwart nicht ganz verstehen, wenn wir nicht wissen, wie sie geworden ist. Es sind viele Fragen, die immer wieder auftauchen. Wer waren und woher kamen unsere Vorfahren? Wie sind unsere Flurnamen, unsere Familiennamen entstanden? Warum gibt es einen Burgstall, wo doch in keine Urkunde eine Burg verzeichnet ist? Welche Gesichtspunkte waren bei der Erstanlage des Dorfes maßgebend? Wer war jener Luitpold, der unserem Dorf den Namen gab? Warum kam Loipersbach zur Herrschaft Ödenburg und unterscheidet sich dadurch – etwa in der vorherrschenden Konfession – von den Nachbargemeinden ? Nicht alles, aber vieles davon kann man heute beantworten. Es kommt noch ein Aspekt dazu, warum die Zeit drängt. Sie wissen, wie rasant sich unser Dorf in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat und wie rasch es sich auch heute noch verändert, nicht nur nach dem Ortsbild – auch nach der Zusammensetzung der Bevölkerung. Es ist höchst an der Zeit, möglichst viele Aspekte des „alten“ Loipersbach für die Nachwelt festzuhalten. Noch gibt es Menschen, die von der Zeit vor dem großen Strukturwandel erzählen können. Ich hoffe, dass der heutige Vortrag ihr Interesse findet und dass sie auch zu den geplanten weiteren Vorträgen – der nächst wird schon im Feber stattfinden – möglichst zahlreich kommen.

 

Lupoltsbach in silvam, Lupoltsbach im Wald

Im Jahre 1225 wurde von König Andreas II. die große Klostermarienberger Urkunde ausgestellt, in der Agendorf neben anderen Orten als Besitz der Zisterzienser bestätigt wird. Das Original befindet sich im Ungarischen Staatsarchiv. Bei der Beschreibung der Grenzen wird auch “Lupoltsbach in silvam” erwähnt, ubi due mete sunt … Die Beschreibung als “im Wald gelegen” ist insofern treffend, als der Ort damals tatsächlich auch im Norden noch vom Wald umgeben war. Alte Karten zeigen dies, ebenso wie die Flurnamen, die typische Rodungsnamen sind (Kreiten von Roden, Gereuth – Neuäcker – Lissen - Neuriss – Brand …). Ich kenne in der ganzen Umgebung kein Dorf, in dem der Anteil der Rodungsäcker so groß war wie in Loipersbach. Er war größer als der Anteil der Äcker, die zu den bäuerlichen Ansässigkeiten gehörte. Das war lange Zeit ein Vorteil, denn für die Rodungsäcker musste nur ein geringer Betrag gezahlt werden und sie waren außerdem frei verkaufbar (mit Zustimmung der Grundherrschaft). Zur Zeit der Grundablöse im 19. Jh. musste dann allerdings kräftig gezahlt werden. In einer späteren deutschen Übersetzung der lateinischen Urkunde heißt es:
“….Dagendorff genannt. Welhes erstes gemerckh anhebt pey dem weg, der do khumbt von Odenburckh zwischen zwayen Dagendorffen, dernach getz in das pechl und dem aufwerts mitten ins dorff und darnach durch ainen chrumpen weg unntterm mittag zwen hoff begreiffund khertz sich gegen nydergang der sunnen und durch das tal eiltz zum weg der do khumbt von Luppoltsbach im walt, do zway gemerckh seinen…”Der Hinweis auf die zwey gemerkh, die zwei Gemarkungen, ist besonders interessant und ist einer der Belege dafür, dass das Dorf wahrscheinlich weit älter ist als die 800 Jahre. Es gibt einige Indizien dafür, dass schon vor der Anlage des deutschen Straßendorfes im 12. Jahrhundert hier am Aubach, sozusagen mitten im Wald, eine altslawische Siedlung gab. Darauf werde ich später noch ausführlich eingehen. Die erste Urkunde, die Loipersbach direkt betrifft, stammt aus dem Jahre 1238. Sie ist nicht direkt erhalten. Man findet sie in einem Transsumpt König Ludwigs I. aus dem Jahre 1377 im Kapitelarchiv in Pressburg. Ein Transsumpt ist, wenn der Inhalt einer älteren Urkunde in eine neuere aufgenommen wird. König Bela IV. bestätigte in diesem Jahr dem Kreuzritterorden der Johanniter alle seine Besitzungen, alle Schenkungen, die dem Orden von seinen Vorfahren, von ihm und seinem Bruder Koloman gemacht wurden, darunter auch das Dorf Lipolt mit vier Hufen Ackerland. Der Orden besaß also das ganze Dorf oder einen Teil davon. Im Komitat Ödenburg bekam der Orden die dem König zustehenden zwei Teile der Marktabgaben und der Wegzölle. Der Orden hatte in Ödenburg eine Niederlassung, betrieb ein “Spital” und hatte eine wichtige Aufgabe bei der Verteidigung der Stadt. Dafür wurde er mit reichen Besitzungen, etwa dem Recht, Zölle einheben zu dürfen, ausgestattet. Die Zisterzienser blieben nicht lange in Agendorf, der Besitz war wohl zu weit von Klostermarienberg entfernt. Trotzdem war ihr Wirken von einiger Bedeutung. Schon im Mittelalter gab es in Agendorf einen großen Obstgarten, und die Zisterzienser haben wohl auch die Anpflanzung von Edelkastanien veranlasst. Der hohe Stellenwert, der später dem Obstbau auch in Loipersbach zukam, könnte also auf diese Zisterziensertradition zurück zu führen sein. 1265 verkaufen die Zisterzienser Agendorf an den Grafen Peter, Burggraf von Ödenburg. Damit wird jene Adelsfamilie für uns wichtig, die man die “Agendorfer” nennt. Sie spielten in Ödenburg, wo sie einen Wohnturm an der Stelle des heutigen Rathauses besaßen, eine wichtige Rolle. Sie waren auch Besitzer eines Teiles von Loipersbach. Unbekannt ist, wann und wie sie diesen Besitzanteil erworben haben und ob die Johanniter ihr Dorf Loipersbach verkauft haben. In der Agendorfer Verkaufsurkunde wird auch ein Gut Gyula genannt, das man früher mit Loipersbach gleich gesetzt hat. Obwohl dies längst widerlegt ist, wird es immer wieder behauptet. Gemeint ist ein Teil von Schattendorf, ein Praedium, ein Gutshof, der im Besitz des Matheus, Sohn des Julius von Schattendorf war.

 

Davor aber ein Rückblick in die Urgeschichte

Bevor wir uns der Ortsgründung zuwenden, ein Blick zurück in die Urgeschichte. Wenn sie sagen wozu, da gibt es ja bis jetzt nichts, keine Funde, dann haben sie recht. Es ist tatsächlich sehr enttäuschend, wie wenig Loipersbach da zu bieten hat, wenn man es mit den überaus reichen archäologischen Hinterlassenschaften der ganzen Region vergleicht. Der erste Blick täuscht allerdings, viele dieser Funde liegen an der Grenze des Loipersbacher Hotters und es ist durchaus möglich, dass da noch einiges gefunden wird. Eines kann man freilich von vornherein sagen: Ein großer Teil unseres Dorfes lässt nicht viel erwarten – und zwar jener Teil, der am Rande des alten Kulturlandes liegend bis ins Mittelalter bewaldet war. Hier ist zumindest nicht mit Siedlungsspuren oder Grabfunden zu rechnen. Einzelfunde sind natürlich nicht ausgeschlossen. Etwa ein Drittel des Ortsgebietes, der nördliche und der östliche Teil Richtung Schattendorf sowie der Südhang des Koglberges gehören zu diesem alten Kulturland, das seit der Jungsteinzeit mehr oder weniger kontinuierlich besiedelt war. Auch die fruchtbaren Schwarzerdeböden legen die frühe Nutzung nahe. Und so ist es nicht erstaunlich, dass direkt an der Hottergrenze, bei der Hotterbrücke in Richtung Schattendorf, ein jungsteinzeitliches Dorf lag. Es ist wahrscheinlich, dass es sich auch rechts des Baches auf Loipersbacher Gebiet ausgedehnt hat. Die Lage ist geradezu idealtypisch: ein nach Süden geneigter flacher Hang, zwischen dem Hauptbach und einem kleinen Seitenbach, mit fruchtbarem, leicht zu bearbeitenden Boden. Hier hat Dr. Kaus 2002 eindeutige Hinweise auf eine etwa 7000 bis 8000 Jahre alte Siedlung gefunden: Tonscherben und Steinwerkzeuge der Linearbandkeramischen Kultur, ein Spinnwirtel und eine Reibeplatte zum Mahlen des Getreides. Hier standen vermutlich einige der damals üblichen Langhäuser, Ständerbauten – etwa 5 m breit und bis zu 30 m lang, die Wände aus Geflecht, mit Lehm verschmiert. Sie waren im vorderen Teil von den Menschen bewohnt, im hinteren Teil Stall und Scheune. Von ihnen ist meist nichts geblieben, außer Pfostenlöcher, die man aber nur mit aufwändigen Grabungen feststellen kann. Nicht weit weg davon, etwas mehr in Richtung Schattendorf, wurden 2002 Hinweise auf eine etwas jüngere Siedlung der Badener Kultur aus der Kupferzeit gefunden. Sie sind etwa 5000 bis 6000 Jahre alt und weisen die für diese Zeit typische Fingertupfen – Verzierung auf. Aus dieser Zeit stammt auch das 40 cm lange Tonfass mit einem Fassungsvermögen von 12 Litern, das schon 1888, angeblich bei Bachregulierungsarbeiten, gefunden wurde. Leider weiß man nicht genau wo. Es handelt sich dabei um einen seltenen Gefäßtyp. Wahrscheinlich wurde es zur Aufbewahrung eines alkoholischen, bierartigen Getränkes genutzt. Ab der frühen Hallstattzeit (700 – 600 v. Chr.) häufen sich dann die Funde und erreichen im Verlauf der Eisenzeit schließlich eine Dichte, die schon der Zahl der heutigen Dörfer entspricht. Wiederum nahe der Loipersbacher Hottergrenze, im Hadspitzwald, nahe der Hauptstraße, die von Ödenburg über Schattendorf und Loipersbacher Hotter nach Mattersburg und durch die Wr. Neustädter Pforte führte, liegt das größte Hügelgräberfeld unseres Raumes. Bei der letzten Vermessung durch das Landesmuseum 1979 wurden 30 Hügel gezählt. Seit 1923 stehen sie unter Denkmalschutz. Die meisten der Hügelgräber sind kaum mehr zu erkennen. Nur zwei sind heute über zwei Meter hoch. Der durchschnittliche Durchmesser war 12 Meter. Ursprünglich waren sie zwei bis zu drei Meter hoch. Es sind Urnengräber, die Verstorbenen wurden verbrannt und in Holzkisten bestattet. An Grabbeigaben finden sich vor allem Gefäße, etwa Trinkschalen und besonders häufig Kegelhalsgefäße, vermutlich mit Weinbeigaben. Die Gefäße wurden allerdings beim Einsturz der Holzkisten zerstört. Interessant ist, dass zwischen den beiden Gräbergruppen ein freier Raum war, offenkundig eine Gräberstraße. Von den Hügeln sind nur 14 ungestört, alle anderen wurden gestört – durch Raubgrabungen, Stellungsbau im 2. Weltkrieg – oder geöffnet und untersucht. Die Gräbergruppe ist der Archäologie schon lange bekannt. Schon 1876 berichtete der ungarische Archäologe Florian Romer bei einem internationalen Kongress in Budapest über das Gräberfeld, 1882 grub Franz Heger vom Naturhistorischen Museum vier Hügel aus. Weitere Ausgrabungen wurden dann von Ludwig Bella vom Ödenburger Altertumsverein und Franz Storno vorgenommen, die aber bald das Interesse verloren. 1924 öffnete dann Friedrich Hautmann einen weiteren Hügel. Auch in der jüngeren Eisenzeit, in der La Tène – Zeit, war das Gebiet entlang der Durchzugsstraße besiedelt. In einem der Hügelgräber wurden – vermutlich in einer Nachbestattung – ein Halsring und ein Armreif gefunden, die vielleicht auf ein reiches Frauengrab schließen lassen, in Rohrbach wurde ein Schatzfund aus keltischen (boischen) Münzen gemacht und im unteren Teil Schattendorfs, auf den Eglseeäckern, wurden zwei Lanzenspitzen gefunden und wahrscheinlich auch ein Schwert, das in die Zettl-Langer-Sammlung in Ödenburg gelangte. Aus der bedeutenden keltischen Siedlung mit den drei Höhensiedlungen – die größte auf dem Burgstall - wurde die römische Stadt Scarbantia, an einem Verkehrsknotenpunkt zwischen Bernsteinstraße und weiteren wichtigen Durchzugsstraßen zwischen West und Ost. In der Umgebung der Stadt entstanden zahlreiche römische Gutshöfe – etwa östlich von Scarbantia, im Bereich von Steinabrückl (Sopron köhida), in Wolfs (Balf), wo die bekannte Heilquelle in die villa rustica eingeleitet wurde, in den Lebern oberhalb von Ödenburg, in Agendorf, in Richtung Brennberg, in der Schleife der früheren Brennbergbahn gelegen. In Agendorf wurde auch in neuerer Zeit, bei Bachregulierungen unterhalb der Bahnbrücke, der bekannte Grabstein mit der römische Wölfin und den Zwillingen gefunden. Er kann im Lapidarium des Museums bewundert werden. Eine größere römische Siedlung, eine Veteranenkolonie, entstand in Walbersdorf, rechts der Straße nach Pöttelsdorf. Zwei sehr schöne Grabsteine aus Adneter Marmor sind ebenfalls im Ödenburger Museum ausgestellt. In nächster Nähe, an der Straße, die auch über Loipersbacher Hotter führte, lag ein Gutshof in zwischen Raaber Bahn und Weißer Straße beim Untenkreuz, etwas weiter östlich davon eine römische Siedlung. Der Gutshof muss sehr groß gewesen sein. Er lag am Ufer eines flachen Sees, des Eglsees, der später entwässert wurde. Der Gutshof, in dessen Umland auch bisher ca. 270 römische Münzen gefunden wurden, entstand schon im ersten Jahrhundert n. Chr. Und bestand bis etwa 400. Eine zweite römische Siedlung lag fast direkt an der Römerstraße, in der Fabriksgasse bzw. Brückengasse mit hoch interessanten Funden, etwa Pflügen und anderen landwirtschaftlichen Geräten sowie einer Hypposandale, einem eisernen Pferdeschuh. Dort wurden auch römerzeitliche Gräber gefunden. Zwei Grabsteine sind in die Kirchhofmauer eingemauert. Caius Statius Severus, Hauptmann der 13. Legion, ließ den einen Grabstein für seinen freigelassenen Sklaven Caius errichten. Einige der Grabinschriften, etwa in Agendorf, enthalten Personennamen, die keltischer Herkunft waren, also offensichtlich romanisierte Provinziale. Am interessantesten ist für uns der Gutshof beim Klosterrückerl, bei der Oglisterbrücke, das ist die Bahnbrücke bei der Hottergrenze, aber schon auf Rohrbacher Gebiet. Dieser Gutshof wurde in den späten 1960er Jahren von Dr. Gerhard Langmann in einer mehrjährigen Kampagne ausgegraben. Das Hauptgebäude ist etwa 30 mal 17 m groß. Es wurde in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts errichtet und bestand bis etwa 400 n. Chr. Durch eine Vorhalle mit Säulen betrat man die große Halle, mit je zwei Schlafzimmer links und rechts, wobei eines mit Fußbodenheizung ausgestattet war. Daran anschließend lag ein weiterer, auf Säulen gestützter großer, saalartiger Raum. Daran wurde etwa um 200, vielleicht nach Zerstörungen im Markomanneneinfall, über die ganze Länge ein Badetrakt angebaut, mit einem großen Heizraum und mit den typischen drei Baderäumen, für Kalt-, Warm- und Heißbad. Zwei der Räume waren mit halbkreisförmigen Nischen ausgestattet, vielleicht für Wannenbäder. Neben dem Haupthaus lag ein großes Wirtschaftsgebäude, das aber nicht vollständig ausgegraben wurde. Einiges deutet darauf hin, dass der Besitzer hauptsächlich Viehzucht betrieb. Die dazugehörenden Gräber wurden noch nicht gefunden. Der Gutshof wurde vermutlich um 400 niedergebrannt. Darauf deutet eine Brandschicht hin, vor allem aber ein Fund, ein kompletter Satz von Zimmermannswerkzeugen, der an die Hauptmauer angelehnt war. Wäre der Hof zunächst geplündert worden, hätte man diese kostbaren Eisenwerkzeuge wohl mitgenommen. Nach 375 brach die hunnisch – germanische Völkerkonföderation in unseren Raum ein. Die Zeit der Völkerwanderung begann. Früher hat man angenommen, dass damit das römische Leben in der Provinz Pannonien endete. Diese Vorstellung dürfte komplett falsch sein. Möglich, dass die reiche Oberschicht abzog. Dann aber begann – zur großen Überraschung der Archäologen – eine späte Blütezeit, mit Erneuerung der Mauern und vieler Gebäude. Der Handel mit Aquleia lebte wieder auf, selbst Luxusgüter wurden wieder importiert und Scarbantia hat sogar einen eigenen Bischof, der an der Synode von Grado teilnahm. Am Rande der Römerstadt entstand eine große Kirche in germanischer Ständerbauweise. Politisch gehörte das Gebiet zum Gotenreich und nach deren Abzug nach Italien unter Theoderich dem Großen zum Langobardenreich. Unter der Oberherrschaft der Langobarden wurde in unserem Gebiet ein Teil des germanischen Stammes der Eruler angesiedelt. In Heiligenstein (Hegykö) wurden die prächtig ausgestatteten Gräber ihrer Fürstensippe ausgegraben. Funde aus dieser Zeit sind ansonsten eher spärlich.568 zogen die Langobarden und mit ihnen auch die Eruler nach Italien, in die Lombardei, ab. Das heißt natürlich nicht, dass das Land menschenleer wurde. Ein derartig fruchtbares und günstig gelegenes Gebiet war nie unbesiedelt. Wir wissen heute, dass viele Bewohner geblieben sind, dass es etwa auch weiterhin große Dörfer der germanischen Gepiden gab, dass Nachkommen der keltischen und römischen Bevölkerung und wohl auch germanische Gruppen geblieben sind. Das zeigen etwa die Langobardengräber von Nikitsch. Ein interessanter Flurname in Agendorf heißt „Warischäcker“, also die Äcker der Welschen, der Romanen. Zumindest das Wissen um die keltisch-römische Bevölkerung muss also Jahrhunderte bis zur deutschen Ansiedlung überdauert haben – wenn nicht sogar eine Gruppe von Bewohnern die Völkerwanderungszeit überdauerte. Beispiele für das Weiterleben von Romanen gibt es genug.Die neuen Herren des Landes wurden die Awaren. Im nördlichen Burgenland wurden viele hundert „Awarengräber“ oder besser awarenzeitliche Gräber ausgegraben, zum Teil auch Siedlungen, vor allem in Zillingtal. Im Gefolge des awarischen Kriegeradels kamen Zuwanderer, slawische Kolonisten und Bauern, die sich damals unauffällig, still und leise die Wälder rodend und bäuerliche Siedlungen anlegend, bis in das Salzkammergut und im Süden auf die Balkanhalbinsel ausbreiteten.

 

Altslawische Siedlung

Eine Gruppe, vielleicht ein Sippenverband slawischer Kolonisten drangen rodend in den Wald entlang des Aubaches ein. Sie machten niemandem Land streitig, mussten aber – vermutlich in Jahrzehnte langer harter Arbeit den Eichen-Hainbuchenwald roden und urbar machen. Die damals übliche Methode war die Brandrodung. Man brannte ein Waldstück nieder. Die größeren Bäume wurden zum Absterben gebracht, indem man die Rinde einschnitt. Die Felder waren vermutlich klein und unregelmäßig. Die Vermutung, dass die älteste Siedlung von Loipersbach eine solche Rodungssiedlung war, stützt sich vor allem auf die Flurnamen. Es sind zwei Flurnamen bzw. Bachnamen, die eindeutig darauf hinweisen: Das Loosfeld und die Tschurken. An beiden haben sich Namensforscher die Zähne ausgebissen. Das Loosfeld bzw. der Loosbach ist sprachlich weder von Luß noch – wie Fritz Zimmermann meinte – vom karolingerzeitlichen Nussbach abzuleiten. Die Sache ist viel einfacher: Loza (sprich Loscha) bedeutet schlicht Wald. Das Loosfeld ist also das Waldfeld, der Loosbach der Waldbach. Treffender könnte man sie bis heute nicht benennen. Die Tschurken wurden in der Zwischenkriegszeit sogar als awarisches Wort gedeutet. Auch da ist die Erklärung sehr einfach. Altslawisch Csurak bedeutet „Gerinne“. Daraus wurde Tschurka oder Tschurken. In Rohrbach gibt es übrigens eine Flur „Zuaka“, die wohl die gleiche Wurzel hat und nichts mit Zinken zu tun hat. Die in der Urkunde von 1225 erwähnten zwei Gewanne waren demnach einerseits das Loosfeld, mitten im Wald gelegen, und eine zweite Flur am Aubach. Zwei Gewanne entsprachen auch der damaligen Wirtschaftsweise, der Zweifelderwirtschaft, mit dem Wechsel von Anbau und Brache. Die moderne Dreifelderwirtschaft haben dann erst die deutschen Kolonisten eingeführt. Dort, wo der Tschurkenbach in den Aubach einmündete, die Wasserversorgung gegeben war und der Aubach in einer Furt leicht überquert werden konnte. Der Platz liegt in einer vor starken Winden und Verwehungen geschützten Lage, am Rande des Waldes, in den man sich jederzeit zurückziehen konnte. Man kann also davon ausgehen, dass die Waldgasse der älteste Teil des Ortes ist. Auffallend ist, dass die Parzellenstruktur der Häuser 9, 11 und 13 stark von der regelmäßigen Anlage der übrigen Häuser abweicht und mit einiger Fantasie einen großen Hof, auf allen Seiten von Gebäuden umgeben, erkennen lässt. Vielleicht lag hier der erste Hof, der Hof des Sippenoberhauptes, zu dem der Weg von der Römerstraße direkt hinführte. Dieser Weg ging durch die Grundstücke Floiger/Tellian und Ringauf Jäger, dann durch den Bach, durch eine Furt beim Haus Gruber-Holzkorn, an die sich die älteren Dorfbewohner noch erinnern können. Hier, direkt am Hauptweg, lag der Gemeindebrunnen, eine natürliche Quelle mit hervorragender Wasserqualität. Gerade dieser Hof ist ja auch Gegenstand von legendenhaften Erzählungen, etwa dass ein Gang von dort zur Sandgrube führen soll, wobei ein eingetiefter Kartoffel- oder Vorratskeller der Ausgangspunkt sein sollte. An einen „Gang“ ist wohl angesichts der geologischen Verhältnisse kaum zu denken, auch Erdställe aus der Kuruzzenzeit sind in Loipersbach nicht nachgewiesen. Dass hier der Fluchtweg in den Wald begann ist aber sehr wahrscheinlich. Im Anschluss an diesen ersten Hof könnten dann bis zu vier weitere Gehöfte entstanden sein, bis zu Waldgasse 1 am Tschurkenbach. Für eine altslawische dünne Besiedlung spricht auch noch ein weiteres Indiz. Schattendorf wird in einigen Urkunden auch Suslen oder ähnlich genannt. 1153 etwa vermachte ein Adalbert das Gut Suesla testamentarisch dem Kloster Martinsberg (Pannonhalma), vor einer gefährlichen Mission als Gesandter an den Hof König Rogers II. von Sizilien. Die Ortsnamensforscher leiten dieses Wort von sus(e)l, dem slawischen Wort für Ziesel, Zeisel ab. In der Urkunde von 1225 wird von den Suslani, also den „Leuten vom Zeiselbach“, geschrieben – und Zeiselbach heißt der Bach (Aubach, Tauscherbach) bis heute. Ob es sich dabei um eine Siedlung oder ein Prädium, einen Gutshof, handelte, ist ungewiss. „Suslani“ könnte durchaus eine Bezeichnung für eine slawische Gruppe sein, die vielleicht von Schattendorf entlang des Baches bis nach Loipersbach rodete. Parallel zu Suslen wird allerdings schon Sadundorf verwendet. Meiner Meinung nach gab es sowohl in Loipersbach wie in Schattendorf und auch in Agendorf – dort werden 1225 ja zwei Agendorf erwähnt – je eine ältere Siedlung, zu der dann das deutsche Kolonistendorf in regelmäßiger Anlage kam. Die deutschen Ortsnamen Schattendorf und Agendorf können von den Personennamen Dago = der Lichte, der Helle und von Scato = der Dunkle abgeleitet werden. Ich halte allerdings eine andere Version für wahrscheinlicher und faszinierender: Scatendorf ist das Dorf im Norden, im „Schatten“, Dagendorf das Dorf im Süden, „in der Sonne“. Es liegt hier ein Ortsnamenspaar vor, das auf die gleichzeitige Gründung und Namensgebung hinweist und das wohl einmalig sein dürfte.

 

Karolingerzeit

Die slawischen Kolonisten im Wald dürften den Untergang des Awarenreiches unter dem Ansturm der Franken und Baiern überstanden haben, sonst hätten sie ja wohl kaum ihre Flurnamen weitergegeben. Mit den Franken kamen neue Herren ins Land, denen sich wohl auch einheimische Sippen – keltoromanischer, germanischer oder auch slawischer Herkunft anschlossen. Wir haben dafür – wieder knapp an der Loipersbacher Hottergrenze gelegen – einen überaus interessanten Hinweis. Es ist dies der Wiesaberg beim Teich. 808, also kurz nach der Eroberung des Landes durch die Franken, wird in St. Emmeram in Regensburg eine Urkunde ausgestellt, die die älteste Urkunde des Burgenlandes ist. In dieser Urkunde schenken die Geschwister Wirut, Giselmar und Wentilmar ihre Besitzung „Wolfsbach“ dem Kloster. Um die Abgrenzung wurde seit Jahrzehnten gestritten. Sie wird mit Wiesach, Winterbach, zwei Grabhügeln und den Siedlungen der Awaren angegeben. Das größte Problem war für die Wissenschaftler immer die Wiesach, die sie nicht „in eine Reihe“ bringen konnten. Vor einigen Jahren habe ich einen Aufsatz dazu veröffentlicht, der das Problem wohl endgültig klärt. Inzwischen wurde diese Lösung auch von den zuständigen Fachleuten anerkannt. Die Wiesach ist eindeutig der Bach, der am Fuße des Wiesaberges entspringt. Die Mattersburger Geschwister trugen zum Teil germanische Namen. Es war also eine Gruppe, die von der awarischen in die fränkische Oberherrschaft wechselte. Die Ausgrabungen der Frau Dr. Talaa stammen genau aus dieser Zeit und weisen genau in diese Richtung – sowohl die Skelette wie auch die Waffenbeigaben, von denen einige eindeutig fränkisch sind. Die Schenkung an die Kirche erfolgte nur wenige Jahre nach der Eroberung durch die Franken. Es ist nicht wahrscheinlich, dass die Geschwister von Mattersburg „Neuchristen“ waren. Vermutlich gab es auch schon in awarischer Zeit eine christliche Mission, die nun vorangetrieben wurde. Es gab ja auch immer wieder friedliche Zeiten im Zusammenleben der Nachbarn. Der Kundpaldkelch ist der beste Beweis für die Missionierung.Die Urkunde, in der Odinburch zum Jahre 859 erwähnt wird, ist nicht im Original, aber in vier Abschriften aus dem Mittelalter erhalten. König Ludwig der Deutsche schenkte mit dieser Urkunde dem Chorbischof Alberich von Passau zehn Mansen Land. Die Schenkung wird abgegrenzt durch die Lagebezeichnung „zwischen Raba und Chumberch“ (wahrscheinlich Rabnitz und Ostalpenabhang), dann genauer bestimmt „am Nussbach“, zwischen den Besitzungen des Amalger und des Waltilo, bis Odinburch und zu jenem Ort, wo die Ebene in das Gebirge übergeht. Eine sehr genaue, zunächst groß- und dann auch kleinräumige Abgrenzung. Ödenburg hatte also schon in der Karolingerzeit, lange vor Ankunft der Magyaren, seinen deutschen Namen. Dass es neben einer Kriegergruppe auch bayerisch – fränkische Kolonisten gab beweisen die archäologischen Funde. Der Wiesaberg an der Ortsgrenze von Rohrbach und Loipersbach ist also eine uralte Grenze – zwischen zwei Landschaften (dem Wulkabecken und der Ödenburger Pforte) und später auch zwischen den Herrschaftsgebieten. Sie ist ja von der Natur vorgegeben – neben dem markanten Hügel ist es die Talwasserscheide zwischen dem Einzugsgebiet der Wulka und der Rabnitz. In der versumpften Niederung wurde später der Teich aufgestaut.

 

Die Magyaren 

Das Gebiet unseres Dorfes gehörte also über 100 Jahre zum baierisch – fränkischen Ostland, das von fränkischen Grafen beherrscht wurde und von Passau aus christianisiert wurde. Erste Kirchen entstanden, von denen aber nur einige wenige, etwa in Pilgersdorf oder am Plattensee nachgewiesen sind. In den Urkunden werden weit mehr Kirchorte erwähnt. Rund um die Awaren- und Slawenmission gibt es auch Spekulationen, dass vielleicht in Marz eine karolingerzeitliche Kirche entstand. Dafür könnte das Mauritius – Patrozinium sprechen. Und auch Loipersbach wird verdächtigt, dass hier vielleicht schon damals eine kleine Kirche entstand. Auch hier könnte das St. Peter- und Paulspatrozinium der alten Kirche im Friedhof sprechen. Das ist nicht völlig ausgeschlossen. Eine Missionskirche bei den Slawen am Aubach könnte durchaus bestanden haben. Trotzdem bleibt es reine Spekulation und ein archäologischer Beweis wird sich wohl kaum finden lassen. Ich möchte sie aber nicht unerwähnt lassen.Zu den Bewohnern, Slawen und Awaren, kamen nun auch fränkisch-bairische Kriegerverbände und wohl auch Bauern. In diese Welt brachen nun um 900 die Magyaren ein – gerufen von den miteinander kämpfenden Mährern und den Franken. Am 4.Juli 907 ging in der Schlacht bei Preßburg das bayerische Ostland, das Kolonisationswerk eines Jahrhunderts, unter. Markgraf Liutpold, Eb.Theotmar von Salzburg, Bischof Udo von Freising, zahlreiche Grafen und Herren Bayerns und des Ostlandes fielen gegen die Magyaren, die Enns wurde wieder zur Grenze. Allerdings heißt das nicht, dass jegliches Leben östlich der Enns aufhörte. Die alten Rechte, die dort bestanden, auch die Besitzansprüche, wurden niemals aufgegeben. Noch 926 hielt sich etwa der Freisinger Bischof Drakolf im Ostland auf (er ertrank dabei im Greiner Donaustrudel). Die Beziehungen zu den Magyaren waren auch keineswegs nur feindlicher Natur. So etwa ging der Bayernherzog Arnulf (Sohn Liutpolds) zweimal ins magyarische Exil. Es ist zu vermuten, dass auch ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung den "Ungarnsturm" überlebte. Zu einer magyarischen "Besiedlung" des eroberten Gebietes kam es nicht. Die maximal 40 000 Magyaren konnten wohl kaum das ganze Karpatenbecken besiedeln. Es folgten die Jahrzehnte der Plünderungszüge durch Europa und schließlich die Niederlage auf dem Lechfeld im Jahre 955. Dass das Leben vor allem in den westlichen Randgebieten weiterging zeigt nicht zuletzt die Archäologie. Weder Siedlungen noch materielle Kultur, etwa die Tonwaren, weisen einen Bruch auf. Wieder einmal verschwand die Oberschicht, die Bauern aber blieben. Unser Gebiet gehörte zum Gyepü, zum magyarischen Grenzgürtel, der durch Wächter, Bogenschützen usw. gesichert wurde. Dazu wurden auch Fremdvölker, etwa die Petschenegen (Pöttsching, Gebiet am See) und sogar warägische Söldner herangezogen (Karlburg, Orosvár, Rusovce = Russenburg). Eine solche Grenzwächtersiedlung wird auch 1225 erwähnt, sie lag wohl direkt am Rande der „Ödenburger Pforte“. Magyarische Grenzbefestigungen („Rote Schanzen“), zu denen auch eine Anlage in Draßburg und die befestigte Ödenburger Innenstadt gehörte, entstanden erst viel später, als Bollwerke gegen die Deutschen. Wichtig für die Entwicklung unserer Heimat war dann die große „Kehrtwende“ in Ungarn, die Sesshaftwerdung, die Christianisierung und die Umgestaltung des Stammesverbandes in einen „Staat“ nach westlichem Vorbild. Dies geschah durch König Stefan und seine Gemahlin Gisela, bayrische Herzogstochter. Nur mit Hilfe der Zuwanderer, vor allem Ritter und Mönche aus dem Westen, konnte Stefan die heidnische Opposition niederwerfen. Der Zustrom nach Ungarn, im Rahmen der großen deutschen Ostkolonisation, muss sehr groß gewesen sein. Mit den Kriegern kamen auch Bauern, Händler und Handwerker. Aus der Ansiedlung dieser privilegierten hospites, „Gäste“, entstanden die ungarischen Städte, natürlich auch das mittelalterliche Ödenburg. Zu den Einwanderern gehörten auch die Brüder Michael und Simon und ihre Schwester, die schöne Thota, die eine Hofdame der Königin Konstanze von Aragonien, also aus Spanien. Die Familie war westgotischen Ursprungs. 1202 bekamen sie die erste Schenkung. Sie waren die Ahnherrn der Mattersdorf – Forchtensteiner, eines der mächtigsten Grenzgrafengeschlechter Ungarns. Zu dieser Zeit, zwischen 1100 und 1200, kam auch unser Liutpold ins Land, vielleicht als Gefolgsmann der Mattersdorf – Forchtensteiner, vielleicht als Krieger, der sich in den Dienst der ungarischen Könige stellte. Er bekam das Gebiet am Aubach zugeteilt. Leider wissen wir über ihn nicht mehr. Aber das ist nicht überraschend. Auch über die meisten anderen Kleinadelssippen in unserem Raum und deren Ursprung ist nichts bekannt, da dies noch eine sehr urkundenarme Zeit war – etwa über Wolbrun, den Namensgeber von Walbersdorf, über die Familien, die uns später als „Agendorfer“, als „Schattendorfer“, als „Harkauer“ entgegentreten. Familiennamen gab es ja noch nicht, lediglich aus den Personennamen kann man Verwandtschaftsverhältnisse erkennen. Eines ist jedoch klar: Luitpold war bayerischer Herkunft. Aus der Herzogssippe stammte er wohl nicht, aber vielleicht aus deren Umfeld. Der Name lässt keinen Zweifel. Das der Ort nach dem Gründer oder ersten Besitzer benannt wurde war ebenfalls üblich.

 

Die Gründung des deutschen Dorfes

Da kam nun dieser Luitpold in das Gebiet, das ihm übertragen wurde, und begann mit der Anlage eines Dorfes. Vielleicht brachte er schon einige Siedler mit. Im angrenzenden Hl. Römischen bzw. Deutschen Reich gab es eine Art Bevölkerungsexplosion und es fanden sich genügend jüngere Bauernsöhne in den angrenzenden Alpenländern, die bereit waren, diesen „Siedlungsunternehmern“ zu folgen, zumal es in ein Gebiet ging, das weit fruchtbarer war als ihr Herkunftsgebiet. Woher kamen die ersten deutschen Siedler? Darüber werden immer wieder Vermutungen angestellt. Mehrmals habe ich schon gehört, dass unsere Vorfahren aus Franken kamen. Das ist mit Sicherheit eine unzulässige Vereinfachung. Man darf sich die Kolonisation nicht so vorstellen, dass nun eine Kolonne von Kolonisten, mit Frau und Kind auf dem Planwagen und mit ihrem Vieh einzogen und ihre Hofstellen zugewiesen bekamen. Es waren wohl Einzelpersonen oder Familien, die aus der benachbarten bayrischen Ostmark oder aus der Steiermark bzw. aus Kärnten – die Mark Pitten gehörte damals noch zu Kärnten – auf eigenen Antrieb, vielleicht auch auf den Ruf des „Siedlungsunternehmers“, in die angrenzenden Gebiete im fruchtbaren Hügelland zogen. Verlockt wurden sie auch von den günstigen Bedingungen, die sie als „hospites“, als „Gäste“, vorfanden, mit geringeren Abgaben, mit Steuerbegünstigung usw. In vielen Fällen werden es wohl die jüngeren Bauernsöhne aus den angrenzenden Alpengebieten gewesen sein, die neue Existenzmöglichkeiten suchten. Natürlich waren damals und auch noch später darunter auch Zuwanderer, die aus weiter entfernten Gebieten kamen. Schneeberger und Holndonner weisen auf nähre Herkunft, andere auf entferntere Gebiete – Kremser etwa, Neuhauser, Böhm, Pöttschacher. Jennel verweist auf den schwäbischen Raum, wo die Kurzform Jenel oder Janel für Johannes üblich war. Die ersten Siedler aber kann man so nicht zuweisen, denn ihre Namen sind nicht überliefert und außerdem gab es damals noch keine FamiliennamenSo wie die meisten damals angelegten Dörfern war auch Loipersbach eine geplante Anlage. Im Anschluss an die altslawische Siedlung entstand das deutsche Straßendorf, parallel zum Aubach. Die Siedler bekamen gleich große Hofstellen zugewiesen. Üblicherweise bestand ein Dorf damals aus etwa 12 bis 20 Hofstellen. Es gab also beiderseits der Dorfstraße etwa 6 bis 10 Hofstellen. Das 13. Jahrhundert war vom Klima her eine gute Zeit, die Bevölkerung vermehrte sich rasch, sodass wahrscheinlich schon bald nach der Dorfanlage eine Teilung der Höfe stattfand. Wir können also eine Einwohnerzahl von etwa 80 bis 100 Menschen annehmen. Dabei blieb es dann für lange Zeit, ja im folgenden Jahrhundert, ab Mitte des 14. Jahrhunderts, sank die Zahl der Bewohner der westungarischen Dörfer infolge einer Klimaverschlechterung und vor allem im Gefolge der großen Pestepidemie. Wir wissen zwar nicht, wie viele Menschen 1349/50 während der großen Pest gestorben sind. Aus dem Jahre 1600 sind uns aber die Folgen bekannt. Damals stand jeder zweite Hof leer. Die deutsche Kolonisation war nicht bloß eine verstärkte Ansiedlung von Menschen. Sie war auch mit einer alle Lebensbereiche umstürzende Revolution. Die alte Wirtschaftsweise der Vorbevölkerung, eine Feld- Gras- oder Zweifelderwirtschaft wurde durch die damals moderne Dreifelderwirtschaft ersetzt. Sie steigerte die Erträge und ermöglichte es weit mehr Menschen durch eine viel intensivere Wirtschaftsweise zu überleben.
Wie sie funktionierte kann man ganz gut am Beispiel Loipersbach, seinen Flurformen und seinen Flurnamen erklären. Es gab drei Zelgen oder Großfelder, die abwechselnd mit Wintergetreide und Sommergetreide bestellt wurden, das dritte Feld lag brach und diente für ein Jahr als Viehweide. Der Boden konnte sich erholen und wurde gleichzeitig gedüngt. Es herrschte Flurzwang, das heißt dass alle Bauern in einem der drei Felder das Gleiche anbauen mussten und auch, dass sich alle an die gemeinsame Brache halten mussten. Die Bewirtschaftung erfolgte nun mit besseren Pflügen, die die Scholle wendeten. An Zugtieren waren wohl eher robuste Ochsen üblich als die leistungsfähigeren, aber anfälligeren Pferde – für die man übrigens mit der Erfindung des Kummets damals eine neue Anspannungsmethode erfand. An heutige Rinder darf man allerdings nicht denken. Die Tiere waren weit kleiner und vor allem im Frühjahr oft schlecht ernährt. Es kam vor, dass sie einfach beim ersten Ackern umfielen. Neben den drei „Feldern“ hatte jeder Hof eine Wiese und gemeinsam hatte man Weiden. Holz durfte aus den Wäldern der Grundherrschaft für den Eigenbedarf – als Brennholz oder Bauholz – entnommen werden. Zusätzlich hatte jeder Hof einen Hanf- oder Flachsacker und einen Krautgarten, in Loipersbach gab es auch am Bach Saatsteige, wo die Krautpflanzen vorgezogen wurden. Kraut und Rüben waren für die Ernährung den Winter hindurch überaus wichtig. Neben den Rindern hielt man auch Schweine, die zur Eichelmast in den Wald getrieben wurden. Der Weinbau erlebte im günstigen Klima des 14. Jahrhundert seine größte Blütezeit. Auch Loipersbach verdankte seinen Wohlstand im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit dem Weinbau am Kogelberg. Dieses Loipersbacherische Weingebirge gehörte zu den begehrtesten Weinlagen der ganzen Region. Die Exklave am Kogelberg gehörte aber nicht vom Anfang an zum Dorf. Erst im 14. Jahrhundert – mit der Aufteilung von Klettendorf – wurde sie Loipersbach zugeschlagen. Dazu aber erst im nächsten Vortrag.
Zur Zeit der Ortsgründung lagen die Loipersbacher Weingärten aber noch in Dorfnähe, am Kirchberg, also in den heutigen Petern. Die Parzellenstruktur und der Verlauf der Wege weisen noch auf die früheren Weingärten hin. Sehr groß wird diese Weinried nicht gewesen sein – und auch die Qualität war wohl nicht optimal. Auch in späterer Zeit galt es ja noch als Strafe, einen „Peterer“ trinken zu müssen. Wann diese Weingärten aufgegeben wurden ist noch nicht bekannt.

 

Ausblick

Wie ging es weiter mit Loipersbach? Die Geschichte des Ortes in den folgenden drei Jahrhunderten kann nur eine Geschichte der Besitzer, eine Herrschaftsgeschichte sein. Denn nur die Grundherren haben Spuren in den Urkunden hinterlassen. Die ersten Namen von Bauern aus Loipersbach kennen wir erst aus dem 15. Jahrhundert.Die Grundherren von Loipersbach waren im 14. Jahrhundert die Kleinadelsfamilie der Agendorfer, Burggrafen von Ödenburg. Zumindest Teile des Ortes gehörten ihnen. Dann folgte eine Zeit, in der die in unserem Raum weit verbreitete Sippe der Osl zumindest teilweise im Besitz von Loipersbach war. Besonders spannend ist diese Zeit, weil damals Loipersbach in den Besitz des Weingebirges am Kogel gekommen ist, wahrscheinlich nach der Aufteilung des Hotters von Klettendorf. Mit den Osl verwandt war dann jene Familie, die Loipersbach im 15. Jahrhundert besaß. Es waren dies die Thannpeck von Karlburg (Tompek von Orosvár), über die es ebenfalls viel zu berichten gibt. Es war dies zeitweise eine sehr mächtige Sippe, die wahrscheinlich von einem Perlup (Berthold) von Walbersdorf abstammte und neben Karlburg auch Burg und Herrschaft Schlaining besaß. Ihre Nachkommen haben ihren Besitz immer weiter geteilt und die Erben waren untereinander zerstritten. Im Ödenburger Stadtarchiv befinden sich darüber Dutzende Urkunden. Sie mussten schließlich ihre Besitzungen verkaufen. Unter den Osl, wahrscheinlich aber unter den Karlburgern, bestand die Burg in Loipersbach. Über sie gibt es keinen einzigen urkundlichen Hinweis, dafür aber Indizien in der Form von Flurnamen (Burgstall, Hofstatt), die eindeutig das Bestehen einer Burg bezeugen. Die zahlreichen Nachkommen der Karlburger gerieten offenbar immer mehr in wirtschaftliche Schwierigkeiten und beabsichtigten, ihren Besitz Loipersbach zu verkaufen. 1546 war es dann so weit. Wolfgang Josa de Savol, seine Schwestern Barbara und Margaretha und seine Tochter Ursula verkauften Loipersbach um 880 rheinische Gulden an Jakob Dürr, damals Pfandinhaber von Forchtenstein. Dürr war ein erprobter Soldat, damals aber schon älter und kränklich, wie er in einem Brief an den Kaiser schrieb. Gegen diesen Verkauf protestierte sofort und energisch die Stadt Ödenburg. Sie machte zwei Argumente geltend: erstens war Dürr Ausländer, hatte damit nicht das Recht, ungarischen Besitz zu erwerben, und zweitens hatte Ödenburg als Nachbar ein Vorkaufsrecht. Die Ödenburger hatten Erfolg. Dürr musste Loipersbach abtreten. Die Kaufsumme wurde in der Probstei von Csorna hinterlegt und von dort Dürr überbracht. Noch 1547 bestätigte Kaiser Ferdinand den Ödenburgern den Besitz des Dorfes. Ödenburg war damit neuer Grundherr von Loipersbach und sollte es bis 1848, bis zur Abschaffung der Grundherrschaft bleiben. Für einige Zeit war das Dorf aber verpfändet. Der Kauf blieb nicht unangefochten, da die Verwandten des Wolfgang de Savol ein Vorkaufsrecht geltend machten. Die Prozesse darüber zogen sich noch über 100 Jahre hin. Auch in anderer Hinsicht hatte der Verkauf Folgen: Bisher gehörte Loipersbach zum Landgericht Forchtenstein. Das heißt, alle Fälle von Blutgerichtsbarkeit wurden in Forchtenstein abgehandelt. Nach Forchtenstein zahlten die Loipersbacher dafür den Vogthafer. Nun nahm aber Ödenburg, das auch die Hochgerichtsbarkeit, den Blutbann, innehatte, dieses Recht in Anspruch und verlangte dafür Abgaben. Der Loipersbacher Richter war in einer unangenehmen Position, da er von beiden Seiten bedrängt wurde. Die Stadt Ödenburg hatte im Laufe der Zeit ein beachtliches Herrschaftsterritorium aufgebaut, zu dem sieben Dörfer – mit Loipersbach waren es acht – gehörten: Agendorf, Wandorf, Harkau, Kohlnhof, Wolfs, Mörbisch und Klingenbach. Während die ganze Umgebung bald unter die Herrschaft der Esterházy geriet, machte Loipersbach die Entwicklung Ödenburgs mit. Das sollte schwerwiegende Folgen haben, vor allem dann in der frühen Neuzeit, als es um die konfessionellen Auseinandersetzungen ging.

 

Vortrag

Loipersbach im Mittelalter
Von den Grundherren und vom Leben im MittelalterDie Grundherren: Johanniter, Agendorfer und Thannpeck.  Das Weingebirge am Koglberg nach der Aufteilung von Klettendorf

  • Die mittelalterliche Kirche
  • Die Stadt Ödenburg als neuer Grundherr
  • Streit um das Hochgericht und die Dorfgerichtsbarkeit
  • Vom Leben im mittelalterlichen Dorf – Landwirtschaft und Weinbau
  • Die ersten Familiennamen und die Familiennamen in späterer Zeit (Herkunft und Bedeutung)

Im Vortrag zur Entstehung des Dorfes Lupoltsbach im Wald habe ich bereits die weitere Entwicklung bis zum Übergang an die Herrschaft Ödenburg angedeutet. Heute sollen die etwa 350 Jahre, die dazwischen lagen, genauer behandelt werden. Es wird dies vor allem eine Geschichte der Grundherren, der Besitzer des Dorfes sein. Die allermeisten Urkunden und Dokumente aus dieser Zeit sind Besitzurkunden, die über Besitzteilungen, Verpfändungen und Verkauf Auskunft geben. Die Bewohner des Ortes haben leider keine Nachrichten hinterlassen. Wir haben aber die Spuren ihrer Arbeit, die sie in der Kulturlandschaft hinterlassen haben, zur Verfügung, die Flurnamen hauptsächlich. Die ersten Namen der Bewohner tauchen erst im 15. Jahrhundert auf. Es waren Bauern, die in den damaligen unruhigen Zeiten, als Söldnerbanden das Leben unsicher machten, ihren wertvollsten Besitz, ihren Wein, nach Ödenburg in Sicherheit brachten. Diese Fluchtweine wurden in den Kellern der Bürger eingelagert. Dafür mussten die Bauern bezahlen. Die damals schon ausgeprägte Stadtverwaltung hielt diese Fluchtweine in Verzeichnissen fest, damit es darüber zu keinen Streitigkeiten kam. Dazu kommen Vereichnisse der Mautstellen und in einem Fall auch im Geschäftsbuch der Wr. Neustädter Firma Funk.

 

Die Johanniter

Die ersten uns bekannten Grundherren von Loipersbach waren die Johanniter von Ödenburg. Wie sie in den Besitz des Dorfes kamen ist uns leider nicht bekannt. Vielleicht haben die Nachkommen des Ortsgründers Luitpold das Dorf verkauft, vielleicht ist einer von ihnen in den Ritterorden eingetreten. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass diese Familie ausgestorben ist und der Besitz an den König zurückfiel. Die Ritterorden wurden von den ungarischen Königen sehr gefördert, auf sie war Verlass. Im Mongolensturm hatten sie sich bewährt. So wurden sie zu Anfang des 13. Jahrhunderts auch nach Ödenburg geholt, um zur Verteidigung der Stadt beizutragen. Das alte Grenzwächtersystem mit den Bogenschutzen und den vorgeschobenen Beobachtungsposten hatte sich nicht mehr bewährt. An ihre Stelle traten feste Burgen aus Stein, die sich im Mongolensturm bewährt hatten, und die Städte, die den Mongolen widerstanden. In ihnen gab es noch die königlichen Burgbesatzungen, die Jobagionen, die aber zusehends von Ritterfamilien, Kleinadeligen, abgelöst wurden, die zusammen mit reichen Kaufleuten den Grundstock des Patriziats bildeten. Zu ihnen gehörten etwa in Ödenburg die Familie der Agendorfer oder auch die Schattendorfer oder die Geißel. Die meisten Bürger aber, die Handwerker und Weinbauern, lebten in den Vorstädten und waren nur schwer dazu zu bewegen, in die befestigte Innenstadt zu ziehen. Die Belastung durch Bau und Verteidigung der Stadtmauern waren ihnen zumeist zu groß. Und so waren die militärisch bestens geschulten und motivierten Ritterorden sehr willkommen. Auch aus einem anderen Grund wurden die Johanniter oder Hospitaliter willkommen geheißen. Sie widmeten sich auch der Krankenpflege und errichteten auch in Ödenburg ein Spital, aus dem später das Bürgerspital hervorging. Nach dem Spital wurde der Spittelbach benannt. Die Ungarn nennen ihn Ikwa, was auf seinen ursprünglich deutschen Namen Eika, der Eichenbach, zurückgeht. Die Johanniter besaßen in Ödenburg einen Wohnturm. Der Orden bestand aus Rittern, Geistlichen und Laienbrüdern. Die Ritter lebten von ihren Ländereien, aber bald auch vom Handel, wobei ihnen natürlich ihre Verbindungen zum Nahen Osten, zur Levante, zu den Kreuzfahrerstaaten, zugute kamen. Im Komitat Ödenburg erhielten sie Marktabgaben, Wegzölle und eben das Dorf Lipold. Woher wissen wir das? Im Jahre 1238, in der ersten Urkunde, die Loipersbach direkt betrifft, bestätigt König Bela IV. die Schenkungen, die er, sein Bruder und seine Vorfahren den Johannitern gemacht hatten, darunter eben auch das Dorf Lipold. 1279 war das Dorf jedenfalls noch im Besitz des Ritterordens. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts verkauften die Johanniter einen Teil ihrer Besitzungen in Europa, darunter wahrscheinlich auch Loipersbach. Sie lösten ihre Kommende in Ödenburg auf. Der Orden war damals in keinem guten Zustand. Er hatte die letzten Stützpunkte im Hl. Land verloren, die Disziplin hatte nachgelassen und mancher Ritter lebte – entgegen den Ordensregeln – verschwenderisch. Eine der wichtigsten Einnahmequellen der Johanniter war die Maut am Wiener Tor. Diese wurde 1346 von den Agendorfern gepachtet. Es ist anzunehmen, dass die Johanniter in diesem Jahr ihre Ödenburger Kommende aufgaben. Loipersbach gelangte an die Thannpeck von Karlburg. Das könnte 1346 gewesen sein, als die Kreuzritter aus Ödenburg abzogen.

 

Gyula

1265 wurde Agendorf von der Abtei Klostermarienberg an eine Familie verkauft, die sich später „Agendorfer“ nannte und auch in der Forschung so genannt wird. In der Verkaufsurkunde wird ein Praedium, ein Gut „Gyula“ erwähnt. Das hat in der Forschung einige Verwirrung gestiftet. Man hat früher Gyula mit Loipersbach gleichgesetzt. Das kann allerdings nicht richtig sein, denn in einer Urkunde von 1279 wird ausdrücklich von einem Grenzzeichen zwischen dem Landgut des Matthäus von Suslen und dem Besitz der Kreuzritter gesprochen. Matthäus war der Sohn des Julius von Suslen, daher der Name. Schattendorf gehörte schon 1243 zum Teil den Mattersdorf – Forchtensteinern. Die Grafen Simon und Bertrand von Mattersdorf – Forchtenstein hatten diesen Besitz von König Bela IV. für ihre Verdienste bei der Verteidigung der Burg Gran gegen die Mongolen erhalten. Der andere Teil des Ortes war im Besitz einer weit verzweigten Kleinadelsfamilie, die man die „Schattendorfer“ oder „Steinbrunner“ nennt. 1298 fiel auch der Besitz des söhnelos verstorbenen Matthäus an die Mattersdorfer. Die verbleibenden „Schattendorfer“ waren schwer verschuldet, etwa beim Ödenburger Richter Wolflo. Schritt um Schritt wurden dann die schon sehr kleinen Besitzungen in Schattendorf verkauft. 1312 wird in einer Verkaufsurkunde auch ein Wohnturm genannt. Dieser „Freihof“, der nicht der Grundherrschaft unterstand, wurde dann zusammen mit den dazugehörenden Besitzungen von den Mattersdorf – Forchtensteinern immer wieder verpfändet und verkauft. Einige Schattendorfer gehörten dem Ritterpatriziat von Ödenburg an. Weit wichtiger als sie war aber die Kleinadelsfamilie der „Agendorfer“, die zeitweise auch Loipersbach oder einen Teil des Dorfes besaß. Sie kauften Agendorf von Klostermarienberg.
Es soll hier ein kurzer Abriss der Geschichte dieser Familie gegeben werden. Wer es genauer wissen will: Auf Ödenburgerland.de habe ich eine umfangreiche Geschichte der Agendorfer veröffentlicht.

 

Die „Agendorfer“ – Mitbesitzer von Loipersbach

Herkunft und Abstammung jener Kleinadelsfamilie, die "die Agendorfer" genannt wurden, sind unbekannt. Die Namen sprechen aber, so wie die der meisten Adelsgeschlechter der damaligen Zeit im westungarischen Raum, für eine deutsche Herkunft. Die ersten uns namentlich bekannten Agemdorfer sind Peter (I.) und He(r)bert, Besitzer von Weingärten und wahrscheinlich auch der Dorfes Wolfs. Die Agendorfer gehörten also mit größter Wahrscheinlichkeit zu jenen Familien, die im 12. und 13. Jahrhundert von Westen her kommend in ungarische Dienste traten. Peter I. ist Burggraf von Ödenburg. Dies deutet darauf hin, dass die Familie zu dieser Zeit bereits bedeutende militärische Dienste geleistet hatte.Für seine Verdienste bekam Peter I. von König Bela IV. um 1250 einen Teil des Burgfeldes in Dagendorf. (Burgenländisches Urkundenbuch I., 249-250). 1256 wurde Peter von der Burg verwiesen. Der König entzog Peters Häuser (domos) und seinen Turm (turrim, Wohnturm) in Ödenburg samt Zubehör und gab sie an die Neffen des damaligen Stadtrichters. Peter konnte aber trotzdem wieder zurückkehren, seine Güter zurückerlangen, er wurde auch wieder Burggraf. Für die Verdienste, welche sich Peter I. im Konflikt zwischen dem alten König Bela IV. und seinem Sohn Stephan V. (1270 - 1272) erworben hatte, bestätigte der alte König Bela IV. 1269 nochmals die Schenkung der Besitzungen in Agendorf an Peter I. Es spricht einiges dafür, dass Peter I. in die Mühlen der Politik, also in die Parteienkämpfe, die zwischen Bela IV. und seinem Sohn lange tobten, geraten war, die ihm zunächst sein Amt kosteten, dass er dann aber durch geschicktes Verhalten wieder zu seiner Position gelangte.1265 erwarb Peter um 33 Mark die Liegenschaft der Zisterzienser in Agendorf.In den Parteienkämpfen zwischen der Hofpartei um Elisabeth, die Kumanin, und ihrem Sohn Ladislaus IV. einerseits und der "deutschen Partei" um die Gutkeled und die Güssinger, die Anlehnung an Premysl II. Ottokar suchten, gerieten die Agendorfer schließlich in eine noch schlimmere Situation. Burggraf Peter I. stand offenbar auf der Seite des Böhmenkönigs und Herzogs von Österreich. 1273 fiel Ottokar II. in Westungarn ein. Burggraf Peter öffnete ihm die Tore Ödenburgs. Man kann dies, wenn man die Hintergründe der jahrzehntelangen Parteienkämpfe und auch der Misswirtschaft unter Elisabeth und ihres Sohnes Ladislaus IV. des Kumanen kennt, keineswegs als "Verrat" sehen. Es ging um Macht und Einfluss und die Beteiligten wechselten häufig die Seiten. Ganz ohne Probleme ging die Übergabe der Stadtfestung aber nicht ab. Offenbar gab es unter den Bürgern eine Partei, die gegen den Burggrafen opponierte und sich gegen die Übergabe stellte. Peter I. ließ daraufhin deren Anführer, Stephan den Kürschner und dessen Brüder Peter und Schwärzel hinrichten. Die Söhne vornehmer Bürger mussten Ottokar als Geiseln begleiten - auch dies war damals eine übliche Praxis, um sich die Loyalität einer eroberten Stadt zu sichern. Man kann sich die internen Parteiungen vorstellen, die damals die Stadt entzweiten. Natürlich hatten die "Bürger", also vor allem die Handwerker, andere Interessen als der adelige Stadtkommandant aus dem Patriziat. Es ist also durchaus möglich - auch wenn es dafür keine direkten Belege gibt - dass hinter dem Konflikt Peters mit einer Bürgergruppe einer jener innerstädtischen Konflikte stand, die damals in weiten Teilen Mitteleuropas an der Tagesordnung waren und den Aufstieg eines zunehmend selbstbewusst werdenden Stadtbürgertums gegenüber adeligen Stadtherrn widerspiegeln.Ottokar konnte sich freilich nicht lange halten. Im Hl. Röm. Reich wurde am 1. Oktober 1273 der Habsburger Rudolf und nicht sein Konkurrent Ottokar zum König gewählt. In Ungarn setzte sich der König zunächst gegen die mächtigen Adelsparteien durch. Der vierzehnjährige Ladislaus zog vor Ödenburg. Stephan, der Stadtrichter, öffnete der königlichen ungarischen Reiterei die Tore, obwohl er damit das Leben der Geisel, darunter sein eigener Sohn und die Söhne seiner beiden Schwestern, gefährdete. Diese Stellungnahme der Stadt für den König und gegen den Burggrafen hatte einschneidende Folgen. Sie war mit größter Wahrscheinlichkeit der Grund für die Erhebung der Stadt zur Königlichen Freistadt am 20. November 1277. Die Stadt wurde damit unabhängig vom königlichen Burggrafen und unterstand nur mehr dem König direkt. Der Stadtrichter konnte frei gewählt werden, die Stadt hatte auch die Blutgerichtsbarkeit inne. Die Stadt erhielt das später immer wieder bestätigte Recht der freien Zu- und Abwanderung. Jeden Dienstag konnte ein zollfreier Wochenmarkt abgehalten werden.Peter, der frühere Burggraf, wurde im Herbst des Jahres 1278 oder 1279 vor Gericht gestellt, wegen Landesverrates zum Tode verurteilt und in der Stadt öffentlich geköpft. Das Vermögen der Agendorfer fiel an die Németi, Grafen von Rosenfeld, einem Familienzweig der Osl, die sich in der Schlacht bei Dürnkrut große Verdienste erworben hatten. (BUB II. 134 n.187) Die Agendorfer verschwanden für vier Jahrzehnte aus den Quellen. Über ihren Aufenthaltsort kann man nur spekulieren. Vermutlich fanden sie in Österreich Zuflucht. Dafür würde auch der Name von Peters II. Frau - Adelheid - sprechen. Diesem Peter II. gelang schließlich gegen Ende seines Lebens die Rückerwerbung Agendorfs. Die Nemeti gehörten zu den Gegnern Karl Roberts von Anjaou, die Agendorfer waren anscheinend auf dessen Seite. Im Jahre 1318 findet sich Peter II. wieder im Besitz von Agendorf. Er wurde zum Neubegründer der Kleinadelsfamilie, die den Ort dann bis zum Ende des Mittelalters halten konnte. Die Agendorfer erwarben auch ihre Besitzungen in Ödenburg zurück. Sie gehörten dem Stadtpatriziat an und waren wohl eine der reichsten und einflussreichsten Familien. Wir finden sie immer wieder in maßgebenden Funktionen, als Mitglieder des inneren Rates, als Richter oder Bürgermeister.Hoch interessant ist eine Urkunde aus dem Jahre 1321 (Burgenländisches Urkundenbuch III., S. 245, Hazi I 34 n.76), da sie uns einen Blick auf die Familienverhältnisse und zugleich einen Blick auf die Ödenburger Johanniter ermöglicht. In ihr beurkundet Petrus, Präzeptor der Ödenburger Johanniterkommende, dass er früher, als er noch weltlichen Standes war, dem Philipp, Sohn Peters II. von Agendorf, der mit seiner Schwester Agnes verheiratet war, einen Weingarten in Wolfs sowie den Zins von fünf Brot- und Fleischbänken um 12 Pfund Pfennige verkauft habe, mit Zustimmung aller seiner Brüder. Agnes verstarb aber und Philipp heiratete erneut, diesmal Elisabeth, die Tochter des verstorbenen Ritters Bartholomäus (Berthold) von Walbersdorf. Philipp überschrieb dieser seinen Kindern (aus der ersten Ehe hatte er einen Sohn Siegfried, über den wenig bekannt ist) Elisabeth und Lorenz das gekaufte Gut zu Erbrecht, womit der nunmehrige Johanniter, der Aussteller der Urkunde, gegen eine neuerliche Zahlung von 6 Pfund Pfennige für sich und seine Verwandten auf alle Rechte verzichtete. Für Loipersbach ist wichtig, dass mit dieser zweiten Heirat auch ein Teil von Loipersbach in den Besitz der Agendorfer kam.Die weitere Geschichte der Ödenburger Agendorfer, die auch Klingenbach besaßen und an der Erwerbung von Mörbisch beteiligt waren, soll hier nicht erzählt werden, Das würde zu lange dauern. Nur so viel: Sie waren reich und angesehen, hatten immer wieder die höchsten Ämter der Stadt inne, besaßen zwei Fleischbänke und eine Badstube und waren auch als Kreditgeber für die Stadt tätig. 1393 etwa borgte Hans Agendorfer der Stadt 300 Goldgulden für den Ankauf des Dorfes Wolfs von den Pottendorfern. In Agendorf selbst gab es zwei Linien des Geschlechts der Agendorfer. Aus den zahlreichen Urkunden, meist Kauf- und Teilungsurkunden, möchte ich nur wenig herausgreifen und auch die Familiengeschichte der Sippe nicht weiter ausbreiten. Aus dem Jahre 1341 wurde 2008 eine bisher unbekannte Urkunde veröffentlicht (Prickler, Der älteste Pfarrername von St. Margarethen 1341 , Bgld. Heimatblätter 2/2008 S.117
Ungarisches Staatsarchiv Budapest, Diplomata DI 73156
Der gesamte Inhalt der Urkunde im Aufsatz Prickler
Eine Urkunde aus der Zeit Matthias II. , 17. Jahrhundert – nach einem Transsumpt des Bischofs Urban von Erlau , Schatzmeister der Königin und des Königs Matthias Corvinus aus 1489 und dieses nach dem Transsumpt des Hofrichters Ladislaus de Palocz aus 1451. In diesem Jahr 1341 entsandte Bischof Koloman von Raab die Pfarrer Gervacius Soproniensis, Paulus de Nayad und Leopoldus de Minori Martino zu einer Güterschätzung nach Walbersdorf, Wulkaprodersdorf und Loipersbach. Es ging dabei um einen Streit der Elisabeth, Tochter des Bartholomäus von Walbersdorf um ihr zustehendes Mädchenviertel und 50 Mark aus der Morgengabe ihrer Mutter (dos parafernalis). – gegen ihren Verwandten Lorenz, Sohn des Nicolaus von Walbersdorf. Da sich Graf Lorenz von Mattersdorf der Besitzeinweisung widersetzte, sah sich der Bischof gezwungen, seinen Kanonikus und Dekan der Bischofskirche Laurentius zur Exekution der Besitzungen nach Schätzwert zu entsenden. In Anwesenheit des Lorenz und seiner Verwandten sowie der Nachbarn wurden Loipersbach auf 400 Mark, Walbersdorf und Wulkaprodersdorf auf 150 Mark geschätzt. Elisabeth wurde es freigestellt, ihr zuständiges Gut innerhalb acht Tage vor dem Bischof einzulösen. Zum vorgesehenen Termin erschien der Ödenburger Bürger Stefan genannt Teufel (Stephanus dictus Pukwl), der Gatte Elisabeths, um im Namen seiner Frau seine Besitzansprüche anzumelden und die Gegenseite aufzufordern, innerhalb der gesetzlichen Frist von zehn Tagen die exequirten Besitzungen zurückzukaufen. Lorenz von Walbersdorf befolgte die Vorladung nicht, worauf der Bischof mittels Sentenz Elisabeth in ihr Mädchenviertel und 50 Mark aus der Morgengabe ihrer Mutter rechtens einwies. Dieser Urkunde können wir entnehmen, dass Elisabeth einen beträchtlichen Anteil an Loipersbach bekam. Der Besitz ihrer Familie wurde in Loipersbach hoch bewertet. Es könnte sein, dass ganz Loipersbach im Besitz der Walbersdorfer, der Nachkommen des Bartholomäus, war. Ihre Verwandten waren Lorenz, Sohn des Nikolaus von Walbersdorf. Diese beiden waren bisher nicht bekannt und die Urkunden teilen auch das Verwandtschaftsverhältnis nicht mit. Ich vermute, dass Elisabeth und der 1327 genannte Perlup de Walburan Geschwister waren und Nicolaus und Lorenz Nachkommen des Perlup waren. Jedenfalls müssen diese bereits im Besitz von Loipersbach gewesen sein. Ferner erfahren wir, dass Elisabeth in erster Ehe mit einem Stephan, genannt Teufel verheiratet war. In zweiter Ehe heiratete sie Philipp von Agendorf, der damit in den Besitz des Mädchenviertels in Loipersbach kam. Für Philipp war es ebenfalls die zweite Ehe. In erster Ehe war er mit Agnes, der Schwester des Petrus, Präzeptor des Johanniterordens, verheiratet. Dieser zweiten Ehe entstammten zwei Kinder: Lorenz und Elisabeth II.
1358 wurde der Besitz der Agendorfer zwischen zwei Linien geteilt.
Das Dorf hatte damals 30 Lehensbauern und etwa 10 Hofstätten. Erwähnt werden ein „Ruidfeld“ und hinter den Hofstellen Obstgärten. Zwei Kurien, zwei Höfe, bewohnten die Grundherrn selbst.
1366 wurde der Besitz in Agendorf und Loipersbach endgültig zwischen den Brüdern Lorenz und Peter geteilt. Ein Viertel in der Größe von 5 Lehen und ein Viertel von drei Hofstätten, des Weingartens, des Bergrechtes, der Wälder bekam ihre Schwester Anna von Daagh als ihren Mädchenanteil. Man kann daraus die Größe von Agendorf mit 20 Lehen berechnen. Aus „gutem Willen“ gaben die Brüder auch ein Viertel ihres Besitzes in Loipersbach – Lypospah – an Anna, die mit dem Ödenburger Bürger Chertul (Hertel) verheiratet war. In dieser Zeit, als die Agendorfer auch Teile von Loipersbach besaßen, ging es mit der Sippe bereits rapide bergab. Schon lange zuvor war es zu Streitigkeiten wischen der Stadt, in der sich die bürgerlichen Patrizier gegen den Stadtadel durchgesetzt hatten, und den Kleinadeligen der Umgebung. Die Zukunft gehörte den Bürgern. Man stritt schon lange um Grundbesitz. Eine Kommission des Königs und des Raaber Domkapitels entschied zu Gunsten der Stadt, die Agendorfer akzeptierten die Entscheidung nicht und brannten angeblich einen Teil des städtischen Waldes nieder. Es kam also zu einer Fehde. Eine große Untersuchungskommission entschied erneut für die Stadt. Die Agendorfer waren am Ende. Sie verkauften nun, ein Familienzweig nach dem anderen, ihre Besitzungen an Ödenburg. Auch Anna, die mit einem Chertul (Hertel), einem Ödenburger Bürger, verheiratet war, verkaufte ihren Besitzanteil in Agendorf an Ödenburg. 1412 waren sämtliche Anteile an Agendorf im Besitz der Stadt, der letzte Kaufvertrag wurde 1416 rechtswirksam.
Hans der Agendorfer führte als erster nachweislich das Familienwappen. Es ist als Schlussstein im Kapitelsaal der Franziskanerkirche (Geißkirche) in Ödenburg angebracht. Gedeutet wird das Wappen religiöses Symbol: drei Äste, die aus einem Stamm sprießen, stehen für die Hl. Dreifaltigkeit. Vermutlich waren die Agendorfer finanziell am gotischen Umbau des Kapitelsaals in den 1330er Jahren beteiligt. Allerdings gibt es dafür keine urkundlichen Belege. Am südlichen Altar der Kapelle des Kapitelsaals wurden die Seelenmessen für die verstorbenen Agendorfer gelesen. Das Motiv der drei Äste kann man noch deutlicher am Siegel Martins II. erkennen.

 

Die Walbersdorfer und die Karlburger als Grundherrn von Loipersbach

Was geschah mit dem Besitz in Loipersbach? Da er sich nicht in der Hand der Ödenburger findet muss er an andere verkauft worden sein. Ich nehme an, dass Anna wie auch ihre Brüder ihren Besitz in Loipersbach an die Karlburger verkauften. Vielleicht war ihre Mutter, deren Namen wir nicht kennen, eine Karlburgerin. Damit sind wir bei einem Kapitel der Loipersbacher Geschichte, das leider nicht ganz durchschaubar ist. Die Ödenburger haben ihre Urkunden sorgfältig aufbewahrt und erhalten. Im Hinblick auf die Adelsfamilien ist dies leider nicht der Fall. Es geht um eineinhalb Jahrhunderte – von etwa 1412 bis zum Übergang des Dorfes in den Besitz der Stadt in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Sicher wissen wir, dass Loipersbach in dieser Zeit im Besitz der Thannbeck von Karlburg, der Tompek von Oroszvar, gewesen ist. Mit den Agendorfern waren sie jedenfalls verwandt, ebenso mit den Osl von Marz. Die Karlburger, die Thannpeck oder Tompek, waren damals in Westungarn ein mächtiges Geschlecht. Sie gehörten zu den Günstlingen König Sigismunds. Ein Nachkomme Perlups war Johann Thannpeck, der 1372 bis 1412 nachweisbar ist, Er hatte vier Söhne, von denen Nikolaus und Sigismund anscheinend schon in jungen Jahren starben. Umso wichtiger waren Georg und Johann (II.). Georg ist 1398 bis 1423 nachweisbar, Johann von 1397 bis 1433. In diesem Jahr starb er.Unter Georg und seinen Nachkommen waren die Thannpeck Inhaber der Burgherrschaft Schlaining, von 1400 bis 1445. Georg hatte an der Schlacht von Nikopolis 1396 teilgenommen. Dabei durchbohrte ein feindlicher Pfeil seinen Kopf und blieb dort sechs Jahre lang stecken. 1401 erhielt er zusammen mit seinem Schwiegervater Szarka von Pecöl Schlaining verpachtet und im folgenden Jahr geschenkt. Sein Bruder Johann bekam anscheinend die übrigen Besitzungen, Karlburg und unter anderem auch Walbersdorf und Loipersbach.

 

Rückblick: Die Herkunft der Karlburger

Mit den Thannpeck sind freilich einige ungelöste Fragen verbunden. Dazu gehört ihre Herkunft. Was noch mehr schmerzt ist die Tatsache, dass es zum Erwerb des Weingebirges am Kogelberg keine Dokumente gibt. Einige Vermutungen zu dem Thema Thannbeck möchte ich trotzdem anstellen. Da wäre zunächst das Problem Perlup von Rohrbach und Perlup von Walbersdorf, den man heute häufig als Ahnherrn der Thannpeck angibt. Perlup steht in den Urkunden für Berthold. Walbersdorf wurde von einem Walbrun (Wolbrun) gegründet, bekannt ist auch ein Ulrich (Udalrich ) von Walbersdorf.. Was haben Perlup de Nadasd, von Rohrbach, und Perlup von Walbersdorf, de Wlbaran, miteinender zu tun? Identisch waren sie wohl nicht. 1311/12 starb Perlup von Rohrbach, 1327 wird Perlup von Walbersdorf erstmals urkundlich erwähnt. Der Personenname legt eine Verbindung nahe. War der Walbersdorfer ein Sohn des Rohrbachers oder ein Verwandter? Zunächst ist die Frage nicht zu klären. Interessant ist, dass Perlup von Rohrbach auch in Marz einen großen Besitz, einen Pfandbesitz, hatte. 1298 verpfändete Graf Sur, ein Angehöriger der Osl – Sippe, seinen Besitz Marz um 100 Mark Silber an Perlup von Rohrbach. Die Pfandurkunde ging bei einer Belagerung oder Besetzung („occupatio“) der Rohrbacher Burg verloren. Perlup ließ sich daher 1301 den Inhalt der Pfandurkunde vom Raaber Domkapitel bestätigen. Dafür musste er entsprechend viele Zeugen aufbringen. Auch das Pfandrecht über den Besitz des Schwiegervaters in Großhöflein ließ er sich bestätigen Perlup von Rohrbach scheint, wie schon erwähnt, 1311/12 verstorben zu sein. Seine Witwe Margarethe, eine Tochter Surs, geriet in eine Notsituation und erbat von Graf Paul von Mattersdorf Geld, Nahrungsmittel und Kleidung und übergab ihn dafür 1312 die Verpfändungsurkunde über Marz und Großhöflein. Es scheint, als ob die Osl das Pfandgut nie auslösten, So blieb ein großer Teil von Marz im Besitz der Forchtensteiner. Perlup von Walbersdorf könnte ein Bruder des Bartholomäus oder ein Sohn gewesen sein. Es könnte aber auch sein, dass die beiden identisch sind, also nur eine Person. Der Personenname war vermutlich Berthold, Bertl gesprochen. Die Urkundenschreiber machten daraus Perlup oder eben auch Bartolomäus. Ich gebe zu, das sind etwas viele Vermutungen und Spekulationen, bedingt durch das Fehlen von Urkunden. Und es bestand lange Zeit auch kaum Hoffnung, diese Vermutungen zu belegen oder zu widerlegen. Nun wurde aber – völlig überraschend – vor einigen Jahren im Pressburger Archiv ein Fund gemacht, der Hoffnung aufkommen lässt. Zwar sind es nicht die Urkunden der Karlburger, aber ein Verzeichnis von verloren gegangenen Urkunden. Dr. Prickler hat dieses Verzeichnis zugestellt bekommen und ist dabei, es zu entziffern. Das Problem ist, dass es viele ungewöhnliche Abkürzungen enthält, die nur sehr schwer zu entziffern sind. Ich hoffe, dass dies bald gelingt und dass wir die Ergebnisse schon bald in die Geschichte von Loipersbach einarbeiten können.

 

Klettendorf und das Loipersbacher Weingebirge am Koglberg

Nicht zu klären ist zunächst auch das größte und für Loipersbach überaus wichtige Problem: Wie kam das Weingebirge am Koglberg in den Besitz der Loipersbacher? Es muss um 1412 oder davor ein großes Tauschgeschäft gegeben haben. 1362 gehört Rohrbach bereits den Kanizsay, einem damals aufstrebenden Zweig der Osl, deren verschiedene Linien wie auch deren Hauskloster in Csorna Besitzungen in Marz hatten.Ich vermute, dass Perlup von Walbersdorf seinen Besitz in Rohrbach eingetauscht hat – gegen einen Anteil an Marz oder an Klettendorf. Oder er hat zusätzlich einen Teil von Klettendorf geerbt, denn er war mit den Marzer Osl verschwägert. Klettendorf wurde anscheinend damals aufgeteilt, unter den vielen benachbarten Osl-Zweigen. Wenn man die Gemeinde- bzw. Hottergrenzen betrachtet fällt auf, dass die Gemeinden Rohrbach, Marz, Walbersdorf, Pöttelsdorf, Zemendorf, Drassburg, Schattendorf alle ein Anhängsel in Richtung Marzer Kogel haben. Und am meisten auffallend natürlich die Loipersbacher Exklave am Kogelberg, mit dem übrigen Hotter nicht zusammenhängend. Da in allen diese Dörfern die Osl oder ihre Verwandten Besitzungen hatten, liegt – wie Dr. Prickler schon lange vermutete – eine Aufteilung nahe.
Den wertvollsten Teil haben dabei die Karlburger in Walbersdorf und Loipersbach bekommen, die mit den Osl verschwägert waren.Es muss jetzt aber über Klettendorf berichtet werden. Es ist dies eine Wüstung, ein untergegangenes Dorf, auf dem heutigen Gemeindegebiet von Marz. Klettenäcker, Klettenwiesen, der Klettenbach zeugen davon. In der ältesten Urkunde von 1281 wurde sie als „mons Bihturianus“ bezeichnet, wobei Bihturianus von der ungarischen Bezeichnung für Klette abzuleiten ist. Dass der Ort über Weingärten verfügte geht daraus hervor, dass in dieser Urkunde von 1281 Graf Moritz II. Osl (Begründer der Zemendorf – Antauer Linie der Osl) seinen Anteil am Bergrecht in monte Bihturianus circa Mouruch) dem Familienkloster in Csorna schenkte. (BUB II 152, n.211; Literatur: Topographie III/1, S. 105). Das Dorf lag etwa bei der Heroldmühle in Richtung Walbersdorf. Die Siedlung muss um etwa 1400 wüst gefallen sein. Sie gehörte den Osl und den mit ihnen verschwägerten Vati. 1412 verkauften Stefan II. und Johann II. von Vát ihren Besitz in Klettendorf und Zemendorf an Koloman Königsberger. 1412 war Klettendorf nicht mehr bewohnt, da in der Verkaufsurkunde nur mehr Nutzungsrechte, aber keine bestifteten Häuser angeführt werden. Warum fiel Klettendorf wüst? An sich wäre das keine Frage, denn das 14. Jahrhundert war eine Zeit, in der sehr viele kleine Orte aufgegeben wurden – im Gefolge der Pestepidemie, der Klimaverschlechterung und eines Verfalles der Getreidepreise. Das kann es in Klettendorf aber nicht gewesen sein, denn die Pest lag schon lange zurück und die meisten anderen Wüstungen lagen im Getreideanbaugebiet, wobei die Menschen in die größeren Weinbaugemeinden zogen. Klettendorf aber hatte Weinbau. Leonhard Prickler vermutet in der Festschrift Marz, dass die Ursache eine Überschwemmung war und – vielleicht zusätzlich – der Auszug aus einer ungeschützten, an der Durchzugsstraße gelegen Siedlung in die weit sicherere Nachbargemeinde Marz mit ihrer Wehrkirche. So wurde also Klettendorf unter den verschiedenen Besitzern und Nachbarn aufgeteilt. Es gibt ein sehr interessantes Indiz für die Aufteilung. Es sind dies die Flurnamen entlang der Teilungsgrenzen. Dass es an der Ostgrenze sowohl in Loipersbach wie in Schattendorf Langleitner gibt, muss nicht unbedingt viel sagen, denn Leitner war ein überaus häufiger Flurname. Anders verhält es sich mit dem Klinger in Rohrbach und dem Klingler in Loipersbach. Diese Flur durch die die Grenze verläuft, hat mir schon viel Kopfzerbrechen verursacht. Sie muss offenbar einmal zusammengehört haben. Aber was bedeutet der Name? Zufällig ist mir in anderem Zusammenhang eine Familie Kling oder Klinger untergekommen. Es war dies eine Ritterfamilie aus dem Wr. Neustädter Raum – und sie hatte auch andere westungarische Besitzungen wie die meisten Städte und Adelsgeschlechter im benachbarten Niederösterreich. Das waren damals große Weingärten, die nicht selten die damaligen Besitzernamen bis heute tragen. Dafür gibt es dutzende Beispiele. Und der Großteil der Weingärten – auch am Koglberg – war im Besitz von Auswärtigen, darunter auch anscheinend der Besitz der Klinger. Dieser Besitz wurde offenbar bei der Neuordnung des Klettendorfer Gebiets geteilt.

 

Die Thannpeck in Loipersbach

Was wissen wir über die Thannbeck in Loipersbach? Es gibt einen Brief an die Stadt Ödenburg, die einigen Aufschluss gibt. 1465 schreibt Haans Thannpeckh zu Kadelburchk – das wäre nun schon der dritte Johann Thannpeck, der Sohn des oben erwähnten Johann - an seine „lieben nachparen, den erssamen und weissen richter und purgermaister und ratt der statt zu Edenburckh“, in dem er sich beklagt, „das dy pawren von Agendorff Sand Michels dinst und czynns nicht haben wellen ausrichten meinen Richter zw Lepelsbach“. Daraus geht hervor, dass 1465 nicht nur Loipersbach sondern zumindest teilweise auch Agendorf im Besitz der Karlburger war. Vermutlich war Agendorf oder ein Teil davon an Hans Thannpeck verpfändet. Dass „Dienst und Zins“, also die grundherrschaftlichen Abgaben, nach Loipersbach abgeliefert werden sollten lässt vermuten, dass es hier zumindest einen Herrschaftshof gab. Auch sonst standen die Thannpeck in regem Briefverkehr mit der Stadt. Sie hatten der Stadt mehrmals Beistand geleistet. So bat er etwa schon 1408 Johann Thannpeck der Ältere die Stadt, ihn bei der Eintreibung einer Schuld seiner Tante, der „Muemen di Leopoltin““, die in der Stadt lebte, zu helfen. Die Schuld war beträchtlich, sie betrug 150 Gulden. Die Muemin war offenbar nicht zahlungswillig, denn noch Johann II. hatte mit ihr Probleme. Johann (III.) ist 1465 zuletzt nachgewiesen. Er starb offenbar ohne Erben. Seine Schwester Margaretha war anscheinend schon früher gestorben. Da die Karlburger das Recht hatten, ihren Besitz auch in weiblicher Linie zu vererben, folgte seine Schwester Magdalena und deren Gemahl Ambrosius oder Blasius Jolath de Jaár. Er wurde auch Barocz genannt. Davon leitete sich vermutlich eine nur einmalig in einer Urkunde aufscheinende Bezeichnung für Loipersbach ab, nämlich Baruth (Baruth seu Loipersbach).Probleme gab es, da ein anderer Karlburger, der ebenfalls Johann hieß und ein Sohn des Georg Tompek von Schlaining war, das Erbe beanspruchte und die Güter der Magdalena besetzte. Es kam zu einem Prozess, der sich lange hinzog und auch noch die Nachkommen der Magdalena beschäftigte. Letzten Endes hatten aber die Schlaininger keinen Erfolg. Es begann die Aufteilung des Besitzes unter männlichen und weiblichen Nachkommen, an der immer mehr ungarische Kleinadelsgeschlechter beteiligt waren. Sie stritten schließlich um das Erbe und führten zahlreiche Prozesse. Magdalena hatte zwei Söhne, die offenbar schon früh starben. So erbten ihre beiden Töchter Ursula und Barbara. Barbara war schon 1503 Witwe. Ursulas war mit Wolfgang Jósa von Vassan, der sich später „de Sávoly“ nannte. Sie hatten sechs Kinder, von denen aber nur zwei überlebten. Stephan und Ursula II. Auf Grund eines königlichen Mandats von 1502 nahm am 7., 9., 10. und 11. Mai 1503 der Konvent der Kreuzritter von Stuhlweißenburg zusammen mit königlichen Kommissaren die Besitzeinführung der Ursula I. Jolath mit ihren Söhnen und Töchtern in Burg und Herrschaft Karlburg, in Gols und anderen Besitzungen, darunter auch Teile von Walbersdorf und Loipersbach vor. Stephan und Ursula II. waren mit den Geschwistern Anna und Ambrosius Kolos von Néma (aus dem Komitat Komorn) verheiratet. Beide Ehepaare hatten zahlreiche Nachkommen und damit beginnt die Sache unübersichtlich zu werden. Den Hauptzweig setzte Wolfgang II. Josa fort, über die Töchter kamen die Rauscher von Gattendorf, die Rumy und Esterházy in die Verwandtschaft, über eine andere Linie die Darabos von Nadasd, über die Kinder der Ursula II. Georg Hathalmi von Dalka, ebenfalls mit zahlreichen Nachkommen. Sie alle forderten ihre Anteile am Erbe der Karlburger. Den Hauptanteil an Loipersbach dürften die Nachkommen des Josa de Savoly besessen haben. 1546 verkaufte schließlich Wolfgang II. seinen Anteil an Loipersbach an Jakob von der Dürr um 880 Gulden. Diesem Verkaufsgeschäft schlossen sich seine Schwestern Barbara, die mit Sebastian Rauscher verheiratet war, seine Schwester Margaretha und seine Tochter Ursula III. an. Gegen den Verkauf protestierten 1550 Elisabeth und ihr Gemahl Georg Hathalmi und die anderen Verwandten Wolfgangs II., weil der Verkauf ohne ihre Zustimmung erfolgt war. Diese Verwandten hielten ihre Besitzansprüche bis in das 18. Jahrhundert aufrecht – gegenüber dem neuen Grundherrn von Loipersbach, die Stadt Ödenburg. Was die Aufsplitterung für Loipersbach bedeutete, ist schwer zu sagen. Ich nehme an, dass es nicht allzu viele Konsequenzen hatte. Vermutlich war es für den jeweiligen Richter nicht einfach, die Abgaben einzufordern und abzuliefern, vor allem dann, wenn diese nach Karlburg gebracht werden mussten. Die Robot beschränkte sich wahrscheinlich auf die Herrschaftsfelder im Dorf. Auf Abgaben und Robot komme ich später noch zurück.

 

Die mittelalterliche Kirche

Wie ich bereits angedeutet habe wäre es möglich, dass in Loipersbach neben der Kirche von Marz eine der ältesten Kirchen im ganzen Gebiet stand. Es könnte schon in der Zeit vor der Eroberung des Gebietes durch die Franken eine kleine Missionskirche der slawischen Siedler am Aubach bestanden haben. Dafür spricht das Peter-Pauls-Patrozinium der alten Kirche im Friedhof. Peter-Paulskirchen findet man im Missionsgebiet Salzburgs. Freilich ist dies nur Spekulation. Löger berichtet in seiner Heimatkunde des Bezirkes Mattersburg, dass die Kirche im Friedhof schon 1253 zu Ehren der Apostel Petrus und Paulus geweiht worden ist. Leider gibt er nicht an, woher er diese Information hat. Wenn sie stimmt wäre Loipersbach tatsächlich eine sehr alte Kirche und Kirchengemeinde. Das Loipersbach aber schon früh eine eigenständige Pfarre war ist aber nicht zu bezweifeln. Zwei Testamente aus dem Ödenburger Stadtarchiv geben uns Nachricht: 1481 vermacht ein Peter Heyschreiber von Mörbisch seiner Frau unter anderem eine Wiese „gen Leopersdorf zu Sand Peter“ (Hazi II/1, S.203) und aus dem Jahre 1525 ist sogar der Name eines Pfarrers bekannt. Er hieß Lasla (Ladislaus). Pankratius Frank, ein „layprister“ der Diözese Raab und ein Benefiziat in Ödenburg vermacht in seinem Testament dem Herrn Lasla einen lederbraunen rauen Rock. (Hazi II/2, S.2). Im Jahre 1466 wird dann die Martinskirche im Dorf gebaut, da der Weg in die Bergkirche im Winter zu mühsam war. Auch diese Jahreszahl ist quellenmäßig nicht bezeugt. Diese Jahreszahl wird erst in einem Visitationsbericht von 1713 erwähnt. Mit Sicherheit bestand sie aber 1498. In diesem Jahr kaufte Loipersbach in Ödenburg 1000 Stück Pflasterziegel. Diese können nur zur Ausstattung der Kirche gedient haben. Die Kirche wurde laut katholischem Visitationsbericht von 1713 unter dem evangelischen Pfarrer Christoph Schwaiger 1513 vergrößert. Wo genau die Kirche stand ist nicht bekannt. Sie befand sich jedenfalls in der Nähe des Baches, da sie später durch eine Überschwemmung verwüstet wurde. Wie die beiden Kirchen aussahen können wir aus einem späteren Bericht, dem Visitationsbericht von 1674, also kurz nach der Rückgabe an die katholische Kirche, uns einigermaßen vorstellen. Die Kirche war etwas eng, aber lang, der Altarraum war gewölbt, das Kirchenschiff flach gedeckt. Es gab eine bequeme, ebenfalls gewölbte Sakristei, eine Kanzel aus Stein und einen Altar. Die Kirche hatte ein kleines Holztürmchen mit einer Glocke, die aber nach Meinung der Visitatoren nicht geweiht war. Die Peter- und Paulskirche lag mitten im Friedhof, der von einer Mauer umgeben war. Es ist also möglich, dass die Peter- Paulskirche ursprünglich auch Wehrfunktion hatte. Auch in dieser Kirche war das Sanktuarium gewölbt, das Schiff flach gedeckt. Es gab eine primitive Kanzel. Der Pfarrhof war schön und wurde damals auch von einem Pfarrer bewohnt. Vorübergehend war ja Loipersbach die Pfarre, Agendorf war Filiale. Die Kirche war damals ganz gut ausgestattet. Sie besaß drei Weingärten und 10 Joch Acker. Der Pfarrer hatte das Recht, zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten je 8 Tage Wein auszuschenken.

 

Der Streit um das Hochgericht und das Rechtswesen

Nicht nur um den Besitz von Loipersbach wurde gestritten. Es kam noch eine weitere Auseinandersetzung dazu, mit der Herrschaft Mattersburg-Forchtenstein. Es ging dabei um das Hochgericht.Dazu muss man folgendes wissen: Die Gerichtsbarkeit war zweigeteilt. Die niedere Gerichtsbarkeit hatte der Dorfrichter. Er entschied in kleineren Fällen, die tagtäglich im Dorf anfielen, bei Streitigkeiten zwischen den Dorfbewohnern und Verstößen gegen die öffentliche Ordnung. Maßgebend war das Gewohnheitsrecht. Erst gegen Ende des Mittelalters wurde dieses in so genannten Weistümern oder Banntaidingen aufgezeichnet. Die zweite Ebene war das Hochgericht, Blutgericht, das über schwerere Fälle, über Vergehen, auf die die Todesstrafe stand, entschied.Loipersbach gehörte das ganze Mittelalter hindurch zum Hochgericht und zur Vogtei Forchtenstein. Die Loipersbacher mussten jährlich 20 Metzen „Vogthabern“ entrichten und auch bei jeder Hinrichtung bezahlen. Nach dem Urbar von 1526 musste jedes Haus einen Kreuzer zahlen. Das Hochgericht, der Galgen, stand auf einem Hügel, den man im Volksmund noch heute den Galgenberg nennt – am Weg Richtung Sigleß entlang des Weidabaches, auf der linken Seite. Alle Malefizpersonen, die im Bereich des Landgerichtes aufgegriffen wurden, mussten spätestens am dritten Tag dem Landgericht zur Verurteilung übergeben werden. Im 16. Jahrhundert wurde die Landgerichtsordnung Ferdinands I. für Niederösterreich übernommen. Ihr entsprach die 1559 vom Pfandherrn Hans von Weispriach erlassene „Policey“. Den Vorsitz im Landgericht hatte der Pfleger der Herrschaft mit 12 Beisitzern, darunter auch Vertreter der benachbarten Märkte und Städte. Aus diesem Gericht entstand später die Einrichtung des „Gegendrichters“. Dieser war meist der Marktrichter von Mattersdorf. Später führte der Hofrichter den Vorsitz. Im Gericht saßen Vertreter des Komitatsadels, Beamte und Vertreter der Freistädte. In die Zuständigkeit des Hochgerichtes fielen schwere Verbrechen, die bei einer Verurteilung mit dem Tod bedroht waren, zum Beispiel Hexerei, Kindesmord und Kindesweglegung, Mord, Raub und Einbruch, Brandstiftung. Aus Loipersbach ist kein Hexenprozess bekannt. In Ödenburg kam es häufig zu Beschuldigungen wegen Hexerei. In den meisten Fällen wurden die Beschuldigten aber gegen eine hohe Kaution und gegen Bürgschaften wieder frei gelassen. Aus dem Jahre 1529 ist ein Hexenprozess aus Ödenburg bzw. Schattendorf bekannt, den Frau Dr. Fertl in der „Pforte“ bearbeitet hat. Ein Kuhirt namens Bernhardt wurde „peinlicher Frag“, also der Folter, unterworfen und gestand, unter anderem, das er den damaligen Bürgermeister Christoph Grätzer bedroht hatte und diesem aller ärgste Zauberei angedroht hatte. Der Bürgermeister hatte ihn wegen Faulheit gestraft und geschlagen. Dem Viehhirten wurden mehrere weitere Schadzauber zur Last gelegt, unter anderem das „Wolfsbannen“. Er soll Macht über die Wölfe besessen haben und diese auch auf die Kühe des Schattendorfer Hirten gehetzt haben. Aber auch andere, eher kriminelle Machenschaften waren im Spiel. So soll er zwei Kühe aus dem Besitz der Juden verkauft haben, am selben Tag als die Juden aus Ödenburg vertreiben wurden. Einigen Frauen aus Ödenburg gab er Tipps für Zaubereien. Bernhardt wurde 1529 verbrannt. Als Loipersbach zur Herrschaft Ödenburg kam, verlangte ab 1575 auch die Stadt diese Abgaben. Auch Ödenburg hatte die Hochgerichtsbarkeit schon lange inne. Die Forchtensteiner wollten nicht nachgeben, der damalige Pfandinhaber bedrohte den Loipersbacher Richter und wandte gegen ihn auch Gewalt an. Er war wahrlich nicht zu beneiden. Zur Klärung der Rechtssituation entsandte die niederösterreichische Kammer, der Forchtenstein unterstand, eine Kommission, die aber ohne Ergebnis zurückkehrte. 1581 wurde erneut eine gemischte österreichisch – ungarische Kommission eingesetzt, die aber wahrscheinlich überhaupt nicht in Aktion trat. Stillschweigend wurde allmählich das Recht Ödenburgs anerkannt. Das Gerichtsgeld, das vor 1575 von 42 Häusern entrichtet wurde, wurde nun nach Ödenburg gezahlt (Topographie III/1, S.145, Hofkammerarchiv Forchtenstein F12, fol. 659 ff. vom 28.10. 1581). 1589 wurde Loipersbach aber noch immer zum Landgericht Forchtenstein gezählt. Die Belästigung des Loipersbacher Richters musste sogar vom König untersagt werden. Der Dorfrichter wurde von den Besitzern der Hofstellen gewählt. Der Grundherr schlug meist drei Kandidaten vor. Einer davon wurde gewählt, die zwei anderen wurden Geschworene. Dazu kamen zwei weitere, von der Gemeinde gewählte Geschworene (“Vierer“ oder auch Bürger) Die Richterwahl konnte nicht abgelehnt werden. Der Richter war von den grundherrschaftlichen Abgaben befreit. Er hatte eine höchst undankbare Aufgabe. Neben der „Rechtsprechung“ war er auch für das Einsammeln der Abgaben und die Einteilung der Robot zuständig. Für die Angelegenheiten des Weinbaues war oft ein eigener Bergrichter oder Bergmeister zuständig. Einmal im Jahr wurde ein Banntaiding, eine Art Gemeindeversammlung, abgehalten. Er fand im Frühjahr statt. Es herrschte Anwesenheitspflicht. Dabei wurde die Richterwahl durchgeführt. Der Richter und der Zechmeister – auch der Kirchenzechnmeister – hatten Rechnung zu legen. Beim Banntaiding wurden die Rechtssatzungen und Vorschriften in Erinnerung gerufen. Es war dies uraltes Gewohnheitsrecht, aber immer mehr durch das „gesatzte Recht“, durch die Vorschriften der Grundherrschaft ergänzt. Ab dem 16. Jahrhundert wurden diese aufgeschrieben und vorgelesen. Strafen und „Wandl-Gefälle“ hatte der Richter an die Grundherrschaft abzuliefern. Gab es in einem Dorf mehrere Grundherrn hatte jeder seinen eigenen Richter. Bei Angelegenheiten, die das ganze Dorf betrafen, entschied derjenige, der die Dorfobrigkeit innehatte. Das war meist der mit dem größten Besitzanteil. Der Richter wurde geschützt: Wer einen Richter schlug zahlte 32 Gulden, wer einen Geschworenen schlug, die Hälfte. Wer sie in ihrer Ehre schalt wurde ebenfalls mit 32 Gulden bestraft. Ein früher Forchtensteiner Banntaiding ist erhalten und gibt uns Aufschluss über das Zusammenleben der Menschen und auch über das Verhältnis zur Herrschaft. Dieses Dorfrecht hat in ähnlicher Form in den meisten Herrschaften gegolten, und zwar bis in das 18. Jahrhundert. Zur Illustration einige dieser Rechtssätze:Richter, Geschworene und Gemeinde wurden zur Furcht Gottes, zu einem ehrbaren christlichen Lebenswandel und zu friedlichem Zusammenleben ermahnt. Fleißiger Besuch der Gottesdienste wurde gefordert. Fluchen wurde bei Strafe verboten. Auch übermäßiger Kleiderluxus war untersagt, bei Hochzeiten und anderen Festen sollte Mäßigkeit herrschen, „übermäßiges“ Trinken, unzüchtige Gespräche und Lieder und Spielen waren verboten. Bei übermäßigem Trinken fürchtete man vor allem das unvorsichtige Hantieren mit Licht und die daraus entstehende Feuergefahr. Wache und „Gute Ordnung“ sollte an Kirtagen, bei Massenaufläufen und Feuersbrünsten gehalten werden. Hohe Strafen (32 Gulden) standen auf das Ablegen eines falschen Zeugnisses, auf Bürgschaften ohne Zustimmung der Herrschaft und auf das Versetzen von Hotter- und Grenzsteinen. Darauf stand die Todesstrafe – oder 32 Gulden und Verweis aus der Herrschaft. Unehrbare, leichtfertige und unzüchtige Frauen, die sich in den Wiertshäusern und im Dorf aufhielten, mussten vom Dorfgericht festgenommen werden. Diejenigen, die unehelich zusammen lebten oder „Hurerey brauchen“ mussten angezeigt werden und wurden mit 32 Gulden bestraft. Inwohner (Holden, Hulden) mussten bei ihrem Quartiergeber „anvogten“, ihr Hausherr war für sie verantwortlich. Fremde durchreisende Personen müssen beobachtet werden. Wo Deutsche wohnen sollen keine Kroaten angesiedelt werden. Wer einem anderen einen Dienstboten abwarb zahlte Strafe. Für gleiche Arbeit musste gleicher Lohn bezahlt werden. Ebenso zahlt jemand, der eine Arbeit zugesagt hat, diese aber dann nicht verrichtete, Strafe. Wer ein Schwert, Messer oder andere Waffe zückte oder wer auf jemanden wirft oder schießt zahlt 32 Gulden, wer eine verbotene Waffe trägt 72 Denare und die Waffe wird beschlagnahmt. Wer jemanden aus seinem Haus im Zorn herausfordert zahlt 32 Gulden, ebenso wer jemanden wund schlägt, Wer mit jemanden rauft oder ihn schlägt zahlt 5 Gulden. Hier wich das Landseer Urbar, das für Rohrbach gültig war, ab: Dort heißt es, dass jemand, der während der Kirtagsfreiung Blut vergießt, 32 Gulden zahlen muss. Hier hat man die Strafe wohl den örtlichen Verhältnissen angepasst. Ebenfalls 5 Gulden zahlt, wer Mutwillen treibt, Fenster oder Türen einstößt, in ein Haus einsteigt oder an den Fenstern horcht. Wer stiehlt wird gehenkt. Wer Hühner oder „gemeinen schlechten Hausrat“ entfremdet, zahlt 5 Gulden.
Besonderes Augenmerk wurde auf die Feuerstätten gelegt. Die Feuerstätten mussten monatlich besichtigt werden, schlecht gehaltene wurden niedergeschlagen. Die Dorfbewohner waren zur Nacht- bzw. Feuerwache verpflichtet, wer die Wache faul verrichtete zahlte Strafe und kam für den Schaden auf. Wer bei einer Feuerbrunst nicht hilft zahlt dem Abbrändler und auch dem Richter Strafe, wer bei einem Brand etwas stiehlt verliert Gut und Leben.

Herrschaft:


Schlechtes Wirtschaften
Die Arbeit auf den Feldern und in den Weingärten musste vom Dorfgericht überwacht werden. Wer schlecht wirtschaftete musste angezeigt und eventuell abgestiftet werden, verlor also seine Ansässigkeit. Wenn das Vieh jemandem Schaden anrichtete muss für den Schaden zahlen oder das Vieh wurde ihm weggenommen. Wer über den Rain mäht oder pflügt zahlt für jede Furche oder Maht und ist außerdem als „schädlicher Mann“ anzusehen. Zehent: war der zehnte Teil der Ernte und stand grundsätzlich der Kirche zu, wurde aber oft vom Grundherrn gepachtet. Die tatsächlichen Abgaben lagen meist weit unter 10 %. In der Herrschaft Forchtenstein war die Sache so geregelt, dass der Getreide- und Weinzehent von den beiden besten Höfen der Herrschaft, der Rest dem Bistum Raab zustand. Für einen Eimer Most mussten 62 Denare, für einen Schober Getreide 22 ½ Denare bezahlt werden. Die Robot war grundsätzlich ungemessen. Jeder musste, wann immer es verlangt wurde, roboten. Die Robot konnte, wenn die Herrschaft einverstanden war, auch in Geld abgelöst werden. Üblich waren 12 Tage Zugrobot oder 12 Tage Handrobot. Die Herrschaft musste Essen und Trinken zur Verfügung stellen. Zur „gehenden Robot“ hatte man einen tauglichen starken Arbeiter, zur „fahrenden Robot“ einen guten Zug und starken Wagen zu schicken. Der Richter oder ein Geschworener sollten das überprüfen und hatten bei der Robot anwesend zu sein. Neben der Robot für den Grundherrn gab es auch Gemeinderoboten, die der Erhaltung der Wege, Stege und Brücken dienten. Todfall: In der von Hans von Weispriach 1559 erlassenen Policey wurde bestimmt, dass Todesfälle sofort dem Pfleger oder Schaffer zu melden seien Wenn jemand stirbt ist die vorgesehene Gebühr innerhalb eines Jahres zu entrichten.. Die Vorgangsweise beim Tod eines Menschen war strikt geregelt. Der Richter hatte das Vermögen festzustellen und zu sperren. Für unmündige Kinder waren Gerhaben (Vormunde) zu bestellen, die jährlich Rechnung über das Vermögen ihrer Mündel zu legen hatten. Weispriach setzte fest, dass – wenn in den nächsten 3-4 Jahren keine Verheiratung zu erwarten war, der Besitz den nächsten Verwandten angeboten wurde. Wurde der Besitz verkauft wurde das Geld vom Schaffer treuhänderisch verwaltet und als Darlehen zu 5 % Zinsen ausgegeben. Bei Volljährigkeit wurde dann das Geld mit Zinsen übergeben. Für Waisen knapp vor der Volljährigkeit wurde nur die fahrende Habe verkauft, das Geld angelegt. Der Gerhab musste die liegenden Güter zur Bearbeitung übernehmen und jährlich dem Pfleger Rechnung legen. Wollte eine Waise oder eine Witwe heiraten musste die Herrschaft zustimmen. Abzug, Zuzug, Taxen
Ebenso musste bei Käufen. Eintragungen ins „Grundbuch“ und Streichungen bezahlt werden. In dieser Zeit, um 1600, begann man mit der Anlage von Grundbüchern. Prinzipell waren die Bauern nicht schollengebunden, sie konnten also ihre Ansässigkeit verlassen. Für „An- und Abfahrt“ musste bezahlt werden: Verließ jemand die Herrschaft, war ein Abzugsgeld von 1 Gulden 5 Schilling und 10 Denaren zu entrichten. Blieb er innerhalb der Herrschaft, waren 3 Kreuzer Abzugs- und Einschreibgeld fällig. Alle Veränderungen wurden auf den Banntaidingen ausgerufen.Für die Ausstellung von Bescheinigungen wurden feste Taxen eingehoben, etwa für ein Testament ein Schilling, für eine Waisenhandlung vier Schilling. Bei den Banntaidingen waren Vertreter der Grundherrschaft anwesend. Sie mussten ja auch die Richterwahl sanktionieren. Dafür bekamen sie Diäten. Die Dörfer beklagten sich oft darüber, dass diese Herrschaften viel verzehrten und hohe Kosten verursachten. Wildbann und Fischereirecht wurde ebenfalls im Urbar geregelt. Auf Wilderei standen hohe Strafen, 32 Gulden. Ebenso viel zahlte derjenige, der wildernde Hunde hielt. Brennholz wurde von der Herrschaft für den Eigenbedarf zugewiesen. Manchmal wurden Bannwälder dafür ausgesteckt.
Das Schlagen von Holz ohne Genehmigung oder gar dessen Verkauf wurden schwer bestraft. Gemeindefinanzen:
Am Banntaiding musste jährlich über das Zech- (also Gemeinde-) vermögen Rechnung gelegt werden, ebenso über das Kirchenvermögen. Dafür war der Zechmeister zuständig.Handel
Jeder Kauf und Verkauf musste der Herrschaft gemeldet werden. Den Untertanen war der Zwischenhandel (Fürkauf) verboten. Auch hohe Schulden an Auswärtige fürchtete man, weil dann oft Mitbewohner, Mitnachbarn haftbar gemacht und gepfändet wurden. Beim Weinausschenken hatte der Richter für Ordnung zu sorgen. Zur gleichen Zeit sollten nicht mehr als ein oder zwei Häuser „leutgeben“. Fleisch muss zu den festgesetzten Preisen verkauft werden. Kein Fleischhauer darf ohne Wissen der Herrschaft schlachten („aushacken“). Auf das richtige Getreidemaß, Weinmaß sowie Ellenmaß ist zu achten (Zimeter). Weingarten-, Lese und Schnittordnungen
Neben den für alle gültigen Rechtsbereichen gab es auch solche, die nur für einen bestimmten Personenkreis galten. Die wichtigsten waren Bergordnungen, Lese- und Schnittordnungen, Waldordnungen und Zunftordnungen.

Der Weinbau

Der Weinbau war für die Loipersbacher überaus wichtig. Er wurde äußerst intensiv betrieben. Nach Berechnungen von Dr. Prickler waren 17 % der Nutzfläche mit Reben bepflanzt. Loipersbach wurde damit nur von Forchtenau, Marz und Walbersdorf übertroffen. Es gab zwei Weinbaugebiete. Seit dem Mittelalter die „Petterer“. Dort waren noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts Weingärten vorhanden. Wahrscheinlich war er damals aber bereits am Ende, denn es wurde im „Peterer“ bereits Vieh geweidet, das über die brüchige Friedhofmauer immer wieder in den Friedhof einbrach und die Gräber verwüstete. So wurde dort die Viehweide verboten. Das Hauptweinbaugebiet war am Kogelberg. – In Jahre 1767 1652 Pfund (auch Tagwerk oder Kräften genannt) . Ein Pfund umfasste 60 bis 80 Klafter, ein Klafter 3,57 a. Mitte des 16. Jahrhunderts kam es zwischen den beiden Draßburger Gemeinden und den Loipersbachern es zu Grenzstreitigkeiten. Die Draßburger hackten 16 Weinbauern von Loipersbach 66 Weinstöcke und 21 Hecken aus. Schlimmer waren die Streitigkeiten der Schattendorfer mit den Draßburgern, dort ging der Streit bis zum Blutvergießen und Totschlag.Maßgebend für den Weinbau war die Bergordnung (Weingartenordnung). Ödenburg erließ seit 1545 jährlich Bergordnungen (Stadtarchiv Lad. XXXIII et HH, Fasc.2, Nr.18). Es wurden jährlich ein Bergrichter und vier Berggeschworene gewählt, und zwar von allen Weingartenbesitzern, einheimische wie auswärtige, ja sogar Adelige und Klöster. Die Bergrichter waren zuständig für Grenzstreitigkeiten, Trauben- oder Steckendiebstahl und Überwachung der Leseordnung, der Arbeitslöhne. Die Lohnsatzungen wurden in Zusammenarbeit der Herrschaften und Städte festgelegt. Von den Strafen bekam ein Drittel die Herrschaft, ein Drittel der Richter und ein Drittel der Bergrichter. Die Leseordnung wurde von der Grundherrschaft jährlich festgelegt. Die Lese war zeitlich gestaffelt: am ersten Tag wurde für die Herrschaft gelesen, am 2. Tag für die Mitglieder des Berggerichtes, am dritten Tag für die Einheimischen, am vierten Tag für die Auswärtigen. So konnte das Arbeitskräftepotential besser genutzt werden. Die Löhne wurden von der Obrigkeit festgelegt. Ab 1595 erließ die Stadt auch eine Hüterordnung. Ähnlich strikt waren auch die Schnitterordnungen, die hauptsächlich die Löhne regulierten. Entlohnt wurde anteilsmäßig (jedes 9. bis 12 Mandel, Schober) oder nach Tagwerk oder nach Fläche. Entlohnt wurde entweder „zur Speis“ oder „zur Dörr“. Das Dreschen wurde von den Bauern selbst besorgt, auf den Gutshöfen wurden per Kontrakt Drescherpartien unter einem Tennmeister angestellt, die ebenfalls einen Anteil am Ertrag bekamen (jeden 10. bis 12. Metzen. An Abgaben waren der Zehent und das Bergrecht zu leisten. In Jedem Weingebirge errichtete die Herrschaft eine Hütte, wo die Abgaben einkassiert wurden. Im Jahre 1753 hatten die Loipersbacher 37 Eimer und 68 Halbe Bergrecht abzuliefern. Der Eimer war ein sehr unterschiedliches Maß, nahezu jede Herrschaft und jede Stadt hatte ihr eigenes Eimermaß. Der Ödenburger Eimer umfasste etwa 72 Liter. Die Loipersbacher hatten ihr eigenes Maß, den „Loipersbacher Bergeimer“ mit 66,138 Liter. Die weiteren Maße waren 1 Pint (1,7 bis 1,8 Liter) die Halbe (0,85 – 0,9 Liter) und das Seitel (0, 42 bis 9,45 Liter). Die Arbeitsvorgänge im Weinbau haben sich vom Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert kaum verändert. Sie wurden im "ordinari Bau" festgehalten und reglementiert. Die erste Arbeit im Frühjahr, bevor die Reben in Saft gingen, war der Rebschnitt mit dem Rebmesser. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Rebmesser von der Rebschere abgelöst. Gleichzeitig erfolgte das "Gruben", wobei die Rebe eines alten Stockes in den Boden eingelegt wurde und dann zu einem neuen Weinstock austrieb. Dann wurde der Dünger ausgebracht, an den steilen Hängen eine sehr schwere Arbeit, und es wurden die Stecken geschlagen, die man im Herbst herausgezogen hatte, um ihre Haltbarkeit zu verlängern. Die Reben wurden mit Stroh an den Stecken fixiert. Schwere, meist von Männern ausgeführte Arbeit war das Hauen, das dreimal im Laufe des Jahres erfolgte: das Fastenhauen, das Band- und das Jathauen. Die "Grünarbeit“ war meist Frauenarbeit: Binden, Jäten (Beseitigung von Geiztrieben). Traten Schädlinge, "Käfer", auf, mussten diese mit der Hand abgesammelt werden. Spritzmittel gab es natürlich noch nicht. Der Lesetermin wurde jedes Jahr in einer "Leseordnung" festgelegt, an die man sich strikt zu halten hatte. In den meisten Weingebirgen gab es eine Hütte, in der Herrschaftsangestellte das "Bergrecht" und den Zehent in der Form von Most einzogen. Die Herrschaften brachten ihre Ernte und die entsprechenden Abgaben der Bauern in die Herrschaftskeller
Rebsorten
Die heute dominierenden Sorten, vor allem der Blaufränkische, setzten sich erst um 1900 durch. Bis ins späte 19. Jahrhundert dominierten die Weißweinsorten. Die "Direktträger" (Selbstträger, etwa "Uhudler") sind keineswegs "alte" Sorten. Sie waren bis Ende des 19. Jahrhunderts völlig unbekannt und wurden erst aus Amerika eingeführt, nachdem die Reblaus die alten Kulturen vernichtet hatte. Sie wurden dann ausgepflanzt, wenn sich die Weinbauern die hohen Kosten der Umstellung, der Veredlung auf amerikanische Unterlagsreben, ersparen wollten.
Zu den alten Edelsorten gehörten in erster Linie der Zapfner (Zapfeter, Gmainer, Furmint, Mosler), nach der zapfenförmigen Gestalt der Beeren benannt. Aus Zapfner wurde in besonders guten Jahren Ausbruch hergestellt, vor allem in den gutsherrlichen Betrieben, die sich das hohe Risiko einer späten Lese leisten konnten. Der Zapfner wurde nahezu ausschließlich für den Verkauf in die Oberländer verwendet. Die "Leseöffnung" durch Grundherrn und Berggericht erfolgte früher zumeist erst in der zweiten Oktoberhälfte. Stark verbreitet war auch der früh reifende "Augster" (von August), der in einer Vorlese eingebracht wurde, ferner die Muskateller, die Meier-Traube (Weirer oder Majorantraube), die "Weißen", die "Krämler", die "Gässler" und die "Lombarden" ("Geißduttel"). Letztere wurden als Speisetrauben verwendet. Als weniger wertvolle Massenträger, die dem Eigenbedarf von Besitzern und Taglöhnern dienten, werden die Sorten "Silberweiß", Grüner Muskateller und Grober Reifler genannt. Rotwein wurde nur in geringen Mengen und in besonders guten Jahren erzeugt. Die Herstellung von Gewürzweinen (Kräutlwein) mit Verwendung von Wermut, Alant, Salbei u.a. in geringen Mengen zu medizinischen Zwecken ist etwa in der Eisenstädter Schlosskellerei seit dem frühen 17. Jahrhundert nachweisbar.
Die Einwohner und die ersten Familiennamen
Die Bewohner von Loipersbach waren im Mittelalter deutsche Zuwanderer, vielleicht auch noch einige Familien der altslawischen Vorbevölkerung, die aber wahrscheinlich rasch eingedeutscht wurden. Wenn wir von 12 bis 20 Häusern bzw. Ansässigkeiten ausgehen und vielleicht noch etwa 3 Söllnerhäuser dazunehmen betrug die Einwohnerzahl so etwa um die hundert Personen. Wir können aber davon ausgehen, dass sich die Bevölkerung noch im 13. Jahrhundert rasch vermehrte und die Höfe erstmals geteilt wurden. Es wurde schon damals weiter gerodet. Rodungsäcker sind in Agendorf im 13. Jahrhundert bezeugt. Vor allem der Zugewinn des großen Weingebirges hat mit Sicherheit eine Bevölkerungsvermehrung ausgelöst. Der Weinbau war ja sehr arbeitsintensiv.
Leider sind aus dem 14. Jahrhundert noch keine Familiennamen erhalten. Anders als in Agendorf wurden bei den Teilungen die Namen der Bauern nicht aufgeführt. In Agendorf sieht man sehr schö,dass die Familiennamen damals noch nicht üblich waren; Da gab es einen Radalfus (Rudolf), Thomas, Sebastian Wagner und Stefan Gregor, einen Heinz und Peter, einen Uleng (Ulwin), Sebastian und Nokolaus. Aus einer anderen Urkunde von 1369 kenne wir einen Johannes carnifex (=Fleischhauer), Stephanus Chun, Hermann Payor (Bayer), Johannes Gruabar, Sedul (=Sedel), Leukul, Humsyn, Herman Frank, Sympul (Simpel), Saydul (Seidel). Noch früher, 1349, werden ein Kornphok und 1356 ein Basnar (Wasner) erwähnt. Aus den Namen geht ziemlich eindeutig hervor, dass das Dorf nahezu ausschließlich von Deutschen besiedelt war. Nur ein Petrus Kopaz könnte ungarischer Herkunft gewesen sein.

Die ersten Loipersbacher Familiennamen

stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind ausschließlich in Ödenburger Dokumenten überliefert. Der Stadtschreiber Hanns Ziegler legte in Verzeichnis von in den Jahren 1453 bis 1455 nach Ödenburg „geflüchteten“ Weinen an. Der Wein wurde also in der sehr gefährlichen Zeit, als die Orte immer wieder von Söldnerbanden geplündert wurden, in die Stadt in Sicherheit gebracht und bei den Bürgern eingelagert. Dafür musste natürlich eine Gebühr bezahlt werden (meist drei Denare oder Pfennige pro Eimer. Die Loipersbacher hatten insgesamt immerhin 172 Eimer eingelagert. Folgende Namen werden aufgezählt: Gengel Grumatschober, Kristan Krewß, Pek Paul, Pek Nikel, Anre Reus, Mert Reich, Sewnreich, Peter Hekel, Francz Weiß, Peter Steiner, jung Stainpeter, Jorg Pek, Steffan Veldner, Pangrecz, Erhard Halbax, Hemrel. Dass Loipersbacher Bauern auch Weingärten in Ödenburg hatten geht aus einem Abgabenverzeichnis von 1459 hervor (Hazi II/4, S.104 ff): (Vermerckt der anslag pey der Wintmill im LVIIII. Jar): Der „Peck von Lewpwlsbach“ für 2 Eimer 8 Denare (Pfennige), weiters der Larencz Peczenher, der Hyetter Hanns, der Cristan Reyter, die Jorg Krawthawerin, der Andre schuester und der Jorg Prünner, jeweils zwei oder vier Eimer. Im Testament des Wolfgang Paur vom 12. März 1461 werden zwei Bewohner von Loipersbach als Schuldner erwähnt:"Item der Grumatschober und der Früwiert von Leopoltspach sind mir schuldig ir yeder III sol den." (Hazy I/1, S.93)
1463zahlt Jorg Peckh 38 Denare für die Weinabfuhr (Hazi II/4, S.215)Aus dem Jahre 1521 kennen wir einen Philipp Maurer von Leuterspach aus einem Erbschaftsvergleich zwischen dem Bürger Michael Hamer und seinen Verwandten, der vom Stadtrat geschlichtet wurde:
„Zwischen Micheln Hamer, Burger zu Ödnnburg, ains, Vnd mathesn Forchtenawer von Rorbach, thoman Lanndsperger van Märtersdorf, philioon Maurer von Leuterspach vnd Hannsn Maurers von Odnnburg, annderstails, ist Erbschaft halben Durch ainen Ersamen Rat mittl vnd ainigjhait gemacht, wie hernachuolgt, Erstlich ein Weingartten Jm Dorlaß vnd halbs hawß, an der Lanngen Zeil gelegen, sein ledig und frey Micheln Hamer eingesprochen, Vnd dem Anndern tail, obenangezaigt, ist auch halbes hauß, an der Lanngen Zeil gelegen, ainen Weingarten im Jrnfrid, dreu sechzehen tail, vnd fünf Jeuch ägkher, ain Wissen im gaiß graben, stösst an der Colbat Hannsin wisn, sölhs haben Baid parhey guetwillig angenommen.“ (Genkbuch 1492 bis 1543)
Im Geschäftsbuch des Kramers Paul Moritz (1520 bis 1529) wird im Jahr 1529 ein khoch Jockhell Vonn Leopoltz pach als Schuldner erwähnt. (S.68)
Im Ersten Ödenburger Grundbuch werden Loipersbacher mehrmals erwähnt. Im Jahre 1524 im Zusammenhang mit einem Weingartenkauf im Durlas durch die Schattendorfer Hans und Ursula Weber. Hier wird ein Loipersbacher als Nachbar erwähnt. 1550 ging es um einen Hausbesitz in Ödenburg. Coloman schimel, Ödenburger Bürger, seine Hausfrau Anna und ihre zwei Erben kauften ein Haus an der langen Zeil von Thomas Unger anstatt seines Vetters Michael Unger “Zue Leopoltspach“ und „Gertraudten, seiner verlassenen hausFrauen“. Der Käufer musste sich verpflichten, den Weg, der über den Hof führte, weiterhin frei benutzen zu lassen. Besonders interessant ist ein Kaufvertrag aus dem Jahre 1551, also ebenfalls schon aus der Zeit, als Loipersbach zu Ödenburg gehörte. Eustachius peckh von leupolspach und Margaretha, sein hausfrau und ihre beiden Erben kauften von der Stadt Ödenburg „eine öden, genant die Pyniss wissen, czwischen Peter Vnger wissen vnnd Schadendorffer hotter gelegen“. (Erstes Grundbuch Nr 417, 90

Vortrag Ortsgeschichte Loipersbach 3, 27.12. 2015
Loipersbach unter der Stadtherrschaft von Ödenburg Das Leben unserer Vorfahren war ganz entscheidend von der Grundherrschaft bestimmt, von der Höhe der Abgaben, der Robot, von den Zuzugs- und Abzugsbestimmungen, usw. Nicht zuletzt hat die Grundherrschaft auch die Religion der Bewohner bestimmt, Pfarrer und Lehrer eingesetzt, das entscheidende Wort bei der Richterwahl gehabt, Recht gesprochen und Sicherheit geboten durch die Möglichkeit, in der Stadt Zuflucht zu finden. Dieses Verhältnis war nicht immer ganz einfach. Es gab zahlreiche Konflikte. Trotzdem war es wohl in der Summe besser, unter der Herrschaft der königlichen Freistadt zu sein als unter den Esterházy. Die Grundherrschaft dauerte bis 1848, bis zur „Bauernbefreiung“ (Grundentlastung) an.


Die meisten Dokumente, die uns über die Geschichte unseres Dorfes und seiner Menschen Auskunft geben, haben mit der Grundherrschaft zu tun und liegen im Ödenburger Stadtarchiv, das besser erhalten blieb als jedes andere in ganz Ungarn. Nur wenige Bestände sind verloren gegangen. Freilich ist es nicht ganz einfach, sich im Stadtarchiv und im Komitatsarchiv zurechtzufinden. Es sind immerhin etwa 7000 m Akten und Dokumente. Was sind das für Dokumente? Da wären zunächst die Urkunden, die den Kauf unseres Dorfes betreffen, dann Verzeichnisse der Bewohner in Konskriptionslisten und Urbaren. Besonders wertvoll ist das Loipersbacher Bergrechtsbuch, das Verzeichnis der Weingärten am Kogl, die Waisenbücher, eine faszinierende Quelle, über die ich noch sprechen werde. Weitere Dokumente kommen dazu: Briefe und Schuldscheine, Verträge usw. Besonders wichtig sind auch die Bürgerverzeichnisse, die lückenlos erhalten sind und uns zeigen, wie immer wieder auch Bewohner von Loipersbach zu Ödenburger Bürgern wurden. Nahezu alle Familiennamen findet man auch in den Bürgerverzeichnissen.
Neben dem Stadtarchiv ist auch das Komitatsarchiv wichtig, wo die Verwaltungsakten liegen, etwa Schadensverzeichnisse und ähnliches. Das Komitatsarchiv ist im Komitatshaus gegenüber dem Rathaus untergebracht, die Dokumente können im Stadtarchiv eingesehen werden.


Um diese Inhalte geht’s also heute, wobei ich gleich dazusagen muss, dass vieles noch unerforscht ist. Allein um die vielen tausend Seiten der Waisenbücher zu lesen würde man nach meiner Schätzung mehrere Jahre benötigen.
Im nächsten Vortrag im Feber möchte ich über Türken und Kuruzzen, die Pest und Cholera und über Brandkatastrophen sprechen und einen kleinen Einblick in die Schicksalsschläge und in die ungeheuren Grausamkeiten, denen unsere Vorfahren ausgesetzt waren, geben. Im nächsten Jahr geht’s dann – pünktlich zum Reformationsjubiläum - um die Kirchengeschichte, um Reformation und Gegenreformation.
 

Rückblick:

Vor allem für jene, die bei den ersten Vorträgen nicht dabei waren, und um die Vorgeschichte der Herrschaftsübergabe an Ödenburg in Erinnerung zu rufen, darf ich stichwortartig die wichtigsten Stationen wiederholen: Der Großteil des Ortes entlang des Aubaches bewaldet, im Nordteil hingegen, hin zum Kogelberg, uraltes Kulturland – jungsteinzeitl. Siedlung an der Hottergrenze, eisenzeitliche Grabhügel usw. Im Frühmittelalter Eindringen von altslawische Rodungsbauern, im 11. oder 12. Jh. dann die planmäßige Anlage des deutschen Dorfes, das Dorf des Luitpold. 1225 erste Erwähnung von Lupoltsbach im Wald, bald darauf ist Loipersbach im Besitz der Ödenburger Johanniter – Kreuzritter. Im 14. Jahrhundert sind dann die Adeligen von Agendorf, die auch in der Stadt eine wichtige Rolle spielten, Besitzer des Ortes bzw. eines Teiles, daneben aber spielen die Thannbeck von Karlburg eine wichtige Rolle. Im 14. Jh. fiel Klettendorf öde und so kam Loipersbach zu seinem Besitz am Koglberg. Nach dem Aussterben der Karlburger in männlicher Linie fielen ihre Besitzungen, darunter auch Walbersdorf und Loipersbach, an die weiblichen Erben und wurden immer mehr aufgeteilt. Die einzelnen Besitzanteile waren schließlich nicht mehr rentabel, so dass sich immer mehr Familienangehörige entschlossen, zu verkaufen. 1546 verkauften Wolfgang Josa de Savol, seine Schwestern Barbara und Margaretha sowie seine Tochter Ursula ihre Besitzanteile. Die Prozesse um diesen Verkauf zogen sich aber noch über 100 Jahre hin und waren für die Nachkommen der Karlburger letztlich erfolglos.
 

Der gescheiterte Kauf durch Jakob von der Dürr


Der Käufer, der 880 rheinische Gulden zahlte, war Jakob von der Dürr. Von der Dürr war ein alter, erprobter Soldat und Pfandinhaber der Herrschaft Forchtenstein. Er war aber, wie er in einem Brief an den Kaiser schrieb, kränklich. Er wurde auch von einem schweren Schicksalsschlag betroffen. Sein einziger Sohn Hans wurde von einem „ungetreuen Diener“ erschossen. So gab er die Pfandherrschaft Forchtenstein an die Weißpriach weiter. Er behielt aber noch die Kleinherrschaft Petlau mit dem Sitz in Sigleß. Offenbar wollte er diesen Besitz durch den Kauf von Loipersbach abrunden. Gegen diesen Kauf protestierten aber nicht nur die Nachkommen der Thannpeck, sondern auch die königliche Freistadt Ödenburg sofort sehr energisch. Die Stadt machte zwei Gründe für die Unwirksamkeit dieses Geschäftes geltend: erstens war von der Dürr Österreicher, also „Ausländer“ und konnte deshalb keinen Besitz richtiger gesagt, keine Herrschaftsrechte - erwerben und zweitens hatte die Stadt Ödenburg als Nachbar ein Vorkaufsrecht. Von der Dürr musste nachgeben, erhielt die bereits bezahlten 880 Gulden zurück, die in der Propstei von Csorna für ihn hinterlegt wurden. Überbringer war übrigens Erasmus Teuffl, sein Schwager. Dieser war ebenfalls eine recht interessante Persönlichkeit. Auch er war ein tapferer Türkenkämpfer, hatte aber das Pech, in türkische Gefangenschaft zu kommen. Angeblich hat er dabei seinen hohen Rang verschwiegen – was für die Lösegeldforderungen wichtig war. Der Legende nach wurde er deshalb in einen Sack eingenäht und in den Bosporus geworfen.
Ödenburg und seine Grundherrschaft – Überblick
Die Stadt Ödenburg zahlte die 880 Gulden und gelangte so in den Besitz des Dorfes Loipersbach. Noch 1547 bestätigte Kaiser Ferdinand der Stadt den Besitz des Dorfes. Die vielen Prozesse, die von den Nachkommen der Karlburger angestrengt wurden – die als Verwandte ebenfalls ein Vorkaufsrecht beanspruchten – blieben ohne Erfolg. Eine andere Streitfrage, die ich aber schon im vorigen Vortrag behandelt habe, war die um die Blutgerichtsbarkeit, über das Hochgericht, die auch weiterhin von Forchtenstein beansprucht wurde, Es ging dabei auch um die Ablieferung des „Vogthafers“, den Forchtenstein weiterhin verlangte und deshalb den Loipersbacher Richter ziemlich traktierte. Nach langem hin und her, einschließlich kaiserlicher Kommissionen, setzte sich auch hier schließlich Ödenburg durch.
Als Loipersbach 1547 an Ödenburg kam hatte die Stadt bereits eine beträchtliche Grundherrschaft erworben, man könnte sagen zusammengekauft. Sie wie ein adeliger Grundherr durfte auch die königliche Freistadt, die nur dem König unterstand, Herrschaftsrechte ausüben. Zu dieser Grundherrschaft gehörten 1527 bereits sieben Dörfer: Neben Wandorf und Kohlnhof (Kopháza) ab 1325 Wolfs, ab 1385 Mörbisch, ab 1390 Agendorf , 1419 Klingenbach und 1426 Harkau. Das Schicksal dieser 8 Gemeinden war mit dem der Stadt eng verbunden. Die Zugehörigkeit zur Herrschaft Ödenburg hatte Folgen bis in die Gegenwart. Darauf ist letzten Endes zurückzuführen, dass die Stadtdörfer evangelisch blieben – mit Ausnahme von Klingenbach und Kohlhof, wo die Stadt Kroaten ansiedelte. In den Esterhazy – Herrschaften, die das Ödenburger Land umgaben – setzte sich die Gegenreformation durch.
 

Die Stadt Ödenburg  in der frühen Neuzeit


Machen wir einen Blick auf die Stadt in der frühen Neuzeit. Ödenburg war damals eine der größten und reichsten Städte Westungarns. Sie hatte etwa 5000 Einwohner – so viele wie Wr. Neustadt, das im 15. Jahrhundert ja Residenzstadt, Hauptstadt unter Friedrich III. war. Den deutschen Namen Odinburch trug die Stadt seit der Karolingerzeit, also schon lange vor der Einwanderung der Magyaren. Und sie blieb eine deutsche Stadt nicht nur das ganze Mittelalter hindurch bis in das 19. Jahrhundert, Noch 1946, zur Zeit der Austreibung der Deutschen, hatten sie eine leichte Mehrheit.
Die Innenstadt, die alte „Burg“, spielte nur vorübergehend als Befestigung gegen Westen eine Rolle, mit einer entsprechenden Burgbesatzung. Auf die damit verbundenen interessanten Fragen – ebenso wie auf die heikle Frage nach der Entstehung des Namens Sopron möchte ich hier nicht eingehen. Wen es interessiert kann das alles in meiner Geschichte des „Alten Ödenburg“ nachlesen. Das Buch ist vergriffen, aber im Internet, auf der Seite „Ödenburgerland“, sind die Texte und Bilder abrufbar.
Entscheidend für die Bedeutung und den Wohlstand der Stadt war die Lage an der Ödenburger Pforte, an wichtigen Durchgangsstraßen, sowie die Ansiedlung deutscher Hospites im 12. und 13. Jahrhundert. Diese Weinbauern-Wirtschaftsbürger und Handwerker siedelten in den Vorstädten, vor allem in der Wiener-, in der Wolfser- und in der Raaber Vorstadt, noch heute Bohnzüchterviertel genannt. In der Wiener Vorstadt entstand die älteste Kirche, die Jakobskapelle (später Karner) und die herrliche gotische St. Michaelskirche als Friedhofskirche. Die Hauptkirche am Rande der Innenstadt, die Elisabethkirche, wurde vor einer Türkenbelagerung abgerissen. In die Innenstadt wollten diese Wirtschaftsbürger zunächst nicht. Zahlreiche königliche Mandate waren erforderlich, um sie dazu zu bewegen. Es ging dabei vor allem um die hohen Belastungen durch die Stadtbefestigung.


Innerhalb der Stadtmauern wohnten die Patrizier. Das Patriziat entstand aus Adeligen aus der Umgebung, etwa den Agendorfern, den Harkauern, den Schattendorfern. Auch Ulrich von Grafeneck, zeitweise Herr von Baumgarten, erwarb das Bürgerrecht. Die zweite Gruppe waren reiche Kaufleute, etwa die Geißel oder Geißler, die die Franziskanerkirche stifteten (Geißkirche), oder Großgrundbesitzern, die außerhalb der Stadtmauern ihre Wirtschaftshöfe hatten. Aus diesen - sicher nicht mehr als zwei Dutzend – Familien wurden immer wieder die 12 Angehörigen des Inneren Rates „gewählt“, mit dem Bürgermeister und dem Richter an der Spitze. Sie allein hatten in der Stadt das Sagen. Ihnen unterstanden auch die 8 Untertanendörfer, wobei je ein Mitglied des Inneren Rates für ein Dorf zuständig war. Man nannte diese auch die „Grafen“ der Dörfer. Interessant ist, dass diese Patrizierfamilien im Hochmittelalter auf ihren Hofgrundstücken Wohntürme hatten. Inzwischen haben die Archäologen zahlreiche Fundamente solcher Türme festgestellt. Der Wohnturm der Agendorfer lag dort, wo heute das Rathaus steht. Man kann sich das damalige Ödenburg so vorstellen wie etwa heute noch Regensburg oder San Giminiano, wobei die Türme aber sicher nicht sehr hoch waren.
Außerhalb der mächtigen Stadtmauern mit vielen Türmen und zwei massiven Toranlagen lagen die vier Vorstädte. Sie wurden von Handwerkern und Weinbauern bewohnt. Die Handwerker waren in Zünften und religiösen Stiftungen zusammengeschlossen. Obwohl sie bei weitem die Mehrheit stellten hatten sie in der Stadt nichts mitzureden. Erst später gelang es ihnen nach heftigen Auseinandersetzungen, durch ihre Vertretung, den äußeren Rat, eine Kontrolle über die Stadtfinanzen zu erlangen. Die Vorstädte wurden, nachdem sie bei Belagerungen immer wieder niedergebrannt wurden, schließlich in der Kuruzzenzeit ebenfalls befestigt.
Wer konnte Bürger werden ? An sich jeder ehelich geborene Christ, vorausgesetzt er besaß in der Stadt ein Haus oder einen Hausanteil. Den konnte er durch Kauf, durch Erbschaft oder durch Einheiratung erlangen. Und er musste für die Aufnahme in die Bürgerschaft einen Geldbetrag zahlen sowie einen feierlichen Bürgereid leisten. Im Laufe der Zeit wurden auch immer wieder Menschen aus den Stadtdörfern aufgenommen. Man findet fast alle Familiennamen, die in Loipersbach vorkommen, auch als Stadtbürger. Als Beispiel habe ich in den Bürgerbüchern den Namen Amring verfolgt. Er kommt bis 1848 19 Mal in den Bürgerlisten vor.


Keine Bürger im rechtlichen Sinn waren die Juden. Sie bewohnten eine eigene Gasse in der Innenstadt, die Judengasse, die nach der Vertreibung der Juden, 1526 Neugasse genannt wurde. Zwei Synagogen sind aus der Zeit der mittelalterlichen Judengemeinden erhalten bzw. rekonstruiert worden. Erst im 19. Jahrhundert durften sich dann die Juden wieder in Ödenburg niederlassen.
Von überragender Bedeutung für die Stadt war der Weinbau in den großen Weinbaugebieten Richtung See und im Durlass (Hänge Richtung Klingenbach). Der Großteil des Ödenburger Weines ging in den Export. Kaufleute aus den Oberländern, aus Schlesien, Polen, Böhmen kauften die Weinernten und brachten den Wein in Wagenzügen meist auf der „Oberen Straße“ über Preßburg in diese Länder.

Die Verwaltung der Stadtdörfer

Jedes Stadtdorf unterstand einem Ödenburger Ratsherrn, der auch „Graf“ oder Inspektor genannt wurde. Im 15. Jahrhundert handelten die Ratsherren noch kollegial. Sei dem Beginn des 16. Jahrhunderts wurde jedes Stadtdorf einem eigenen „Grafen“ unterstellt, der nur für das eine Dorf zuständig war. Im Ratsprotokoll des Jahres 1689 werden die Ratsherren, denen die Verwaltung der einzelnen Gemeinden übertragen war, als die „Herren Grafen“ bezeichnet. Es wird darin auch festgesetzt, dass ein Graf einem anderen sein ihm anvertrautes Dorf nicht überlassen und in arendam (Pacht) geben soll. Die Inspektoren hatten bis 1782 etwa folgende Aufgaben: Sie hatten den Dorfgerichten die Beschlüsse des Stadtrates zu übermitteln und dafür zu sorgen, dass diese auch durchgeführt wurden. Bei der Wahl des Dorfgerichtes hatte der Inspektor persönlich anwesend zu sein und diese zu leiten. Sie vergaben im Namen der Stadt die herrschaftlichen Rechte, etwa die Verpachtung der Wirtshäuser und Fleischbänke oder die Versteigerung des Bergrechtsweines und schlossen darüber die Verträge ab. Wenn ein Ortsbewohner starb wurde dessen Vermögen inventarisiert, wobei der Inspektor anwesend war. Klagen der Untertanen gegenüber der Herrschaft hatte er weiterzuleiten. Die Durchführung der Anordnungen oblag dem Dorfgericht, etwa die Robotaufteilung zur Bearbeitung der städtischen Felder und Weingärten.

1782 führte die ungarische Kammer eine Reform der Stadtverwaltung durch, da die Stadt stark verschuldet war. Die Verwaltung wurde stärker zentralisiert und dazu das Amt des Provisors geschaffen. Der Provisor übernahm viele Aufgaben des bisherigen Inspektors, der aber noch beibehalten wurde und mehr repräsentative Aufgaben hatte. Der Provisor übernahm die  Zuteilung der Robottage. Er bezog ein Gehalt von jährlich 350 Gulden. Unterstützt wurde er von einem Adjunkt, der jährlich mit 200 Gulden entlohnt wurde.

Das Loipersbacherische Weingebirge, das Bergrechtsbuch und die Bedeutung des Weinbaues


Der Weinbau war für die Loipersbacher überaus wichtig. Er wurde äußerst intensiv betrieben. Nach Berechnungen von Dr. Prickler waren 1570 über 65 ha, das waren 17 % der Nutzfläche, mit Reben bepflanzt. Loipersbach wurde damit nur von Forchtenau, Marz und Walbersdorf übertroffen. Es gab zwei Weinbaugebiete. Seit dem Mittelalter die „Petterer“. Dort waren noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts Weingärten vorhanden. Wahrscheinlich war er damals aber bereits am Ende, denn es wurde im „Peterer“ bereits Vieh geweidet, das über die brüchige Friedhofmauer immer wieder in den Friedhof einbrach und die Gräber verwüstete. So wurde dort die Viehweide verboten. Das zweite Weinbaugebiet lag am Kogelberg und war ungleich wichtiger.
Mitte des 16. Jahrhunderts kam es zwischen den beiden Draßburger Gemeinden und den Loipersbachern zu Grenzstreitigkeiten. Die Draßburger hackten 16 Weinbauern von Loipersbach 66 Weinstöcke und 21 Hecken aus. Schlimmer waren die Streitigkeiten der Schattendorfer mit den Draßburgern, dort ging der Streit bis zum Blutvergießen und Totschlag.
Das Hauptweinbaugebiet war am Kogelberg. Es waren Überlandweingärten, d.h. sie gehörten nicht zur bäuerlichen Ansässigkeit. Sie waren ein besonders wertvoller Besitz, da sie frei gekauft, verkauft werden konnten. Jeder, auch Klöster, Adelige usw. konnten sie erwerben. Besitzer waren sowohl Ortsbewohner wie auch Auswärtige, aus anderen Herrschaften, aber auch aus dem benachbarten Niederösterreich. Die Wirtschaft von Wr. Neustadt ruhte zu einem beträchtlichen Teil auf dem ungarischen Weingartenbesitz der Stadt. Neben den Bauern besaßen auch viele Söllner Weingärten und waren damit manchmal nicht weniger wohlhabend als die Bauern. Und der Weinbau gab vielen Menschen Arbeit. Ich werde darauf noch zurückkommen.
Zunächst ein Längsschnitt zur Entwicklung. Nach einem ersten Höhepunkt des Weinbaues im Mittelalter wurden 1570 also 65 ha mit Weinstöcken bepflanzt.
Im 17. Jahrhundert betrug die Fläche nach einem Bergrechtsregister im Stadtarchiv insgesamt 1521, 5 Pfund, etwa 43,82 ha. An Bergrecht mussten pro Pfund zwei Ödenburger Halbe (I Halbe = 0,91 Liter) abgeliefert werden. Weniger als die Hälfte der Weingärten, 604 Pfund, waren im Besitz der Loipersbacher. Sehr große Anteile hatten Agendorf, Schattendorf und Wandorf, einzelne Besitzer kamen aus Stöttera, Zemendorf, Rohrbach und Tschurndorf.
1696 waren 230 Hauer im Besitz von Einheimischen, 450 Hauer aber im Besitz von Auswärtigen. Damals gehörte also nur ein Drittel der Weingärten den Loipersbachern. Dies ist insofern erklärlich, als diese Zählung nur wenige Jahre nach der nahezu völligen Ausrottung der Dorfbewohner im Jahre 1683 erfolgte. (Prickler, Topo S.546, Konskription des Komitates Ödenburg im Sammelband der Dica Konskriptionen, USTA). Bis 1717 hatte sich die Situation keineswegs verbessert. 27,11 % der Weingärten waren im Besitz der Einheimischen. (Komitatskondkription von Ödenburg aus 1715/17, EFA Forchtenstein, Prot. Nr. 746)
Im Jahre 1767 war die Weingartenfläche anscheinend wieder etwas größer: 1652 Pfund (auch Tagwerk oder Kräften genannt) Ein Pfund umfasste 60 bis 80 Klafter, ein Klafter 3,57 a.
Die genauesten Informationen haben wir aus dem Bergrechtsbuch von 1767 mit allen Besitzern in den einzelnen Rieden. Die Zusammenfassung zeigt: 1644 Pfund. Die Besitzer sind gemischt, aus Loipersbach und anderen Gemeinden, wie man leider nur aus den Familiennamen erschließen kann. 457 Weingärten und deren Besitzer werden aufgezählt.
Nach den Franzosenkriegen sank die Weingartenfläche im ganzen Gebiet rasch. In Loipersbach waren 1847 nur mehr 31,47 ha Weingärten, das waren 5 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Nach Forchtenau, Mattersburg, Walbersdorf und Sigleß war es aber immer noch ein relativ hoher Wert. Die Ursachen waren vielfältig: Dr. Prickler führt Dekadenzerscheinungen bei den Rebsorten, sinkendes Interesse der Wr. Neustädter am Weingartenbesitz, Verlust der Märkte, eine Reihe von Missernten in den Jahren 1812 bis 1816 als Ursachen an. Schon damals scheint der Obstbau als Folgekultur immer wichtiger geworden zu sein. Das Obst konnte vor allem am Ödenburger Markt verkauft werden.
Dann kam es aber in der zweiten Jahrhunderthälfte nochmals zu einem Aufschwung des Weinbaues. In Loipersbach stieg die Fläche wieder auf 51,87 ha oder 8, 35 %. Es begann die Zeit der Rotweine, propagiert durch die Arbeit der Rebschulen, für uns die in Ödenburg. Als neue Sorte, vor allem auf schweren, tiefgründigen und kühlen Böden wurde Blaufränkische ausgesetzt (damals noch Blaue Burgunder oder Blauer Frankentaler genannt). Dafür eigneten sich vor allem die Hochäcker, die ausgesetzt wurden.
Dann kam im ausgehenden 19. Jahrhundert die Reblauskrise. Die neue Methode mit amerikanischen Unterlagsreben war zeitaufwendig und kostspielig, so dass sie nur langsam sich durchsetzte. 1926 waren 19,95 ha Weingärten (3 % der Nutzfläche). 1969 29,54 ha oder 4 %. Der neuerliche Aufstieg zu einer bedeutenden Weinbaugemeinde gelang jedoch nicht mehr – anders als in Pöttelsdorf, Walbersdorf, Neudörfl und Pöttsching.

Steuern und Abgaben
Der Weinbau war mit zahlreichen Steuern und Abgaben belastet. Dabei langten der Staat, die Kirche und vor allem die Grundherrschaft zu. Die wichtigste Abgabe war das Bergrecht. Es war eine fixe Abgabe, unabhängig vom Ertrag und wurde meist während der Lese in Form von Most einkassiert. Sie konnte aber auch in Geld abgelöst werden. Die Höhe des Bergrechtes war unterschiedlich, sie lag etwa bei 5 % des Ertrages. Der Zehent - ein Zehntel der Ernte – stand der Kirche zu, ein Teil dem Domkapitel, der Großteil dem Bischof von Raab. Seit dem 16. Jahrhundert wurde er nicht mehr in natura eingehoben, sondern in Geld abgelöst. Pro Eimer Wein (im Wert von etwa 1-2 Gulden) wurden etwa 60 Pfennige einkassiert, also weit weniger als ein Zehntel (etwa 1-3 %). Auswärtige Besitzer zahlten nicht den Zehent, sondern den „Ausgang“, der etwa von Wr. Neustadt in einer Pauschalsumme abgelöst wurde. Daneben gab es auch Konsumsteuern. In den Herrschaften, die an Österreich verpfändet waren, die dort übliche „Taz“ (früher Ungeld) eine Getränkesteuer. Sie war relativ hoch, in Forchtenstein etwa 14 % des Schankpreises. Bei uns in der Herrschaft Ödenburg gab es die Taz nicht.
Als besonders belastend wurde von den Untertanen der Bannwein empfunden. Er hatte seinen Ursprung im herrschaftlichen Tavernenregal. Das Schankrecht stand also dem Grundherrn zu. Meist übte der Grundherr sein Schankrecht nur das halbe Jahr, von Georgi bis Michaeli, aus. In der übrigen Zeit mussten sich die Gemeinden verpflichten, eine bestimmte Menge des Herrschaftsweines auszuschenken oder abzulösen. Der Preis dafür lag um 10 – 20 % über dem üblichen Markt- oder Schankpreis. Die Qualität war meist nicht besonders. Die Rohrbacher etwa mussten 68 Eimer Bannwein austrinken. Für Loipersbach habe ich keine Angaben gefunden. Möglicherweise hat die Stadt darauf verzichtet, da sie ihre Weine ja gut verkaufen konnte. Auch für den so genannten „Anspannwein“ – ein Zwangsvorkaufsrecht der Herrschaft – habe ich keine Belege gefunden.
Wie viel Wein wurde getrunken? Man darf nicht vergessen, dass damals der Wein kein Genussmittel, sondern ein Nahrungsmittel war. Dementsprechend hoch waren die Mengen. H. Prickler hat für die Herrschaften Forchtenstein und Eisenstadt (topo S. 554) einen jährlichen Pro – Kopf Verbrauch von 70 bis 80 Liter – nur in den Wirtshäusern – ermittelt. Dazu kam noch der eigene Wein. Man kann also wohl einen Durchschnittsverbrauch bis zu 200 Liter annehmen.
Weingarten-, Lese und Schnittordnungen
Neben den für alle gültigen Rechtsbereichen gab es auch solche, die nur für einen bestimmten Personenkreis galten. Die wichtigsten waren Bergordnungen, Lese- und Schnittordnungen, Waldordnungen und Zunftordnungen.
Maßgebend für den Weinbau war die Bergordnung (Weingartenordnung). Ödenburg erließ seit 1545 jährlich Bergordnungen (Stadtarchiv Lad. XXXIII et HH, Fasc.2, Nr.18). Sie stimmte weitgehend mit den Bergordnungen der Herrschaften Forchtenstein und Eisenstadt überein, d.h. die Grundherrschaften stimmten sie aufeinander ab. Die Bergordnungen wurden im Laufe der Zeit wohl ergänzt, aber kaum verändert.
Es wurden jährlich ein Bergrichter und vier Berggeschworene gewählt, und zwar von allen Weingartenbesitzern, einheimische wie auswärtige, ja sogar Adelige und Klöster. Die Bergrichter waren zuständig für Grenzstreitigkeiten, Trauben- oder Steckendiebstahl und Überwachung der Leseordnung, der Arbeitslöhne. Die Lohnsatzungen wurden in Zusammenarbeit der Herrschaften und Städte festgelegt. Von den Strafen bekam ein Drittel die Herrschaft, ein Drittel der Richter und ein Drittel der Bergrichter.
Die Leseordnung wurde von der Grundherrschaft jährlich festgelegt. Die Lese war zeitlich gestaffelt: am ersten Tag wurde für die Herrschaft gelesen, am 2. Tag für die Mitglieder des Berggerichtes, am dritten Tag für die Einheimischen, am vierten Tag für die Auswärtigen. So konnte das Arbeitskräftepotential besser genutzt werden. Die Löhne wurden von der Obrigkeit festgelegt. Ab 1595 erließ die Stadt auch eine Hüterordnung. Ähnlich strikt waren auch die Schnitterordnungen, die hauptsächlich die Löhne regulierten. Entlohnt wurde anteilsmäßig (jedes 9. bis 12 Mandel, Schober) oder nach Tagwerk oder nach Fläche. Entlohnt wurde entweder „zur Speis“ oder „zur Dörr“. Das Dreschen wurde von den Bauern selbst besorgt, auf den Gutshöfen wurden per Kontrakt Drescherpartien unter einem Tennmeister angestellt, die ebenfalls einen Anteil am Ertrag bekamen (jeden 10. bis 12. Metzen.
An Abgaben waren der Zehent und das Bergrecht zu leisten. In Jedem Weingebirge errichtete die Herrschaft eine Hütte, wo die Abgaben einkassiert wurden. Im Jahre 1753 hatten die Loipersbacher 37 Eimer und 68 Halbe Bergrecht abzuliefern. Der Eimer war ein sehr unterschiedliches Maß, nahezu jede Herrschaft und jede Stadt hatte ihr eigenes Eimermaß. Der Ödenburger Eimer umfasste etwa 72 Liter. Die Loipersbacher hatten ihr eigenes Maß, den „Loipersbacher Bergeimer“ mit 66,138 Liter. Die weiteren Maße waren 1 Pint (1,7 bis 1,8 Liter) die Halbe (0,85 – 0,9 Liter) und das Seitel (0, 42 bis 0,45 Liter).
Die Arbeitsvorgänge im Weinbau haben sich vom Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert kaum verändert. Sie wurden im „ordinari Bau“ festgehalten und reglementiert. Die erste Arbeit im Frühjahr, bevor die Reben in Saft gingen, war der Rebschnitt mit dem Rebmesser. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Rebmesser von der Rebschere abgelöst. Gleichzeitig erfolgte das „Gruben“, wobei die Rebe eines alten Stockes in den Boden eingelegt wurde und dann zu einem neuen Weinstock austrieb. Dann wurde der Dünger ausgebracht, an den steilen Hängen eine sehr schwere Arbeit, und es wurden die Stecken geschlagen, die man im Herbst herausgezogen hatte, um ihre Haltbarkeit zu verlängern. Die Reben wurden mit Stroh an den Stecken fixiert. Schwere, meist von Männern ausgeführte Arbeit war das Hauen, das dreimal im Laufe des Jahres erfolgte: das Fastenhauen, das Band- oder Jathauen und das dritte Hauen. Die „Grünarbeit“ war meist Frauenarbeit: Binden, Jäten (Beseitigung von Geiztrieben). Traten Schädlinge, „Käfer“, auf, mussten diese mit der Hand abgesammelt werden. Spritzmittel gab es natürlich noch nicht.
Vor allem auswärtige Besitzer übertrugen die Bearbeitung der Weingärten einem Weinzierl. Das waren einheimische Bauern oder Söllner sowie Inwohner. Ein Weinzierl durfte maximal 20 Pfund übernehmen, die Entlohnung betrug 1 Gulden pro Pfund. Bei 1500 Pfund Weingärten in Loipersbach bestand also ein Arbeitskräftebedarf von etwa 70 bis 80 Personen. Das war zeitweise wohl mehr als im Dorf zur Verfügung standen. Wenn man allerdings die auswärtigen Besitzer mit berücksichtigt waren die Loipersbacher wohl in der Lage, ihre Weingärten selbst zu bearbeiten. In anderen Orten gab es Wanderarbeiter. Es wurden aber auch Taglöhner eingesetzt, wobei die Entlohnung recht niedrig war. Frauen erhielten nur etwa die Hälfte. Der Lohn war auch davon abhängig, ob der Taglöhner „zur Speis“ oder „zur Dörr“ bezahlt wurde. Wurde das Essen bereitgestellt, betrug der Lohn nur die Hälfte. Wer einen höheren Lohn zahlte wurde mit zwei Gulden bestraft. Für die Weingartenarbeiter musste der Besitzer bürgen. Die Arbeitsbedingungen waren streng geregelt. Keiner durfte vor Abschluss der Ernte wegziehen. Arbeitszeit war von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Wer bei schönem Wetter „beim Wein“ saß wurde bestraft.
Der Lesetermin wurde jedes Jahr in einer „Leseordnung“ festgelegt, an die man sich strikt zu halten hatte. In den meisten Weingebirgen gab es eine Hütte, in der Herrschaftsangestellte das „Bergrecht“ und den Zehent in der Form von Most einzogen. Die Herrschaften brachten ihre Ernte und die entsprechenden Abgaben der Bauern in die Herrschaftskeller. In der Leseordnung wurden auch die Löhne festgelegt.
Am Lorenzitag (10. August), nach dem dritten Hauen, wurden die Weingärten geschlossen und die Weingartenhüter traten ihren Dienst an. Sie unterstanden dem Bergmeister und den Berggeschworenen und wurden von den Weingartenbesitzern bezahlt. Sie trugen ein „Hüterhackl“ (Hetschn) als Zeichen ihrer Amtsgewalt.
Die Arbeitsgeräte waren das Rebmesser und die Haue. Die Gefäße waren durchwegs aus Holz (Bottiche, Butten, Sechtschaff, Goß, Gießkandl, Mostler …) Die Fässer hatten Holzreifen, die immer wieder erneuert werden mussten. Das Schwefeln des Weines und der Fässer war schon im 17. Jahrhundert üblich.
Rebsorten
Die heute dominierenden Sorten, vor allem der Blaufränkische, setzten sich erst um 1900 durch. Bis ins späte 19. Jahrhundert dominierten die Weißweinsorten. Die „Direktträger“ (Selbstträger, etwa „Uhudler“) sind keineswegs „alte“ Sorten. Sie waren bis Ende des 19. Jahrhunderts völlig unbekannt und wurden erst aus Amerika eingeführt, nachdem die Reblaus die alten Kulturen vernichtet hatte. Sie wurden dann ausgepflanzt, wenn sich die Weinbauern die hohen Kosten der Umstellung, der Veredlung auf amerikanische Unterlagsreben, ersparen wollten.
Zu den alten Edelsorten gehörten in erster Linie der Zapfner (Zapfeter, Gmainer, Furmint, Mosler), nach der zapfenförmigen Gestalt der Beeren benannt. Aus Zapfner wurde in besonders guten Jahren Ausbruch hergestellt, vor allem in den gutsherrlichen Betrieben, die sich das hohe Risiko einer späten Lese leisten konnten. Der Zapfner wurde nahezu ausschließlich für den Verkauf in die Oberländer verwendet. Die „Leseöffnung“ durch Grundherrn und Berggericht erfolgte früher zumeist erst in der zweiten Oktoberhälfte. Stark verbreitet war auch der früh reifende „Augster“ (von August), der in einer Vorlese eingebracht wurde, ferner die Muskateller, die Meier-Traube (Weirer oder Majorantraube), die „Weißen“, die „Krämler“, die „Gässler“ und die „Lombarden“ („Geißduttel“). Letztere wurden als Speisetrauben verwendet. Als weniger wertvolle Massenträger, die dem Eigenbedarf von Besitzern und Taglöhnern dienten, werden die Sorten „Silberweiß“, Grüner Muskateller und Grober Reifler genannt. Rotwein wurde nur in geringen Mengen und in besonders guten Jahren erzeugt. Die Herstellung von Gewürzweinen (Kräutlwein) mit Verwendung von Wermut, Alant, Salbei u.a. in geringen Mengen zu medizinischen Zwecken ist etwa in der Eisenstädter Schlosskellerei seit dem frühen 17. Jahrhundert nachweisbar.

Bauern, Söllner und Inwohner – Die gesellschaftliche Struktur


Konskriptionen und Urbare
Vom Hochmittelalter bis zur Grundentlastung nach 1848 gab es in unseren Dörfern und somit auch in Loipersbach drei Kategorien von Einwohnern. Die größte Gruppe waren die Lehensbauern. Sie hatten einen Anteil am Urbarialgrund – mit Äckern und Wiesen und dem Recht auf Waldnutzung. Es gab seit dem Hochmittelalter keine ganzen Lehen, sondern nur mehr halbe, Viertellehen und Achtellehen, vereinzelt auch Sechzehntellehen mit einem Hof und entsprechenden Anteilen am Urbarialgrund. Die Grundherrschaft hatte ein Obereigentum. Das heißt, diese Lehen oder Teile davon konnten nicht verkauft werden. Sie konnten nur als Ganzes zurückgegeben werden. Der Lehensinhaber konnte auch „abgestiftet“ werden.
Ergänzt wurden diese Besitzungen durch Überlandgründe: Weingärten und auch neu gerodete Gründe. Diese gehörten nicht zum „Hof“ und waren auch frei verkaufbar (mit Zustimmung der Grundherrschaft). Sie waren entscheidend für die soziale Differenzierung. Reichere Bauern waren diejenigen, die neben den Weingärten fleißig rodeten und über Rottgründe verfügten.
Die zweite Gruppe waren die Söllner, später auch Hofstättler genannt, wobei es Söllner mit und ohne Haus gab. Ihr Besitz an Urbarialgründen war gering. Trotzdem gab es auch recht wohlhabende Söllner, denn sie konnten Weingärten frei erwerben. Zugvieh hatten sie nur selten. Ihre Robotleistung, Handrobot, war eher gering. Die Söllnerhäuser lagen am Rande des Bauerndorfes, meist am Weg in Richtung Weingebirge. Typische Söllnerhäuser bzw. Kleinhäusl lagen in Loipersbach am Beginn der Feldgasse, am Kirchsteig und wohl auch im Bereich der Triftgasse. Ob diese unterbäuerliche Schicht einen Hausplatz bekam hing von der Herrschaft ab. Diese war meist zurückhaltend. Erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, mit dem starken Bevölkerungsanstieg, wurden Plätze für Söllner oder Kleinhäusler freigegeben. Viele Söllner übten auch ein Handwerk aus, und zwar zumeist im Winter. Die Kleinhäusler hatten meist keinen Grundbesitz und waren als Tagwerker tätig.
Die dritte Gruppe waren die Inwohner, manchmal auch Holden oder Hulden genannt. Sie hatten kein eigenes Haus und lebten bei den Bauern zur Untermiete. Besitz hatten sie keinen, sie waren auf entlohnte Arbeit angewiesen. Wenn man bedenkt, wie klein die Bauernhäuser waren, kann man sich die Wohnverhältnisse eines Inwohnerhaushaltes vorstellen. Sie hatten nur kleine Kammern zur Verfügung.
Im Mittelalter gab es noch keine Urbare bzw. Untertanenverzeichnisse. Ich habe im vorigen Vortrag erzählt, dass nur selten die Namen von Dorfbewohnern überliefert sind, etwa in Testamenten oder in den Ödenburger Fluchtweinverzeichnissen. Die ersten Urbare wurden erst zu Beginn des 16. Jahrhunderts angelegt. Da von den Besitzern Loipersbachs, den Karlburgern, keine Urbare erhalten bzw. bekannt sind können wir für unser Dorf erst mit der Übernahme durch die Stadt Ödenburg mit solchen rechnen.
Einen Ersatz bieten die Dica – Register, die Rückschlüsse auf die Größe des Ortes erlauben. Die Dika war die staatliche Steuer, die jährlich vom Landtag beschlossen wurde – je nach dem Geldbedarf des Königreiches. Die Gesamtsumme wurde dann auf die Komitate und von diesen auf die einzelnen Dörfer aufgeteilt. Maßgebend war die Zahl der Pforten, also der Eingangstore. Dica bedeutet Kerbe und zeigt, dass die Einhebung mit einem Kerbholz festgehalten wurde. Der deutsche Ausdruck „Torkrinn“ ist ebenfalls davon abzuleiten. Eine Krinne war ein Kerbholz. Eine Pforte war nun keineswegs ein Hof. Sie umfasste meist mehrere Höfe, zumeist vier. Aber auch das änderte sich im Laufe der Zeit.
1549 wurden in Loipersbach 13 Pforten gezählt, dazu kamen noch die Pauperes, also die „Armen“, die nicht in der Lage waren, Steuer zuzahlen, und die „Neuen Häuser“, die befreit waren. Leider kann man nicht feststellen, wo diese neuen Häuser lagen. Da der Landtag von 1548 zwei Gulden pro Porta festgesetzt hatte, musste Loipersbach 26 Gulden zahlen. 1554 wurden 15 Porten besteuert. 1635 zahlte Loipersbach 16,5 Gulden. (topo S.502) . Einige Pauperes tauchen in den Dika-Konskriptionen immer wieder auf.
Besonders aufschlussreich ist die Dica- Konskription von 1600: sie zählte 22 bewohnte und 21 durch die Pest verödete und drei abgebrannte Häuser.
Anscheinend gab es um 1600 auch eine Erhöhung der grundherrschaftlichen Abgaben. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts bauten die Herrschaften ihre Allodialwirtschaft aus, d.h. also sie bewirtschafteten verstärkt die eigenen, die Herrschaftsgründe. Die Märkte boten gute Absatzmöglichkeiten. So baute etwa von der Dürr deine Eigenwirtschaft in Mattersburg und Zillingtal aus, Wolfgang Josa bewirtschaftete in Walbersdorf ein Eigengut und 1570 baute die Herrschaft in Rohrbach ein Haus, das man einem Untertanen weggenommen hatte, zum Meierhof aus. Auch die Stadt Ödenburg scheint zumindest die Abgaben erhöht zu haben. Insgesamt, wenn man die Verhältnisse etwa mit denen im übrigen Ungarn vergleicht, waren die Verhältnisse nicht allzu schlecht. Viele Allodialgründe waren auch noch an die Bauern verpachtet. Vor allem die seit Mitte des 16. Jahrhunderts steigenden Weinpreise kamen zugute, während die Weizen- und Viehpreise stagnierten.
Zu diesen vermehrten Belastungen kamen die Verwüstungen in der Bocskai – Rebellion. Mehr darüber dann im nächsten Vortrag. Erst ab 1610 trat wieder eine Erholung ein. Die Abgaben blieben aber auch weiterhin hoch, wie zahlreiche erhaltene Schuldscheine beweisen (Lad. E, fasc 2, Nr.85, 1-14)Viele dieser Schuldscheine wurden erst nach Jahren, in einem Fall sogar erst nach 20 Jahren eingelöst.
Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erholten sich die Stadtdörfer entscheidend, ihre Einwohnerzahl nahm stark zu. Möglicherweise kam es zu einer entsprechenden Zuwanderung. Niederösterreichische Protestanten und Bewohner der Dörfer, die unter starkem Katholisierungsdruck standen könnten daran beteiligt gewesen sein. Neue Familiennamen tauchen in dieser Zeit auf, etwa die Kirchknopf, die Hauer, Bauer und die Ferstl. Auffallend sind die vielen Handwerker, die wir aus dem Taufbuch kennen: mehrere Schneider, Schuster, Fleischhauer, Müller, Wagner, ein Hufschmied, ein Schlosser, etliche Bindermeister und sogar ein Zinngießer. Das waren mit Sicherheit mehr Handwerker als für den örtlichen Bedarf erforderlich waren. Es gab anscheinend ein gutes Verhältnis zu den Ödenburger Zünften. Ödenburger Handwerksmeister scheinen wiederholt als Taufpaten und Trauzeugen auf.
Die steigende Bevölkerungszahl machte auch eine weitere Teilung der Höfe und Rodungen erforderlich. Mit den Überlandweingärten am Kogl fand ein reger Handel statt (Lad. E, fasc.2., Nr 71, 1-21).
Nach einer am 5. Juli 1672, wahrscheinlich anlässlich der Verpfändung des Dorfes - angefertigten Konskription wurden 31 halbe, 10 Viertel und 18 Achtelsessionen gezählt. Die Inhaber werden namentlich aufgezählt. Insgesamt kommen wir auf 69 Hofstellen. Sie mussten eine Gesamtsumme von 636 Gulden entrichten. Das Geld wurde vierteljährlich eingehoben. (5.7 1672, Preßburg Ung. Staatsarchiv, Urbarialkonskriptionen U et C, fasc. 16 n. 7) Die halben Sessionen zahlten 12 Gulden, die Viertelsessionen 8 Gulden, die Achtelsessionen 5 Gulden Steuern. An den Staat. Die Grundherrschaft erhielt 28 Gulden Georgidienst, 78 Gulden Bergrecht. Diese Konskription ist besonders wertvoll, denn sie zählt die Namen der Hofinhaber auf – bevor 1683 ein Großteil von ihnen den Türken zum Opfer fiel.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann eine Krisenzeit. Dazu trugen nicht nur die Türken bei. Die Märkte brachen zusammen, die Herrschaften gingen immer mehr zur Selbstversorgung über (Topo S.504), nicht zuletzt weil man das stehende Heer, das man im Türkenkampf hielt, versorgen musste. Die Herrschaften dehnten ihre Eigenwirtschaften stark aus und plünderten die Bauern durch Zwangskäufe – sie hatten ja ein Vorkaufsrecht – aus. In den 1680er Jahren war die Verschuldung enorm. In den 1670er Jahren wurden außerdem neue staatliche Steuern eingeführt (die „Portion“) Die Türkenkriege und dann die „Befreiungskriege“ belasteten die Menschen schwer. 1684/85 hatten die Schulden einen Höchststand erreicht. Selbst vermögende Bauern gerieten in eine schwierige Lage. Die Verschuldung betraf übrigens auch den Adel. Paul Esterhazy hatte 400 000 Gulden Schulden, sie stiegen später auf über eine Million. Das Geld wurde hauptsächlich bei kirchlichen Institutionen aufgenommen. Die Esterhazy begannen schon nach 1622, die Allodialgründe verstärkt mit Untertanenrobot zu bewirtschaften. Damals wurde es üblich, jeder Gemeinde eine bestimmte Fläche zur Bewirtschaftung zuzuteilen. Dieser Tendenz folgte auch Ödenburg, eben in der Zeit, als Loipersbach aus der Verpfändung an die Jesuiten zur Stadt zurückkam.


Mit 1683 endete die Blütezeit auch in Loipersbach. Das Dorf wurde wahrscheinlich völlig vernichtet, ein großer Teil der Menschen getötet oder verschleppt. Die folgenden Jahre waren ebenfalls katastrophal: 1685 traten viele Käfer auf, Heuschrecken fraßen das Gras und teilweise auch das Getreide ab, 1686 trat zu Ostern ein starker Frost auf, die Weintrauben wurden vernichtet, 1687 war wieder ein Heuschreckenjahr – darüber aber mehr im nächsten Vortrag.  Allerdings muss man dazusagen, dass in der damaligen Zeit ein solcher Zustand nicht lange erhalten blieb. Menschen aus den Nachbargemeinden übernahmen die Höfe und auch die Geburtenrate trug zur raschen Erholung bei. Ein Dorf mit derartig günstigen Voraussetzungen blieb nie lange unterbevölkert. Ich vermute, dass nicht wenige Menschen auch aus den benachbarten Esterhazyherrschaften zuzogen In den Rechnungsbüchern der Grafschaft Forchtenstein werden immer wieder beträchtliche „Abzugsgelder“ ausgewiesen. Zwar gab es mehrmals staatliche und Komitatsverordnungen, die den Herrschaftswechsel untersagten. Tatsächlich wurde aber die „Freizügigkeit“ nie eingeschränkt – anders als im Großteil Ungarns, wo die Menschen erst jetzt „leibeigen“ wurden.
1683 war nicht nur ein „Türkenjahr“. Paul Esterházy verbot den Bauern von Agendorf, Wandorf und Loipersbach von ihren Weingärten in Schattendorf, Marz und Rohrbach die Ernte einzubringen. Er begründete diesen Schritt damit, dass sich die Stadt den Türken ergeben hatte. Er wollte sich deshalb am Besitz der Stadt schadlos halten. Ödenburg erhob sofort beim König Protest. Esterhazy wurde gerügt, die Trauben waren aber bereits verfault. (Topo III/1, S. 294)
Die Stadt hat allerdings wenig zur Erholung beigetragen. Ganz im Gegenteil. 1695 und 1696 waren weitere „schwarze Jahre“ in der Entwicklung des Ödenburger Landes. Nun wurden die Lasten, die die Grundherrschaft auferlegte, stark erhöht. Bis zu dieser Zeit war die Belastung, wenn man sie mit der in den Esterhazydörfern vergleicht, eher geringer. Sie bestand im Bergrecht, den Georgi- und Michaelidienst und in persönlichen Leistungen an die Obrigkeit, den Bürgermeister und die Ratsherrn. Offenbar war es zu Unregelmäßigkeiten gekommen, wie aus der Chronik des Hanns Tschany zu entnehmen ist. Die „Grafen“ der Dörfer haben nicht nur drei Tage Robot von ihren Dörfern jährlich verlangt, sondern auch Bargeld in der Höhe von 40 Gulden, dazu noch die üblichen „Ehrengaben“ wie das Osterlamm, Hühner, Kapaunen und Eier. „Die weillen so viel Klagen seyn ein kommen, das Viel graffen. Bey ihren Deputatt nit sein verbliben sondern die Paurn erschröckhich gestrabicierth. hat E. E. Gem. ihnen derowegen dissen hernach gesezten Lohn gemacht, welches ihnen der Statt Cammerer mues ausszallen“.
Mit dem 26. April 1696 setzte der königliche Restaurationskommissar Franz Melchior Gauß (bei Tschany wird er Baron Gans, königlicher Kammerherr, genannt) neue Leistungen fest. Die dem Magistrat geleisteten Dienste fielen weg, die Robotleistungen aber wurden erheblich erhöht. Die Stadt baute ihre Eigenwirtschaft aus bzw. stellte nun von bezahlter Arbeit auf unbezahlte Robotarbeit um. Das war eine Entwicklung, die damals in ganz Ungarn vor sich ging). Die Stadt ersparte sich die damals steigenden Arbeitskosten. Die Bezahlung für die Magistrate mussten aber ebenfalls von den Bauern aufgebracht werden. Nach Tschany musste jeder Viertelbauer vierteljährlich 1 Gulden abliefern.
Neuordnung 1696 – Wie sie hanns Tschany beschreibtItem an St. Georgen tag. ist herr Paron von Ganss von Ihro Kay. vnd Königl. May. alss Cammer herr zu Pressburg auff vnssern wähl tag hergeschicket worden, denselben bey zu wohnen. Vnd ist diess Jahr herr Burgermaister Worten, auff der Evangeliischen seyten. Herr Egidty Ludwig Prisoman, Stattrichter auff der Cartollischen seyten herr Michel Kürschnericz vnndt hatt E. E. Gemein disses mall in gegenwarrth dess Kay. Commissary. herrn Burger Meister herrn Stathrichter. vnd einen Jeden herrn des Rath ein gewisses Sallarium gemacht, was sie wegen der Dorffschafften so sie vor hero alss graffen darüber seyn gewest. vndt ihnen iedter Paur sein gewesten graffen Jährlich 3 tag ackern, die Hoffstattler vnd holten iedter 3 tobri haun. Jeunder aber, darff kein Paur noch Hoffstättler. oder holt, kein streich nit arbeythen. sondern alles nur gemeiner Statt.
Die weillen so viel Klagen seyn ein kommen, das Viel graffen. Bey ihren Deputatt nit sein verbliben sondern die Paurn erschröckhich gestrabicierth. hat E. E. Gem. ihnen derowegen dissen hernach gesezten Lohn gemacht, welches ihnen der Statt Cammerer mues ausszallen, vor die vorhero gethane Robeth der Paurn vnd vor dass rothe ay, so sie Jährlich genohmen haben der Rath. vnd der gem. dar von nichts verraith. ob die gemein wohl in Ehrfahrung ist Kommen dass die meisten. Zum rothen ay. sollen 40 fl. K. haben genohmen in Rath. also mues der Stath Cammerer iezunder verraiten E. E. gem. was er iedem gibt, wie hernach folgt. Herr Burger Meister hatt Jahr lichen iezund 200 fl. Kay. mit Sambt den rothen ay. vnd an Statt Agendarff so er vor hero alss Burgermaister genossen, den Bamgarten bey Agendarff hat er zu geniessen noch, allein er mues ihm vm sein par geldt Mähen Lassen, auffheben vnd Heym fihren, Item die andern ackeitents alss von Paurn Lampel, ayer vnd Hiener. fisch auff den Platz, vnd die Zungen von fleischhackern. Lesst ihnen ein E. gemein passieren, ein Zunehmben wie vor hero gebreuchlich ist gevessen.
Herr Stattrichter hat keyn weyn mehr wegen Klingenbach, sondern 170 fl. K. senior herr Docktor Beckh. vorHar-kau 150 fl. K. senior h. Erhardt Pering vor Mörwisch 150 fl. K. senior h. Gregor Nädtl vor Loipesbach 130 fl. K. senior hr. Nicolauss Horvath. vor wollffs 130 fl. K. hr. Ehrnreich Mözger wegen wandarff 110 fl. K. hr. Georg dachzman wegen Kolmhoff 110 fl. K. die übrigen 6 Jungen herrn des Raths alss Wurschiz Möttitasch. ferdinand Dobner Ignatius Niess. Matthias Strauss. Matthias Vnger. Wilhelm Arthner, haben Jedter, weilen vnter ihnen der wisier Stab Jährlich herumb geth alle Jahr Jährlich einer 60 fl. Kay. macht also 1510 fl. Kay.
Die Dorffschafften seyn hin gegen Beschriben, vnd miessen gemeiner Statt weyngarten alle Vmsonst Bauen. Vndt gibt man ihnen kein gehorsamb geldt mehr wie vorhero ist geschehen, sondern miessen solche alle auss arbeyten ohne Bezallung. Das vns vor dem ein Jahr biss 2000 fl. vng.geldt. Ja wohl inner auff 2200 K. sein Kommen.
Vnd noch zum überflus zum Bezallen der Herrn des Raths mues jedter Viertl Paur alle quatember den Statt Cammerer geben 1 fl. Kay. der hoffstattler 10 gr. darmit die herrn des Raths. mit Burger Meister vnd Stattrichter können bezahlt werten.Der Magistrat erhielt eine Entschädigung, der Bürgermeister etwa 200 Gulden, der „graf“ von Loipersbach, damals Gregor Nädtl (Natl) 150 Gulden und die „jüngeren“ Ratsherrn zusammen 1510 Gulden. Die Untertanen mussten nun aber insgesamt 1360 Pfund Weingarten (etwa 39 ha), 266 Joch Acker und etwa 200 Tagwerk Wiesen bearbeiten. Auf Loipersbach entfielen 188 Pfund Weingärten (Lad. XIV et O, fasc.1 Nr.2). Das war etwas weniger als in anderen Gemeinden. Auf die 74 Viertelansässigkeiten wären nach der Proportion 222 Pfund entfallen. Zu den sehr hohen Robotleistungen kamen nach einer „Norma Taxandi“ von 1702 (lad. XIV et O, fasc.1, ohne Nr.) für ein halbes Lehen 4, für ein Viertellehen 2 und eine Hofstatt 1 Gulden. Dazu kamen die allerdings nicht sehr hohen Zahlungen für die Überlandgründe und natürlich das Bergrecht. Bis 1707 wurden die Abgaben stark erhöht. Für 74 Viertellehner mussten nun 370 Gulden, also 5 Gulden pro Viertellehen, bezahlt werden. Dazu kam eine Landtagstaxe von 40,5 Gulden, für „Übergeher“ (eine Art Polizei) 50 Gulden und 1,5 Gulden wegen der „Salva Guardia“, insgesamt 462 Gulden (Lad. XIV, fasc. 1, Nr.3).


1697 wurde der Ort von den Jesuiten rückgelöst, kurz nach der Neuordnung und Erhöhung der Robotverpflichtungen. (1697)
Streit um die Richtereinsetzung in Klingenbach
Item hat E. E. Rath. vnd E. Löbl. Gemein geschlossen dass man auff vnssern Statt Dörffern. Die Richter vnd ihre geschworne am tag Gregory hat miessen sezen, vnd ist bey ihren Richter sezen. Von Rath vnd gemein alle Zeith einer darbey. Darmit sye solche Leuth seyn. die der obrigkeit anstendig sein, weillen aber Klingen Bach, vnd Loiberspach den herrn Pattris Jesuwithen zu Güns versetzt sein so ist der herr Batter Regents alhier. herr Patter Sigxsey. in Nahmen der ginserischen hin auss gefahren, nach Klingen Pach. vnd hat dar wider prodestirt, wider den Richter, so die Statt dissen Gregory tag gesezet hat, vnd nit vorn Richter erkenet, sondern den alten Richter Behalten, die Statt hat auch darwider dergleichen prodestirt, vnd Zeigt dass sie über das Darff grundherrn sein, vnd haben macht nach ihren gefallen die Richter zu sezen. vnd mit sie. hat also dass Darff biss auff den georgen tag zwen Richter gehabt, am Georgy hatt er der Patter Regents der gemein alta befollen. das sie den alten Richter, vnd auch den so die Statt obrigkeit vor ihren Richter, erkent hat, Lassen absezen. vnd vor sie zwen, einen Neuen lassen erwöhllen, die Statt Last es interin geschehen, vnd sich der weil vmb gesehen vmb mitl die zwey Dörffer auss zu Lessen, welches hernach die Zeith wird weissen.
Die Konskription von 1698 (Lad. XIV, fasc. 1 Nr.5) zählte 21 Halblehner, 15 Viertellehner 11 Hofstättler und 9 Kleinhäusler, insgesamt 56 Hofstellen, also schon wieder fast so viele wie vor dem Türkenjahr. Die Halblehner bewirtschafteten 12 Joch Grund und dazu Überlandgrund von einem halben bis 7 Joch. Der Besitz an Weingärten war natürlich unterschiedlich. Er lag meist bei 6 bis 8 Pfund, in einigen Fällen sogar bei 12 Pfund. Der Besitz der Viertellehner betrug 6 Joch, an Weingärten 3-6 Pfund, dazu die Überlandgründe. Bei den Hofstätten wurde unterschieden zwischen guten und schlechten, wobei erstere 3 Joch Acker, aber bis zu 5 Pfund Weingärten, die schlechten 1 ½ Joch Acker und einige Pfund Weingarten besaßen. Zu einem Viertellehen gehörte meist ein Tagwerk Hauswiesen, einige Bauern hatten auch Überlandwiesen. Es gab 9 Kleinhäusler. Interessanterweise lag der Besitz der Hofstättler an Wiesen durchwegs bei zwei Tagwerk. Besonders interessant ist der Bestand an Zugvieh. Die meisten der Halb- und Viertellehner und einige der guten Hofstätten hatten zwei, einige sogar 4 Ochsen. Der Bestand an Kühen war gering. Die meisten Hofstättler und Kleinhäusler hatten kein eigenes Zugvieh. Insgesamt ist der Bestand an Zugvieh beachtlich und lag wohl höher als in den meisten Esterhazygemeinden. Über das „Loyperspäckerische Weingebirge“ wurde schon berichtet. Nach einem Bergrechtsregister Lad.E, fasc.11. Nr. 77) betrug die Fläche 1521 Pfund (43,82 ha). 604 Pfund, also weniger als die Hälfte, waren im Besitz der Loipersbacher.


1702 zahlte jedes halbe Lehen 4 Gulden, jedes Viertellehen 2 Gulden, jede Hofstadt 1 Gulden. 1707 gab es 74 Viertellehen, die 370 Gulden bezahlten, davon 50 Gulden für die „Übergeher“. Insgesamt fielen 452 Gulden an Steuern an. Wenn man etwa 10 bis 15 halbe Lehen annimmt kommt man wieder auf etwa 60 Hofstellen. Wie können also von einer Bevölkerung von etwa 250 Menschen ausgehen.
 

1713 wurde ein neues Urbar aufgerichtet. Es wurden 13 Viertel-, 34 Achtel- 7 Sechzehntelbauern gezählt. Dazu kamen 5 Kleinhäusler. Insgesamt also wieder etwa 60 Hofstellen. Die halben Lehen verschwinden, sie wurden offenbar in Viertellehen umgewandelt. Die Viertellehen wurden zu Achtellehen, die nunmehr die Norm waren. Jeder Achtellehner hatte im Sommer pro Woche einen Tag Zugrobot oder zwei Tage Handrobot zu leisten, zahlte 1 Gulden 7,5 Denare Dienstgeld. Für ein Joch Überlandäcker oder –wiesen mussten 5 Denare bezahlt werden. 2 Achtellehner mussten jährlich 1 Klafter Holz hacken und in die Stadt führen. Sie bekamen drei Klafter Brennholz. Die Bauern mussten die herrschaftlichen Weingärten mit ihrem Mist düngen. Weite Fuhren gingen vor allem nach Wr. Neustadt. Gezahlt werden mussten ferner Landtagstaxe. Abgaben bei Weingartenverkauf oder – tausch, Sterbegeld, Erbschaftssteuer. An den Bürgermeister und den städtischen Inspektor wurden Naturalabgaben geliefert.
1714 gab es insgesamt 31 3/16 Viertelansässigkeiten (darunter wohl zahlreiche Achtelhöfe, so dass sich an der Gesamtzahl wohl wenig geändert hatte) , die 254 Joch Acker und 24 ½ Tagwerk Wiesen an Urbarialgrund und 47 ¾ Pfund Weingärten bewirtschafteten. Der Viehbestand war beachtlich: 72 Ochsen, 53 Kühe und 21 Pferde.
Aus dem gleichen Jahr liegt eine Beschreibung des Dorfes vor, die davon etwas abweicht und die hoch interessant ist. Gezählt wurden 13 Viertelbauern und 35 Achtelbauern sowie 7 Sechzehntelbauern und 5 Kleinhäusl. Die Viertelbauern hatten 10 Joch Acker und 1 Tagwerk Wiesen, die Achtelbauern etwa 4 Joch Acker und ein halbes Tagwerk Wiesen, Die Sechzehntellehner hatten ½ Joch Grund und keine Wiesen. Der Weingartenbesitz war höchst unterschiedlich. Nur ein Bauer hatte 6 Pfund, einer 4 Pfund, alle anderen so etwa 1-2 Pfund, manche – sogar Halblehner hatten keine Weingärten. Andererseits hatten auch manche Kleinstbauern Weingärten. Die soziale Schichtung kann man wohl am besten am Viehbestand ablesen. Die Viertelbauern hatten überwiegend 4 Ochsen, die Achtelbauern zwei, einige wenige ebenfalls vier. Auf 72 Ochsen kamen nur 21 Pferde. Verblüffend ist der geringe Bestand an Kühen. Die meisten Bauern hatten nur eine Kuh, selten zwei, und nur ein einziger Viertelbauer hatte drei Kühe.
Besonders bemerkenswert an dieser „Beschreibung“ ist, dass sie auch Auskunft über die Familienverhältnisse gibt, so etwa über das Alter des Hofinhabers und über die Zahl der Töchter und Söhne. Die Zahl der Kinder war eher niedrig, in nur drei Familien gab es 6 Kinder, zumeist waren es nur zwei oder drei. In 10 Familien gab es keine Kinder, darunter waren relativ alte Hofinhaber. Ich vermute, dass hier die Kinder schon gestorben waren. Die Hofinhaber waren meist um die 40 und 50 Jahre alt. Unter 30 waren nur drei., 12 hingegen 60 und darüber. Der älteste war 75 Jahre. Das widerspricht unseren Vorstellungen vom niedrigen Durchschnittsalter der Menschen damals. 1715 wurden dann 46 Höfler – das waren um 10 mehr als 1698) und 20 Söllner mit Haus – in ihnen kann man die 11 Hofstättler und 9 Kleinhäusler von 1698 erkennen - gezählt. Sie hatten 887 Metzen Acker, 235 Tagwerk Wiesen und 1140 Tagwerk Weingärten (Stadtarchiv Ödenburg Lad. E Loipersbach)
Insgesamt scheint sich das Dorf nach dem großen Menschenverlust von 1683 rasch erholt zu haben – durch Zuzug von Menschen. Eine Komitatskonskription von 1717 beweist, dass auch in der Herrschaft Forchtenstein die schweren Menschenverluste schon wieder ausgeglichen waren (Topo S.516)
In Loipersbach gab es laut dieser Konskription von 1717 46 Bauern und 20 Hofstättler. 1 Hof war öde. An Ackerland gab es 575 ¾ Joch, öde lagen 20 Joch. Die Rodungsgründe hatten einen Umfang 291 ½ Joch . Die Wiesen waren 25 Joch, die Rodungswiesen 210 Joch groß. Diese Angaben beweisen, dass damals schon mit insgesamt etwa 500 Joch Rodungsgründe die meisten Rodungsfelder schon erschlossen waren. Die Weingärten der Einheimischen wurden mit 309 fossorum angegeben, die Auswärtigen hatten 831 fossorum.
Fraglich ist freilich, wie verlässlich diese und andere Komitatskonskriptionen sind. Anders als bei den herrschaftlichen Erhebungen konnte Besitz leicht unterschlagen werden. Nicht einzuordnen ist etwa die Konskription von 1715, die 27 Bauern und 10 Kleinhäusler zählte. Die 255 Joch Äcker und 17 Mahd Wiesen würden etwa den langjährigen Angaben entsprechen, ebenso die 17 Mahd Wiesen. In den 220 Pfund Weingärten hingegen sind entweder auch die Auswärtigen inbegriffen oder – was wahrscheinlicher ist - es handelt sich um Hauer. 1720 werden 336 Joch Äcker, 17 ¾ Mahd Wiesen und 220 Hauer Weingärten angegeben.
Aus dem Jahr 1755 haben wir erstmals Nachricht über eine Mühle, und zwar von der Mühle am „Trimmel Pachel“. Am 9. Juli 1755 fand eine Mühlenrevision statt (Stadtarchiv Ödenburg, Sten. Protokolle Bd. 16, S. 1527, Bd. 17 S. 382)

Maria - theresianisches Urbar
Es ging bis Mitte des 18. Jahrhunderts aufwärts, die Bevölkerung stieg. Dann kam der nächste schwere Rückschlag als Folge der schlesischen Kriege und des Verlustes von Schlesien als wichtigster Weinabsatzmarkt. Um das Jahr 1753 wurden um Ödenburg 20 000 Pfund Weingärten ausgeschlagen (topo 516). In den 1750er Jahren waren die Untertanen schwer verschuldet (in der Grafschaft Forchtenstein 96 760 Gulden Untertanenschulden, 16 153 Gulden Gemeindeschulden) Dazu kamen erneut steigende Steuergelder (16 %, Komitatsabgaben stiegen auf das 6-fache!) Kein Wunder, dass die Bauern sich erhoben. Im Südburgenland, im Komitat Eisenburg, kam es zu einem Aufstand, im Ödenburger Komitat gärte es ebenfalls heftig. In Wien war man alarmiert - eine Folge war dann das Mariatheresianische Urbar, das allerdings für unser Gebiet keine echten Verbesserungen brachte, ja eigentlich unbrauchbar war, da die Entwicklung in unserem Gebiet bezüglich Marktorientiertheit und Geldwirtschaft schon fortschrittlicher waren und die Normen des Urbars eigentlich Nachteile für Bauern und Herrschaften gebracht hätten.
In Vorbereitung des maria-theresianischen Urbars wurden alle Gemeinden befragt, über ihr Verhältnis zur Grundherrschaft und die Lebensumstände. Allen Dörfern wurden die gleichen neun Fragen vorgelegt. Die Antworten, die die Loipersbacher, ihr Richter Mathias Unger und die Geschworenen Mathias Hauer, Andre Rehling, Mathias Tsurl, Thoma Floiger, Michael Hauer und Georg Hauer am 9. Mai 1767 gaben, lauteten folgendermaßen: Sie würden nach einem Urbar aus dem Jahre 1713 leben. Sie haben im Dorf selbst eine Mühle und nicht weit davon eine andere, „bey dürren Zeiten“ aber müssen sie eine Stunde zur nächsten Mühle fahren. Überschüssige Produkte können sie auf dem Ödenburger Markt verkaufen. Das nötige Bauholz bekommen sie ohne Bezahlung. Das nötige Brennholz haben sie in der Nähe. Als Problem für das Dorf führen sie an: „Bei großen Platz Regen leiden sie wegen anstoßenden Berg in ihren Häusern, wie auch Hanif und Krauth Äkern großen Schaden“.
Die Ansässigkeiten bestehen aus Achtellehen mit ungleich großen Grundstücken, „die Hauswiesen sind klein, tragen auch Grameth“. Die Robot war folgendermaßen geregelt: Von St. Georg bis St. Michael robotet jeder Achtelbauer mit zwei Stück Vieh einen Tag Zugrobot oder zwei Tage Handrobot. Von St. Michael bis St. Georg leisten je zwei Achtellehen eine Zugrobot und eine Handrobot wöchentlich. Den Hin- und Hergang hat ihnen die Herrschaft reichlich eingerechnet. An Dienstgeld waren von einem Achtelbauern jährlich 1 Gulden 7 ½ Denare Ungarisch, an Victualiengeld für die heiligen drei Feste zusammen 6 Gulden 65 Denare, an Bergrecht 42 Preßburger Eimer Wein zu zahlen. Von einem Joch Überlandacker oder Wiesen zahlten sie 5 Denare, von jedem Verkauf oder Tausch pro Gulden 1 Denar, für den Kaufbrief 40 Denare.
Zwei Achtler schlugen für die Herrschaft ein Klafte Holz und bekamen 3 Klafter Brennholz und die Bürtel. Das Holz für die Stadt wurde ein- bis zweimal im Jahr zum Ziegel- oder Kalkofen gefahren, Ziegel und Kalk erhielten sie dafür zum gleichen Preis wie die Bürger. „2 Achtler zusammen haben von ihren eigenen Gaill auf 20 Grub in die Herrschafft Weingartem geführt und beschüttet.“ Sie mussten also mit ihrer Gülle oder ihrem Mist die Herrschaftsweingärten düngen. „Wie dann auch zwei 8-ler zusammen jährlich eine weite Fuhr verrichtet und ob zwar in den Urbario bis zwölf Meilen enthalten, so gestehen sie doch , dass die Grundherrschaft solches nicht so scharf genohmen, sondern sie haben gedachte weite Fuhren meistens von Neustatt mit Bauholz und Weinstecken auf 4 Meilen verrichtet.“
„Bey Gelegenheit der Landt Tage hat ein jeder 8-ler 59 Ungarisch bezahlet . Denen Officianten haben aber haben sie nach dem Urbario jährlich folgendes gereichet: Das ganze Dorf den Herrn Burgermeister jährlich ein Lamb, wie auch den Herrn Inspector ein Oster Lämbl, eben gedachten Inspectori an heiligen Thoma Fest 2 8-ler zusammen ein Henn und um Ostern 3 Eyer. Bey Gelegenheit des Absterbens eines mit Nachbarn oder dessen Ehe Wirthin 1 fl 50 d unter den Titl des Sterb Ochs, von Abtheilung der Verlassenschafften nach Abzug der Schulden von freyen Vermögen von jeden Gulden 1 Ungarisch, bey Ausnahm der Pflanzen etwas Willküriges. Außer diesen hat das Dorf bey Gelegenheit des ihren vorgezeigten Brenn Holzes Herrn Burgermeister, 2 Waltherrn des inneren Raths und Waltaußeren (Waldaufsehern) vor ihre Bemühung jede 1 fl, zusammen 5 fl bezahlet“. (tirnitz Jószef, Antworten auf die neun Fragepunkte der Maria Theresianischen Urbarialregulierung im Komitat Sopron/Ödenburg. Band II. Deutsche Bekenntnisse).
1767 haben wir dann die genauesten Auskünfte nach einer Urbarialtabelle. 57 Viertel- und 6 Achtellehner, insgesamt also 63 Bauernansässigkeiten. Dazu kamen 30 Söllner mit Haus und 3 ohne Haus. Das ergibt 96 Familien. Mit 93 Hofstellen haben wir also eine deutliche Zunahme zu verzeichnen, um etwa ein Drittel. Jedes Haus – Bauern und behauste Söllner - zahlte einen Gulden Zins. Ein Zweiviertellehner besaß 5 Joch Acker und 2/4 Joch Wiesen, ein Viertellehner 2,5 Joch Acker und ¼ Joch Wiesen. (Urbar im Internet, Topo S.326 mit etwas abweichenden Angaben). Zweiviertel- Lehen hatten 12 Tage Zug- oder 24 Tage Handrobot, Einviertellehen 6 Tage Zug- oder 12 Tage Handrobot zu leisten. Als Äquvalent für das Neuntel mussten sie 2 ½ Tage Zug- oder 5 Tage Hand- bzw. 1 Tag Zug oder 2 Tage Handrobot leisten. Ein Söllner mit Haus leistete 18 Tage, einer ohne Haus 12 Tage Handrobot. Brennholz hatten die Zweiviertellehner 2/8 Klafter, die Viertellehner 1/8 Klafter zu schlagen und abzuliefern. Dazu kam die Ablieferung von „Gespunst“ – 1 ½ Pfund bzw. 1 Pfund, von Kapaunen und Hünel – meist 1 Kapaun und 2 Hüner – und „Eyer“ – meist 5 bis 9, vereinzelt bis 14.
1787 wurden 79 Häuser und 110 Familien, insgesamt 517 Einwohner, gezählt. Von den männlichen Einwohnern waren 99 verheiratet und 163 ledig. Die Zählung spricht von 8 Bürgern, 56 reinen Bauern und 63 Bürgerbauern sowie 49 Kleinhäuslern und 23 anderen.
1828 gab es 65 Bauern, 37 behauste Söllner, 4 Inwohner und drei Handwerker – ein Schmied und 2 Müller. Zwei Müllerfamilien kennen wir: eine aus einem Testament eines Offiziers in Hermannstadt, der seiner Schwester, Müllerin in Loipersbach, sein Vermögen vermachte, eine zweite war die Ödenburger Familie Mäninger, die anscheinend die Angermühle von der Stadt gepachtet hatte. Jeweils nur im Winter arbeiteten ein Tischler, ein Weber und ein Siefelmacher. Es gab einen Ausschenker des Gemeindeweines. Es gab 72 Häuser. Der Viehbestand betrug 78 Ochsen, 75 Kühe, 5 Kälber, 40 Pferde und 2 Schafe (Lad.cC, nr. 117).

Reiche und Arme – Die Waisenbücher als Quelle

Die Frage, wie gut oder wie schlecht es unseren Vorfahren ging, ist nur schwer zu beantworten. Es gab gute Zeiten und schlechte Zeiten. Viele Faktoren wirkten sich aus. Überfälle, Plünderungen, Einquartierungen von Soldaten, die häufigen Brände, Erhöhung von Steuern und Abgaben konnten sich negativ auswirken. Noch mehr aber waren die Menschen von den Launen der Natur auswirken. Seuchen, Viehseuchen, Missernten im Gefolge von extremem Wetter, Spätfröste etwa, Heuschreckenschwärme usw. hatten katastrophale Folgen. Es gab ausgesprochene Hungerjahre mit hoher Sterblichkeit. Gute Ernten vermehrten den Wohlstand. Überschüsse konnten ja leicht auf dem Ödenburger Markt verkauft werden.
Gab es innerhalb des Dorfes große Unterschiede? Auf den ersten Blick nicht, denn der Grundbesitz der Hofinhaber war ja gleich groß. Wer nur eine Viertel- oder eine Achtelansässigkeit hatte konnte ja meist einen größeren, frei werdenden Hofanteil übernehmen. Dass man von dieser Möglichkeit nicht Gebrauch machte hatte mit der nicht ausreichenden Arbeitskapazität, vor allem aber mit der höheren Robotbelastung zu tun. Die Grundherrschaft bemühte sich, möglichst alle Höfe zu besetzen und die Inhaber auch zu halten. Es gab nicht allzu viele öde Höfe. Anders in den Batthyany-Herrschaften des Südburgenlandes, wo die Ansässigkeiten oft öde waren und die Menschen es vorzogen, in die Weingärten zu ziehen. So entstanden die vielen Berglersiedlungen. Trotz der prinzipiellen Gleichheit der Bauern an Besitz und Erwerbschancen gab es große Unterschiede. Tüchtige Bauern erwarben Weingärten und Überlandgründe, vermehrten ihren Viehbestand usw.
Was sie hier sehen sind die Waisenbücher von Loipersbach - nicht alle, es gibt noch einige mehr. Es sind dies Aufzeichnungen über Verlassenschaftsabhandlungen vor den städtischen Behörden. Sie sind eine faszinierende Quelle, die uns über die Familienverhältnisse, die Vermögen, oft aber auch über interessante Details des Lebens im Dorf Aufschluss geben- und das über 150 Jahre. Das Problem ist die Auswertung. Ich allein kann das unmöglich schaffen. Da müssten mir drei bis fünf Personen über ein Jahr lang helfen. Das Einlesen in die Kurrentschrift würde wohl auch einige Wochen dauern. Ein Problem dabei ist, dass die Handschriften doch stark voneinander abweichen. Man könnte dann eine wahrscheinlich einzigartige Sozialgeschichte unseres Dorfes schreiben. Ich hoffe, dass es mir in den nächsten Jahren gelingt, zumindest einen Überblick zu erarbeiten.
Zunächst habe ich nur einige Beispiele fotografiert und möchte damit zeigen, wie detailiert die Angaben sind. Ich werde, um ihre Geduld nicht überzustrapazieren, nur eine einzige Verlassenschaftsabhandlung vorstellen.
Es ist dies die Verlassenschaft der Susanna Kirchknopfin aus dem Jahre 1776 – geweste Ehewürtin des Hans Kirchknopf, Mitnachbar in Loipersbach. Das vorhandene Vermögen wurde zwischen dem Witwer und dem mit der Verstorbenen ehelich gezeugten Sohn Michael Kirchknopf, abgetheilet wie folget: Das gesamte Vermögen ist im Inventar geschätzt auf 1420 Gulden, abzüglich 3,70 Gulden Kosten für die Verlassenschaftsverhandlung.
Davon hat der Witwern zu fordern sein Zubringen (in die Ehe): 1 Achtel Behausung neben Georg Hauer, 4 Pfund Weingarten in Krautsulzern neben Matthias Tschurl, 2 Pfund Krautsulzern. Von dem Erworbenen aber bekommt er die Hälfte im Wert von 399 Gulden 57 ½ den. – 1 Pfund Weingarten in Klinglern, die Hälfte von ¾ Joch Markweg Acker, Spitzacker, Koglwiesen, Kogl Acker, ½ Joch Krautacker, Stierwiesenacker, Hochacker, Kogl Wiesen
6 ½ Joch angebaute Saaten. 2 Ochsen, Wagen, Pflug, Egge; 1 Kuh, eine dreijährige Kalbin. Die Preß, 12 Eimer Wein, 4 ½ Metzen Waiz, 16 Metzen Habern, 12 Eimer Wein Geschirr, 8 Eimer Schütt Geschirr, 1 Schüttkasten
Der Witwer zahlt seinem Sohn 61,90 Gulden. Dieser Sohn Michael Kirchknopf soll haben das Zubringen seiner verstorbenen Mutter 95 Gulden 75 und die Hälfte von dem Erworbenen mit 399 Gulden 57 ½ den.
Die zweite Hälfte der Schrift zählt die dem Sohn zukommende Erbschaft, einschließlich der Geldsumme, die er von seinem Vater zu bekommen hatte. Viele Äcker wurden geteilt – wohl nur besitzrechtlich. Denn wenn der Vater nicht wieder heiratete bekam er ja eines Tages auch die zweite Hälfte des Erbes.
Weniger üppig fiel das Erbe der Magdalene Tschirtzin 1734, also eine Generation früher, aus. 362 Gulden betrug das Vermögen. Die Hälfte bekam der Witwer, die andere Hälfte wurde völlig gleichmäßig auf 5 Kinder, auf die 12jährige Susanna, den 10 jährigen Matthias, die 8 jährige Eva, die 6 jährige Maria und den 4 jährigen Andre aufgeteilt. Jedes Kind bekam genau 34 Gulden. Also alle zwei Jahre ein Kind. Diese Verlassenschaftsverhandlung ist insofern interessant, weil in der Einleitung genau angegeben wird, wer anwesend war: Leopold Lampel, Mitglied des Inneren Rates, und – wenn ich das richtig lese – „derzeit Graf“ von Loipersbach, der Richter, ein Geschworener und die Verwandten. Unterzeichnet werde das Dokument mit Leopold Lampel, Inspector.
Ziemlich reich war der 1809 verstorbene Andreas Kirchknopf. Er hinterließ ein Vermögen von nahezu 3000 Gulden. Die Witwe Maria wurde in Geld abgefunden. Sohn Andreas bekam einen größeren Anteil, Matthias und Josef kleinere. Offenbar versuchte man hier bereits überlebensfähige Einheiten zu erhalten.


Grundentlastung
Die Revolution von 1848 und die Gesetze zur Aufhebung der Untertänigkeit hatten natürlich auch in Loipersbach große Hoffnung geweckt. Es zeigte sich bald, dass keineswegs alle Lasten wegfielen. Nur der Urbarialgrund wurde den Bauern übertragen, die bisherigen Grundherrn vom Staat entschädigt. Die Regelung der Frage der zur Ansässigkeit gehörenden Wiesen und die Waldnutzung sollte noch einige Zeit in Anspruch nehmen, ebenso die Kommassierung, die 1859 erfolgte. Die der Stadt gehörenden Gründe wurden zusammengelegt und daraus der Meierhof der Stadt gebildet. An der Straße, die durch die Meierhofgründe führte, entstanden die Gebäude des Meierhofes.
Am 1. Juli 1857 wurden die Rodungsgründe abgelöst. Die Vertreter der Stadt Ödenburg überließen den damaligen Besitzern sämtliche Rodungsgründe für immer als unbeschränktes Eigentum. (Komitatsarchiv Fasz. XII, Nr.2234). Die Besitzer verpflichteten sich, für jedes Joch Acker oder Wiese eine Ablöse von 60 Gulden CM zu bezahlen. Für die Bestimmung der Rodungsgründe wurde eine Konskription aus dem Jahre 1870 herangezogen. Insgesamt wurden 395 13/16 Joch Äcker und 89 7/16 Joch Wiesen, zusammen 485 4/16 Joch. Das war eine riesige Fläche wenn man bedenkt, dass der gesamte Urbarialgrund nur 323 4/8 Joch groß war. Die neuen Besitzer bezahlten dafür 27 659 Gulden und 15 Kreuzer Conventionsmünze. Sie zahlten das Geld in 6 Jahresraten, wobei die Restschuld mit 5 % verzinst wurde. Für die Rückzahlung haftete die gesamte Gemeinde. Unterschrieben wurde das Vertragsprotokoll vom Ortsrichter Johann Ringauf, den Geschworenen Michael Hauer, Johann Tschürtz, Johann Steiner und Andreas Floiger sowie von den Ausschussmännern Johann Hasch, Michael Aminger, Adam Tschürtz und Michael Raner.
Erst 1868 wurde der Urbarialregulierungsvertrag geschlossen und auch das Bergrecht abgelöst. Das Dorf hatte die beträchtliche Summe von 50 000 Gulden zu bezahlen (eine Kuh kostete damals etwa 50 Gulden). Von der gemeinsamen Weide und vom Wald wurde ein entsprechendes Stück abgetrennt und dem Dorf als ganzes überlassen. Daraus entstand dann die Urbarialgemeinde. Es hätte damals, wie ich aus Gesprächen mit älteren Dorfbewohnern weiß, die Möglichkeit bestanden, ein größeres Stück Wald für das Dorf zu erwerben. Es war dies jenes Gebiet, dass heute so unorganisch (Richtung Rohrbach) bis in das Tal herunter, bis an den Aubach reicht. Unsere Vorfahren haben es leider abgelehnt, diesen Wald zu erwerben. Die Stadt wäre zum Verkauf bereit gewesen. Den Loipersbachern aber war die finanzielle Belastung zu groß. Mit der Grundablöse waren nun die Loipersbacher im vollen Umfang Eigentümer ihrer Gründe. Es wurde auch ein erstes Grundbuch angelegt. Der Preis für diese neue Freiheit war hoch. Viele kamen aus den Schulden nicht mehr heraus. Die Vermögen differenzierten sich. Eine kleine Gruppe von Bauern wurde relativ reich und demonstrierten dies auch in neuen, quer stehenden Häusern mit entsprechender Stuckverzierung. Die Basis dieses Wohlstandes war einerseits besseres Wirtschaften, besonders aber eine entsprechende Heiratspolitik. Darüber aber mehr in einem der folgenden Vorträge.
Manuskript eines Vortrages im Feber 2015

Türken und Kuruzzen, Pest und Cholera, Feuer und WasserschädenIm letzten Vortrag habe ich das Verhältnis zur Grundherrschaft beschrieben. Es hat das Leben unserer Vorfahren wesentlich mitbestimmt. Abgaben und vor allem die Robot waren entscheidende Faktoren. Für heute habe ich mir zwei Themenbereiche vorgenommen: Die Einflüsse von außen, vor allem durch Kriege und Zerstörung. Überfälle und Plünderungen, dann Brandkatastrophen und Überschwemmungen. Im zweiten Teil möchte ich auf die Gefährdung der Menschen in unserem Dorf durch Seuchen und Krankheiten, Wetterkapriolen, Missernten, Schädlinge usw. eingehen und im Zusammenhang damit auch das Alltagsleben schildern, soweit es unsere Quellen erlauben.


Räuber- und Söldnerbanden

Schon im Mittelalter, noch vor dem Beginn der Türkenkriege, gab es immer wieder Ereignisse, die das Überleben gefährdeten. Schon bald nach der Gründung des Dorfes, zur Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung, brach der Mongolensturm über Ungarn herein. Etwa die Hälfte der Bevölkerung wurde nach der schweren Niederlage des ungarischen Heeres bei Mohi damals ausgerottet. Nur die steinernen Burgen und Städte konnten standhalten. Wir haben keine detaillierten Nachrichten, wissen also auch nicht, ob Loipersbach betroffen war. Vielleicht entging es, da es ja doch etwas abseits der Durchzugsstraße lag, der Katastrophe. Ebenfalls keine Nachricht haben wir über die Auswirkungen der großen Pestwelle um 1350, die einem Drittel der Europäer das Leben kostete. Nur indirekt sind wir über die schweren Zeiten im ausgehenden 15. Jahrhundert informiert. Der Stadtschreiber Hanns Ziegler legte ein Verzeichnis von in den Jahren 1453 bis 1455 nach Ödenburg „geflüchteten“ Weinen an. Der Wein wurde also in der sehr gefährlichen Zeit, als die Orte immer wieder von Söldnerbanden geplündert wurden, in die Stadt in Sicherheit gebracht und bei den Bürgern eingelagert. Dafür musste natürlich eine Gebühr bezahlt werden (meist drei Denare oder Pfennige pro Eimer). Die Loipersbacher hatten insgesamt immerhin 172 Eimer eingelagert. Folgende Namen werden aufgezählt: Gengel Grumatschober, Kristan Krewß, Pek Paul, Pek Nikel, Anre Reus, Mert Reich, Sewnreich, Peter Hekel, Francz Weiß, Peter Steiner, jung Stainpeter, Jorg Pek, Steffan Veldner, Pangrecz, Erhard Halbax, Hemrel. Zu den Heimsuchungen der damaligen Zeit gehörten vagabundierende, aus dem Dienst entlassenen und oft nicht bezahlten Söldnerbanden, etwa die Hussiten auf Katzenstein – einer Burg zwischen Mörbisch und Kroisbach. Diese hussitischen Söldner waren in den Thronkämpfen ins Land gerufen worden, setzten sich fest und plünderten in der Umgebung. Mit großer Anstrengung gelang es der Stadt schließlich, sie zu vertreiben. Katzenstein wurde zerstört.Besonders schlimm wirkte sich auf die Dörfer in der Umgebung Ödenburgs die „Landseer Fehde“ aus, die um 1508 begann und sich über viele Jahre hinzog. Nach dem Tod Ulrichs von Weispriach wollte König Wladislaw II. Landsee einziehen. Ulrichs Witwe Gertrud weigerte sich jedoch, die Burg und die Herrschaft herauszugeben. Die Ödenburger mussten widerwillig an den Aktionen gegen Gertrud teilnehmen und wurden so zu deren bevorzugtem Opfer. Ödenburger Kaufleute wurden abgefangen, ausgeraubt, Lösegelder erpresst, die Dörfer wurden überfallen. Im Juli und August 1512 etwa wurde Agendorf zweimal überfallen, 200 Rinder wurden weggetrieben, das Dorf angezündet. Gertruds Leute waren Söldner, Landstreicher und Räuberbanden. Die Stadt erlitt so große Schäden, dass sie auf vier Jahre, die Stadtdörfer sogar auf 19 Jahre, von außerordentlichen Steuern befreit wurden. Eine neue Dimension nahm die Fehde an, als sich ein früherer Ödenburger Bürger namens Franz Magusch, der wegen einer Erbschaft mit dem Ödenburger Stadtrat in Konflikt gekommen war, mit Gertrud verbündete. Seine Räuberbande fand in Kobersdorf Unterschlupf und wurde vom Landseer Burghauptmann Rueprecht Reiter unterstützt. Das Diebsgut wurde in Österreich verkauft. Schließlich wurden Magusch, Gertrud und auch deren beide Söhne gefangen genommen. Gertrud kam aber bald wieder frei. 1523 wurde Magusch in Wien der Prozess gemacht. Hans Weispriach wurde später Pfandherr von Forchtenstein. Die Räubereien hörten nicht ganz auf.

Die Türkenzüge von 1529 und 1532
 

1529 begann Sultan Sulejman einen Feldzug in Ungarn. Das türkische Heer zog entlang der Donau gegen Wien. Der Ödenburger Raum war also nicht unmittelbar betroffen. Aber es gehörte zur Taktik der Türken, ihre „Renner und Brenner“, Hilfsvölker tatarisch-mongolischer Herkunft, weit ausschwärmen zu lassen. Durch ihre unübertroffene Grausamkeit verbreiteten sie eine Atmosphäre der Angst und des Schreckens und sollten so den Widerstand lähmen. Diese Horden erreichten auch das Ödenburger Gebiet. Zunächst musste die Stadt aber eine Erfahrung machen, die sich leider später noch oft wiederholen sollte: Auch „Freunde“ und „Helfer“ waren nicht eben uneigennützig und harmlos. Das aus Niederösterreich der Stadt „zur Hilfe“ geeilte Fußvolk verwüstete die Felder und stahl das Vieh.
Die Stadt wurde in Verteidigungsbereitschaft gesetzt, die Waffen (handpuxen und hakenpuxen, geschutz und stugkh) vorbereitet, das Pulver von „handtmull und rossmull“ gemahlen. Die Glocken wurden eingeschmolzen. Die Marienkirche wurde abgerissen, da man von ihr aus das Tor hätte beschießen können. Ein ähnliches Schicksal drohte der Michaelerkirche, doch wurde dies von einigen Pfarrern verhindert. Zumindest wird dies in der allerdings später verfassten Chronik des Marx Faut und Melchior Klein berichtet. „Die kirchen bey Sandt Michael hat sollen abgetragen, mit erden angeschidt vnd 6 große stukh geschidtz zu defendirung der statt wider den erbfeindt darauf gestellt worden, ist aber durch ein oder zwen pfaffenknecht, die nicht wenig alhie gegolden, verhindert worden.“ Als türkische und tatarische Truppen dann vor der Stadt anlangten, konnten sie von den Bürgern und Truppen unter dem Burghauptmann Hartitsch zurückgeschlagen werden. Aber sie verwüsteten die Dörfer und zündeten auch die Ödenburger Vorstadt an. Besonders schlimm traf es das Dorf Kolnhof, das gänzlich vernichtet wurde. Alle Einwohner wurden getötet oder verschleppt. In einer Eingabe an König Ferdinand I. stellten die Ödenburger fest, dass in ihrer Herrschaft nur ein Viertel der Bevölkerung übrig blieb („vix quarta pars hominum supermanserit“). 1532 kamen die Türken erneut, wurden aber durch die kleine Festung Güns aufgehalten. Auch diesmal durchstreiften ihre Scharen ganz Westungarn und ließen eine Spur der Verwüstung zurück. In der Bittschrift des Ödenburger Magistrates an König Ferdinand heißt es, dass „die blutdürstigen und grausamen Türken alle unsere, der Stadt und unserer Untertanen Güter und Besitzungen verwüstet, geplündert und eingeäschert und zugleich einen großen Teil der Menschheit fortgeschleppt und getötet hätten, „und zwar so sehr, dass kaum der vierte Teil der Bewohner übrig blieb“. 1532 war Loipersbach, als die Streifscharen erneut bis vor die Stadt kamen, gänzlich unbewohnt. Die meisten Familiennamen, die noch 1498/99 erwähnt wurden, kommen später nicht mehr vor. 1570 brannte das gesamte Dorf ab. Kaiser Maximilian II befreite daraufhin das Dorf auf 6 Jahre von allen staatlichen Abgaben an die königliche Kammer. Die Bewohner des Dorfes mussten sich aber verpflichten, in diesen Jahren das Dorf mit aller Sorgfalt wieder aufzubauen 1600 überrollte dann eine Pestwelle ganz Westungarn. In Loipersbach fiel ihr die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer. Nach der Dica-Konskription waren nur mehr 22 Höfe bewohnt, 21 waren durch die Pest abgeödet. Drei waren erneut abgebrannt.

Die Bocskay Rebellion

Der Bocskay-Aufstand von 1605 war eines der schlimmsten Ereignisse in der Stadtgeschichte. Er brachte schwere Zerstörungen und viel Leid, vor allem über die Stadtdörfer. Die Personenschäden dürften aber nicht allzu groß gewesen sein, denn die Bewohner der Stadtdörfer nahmen an der Verteidigung der Stadt teil und brachten den Rebellen bei einem Ausfall sogar eine schwere Niederlage bei. Der Bocskai- Aufstand führte aber auch zum Wiener Frieden von 1606, der der Stadt und den Dörfern die Religionsfreiheit zurückgab.Stefan Bocskay, der Fürst von Siebenbürgen, hatte die protestantischen Freiheiten auf seine Fahnen geschrieben. In seinem Gefolge aber fanden sich wenig erfreuliche Elemente wie etwa die wilden Haiducken unter ihrem Anführer Gregor Némethy und sogar Türken und Tataren. Auf dem Landtag von Preßburg im Frühjahr 1605 zeichnete sich der Konflikt bereits ab. Die Stadt Ödenburg wurde durch Max Fauth, Dr. Christoph Lackner, Melchior S. Bartholoni und Matthias Kramer vertreten. Der Kaiser bzw. sein Bruder Matthias als ungarischer Statthalter verlangten von den ungarischen Ständen die Finanzierung von 6000 Haiducken und 4000 Husaren für den Türkenkrieg oder den Gegenwert in Geld. Die Steuer sollte von den Porten bzw. Herdstellen eingehoben werden. Die Stände sahen den Kaiser in einer Zwangslage und brachten die Religionsfrage ins Spiel. Sie erklärten sich trotz ihrer Erschöpfung durch die ständigen Türkenkriege und der Verheerungen durch fremdes Kriegsvolk bereit, die geforderte Summe und noch mehr zu leisten, wenn man ihnen in der Religionsfrage entgegen komme. Die altgläubigen Stände, besonders die Geistlichen, wiesen diese Verknüpfung zurück und wollten nicht über die Religionsfrage reden. Eine Abstimmung aber zeigte, dass weit mehr evangelische Vertreter als Altgläubige anwesend waren. Erzherzog Matthias setzte trotzdem die Bewilligung der Gelder durch, versprach aber, sich noch vor Ende des Landtages um ein Entgegenkommen in der Religionsfrage zu bemühen. Genau dies geschah aber nicht, so dass es schon gegen Ende des Landtages zu heftigen Protesten kam. Der Aufstand zeichnete sich ab.
Noch im Herbst 1604 erklärten die Vertreter des Ödenburger Komitats auf einer Komitatsversammlung ihre Treue zum rechtmäßigen König. Im Frühjahr 1605 kam dann die Kunde vom Wüten der Bocskai-Truppen im Gebiet der Schüttinsel bis vor Preßburg. Bürgermeister Kramer ließ die Bürger im März zusammen rufen und forderte sie auf, den Eid, den sie dem rechtmäßigen ungarischen König geschworen hatten, zu halten. Das ging nicht ohne Widerspruch. Offenbar gab es auch in Ödenburg Stimmen, die meinten, es sei besser, Bocskay zu folgen - mit der Begründung, dass man „in Notwehr“ handle: „Man habe schon etlich jahr gesehen, dass das außländische Khriegßvolkh und die Pfaffen Nicht bessers mit den Ungern gehauset haben, alß der Feindt selber“ (Faut Klein, S. 71) In Westungarn blieben Batthyany und Königsberg sowie die Stadt Ödenburg königstreu, Thomas Nadasdy ging zu den Kuruzzen über, Franz Dersffy, der Herr von Landsee und Lackenbach, sympathisierte vom Anfang an mit Bocskai. Während des Krieges taktierte er und hielt sich an den jeweils stärkeren. Die Türken, Tataren und die Heiducken verschonten zwar seine Dörfer weitgehend, umso mehr wurden sie dann aber von den Kaiserlichen geplündert. Die Truppen Bocskays unter der Führung Nemethys überschritten die Donau und zogen – nach schweren Verwüstungen in den Gemeinden rund um den Neusiedler See – zunächst an Ödenburg vorbei. Sie töteten zahlreiche Menschen und verschleppten andere in die Gefangenschaft. Die Ödenburger Georg und Michael Payr beschreiben die Lage: „Am dage vor der auffahrt Christi (18. Mai) nach dem seh von Neisidl herwerths gezogen, alle derffer, märckht abgebrannt, die leit niedergehaut, gefangen...ist der feint deglich im lant auff Eisenstat, Neustat, Wien herumbgezogen, geraubt, alle derffer im lantt abgeprennt, es ist fast alle dag beinahe scharmitzl gewest... Die ungerischen hunt haben die arben teitschen leit abgefangen, verkhaufft wnt nidergehaut“. Harald Prickler ist der Meinung, dass die Bocskay-Rebellion mehr Menschenleben kostete als die beiden Türkenzüge vor Wien. In Ödenburg warnte man die Menschen in den Weinbergen und Dörfern durch Läuten der Sturmglocken und Kanonenschüsse. Die Stadt wurde in Verteidigungsbereitschaft gesetzt. Es rückten 500 Reiter unter dem Obersten Adam von Trautmannsdorf sowie 300 Musketiere unter Hauptmann Wolff Dorn in die Stadt ein – wohl auch, um die Stadt an einer Huldigung zu hindern. Ödenburg hatte eine Schlüsselstellung, die Aufgabe der Stadt hätte den Kaiser wohl zu Verhandlungen gezwungen. Dersffy und Nadasdy, die weitere Verwüstungen durch die Türken fürchteten, beschworen die Stadt, zu huldigen. Die kaiserliche Besatzung und die Bürger aber waren zur Verteidigung bereit. Die Familien der Bürger hatte man zuvor in das sichere Wiener Neustadt gebracht. Schon am 30. Mai hatten Streifscharen die Umgebung der Stadt verwüstet, besonders das Dorf Marz. Nemethy forderte die Stadt auf, zu Bocskay über zu gehen. Er erhielt keine Antwort. Am 1. Juni 1605 wurden die Vorstädte niedergebrannt, die Tataren wüteten in den Dörfern. Am 6. Juni erfolgte der erste Angriff auf die Stadt selbst über den Sankt Leonhardsberg, den man seither Kuruzzenberg nannte. Die Bürgerchronik berichtet, dass die adeligen Grundherrn, die zu Bocskay übergelaufen waren, ihre Bauern gegen die Stadt aufgeboten hatten. Es wurde ihnen angeblich reiche Beute versprochen. Die ungarischen Adeligen hätten bereits „der Teutschen heuser“ in der Stadt unter sich aufgeteilt. „....aber durch die Trautmanischen Reuter und Rittmaister Warnstett, auch von des Hauptmanß Dorn Muscatirn und unsern Teutschen landvolkh sein diese 1200 Ungern fast alle bei den Furtt Nidergehaut worden und gefangen, Ire Edelleuth aber mit iren geschwinden Rossen entrunnen. Da, wie sie erstlich herauffraisten, eine grosse khugl undter sie geschossen worden und iren Fendrich gehn himel geschickt hat, da sie allßballt ein waich herz bekhomen“. Die Verhältnisse in der Stadt schildert die Bürgerchronik sehr anschaulich
„ Wie die Vorstedte alhie vber und vber gebrunnen (welches in 3 stunden vollendet ward) ist das feuer in die Stadt herein khomen und 3 oder 4 heuser in der Fleischakher gassen angezündet worden, aber durch gottes hülff gelöscht worden. Die Stadtgraben hat man so Voll mit Wasser angelassen , das in den Eussern khraiß der Vestung oder Innenstadt die Weinkheller voller Wasser gestanden sein vnd die khleinern vasser geschwummen. Auch hat man khurz zuvor alle schindel in der Innern Stadt von den Tächern müessen außschlagen, damit wan feur eingeroffen wurde, man es ballt löschen möchte. Vnd ist allenthalben wasser auff den böden zu setzen angeordnet worden. Es hat in der großen hitz ein solchen gstankh in der Stad von roß, viech, Man, Weib, Khind, Cossakhen, Muskatierer, Reitter geben, das viel verschmachtet vnd ballt darnach, sonderlich alte leith vnd khinder, gestorben sein.
Die Stadtgraben vnd gassen sein voller Ingewaid des Viechs vnd anders Vnflats gewesen. In manchen Hauß sein vber 150 Menschen vbereinander gestekht. In den Zwingern hat man schir khein fueß recht von menschen khot etc. sezen khonnen vnd grausam in der Hitz gestunkhen. Den 11 000 bis 15 000 Kuruzzen, Türken und Tataren gelang es aber nur, die Vorstädte zu nehmen. Es fehlte ihnen an schweren Belagerungsgeschützen. Nemethi entschloss sich darauf hin, die Stadt auszuhungern, während seine Streifscharen weiterhin die Umgebung plünderten, bis weit nach Niederösterreich hinein. Von den Kaiserlichen wurden sie nicht behindert, diese lagen untätig und meuternd um Wien und weigerten sich, einzugreifen. Erst nach wochenlangen Verhandlungen konnte Erzherzog Matthias die Truppen des Generals Basta bewegen, der bedrängten Stadt Ödenburg zur Hilfe zu kommen - allerdings nur für das Zugeständnis, dass sie die Güter der " Rebellen" plündern durften. Die Aufständischen zogen ab, die Kaiserlichen verfolgten sie aber keineswegs, sondern fielen nun über die Nadasdy - Güter im Mittelburgenland her. Gleichzeitig mit dem Aufstand flammte auch der „Türkenkrieg“ wieder auf. Der „lange Türkenkrieg“ oder „15jährige Krieg“ hatte schon 1593 begonnen, 1594 fiel Raab, 1598 wurde es zurückerobert. 1601 fiel Kanicza in die Hände der Türken. Die kaiserliche Armee hatte in Siebenbürgen Erfolge, die allerdings durch die unsinnige kaiserliche Politik wieder zunichte gemacht wurden. Die eingeleitete gewaltsame Gegenreformation und die schikanöse Behandlung des Landes führten zum Aufstand, der bald auch ganz Oberungarn erfasste. Die kaiserliche Armee zog sich 1604 nach Westen zurück, auch weil der Sold nicht bezahlt werden konnte. Sie spielte in den Ereignissen des Jahres 1605 eine unrühmliche Rolle. Erst Ende Juli zog die kaiserliche Seite ein größeres Heer zusammen und eroberte die wichtigsten Städte zurück. Die Steirer erlitten allerdings eine vernichtende Niederlage, so dass im September erneut ein starkes Heer der Aufständischen Richtung Steiermark ziehen konnte. Der Wiener Hofkriegsrat entsandte den Obersten Ridolfi mit tausend Reitern, die vom Papst angeworben und bezahlt worden waren. Zusammen mit Königsberg stellte er sich bei Steinamanger und wurde so vernichtend geschlagen, dass sich nur wenige der Soldaten retten konnten. Die kaiserlichen Besatzungstruppen zogen sich in Panik zurück, in St.Gotthard sprengte man noch die mittelalterliche Zisterzienserkirche in die Luft... Dann begann der neuerliche Einfall der „Kuruzzen“. Das Nordburgenland und das Wiener Becken, das Südburgenland und die Oststeiermark wurden verheert und ausgeplündert. Die Burgen blieben unbelästigt, die Dörfer aber waren ohne Schutz. In der Oststeiermark fühlte sich die Bevölkerung von den eigenen Herrn verraten und erhob sich gegen sie. Tatsächlich wurde die Hilfe für das geplagte Land absichtlich hinausgezögert, denn inzwischen liefen schon Geheimverhandlungen mit Bocskai und man wollte sich in Wien die Aufstellung einer neuen kostspieligen Armee ersparen. Erst im November wurde Waffenstillstand geschlossen, an den sich die haiduckischen, türkischen und tatarischen Truppenteile jedoch nicht hielten. Erst Anfang Dezember wurden sie vertrieben und wieder kaiserliche Besatzungen in die Städte gelegt, meist Söldner (Deutsche, Raizen = Serben, Wallonen, Italiener und sogar Kosaken), die nicht viel besser waren als die Türken. Die Schäden des Jahres 1605 waren gewaltig. Noch Jahre danach werden in den Steuerkonskriptionen zahlreiche Dörfer als völlig verbrannt und verödet bezeichnet, in fast allen Orten gab es verbrannte und verödete Häuser. Der Wiener Friede wurde am 23. Juni 1606 geschlossen. Er gestattete die freie Religionsausübung für den Adel, die königlichen Freistädte und für die Besatzungen der Grenzfestungen. 1608 wurde der Wiener Friede auch vom ungarischen Landtag bestätigt. Der Ödenburger Stadtrat konnte nun wieder evangelische Prediger einsetzen und auch die evangelischen Schulen wieder eröffnen.

1683 Zerstörung des Dorfes

Im Sommer 1683 gab es keine Chance, dem riesigen Türkenheer, das in Richtung Wien zog, zu widerstehen. Die Stadt huldigte dem Fürsten Thökölly und damit den Türken.„Item den 24 Jully. welches war der Sambstag vor S. Jacoby. haben die Tathern vmb 9 Vhr : zu morgens. Loibersbach. vnd Forchtenaue vnd Margareten Ab Brendt. wie auch Klingenbach, vnd disen Tag gar sehr Vil Därffer vmb die Eyssen Stath herumb Esterhazysische ob nun wol Vnssere Därffern ist anbefohlen gewest von dess Fürsten Döckelly seinen hr. Commissarien. wie auch andern vmbligendten Därffern, dass sye weisse Fähn haben auss gestecket, hat doch solches nichts geholffen sondern sein von Tathern abgebrent worten. Auch die Salfa quarty veriaugt auss solchen Därffern welche ihnen von Lager auss, so unter dess Schlipfber Thor seyn gelegen, gegeben worten, haben auch Theils gar Zerhauth. solche Salfa quarty die Tathern, vndt ob nun wol dissen Tag. Auss den Lager Turcken vndt Tathern mith zwen Stanstár seyn auss gegen den Stainern Brückel, den Tathern entgegen gezogen. Solche von vnsern Gebieth abzuschaffen, die Tathern aber Vil Stercker wahren, haben sye etlichen türcken die ross abgeiaugt solche hart geschlagen, vndt ganz auss gezogen, dass etliche nur ihn einen Hembet seyn ihns Lager kommen. Hat auch einer von dess fürsten Döckelly seinen hr. Commissarien, Mith Vnssern herrn Mathias Preyner und hr. Schlöthner nach Wyen zu den gross Wysier in dass Lager wollen reissen in Verrichtungs Sachen, haben aber wegen des Tathern zu rückh, heymber miessen, dass er so starkh in walth ist gewest.Item den 27 Jully haben unssere Vnterthanen, von Vnsser Stath Dörffern, dass Moll vnd Schmalz so die Burger vnd holten ihn der Stath her geben haben nach Wyen in dass Türckische Lager gefürth. Vnd seyn zu gleich vnssere herrn, dissen Tag auch nachy nach Wyen zu den gross Wysyr gefahren, Müth dess Fürsten Döckelly seynen Commissary. Als hr: Sebesty Paull. Vndt hr. Capitan von Baba. hr: Wyserety. der alte hr. Burgermeister hr. Mathias Preyner, vnd auss der Gem. Sygmundt Schlöthner Die Ruster haben auch miessen mith Schicken 25 wägen, mit Moll Schmalz vnd Hönnig, vnd auf jeden wagen einen Sack Zwiffel. Vnd Ihn ieden wagen seyn gewest die dass profandt haben gefirth 4 ochxssen vnd 2 Ross. Da man sich über auss hart hat gefurcht, der Türckh wirt das Vieh mith sambt den Leyten vnd wagen droben behalten, seyn aber in 4 Tagen widerumb vnversehrter nach hauss kommen. Den 29 Jully haben die günser Stainamangerer. vnd der Graff Traschkowitsch. Auff die 100 wagen profiandt nach Wyen ihns Türckische Lager geschicket.

Die Wirkung des Weines

Vndt haben so Vil Weyn ihns Lager die Vngern gefürth. dass sye Täglich seyn bliz Vol gewest, vndt haben die Türcken dass weyn Trüncken auch schon gelernet, welche sich doch sonst der nichterkeit sehr befleissen Thun, alsso dass Zwischen Vngern vndt Türcken, in weyn bald nichts Guets were geschehen, ist demnach der Fürstliche. Döckellische hr. Commissary. hr Wargozj. ihns Lager hin auss vnd selber drausten Ligen bliben, vnd erstlich ihn den Turckischen Lager geschauet, wie es stehet, hat aber befunden dass sye alle Vol seyn, Fragt wo sie den weyn nemben, gaben sie ihme zur Antwort ihn Vng. Lager, wie er den ihn solches vng. Lager kompt. Findt er auf die 400 Emmer weyn, welchen sie allen von den Därffern zusammen haben gestollen, hat aber Alss Balt allen Fässern die Bodten Lassen ein schlagen, vnd den weyn Lassen auss rinen, vnd eine solchen Verbuth gethan, welcher ein Emmer weyn wirt mehr ihns Lager Führen der sol ohn alle gnadt auf gehencket werten.

Kinderraub

Item den 11 Augusty welches war der Mithwochen nach Laurenzj, haben die Türcken etliche wagen Kinder. Alss 3 durch die Stath, vndt 4 aus ser der Stath fier gefürth. Von Wyen. herab welche droben ihn Österreich seyn abgefangen, worten nach Kenischa.Item den 1. September seyn die Tathern gar auff Loibersbach vndt Agendarff her ab gerithen vndt Vil Viech undt Leuth von disen Därffern abgefangen vndt gar auf den Lewber wissen, wandarferische Leyth auch mit gefangen weckgefürth. Den andern September. Abermall Vnssere Bürgers Leyth mit den holzwägen ihn Dutles walth, mit sampt den Ochxssen weckh getriben, die Tathern. Zu morgens vmb 8 Vhr vnd dess Georg Schäbel sein zwen Söhn vnd den Adam Sonleytner. mit seinen Knecht bey der Greisser maisen abgefangen vnd mit sampt den Ochxssen weckh getriben, auch ihn obern greisern den hanss Paurn abgefangen vnd forth getriben, vnd auser des gricht, ihn der Thal, den hanss Ingerler ihn der Neustifft Köpfft, dem die Felthieter auff den Ross alsser Tother herein gesämbt haben.

Lebensmittelkauf durch die Türken

Item zu ein gang des Manath September haben die Türeken grosse Theurung alhier zu Öedtenburg gemacht weyln sye mit Etlich 70 Kameln von Wienerischen Lager seyen vmb profandt ein kauffen her ab geraist also dass sie den mezen habern vmb ein Reichstaller haben zalth die gersten vnd Kohrn, den mezen eben so Theur. den mezen Mel vmb 2 vnd 3 fl. einen Laib Brodt vmb 5 vnd 6 gr.Graff Traschkowitsch. der von Fürsten Emeric Töckelly über die Tonaue her gereister kommen ist, vnd der Stath auf Befehlch des Fürsten auf. getragen eine Beysteur zu geben, vndt gleichfalls vnter die Irxssen zu greifen, Vrsach dessen weiln er wegen vnser Freyheiten Zu felt Liget, vnd vns solche zu wegen bringt, also sollen wir sehen, dass wir vnss nicht saumben, vndt etwas zusammen bringen, dar mith wen seine Comissarien kommen, wir das Geldt haben ihn breitschaft. Vnter dessen hat sich die Stath obrigkeit bemiehet solches gelt allbereith auf die 3000 Ducaten Zu sammen zu bringen, vnd den fürsten dar mit zu besenftigen, so ist Graff Wargozj den 7 September, mit etlich hundert gruzen über die Thonau herkommen von fürsten Töckelly, vnd ein ander herr mit ihm, die vnss gewarnet haben ihn gross wysier mit 1000 Ducaten zu begegenen sonst werten wier versengt vndt verbrent werten ess wundert ihme, dass wier so Lang Zeit hero, seyn sicher verbliben, die weil wier ihm so gar nichts presentiert oder aufgewart haben, Vrsach dessen weiln die Türcken von Öedtenburg mehr halten dass es solt reicher seyn, Alss dass halbe Königreich. Also ist die Stath in solchen Engsten gewest dass sie nicht gewist haben wo sie sich nur hin wenten sei, dass wir vor feuer, vndt vnser Leben zu errethen, nur sicher weren.

Die Verschleppten

Was geschah mit den verschleppten Menschen? Am 11. August 1683 wurden nach der Chronik Faut/Klein sieben Wagen mit Kindern durch Ödenburg bzw. an der Stadt vorbei nach Osten transportiert. Wenn die Tataren ein Dorf überfielen hatten sie vor allem folgende Ziele: Durch extreme Grausamkeit die Menschen einzuschüchtern um jeden Widerstand zu verhindern. Das war sozusagen ihre offizielle Aufgabe als „Renner und Brenner“. Zweitens wollten sie Beute machen. Dafür kam vor allem das Vieh in Frage, das man dann im türkischen Lager – aber auch auf den Märkten der Christen - gut verkaufen konnte. Und dann die menschliche Beute. Männer und ältere Frauen wurden erschlagen, vor allem dann, wenn Widerstand geleistet wurde. Frauen und Kinder wurden weggetrieben. Natürlich konnten die Tataren mit ihnen wenig anfangen. Sie wurden also so schnell wie möglich verkauft. Die türkische Armee wurde von Sklavenhändlern begleitet – nicht selten waren es auch Christen, Griechen, Armenier oder Juden – die sie kauften (meist sehr günstig, da es ein riesiges Angebot gab. Vor allem erwachsene Männer konnte man zu einem Spottpreis erwerben, Frauen und Mädchen waren teurer). Sie wurden dann ins osmanische Reich gebracht und dort weiterverkauft. Einige jüngere Knaben landeten bei osmanischen Familien in Kleinasien, wo sie zu fanatischen Muslimen erzogen wurden. Dann kamen sie in die Kasernen der Janitscharen, der Jeni Ceri, der „jungen Garde“, der Elitetruppe des osmanischen Heeres. Frauen und Mädchen landeten zum Teil in den Harems der Mächtigen.
Es muss aber auch gesagt werden, dass viele Kriegsgefangene und auch freiwillige Überläufer im osmanischen Reich Karriere machten, ja sogar zu höchsten Würden aufsiegen. Ein eigener Geschäftszweig war die Aufbringung von Lösegeldern. Es waren Männer, die zu beiden Seiten Kontakte hatten, die das Auslösen von Gefangenen organisierten und die sich frei zwischen den Fronten bewegten, da man sie brauchte. Die Lösegelder richteten sich nach dem Wert eines Gefangenen. Für Adelige wurden hohe Summen verlangt, auch wohlhabende Bürger konnten viel einbringen. Wir kennen aus Ödenburg Fälle, in denen einige hundert Gulden verlangt und auch bezahlt wurden. Weniger war mit den Bauern aus den Dörfern und ihren Angehörigen zu verdienen, zumal die Familienangehörigen oft selbst in Gefangenschaft gerieten. Oft war der Aufenthaltsort der Verschleppten auch nicht mehr zu ermitteln. Erstaunlich ist eine andere Praxis. Gefangene wurden oft entlassen, um die Lösegelder für sich oder für Familienangehörige aufzutreiben. Manchmal bettelten sie sich durch die Lande und bekamen so die Lösegelder zusammen. Mütter wurden etwa freigelassen, um das Geld für ihre Kinder aufzutreiben. Es galt als besonders rühmliches christliches Werk, dafür zu spenden. Es wurden auch kirchliche Stiftungen für diesen Zweck eingerichtet. Es war ein absolutes Tabu, eine solche Freilassung auf Zeit auszunützen und nicht mehr zurückzukehren, auch wenn keine Geisel gestellt worden war. Ein solcher Missbrauch hätte strenge Strafen für andere zur Folge gehabt und wurde daher von beiden Seiten strikt abgelehnt. Man muss ergänzen: Der Handel mit Gefangenen wurde von beiden Seiten angewandt. Die Batthyany etwa kauften vornehme türkische Gefangene in großer Zahl und machten dann mit ihrer Ablöse gute Geschäfte. Eine vornehme türkische Frau oder ein hochgestellter Beamter, Militär oder Grundherr konnte mehrere tausend Gulden bringen. Die Auslöse geschah zum Teil auch in Naturalien, z.B. Pferde, Teppiche oder wertvolle Stoffe. Auch die christlichen Söldner der Grenzburgen verdienten sich so ein Zubrot und unternahmen Streifzüge, nur um Gefangene einzubringen. Auch auf christlicher Seite wurden türkische Kinder verschleppt, etwa nach der Rückeroberung von Budapest und des übrigen Ungarn. Aus Ödenburg kennen wir eine ganze Reihe von Fällen, in denen Türkenkinder christlich getauft wurden und angesehene Adelige und Bürger hielten sich darauf zu gute, als Taufpaten zu fungieren. Sie wurden zwar nicht versklavt, aber ob man sich auch weiterhin um sie gekümmert hat ist fraglich. Einfach war auch ihr Schicksal nicht. Türkische Gefangene wurden vereinzelt Christen, heirateten und traten etwa in den Dienst von Herrschaften.Der Türkenzug von 1683, die Überfälle durch die Tataren, die Türken und die Ungarn in ihrem Lager haben also das Dorf Loipersbach vollständig vernichtet. Etwa zwei Drittel der Menschen sind dabei nach meinen Berechnungen ums Leben gekommen. Über Einzelschicksale von Menschen aus Loipersbach weiß ich bis jetzt noch nichts. Möglicherweise bieten die Waisenbücher bei genauer Auswertung noch einiges an Überraschungen. In einigen Waisenbücher der Grafschaft Forchtenstein, etwa in denen von Purbach, wird immer wieder über schlimme Schicksale berichtet. Die letzte erfolglose Belagerung Ödenburgs geschah dann im Rakoczi – Aufstand 1704. Auch dabei wurden die Dörfer wieder abgebrannt und Menschen von den Kuruzzen erschlagen, gefoltert, ausgeraubt und verschleppt. Schlimme Exzesse ereigneten sich etwa in Kroisbach. Nicht weniger verheerend waren über zwei Jahrzehnte hinweg die Befreiungskriege von den Türken. Stadt und Dörfer mussten nahezu jeden Winter Soldaten einquartieren, diese versorgen und auch Futter für die Pferde zur Verfügung stellen.

Abhängigkeiten von der Natur

Wie sehr die Menschen von den Launen der Natur abhängig waren zeigen die Eintragungen in den Chroniken. Ich würde schätzen, dass jedes dritte Jahr in irgendeiner Form mehr oder weniger ein Katastrophenjahr war, auch wenn die Klagen manchmal etwas übertrieben erscheinen.Ich greife nur einige Nachrichten heraus
In der Chronik von Faut und Klein wird 1590 von zwei Erdbeben, eines im Juni und eines im Juli, berichtet. 1591 bis 1594 waren Frostjahre mit Schäden in den Weingärten. Zum Jahr 1610 wird berichtet:
Diß Jahr ist dem Sau Viech die Khlauen alle abgangen, allso dass sie schir auff den Khnien mussten herein gehen. Auch ist das halßweh sehr undter dem Volkh allhie herumb gangen. Diß Jahr ist ein Feur in Herrn Wolff Artners Hauß in der Gergen gaßen außgangen, welches seine Dirn gelegt, dami sy des Herrn Artners gellt bekhomen möchte, die Dirn ist Khöpft und verbrent worden irer That halber. Aber das Feur biß auff S.Gergen Khirchen alle heuser verbennt. Diß Jahr hat ein schrecklicher Schaur fast alle weingartten bei dem See alhie erschlagen, vnd da einer zuvor eine Emer gebaut, hat er diß Jahr khaum zwo Pint behhomen,aber sehr guet vnd starkh. Oder 1616:
Diß 1616 Jahr ist gar ein Türr Jahr gewesen, khein hei noch graimet geewagsen, viel obst, kkhostlicher wein … Der See vmb eine Hohe mannßlenge gfallen, gar khlein worden . Der maiste thail der Menschen an der ruer vnd zwang erkhrankht, auch vil Khinder gestorben. … Dieses 1616 Jahr auch ein Meusjahr, da vnzelich vil Meuse in weingartten und Akhern sich sehen lassen. Auch gar vil Stahren die Augster zu Weingarten gar außgefressen. Einige Beispiele aus der der Chronik von Hans Tschany von 1675 bis 1678Idem dises 75gste Jahr ist gar ein spats vndt regnerischer Jahr gewest, Ihn velchen die Frucht gar nicht haben können zeitig werten genug. Vndt ist ein über aus saurer weyn gewachsen, vnd der mehrer Theyl weynber zun Lösen Zeit gfroren, dass man es dar heymbten miten Ihn warben Stuben hat miesen etliche Tag stehen Lassen, dass sye sein auff getauth.
Item Ihn diesen 76 Jahr, den 16 May, ist ein grosser reyff gefallen, vndt hath Ihn Bodten Weyngärten grossen Schadten gethan.
Item Ihn diesen 76 Jahr den 28 May. hath sich vmb 3 Vhr nach mith Tag. von der Neystath her ein solches groses Schaur wöther erhebt, vnd von der Neustath bisa auff Gschies weyn und Traydt erschlagen.
Item, Ihn diesen 76 Jahr den 5-ten Juny, ist bey der nacht nmb halb 12 Vhr ein grosses wöther kommen, vndt durch einen donnerschlag ihn den prandtnerischen hauss. ihn Stadtl hindther eingeschlagen. Vndt angezündt, worüber 5 heysser vnd der Lacknerische Mayrhoff halber verbrunnen.
Item dieses 76 Jahr, ist gar ein überaus heyess vnd dürres Jahr gewest, Ihn welchen Jahr es gar wenig geregnet hat, vnd hat man alhier den 28 September schon angefangen zum Lössen, vnd ist gar ein herlicher gueter weyn gewachsen, welcher von Kauffleyten der meyste biss auff Martyny ist ubgefirth worten, vnd der emmer vmb 6. vndt 7 vnd 8 reichstaller ist verkaufft worten, aber gar wenig ist diss Jahr worten weyn.Item Ihn diesen 76igsten Jahr, den 28 November welches wahr der Sambstag vor den heyl. Adtvendt Sontag. Ist bey der Goth erbahrm es Ihn höchsten himmel durch des Georg Warthenmeyl. In der Langen Zeyl seiner zweyen Kinder. Ihn Stadtl, hinten bey einer strab Tristen ein Feyr angeheizet worten, dar bey solche Kinder haben wollen Kösten brathen, welches ist geschehen vmb halbe 2 nachmitag, da solches Feyr die ganze Lange Zeyl gegen den Neystifft Thor, biss auff das Kirchknopffische hauss hat abgebrandt. Abwerts biss gegen den Botschy Thor. Auff dess Krumten Schifferstayn seyn hauss, den ganzen Zwickel Ihn der Sülbergassen, her auss. vndt biss auf das Meisslische wirtshaus. Die einwendtige ganze Stadt. Ihn welcher sich der hinder grien Thurm zum ersten zint hat, vnd vegebrunen, …die Georgen Kürchen sambt den Thurn auss gebrenth dass die glocken herabgefallen, wie auch das Kloster vnd den Thurn, dass auch die glocken herab seyn gefallen, vndt den Stath Thurn ganz auss gebrendt.Die hinter gassen undt alte Kohrnmarck aber. Die Neystifft alle zwe Zeyln biss gegen den Neystifft Thor auff etliche kleine heyssl. hernach von Kohrnmarckh aber auff das stain Thor. Die Schmit gassen biss auff das gassl aber. Vnd in der Rossen gassen durchy vnter der Johans Kirchen, und dieselbige ganze gassen biss auff das Windtmühl Thor : welches auch mit abgebrunen, Vndt von Thor widerumben zuruck her unter biss auff Vnsser haus. Da ists erhalten worten durch Gothes sonderliche gnadt.Ein gutes Jahr
Item Ihn diesen 77igsten Jahr, haben sich die Köffer Ihn Vnssern Ganzen Öedenburgerischen weyngebürg verlohren, dass man sich driber sehr erfreyet hat. Dass die weyngarten zu einen schönen holz seyn einmal kommen.
Item dieses 1677 Jahr. Ist ein solches Fruchtbahres Jahr gewest, an welchen Fast nichts ermangelt hat, Ess ist Weyn worten, Mehr alss ihnen die Leyt geschäzet haben, Vndt noch vber aus guter Weyn. Dass des Emmer aus gneten gebürg umb 5 vnd 6 reichstaler ist verkaufft worten, so ist Trayt genueg worten, Krauth vnd rueben und aller handt Obst steif und Sath genueg hey vndt Grämet Fier das Viech. Ist auch von keinen Schaur diss Jahr nichts gehörtworten. Alleyn dass Milthaue hath so schadten gethan Ihn Weyngarten Ihn disen Jahr, dass mans sonst nicht bald Erhört hat.
Item Ihn disen 78igsten Jahr den 23 May Ist nach mittag über die himmels Thron haussberg undt Sülberberg ein solches Schaur und gewösser wöter kommen, vnd grossen mächtigen schadten gethan. Theyls weyngarten die Erdt wegetragen, und den Andern seyn weyngarten damit verschith.
Überschwemmung
Item Ihn diesen 78 Jahr, am Sontag nach Johanny dess Tauffers, ist nach mith Tag, der Spithelbach vnd Langen Zeilen graben so voller wasser angerunen, von den vil und grossen regenwöter, dass dass Hey auff den Furthwissen vndt vndter Kolmbhoff, was gemäther ist gewest darvon Tragen dass andre verschlembt, wye auch ober der Stath die Ziegl vnd Tuiff vndt Lewber wissen, dass Hey alles verderbte, vnd verschlembt, vnd ist nicht auss zu sprechen gewest was Ihnerhalb zweyen Tagen, dass Wasser Ihn Vngern vnd Öesterreich vor schadten hat gethan Vil 100 Futer hey weckhge Tragen und verschlembt, vndt die Leyth so nach der Leythe gewohnt haben solches wasser erfahren, dass es ihnen ist bey den Feuster auss und ein gerunen,vnd haben sich die Leyth mith den Viech auss den Dörffern miessen auff die Höch her auss begeben Ihr Leben und dess Viechs zu Erröthen.
Naturerscheinungen
Item Ihn disen 78igsten Jahr. Am Tag Marya Heymbsuchung hath die Sonn bey hellen Kötern Wöther umb 9 Vhr zu morgens frye einen ring bekommen, wie ein rögenbogen gestalth weith vmb die Sonn herumb welcher ist gestanden biss auff halbe zwey nachmit Tag. Worüber sich die Leith sehr verwunderth was es doch bedeuthen wirt, Theyl haben gesagt, ess wirt nasse Zeith bringen. Theil ess wirt dirre Zeith werten, die von der dirren Zeith haben gesagt, haben es errathen, den Ess Ist grosse Dihr Worten ganzer zwey Monath Lang.
Mäuseplage
In diesen 78igsten Jahr. Hath ess so Vil Mays Ihn ganzen Landt gegeben, dass sye ihn ackern vndt weyngarten grossen Schadten haben gethan, vnd seyn alle wyssen vnd anger vol solcher mays gewest, worüber sich Jedermann vcrwunderth wo doch so Vil mays herkommen, vnd was sye uns beteuden werten, oder guts auss ziehten.
Harter Winter
Item auff die Vil Fältigen Mäys. so es Ihn verwichenen 78 Jahr gehabt hath, Ist ein solcher grossen Wünter von Schnee worten, dass Ihn langen Jahren kein so Strenger wünter nicht ist gewest, Vndt das Liebe Traydt an all orth vnd Endten sehr verwünder ist worten, dass naans Ihn Frielling hat miessen vmb ackern vndt Gersten drein Bauen, und hat 8 Tag vor weynachten dess78 Jahr biss auff den 8 Abpril dess 79 Jahr Kein Halter Kein Kleel Fiech nicht auss Treiben können, dass Traydt ist geschwindt Ihn Abpril worten der wegen umb 21 gr. der wayz vmb 27 gr, die Summer gersten umb 22 gr. der habern vmb. 16 gr.
Heuschrecken
Item zu Aussgang des Augusty Monath. dises 82 Jahr, seyn über den See Vnten von Wasser her auff so Vil hey Schröckh kommen zu Vnss. Vnd nach den See den Rohr allen abgefressen, undt verderbt, undt seyn alle eines Manes Finger Lang gewesen Vndt haben Vier Fliegl gehabt ieder heyschröckh. vnd die meisten Sülber Farb, vndt gelb, wegen solcher heyschröckh. haben sich die Leith sehr verwunderth. was doch mit sie weren bringen, den ven die Sonn warmb hat gescheinet, seyn er Vil 1000 geflogen nach dem See. vndt so Fisierlich seyns geflogen, alss wen eine Armme. daher deth ziehen, und reissen.
Weingartenkäfer und Raupen
Item Ihn disen 1683 Jahr, haben sich die Köffer zu weyngarthen über auss starck ein gestelt. vndt grossen schadten gethan, Hath auch ihn disen 83 Jahr so Vil würmb gegeben, welche alle obst bammen so wol in weyngarten, als Bamgarten. vndt Feldern wie auch in wältern, die Zer Aichen, alle abgefressen dass sye seyn dar gestandten, alss wenns dürr weren.
Item ist auch diesses zu Beschreiben, dass es In diesen Jahr (1684), so Viel Würmb hat gehapt, die nicht allein die Wälter haben ganz abgefressen, alss wen die Bammer alle Thyer wären, sondern auch die Bammen ihn Bamgärten vndt greyten in feldtern vnd Weingarten vnd weiln sye in wältern nichts zu fressen mehr haben gehabt, so seyn sye in die Weingarten grochen, so nahe an den wältern. und Zausig sein gelegen vndt in den selbigen die Botzen abgefressen an den Bögen, welches man noch nie erhört hat. dass die würmb eich über den weynstockh solten gemacht haben solchen zu verderben.Missernten 1684 !!!
Item dieses 1684 (!) igste Jahr, ist ein solches Vnfruchtbahres Jahr gewest, in allen fruchten, alsso dass nicht ein Obst, nur das geringste were worten, dass traidt in gleichen ist gar schlecht gerathen, vndt manicher armer Baur Kaum den Samb, ins kinftig erbauet, aber Vil Haydtn vnd Hirsch (Buchweizen und Hirse) haben die Leit disses Jahr angebauet, dass ist dennoch so gerathen, dass die armen Leith ihre Lebens mitl ein wenig haben gehabt. Der Weyn hat gar nichts gerathen, dar auss Leicht ist abzunemben dass wenig ist worten. die weiln der Pischoff nur 130 Emer in Zöhet hat bekommen, vnd haben die Eltesten Leuth, so alda gelebet haben, von einen solchen feil Jahr in allen sachen, nicht könen wisen, noch könen erdencken, da sie es von Ihren Eltern heten gehört erzöllen. Dass der gleichen eines were gewessen wie dises 84 igste iahr.
Vnd hat Gem. Stadt alhier dieses Jahr auss 1800 lb wolgebauten Weingarten nur 100 Emer maisch gebauet. Welcher most nicht hat erklegt auff die Bedienten vnd Officianten, also dass kein Emer : gem : Stath ist ihn Keller geleget worten von diser 84 Jährigen fechxung.
Hungersnot
…seyn alss den so Viel Vngerische Leith heroben bey vnss ihn der Stath Peteln gangen, welche anfenglich von den Tathern hernach die zwey Wüntherquatier durch die Teutschen. Vmb dass Ihrige seyn kommen, solche Baurn, die vor her 12 ochxen 12 Ross 30 Sau. Hert Schoff. Jährlich biss 300 schöberl vnssere Haur alhier bey ihnen trunden geschnitten haben, hernach alhier bey vns den klein Brodt nach gen, weyln man ess anfänglich nicht hat wollen. Herein in die Stath Lassen Haben sie die Nestl in feldt grast vndt gessen. daraus zu schliessen, wie die Leuth haben Hunger Leidten miessen, vnd wie Goth, die Verschwendung seyner gaben an den Vngern gestrafft hat. die vor hero. Keine Rindten an den Waizen Brodt haben mögen Essen, sondern solche wecke gechnidten. vnd den Hundten vorgeworfen, vnd dass Sprichwort zu den Teutschen gesagt. Du teutschy hast Weisj Hauss. Aber schwarzj Brodt. Ich aber hab schwarzj Hauss vnd weissy Brodt, iezt aber haben sie anstath des weissen Brodt nestl anstadt der Hiner vndt gens. Vndt Lemmcr. Hund vnd kazen, Goth Behiete vnss ferner, vnd regiere vnss, dass wier seyne gaben nicht missbrauchen darmit es vns nicht auch alsso gehe.
Item ist ihn diesen 1686igsten Jahr so ein über auss schönen heller vnd varmber Merzen gewest, welcher alles her fier hat gezigelt, so wohl in felth alss zu weyngarten, vnd hat man den 4 Aprill schon weynberr gesehen, aber den 10 Apbril ist ein grosse gfrier gewest vndt sehr Viel schadten gethan. am osterntag aber.bei der nacht hat ess sehr übel hauss gehalten, da ess in den Weingarten alles was her vor war gewessen hat erfrörth bey den See, vnd Berg vnd thall, vnd gar keinen einzigen Nussbaum nicht über Lassen, so wohl Bey den See, alss änderst wo, den ess nicht erfrörth hat.
Ess seyn auch heyr vnb Endt dess Apbril so Viel Köffer ihn vnssery Weingarten komen, dass man glaubt ess hat es nie so viel geben alhier. den sie sein nicht in die Koffer Weingarten komen, wo sie sich sonsten gerne haben einge-stelt, sondern nur in die gueten gebürge wo sein tag sonst nie keiner gewessen ist … vndt ist fast kein gebürg dass nicht drein sein kommen vnd alles abgefressen. Man hat hernach wohl bey 5 thaller straff eingesagt Koffer Klauben, da er wohl Viel seyn vmb Kommen, aber ess ist Vil zu spath angriffen worten disse Arbeyth. wenn es zu rechter Zeith were angriffen worten so were den Köffern wohl zu steurn gewessen. Vndt solche ihns künfftige besser ihn acht genohmen werten, dass Köffer Klauben.Hexenprozesse
Item den 17 May ist zu Mitag vmb 10 Vhr, ein Schweres wether erstandten. Vndt die Haussberg, wie auch der Necken marcker ihr gebürg über auss sehr Erschlagen. Worüber zu Neckenmarckh die alte Pätschin sampt ihrer tochter. vndt zwo äntl : seyn eingefangen worten, welche solchen schaur selten gemacht haben. Muter vnd Tochter in Landtsee. die antl in Lackenpach.
1686, Ablieferung von Proviant
Item den 25 May hat man Miesen ihn den gantzen Vngerlandt Profiandt wagen schicken, vndt haben vnssere Dörffer 20 wagen In Jedten 4 Stuckh fiech missen hergeben vnd forth nach Günss schicken, die Stath auch noch dar zue 30 wagen In Jedten 4 Ochssen welche seyn ihn die Ihnere Stath. vnd her austen in die 4 Viertl eingeteillet worden hat miesen forth schicken, vnd zu einen Jedten wagen zwen Knecht.
Heuschrecken
Item seyn so Viel 1000 mall 1000 Heyschreck In vnssern See ankommen In disen September vndt weillen gem. Statt hat bey den See dass Grämet wecke gemähet, seyn sie ihn die Weingarten absonderlich in die Stainer vndt Saz er-schröcklichen eingefallen. Vnd in weynbeern grossen schadten gethan. Ob man wol allerley mitl vor genohmen hat solche zu vertreiben hat man doch sie nicht könen auss den Weingarten bringen, wier Bergleuth seyn Bey der nacht hin ab. Vndt haben die wolffser her auss miessen vor tags zu den Burgstall Kommen, ein Jedter mit einen stessel der vnter sich einen 4 ecketen Latn hat gehabt, da hat man auff die Heyschreckh gestossen, die weillen zu morgens frie, ehe die Son ist auffgangen. Auff den Anger, ausser der Satz, gegen den den See alles tückh seyn gelegen, seyn er wol viel 1000 erstossen worden, Ists doch so viel alss nichts gewessen, hernach hat man, mösser hin ab gefirth ins gebürg, vndt drein geschossen, vndt mit trumin In weingarten vmbgangen vndt solche auff geiaugt. ess hat aber auch nichts aussgeben, sondern die Leuth seyn so Verzagt worten. Dass sye den 23 September haben zu den Lessen ihn stainern angefangen.Item am tag Lorentzy. seyn auff den Abendt Iber den potschy herein Viel Millionen tausendt Heyschreckh Herein geflogen. Dass nicht änderst hat auss gesehen, alss wen eine Brunst drausen wer, dass der rauchen Her ein gieng, vndt Haben sich gelagerth Bey den kleinen Lewern, vndt auff den botschy, vndt In den ackern selben Herumb. die staurn auff den potschy seyn voller Heyschreckh gehenket, dass sye sich gar zu erten haben nider gebogen, die Halben äcker haben alle Schwarz auss gesehen, alss wie Brachäcker, so tickh seyn die Heyschreckh gesessen,
darauff ist man hin auss mit trumein, Hats dar mith wollen auff treyben, man hat drein geschossen mith der Argelley. vndt Muschketen, aber sye haben sie disen tag weiln ess Kiel war nicht lassen weith treiben, sondern seyn ihn walth hin auss gegen den warisch zusammen gangen, dass alle staurn voller seyn gehenkt, den 3ten tag nach Lorenzj : haben sie sich selber gegen Mith tag auffgehebt, weil es warmb ist worten, vndt über die Lewer über, vnd auff wandarff teils Hin ein, theyll bey der Reissingerischen Müll durch, gegen den tieffenwyssen, dorten haben sie widerumben nacht lager gehalten.
Den andern tag seyns zu ruckh herüber Ins ausser gebürg, dass In die weynstöcken sein angefallen vnd ihn die obstbamen. da sie solche nest Haben abgetruckt dass sonst zwen mener Heten nicht könen abreissen, wen sye dran heten angezogen, dan haben die Leut mith den Haunen angehebt zum Leiten, vndt sehr geschriren, haben sie sich gehebt vndt seyn gegen Schadtendarf zue, diesse seyn auch Her auss vn.d haben es oben auss getriben auff andery Dörffer zue, dieselbigen Habens auch wieder weitet getriben, Biss endlich auss den Lande damallen seyn kommen.
Wass aber der Heyschreckhen Belanget, die sich Bey vnss haben gebrudet, derer seyn auch eine grosse menge gewessen, Bey den Zahrhalmen, vndt stübläckern, welche vnss grossen schadten in selbigen feldern In traidt gersten vndt wayzen gar gethan haben, die waiz haben die Leith Läckhgriener miessen nider schneidten, wer ein wenig was hat wollen dar von Bringen, sondern hat er nur das Löhre strob dar von gebracht, vndt ist erlaubt gewessen Sontag. vnd feyrtag zu schneidten, In disen feltern trüben, vndt ist ein ellendt anzusehen gewessen, wie die Heyschreckh gehaust haben, vorn her seyns alss schwarz auff den traydt vmbgestigen, vnndt haben die eher abgebissen, dass die schnither Hinten nach dass Löhre strob haben miessen schneithen. Vndt nach dem schnith hat man die Halter Lassen mith den Schweinen drein halten die habens her gefressen, dass nichts von dissen. so sye ihn vnsern feltern gezicht haben ist über Bliben. den sie Haben damalls noch nicht fliegen könen. Also Habens die schwein Leicht ertapen könen, In Vngern Hin ab, da nach dem See Herumb, haben die Heyschreckh solchen schadten gethan In traidt, dass die gnandtschnidter haben miesen Heymer gen, dass nichts schneidten haben gehabt, sondern die Heyschreckh habens alles ehe abgefressen. Ist alss den Inteils Dörffern grossmechtiger schadt geschehen.

Katastrophen in Loipersbach
1570 brannte das Dorf ab, Kaiser Maximilian gewährte auf 6 Jahre Steuerfreiheit. 1600 wütete die Pest, die Hälfte der Bevölkerung starb, 1605 wurde das Dorf durch die Bocskai – Rebellen zerstört. Immer wieder traten schwere Hagelschläge und Brände auf. Durch eine schwere Überschwemmung wurde die Kirche und wahrscheinlich auch das Dorf zerstört. Die Kirche, durch einen „Wasser Guss abgeödet“, war noch lange danach in einem miserablen Zustand, die Evangelischen hatten offenbar kein Interesse daran, die inzwischen katholisierte Kirche wieder aufzubauen.
Seit dem 18. Jahrhundert wurden die Schäden jeweils vom Komitat erhoben, die Schadensmeldungen liegen im Komitatsarchiv auf. Vom 1. November 1725 bis 1. Mai 1726 etwa gab es eine schwere Viehseuche. 16 Pferde, 31 Ochsen, 35 Kühe, 15 junge Ochsen, 192 Schafe und 73 Schweine fielen ihr zum Opfer. Das war etwa die Hälfte des Zugviehbestandes und es dauerte wohl viele Jahre, bis diese Verluste wieder ersetzt werden konnten. 1800/1801 gab es erneut eine Viehseuche, die Schäden waren mit 165 Gulden aber nicht sehr hoch.
Unter den vielen Hagelschlägen seien erwähnt: 1774 200 Gulden, 1775 541 Gulden, 1802/3 596 Gulden und 1806/7 sogar 4000 Gulden Schaden, also nahezu ein Totalschaden. Auch Hagelschläge wirkten sich auf mehrere Jahre aus, wenn die Reben zerstört waren.
1813 gab es eine neuerliche Überschwemmung mit einem Schaden von 1494 Gulden. Kleinere Brände gab es wohl mehrere. Im August 1835 wurde ein Schaden von 305 Gulden verursacht.
Die Cholera trat auch in Loipersbach wiederholt auf, etwa 1805. 1832 starben in Loipersbach von den 503 Einwohnern 35 an der Cholera. Da der Pfarrer in Agendorf ebenfalls erkrankt war, musste der Lehrer die Begräbnisse vornehmen.
Dann kam die große Katastrophe. Im Jahre 1870, zu einer Zeit, als das Dorf ohnedies durch die Zahlungen für die Grundablöse schwer belastet war, brannte das ganze Dorf mit Ausnahme von drei Häusern ab, darunter auch die Kirche und die beiden Schulen. Die wieder aufgebauten Häuser wurden nun bereits mit Ziegeln gedeckt. Trotzdem brannten 1874 erneut 30 Häuser, also ein Drittel des Dorfes, ab. 1891 wurde die Feuerwehr gegründet. Zu Großbränden kam es in der Folgezeit nicht mehr, einzelne oder einige Häuser, vor allem Scheunen, brannten aber auch weiterhin ab, etwa 1925 zwei Scheunen, bis in die Nachkriegszeit.
Die Brandgefahr war eine große Geißel für die Dörfer. Die Schornsteine bestanden in früherer Zeit aus Flechtwerk, mit Lehm verschmiert. Die Herdstellen wurden regelmäßig kontrolliert. Über Nacht mussten sie niedergeschlagen werden. Trotzdem kam es immer wieder vor, dass beim Hantieren mit Kienspan und Kerzen Feuer gelegt wurde. Dadurch, dass man die Scheunen gegeneinander versetzt baute, wollte man das Übergreifen verhindern. Auch die Abstände zwischen den Häusern dienten neben der Wasserableitung diesem Zweck. Wenn aber ein stärkerer Wind wehte hatte man keine Chance. Die Obstbäume – meist Zwetschkenbäume – in den Höfen und vor den Häusern sollten den Funkenflug verhindern.
 

Ernährung und Krankheiten
Die Ernährung unserer Vorfahren hing also wesentlich von nicht beeinflussbaren Umständen ab. Plünderungen und Zwangsabgaben, nicht nur an die Türken sondern auch an die kaiserlichen Truppen über Jahrzehnte hinweg, waren katastrophal und hatten oft mehrere Hungerjahre zur Folge. Im Jahr der Belagerung Wiens 1683 mussten immer wieder ganze Wagenzüge für die Türken und die Kuruzzen in das Lager vor Wien mit Lebensmitteln geliefert werden. Man darf ja nicht vergessen, dass der Viehbestand nur langsam wieder aufgebaut werden konnte, dass häufig auch das Saatgut geraubt wurde oder auch aufgegessen wurde, dass die Arbeitsgeräte – vor allem die Eisenbestandteile – geraubt wurden. In Hungerjahren hat man alles verwertet, was nur essbar war. Wildkräuter und Beeren, Eicheln und Bucheckern wurden gemahlen, Baumrinde dem Getreide beigemischt. Die Wälder wurden trotz der hohen Strafen leer gewildert, auch Hunde und Katzen nicht verschmäht. So wie man es aus manchen Entwicklungsländern heute kennt sind viele Menschen zwar nicht direkt verhungert, aber sie waren derartig geschwächt, dass sie – vor allem die Alten und die Kinder – an Krankheiten gestorben sind.
Aus den Batthyanyherrschaften im Südburgenland kennen wir Verwalterberichte, die erschütternd sind: Im Frühjahr sind nicht nur die Zugtiere so geschwächt gewesen, dass sie beim ersten Ackern einfach umgekippt sind. Die Menschen waren einfach nicht in der Lage, die Arbeiten zu verrichten.
Im 18. Jahrhundert wurde mit der beginnenden Bevölkerungsvermehrung die Situation immer schlimmer. Entscheidend hat sich die Situation erst mit dem Kartoffelanbau im beginnenden 19. Jahrhundert verbessert. Auch die Anlage der Kastanienkulturen dürften wesentlich zu einer besseren Versorgung beigetragen haben.
An den landwirtschaftlichen Produktionsmethoden hat sich vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert wenig geändert. Auch die Erträge blieben bis Ende des 18. Jahrhunderts gleich: sie lagen beim 3-4 – fachen der Aussaat. Angebaut wurde im Rahmen der Dreifelderwirtschaft mit striktem Flurzwang. Daran musste sich das ganze Dorf halten, zumal ja das brachliegende Drittel jeweils als Viehweide genützt wurde. Dabei erfolgte auch die Düngung. Nur die Weingärten wurden zusätzlich gedüngt.
Die Versorgung der Bevölkerung hing stark vom jeweiligen Erntertrag ab. Es gab ausgesprochene Hungerjahre. Im langjährigen Durchschnitt war die Versorgung aber im 16. und 17. Jh. nicht sehr schlecht, verglichen mit anderen Gebieten Europas. Die Reallöhne und die Kaufkraft waren relativ hoch, sowohl für Handwerker wie auch Weingartenarbeiter. (V. Zimanyi, Topo 522) Der Fleischverzehr in Ödenburg war beachtlich. (Topo 520) Eine Taglöhnerordnung von 1568 zeigt ebenfalls eine gute Versorgung: es mussten vier Mahlzeiten gereicht werden. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts ging die günstige Stellung unseres Gebietes dann aber verloren.
„Speisezettel“ kennen wir nur von den adeligen Hofhaltungen. Diese waren sehr üppig. Die Nahrung der Bauern, der Söllner und Arbeiter in den Dörfern bestand aus Brot, Brei und Wein, Gemüse und Obst. Brot wurde aus Mischgetreide, Weizen und Roggen, gebacken, auch nur aus Roggen, Hirse (Hirsch) und Buchweizen (Haiden) waren wichtig, vor allem wenn die Weizen- und Roggenernte mager ausfiel. Haferbrei wurde in Notzeiten gegessen. Hirsebrei spielte in der ärmeren Bevölkerung eine wichtige Rolle. Von sehr großer Bedeutung waren die Hülsenfrüchte, Erbsen und vor allem Bohnen, die zudem noch haltbar waren. Wenn die Getreidevorräte knapp waren wurden sehr viele Bohnen gegessen. Sie verhinderten wohl so manche Hungersnot und können in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden.
Fleisch war keineswegs sehr selten, allerdings weniger Schweinefleisch – die Schweinemast war ja auf die Waldweide angewiesen. Kuh- und Rindfleisch war wichtiger, vor allen aber Geflügel und Schaffleisch. An Gemüsesorten waren vor allem Kraut und Rüben wichtig und gehörten zur täglichen Nahrung. Beide konnten den Winter über konserviert werden, als Sauerkraut, auch als saure Rüben. Zwiebel, Lauch (Porree) waren bekannt, Zwiebel als Vitaminlieferanten wichtig. Angebaut wurden sie auf den Krautäckern, vorgezogen in den Saatsteigen am oberen Ortsende. Hanf wurde als wichtigste Faserpflanze auf kleinen Äckern in Dorfnähe angebaut, auf den Hanifäckern (heute Rudolf Hutter Gasse)
Ein Problem war natürlich die Aufbewahrung der Lebensmittel. In den Testamenten werden häufig Schüttkästen erwähnt. Es gab aber auch Getreidegruben – birnenförmige Vertiefungen unter der Stube oder Kammer, etwa zwei Meter tief. Beim Abbruch des Nolz – Hauses habe ich selbst noch eine solche Getreidegrube entdeckt. Rüben wurden auch in Mieten, in Gruben auf dem Feld, deponiert. Fleisch wurde geselcht und so haltbar gemacht bzw. für begrenzte Zeit – auch eingesalzen. Das haltbarste Lebensmittel war der Wein. An Obst waren nahezu alle heute üblichen Sorten bekannt, vor allem aber Äpfel. Zwetschken und Kirschen. Zwetschken wurden auch gedörrt und waren ein begehrtes Handelsgut. Als Süßungsmittel stand ausschließlich der Honig zur Verfügung. Offenbar haben die meisten Höfe auch einige Bienenstöcke bzw. Körbe gehalten. Wichtig für die Versorgung waren auch Nüsse. Abschließend möchte ich versuchen, aus den verschiedenen Quellen die Bevölkerungsentwicklung unseres Dorfes zusammen zustellen. Bei der Gründung des Dorfes im 12. oder 13. Jahrhundert wurden zusätzlich zu den bereits vorhandenen altslawischen Siedlern etwa 16 Hofstätten angelegt. Wir können also von etwa 100 Einwohnern ausgehen.Noch im Hochmittelalter wurden die Höfe geteilt. Ganze Höfe gab es in der Folgezeit nicht mehr. Ich nehme an, dass die Zahl der Höfe auf 40 bis 50 anwuchs und sich die Zahl der Einwohner auf etwa 200 bis 300 zumindest verdoppelte. Der Erwerb des Weingebirges am Koglberg machte dies möglich. Wahrscheinlich wanderten auch frühere Bewohner von Klettendorf zu.
1549 wurden in Loipersbach 13 Pforten gezählt, dazu kamen noch die Pauperes, also die „Armen“, die nicht in der Lage waren, Steuer zuzahlen, und die „Neuen Häuser“, die befreit waren. Wenn man die Pforte zu vier Häuser rechnet gab es im Dorf 52 – 60 Häuser bzw. Familien und geschätzte 300 bis 350 Einwohner. 1600 werden in der Dikakonskription 22 bewohnte, 21 durch die Pest verödete und drei abgebrannte Häuser erwähnt – insgesamt 46 Häuser, aber nur mehr etwa 150 Einwohner. Die verödeten Häuser wurden wahrscheinlich rasch wieder aufgesiedelt. Und die Einwohnerzahl stieg wieder auf 300 bis 400.Bei etwa 50 bis 60 Ansässigkeiten und einer Einwohnerzahl von etwa 400 Personen ist es dann die ganze frühe Neuzeit hindurch geblieben. Die Türkenjahre 1529 und 1532 müssen sich katastrophal ausgewirkt haben, Nach 1532 war das Dorf angeblich einige Jahre unbewohnt.
Nach einer am 5. Juli 1672 angefertigten Konskription wurden 31 halbe, 10 Viertel und 18 Achtelsessionen gezählt, zusammen 59 Hofstellen. Es hielten sich aber auch viele Handwerker, Lehrer usw. im Dorf auf. Es könnte sein, dass sie Einwohnerzahl in den 1660er und 1670er Jahren erheblich höher war.
Mit 1683 endete diese Blütezeit auch in Loipersbach. Das Dorf wurde wahrscheinlich völlig vernichtet, ein großer Teil der Menschen getötet oder verschleppt. Ich schätze, dass zwei Drittel der Einwohner den Tataren, den Ungarn und Türken zum Opfer fielen (Namensliste). Die folgenden Jahre waren ebenfalls katastrophal: 1685 traten viele Käfer auf, Heuschrecken fraßen das Gras und teilweise auch das Getreide ab, 1686 trat zu Ostern ein starker Frost auf, die Weintrauben wurden vernichtet, 1687 war wieder ein Heuschreckenjahr.
Die Konskription von 1698 zählte 21 Halblehner, 15 Viertellehner 11 Hofstättler und 9 Kleinhäusler, zusammen 56 Hofstellen.
1713 wurden 13 Viertel-, 34 Achtel- 7 Sechzehntelbauern gezählt. Dazu kamen 5 Kleinhäusler, 59 Hofstellen.
1714 :13 Viertelbauern und 35 Achtelbauern sowie 7 Sechzehntelbauern und 5 Kleinhäusl.
Besonders bemerkenswert an dieser „Beschreibung ist, dass sie auch Auskunft über die Familienverhältnisse gibt, so etwa über das Alter des Hofinhabers und über die Zahl der Töchter und Söhne. Die Zahl der Kinder war eher niedrig, in nur drei Familien gab es 6 Kinder, zumeist waren es nur zwei oder drei. In 10 Familien gab es keine Kinder, darunter waren relativ alte Hofinhaber. Ich vermute, dass hier die Kinder schon gestorben waren. Die Hofinhaber waren meist um die 40 und 50 Jahre alt. Unter 30 waren nur drei., 12 hingegen 60 und darüber. Der älteste war 75 Jahre. Das widerspricht unseren Vorstellungen vom niedrigen Durchschnittsalter der Menschen damals.
Zusammen gab es 60 Hofstellen. Die Einwohnerzahl kann man schon relativ genau mit etwa 300 schätzen . Laut einer Konskription von 1717 46 Bauern und 20 Hofstättler. 1 Hof war öde.
1767 haben wir dann die genauesten Auskünfte nach einer Urbarialtabelle. 57 Viertel- und 6 Achtellehner, insgesamt also 63 Bauernansässigkeiten. Dazu kamen 30 Söllner mit Haus und 3 ohne Haus. Das ergibt 96 Familien. Die Einwohnerzahl können wir auf 400 bis 450 festlegen.
1787 wurden 79 Häuser und 110 Familien, insgesamt 517 Einwohner, gezählt. Von den männlichen Einwohnern waren 99 verheiratet und 163 ledig. Die Zählung spricht von 8 Bürgern, 56 reinen Bauern und 63 Bürgerbauern sowie 49 Kleinhäuslern und 23 anderen. 1828 gab es 65 Bauern, 37 behauste Söllner, 4 Inwohner und drei Handwerker – ein Schmied und 2 Müller. Jeweils nur im Winter arbeiteten ein Tischler, ein Weber und ein Siefelmacher. Es gab einen Ausschenker des Gemeindeweines.

Bevölkerungsentwicklung

1785…………….525
1828…………….521
1843…………….513
1863…………….620
1869…………….600
1880…………….652
1890…………….704
1900…………….842
1910…………….911
1920…………….972
1923…………….975
1934 …………...1080
1939……………1038
1946……………1128
1951……………1194
1961……………1144
1971……………1142
1981……………1136
1991……………1158
2001……………1269
2011……………1258
2015……………1221

 

Ergänzung:

Vortrag vom Nov. 2016

 

Kirchengeschichte: Die Anfänge des evangelischen Glaubens in Loipersbach und in Ödenburg

Wer sind wir und warum sind wir so? Die Identität eines Dorfes und seiner Bewohner ist stark von seinen Besonderheiten geprägt, also davon, wodurch und wie es sich von seinen Nachbardörfern unterscheidet. Natürlich werden diese Besonderheiten heute durch die hohe Mobilität, durch Zu- und Abwanderung, stark verschliffen und sind vielen Ortsbewohnern nicht mehr bewusst. Die sprachlichen Besonderheiten, die lokale Mundart, Besonderheiten der Tracht usw. verschwinden ebenso wie viele Bräuche. Die Lebensform hat sich mit den sozialökonomischen Gegebenheiten vereinheitlicht. Diese Prozesse sind natürlich unaufhaltbar. Man mag das Verschwinden einiger Besonderheiten bedauern, die Angleichung hat aber auch viele positive Seiten, die man nicht übersehen darf. Denn dadurch ist das Konfliktpotential früherer Zeiten erheblich vermindert worden. Solche Konflikte gab es in der Vergangenheit oft und sie waren keinesfalls harmlos. Besonders gilt das natürlich von der konfessionellen Zugehörigkeit. Es waren und sind zum Teil auch heute noch zwei Faktoren, die die Besonderheit unseres Dorfes ausmachen. Da ist der unterschiedliche historische Werdegang, die Zugehörigkeit zur Herrschaft Ödenburg inmitten des Meeres von Esterhazyherrschaften und dann – damit im Zusammenhang – die Zugehörigkeit der meisten Loipersbacher zum evangelischen Glauben. Ich darf aber darauf hinweisen, dass unsere konfessionelle Diasporasituation erst seit 1946 so ausgeprägte ist. Früher waren wir Teil der evangelischen Landschaft rund um Ödenburg, mit der Stadt selbst, mit Agendorf, Wandorf, Wolfs, Harkau und Mörbisch. Mit diesen Siedlungen waren wir eng verbunden, wie etwa die Heiratskreise deutlich zeigen. Ihr Untergang durch die brutale Vertreibung ihrer Bewohner hat eine faszinierende, 800-jährige Kulturlandschaft völlig zerstört und Loipersbach stark isoliert. Mit der Kirchengeschichte unseres Dorfes möchte ich mich in diesem und im nächsten Vortrag beschäftigen. Zunächst steht die Zeit der „Reformation“, des Evangelischwerdens, auf dem Programm, dann die Versuche durch die Gegenreformation, unser Dorf und das ganze Gebiet wieder katholisch zu machen. Anders als in den früheren Vorträgen wird heute weniger vom Dorf selbst als von den Ereignissen in Ödenburg die Rede sein. Sie waren entscheidend auch für die Entwicklung in Loipersbach. Es geht zunächst um die Anfänge in Ödenburg und den Durchbruch der evangelischen Lehre, dann um die erste, 20-jährige Phase der Unterdrückung. Ab 1605 dann um die erste Blütezeit, als in der ganzen Umgebung unter Esterhazy und den Jesuiten die nahezu ausschließlich evangelischen Dörfer wieder katholisiert wurden. Im letzten Abschnitt dieser Zeit, von 1662 bis 1672, wird dann unser Loipersbach eine eigene Kirchengemeinde und Zufluchtsort für die verfolgten Evangelischen auch von auswärts.

 

Die Anfänge in Ödenburg

Es ist keineswegs einfach, einen genauen Zeitpunkt festzulegen, ab dem die Stadt evangelisch wurde. Heute spricht man in der Forschung von einem mehr oder weniger langen Zeitraum der „Konfessionalisierung“. Auch viele Pfarrerpersönlichkeiten - die man in der älteren evangelischen Kirchengeschichtsschreibung als schon evangelisch bezeichnet hat, sind keineswegs eindeutig zuzuordnen. Die Frage, ob noch katholisch oder schon evangelisch stellte sich über einige Jahrzehnte überhaupt nicht. Die Pfarrer hätten es wohl selber nicht gewusst, wie sie sich einordnen sollten. Eines steht fest: Die Bevölkerung Ödenburgs und auch der Stadtdörfer war durch eine tiefe Religiosität geprägt, ja die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts war eine Zeit sehr intensiven religiösen Lebens. Vor allem die Franziskaner, die seit dem 13. Jahrhundert in der Stadt ansässig waren, beeinflussten durch ihre bescheidene Lebensweise das religiöse Leben. Sie hatten ihre Kirche, die Geißkirche, und ihr Kloster mitten in der Stadt, am Hauptplatz. Sie gerieten immer wieder in Konflikt mit dem Stadtklerus. Auch die Ansiedlung des Paulinerordens durch die Stadt in Wandorf trug zur Entfaltung des religiösen Lebens bei. Die Bürger waren in religiösen Gesellschaften organisiert, die sich zum Teil mit den Zünften deckten. Sie unterhielten Altäre in den Kirchen, die ihren Schutz- und Zunftheiligen geweiht waren. Die Schmiede zum Beispiel waren in der Bruderschaft „Corpus Christi“ und in der „Liebfrauenbruderschaft“ organisiert, die Fleischhauer in der Hl. Jakobusbruderschaft, die Schneider in der St. Anna Bruderschaft, die Fischer in der St. Katharinabruderschaft. Es gab drei Mariengesellschaften, eine Dreifaltigkeitszunft, eine Hl. Geist – Zunft usw. Insgesamt gab es 16 religiöse Gemeinschaften, die Altäre unterhielten und mit Messstiftungen ausgestattet wurden. Die Altäre wurden von Altaristen oder Benefiziaten betreut. Wohlhabende Bürger hinterließen der Kirche testamentarisch bis zu einem Drittel ihres Vermögens. So groß die Gläubigkeit in der Stadt war – mit der kirchlichen Obrigkeit, dem Bischof von Raab, gab es immer wieder Konflikte. Dabei spielten die finanziellen Aspekte, vor allem die Zehentforderungen der Bischöfe, eine wichtige Rolle. Seit der Stadterhebung von 1277 besaß die Stadt die Patronatsrechte über die Kirchen. Die Stadt hatte also das Recht, die Pfarrer einzusetzen, auch in den Stadtdörfern. De facto spielte aber die „Große Bruderschaft“ oder Georgsbruderschaft eine wichtige Rolle. In ihr saßen die Patrizier und der Pfarrklerus, wobei die weltlichen Vertreter die Mehrheit hatten. Ihr gehörten die Pfarrherrn von St. Michael, von „Unserer Frau am Graben“ und der Probst der geistlichen Zunft an. Denn auch die Pfarrer und die vielen Benefizialgeistlichen bildeten eine Zunftorganisation, die jährlich einen Probst wählte. Schon 1422 wird eine Priesterbruderschaft erwähnt. 1549 bestand die Priesterbruderschaft noch, ging dann aber ein. Die übrigen Kirchen, die nicht unter städtischem Patronat standen (Franziskanerkirche, Johanniterkirche), wurden durch einen von der Stadt beauftragten „Kirchenvater“ ebenfalls kontrolliert. Die kirchliche Aufsicht erfolgte durch den Archidiakon, der Mitglied des Domkapitels von Raab war. Es gab in der Stadt eine große Zahl an Priestern, da im Laufe der Zeit die Altarstiftungen und Benefizien stark angewachsen waren. Durch Erbschaften hatten die Bruderschaften beträchtliche Vermögen angehäuft. Die Macht der Stadt über die Kirchen, gepaart mit einem beachtlichen Selbstbewusstsein der Bürger, war den kirchlichen Würdenträgern natürlich nicht geheuer und es kam immer wieder zu Konflikten. Die Bürger kritisierten die Prunksucht, den Reichtum und auch die Finanzkraft der Kirche. Die Stiftungen waren ja auch Geldverleihanstalten, die beträchtliche Zinsen verlangten. Zu einem Gutteil war also die Hinwendung zu reformatorischen Lehren auch durch wirtschaftliche Interessen bedingt. 1517 verordnete die Stadt, dass auch die Geistlichen Steuer zahlen sollten. 1523 verlangte die Bürgerversammlung, dass die Immobilien, die an die Priester und die religiösen Gemeinschaften geschenkt oder vererbt wurden, verkauft werden sollten.

 

Vorgehen gegen erste verdächtige Erscheinungen

Die Konflikte zwischen Priesterschaft und den Franziskanern verschärften sich. 1522 etwa predigte ein Franziskanerpater Christoph im „lutherischen Geist“. 1524 erstattete der Stadtpfarrer Christoph Peck Anzeige beim Archidiakon in Raab: Die Bürger würden lutherische Bücher massenhaft kaufen und in den Schenken besprechen. Und dies nur wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag. Auf Befehl König Ludwigs II. wurde eine Untersuchung durchgeführt. Die Bürger protestierten vergeblich gegen diese Untersuchung beim König und erhoben Klage gegen die Benefiziatsgeistlichen. Diesen wurde zur Schande des ganzen Klerus und zum Schaden der Seelen ein sittenloses Leben vorgeworfen, sie würden öffentlich Konkubinen aushalten und mit diesen Kinder zeugen. Der König verfügte, dass die Konkubinen verjagt werden sollten. In der Untersuchung zeigte sich, dass mehrere Personen, unter ihnen der Franziskanermönch Christoph und der Bürger Paul Moritz Kramer reformatorische Schriften besaßen und darüber hinaus zahlreiche Bürger bereits mit der Lehre Luthers sympathisierten. Der Mönch war in der Bevölkerung beliebt und konnte sich von allen Vorwürfen reinigen. Moritz wurde auch die Missachtung der Fastengebote vorgeworfen und die Untersuchung zeigte, dass sich auch viele andere, darunter auch Geistliche, nicht daran hielten. Moritz leugnete den Besitz der Lutherschriften nicht und wurde so zum Sündenbock für alle anderen. Am 30. Oktober 1524 wurden die auf dem Hauptplatz zusammengetragenen Bücher und Schriften feierlich durch den Henker verbrannt. Paul Moritz musste seinen „Abfall von der rechten katholischen Lehre“ öffentlich bereuen. Aber schon zwei Jahre später wurde Moritz zum Stadtrichter gewählt und bekannte sich öffentlich zur Reformation. Hinter ihm stand also bereits die Mehrheit der Bevölkerung oder zumindest der Patrizier. Im November 1525 wurde an die Stadt eine königliche Verordnung erlassen - nach einer entsprechenden Anzeige der Stadt beim König – die sich gegen die Altaristen richtete, die mit Frauen zusammenlebten und Kinder hatten. Die Stadt wurde als Kirchenpatron beauftragt, diese Missstände abzustellen. 1526 wurden wieder schwere Vorwürfe an den Erzbischof und an die königliche Kanzlei in Ofen gerichtet und eine Untersuchung durchgeführt. Besitzer von lutherischen Schriften wurden mit der Exkommunion bedroht. Weitere Bürger, etwa Veit Schneider, wurden ins Gefängnis geworfen und die beschlagnahmten Schriften verbrannt. Eine Auswirkung der neuen Frömmigkeitsform war, dass die Güter der religiösen Bruderschaften unter städtische Verwaltung gestellt wurden. Als etwa zwei Benefiziaten starben wurden die Stiftungen eingezogen und für karitative Zwecke verwendet. Die reformatorischen Schriften gelangten schon früh durch Kaufleute nach Ödenburg. Im benachbarten Österreich waren nach 1526 die Einflüsse aus Deutschland schon stark, in Wr. Neustadt und Wien gab es lutherische Prediger. Die Ödenburger Pfarrer wurden aus dieser Nachbarschaft berufen. Janos Bán, der maßgebende katholische Kirchenhistoriker, behauptete, dass die Reformation in Ödenburg durch solche ausländische und unzureichend gebildete Pfarrer verbreitet worden wäre. Was die Bildung betrifft waren die Zustände in Ungarn aber wohl noch weit schlechter, wie die Synode von Vesprém 1515 festgestellt hatte.Man kann sagen, dass die ersten Impulse von der Bürgerschaft ausgingen. Das Ödenburger Bürgertum war ja gebildet, konnte lesen und las auch viel. Das Streben nach religiöser Mündigkeit zeigte sich immer stärker. Kontakte zu den Zentren der Reformation erfolgten aber auch durch die vielen Studenten aus Ödenburg. Anhänger Luthers waren aber auch am königlichen Hof zu finden. Königin Maria, Gattin und nach Mohacs Witwe Ludwigs II., die Schwester König Ferdinands, war etwa an den Lehren Luthers interessiert, auch wenn sie persönlich nicht von der katholischen Religion abfiel. 1532 verlangte die Bürgerversammlung vom Rat, dass alle Pfarrherrn sich einen Prediger halten sollten, „einen erbern gelehrten predi(g)er der dem evangeli nit widerwartig halte, wie er zu tun schuldig ist“ (Hazi II/2, S.230). Schon früh setzte der Strom von Ödenburger Studenten nach Wittenberg ein. 1533 immatrikulierte Georg Faber, 1545 Johann Schreiner, 1555 Michael Wirth, letzterer mit Unterstützung des Stadtrates. Er wurde von Melanchthon betreut. Später wurde er Ödenburger Stadtnotar. Immer mehr Benefizien wurden für soziale und schulische Zwecke beschlagnahmt. Ihre Häuser und Weingärten wurden verkauft. Dagegen gab es noch Proteste des Königs. Die Stadt war aber der Ansicht, dass die Stiftungen eigentlich ihr gehörten. Es wurden die Nachlässe der verstorbenen Pfarrer, wenn sie ohne Testament starben, zur Gänze beschlagnahmt. Wenn sie ein Testament machten verlangte die Stadt einen Teil der Verlassenschaft. Waren die Pfarrer in dieser Zeit schon „evangelisch“? 1548 starb der Stadtpfarrer Ulrich Raidl. Er war 1534 gewählt, aber nie dem Bischof präsentiert worden. Er teilte das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus und stellte die Anrufung der Heiligen ein, hielt aber trotzdem am „alten Glauben“ fest. 1549 wurde Georg Fürth zum Stadtpfarrer gewählt. Als Prediger war ihm Peter Kalbermatter (Kalbermaut) zugeteilt. Er war Schweizer uns stellte sich offen auf die Seite der Reformation. Er anerkannte nur zwei Sakramente, die Taufe und die Ehe. In der Forschung wurde gelegentlich vermutet, dass er Zwinglianer, vielleicht sogar Wiedertäufer war. Jedenfalls blieb er zunächst unbehelligt, da der Archidiakon Benedikt Jankó Czenki nichts gegen ihn unternahm. Czenki war selbst verheiratet, erwarb 1550 in der Neugasse ein Haus und wurde in die Bürgerschaft aufgenommen – ein einzigartiger Fall. Ein Problem wurde Kalbermatter erst, als 1549 der aus Breslau stammende Konrad Jeckel nach Ödenburg kam. Er war Doktor der Rechte und ein heftiger Gegner der Evangelischen. 1551 wurde er zum Notar der Stadt Ödenburg gewählt. Noch 1551 berichtete er König Ferdinand, dass Ödenburg ein Zentrum der Abtrünnigkeit und einer der Sittenlosigkeit verfallenen Priesterschaft sei. Er berichtete von sieben verheirateten Geistlichen, unter ihnen auch der aus Stockerau vertriebene Johann Fabri. Auf Grund dieses Berichtes ließ der Raaber Bischof Kalbermatter und einen Pfarrer Josef, der aus Villach stammte und ebenfalls Prediger in der St. Michaelskirche war, verhaften. Die Stadt bürgte für die beiden und so kamen sie frei, scheinen aber in der Folgezeit nicht mehr in Ödenburg auf. Jäckel wurde wegen dieser Anzeige als Stadtnotar untragbar. Er musste aus Ödenburg fliehen und wurde sogar wegen Amtsuntreue verklagt. Der Bischof drohte der Stadt mit Exkommunion. Dabei ging es ihm wohl weniger um die rechte Lehre als vielmehr um materielle Interessen. Der Stadt konnte man aber keine missbräuchliche Verwendung der Kirchengüter nachweisen.1552 untersagte daher Erzherzog Maximilian, der den abwesenden König Ferdinand vertrat, dem Bischof jeden Zugriff auf die Benefizien und verwies auf die Privilegien der Stadt.
1553 kam es zu einem Vergleich. Die Stadt behielt die Patronatsrechte, verpflichtete sich aber, die designierten Geistlichen dem Bischof zu präsentieren. Auf dem Landtag von 1553, der in Ödenburg stattfand, griff König Ferdinand die Protestanten heftig an. Die Stände aber wiesen die Beschuldigungen zurück. Die Stadt versuchte, sich durch Zusammenarbeit mit den mächtigen evangelischen Adeligen Westungarns abzusichern.Es ist natürlich verlockend, in der Errichtung bzw. Umwandlung der bestehenden Schule in ein lateinisches Gymnasium im Jahre 1557 einen Schritt in Richtung Reformation der Stadt zu sehen. Dafür gibt es allerdings keinen Beweis. Ganz unrichtig ist es freilich nicht, hier eine Verbindung herzustellen. Denn mit dem Gymnasium wurde der humanistische Geist in der Stadt fest verankert. So wie in vielen anderen ungarischen Städten, die damals ja überwiegend von einem deutschen Bürgertum geprägt waren, entstand jene feste Verbindung zwischen humanistischer Bildung und Kirchenreform und kultureller Dominanz einer gebildeten, deutschsprachigen Einwohnerschaft.

 

Fochter und Bürgermeister Hummel

Die 1550er Jahre sind, was die konfessionelle Zugehörigkeit betrifft, hoch interessant. Zwei Personen stehen im Mittelpunkt: Der ab 1553 gewählte Bürgermeister Christof Hummel und der 1557 berufene Stadtpfarrer Johann Fochter. Beide Persönlichkeiten sind nicht eindeutig zuzuordnen. Die Konfessionsgrenzen waren auch in Ödenburg keineswegs schon scharf ausgebildet. Fochter war gelehrt und arbeitete mit vollem Einsatz für seine Pfarre. Er war in der Bevölkerung beliebt. 1559 heiratete er. 1566 starb er in Ödenburg. „er nahm am Gesellschaftsleben teil, er hatte Solidaritätsgefühl mit dem Volke und war ein gutmütiger, sanfter und frommer Pfarrer.“ (Geyza Alpár, S. 176) Hummel, mehrmals Bürgermeister war, nahm sich der Kirchen wie auch der Schulen intensiv an. Die Mittel stammten aus den Stiftungen und Benefizien, er setzte aber auch sein eigenes Vermögen für seine Anliegen ein. So schenkte er seinen Garten der Lateinschule. 1553 wurde die Schule „am Pflaster“ von der Stadt übernommen und damit der Kontrolle durch die Pfarre entzogen. 1557 wurde die Schule neu errichtet und ganz im Geiste humanistisch – reformatorischer Ideen organisiert. Michael Wirth, inzwischen aus Wittenberg zurückgekehrt, hatte daran wesentlichen Anteil. Anders als etwa die Schule der Batthyány in Güssing, die eine adelig höfische Institution war, war das Ödenburger Gymnasium die Schule eines bildungswilligen Bürgertums und wurde auch ausschließlich von diesem Bürgertum bezahlt. Vor allem unter den Rektoren Balthasar Nusser und dem aus Wr. Neustadt stammenden Franz Hartmann (1965 – 1971) blühte die Schule auf. Neben dem Gymnasium gab es natürlich auch eine Volksschule, die tatsächlich allen Bevölkerungsschichten unabhängig von Herkunft und Besitz zugängig war. Einer der Volksschullehrer war Urbanus Reuter aus Bayern, ein Schwager des ebenfalls in Ödenburg wirkenden Predigers Gregorius Pharerus. Der Volksschullehrer schlug dem Rat vor, wer von den begabten Knaben in das Gymnasium geschickt werden sollte. Pharerus, ein gebürtiger Niederösterreicher, wurde vom Rat als Prediger an die St. Georgskirche berufen Pfarrers.

 

Simon Gerengel

1565 war ein entscheidendes Jahr in der Konfessionalisierung. Simon Gerengel wurde als Prädikant in die Michaelerkirche berufen. Später sollte man ihn den „Luther Ödenburgs“ nennen. In Pottschach in Niederösterreich geboren studierte er in Padua, wurde Anhänger Luthers, war Benefiziat in Aspang. Am 13. Juli 1551 wurde er verhaftet und dreieinhalb Jahre lang in der Festung Hohensalzburg eingekerkert. Von dort aus versandte er seine „Vier tröstlichen Sendbriefe“, in denen er sich ungebrochen zeigte. Am 14. 9. 1554 wurde er entlassen und war anschließend Stadtsuperintendent in Rothenburg ob der Tauber. Warum er dort abgesetzt wurde ist unklar. Vielleicht war er von einem Anhänger Melanchthons zu einem Flacianer geworden. Am 11. Feber 1565 hielt er seine Probepredigt in Ödenburg und wurde als Stadtprediger angestellt. Obwohl er nur sechs Jahre in Ödenburg wirkte wurde die Stadt in dieser Zeit entschieden evangelisch. Sein wichtigstes Werk war wohl sein Katechismus, der 1569 in Regensburg und 1571 in Augsburg erschien: „Catechismus und Erklärung der christlichen Kinderlehre, wie die in der Kirchen Gottes zu Ödenburg in Hungern fürgetragen wird“. Es war dies der wichtigste Katechismus in Ungarn und wurde noch im Jahre 1779 aufgelegt. Im Anhang wurde ein Gesangbuch des Gregor Pharerus mit 76 Kirchenliedern hinzugefügt. Gerengel schuf außerdem eine Gottesdienstordnung, die – mit Änderungen – bis 1945 in Gebrauch blieb. Das Verhältnis zwischen den „Konfessionen“ war in der Zeit König Maximilians II., der bekanntlich viel Verständnis für die Evangelischen hatte, gut. Dazu trug auch Gerengel, der Konflikte mit der Amtskirche mied, bei. Auch Erzbischof Olah und der Raaber Bischof Gregoriancz traten wenig aggressiv auf. In der Stadt wohnte Olahs ledige Schwester Helene, die 1562 ein Haus erwarb und eine entschiedene Anhängerin der Lehre Luthers war. Zur gleichen Zeit wirkte der Traiskirchener Jakob Ritschendl als Prediger. Es gab nunmehr nur mehr wenige Katholiken, etwa 40 bis 60 Familien, in der Stadt. In allen Kirchen der Stadt – mit Ausnahme der Ordenskirchen – wurde evangelisch gepredigt. In der Michaelerkirche fand um 8 Uhr die katholische Messe, um 9 Uhr die der evangelische Gottesdienst statt. Die katholische Religion und ihre Priester wurden freilich keineswegs aus der Stadt verdrängt. Die Rechte des katholischen Stadtpfarrers wurden immer anerkannt, obwohl seine Wirkungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt waren. Es gab weiterhin katholische Messen und der Stadtrat war sorgsam darauf bedacht, keine konfessionellen Konflikte entstehen zu lassen. Die Abgrenzung zur katholischen Kirche wurde von Musäus und Ritschendl sehr scharf gezogen, was keineswegs im Sinne des evangelischen Rates war, der die beiden Prediger abmahnte. 1573 bis 1584 wurden die Michaeler- und die Georgskirche von beiden Konfessionen gemeinsam genutzt. Der Pfarrer der Michaelerkirche wurde gewählt und dem Bischof präsentiert. Er erhielt auch die Stolagebühren. Die evangelischen Prediger wohnten in den Benefizienhäusern und wurden vom Rat bezahlt. 1571 starb Gerengel. Sein Nachfolger wurde der Nürnberger Mag. Peter Jonas Musaeus (Fleißmann). Dieser war ein guter Prediger, aber er polemisierte gegen die katholische Kirche und beschwor bald heftige Konflikte herauf. 1574 musste die Stadt einen Verweis des Bischofs Listy und König Maximilians hinnehmen. Rektor der Lateinschule war Kaspar Zeitvogel, der die Jugend von den katholischen Messen fernhielt und bei Beerdigungen deutsche Psalmen singen ließ. Er wurde vom Stadtpfarrer in aller Öffentlichkeit geohrfeigt. Er verließ die Stadt und ließ sich in Basel als Arzt nieder. Musaeus war wiederholt krank und musste vertreten werden. Sowohl Musaeus wie Rittschendel waren in der evangelischen Bevölkerung sehr beliebt. Die Stadt war bestrebt, möglichst solche Prediger einzusetzen, die mit der anderen Konfession friedlich umgehen konnten. Unter Bischof Johann Listy (1572 – 1578) war das Verhältnis zur Stadt gut. Der Bischof ließ sogar seine Söhne von evangelischen Lehrern erziehen. Mit dem neuen Stadtpfarrer Johann Spillinger begannen 1570 die Probleme. Nach dem Konflikt mit Zeitvogel schlug dem Stadtpfarrer Abneigung und Widerstand entgegen. Ein königliches Mahnschreiben nützte nichts. Die Situation eskalierte erst, als Georg Draskovich 1578 Bischof von Raab und Kanzler von Ungarn wurde. 1579 berief dieser die Synode von Steinamanger ein. Die Ödenburger verweigerten, ebenso die evangelischen Grundherrn, die Teilnahme. Draskovich ließ daraufhin Musaeus, der sich zur ärztlichen Behandlung in Wien befand, verhaften. Er starb 1582 in der Gefangenschaft.

 

Bischof Draskovich greift an

Die konfessionellen Auseinandersetzungen nahmen 1578 mit dem Amtsantritt des neuen Raaber Bischofs und ungarischen Kanzlers Georg Draskovich schärfere Formen an. Er hatte die volle Unterstützung des Erzherzogs Ernst in Wien. Der Bischof berief 1579 sämtliche Priester seiner Diözese zu einer Synode nach Steinamanger ein. Das Ziel war die Durchsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient. So wie viele evangelische Grundherrn verweigerte auch die Stadt Ödenburg die Entsendung ihrer Prediger. Die Weigerung der Stadt hatte schwerwiegende Folgen. Zunächst erwirkte der Bischof einen Befehl König Rudolfs II., der der Stadt untersagte, an Stelle der 1582 verstorbenen Prediger Musaeus und Rittschändl neue Prediger einzustellen. Der Stadtrat stellte aber Leonhard Pinder als Prediger an der St. Georgskirche ein. Ein anderer, Andreas Pfendtner, kam vom Spital als Prediger an die St. Michaelskirche.Der Widerstand der Ödenburger war nicht zuletzt auch deshalb sehr heftig, weil die vom Niederösterreichischen Klosterrat nach dem Tod Spillingers eingesetzten Priester nicht sehr geeignet waren. Johann Schwendtner und sein Nachfolger Konrad Glöckel, Pfarrer von St. Michael, mussten abtreten, da ihre Lebensweise eines Priesters unwürdig war. Christoph Villanus (Hofer), der aus Donnerskirchen an die St. Michaelkirche kam, richtete die Pfarrgemeinde auch wirtschaftlich zu Grunde. Die heftigen Beschuldigungen, die gegen die katholischen Priester erhoben wurden, waren natürlich einerseits eine Folge der Ablehnung durch die Bevölkerung. Nach den Klosterratsakten gibt es 1597 nur zwanzig katholische Familien. Andererseits zeigen aber die Klosterratsakten auch, dass die Missstände zeitweise gravierend waren. Schwer zu beurteilen ist, wie weit der Klerus in der Stadt tatsächlich in einem schlimmen Zustand war. Der katholische Kirchenhistoriker Ban zeigt in seinem Werk viele „Missstände“ auf, die er größtenteils auf die verkommenen Pfarrer und Benefiziaten, die aus Österreich nach Ödenburg kamen, zurückführte. Man darf, wenn man die lange Liste der Beschwerden über Benefiziaten und Priester hört, aber nicht vergessen, dass einige ihre Aufgabe durchaus ernst nahmen. Ein gutes Beispiel ist der allseits beliebte Pfarrer Fochter.Die meisten Vorwürfe betreffen das Zusammenleben mit Frauen. Man darf dabei aber keine heutigen Maßstäbe anlegen, da der Zölibat damals noch keineswegs allgemein durchgesetzt war und auch die Bevölkerung die „beweibten“ Priester durchaus akzeptierte. Dazu einige Beispiele (nach Ban): Pfarrer Ulrich Raidel bezeugte in seinem Testament von 1548, dass er zwei Kinder mit seiner Haushälterin hinterließ. Peter Rotfuchs wurde vom Grafen Batthyány vertrieben, weil er mit einer Frau zusammen lebte. In Ödenburg erhielt er ein Benefizium, trennte sich von der Frau, „verkaufte“ sie an einen anderen Mann, nahm sie später aber wieder zurück. Gregor Panholz lebte mit Frau und sechs Kindern in einem Ödenburger Benefizium. Der Pfarrherr von St. Georg, Peter Helgl und der Oberdekan Benedikt Czenki lebten mit Frauen zusammen. Andere Pfarrer gingen mit den Gläubigen nicht zimperlich um. Pfarrer Paul Wagner erwischte die Torwächter beim Würfelspiel und verprügelte diese. In einer Buschenschänke warf man ihn die Kellertreppe hinunter. Pfarrer Dalmady war ebenfalls gewalttätig. An Marktagen zog er betrunken fluchend und mit dem Schwert herumfuchtelnd über den Platz und verletzte mehrere Bürger. Man warf ihn vor, den Großteil der Mauteinnahmen, von denen ihm ein Teil zustand, veruntreut zu haben. Manche andere Vorwürfe wurden gegen die Priester erhoben. 1549 musste der Mesner gestehen, dass die Pfarrherrn und Studenten den Messwein von 3 Eimern (etwa 200 Liter) von Gründonnerstag bis Ostermontag fast zur Gänze ausgesoffen hatten. Manche Pfarrherrn wirtschafteten kräftig in die eigene Tasche. Der Oberdekan kaufte in der Neustiftgasse einen Meierhof, den er 1550 seiner Frau und seinen Kindern hinterließ. Gregor Panholz hatte bei den Bürgern viele Schulden, Pfarrer Szentgróthy hatte seinen Vespermantel und den Kelch bei einem jüdischen Händler verpfändet. Die Stadt stand um die Jahrhundertwende unter dem Druck des Raaber Bischofs Martin Pethe, der keine Gelegenheit ausließ, um den Ödenburgern Schwierigkeiten zu machen. Anlass dafür war meist der Kirchenzehent, den der Bischof einforderte. Vor allem den Weinzehent verlangte er gleich nach der Lese und noch vor Martini, dem üblichen Abgabetermin, ohne vorher das übliche „stattliche Mahl“ für den Rat der Stadt auszurichten. Nach der Bürgerchronik von Faut/Klein (S. 66/67) habe der Kaiser den Bischof zwar mehrmals ermahnt und ihm befohlen, die Rechte der Ödenburger zu achten. Dieser habe sich allerdings nicht daran gehalten und einfach die Wagen der schlesischen Weinfuhrleute beschlagnahmt. Die Ödenburger mussten darauf hin die Weinhändler von Bewaffneten bis nach Müllendorf eskortieren lassen, was ihnen hohe Kosten verursachte. Hohe Kosten entstanden auch durch die zahlreichen Vorladungen vor das geistliche Gericht in Tyrnau und nach Wien.
Nicht ohne Stolz berichtet die Bürgerchronik, der Bischof habe in Wien vorgebracht, „daß kheine Verbaintere harttnekhrigere Khezer in allen Städten herumb gefunden werden allß die Oedenburger...“. Wenn man diese nicht stets an Leib und Gut strafen und bändigen würde, dann hätte die katholische Reform in der Stadt keine Chance. Und dann heißt es in der Bürgerchronik recht trotzig und selbstbewusst: „Wer ist, der Unns sol Meistern?“Die ablehnende Haltung der Bevölkerung zeigte sich auch im Schulbesuch: Zwischen 1590 und 1605 besuchten angeblich nur 10 Schüler die katholische Pfarrschule (Bán, S. 91). Die Kinder der Evangelischen besuchten Geheimschulen. Die Söhne der Bürgerfamilien, etwa die Wirth, Lackner, Rosenkrantz, Mock und Faut, studierten an ausländischen Schulen und Universitäten (Wittenberg, Graz, Breslau, Budweis).1582 wurde der neue Gregorianische Kalender eingeführt und dessen Annahme vom Bischof befohlen. Die Stadt Ödenburg weigerte sich und ging damit auf Konfrontationskurs. 1582 kam Draskovich in seiner Eigenschaft als Kanzler nach Ödenburg und forderte Bürgermeister, Stadtrichter und Rat auf, die evangelischen Prediger zu entlassen und Kirchen und Schulen den Katholiken zu übergeben. Dies wurde von der Stadt abgelehnt. Das Verhältnis zum Bischof verschlechterte sich, als sich die Stadt weigerte, den gregorianischen Kalender zu übernehmen und das Weihnachtsfest um 10 Tage später feierte. Draskovich sah darin einen Angriff auf seine Autorität.1583 kommt der Bischof nach Ödenburg und zitiert den Bürgermeister Hans Steiner und den Stadtrichter Hans Gering zu sich in die Johanniskirche. Er fordert sie auf, die evangelischen Prediger zu entfernen. 1584 wurden Bürgermeister Steiner, der Stadtrichter und vier Ratsmitglieder sowie zwei weitere Bürger nach Wien vorgeladen und dort sieben Wochen lang gefangen gesetzt. Außerdem wurde, wie der Stadtschreiber Nußbaum nach Ödenburg berichtete, mit der Verhaftung der beiden Prediger gedroht. Nach der Chronik von Markus Faut hätte man in Wien gedroht, man würde die evangelischen Prediger in Ketten legen und nach Wien bringen. Nach langer Gefangenschaft und demütigender Behandlung war der Widerstand gebrochen, die Prediger wurden aus der Stadt und ihren Dörfern ausgewiesen. Die Stadt musste nachgeben. Andreas Pfendtner ging nach Neckenmarkt zu Franz Dersffy, Leonhard Pinder weigerte sich zunächst, zu gehen, musste schließlich aber ebenfalls weichen. Er ging nach Deutschkreutz zu Franz Nadásdy. Eine bischöfliche Delegation untersagte den Ödenburgern jeden weiteren Kontakt zu ihren Pfarrern.
Wie aufgeheizt die Stimmung war, zeigt die Nachricht, dass er „mit Weinhebern von unsren Pfaffen zur Stadt hinaus geblasen“ (Faut/Klein) wurde. Leonhard Pinder weigerte sich zunächst noch, die Stadt zu verlassen. Zur Vertiefung der Abneigung gegen die katholische Kirche trugen auch die Ereignisse anlässlich des Auszuges von Pfendner bei. Stadtpfarrer Spillinger in Begleitung von mehreren Frauen bliesen auf Weinhebern und anderen Gefäßen den „Abschiedsmarsch“. Zur Verabschiedung Pinders spielte der Kantorlehrer von St. Georg das streng verbotene Lied „Erhalt uns Herr bei deinem Wort, und steur des Papstes und Türken Mord“. Er wurde dafür in den Turm gesperrt. Alle evangelischen Lehrer wurden entlassen. Stadtpfarrer Spillinger und der Bischof hatten sich damit durchgesetzt.Die Bevölkerung war aber mit der Nachgiebigkeit des Rates keineswegs einverstanden. Es kam zu Volksaufläufen und zu Übergriffen auf die Benefiziaten,. Diese Akte des Widerstandes sind deshalb von Bedeutung, weil in der Geschichtsschreibung gelegentlich behauptet wurde, die Einführung des evangelischen Glaubens wäre eine Angelegenheit des Patriziats gewesen. Offenbar war aber auch der Großteil der Bevölkerung inzwischen zu überzeugten Evangelischen geworden. Viele Bürger wollten die Bedingungen nicht hinnehmen. Berthold Traxel, der Leutnant der Bürgerwehr, wollte die Prediger mit Gewalt zurückholen. Er und seine Anhänger marschierten gegen die „Innerstädter“ und die „ruchlosen Pfaffen“ auf. Die Anführer dieser Revolte wurden gefangen genommen und eingesperrt. Über sie wurden Geldstrafen verhängt. In diesen Tagen des Aufruhrs fiel auch der Übergriff auf den Benefizpfarrer Krini, der nach schweren Beleidigungen für die Ödenburger von einigen Burschen nahezu totgeschlagen wurde. Am 4. Juli wurde der neue Kalender angenommen, am 13. Juli sämtliche evangelischen Lehrer entfernt. Anfang September wurde erneut der gesamte Rat nach Wien zitiert und sofort gefangen gesetzt. In der Stadt kam es inzwischen zu Tumulten. Die 24 Anführer wurden ins Gefängnis geworfen und mussten Reverse unterschreiben. Über 20 Jahre, bis zum Wiener Frieden von 1606, blieb die Stadt ohne evangelische Pfarrer und Lehrer. Die evangelische Bevölkerung aber begann nun, nach Deutschkreutz und Neckenmarkt „auszulaufen“. Sehr zum Ärger von Stadtpfarrer Spillinger waren daran auch Ratsmitglieder beteiligt 1585 setzte eine Verordnung Erzherzog Ernsts eine Strafe von 100 Taler für jedes Auslaufen fest. Vorübergehend wirkte in der Stadt der Feldprediger Magister Gabriel Grünberger. Er kam mit den Truppen Baron Herbersteins nach Ödenburg. Zuvor war er Prediger in Zanegg. Seine Predigten kamen in der Bürgerschaft gut an und so blieb er nach Abzug der Soldaten, gegen den Willen des Rates. In Wien verlangte man die sofortige Entlassung Grünbergers. Eine hochrangige Kommission erschien 1595 in der Stadt. Grünberger wurde so unter Druck gesetzt, dass er die Stadt schließlich verließ. Ödenburg wurde nachträglich zu einer hohen Strafe verurteilt, eine Delegation die in dieser Angelegenheit nach Prag reiste, erneut eingekerkert. Die Ödenburger Bürger aber liefen nun in die evangelischen Kirchen der Umgebung aus, vor allem nach Neckenmarkt und Deutschkreutz, die unter den evangelischen Grundherrn Franz Dersffy und Franz Nadasdy standen. Sie hörten dort die Predigten und ließen ihre Kinder von den evangelischen Pfarrern taufen. Wenn sie angezeigt wurden, musste der Rat Strafgelder von ihnen einheben und diese an den katholischen Stadtpfarrer abliefern – und dies, obwohl Bürgermeister und Rat selbst ohne Ausnahme sich zum evangelischen Glauben bekannten.Der Bischof ließ durch seine „Hussarn und suppenhund“ (Chronik des Markus Faut und Melchior Klein) Ödenburger Bürger und Bürgerinnen, die von der Predigt in Deutschkreutz heimreisten, gefangen nehmen und in Kroisbach einsperren. 1604 wird etwa auch der Chronist Melchior Klein zusammen mit einigen Frauen auf dem Rückweg aus Deutschkreutz von den bischöflichen Husaren abgefangen und kommt nach einigen Tagen, nachdem Bürgschaft hinterlegt und der Rat heftig protestierte, wieder frei. Marx Faut und Sebastian Dobner wandten sich an Nadasdy, den Deutschreutzer Grundherrn, um Hilfe. Dieser drohte dem Bischof an, er würde nicht nur seine Leute, sondern auch ihn persönlich aus dem Wagen holen und in Deutschreutz einsperren, falls er ihn erwischen würde. Pfarrer Villanus (Hofer) klagte 1599: „Bei jedem Wetter ziehen sie gegen Deutschkreutz und Neckenmark. Lieber bringen sie ihre Toten ohne Pfarrer zur Beerdigung, als unsere Dienste in Anspruch zu nehmen. Sonntäglich hört man von vielen Bürgerhäusern das Singen von Kirchenliedern, wo sich oftmals die gesamte Nachbarschaft versammelt. Wenn notwendig der Hausherr selbst Worte des Gebets spricht, und die Kirchen stehen leer.“ 1602 beschwerte sich der Schullehrer, dass er kein Schulgeld einnehmen könne. Die Bürger bezahlten lieber Privatlehrer. Die Bürgersöhne studierten weiterhin an evangelischen Schulen und Hochschulen, Christoph Lackner, 16jähriger Sohn des Goldschmieds Adam Lackner, etwa in Csepreg, Stefan Schindler 1588, Michael Rosenkranz 1592, Thomas Mock 1592 – 1594 in Wittenberg, Johann Paurs Söhne in Breslau, Georg Nussbaum, der Sohn des Notars und Michael Graf in Jena usw.

 

Triumph der katholischen Kirche

Die Stadt mischte sich in die kirchlichen Verhältnisse nach der Vertreibung der evangelischen Geistlichen wenig ein, beschwerte sich nur gelegentlich beim Bischof wegen der Vernachlässigung der Benefiziatshäuser und der schlechten Bewirtschaftung der Weingärten. Dass die Mehrheit der Bevölkerung evangelisch blieb hatte auch mit den oft wenig geeigneten Stadtpfarrern und Benefiziaten zu tun. Noch immer hatte die katholische Kirche mit dem Mangel an geeigneten Priestern zu kämpfen. Stadtpfarrer Glöckl etwa konnte seine Priesterweihe nicht beweisen. Pfarrer Arkatsch setzte man ein, weil er ungarischer Adeliger war und Entgegenkommen versprach. Dann stellte sich heraus, dass er von Gerengel getraut worden war. Für kurze Zeit war er übrigens Pfarrer von Agendorf – Loipersbach. Ein Ödenburger Benefizium erhielt Andreas Scherer, Pfarrer in Agendorf – Loipersbach, ebenfalls eine problematische Persönlichkeit. Auf ihn komme ich noch zurück. Mattes Krinis war Kaplan des Wr. Neustädter Bischofs. Auf ihn setzte man große Hoffnung. Aber auch er konnte sich in die besondere Ödenburger Atmosphäre nicht einfügen und brachte die Bürgerschaft gegen sich auf. Er geriet immer wieder in Streitereien und Raufereien. Einem Winzer schlug er beide Daumen ab. Die Situation war so gespannt, dass Handwerks- und Hauerburschen das Pfarrhaus stürmten und den Pfarrer beinahe zu Tode schlugen. Weder Bürger noch Stadtwache schritten ein. Krinis wandte sich brieflich mehrmals an Erzherzog Ernst und gab sich als Märtyrer aus. Die Täter wurden festgenommen, ihnen drohte die Todesstrafe. Sie konnten aber fliehen. Krinis wurde mit einem reichen Benefizium und den Pfarren Donnerskirchen und Purbach entschädigt. Im Streit um ein weiteres Benefizium fand er schließlich den Tod. Georg Lamminger war als verheirateter Priester vom Klosterrat aus Österreich ausgewiesen worden. 1591 war er Pfarrer in Schattendorf und hatte in der Stadt ein Benefizium inne. In der Stadt berichtete er, dass der Schattendorfer Schulmeister Schaller in verschiedenen Häusern lutherische Predigten halte. Am Ödenburger Steintor war er in eine schlimme Schlägerei verwickelt. Lamminger wurde Stadtpfarrer, kassierte in den Dörfern aber weiterhin verschiedene Abgaben, worüber er in eine Prügelei mit den Domherrn geriet. Einer schweren Strafe entging er nur, weil er vorher starb. Villanus war nur für kurze Zeit Stadtpfarrer. Während seiner einjährigen Tätigkeit hatte kein einziger Ödenburger seine Dienste beansprucht.Die Stadtpfarrer waren nahezu durchwegs verheiratet oder lebten mit Frauen zusammen, hatten Kinder und versorgten diese auch entsprechend. Da könnte man lang erzählen. Erst kürzlich hat bei den Schlaininger Gesprächen Frau Anita Szakács – Dominkovics aus dem Ödenburger Stadtarchiv die hoch interessanten Briefe – Liebesbriefe – des Pfarrers Wimpfhammer vorgelegt. 1599 bis 1603 war Heinrich Wimpfhammer Stadtpfarrer, Auf Verlangen des Bischofs musste der Rat Nachforschungen über sein Vorleben einziehen. Diese ergaben, dass er im Kreise „sehr verrufener Weiber“ in Wien verkehrte. Eine dieser Frauen hielt sich öfter auch in Ödenburg auf. Wimpfhammer gab sie als Verwandte aus. Die arme Frau musste in Notunterkünften auf eine Lösung für ihre Probleme warten, vom Pfarrer immer wieder vertröstet. Die Kirchengebäude waren in der Zeit von 1585 bis 1606 nicht im besten Zustand. Der Abgabendruck auf die Bauern der Stadtdörfer war in dieser Zeit groß. An den Kirchen wurden kaum Ausbesserungsarbeiten durchgeführt. In Agendorf gingen Mess- und andere kirchliche Gegenstände verloren. Der Zechmeister hatte angeblich den Kelch vergraben, dieser wurde jedoch nicht mehr aufgefunden.
Die katholischen Messen wurden kaum besucht. Evangelische Taufen, Trauungen und Beerdigungen waren streng verboten, wurden aber offensichtlich trotzdem durchgeführt. Evangelische Prediger kamen weiterhin in die Stadt. Die Hebammen wurden angewiesen, die Geburten zu melden, weigerten sich aber und wurden vorübergehend eingekerkert. Auch die jetzt wieder katholischen Schulen wurden nicht besucht. Hauslehrer und Winkelschulen traten an ihre Stelle. Der Stadtpfarrer ersuchte die Ratsmitglieder, ihre Kinder wieder in die Schule zu bringen. Sie „dürften sich durchaus nicht besorgen, sie müssen papistisch werden, sondern können sie zu ihrer Gelegenheit, wenn sie ausgelernt, wohl anderer Orten verschicken“ (Heimler, S.16). Seit 1601 wurde von den neu gewählten Stadtpfarrern ein Revers verlangt. Pfarrer Johann Wimpfhammer etwa musste zugestehen, dass er den auswärtigen Gottesdienst hinnehmen werde und der „… Verrichtung der Taufen, Trauungen und Beerdigungen durch die Prediger nicht widerstehe“. Die Situation in Ödenburg verschärfte sich aber insofern, als das Raaber Domkapitel nach der Eroberung dieser Stadt durch die Türken nach Ödenburg flüchtete, Wimpfhammer wurde angezeigt und mit der Exkommunikation bedroht. Er wurde schließlich abgesetzt, obwohl sich der Rat hinter ihn stellte und ihm bestätigte, dass es nicht seine Aufgabe war, diejenigen, die „ausliefen“, zu verzeichnen.

 

Der Wiener Friede und die Zeit Dr. Christoph Lackners – Zweite Blütezeit  des Protestantismus von 1606 bis 1674

1605 blieb die Stadt trotz aller Drangsalierung königstreu und wurde lange Zeit von den Scharen Bocskais, der ja den Kampf um die Glaubensfreiheit auf seine Fahnen geschrieben hatte, belagert. Der Wiener Friede 1606 brachte schließlich für die königliche Freistadt Ödenburg die freie Religionsausübung. Anders war die Situation im Bethlenaufstand. Christoph Lackner huldigte Gabor Bethlen, so wie die meisten Stände Ungarns. 1620 wurden die Aufständischen bei Lackenbach geschlagen, am 5. Mai 1621 huldigte die Stadt wieder Ferdinand II. Der Strafexpedition General Collaltos – die zuvor in Tschapring an die 1000 Bürger ermordet hatte – entging Ödenburg durch das diplomatische Geschick Lackners und durch die Zahlung enormer Summen. 1621 fand in Ödenburg ein Landtag statt. Trotz der Anwesenheit Peter Pázmanys, des Kardinals und Kanzlers und heftigsten Gegners der Lutheraner, konnte die freie Ausübung der evangelischen Religion behauptet werden. Nach Ödenburg kamen zahlreiche Exulanten aus Österreich, etwa evangelischen Jörger von Tollet. Althan, Auersperg, Herberstein, Königsberg, Schellenberg, Trautmannsdorf, Windischgrätz …Schon Ende 1605 wurde mit Jacob Egerer wieder ein evangelischer Prediger an der St. Georgskirche eingesetzt. Er war gebürtiger Zipser und zuvor Prediger in Ritzing. Vor den Haiducken floh er nach Ödenburg, wo er schon 1605 in Privathäusern predigte. Im November 1606 wurde der gebürtige Neckenmarkter Stefan Fuchsberger als Pfarrer an die Michaelerkirche berufen. Die Stelle des katholischen Stadtpfarrers blieb längere Zeit unbesetzt, da der Bischof die Bedingungen der Stadt nicht annehmen wollte. Vor allem die gemeinsame Benützung der Michaelerkirche lehnte er ab und überließ diese lieber den Protestanten, die das zerstörte Gotteshaus wieder aufbauten. 1608 wurde Kaspar Mayr als katholischer Pfarrer angestellt. Dass sich das Luthertum in Ödenburg behaupten konnte war auch ein Verdienst des Bürgermeisters Christoph Lackner. Lackner, Sohn eines Goldschmieds, studierte in Bologna, Siena und promovierte in Padua. Als 28-Jähriger kam er nach Ödenburg zurück und wurde sofort in den Stadtrat gewählt. Er vertrat die Stadt auf den Landtagen und am kaiserlichen Hof in Wien und Prag. 1602 wurde er in den Adelsstand erhoben und vom König zum Truchsess und zum Pfalzgrafen ernannt. 1605 gründete er den Studentenbund , der bis 1674 bestand und viele Stipendien vergab. Lackner förderte auch das seit 1606 wieder evangelische Gymnasium und verfasste selbst lateinische Schuldramen.1606 erhielten die Evangelischen alle Kirchen zurück, nur die Heiligen Geistkirche behielt der katholische Stadtpfarrer als Stadtpfarrkirche. 1624 schuf Lackner das erste Ödenburger Konsistorium. Mitglieder waren die Stadt- und ihre Dorfpfarrer und Abgeordnete des Stadtrates. Alle Vierteljahr sollte ein Konvent abgehalten werden, der sich mit Kirchen-, Ehe- und Schulangelegenheiten zu befassen hatte. Es ist nicht bekannt, ob dieser Kirchenkonvent auch noch nach Lackners Tod 1631 weiter bestand. Erst 1667 wurde er wieder neu eingeführt. Lackner wurde in der Georgskirche beigesetzt. Später diente sein Grabstein als Treppenstein im Hause des Jesuitenrektors. Lackner starb kinderlos. Sein beträchtliches Vermögen hinterließ er zu einem Drittel der Stadt, zu einem Drittel der evangelischen Kirchengemeinde und zu einem Drittel stiftete er es für die Auslandsstudien begabter Studenten. 1606 wurde auch das Gymnasium unter der Leitung Stephan Franks, eines gebürtigen Eisenachers, wieder eröffnet. 1620 hatte es 5, 1633 6 Jahrgangsklassen. Der Rat und die Stiftung zahlreicher Stipendien ermöglichten dort die Ausbildung des Pfarrernachwuchses für ganz Transdanubien. Neben dem deutsch-lateinischen wurde auch ein ungarisches Gymnasium eröffnet. Mit der Konversion Franz Nadasdys zum Katholizismus wurde das evangelische Gymnasium in Csepreg eingestellt und es gab für ungarische Schüler evangelischer Herkunft keine entsprechende Bildungsanstalt. Die deutsche Stadt Ödenburg half in dieser Notsituation. 1659 wurde für die evangelischen Schulen eine Aufsichtsbehörde geschaffen, die sich aus den Pfarrern und weltlichen Konventsmitgliedern zusammensetzte. Vorsitz hatte der erste Pfarrer der Stadt als Inspektor.Als evangelische Pfarrer wirkten Paul Schubert, 1649 bis 1664 Johann Schubert und andere. Neben Schubert wurde der Ödenburger Matthias Lang zum Pfarrer bestellt. Lang, 1622 als Sohn eines wohlhabenden Lederers geboren, wurde im Hause seines Vaters von dem aus Iglau vertriebenen Marin Liebezeit unterrichtet. Er besuchte das Ödenburger Gymnasium und studierte in Breslau und in Wittenberg, wo er als Diakon auf Luthers Kanzel predigte. Die Ödenburger beriefen ihn als Erstpfarrer. 1650 hielt er in der Michelerkirche seine Antrittspredigt. Er heiratete 1655 Rosina, die Tochter des evangelischen Pfarrers Paumgartner in Agendorf-Loipersbach. Als Zweitprediger wurde der ebenfalls aus Ödenburg stammende Christian Sowitsch berufen. Er studierte in Königsberg Jura und anschließend Theologie. 1657 heiratete er Maria Barbara, die Tochter des Wiener Kaufmannes Johann Föggler. Mit Lang, Schowitsch und Schubert hatte die evangelische Gemeinde drei tüchtige und gelehrte Pfarrer, die durchaus in der Lage waren, den Angriffen der Jesuiten standzuhalten. Vor allem Lang verfasste mehrere Streitschriften. Auch an der Spitalskirche wirkten bedeutende Persönlichkeiten und mit Stefan Zwonarich, zuvor Hofprediger bei Nadasdy, hatte auch die evangelische ungarische Gemeinde einen bedeutenden Prediger. Rektor des Gymnasiums war der aus Coburg stammende Christian Seelmann von 1650 bis 1661. Auch er heiratete eine Ödenburger Bürgertochter, Veronika, die Tochter des Stadtrichters.
Die Interessen Ödenburgs vertraten hoch gebildete und mutige Amtsinhaber wie etwa Dr. Erhard Artner, in Tübingen studierter Jurist, Bürgermeister, Richter und Rat und königlicher Truchsess, oder Peter Zoana, Georg Christian Zoana, Georg Grad und andere.Auf die Kirchenmusik wurde großer Wert gelegt. Bekannte Organisten waren Sylvester Pfarrkirchner und dann, 1629 bis 1656, Andreas Rauch, der bekannte Komponist. Der Kantorlehrer Johann Kusser, ein ausgezeichneter Musiker, wurde nach Pressburg berufen. Sein Sohn Johann Sigismund Kusser, wirkte in Hamburg und als Chordirigent des irischen Vizekönigs in Dublin. Die Stadt bezahlte etwa 1674 Sänger, Violinisten, Fagottisten, Bassgeiger, Turmmusiker und Trompisten. Matthias Lang gab ein neues Gesangbuch heraus. Nicht alles war in dieser blühenden Kirchengemeinde in bester Ordnung. Dr. Hans Georg Ribstein, Mediziner, Mitglied des Inneren Rates und Inspektor der Lateinschule, hatte ein Verhältnis mit seiner Dienstmagd, musste diese heiraten und wurde einige Jahre später wegen Ehebruchs mit seiner Cousine zum Verlust seines beträchtlichen Vermögens verurteilt. Auch der Zwist zwischen Pfarrer Lang und Bischof Mussay brachte Probleme mit sich. Die Ödenburger waren sehr auf ihre Selbständigkeit bedacht und wollten sich nicht dem evangelischen Bischof unterordnen. 1667 wurde das Konsistorium gegründet (wieder gegründet). Es wurde vom Konvent gewählt. Damit wurde die Leitung der evangelischen Kirche von der der Stadtgemeinde getrennt – eine berechtigte Vorsichtsmaßnahme. Das Konsistorium setzte sich zur Hälfte aus Laien und Geistlichen zusammen. Sittenaufsicht, Ehegerichtsbarkeit usw. Der eigenen Kirchenleitung, dem Superintendenten des Distrikts jenseits der Donau, wollten sich die Ödenburger aber nicht unterstellen, damals und auch später nicht. Das ganze 19. Jahrhundert stritt man darüber noch.



Kurzer Blich auf die katholische Stadtpfarre unter Georg Zichy

Trotz der im Wiener Frieden zugesicherten Glaubensfreiheit gingen die Angriffe gegen die evangelische Kirche weiter, vor allem nachdem die Stadt mit dem Übertritt Franz Nadasdys zum Katholizismus 1643 die letzte Stütze unter dem Hochadel verlor. Bischof Draskovich wurde von seinem jüngeren Bruder, der nach dem Tode Nikolaus Esterházys Palatin war, sowie von dessen Nachfolgern Paul Pállfy und Franz Wesselényi unterstützt. In der Führung des Komitates saßen nunmehr fast ausschließlich katholische Hochadelige. Nach dem Linzer Frieden brach in Ödenburg der Streit um die Benützung der Glocken wieder aus. Die Stadt beharrte auf ihrem Recht, die Glocken, die sie ja mit ihrem Geld angeschafft hatte, auch für evangelische Zwecke benützen zu dürfen. 1649 wurde die Angelegenheit auf dem Preßburger Landtag verhandelt. Streitgegenstand waren auch Grabgebühren, die der katholische Pfarrer nunmehr verlangte. 1666 starb Stadtpfarrer Franz Wittnyedy, wahrscheinlich ein Cousin des Notars. Er war 1655 bis 1666 Stadtpfarrer und ein energischer Vertreter seiner Gläubigen. Mit der Stadt trug er manche Streitigkeiten, etwa um die Pfarrwiese und um Waldrodungen aus. Nachfolger war Georg Zichy, Chorherr in Gran. Seine Familie trat in seiner Kindheit zum Katholizismus über. Zichy verlangte höhere Abgaben, obwohl die Stadtpfarre keineswegs arm war. Sie besaß 105 Joch Ackerland, 5 Wiesen, drei Gärten, einen Obstgarten und 14 Weingärten. Dazu kam ein Benefizweingarten in der Größe von 68 Pfund. Zichy besaß zusammen 8 Benefizien. Er hielt keine Predigten und las selbst auch keine Messen. Dem Raaber Bischof gestand er nicht das Recht zu ihn zu visitieren. Während der Weihnachtsmette hatte er auf der Kanzel einen Schlaganfall und starb. Seine Aufregung wurde durch die Frage eines Kirchenbesuchers ausgelöst, warum er unter lauter Deutschen eine ungarische Messe zelebriere.Auch in der Stadtregierung musste den Katholiken Zugang gewährt werden. Stadtrichter und später Bürgermeister war in dieser Zeit Matthias Preiner, Stütze des Stadtpfarrers und sehr entschieden Katholik. Gegen ihn gab es in der evangelischen Bürgerschaft Widerstand. Im Oktober 1681 wurde auf ihn vor seinem Haus ein Attentat verübt. Preiner begünstigte die Katholiken. Vom Mauer- und Torwächter bis zum Magistrat wurden nur Katholiken eingestellt.

 

Stefan Wittnyédi

Eine zunehmend wichtigere Rolle spielte Stefan Wittnyédy, der von der Stadt als ungarischer Notar angestellt wurde. Er, der leidenschaftliche Protestant und Magyare, sollte sich für die Stadt als großes Unglück erweisen. Er war ehrgeizig, arrogant und bei den Ödenburger Bürgern keineswegs beliebt. Wittnyédy wurde in Sárvár geboren. Sein Vater war leitender Beamter bei Nadasdy. Mit 26 Jahren wurde er neben dem deutschen Notar als ungarischer Notar bestellt. Er nahm mit Erhard Artner und Matthias Löw am Preßburger Landtag teil. Er war Vertrauter des Grafen Nikolaus Zrinyi. 1640 heiratete er Susanne Radl und kam dadurch zu einem entsprechenden Vermögen, das er eifrig vermehrte und sich schließlich ein prächtiges Haus in der St. Georgsgasse baute, gegen den Willen der Bürgerschaft, von der er immer wieder Gratisleistungen forderte. Er setzte sich für die ungarische Schule in Ödenburg ein und stiftete Stipendien für ungarische Studenten. 1647 trat er am Landtag sehr aggressiv gegen den Primas Lippay auf. Den Notarsposten in Ödenburg quittierte er. Wittnyedy war eine der zentralen Persönlichkeiten und wahrscheinlich der Hauptorganisator der „Wesseley’schen Verschwörung“, der so genannten Magnatenverschwörung. Der Verurteilung und Hinrichtung entging er nur durch seinen vorzeitigen Tod. Für die Stadt und nicht zuletzt auch für Loipersbach hatten die Verwicklungen Wittnyedys verheerende Folgen.

 

Die Blütezeit der evangelischen Stadtdörfer Agendorf und Loipersbach

In den Stadtdörfern wirkten noch längere Zeit Pfarrer, von denen man schwer sagen kann, ob sie katholisch oder evangelisch waren. Namentlich bekannt ist in Agendorf – Loipersbach nur Martin Floder. Er wurde nach Trautmannsdorf berufen. Sein neuer Grundherr ersuchte den Ödenburger Rat schriftlich, man möge das von Floder gesäte Getreide herausgeben. Nach Floder war Georg Schiller Prediger in Agendorf. Er vertrat 1573/74 den bereits kranken Pfarrer Musaeus in Ödenburg, war also eindeutig evangelisch. Erasmus Fellner, der sich selbst als Noricus, also als Steirer bezeichnet, dürfte 1574 der erste bedeutende evangelische Prediger gewesen sein. 1581 wollte er seine Predigten mit einer Widmung an den Ödenburger Stadtrat herausgeben. Wir wissen nicht, was aus diesem Vorhaben geworden ist. Jedenfalls dürfte Fellner ein guter Prediger gewesen sein oder zumindest über ein entsprechendes Selbstbewusstsein verfügt haben. Er wird noch 1586 erwähnt. Loipersbach war jedenfalls nach dem Kauf durch die Stadt keine selbständige Pfarre mehr. In Agendorf mit den Filialen Loipersbach und Wandorf war im Jahre 1586 – also nach der Gegenreformation in Ödenburg - ein Pfarrer namens Martin Edlinger tätig, 1588 ein Andreas Scherer. Bán meint, dass sie nur zum Schein katholische Pfarrer waren. Scherer bekam ein Benefizium in Ödenburg. Der städtische Notar Sebastian Dobner teilte dem Statthalter mit, dass Scherer nur ein Jahr Theologie studiert hatte, fast keine Lateinkenntnisse hatte, als Mörder aus dem Salzburger Kirchenbezirk geflohen war, den Kreuzpfarrer in Ödenburg mit einem Messer bedrohte. Einem Mann entriss er die Frau und zeugte mit dieser sechs Kinder. In Agendorf hielt er über ein Jahr lang keine einzige Messe. Wer beichten wollte wurde davongejagt. Er vernachlässigte seine Weingärten und widmete sich lieber seiner Vogelzucht. Nach dem Wiener Frieden 1606 erhielt die Stadt die freie Religionsausübung zugestanden. Damit durften auch in den Stadtdörfern wieder evangelische Prediger und Schulmeister angestellt werden. In Agendorf wurde Christoph Schweiger Prediger. 1608 ist er bezeugt. 1610 ersuchte er den Ödenburger Stadtrat um die Erlaubnis, zwei Eimer Wein in die Stadt bringen zu dürfen. Er wollte sich damit bei Pfarrer Fuchsjäger bedanken, bei dem sein Sohn freie Wohnung und Kost hatte. Unter Schweiger wurde die Loipersbacher Martinskirche vergrößert. Schweiger ging nach Mörbisch, wo er ein höheres Einkommen hatte. 1617 starb er dort. 1625 bis 1632 war Andreas Leonwald Pfarrer, 1633 Steidelmeier Christoph und 1635 Zimmermann Kristoph. Über Herkunft Leonwalds ist nichts bekannt. 1628 verlangte er vom Ödenburger Stadtrat die Geburtsscheine seiner zwei Söhne. Unter den Zeugen in dieser Angelegenheit war auch Martin Liebezeit. Über Leonwald wissen wir von einem Streit 1630 mit dem Prädikanten von Steinberg, der für ihn den Gottesdienst hielt, ihm jedoch das Beichtgeld nicht aushändigte. Zuletzt hören wir von ihm 1632, als er anlässlich des Begräbnisses Christoph Lackners einen Dukaten erhielt. Über Steidelmeier ist überhaupt nichts bekannt. Zimmermann stammte aus Weiden in der Oberpfalz. Er war im Hause des Ödenburger Bürgermeisters Jakob Steiner Hauslehrer, dann Pfarrer in Agendorf – Loipersbach. Zu seiner Hochzeit gab der Ödenburger Stadtrat vier Eimer Wein. Später kamen Martin Liebezeit nach Agendorf – Loipersbach. Liebezeit wurde aus Mährisch Iglau vertrieben und lebte längere Zeit in Ödenburg als Exulant. Dort unterrichtete er im Hause Lang den jungen und begabten Matthias Lang, den später berühmten Ödenburger Pfarrer. 1629 finden wir ihn als Pfarrer in Mörbisch. Allerdings war er wohl schon relativ alt und nicht mehr voll einsatzfähig. 1629 ersuchte der stellenlose Eberhard Graul den Stadtrat, während der Weihnachtsfeiertage anstatt des „minderwertigen“ Liebezeit predigen zu dürfen. Später war er dann Pfarrer in Agendorf – Loipersbach, wo es ebenfalls Probleme gab. Liebezeit war offenbar kaum mehr verständlich. So wurde ihm 1638 Christoph Gensel beigegeben. Mit Gensel haben wir in unserer Gemeinde für kurze Zeit eine sehr interessante Persönlichkeit vor uns. Er stammte aus Annaberg in Sachsen und war 1619 bis 1628 zweiter bzw. dritter Pfarrer in Ödenburg. 1625 erschien die von ihm verfasste „Evangelische Kirchenagende“, die bis 1828 in Gebrauch war. Der katholische Stadtpfarrer Michael Káldy erstattete gegen ihn Anzeige, weil er am Fronleichnamstag 1628 eine die katholische Kirche schmähende Predigt gehalten hatte. Er ließ sich in der aufgeheizten Atmosphäre – Fronleichnamstage waren immer konfessionelle „Großkampftage“ – trotz des Verbotes der städtischen Obrigkeit dazu hinreißen. Sofort verbot man ihm das Betreten der Kanzel. Er bat um den Verbleib, da er in der Pestzeit tüchtig sein Amt versehen hatte und wegen seines Weibes und seiner Kinder, erhielt aber nur einige wenige Zugeständnisse. Für ein halbes Jahr behielt er Bezahlung und Wohnung, dann wurde er 1629 für ein Jahr nach Mörbisch strafversetzt und ging dann in seine sächsische Heimat zurück. 1637 kam er wieder nach Ödenburg und wurde 1638 dem greisen Liebezeit zugeteilt. 1639 aber hatten Agendorf – Loipersbach bereits einen neuen Pfarrer, Karl Paumgartner. Er war ein gebürtiger Kärntner und war Prädikant in Schlesien. Von dort wurde er vertrieben und kam als Exulant nach Ödenburg. Er wurde als Pfarrer von Agendorf – Loipersbach – Wandorf eingesetzt. 1639 regelte die Stadt das Verhältnis der drei Gemeinden zueinander und setzte fest, was jede Gemeinde beizutragen hatte. Paumgartner war über die lange Zeit von 21 Jahren Pfarrer in der Gemeinde. Leider wissen wir kaum etwas über diese Zeit. Die Visitation durch Senior Schubert im Jahre 1641 stellte der Agendorfer Kirchengemeinde jedenfalls ein gutes Zeugnis aus. Lehrer war ein Thomas Faust. Bekannt ist, dass Paumgartners Tochter Rosina 1655 den berühmten Ödenburger Pfarrer Matthias Lang heiratete. Nach Fiedler starb Paumgartner am 10. Feber 1661 und es folgte ihm Heinrich Trost, der angeblich bis 1663 dort wirkte. Wahrscheinlich sprang er für den schwerkranken Paumgartner einige Zeit ein. Heinrich Trost ist eine der interessantesten Pfarrerpersönlichkeiten dieser Zeit. Sein Leben soll kurz geschildert werden. Über ihn wurde ein Buch geschrieben mit einer ausführlichen Schilderung seines Lebens- Ein Exemplar konnte ich in der Nationalbibliothek in Wien auftreiben. Leider geht er auf die Zeit in Ödenburg nicht allzu genau ein, so dass einige Unklarheiten bleiben. Trost wurde 1624 in Jena geboren. Sein Vater war Organist und Chorleiter. Durch die Gunst der gräflichen Familie Thurzo wurde er als Pfarrer nach Lockenhaus empfohlen. Mit seiner Frau Regine Lentzer kam er 1647 dorthin. Am 12. Oktober 1647 wurde er auf der Synode zu St. Georgen bei Eisenstadt von Bischof Musay zum Pfarrer ordiniert. 1652 fand eine Kirchenvisitation durch Musay statt. Trost war zu dieser Zeit Pfarrer in Piringsdorf, Lockenhaus war Filiale. Er schreibt: „unter großenteils deutschen Bauern, gar frommen und treuherzigen Menschen, in Zucht und Sitten einfach und streng, verkündete ich dort, von der Liebe meiner Gemeinde getragen, das theure Evangelium Jesu Christi zwölf Jahre lang in glücklicher Stille. Geld besaß ich wenig, das Einkommen bestand fast nur in freiwilligen Gaben an Getreide, Brot, Mehl, Fleisch, Eiern, Linnen usw., die mir von den dankbaren Hörern des Wortes reichlich und mit Freuden gebracht wurden. Dort wurden meine Kinder geboren, dort liegen zwei begraben“ (Heinrich Trost – eine Geschichte aus dem 17. Jahrhundert. Gotha 1870. S.96 f.) 1658 wurde Trost nach Ödenburg berufen, vielleicht als Spitalspfarrer. Jedenfalls predigte er auch in der Umgebung, in Rust und Eisenstadt und anderen Orten. Karl Fiedler schreibt, dass er in Agendorf – Loipersbach zum ordentlichen Pfarrer gewählt wurde und bis 1663 dort blieb. Das wird wohl nicht stimmen. 1674 verlor er seine Pfarrstelle. Anscheinend wurde er danach zu einer Eheschließung in ein Nachbardorf gerufen und dort verhaftet. Damit drohte ihm ein schlimmes Schicksal. Ein Ödenburger Kaufmann gelang es, die Soldaten, die ihn bewachten, zu bestechen, so dass sie ihn freiließen. Der Kaufmann brachte ihn nach Wr. Neustadt, wo er bei einem Messerschmied heimlich für einige Monate Unterschlupf fand. Seine Frau und Kinder kamen nach. So konnte er über Nürnberg in seine sächsische Heimat zurückkehren, wo er ein Jahr lang als stellenloser Exulant lebte bis er 1675 vom Herzog schließlich eine Pfarrstelle bekam. Der Rat schrieb dem jeweiligen Pfarrer vor, wann er in den beiden Filialen zu predigen hatte. 1639 setzte sich das Einkommen des Pfarrers aus folgenden Elementen zusammen: Die Bauern waren verpflichtet, das Ackerland, die Wiesen und Weingärten der Pfarre und des Pfarrers zu bewirtschaften. Pro Haus bekam er einen halben, pro Kleinhäusel einen Viertelmetzen Getreide. Loipersbach zahlte 20 Thaler in Geld. Die Stolagebühren waren 1639 folgende: Für eine Leichenpredigt 80 Denar, für einen Krankenbesuch 30, für eine Taufe 20 Denar. In Agendorf wurden seit 1650 Matrikelbücher geführt, in Loipersbach 1662
Loipersbach als Muttergemeinde1662 wurde Loipersbach von der Muttergemeinde Agendorf gelöst und eine selbständige Kirchengemeinde. Man kann über die Gründe nur Vermutungen anstellen. Loipersbach war jedenfalls die einzige noch evangelische Gemeinde, die weit in das Gebiet der Herrschaft der Esterházy hineinragte. Schon unter den ersten Täuflingen waren Kinder aus Walbersdorf und Pöttelsdorf. In der Stadt und auch in den Dörfern fanden mehrere Pfarrer und auch Lehrer Unterschlupf. 1661 wurde der Pfarrer von Walbersdorf – Pöttelsdorf, Michael Marquart, der bisher eine blühende evangelische Gemeinde betreute, vertrieben. Mit ihm musste auch der Lehrer Johann Sinabel gehen, der nachweislich in Loipersbach Unterschlupf fand. 1661 hielt sich ein Georg Müllner (Millner) in Loipersbach auf. Er war bis 1659 evangelischer Pfarrer in Illmitz. In diesem Jahr führte der katholische Dechant eine Kirchenvisitation durch. Die Illmitzer sprachen sehr schön über Müllner und lobten ihn. 1663 war dann bereits ein katholischer Pfarrer in Illmitz. Die Bevölkerung ist nur „dem Schein nach katholisch“. 1674 sind die Illmitzer dann „catholici, sed frigidi“. In Loipersbach war Müllner anscheinend nur kurze Zeit. Er legte das Loipersbacher tauff-Buch an, eines der vier ältesten evangelischen Matrikelbücher. Ebenfalls 1661 ist ein Melchior Gartner Pfarrer in Loipersbach, vielleicht gemeinsam mit Müllner. Gartner stammte aus Schemnitz. 1657 unterschrieb er ein Konkordienbuch als Pfarrer von Kitzladen, wo er bis 1660 blieb. Am 17. Mai 1661 taufte er bereits in Loipersbach, am 18. Juni 1661 ist er zusammen mit seiner Gattin Maria Salome als Taufpate eingetragen. Als 1661 der berühmte Ödenburger Gymnasialdirektor Christoph Seelmann Abschied nahm wurde ihm ein Abschiedsalbum gewidmet, in dem sich Gartner als „Pastor Loipersbac“ eintrug. Ab 1662 taufte er immer häufiger auch Kinder aus Walbersdorf und Pöttelsdorf. Die Taufpaten kamen auch aus Zemendorf, Mattersburg und Marz, also aus zur damaligen Zeit angeblich längst rekatholisierten Gemeinden. Besonders interessant ist die Erwähnung der Ursula Degendorffer aus Schattendorf, „umb Verfolgung willen alhir“.Mit Matthias Rosner erhielt Loipersbach dann 1662 einen besonders bemerkenswerten Pfarrer. Rosner, 1637 geboren, war ein Ödenburger Bürgersohn. Er absolvierte das Ödenburger Gymnasium und studierte von 1658 bis 1662 in Wittenberg. 1660 verfasste er eine Beschreibung seiner Heimatstadt, in der er über die naturräumlichen Gegebenheiten, aber auch über die gesellschaftlichen und religiösen Verhältnisse der Stadt Auskunft gibt. In Wittenberg wurde er zum „Pastor Loipersbachiensis“ ordiniert. Bis 1664, also in nicht einmal zwei Jahren, vollzog er 63 Taufen. 1664 ging er nach Agendorf, wo er 1665 Regina Justina, geborene Maurer, heiratete. In Agendorf blieb er bis 1674, bis zur Vertreibung. Nachdem die dortige Kirche bereits „rekatholisiert“ und neu geweiht war hielt er am zweiten Weihnachtstag 1674 noch einen Gottesdienst. Deswegen wurde er in Ödenburg in den Kerker geworfen. 1676 wirkte er bereits in Königshafen bei Jena als Exulant - Pfarrer. 1679 berief ihn der sächsische Herzog Friedrich als Hofprediger nach Altenburg. Sein Nachfolger in Loipersbach war Hieronymus Christoph Foman, aus Gotha in Thüringen, „gewester zu Kobels- und Weppersdorf, nun aber vertriebener und verfolgter Diener Christi“. Er blieb Loipersbacher Pfarrer bis 1673. 1672 wurde er von Bischof Szechenyi nach Pressburg zitiert, konnte aber wegen einer schweren Erkrankung nicht erscheinen. Richter und Rat von Loipersbach wurden bis zum 30 April 1673 in Kroisbach eingekerkert. Foman wurde im Frühjahr 1673 entlassen, die Kirche aufgebrochen, nachdem sich die Eingekerkerten geweigert hatten, den ihnen präsentierten katholischen Pfarrer Rosenitsch zu akzeptieren.

 

Die „Rekatholisierung“ der Stadtdörfer

1673/74 mussten auch aus den Stadtdörfern die evangelischen Pfarrer und Lehrer weichen. Die erste gewaltsame Wegnahme einer evangelischen Kirche nahm Bischof Széchenyi in Loipersbach vor. Der evangelische Pfarrer Foman wurde für den 4. Juli 1672 vor das außerordentliche Gericht nach Preßburg zitiert. Fomann war schwer krank und konnte nicht erscheinen. Der Bischof zitierte daraufhin den Ortsrichter und die Geschworenen nach Kroisbach, wo sie bis zum 30. April 1673 gefangen gehalten wurden. Die Kirche wurde gewaltsam aufgebrochen und der katholische Pfarrer Rosenitsch eingesetzt. Im Namen der Jungfrau Maria und aller Heiligen nahm er das Tauffbuch in Besitz. Im Eigentum der katholischen Kirche in Agendorf ist es bis heute. Foman musste ins Ausland fliehen. Rosenitsch verlegte seinen Sitz bald nach Agendorf, Loipersbach wurde zur Filiale der katholischen Pfarre von Agendorf und blieb es über mehr als hundert Jahre. Alle kirchlichen Handlungen mussten vom katholischen Pfarrer ausgeübt und dieser dafür bezahlt werden. Am 21. und 22. Dezember 1673 wurden auch die Kirchen in Wolfs und in Agendorf aufgebrochen. Pfarrer Matthias Rosner musste mit seiner Familie ins Exil. Es folgten Harkau und Mörbisch, jeweils mit Einsatz von Soldaten. In Ödenburg stand der greise Bischof mit seinen 500 Dragonern vor verschlossenen Toren. Die Bürgerwehr und bewaffnete Handwerker hielten die Soldaten in Schach. Sie mussten unverrichteter Dinge abziehen. Die Situation der Stadt blieb jedoch prekär. Man machte ihr auch den Vorwurf, dass Pfarrer Rosner in Agendorf und Pfarrer Launer in Wolfs auf Bitten ihrer Dörfer zurückkehrten, um die Weihnachtsgottesdienste abzuhalten. Die beiden Prediger wurden zum Schein in Gewahrsam genommen, dann aber, da je zwei Bürger für sie ins Gefängnis gingen. Rosner war 1676 in Königshofen bei Jena, später in Altenburg tätig. Es begann das „Trauerjahrzehnt“ der evangelischen Kirche, mit den Prozessen des Sondergerichts in Pressburg, der Verurteilung der evangelischen Pfarrer. Deren Zwangsarbeit und ihren Verkauf nach Neapel als Galeerensklaven. Darüber dann mehr im nächsten Vortrag. Für Loipersbach kam noch etwas dazu. Die Stadt wurde zu einem riesigen Strafgeld verurteilt und musste zwei ihrer Dörfer verpfänden Loipersbach und Klingenbach kamen in die Hand der Jesuiten. Das war kein Zufall. Denn natürlich war Loipersbach dem Bischof in Raab schon längst ein Dorn im Auge. Viel hatten sie nicht vom neuen Besitz, denn 1683 wurde das Dorf von den Tataren total zerstört, ein Großteil der Bevölkerung erschlagen oder verschleppt. Die schlimmste Verfolgung endete 1681 mit dem Landtag von Ödenburg. Kaiser Leopold war dazu gezwungen, da die aufständischen Ungarn unter Thököly sich mit den Türken verbündet hatten und im Anmarsch waren. Die Evangelischen bekamen mit den Artikularkirchen minimale Zugeständnisse. Ödenburg aber hatte eine Sonderstellung inne. Hier gab es weiterhin evangelische Gottesdienste. Das hat auch das Weiterbestehen des evangelischen Glaubens in Loipersbach ermöglicht.

 

Die Kirchenverfassung:
Gründung des Konsistoriums (Konvents)Am 5. Mai 1667 wurde das Konsistorium wieder begründet und damit angesichts des immer stärker werdenden Drucks der katholischen Seite die Trennung von Kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten vollzogen. Die kirchlichen und weltlichen Vertreter im Konsistorium sollten die gesamte evangelische Gemeinde repräsentieren. Das Konsistorium sollte für Kirchenzucht sorgen und etwa auch für die Regelung von Eheangelegenheiten. Zum ersten Präses wurde der Bürgermeister Georg Grad gewählt, nicht wegen seines Amtes, sondern weil er als würdiger Vertreter der evangelischen Gemeinde galt. Zweiter Vorsitzender war Leopold Nätl, Notar Johann Andreas Preining. Fünf Mitglieder des Konvents kamen aus dem Stadtrat. Hinter dieser Gründung stand der zweite Stadtpfarrer Mathias Lang, selbst gebürtiger Ödenburger. Es ging dabei auch um den Gegensatz der evangelischen Gemeinde Ödenburg zur ungarisch dominierten Superintendentur, die versuchte, ihr Visitationsrecht auf Ödenburg auszudehnen. Schon 1655 hatte eine Partikularsynode in Harkau stattgefunden, in der Bischof Georg Musay versuchte hatte, seine bischöfliche Autorität auch auf die Stadt auszudehnen. Er war damit aber nicht durchgedrungen. Der Streit wurde aber bald angesichts der verstärkt einsetzenden Gegenreformation unwichtig und endete, als Bischof Stephan von Fekete in Pressburg zum Katholizismus übertrat. Von 1673 bis 1742 hatte die evangelische Kirche keinen Bischof. Als der Distrikt 1742 einen neuen Superintendenten bekam musste sich dieser per Revers verpflichten, die Autonomie Ödenburgs und der Artikularkirche von Nemescsó nicht anzutasten. Bis 1812 fand in Ödenburg keine bischöfliche Visitation statt.

 


Gegenreformation

Kirchengeschichte (Teil 2) Vortrag am 6. Jänner 2017Von 1673 bis zum Toleranzpatent von 1781 blieb auch Loipersbach wie meisten evangelischen Gemeinden ohne Kirche und ohne Pfarrer. Die Evangelischen wurden verfolgt, besonders im so genannten Trauerjahrzehnt nach der Magnatenverschwörung, bis sie 1681 zumindest einige bescheidene Rechte zugestanden bekamen. Es sollte aber in dem Jahrhundert bis zum Toleranzpatent nicht gelingen, die Bevölkerung der deutsch-evangelischen Dörfer wieder für den Katholizismus zurück zu gewinnen, obwohl in dieser Zeit nur katholische Pfarrer und Lehrer wirkten. Die katholischen Pfarrer mussten immer wieder feststellen, dass in den Familien weiterhin die lutherischen Lieder gesungen wurden und Hausandachten abgehalten wurden. Nach der Resolutio Leopoldina blieben sämtliche Pfarrämter und Schulen der Stadtgemeinden im Besitz der katholischen Kirche. Die offiziellen kirchlichen Handlungen – Taufen, Eheschließungen, Begräbnisse – nahmen die katholischen Pfarrer vor. Die Kinder wurden zu den katholischen Lehrern in die Schule geschickt. Katholischer Pfarrer in Loipersbach, bald darauf in Agendorf mit Loipersbach als Filiale, war von 1674 bis 1684 Stefan Rosenitsch, 1684 bis 1694 Diviachich. Lehrer war ab 1695 der aus Wulkaprodersdorf stammende Michael Wild. Die evangelischen Gläubigen sträubten sich manchmal bei den Naturalabgaben oder Robotleistungen für die katholischen Pfarrer. Die Stadt versuchte die Abgaben zu regeln. Das Recht der Ortslehrer, Traubensaft einzusammeln, wurde durch eine Weinzuwendung abgelöst, auch die oft umstrittene Holzzustellung wurde einheitlich geregelt. Jeder Pfarrer erhielt 25 und jeder Lehrer 8 Klafter Holz jährlich. Nach dem großen Stadtbrand wurden auch die Stadtgemeinden zu höheren Abgaben verpflichtet. Diese protestierten schriftlich bei der Stadt. Preiner wies den Protest zurück mit der Begründung, dass die Bauern der Esterházy und Nadasdy noch weit höhere Lasten zu tragen hätten. Zerstörung der Dörfer durch die Tataren
Die Überfälle der Tataren im Jahre 1683 trafen beide Orte schwer. Am 23. Juli wurde Agendorf, am 24. auch Loipersbach überfallen. Vermutlich war es im Falle von Loipersbach besonders verhängnisvoll, dass der Ort noch den Jesuiten gehörte. Das wussten die Verbündeten der Türken, die ungarischen Gefolgsleute Thökölys, natürlich. Aber auch die anderen Orte – auch wenn sie eine Salva Guardia hatten, fanden keine Gnade. Die Tataren kümmerten sich ja keinen Deut um diese.

 

Die Visitationen 1696 und von 1713


Aus der Zeit, in der Loipersbach eine Filiale der katholischen Gemeinde Agendorf war, haben wir Nachrichten in den Visitationsberichten der katholischen Kirche. 1696 fand eine solche Visitation statt. Sie stellte fest, dass die Kirche in Loipersbach noch immer zerstört war. Nur das Dach hatte man instand gesetzt. 1713 fand dann die nächste Visitation statt. Am 24. Juni kamen die Visitatoren nach Agendorf und Loipersbach. Katholischer Pfarrer war von 1713 bis 1726 Andreas Dorner. In Agendorf stellten sie fest, dass die Dorfkirche zu Ehren des Hl. Georg 3000 Schritt vom Dorf entfernt lag und in einem guten Zustand war. Die Kirche war innen von einem Holzchor umgeben. Der Kirchturm war nicht an das Kirchenschiff angebaut. In Loipersbach musste das Dorf erneut verpflichtet werden, die Kirche zu renovieren. Offenbar war seit 1696 nicht viel geschehen. Die evangelische Bevölkerung hatte anscheinend kein Interesse daran, die Kirche zu erneuern. In Loipersbach gab es laut Visitationsbericht noch immer zwei Kirchen, eine davon am Berg, die andere im Dorf. Zur Pfarre gehörten drei kleine Weingärten, 11 Joch Ackerfeld und drei Wiesen, Die im Dorf stehende Kirche wurde nach dem Bericht des Vistationsprotokolls um 1466 erbaut, 1633 unter dem evangelischen Prediger Schweiger vergrößert und 1683 von den Türken niedergebrannt. Der katholische Pfarrer in Agendorf bekam aus Loipersbach den Ertrag von einer Wiese, zwei Gärten und einem 16 Pfund großen Weingarten. Von der Kirche bekam er 24 Gulden. Die Visitatoren wollten die Hälfte davon der Gemeinde zusprechen. Der Agendorfer Pfarrer bekam 30 Metzen Getreide, von jedem Haus Holz und von jedem Kleinhäusel 20 Denare in bar. Auch in Loipersbach hatte er das Weinausschankrecht. Dorner wurde aber von den Visitatoren wegen des Loipersbacher Weinausschankes gerügt. Offenbar schenkte er zu viel Wein aus. Nach dem Vertrag von 1661 durfte er nur sieben Eimer zur Zeit der drei großen kirchlichen Festtage ausschenken. Dazu kamen natürlich auch noch die Stolagebühren. Lehrer waren in Agendorf 1713 Andreas Resch, später Matheus Schuster (1756 – 1785) und Oswald Freyler. In Loipersbach wirkte Georg Wagner, der aus Mattersburg stammte. Er bekam von jedem Lehensbauern ein Viertelmetzen Getreide und 12 Denare in bar, von den Kleinhäuslern die Hälfte. Er besaß eine Wiese, einen Garten und ein Joch Ackerland. Im Herbst hatte er das Recht, Traubensaft einzusammeln. Für das Zusammenschreiben der Bergmaut (des Bergrechtes) bekam er von der Stadt pro Jahr 12 Gulden. Auch an den Stolagebühren hatte er Anteil. Nach Wagner wurde Josef Fürsatz Lehrer in Loipersbach. Er genoss im Ort ein hohes Ansehen. Nach seinem Tod wurden sein Sohn Josef und 1780 sein Enkelsohn Lehrer in Loipersbach. Es waren 1713 44 Personen katholisch, von denen 27 die Osterbeichte vollzogen. Nach Dorner wurde Michael Weschitz Pfarrer. Er stammte aus Weppersdorf. Er ließ die beiden Kirchen in Agendorf und in Loipersbach instand setzen, die Loipersbacher Kirche im Jahre 1727. In der Visitation von 1734 wird er als glaubenseifriger Pfarrer geschildert. Bischof Groll berief ihn als Pfarrer nach Kroisbach. 1739 berief Bischof Groll auf Empfehlung des Stadtrates den bisherigen Stadtkaplan Michael Puckel nach Agendorf. Er kam jedoch mit den beiden evangelischen Gemeinden nicht zurecht. 1741 ging er als Stadtpfarrer nach Wieselburg. 1764 war Ignatz Kraczer Pfarrer in Agendorf – Loipersbach. Der geborene Ödenburger führte ein sehr liederliches Leben und vernachlässigte seine Gemeinde. Oberdekan Knoblauch führte drei Visitationen durch, Kraczer wurde seines Amtes enthoben, Anton Mayr als Administrator eingesetzt. Kraczer wollte aber nicht weichen. Auf Anraten des Loipersbacher Lehrers Josef Fürsatz machten die beiden Dörfer eine Eingabe beim Bischof und schilderten Kraczer als tyrannischen, zornigen, sittenlosen und liederlichen Pfarrherrn, der nicht einmal den Sterbenden Beistand leistete. Kraczer wurde daraufhin vom Bischof in sein Benefizium in Ödenburg zurück versetzt, wo er noch lange lebte. In seinem Testament vermachte er aber dann der Gemeinde Agendorf 600 Gulden. Damit sollte eine Kapelle am Ortseingang gebaut werden. Neuer Pfarrer wurde Anton Mayr, obwohl der Bischof seine Wahl zunächst für ungültig erklärt hatte, da an ihr auch evangelische Ratsherrn beteiligt waren. 1772 war die von Kraczer gestiftete Kapelle bereits fertig gestellt. Zur Zeit Mayrs missionierte ein Pater Wütt in beiden Gemeinden und gründete angeblich 26 kleine Kirchengruppen (Katechetengemeinschaften) mit insgesamt 390 Mitgliedern. Dies war damals in vielen Gemeinden üblich. Wenn die Zahlen stimmen hatte die katholische Mission offenbar doch einigen Erfolg auch in den evangelischen Gemeinden. Diese Kirchengruppen wurden jedoch 1787 durch Kaiser Josef II. aufgelöst. Mayr dürfte im Dorf positiv gewirkt haben. Zichy berief ihn deshalb zum Ödenburger Dekan.

 

Die katholische Kirche

Wie kann man sich nun das Leben der Protestanten in den über 100 Jahren, als sie wieder der katholischen Kirche unterstanden, vorstellen? Der katholische Pfarrer war für alle Amtshandlungen zuständig, also für Taufen, Begräbnisse und Trauungen. Er führte auch die Matrikeln, in der Muttergemeinde Agendorf auch für Loipersbach. Wer aus dieser Zeit also Informationen über seine Vorfahren haben will, muss im Agendorfer katholischen Kirchenbuch nachsehen.Die Bevölkerung zahlte für die katholische Kirche, den katholischen Priester, bearbeitete dessen Felder in Robot und lieferte für die Amtshandlungen Stolgebühren ab. Die gemeinsamen Feiertage wurden natürlich abgehalten, an Fronleichnamsprozessionen wird sich die Bevölkerung kaum beteiligt haben. Auch den katholischen Lehrer musste man akzeptieren und bezahlen. Das es auch in dieser Zeit in Loipersbach eine Schule gab ist gewiss. Vermutlich wurde die Schule noch immer im Gemeindehaus abgehalten. Wie das Verhältnis der Bevölkerung zum Pfarrer und Lehrer war hing wohl in erster Linie von deren Persönlichkeit ab und von deren Bereitschaft, das „Ketzertum“ der Evangelischen bis zu einem gewissen Grad zu akzeptieren. Die klügeren Pfarrer fanden sich damit ab und hatten so ein leidlich gutes Verhältnis zu den Bewohnern, vielleicht sogar auch einigen Erfolg bei der Rückgewinnung einzelner Familien für die katholische Kirche. Diejenigen aber, die glaubten, „durchgreifen“ zu müssen oder diejenigen die ihr Amt nicht gewissenhaft versahen, hatten kein leichtes Leben und verließen die Orte schon bald wieder. Erstaunlich ist, dass die Mehrzahl der Bewohner letzten Endes evangelisch blieb, wie man 1781, nach dem Toleranzpatent mit einigem Erstaunen feststellte. Mehrere Faktoren trugen dazu bei: in erster Linie war es die Nähe zu Ödenburg, die den Loipersbachern immer wieder ermöglichte, an den dortigen Gottesdiensten teilzunehmen – zuerst im Hause Lackners, für einige Jahre im Hof des Eggenberg-Hauses, wo der Hofprediger der Fürstin wirkte, und dann im hölzernen Bethaus in der Kirchengasse. Wir wissen aus verschiednen Berichten, dass diese Predigtstätten an Sonntagen und großen Feiertagen völlig überfüllt waren, weil auch die Menschen aus den Stadtdörfern kamen. Dies war zwar zeitweise verboten, konnte aber auf Dauer nicht verhindert werden. Nach dem großen Stadtbrand wurde das Bethaus durch einen steinernen Bau ersetzt. In der Kirche selbst fanden die Auswärtigen freilich keinen Platz, sie mussten vor den Kirchentoren stehend am Gottesdienst teilnehmen – die „nassen“ Lutheraner wurden sie voller Schadenfreude von einigen Katholiken genannt. Selbstverständlich trugen sie durch Spenden auch am Kirchenbau und Unterhalt der Pfarrer bei. Die Evangelischen zahlten also doppelt. Ein weiterer Faktor für das Fortbestehen des Luthertums in unserer Gemeinde waren die Hausandachten – von einigen angesehenen Gemeindemitgliedern abgehalten – das Lesen von Gebetbüchern und der Bibel, und das Singen geistlicher Lieder. Ob es gelegentlich auch heimlich Besuche von evangelischen Pfarrern gab wissen wir nicht. Es ist dies aber anzunehmen. Im Dorf selbst gab es die katholische Kirche, in der auch Taufen und Hochzeiten stattfanden. Die 1727 gebaute oder renovierte Kirche – nach vielen Jahren des Verfalls - ist nicht die heutige katholische Kirche. Sie stand aber wahrscheinlich am heutigen Platz. Sie wurde am 1795 durch eine schwere Überschwemmung, die das ganze Dorf traf, angeblich total zerstört. Die heutige Kirche wurde 1797 erbaut, also schon in einer Zeit, als das Dorf wieder weitgehend evangelisch geworden war. Aus dieser Zeit (1798) stammt auch das wertvolle Altarbild – Abschied der Apostel Petrus und Paulus – von Stefan Dorfmeister. Nach ihrem Wiederaufbau fiel sie dem großen Dorfbrand zum Opfer. Altar, Kanzel, Orgel, die um 1800 gebaut wurde, und die schönen Kirchenbänke aus der Entstehungszeit blieben aber erhalten. Der Turm wurde erneuert.

 

Die Jesuiten fassen Fuß

In die Stadt der Bürger kamen immer mehr Adelige, vor allem Flüchtlinge nach der Niederlage bei Mohacs. Sie wurden aufgenommen und konnten auch Häuser erwerben, bekamen aber keinen Sonderstatus zugestanden. Sie mussten so wie alle anderen Bürger Steuern zahlen und Dienste leisten (z. B. Wachdienst). Dies änderte sich mit dem Friedensschluss von 1606. Dem Adel wurde ein freies Niederlassungsrecht in den königlichen Freistädten zugestanden, unter Beibehaltung ihrer adeligen Privilegien, vor allem was die Gerichtsbarkeit betraf. Nun tauchten auch in Ödenburg immer mehr ungarische adelige Hausbesitzer auf, 1614 ein Graf Esterházy, gefolgt von den Erdödy, Káldy, Zichy …Im 18. Jahrhundert erwarben die Magnatenfamilien Häuser in der Innenstadt und bauten dort ihre Palais. Zwar wurde kein einziger Adeliger je in eine städtische Funktion gewählt. Die Gefahr für die städtische Autonomie war jedoch groß, da sich die Magnatenfamilien, allen voran die Esterházy, bald massiv in die kirchlichen Angelegenheiten einmischten. Dazu kam, dass sich der Adel erfolgreich der städtischen Gerichtsbarkeit entzog. Die Einschränkung der städtischen Freiheit zeigte sich besonders in der Frage der Jesuitenansiedlung in der Stadt. König Ferdinand II. ordnete die Gründung einer Jesuitenschule an. Dagegen protestierte die Stadt, denn im Wiener Frieden war die Niederlassung von Jesuiten im gesamten Königreich Ungarn untersagt worden. Die Stadt bot vergeblich die Errichtung einer katholischen Schule an. Der König beauftragte Esterházy mit der Durchführung seiner Anordnung. Schließlich musste die Stadt einem Kompromiss zustimmen. Die Jesuiten bekamen die Erlaubnis, zwei Häuser in der Wiener Vorstadt zu erwerben. Bischof Draskovich überließ ihnen den Kreuzhof der Johanniter und die Jesuiten begannen sofort mit der Einrichtung einer Schule und eines Konvikts. Proteste der Stadt wurden vom König zurückgewiesen. Nach der Aufdeckung der Wesselenyischen Verschwörung benützten die Jesuiten die Gelegenheit, auch in die Innenstadt vorzudringen. Der Stadt wurde ja die Beteiligung des ungarischen Notars Stephan Wittnyédy an der Verschwörung zur Last gelegt, obwohl man in Ödenburg die Umtriebe des Notars nur mit Widerwillen zur Kenntnis nehmen musste und dieser in der Stadt wegen seines arroganten Auftretens keineswegs beliebt war. 1674 erhielten die Jesuiten das große Haus Vittnyedys. 1679 wurde es dem Raaber Domkapitel übergeben. Die Häuser, die die Jesuiten nun im Anschluss an die Georgskirche besaßen, dienten den Jesuiten als Kollegium, 1691 wurden das Gymnasium und das Konvikt eingerichtet. Die Georgskirche wurde im barocken Stil umgebaut.

 

Die Unterwerfung des evangelischen Ödenburg 1674

Kardinal Leopold Kollonitsch, der Präsident der ungarischen Kammer, war fest entschlossen, die Stadt zu unterwerfen. Die Beteiligung an der Verschwörung war ein willkommener Vorwand. 1670 scheiterte ein erster Versuch. Eine Söldnertruppe unter Oberst Zeus wurde nicht in die Stadt eingelassen. 1672 kam Kollonitsch zusammen mit Bischof Szechenyi und Obergespan Esterházy in die Stadt. Sie verlangten, dass die Hälfte der Ratsherrn von den Katholiken gewählt werden sollte. Die Stadt, noch immer zu zwei Drittel evangelisch, weigerte sich. Es wurde ihr nun vorgeworfen, sie hätte seit 1609 gegen die Gesetze verstoßen, die die Wahl des Rates aus beiden Konfessionen vorschrieben. Für den Gesetzesverstoß über 63 Jahre hätte die Stadt 126 000 Gulden zu bezahlen. Ödenburg bekam schließlich eine Strafe von 34 000 Goldgulden auferlegt. Da die Stadt diese Summe nicht aufbringen konnte musste sie die beiden Dörfer Klingenbach und Loipersbach an den Fiskus verpfänden. Das Pfandrecht erwarb der Raaber Bischof Széchenyi und gab die beiden Dörfer zunächst an die Ödenburger, dann an die Günser Jesuiten weiter. Erst 1695 konnte die Stadt ihre Dörfer mit Hilfe einer Anleihe von 36 000 Gulden rücklösen. 1673 setzte Kollonitsch durch, dass die Hälfte des Stadtrates mit Katholiken besetzt wurde. Es war keineswegs leicht, geeignete katholische Kandidaten zu finden. Der neu eingesetzte Kämmerer Nikolaus Horwath konnte angeblich weder lesen noch schreiben. 1674 wurde der evangelische Stadtrat vor das außerordentliche Gericht in Preßburg zitiert, ebenso alle Prediger, Lehrer und Studenten sowie alle Bürger. Die Stadt versuchte, dem Verhängnis zu entkommen und schickte die Räte Georg Grad und Johann Metzger nach Preßburg, Andreas Preining und Johann Serpilius nach Wien. Alle Eingaben und Bitten waren vergeblich, die Stadt musste die schriftlich gefassten Bedingungen annehmen. Alle Kirchen, Benefizien, Pfarrhäuser und Schulen mussten von den Evangelischen abgetreten werden, die Pfarrer, Lehrer und Schüler mussten innerhalb von 15 Tagen die Stadt verlassen. Auch die sechs evangelischen Stadtdörfer verloren ihre Pfarrer und Lehrer. Das Wittnyedy – Haus neben der Georgskirche musste abgetreten werden, ein zweites Wittnyedi – Haus wurde der evangelischen Kirchengemeinde übertragen. Allerdings gelang es dem bisherigen Stadtrichter Johann Serpilius einen Vertrag mit dem königlichen Fiskus zu schließen. Kein Ödenburger Bürger sollte gezwungen werden, zur römisch – katholischen Kirche überzutreten. Die öffentliche Religionsausübung wurde in der Stadt nicht zur Gänze untersagt. Die Evangelischen durften zwei Prediger behalten, ebenso ihre Stiftungen und testamentarischen Zuwendungen. Die Gottesdienste mussten zunächst in Privathäusern abgehalten werden. Der Besuch der Gottesdienste im Eggenberghaus wurde den Bürgern erlaubt. Die Pfarrer Sowitsch und Barth predigten – schon wenige Tage nach der Wegnahme der Kirchen - im Lacknerischen Haus. Das Gebäude des evangelischen Gymnasiums in der Langen Zeile blieb im Besitz der Evangelischen, der Unterricht war aber untersagt. Am 28. Feber 1674 wurden die Kirchen an die hochrangige Delegation – Thomas Pállfy, Bischof zu Neutra und Kanzler Ungarns, Kollonics, Bischof von Wr. Neustadt und Kammerpräsident, und Szécheny, Bischof von Raab, in Anwesenheit von Esterházy mit seiner Gemahlin Ursula, Graf Johann Kéry und anderen übergeben. Die Kirchen wurden neu geweiht. Der abgesetzte Pfarrer Heinrich Trost wurde bei einer Trauung in Agendorf verhaftet. Mit Hilfe eines Kaufmannes gelang ihm die Flucht nach Wr. Neustadt. Er kehrte in seine Heimatstadt Jena zurück. 1675 hielt er vor dem Kurfürsten Bernhard von Sachsen einen Vortrag über die Evangelischen in Ungarn. 1680 starb er als Pfarrer von Beutnitz. Rektor Daniel Tieftrunk und Korektor Johann Kövesdy, Sohn des evangelischen Pfarrers, wurden in Preßburg verurteilt und auf die Galeeren nach Neapel verschleppt.Über sieben Wochen wurde im Lacknerschen Haus gepredigt.1675 wurde bereits eine hölzerne Notkirche errichtet. Die beiden Pfarrer wurden dann allerdings für ein halbes Jahr nach Eisenstadt verbannt. Auch der Konvent bestand weiterhin, als eine gewissermaßen staatlich anerkannte Körperschaft öffentlichen Rechtes. Diese Zugeständnisse waren im damaligen Ungarn einzigartig. Zu verdanken hatte man dieses „Entgegenkommen“ vor allem der Fürsprache der preußischen, sächsischen, dänischen und niederländischen Gesandtschaft, die keine Möglichkeit hatten, in Wien evangelische Gottesdienste zu besuchen. Ganz besonders wichtig aber war die Rolle der Fürstin Eggenberg, der Witwe des österreichischen Marschalls Fürst Johann Anton Eggenberg, eine Tochter des Markgrafen Christian von Bayreuth. Anna Maria Eggenberg hatte vor ihrer Eheschließung von Ferdinand II. die volle Glaubensfreiheit zugesichert bekommen. Sie hatte im Zuge der Gegenreformation Graz verlassen müssen und in Ödenburg ein Haus erworben, wohin sie mit ihrem gesamten Hofstaat 1671 übersiedelte. Sie stellte Matthias Lang als Hofprediger an. Im Hof ihres Hauses in der Georgengasse fanden ebenfalls Gottesdienste statt. Lang, zuvor Diakon in Wittenberg und Magister der Theologie, war von 1674 an über sechs Jahre Hofprediger. Er predigte von der Steinkanzel im Eggenberg-Haus in der Georgsgasse. Ein neuer evangelischer Friedhof wurde hinter dem Gymnasium angelegt. Eine weitere Schikane war die Verbannung der beiden evangelischen Prediger Barth und Sowitsch nach Eisenstadt, das inzwischen längst wieder katholisiert war. Dagegen gab es aber einen Proteststurm der evangelischen Gesandten in Wien, an der Spitze der schwedische Gesandte Graf Benedikt Oxenstierna. Schließlich wurde den beiden Pfarrern zu Ostern 1675 die Rückkehr nach Ödenburg erlaubt, nicht jedoch die Benützung der evangelischen Notkirche. Das Wittnyedy – Haus wurde den Jesuiten übergeben, unter Bruch der abgeschlossenen Verträge. Erst am 20. Dezember 1675 wurde die Holzkirche wieder freigegeben. 1676 brannte während des großen Stadtbrandes auch die evangelische Kirche ab. Die Opferbereitschaft der Bürger, aber auch des Exulantenadels in der Stadt und aus den evangelischen Ländern war aber groß und so konnte schon zu Ostern 1677 wieder ein neues, ebenfalls aus Holz gebautes Gotteshaus eröffnet werden. Matthias Lang war zu seiner Zeit der bedeutendste theologische Schriftsteller in ganz Ungarn. Unter seinen Schriften sind vor allem die „zwölf Schlussreden wider Jodokus Kedd“ zu nennen. Kedd war ein Wiener Jesuit, der öfters in Ödenburg predigte und den „Christlichen Herzensführer“ herausgab. In seinen Schriften legte Lang klar die evangelische Sakramentslehre und den evangelischen Kirchenbegriff dar und trat so dem Vorwurf der Ketzerei entgegen. Um 1670 verfasste Lang ein Ödenburger Gesang- und Gebetbuch. Nach dem Tod der Fürstin Eggenberg sollte Lang ins Exil gehen, starb aber am Tag seiner erzwungenen Abreise. Konflikte mit den Katholiken wurden weitgehend vermieden, der Konvent verbot Predigern und Lehrern Gespräche mit den Jesuiten. Ein weiterer herausragender Prediger in Ödenburg war Johann Konrad Barth. 1634 wurde er in Lampertheim im Elsass geboren, sein Vater war Pfarrer in der Nähe von Straßburg. Über Wittenberg und Rostock kam er nach Helsingör und an den Hof des dänischen Königs Friedrich III. 1663 wurde er Gesandtschaftsprediger des dänischen Gesandten Andreas Lilienkron in Wien, wo er nur sehr eingeschränkt wirken konnte. Die evangelische Gemeinde in Wien wurde damals stark bedrängt. 1665 wurde er als Pfarrer nach Ödenburg berufen. Dort heiratete er die Tochter des angesehenen Rates Ludwig Ägidius Prisoman. Sein Sohn Johann Konrad studierte in Regensburg und Jena Rechtswissenschaft und ließ sich in Ödenburg nieder, wo er 1702 verstarb. Pfarrer Barth war auch literarisch tätig und konnte immer wieder die Hilfe ausländischer Gesandter für das evangelische Ödenburg mobilisieren. Auch Heinrich Trost wäre zu erwähnen, 1661 bis 1663 evangelischer Pfarrer in Agendorf und dann bis 1674 in Ödenburg. Trotz der Schließung aller Schulen konnte das evangelische Bildungswesen nicht vernichtet werden. Die Bürgerfamilien stellten Hauslehrer an, obwohl die Jesuiten mit schweren Strafen drohten. Und auch an den evangelischen Universitäten studierten weiterhin zahlreiche Söhne der Stadt, allein in den Jahren von 1675 bis 1681 11 in Wittenberg, 11 in Jena, 2 in Tübingen und einer in Bayreuth. Die Schikanen gegen die Evangelischen gingen weiter. Der Rat musste zugunsten der Katholiken verändert werden, per Erlass wurde ein Bürgermeister eingesetzt, der weder ein Haus in der Stadt besaß noch Bürger war (der Steuereinnehmer Peter Tallian). 1681 bestand der Rat aus 9 Katholiken und 5 Evangelischen. Alle Funktionen wurden mit wie etwa der Stadtkommandant bis hin zu den Torwächtern wurden mit Katholiken besetzt. Der frühere Bürgermeister Natl musste sogar aus dem Stadtrat weichen und wurde durch den Ungarn Martin Csémy, der weder lesen noch schreiben oder rechnen konnte, ersetzt. Königliche Erlässe sollten die Handwerker zwingen, an den katholischen Prozessionen teilzunehmen. Das konnte aber verhindert werden.

 

Zwischen Duldung und Repression Der Landtag von 1681 in Ödenburg – Artikularkirchen

Die Erfolge des aufständischen Tököly erzwangen die Einberufung des Landtages nach Ödenburg, der in Anwesenheit Kaiser Leopolds abgehalten wurde. Den evangelischen Ständen wurde gnädig erlaubt, ihre Beschwerden schriftlich vorzubringen. Während des Landtages wurden auch Feste gefeiert, etwa anlässlich der Wahl Esterhazys zum Palatin, am Namenstag Leopolds und anlässlich der Krönung seiner Gemahlin Eleonore zur Königin von Ungarn. Auf dem Ödenburger Landtag von 1681 wurde die Religionsausübung der Evangelischen auf die „Artikularorte“ beschränkt, im Komitat Ödenburg auf Nemeskér, im Komitat Eisenburg auf Nemescsó. Ödenburg behielt seine Sonderstellung wie bisher. Die beiden Prediger Lang und Sowitsch durften aber nicht in die Stadtdörfer gehen. 1682 erschien Kanzler und Bischof Draskovich persönlich in Ödenburg. Er befahl dem Bürgermeister Johann Steiner und dem Stadtrichter Johann Gering, die evangelischen Prediger zu entlassen. Im August 1682 mussten der Bürgermeister und einige Räte in Wien erscheinen. Es wurde der Stadt untersagt, für den in Wien verstorbenen Musaeus einen Nachfolger zu wählen. Die Stadt hielt sich daran. Pfendtner predigte nun aber in der Michaelerkirche , für den ebenfalls verstorbenen Rittschendel bestellte der Rat Leonhard Pinder als Prediger in der St. Georgskirche. Im Feber 1683 wurden Bürgermeister und Rat erneut nach Wien bestellt, konnten aber nichts erreichen. Am Landtag in Preßburg im März und April 1683 leisteten die Stände König Rudolf Widerstand . Draskovich verlangte erneut die Auslöschung der Evangelischen. Der Türkenzug gegen Wien und die erzwungene Huldigung für Thököly unterbrach dann die Auseinandersetzungen. Aber schon im September 1583 wurden Bürgermeister, Stadtrichter und der Stadtnotar erneut nach Wien zitiert. Der Stadt wurde mit der Degradierung zum Dorf gedroht. Die Pfarrer Pfendtner und Pinder sollten vor dem Bischof in Kroisbach erscheinen. Die Übernahme des Gregorianischen Kalenders wurde auf dem Pressburger Landtag so wie von den anderen protestantischen Ständen auch von Ödenburg verweigert. Die Stadt feierte Weihnachten 1683 nach dem Julianischen Kalender. Die Resolutio Leopoldiana von 1687 verschärfte die Bedingungen für die Evangelischen. Der evangelische Superintendent durfte die Gemeinden zwar besuchen, dort aber keinen Einfluss nehmen. Visitationen führte ausschließlich der katholische Oberdekan durch. Mischehen waren nur dann gestattet, wenn sie vom katholischen Pfarrer vollzogen wurden.

 

1683 Huldigung für Thököly

1683 musste die Stadt wie die meisten anderen in Westungarn den Türken bzw. deren Gefolgsmann Thököly huldigen. Den Evangelischen wurden die Kirchen zurückgegeben, Sowitsch hielt in der Michaelerkirche den Dankgottesdienst. Die Kommissare Thökölys wiesen die Jesuiten aus der Stadt aus, ihre Häuser wurden vom Pöbel geplündert. Nach der Niederlage der Türken vor Wien erhielt die Stadt Pardon. Die Jesuiten kehrten zurück und verlangten von der Stadt nahezu 5000 Gulden Schadenersatz. 1684 kam wieder Kollonitsch in die Stadt und verlangte die bisherige Wahlordnung. Serpilius und Leopold Nätl widersprachen. 1691 wurde in Gegenwart von zwei kaiserlichen Kommissaren eine Vereinbarung geschlossen. Der Rat sollte je zur Hälfte aus Katholiken und Evangelischen bestehen, Bürgermeister- und Richteramt sollten jährlich zwischen den beiden Konfessionen wechseln. Diese Vereinbarung hielt bis in das 20. Jahrhundert. Die Zugeständnisse des Ödenburger Landtages wurden 1687 wieder durch die Explanatio Leopoldina eingeschränkt. Die Duldung der Evangelischen wurde von der Gnade des Herrschers abhängig gemacht, konnte also jederzeit wieder zurückgenommen werden. Trotz vieler Maßnahmen gegen die Evangelischen hielt die Stadt im Rakoczi – Aufstand treu zum habsburgischen Königshaus und überstand eine schwere Belagerung, mit Beschießung der Stadt zu Weihnachten 1705 und am 2. Jänner 1706. Es waren die Ödenburger Bürger, die durchhielten. Der kaiserliche Oberst Weitersheim wollte die Stadt übergeben. Die Belagerung war aber ein schwerer Schlag für die Stadt, deren Wohlstand weitgehend vernichtet wurde. Es blieb ein riesiger Schuldenstand und auch die Einwohnerzahl ging stark zurück. 1715 hatte die Stadt nur mehr 5472 Einwohner. Probleme bereiteten weitere Erlässe und Dekrete gegen die Evangelischen, etwa 1728 der Dekretaleid, der vorsah, dass alle Beamten auf die Hl. Maria und alle Heiligen zu schwören hatten. Das hätte einen Ausschluss aller Evangelischen von allen städtischen und staatlichen Ämtern bedeutet. Ödenburg konnte aber, wie Pressburg und einige wenige andere Städte, eine Befreiung vom Dekretaleid erwirken. Die Zünfte wurden ebenfalls der Kontrolle der katholischen Kirche unterstellt. 1700 wurde durch Johann Paul Greiner, königlich Ödenburger Postmeister, Stadtrat und Zunftmeister, das Vermögen der Zünfte erfasst. Die Zünfte besaßen 730 Pfund Weingärten. Im Auftrag des Bischofs Szechenyi musste das gesamte Vermögen der Zünfte an die Kirche übergeben und die Zunfttruhen in der Michaelerkirche deponiert werden. Sämtliche Rechnungen mussten dem Stadtpfarrer vorgelegt werden. Auf Bischof Leopold Kollonitsch folgte Christian August als Bischof. Er war ein Konvertit aus dem sächsischen Kurfürstenhaus. Anders als Kollonitsch setzte er nicht auf Gewalt, sondern auf die Mission durch Jesuiten und Franziskaner. Eine massive Rekatholisierungswelle fand unter den Pfarrern Andreas Matuschek und Stefan Kontor statt. Ein kaiserlich königlicher Revers verbot Mischehen generell. Der evangelische Partner musste zuvor zur katholischen Kirche übertreten, die Kinder mussten katholisch erzogen werden. Vorkämpfer dieser Katholisierungsbemühungen waren der Jurist Mathias Trimel und Paul Johann Greiner. 1713 nahm Bischof Christian August eine Visitation vor, in der Stadt und auch in den Dörfern. Er verweigerte den Evangelischen die Rückgabe ihrer Bibliothek und forderte von ihnen Geld für die Renovierung der Michaelerkirche. 1725 starb Christian August, Bischof wurde der 27 – jährige Ludwig Philipp Graf zu Sinzendorf, der die Grundlage für die Ansiedlung der Ursulinerinnen in der Stadt legte, und nach ihm Adolf Groll. Dieser verbot die Ansiedlung evangelischer Deutscher. Die Stadt wurde gezwungen, ungarische Ansiedler katholischen Glaubens aufzunehmen.

 

Unter Bischof Zichy und Stadtpfarrer Primes

Stadtpfarrer Lorenz Hauser, ein gebürtiger Kroisbacher, brachte die Kirchengüter in Ordnung. Wenn er betrunken war, war er sehr jähzornig und wurde handgreiflich. Zichy war von 1743 bis 1783 Bischof von Raab. Unter dem neuen Stadtpfarrer Primes, einem gebürtigen Neckenmarkter, gab es bald massive Probleme. 1746 wollte ein außerhalb des Stadttores wohnhafter Gärtner heiraten. Primes verbot die Trauung. Auch in der Affäre Wimmersberg zeigte er sich unnachgiebig. Die Eltern stammten angeblich aus Loipersbach und waren evangelisch. Da sie vor der Ehe ein „sündiges Verhältnis“ hatten, wurden sie nur getraut, weil sie versprachen, ihre Kinder katholisch taufen zu lassen. Der katholische Pfarrer in Agendorf kümmerte sich aber nicht um die Angelegenheit und so wurden die Kinder evangelisch erzogen. Als Primes 1754 Dekan wurde griff er die Angelegenheit wieder auf, die Kinder mussten zur „Glaubenserziehung“ nach Ödenburg kommen. Von der Kanzel verkündete Primes, dass jedes Waisenkind der „katholischen Kirche gehört“, musste dies aber auf Anordnung Maria Theresias zurücknehmen. Primes konnte sich in einer anderen, sehr heftig umstrittenen Frage nicht durchsetzen. Er schaffte es nicht, die evangelischen Zünfte mit ihren Fahnen und Uniformen zur Teilnahme an den Fronleichnamsprozessionen zu zwingen. Eine in Ödenburg ansässige Druckerei musste freilich alle Schriften, die gedruckt wurden, dem Stadtpfarrer zur Zensur vorlegen. Gegen den Bau des neuen Theaters am Platz der ehemaligen Ochsenmühle hatte Primes nichts einzuwenden. Als aber Dorfmeister das Theater mit „Lustfiguren“ ausmalte protestierte er heftig. Konflikte gab es vor allem um die Taufe der Kinder aus Mischehen. Der katholische Stadtpfarrer Primes bestand grundsätzlich auf eine katholische Taufe. Auch alle Waisen, auch diejenigen aus evangelischen Familien, wurden von der katholischen Kirche in Anspruch genommen und im vom k. k. Kommissar Karl Voß gestifteten Waisenhaus katholisch erzogen. Bekehrungsversuche der Jesuiten im großen Stil blieben erfolglos. Verboten wurde die Zuwanderung aus dem Reichsgebiet. Die Stadt ermöglichte daraufhin verstärkt die Zuwanderung aus den deutschen evangelischen Gemeinden Westungarns. Die Auslandsstudien wurden eingeschränkt. Die Behörden verlangten ab 1725 Pässe. Zeitweise waren die Auslandsstudien verboten (1756-59, 1763-66). In Ödenburg standen große Stiftungen für Auslandsstudien zur Verfügung, 1764 etwa 28 000 Goldgulden. Durch die Resolutio Carolina wurden die evangelischen Pfarrer unter die Oberhoheit der katholischen Bischöfe gestellt. Der Bischof durfte die Führung der Matrikelbücher überprüfen und eine „Prüfung“ des evangelischen Pfarrers zur Taufe durchführen. In der Resolutio Carolina II von 1734 wurde die Errichtung von vier Superintendenturen angeordnet. Pfarrer Samuel Serpilius wurde zum Superintendenten gewählt, der Ödenburger Konvent untersagte ihm aber die Annahme dieses Amtes. Ab 1735 fanden Generalkonvente statt, die je einen Generalinspektor für Kirchen- und Schulangelegenheiten wählten. Gemeinden, Seniorate und Kirchendistrikte bekamen Inspektoren als weltliche „Schutzherren“. Pressburg und Ödenburg wollten sich dieser Neuorganisation nicht einfügen. Ödenburg beharrte darauf, seine Religionsangelegenheiten direkt beim König vortragen zu dürfen und kam so in Konflikt mit dem Distriktualinspektor Paul Matkovitsch. In der Frage des Umbaues des Schulwesens im Gefolge der Maria Theresianischen Schulgesetzte, der hohe Kosten verursachte, musste sich die Stadt aber doch dem Generalkonvent anschließen. Die Konflikte zwischen städtischer Kirchengemeinde und Distrikt gingen auch noch nach dem Toleranzedikt weiter. 1786 wurde der Kirchenkreis jenseits der Donau neu aufgeteilt. Es wurde das Oberödenburger Deutsche Seniorat geschaffen, Ödenburg selbst und Rust blieben aber selbständige Stadtseniorate. Dadurch verlor der Ödenburger Konvent die Zuständigkeit für die Stadtgemeinden. Der Konflikt wurde zunächst so gelöst, dass Samuel Gamauf Senior der Stadt und der Stadtgemeinden wurde. Da aber Superintendent und Superintendentialinspektor auf ihr Visitationsrecht über die Stadt bestanden beantragte 1786 der Ödenburger Konvent am kaiserlichen Hof die Bildung einer deutschen Superintendentur. Der Antrag wurde nicht genehmigt. 1796 wollte Superintendent Hrabovsky das Gymnasium, das 1782 zu einer theologisch – philosophischen Akademie ausgebaut worden war, visitieren. Er wurde aus der Schule verwiesen. 1812 kam es zu einer Vereinbarung mit dem Generalkonvent. Ödenburg wurde die Autonomie innerhalb des Kirchenkreises zugesichert und blieb ein Stadtseniorat. Der Konvent hatte nicht nur Probleme mit dem Kirchendistrikt. Auch innerhalb der Stadt kam es zu Konflikten, hauptsächlich zwischen dem Konvent und der Leitung des Gymnasiums, die immer mehr die Ideen der Aufklärung in das Unterrichtsgeschehen aufnahm. Den lutherisch – orthodoxen Kreisen passte das nicht. Der langjährige und äußerst verdienstvolle Rektor Christof Deccard wurde wegen eines kritischen Artikels entlassen. Daniel Haynóczy wurde vom Konvent heftig kritisiert und verstarb, im Streit zwischen Pfarrer Oertel und dem Professor Ribini wurde letzterer kurzerhand entlassen. Unzufriedenheit herrschte in weiten Kreisen der Bürgerschaft über die Dominanz weniger Patrizierfamilien im Konvent. Auch der Adel und wohlhabende Bürger verlangten mehr Mitbestimmungsrechte. 1796 musste der Konvent erweitert werden. Zu den bisher acht Mitgliedern mussten nun auf Vorschlag der vier Stadtviertel weitere 24 Mitglieder aufgenommen werden. Im Konvent wurden Ausschüsse gebildet, die sich den einzelnen Aufgabenbereichen widmeten.
Der Kampf um die kirchliche Autonomie Ödenburgs ging weiter, da der Kirchendistrikt immer wieder das Visitationsrecht über das Gymnasium forderte. Ein Ausweg war, dass der Ödenburger Pfarrer Johann Kis zum Superintendenten gewählt wurde, Theophil Gamauf war Senior. 1846 starb Kis, Ödenburg sah damit das Visitationsrecht des Distrikts für verfallen an. In diesen Streitigkeiten um die Autonomie ging es immer mehr auch um nationale Fragen. Der Kirchendistrikt war magyarisch dominiert, der Stadtkonvent deutsch. Nach Gamaufs Tod etwa setzte der Distrikt durch, dass anstatt der lateinischen Sprache in der Matrikelführung die ungarische eingeführt wurde. Und es ging vor allem auch um die Unterrichtssprache am Gymnasium. Im Revolutionsjahr 1848 eskalierte dann die nationale Frage. Die deutsch – evangelische Gemeinde verlor schließlich ihre Schule an das Magyarentum. Über 110 Jahre gab es also keine evangelische Gemeinde und keine Kirche in Loipersbach. Das Dorf gehörte zur katholischen Gemeinde Agendorf, der katholische Pfarrer nahm alle kirchlichen Handlungen vor, also Taufen, Begräbnisse und auch Hochzeiten. Die Evangelischen hatten nur die Möglichkeit, Privatandachten zu halten, wobei es aber streng verboten war, dass auch neben der engeren Familie auch andere Personen – etwa Nachbarn und Verwandte – teilnahmen. Wollten sie an einem evangelischen Gottesdienst teilnehmen, mussten sie den weiten Weg nach Nemeskér zurücklegen. Die Loipersbacher konnten die viel näher gelegene evangelische Kirche in Ödenburg besuchen.

 

Das Toleranzpatent

Es gab einige Vorboten des neuen Geistes der Aufklärung und der Toleranz. 1773 wurde der Jesuitenorden aufgelöst. Natürlich wurde das Toleranzpatent auch in der Gemeinde Loipersbach mit großer Freude begrüßt. Es bot nun die Möglichkeit, eine evangelische Kirchengemeinde zu gründen und eine evangelische Kirche zu bauen. Noch gab es aber viele Widerstände und für den Kirchenbau viele Einschränkungen. Die Komitatsbehörden waren keineswegs bereit, den Edikten des Reformkaisers nachzukommen. Sie machten Schwierigkeiten, wo sie nur konnten. Die Gründung einer Kirchengemeinde sollte erlaubt werden, wenn es mindestens 100 Familien verlangten. In Agendorf lebten damals etwa 900, in Wandorf 600 und in Loipersbach etwa 450 Evangelische. Die erste Bedingung war also vollauf erfüllt. Nach der Zählung von 1816 waren in Agendorf 914, in Wandorf 624 und in Loipersbach 464, in Brennberg 14 Personen evangelisch. Die evangelischen der drei Gemeinden beschlossen die Gründung einer Kirchengemeinde. Das Komitat, das entsprechende Untersuchungen vornahm, aber untersagte dies. Daraufhin wandte eine vom Kircheninspektor verfasste Petition Anfang 1783 direkt an den König. In ihr wurden die Argumente des Komitates Punkt für Punkt widerlegt. Das Hauptargument des Komitates war, dass die Agendorfer ohnedies das Bethaus in Ödenburg besuchen konnten, da dies weniger als eine Stunde entfernt lag. Dem wurde widersprochen und auf die Beschwerlichkeit des Weges vor allem im Winter hingewiesen. Man berief sich auch auf den noch viel weiteren Weg, den die Loiperbacher zurückzulegen hatten. Auch die wirtschaftliche Belastung wurde geltend gemacht und darauf hingewiesen, dass die Ödenburger Kirche zu klein sei. Dem Bittgesuch wurde in kürzester Zeit stattgegeben. Am 1. August 1783 wurde vom Komitat ein königliches Mandat veröffentlicht, in dem die Genehmigung erteilt wurde. Aber selbst jetzt noch weigerte sich das Komitat, nachzugeben, mit der Begründung, dass ja nur eine einzige Filiale, nämlich Loipersbach, weiter als eine Stunde von Ödenburg entfernt läge. Die Agendorfer reagierten sofort und entsandten eine Delegation, den Fleischhackermeister Johann Kann und Paul Wödl, mit einer neuen Bittschrift nach Preßburg. Am 11. August kam eine neuerliche königliche Resolution und am 6. September 1783 musste die General – Komitatskongregation diese publizieren.


Noch am selben Tag, den 6. September, holten Kann und Wödl den schon vorläufig berufenen Pfarrer Matthias Harnwolf bei seinem Schwager Matthias Schädl in Ödenburg ab, händigten ihm die Berufungsurkunde aus und brachten ihn nach Agendorf. Harnwolf war zuvor 8 Jahre lang Prediger in Nemes Dömölk, wo er die deutschen Predigten hielt. Harndolf war gebürtiger Agendorfer. Noch am gleichen Tag wurde auch der Kantorlehrer berufen – der ebenfalls in Agendorf geborene Johann Ehnl. Harnwolf bekam 150 Gulden zugesagt, dazu eine freie bequeme Wohnung, das nötige Brennholz und Frucht- und Weinabgaben zugesagt. Die Berufungsurkunde wurde von den Agendorfern Paul Wödl, Johann Kann, Matthias Wödl, Michael Böhm, Michael Gritsch, Matthias Eber, Andreas Feiler und Neuberger, von der Vertretern Wandorfs und aus Loipersbach von Andreas Hauer als Richter, Johann Hopf, Joseph Hauer, Michael Tschürtz und Thoma Amring unterschrieben.Am 7. September, also am Tag nach der Ankunft Harnwolfs, wurde der erste Gottesdienst im Garten des Matthias Neuberger, am Anfang der Straße nach Loipersbach, abgehalten. Daran nahmen auch viele Auswärtige teil, auch Vertreter des Ödenburger Magistrats. Harnwolf ließ bald seine Frau Katharina, eine geborene Ernst, und zwei Kinder sowie seine Besitzungen nach Agendorf holen. Die Pfarrersfamilie wohnte im Gemeinde-Offiziershaus, in dem bis 3. Juli 1785, bis zur Fertigstellung des Bethaus, auch Gottesdienst gehalten wurde.

 

Bau des Bethauses

Der Bau des Bethauses erwies sich ebenfalls schwieriger als gedacht. Die junge Kirchengemeinde ersuchte die Grundherrschaft, die Stadt Ödenburg, um die Zuweisung eines Bauplatzes für Bethaus, Pfarrhaus und Schule. Am 6. Oktober kam eine Kommission der Stadt, die den Platz der Dorfschmiede für geeignet erklärte. Schon am 5. Dezember gab der Stadtrat seine Zustimmung. Der katholische Pfarrer und die katholischen Lehrer aber versuchten den Bau zu verhindern. Außerdem wollten sie, dass der Unterricht durch den evangelischen Kantorlehrer wieder eingestellt werde und die Glocken bei evangelischen Begräbnissen nicht mehr geläutet werden sollten. Sie brachten vor, dass das Bethaus und die Schule entgegen den Bestimmungen des Toleranzpatents „in der Gasse“, also nicht zurückversetzt erbaut werden sollten. Auch gegen das Ausstellen der Heiratskontrakte durch den evangelischen Lehrer brachten sie Einwände vor. Sie setzten sich zunächst voll durch. Am 14. Feber 1784 erschien der Vizestuhlrichter Stephan Illésy und verbot das Schulehalten, den Bau des Bethauses am vorgesehenen Platz, das Läuten der Glocken bei evangelischen Begräbnissen und das Ausstellen von Heiratskontrakten. Die Agendorfer wandten sich wieder an das königliche Konsilium. Am 4.Mai kam die Anordnung, dass der Bau des Bethauses nicht weiter behindert werden dürfe. So konnte am 13. Mai der Bau beginnen. Der Maurermeister war Georg Trost aus Ödenburg. Die Hilfs- und Spendenbereitschaft war groß. Die Gräfin Starhemberg zu Turnhof kaufte die Dachziegel. Den Altar kaufte der Kriegsart Striegel um 30 Gulden vom Karthäuser-Kloster auf dem Kahlenberg in Wien, die Fuhren und Handarbeiten wurden von den Evangelischen der drei Dörfer und von Helfern aus Ödenburg, Harkau, Wolfs und Mörbisch besorgt. Große Spenden kamen von Michael Harnwolff, dem Bruder des Pfarrers, aus Liegnitz in Schlesien, der auch die Abendmahlsgeräte spendete. Zwei Wandorfer bestellten in Wien die Orgel, die Kanzel wurde um 75 Gulden ebenfalls in Wien geakuft. Sie stand zuvor in der bürgerlichen Spitalskirche. Den Taufstein ließ der Ödenburger Schmiedemeister Matthias Proßwimmer, ein gebürtiger Agendorfer, aufstellen. Auch die Kircheninspektoren unterstützten den Bau. Kirchenvater war bis 1793 Paul Wödl, danach Georg Trinkl und Matthias Bernecker. Dem Presbyterium gehörten aus Loipersbach der Richter Andreas Hauer, Johann Hasch, Matthias Hauer und Andreas Kirchknopf. Von den Baukosten entfielen 1120 Gulden auf Agendorf, auf Wandorf und Loipersbach zusammen ebenso viel. Es musste trotz der Zahlungswilligkeit der Einwohner ein Kredit in der Höhe von 2850 Gulden aufgenommen werden. Dies war jedoch kein Problem, erbrachte doch der Klingelbeutel jährlich etwa 400 – 500 Gulden. Am 3. Juli 1785 konnte das Bethaus feierlich eingeweiht werden. Die Begräbnisse konnten nun zwar durch einen evangelischen Pfarrer erfolgen, jedoch ohne Sang und Klang, also ohne Glocken und Gesang. Am 2. März 1784 wurde das Glockengeläut bei evangelischen Begräbnissen eingestellt. Das war umso ärgerlicher, als ja auch die evangelische Bevölkerung zum Ankauf der Glocken beigetragen hatte. Am 4. Juni 1784 wurde daher eine Bittschrift eingereicht, die das Läuten bei Begräbnissen erbat. Eine Kommission erschien im Dorf, um die Angelegenheit zu untersuchen. Am 17. Jänner 1785 wurde schließlich durch eine königliche Resolution auch das Geläute bei evangelischen Begräbnissen angeordnet. Vorübergehend wurde das Geläut dann aber neuerlich verboten und das Problem durch einen neuen, detaillierten Erlass geregelt. In Loipersbach wurde am 16. September 1786 beim Begräbnis eines sechsjährigen Kindes erstmals wieder geläutet. 1787 wurde den Evangelischen schließlich der Bau von Kirchtürmen und Glockenstühlen gestattet. Agendorf ließ 1796 beim Bethaus einen Glockenstuhl aufstellen und bekam aus der Kirche eine Glocke, eine zweite Glocke wurde angekauft. Wann in Loipersbach ein Glockenstuhl aufgestellt wurde ist nicht bekannt, wahrscheinlich ebenfalls Ende der 1790er Jahre. Auch das Singen bei Begräbnissen wurde den Evangelischen mehrmals verboten, schließlich aber ebenfalls erlaubt. Bis Dezember 1789 war auch das neue Pfarrhaus fertig gestellt. Das „alte Pfarrhaus“ am Rasten wurde später verkauft. Im gleichen Jahr entstand das erste Schulhaus, neben dem Pfarrhaus. Mit der Errichtung einer Schule waren wieder Probleme verbunden. Ein königlicher Erlass sah nämlich „vermischte Schulen“ vor, und zwar aus Gründen der Nützlichkeit und Wirtschaftlichkeit. Auch in Agendorf wurde im Mai 1788 eine Schulvisitation durchgeführt und dabei der Versuch unternommen, eine gemeinsame Schule zu errichten. Die evangelische Gemeinde war damit nicht einverstanden. Eine Zählung der Schüler im September 1788 ergab 134 schulfähige Kinder bei den Evangelischen und 20 bei den Katholiken. Es ging natürlich auch um die Frage, was mit dem katholischen Lehrer geschehen sollte. Seine Anstellung als Hilfslehrer wurde von den Evangelischen ebenfalls zurückgewiesen und der Versuch, ihn als Notär fix anzustellen, scheiterte ebenfalls. Scholz äußert in seiner Kirchengeschichte die Vermutung, dass dem katholischen Lehrer die Vorbildung für seinen Beruf fehlte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Gemeinde die Entlohnung eines zweiten Lehrers vermeiden wollte. Bis 1791 mussten die Zahlungen an den katholischen Pfarrer und an den Schulmeister aber weiterhin geleistet werden. Erst damit fielen die beträchtlichen Leistungen an die katholische Kirche weg. Dies waren 1786 immerhin in Agendorf 355 Gulden, in Loipersbach nahezu 160 Gulden, die von den 508 Einwohnern, darunter 413 Evangelische und 95 Katholiken, aufzubringen waren. Dazu kamen noch Robotleistungen und Naturalabgaben.

 

Evangelische Schule

Die Gemeinde Loipersbach wählte am 12. Mai 1291 den ehrsamen Samuel Ungar, Sohn des Adam Unger, zu ihrem Schulmeister und Notar. Dieser war damals Student am Ödenburger Lyceum, in der 5.Klasse, war. Am 13. Juni führte ihn Pfarrer Harnwolf als Schulmeister ein. Im Gemeindehaus unterrichtete er ab 14. Juni 45 Kinder. Aus der Bestellung des Wandorfer Lehrers Lux wissen wir, was von einem Schulmeister verlangt wurde: Täglich wurde der Unterricht mit einem Schulgebet angefangen, dem auch andere Leute beiwohnen konnten. Jeden Sonn- und Feiertag musste er am Nachmittag eine kurze Kinderlehr abhalten. Die Bezahlung war mager: 50 Gulden, dazu 10 Gulden für Gemeindeschreibereien, freie Wohnung und Brennholz sowie Naturalabgaben, dazu eine freiwillige Mostspende zur Zeit der Lese. Von jedem Schüler bekam er einen kleinen Geldbetrag. Zu seinen Aufgaben gehörten natürlich auch das Läuten der Glocken, das Singen mit den Schülern bei Begräbnissen usw. So wie auch der Pfarrer erhielt er bei allen kirchlichen Handlungen einen kleinen Betrag. Vom 1- Jänner 1788 an wurde die Taufstola durch einen Pauschalbetrag an den Pfarrer und Lehrer abgelöst. Die Verpflichtung, die Taufen dem katholischen Pfarrer zu melden, wurde aufgehoben, unter der Bedingung, dass die evangelischen Geistlichen entsprechende Taufmatrikeln führen. Pfarrer Harnwolf führte aber ohnedies schon seit 1783 die Matrikel. Ein Problem blieb bestehen: das der Begräbnisse ungetaufter neugeborener Kinder. 1789 kam es deshalb erstmals zu großer Aufregung. Ein totgeborenes Kind wurde von Harnwolf im Friedhof bestattet. Der katholische Pfarrer Gilsberth befahl dem Vater, es wieder auszugraben und außerhalb der Friedhofsmauer einzugraben. Auf die Weigerung des Vaters ließ der Pfarrer die Leiche ausgraben und außerhalb der Friedhofsmauer bestatten. Der Richter meldete den Vorfall der Grundherrschaft, die ihn an die Gespanschaft verwies. Diese erlaubte es nicht, den Sarg erneut auszugraben und im Friedhof zu bestatten. 1786 erfolgte die Einteilung des Kirchendistrikts jenseits der Donau in Seniorate. Unsere Gemeinden gehörten dem Oberen Ödenburger Seniorat an. Senior war Samuel Gamauf, Superintendent Samuel Hrabovsky. Am 10. Januar 1788 hielten sie zusammen mit dem Lokalkircheninspektor Josef von Prusinsky die erste Visitation ab. Vorsteher und Bewohner der drei Ortschaften wurden zusammen gerufen und alles in Ordnung befunden. Kirchenvater Paul Wödl legte dabei Rechnung. Durch die Entdeckung und dem Abbau der Brennberger Kohle kam es mehrmals zu hohem Besuch, 1797 etwa durch Kaiser Franz II. und auch durch Palatin Joseph. 1789 besuchten sechs kaiserliche Prinzen das Bergwerk, 1800 kam Erzherzog Ferdinand mit zwei Söhnen.

 

Unter Pfarrer Kalchbrenner 1809-1819

Am 12. Jänner 1810 fand die Wahl des neuen Pfarrers statt. Zu dieser Zeit hatte sich die Gemeinde bereits für den Pöttelsdorfer Pfarrer Kalchbrenner entschieden. Unter vier vorgeschlagenen Kandidaten wurde Kalchbrenner mit großer Mehrheit gewählt. Kalchbrenner wurde 1776 in Ödenburg geboren. Er besuchte das dortige Gymnasium und studierte anschließend in Jena. Er war zunächst Pfarrer in mehreren ungarischen Gemeinden und wurde dann nach Pöttelsdorf berufen. Bald folgten weitere Berufungen an größere Gemeinden (Ödenburg, Nemescsó u.a.), die er aber ablehnte. Kalchbrenner wurde ihm ein Gehalt von 150 Gulden zugesichert, dazu die Naturalien (Wein, Weizen, Korn, Holz …) und die entsprechenden Stolgebühren. Diese waren in Loipersbach und Wandorf höher, „wenn keine Gelegenheit geschickt wird“. Der Pfarrer betrieb noch immer Landwirtschaft. Kalchbrenner erhielt Futter und Stroh für eine Kuh zugesichert. Später bekam er auch einen Kartoffelacker zugesprochen. Zusätzlich wünschte er sich einen Garten. Der gebürtige Ödenburger Kalchbrenner wird als begabt, vielseitig gebildet und überaus tätig geschildert.Besonders am Herzen lag Kalchbrenner das Schulwesen. Da es in den Filialgemeinden einige Klagen gab rief er schon bald die drei Lehrer zusammen und schärfte ihnen ihre Pflichten ein. In allen drei Gemeinden wurde eine Prüfung um Ostern eingeführt. In Loipersbach waren die Prüfungen am Sonntag nach Ostern. Danach begann der Konfirmationsunterricht. Kirchenvater war damals Matthias Bernecker. Der Preis für die Kirchenstühle wurde erhöht und eine feste Stuhlordnung eingeführt. Das Lehrergehalt wurde erheblich auf 80 Gulden erhöht, das Schulgeld pro Schüler verdoppelt. Schulmeister in Agendorf war Samuel Unger, geborener Agendorfer. Er heiratete die Witwe seines Vorgängers Ehnel. Unger war zuvor Lehrer in Loipersbach. Bemerkenswert ist, dass der Lehrer verpflichtet wurde, den Pfarrer bei dessen Abwesenheit zu vertreten und auch Gottesdienste zu halten. Ungers Nachfolger in Loipersbach wurde Georg von Horvath. Die Loipersbacher mussten auch einen Beitrag zum Gehalt des Agendorfer Lehrers leisten, weil der ja allein den Kantorendienst versah. Das haben sie offenbar nicht gerne getan, sei mussten ermahnt werden. Zahlen musste die Kirchengemeinde auch für das evangelische Gymnasium (1911 waren dies immerhin 300 Gulden), für das Alumneum wurden Naturalien geliefert. 1811 wurde ein anderes Gesangbuch, das „Neue Ödenburger Gesangbuch“, eingeführt (bis 1924). Kalchbrenner selbst gab „Leichengesänge“ heraus. In der „Kirchenzucht“ griff Kalchbrenner scharf durch. Im Neujahrsgottesdienst 1812 rügte er die Jugendlichen. Im vergangenen Jahr habe er mehr „Gefallene copuliert“ als in seiner ganzen Zeit als Pfarrer. Er drohte mit einer „dreifache Kirchenzucht“ gegen sie. Im Winter 1813 errichtete der Pfarrer für Burschen und junge Männer eine Abendschule – um sie in den langen Winterabenden von der die Unsittlichkeit befördernden Gesellschaft abzubringen. Lehrer Unger sollte die Schreib- und Lesefähigkeit aufbessern, es gab Vorträge aus der Physik, der Naturbeschreibung und der Ökonomie. Eine Schulbibliothek wurde gegründet und Bücher angekauft. Wir haben es hier mit einem sensationell frühen Versuch einer Erwachsenenbildungseinrichtung zu tun. Er selbst scheint an den Naturwissenschaften besonders interessiert gewesen zu sein und vermittelte diese Begeisterung auch an seinen noch in Pöttelsdorf geborenen Sohn Karl Kalchbrenner, der später zu einem der bedeutendsten Wissenschaftler in Ungarn werden sollte. Er leistete vor allem in der Pflanzengeographie viel und gilt als der Begründer der ungarischen Pilzkunde. Wiederholt wurde von anderen Gemeinden der Versuch unternommen, Pfarrer Kalchbrenner abzuwerben, etwa 1818 von Preßburg. Die Gemeinde erhöhte sein Gehalt beträchtlich und der blieb zunächst. Dann kamen drei Deputierte der deutschen Kirchengemeinde in Pest. Ihr Werben ignorierte Kalchbrenner, da sie eine Probepredigt verlangten. Kurz darauf erschien eine Delegation von 12 Männern aus Pest, deren Drängen er schließlich nachgab. Am 24. Oktober 1818 hielt er seine Abschiedspredigt. In Pest wirkte er bis 1834.

 

Unter Pfarer Josef Gamauf 1819 bis 1847

Weit länger als Kalchbrenner wirkte Josef Gamauf als Pfarrer. Er war gebürtiger Ödenburger und war zuvor in Ragendorf. Auch sein Vater Samuel Gamauf war Pfarrer in Ödenburg. Seine Frau Franziska, geb. Waltersdorfer, gebar von 1816 bis 1819 fünf Kinder. Der Abschied aus Ragendorf fiel ihm vermutlich leicht, da er über Jahre einen Kampf mit dem Lehrer Karl Palisch in der Filiale Deutsch Jahrndorf auszutragen hatte, der angeblich ein Säufer und Unruhestifter war. Er wurde 1772 geboren, war also bei seiner Berufung schon etwas älter. Bald genoss er wegen seiner Gewissenhaftigkeit hohes Ansehen und führte auch die Matriken akurat. Von seiner Frau wird berichtet, dass sie von kleiner Gestalt mit einer weißen Haube in die Kirche einzuziehen pflegte und sich die ganze Gemeinde von ihren Sitzen erhob. 1820 erhielten Kirche und Schule ein großes Legat von 1500 Gulden testamentarisch vermacht. Der Spender war ein Johann Michael von Scheller, ein gebürtiger Agendorfer, der als Spediteur in Wien reich geworden war. Offenbar wurde die Stiftung später für den Neubau des Bethauses verwendet. Das Toleranzgebethaus war inzwischen ziemlich baufällig geworden. Ein Einsturz des wurmstichigen Dachstuhls war zu befürchten. Am 7, Oktober 1827 wurde ein allgemeiner Kirchenkonvent abgehalten und dabei der Bau eines neuen Bethauses beschlossen. Die Realisierung ließ allerdings noch lange auf sich warten, denn die Spendenfreudigkeit war zwar in Agendorf groß, in den Filialgemeinden war man aber eher zurückhaltend. Es wurden die Verträge mit den Firmen abgeschlossen. Rechnungsführer waren die Kirchenväter, aus Loipersbach Andreas Grasl. 1834 wurde mit dem Bau begonnen. Am 27. September 1835 wurde die neue Kirche, mit neuem Altar, Kanzel und Orgel, von Superintendent Johann von Kis eingeweiht. Das Kirchweihfest wird seither immer am 29. September (Michaeli) gefeiert. Die Leistungen der Gemeinde waren beachtlich, zumal die wirtschaftliche Situation nicht besonders günstig war und 1832 die Cholera wütete und 156 Todesopfer zu beklagen waren, davon 35 in Loipersbach. Das Problem der viel zu kleinen Schule war schon lange virulent. Das Schulzimmer wurde Lehrer Unger übergeben und der Unterricht im Gemeindehaus bei der Kirche abgehalten. Dieses war zwar groß genug, aber feucht. So wurde 1842 der Beschluss gefasst, eine neue Schule mit Lehrerwohnung zu bauen. Sie wurde noch im gleichen Jahr fertig gestellt und eingeweiht (später „alte Schule“ genannt).
In Loipersbach wirkte Georg von Horvath als Lehrer. In den von Pfarrer Gamauf geführten Aufzeichnungen steht vermerkt, dass in Loipersbach die Schüler auch nach Vollendung der Schulpflicht bis zu ihrem 14. Lebensjahr freiwillig die Schule besuchten. Ab 1829/39 musste in den Volksschulen auch die ungarische Sprache unterrichtet werden. Bei der ersten Schulprüfung sagten die Schüler auswendig gelerntes auf. 1834 ist dazu vermerkt: Die Loipersbacher Schüler beten das Vaterunser ungarisch und sagen auch einzelne Reime aus der Geographie auf. „…allein zu wünschen wäre es, dass sie das Auswendig gelernte auch verstehen möchten; was wohl nicht der Fall ist.“ Ab 1846 wurden die Eltern dringend aufgefordert, nach Beendigung der Volksschule die Kinder zu Ungarn „in den Tausch“ zu geben. 1847 starb Pfarrer Gamauf, in seinen letzten Lebensjahren auch Senior, nach langer Krankheit an einer Lungenentzündung. Schon seit 1833 war sein gleichnamiger Sohn als Kaplan tätig.

 

Unter Pfarrer Karl Fleischhacker 1847 bis 1893

Die ganze zweite Jahrhunderthälfte war Fleischhacker Pfarrer der drei Gemeinden und prägte deren Leben entscheidend. Am 21. März 1847 wählte ihn die ganze Gemeinde mehrheitlich zum Pfarrer. Nicht gewählt wurde Josef Gamauf, obwohl er schon viele Jahre als Kaplan gedient hatte. Fleischhacker war der Sohn eines Ödenburger Kürschnermeisters. Er besuchte das Ödenburger Lyceum, wo er bereits in der dort bestehenden „Deutschen Gesellschaft“ literarisch tätig war. Später sollte er sich bitter über die erfolgte Zwangsaufhebung dieses kulturell äußerst verdienstvollen Zusammenschlusses, der als Reaktion auf die Gründung einer Ungarischen Gesellschaft entstanden war, beklagen. Er studierte anschließend in Basel. Es ist zu vermuten, dass er von dort eher eine rationalistische Theologie mitbrachte, in einer Zeit, wo auch in Westungarn die pietistischen Einflüsse zunahmen. Aus Basel zurückgekehrt wurde er im April 1847 von Superintendent Matthäus Haubner ordiniert und am 2. Mai feierlich installiert. Fleischhacker hatte nicht nur eine „würdige Erscheinung“, er war auch gebildet und ein hervorragender Kanzelredner. Verheiratet war er mit Amalia Roth aus Güns. Das alte Pfarrhaus entsprach nicht mehr den Anforderungen, zumal der Pfarrer dort an Rheuma litt. So wurde der Bau eines neuen Pfarrhauses neben der Kirche beschlossen. Es wurde ein prächtiger Bau, kostete allerdings 7749 Gulden, eine hohe Summe, zu der die beiden Filialen je nur 1000 Gulden beisteuerten. 1857 wurde das Pfarrhaus gebaut. Pfarrer und Lehrer erhielten als Folge der stark gestiegenen Preise eine Gehaltsaufbesserung. 1862 regte der Pfarrer die Gründung eines Turmbaufonds an. Mit dem Bau sollte aber erst begonnen werden, wenn die Hälfte der voraussichtlichen Kosten beisammen wäre. Im März 1869 konnte mit der Aushebung des Fundaments begonnen werden. Der Turm wurde aufgemauert, aber erst im folgenden Jahr fertig gestellt. Im September 1870 wurde der Turm eingeweiht. Zuvor schon hatte man drei Glocken angeschafft. Eine Turmuhr wurde von Johann Holzhofer gespendet. 1850 starb der Lehrer Samuel Unger. Die Gemeinde Agendorf berief den Loipersbacher Lehrer Ludwig Purt als Nachfolger. Purt stammte aus Güns und war mit Josephine Hafenscher, Tochter des Mörbischer Langzeitlehrers Paul Hafenscher, verheiratet. 1864 gründete er den Männergesangverein „Liederstrauß“. Großes Ansehen erlangte Purt im Cholerajahr 1873. Pfarrer Fleischhacker erkrankte ebenfalls und Purt musste an seiner Stelle 47 Begräbnisse durchführen. Insgesamt starben in Agendorf 66 Menschen. Das größte Problem war die hohe Schülerzahl, für die die Schule längst nicht mehr ausreichte. Purt unterrichtete nahezu 200 Schüler, was natürlich nur mit äußerster „Strenge“ möglich war. Das neue Schulgesetz von 1866 schrieb eine maximale Schülerzahl von 70 vor. Man zögerte eine Entscheidung lange hinaus. In einer Presbyteriumssitzung vom August 1871 wurde der Bau einer zweiten Schule und die Anstellung eines zweiten Lehrers beschlossen. Der Kirchenkonvent nahm diese Entscheidung an. Der zweite Lehrer sollte 400 Gulden und als „Turmlehrer“ aus der Gemeindekasse weitere 100 Gulden erhalten. In der Schule sollte abwechselnd am Vor- und am Nachmittag unterrichtet werden. 1872 wurde der aus Agendorf stammende Michael Röh als zweiter Lehrer gewählt, der aber bald nach Wolfs ging. Es begann der Streit um die Lehrerbesoldung, der sich über viele Jahre hinzog und das Klima im Dorf vergiftete. Lehrer Purt nahm das gesamte Schulgeld und auch das Heizgeld für die Beheizung des Lehrzimmers in Anspruch. Ein zweiter Lehrer hätte für ihn de facto eine Kürzung bedeutet. Die wollte er aber nicht akzeptieren und war wohl auch mit seinen 10 Kindern, die er durchfüttern musste, darauf angewiesen. Nachdem der zweite Lehrer das Dorf verlassen hatte erklärte sich Purt bereit, wieder alle 200 Kinder allein und „mit Erfolg“ zu unterrichten. Sieben Jahre lang blieb es dabei, obwohl die Kirchen- und die Komitatsbehörden auf eine Besetzung der Zweiten Lehrstelle drängten. 1879 wurde der Mörbischer Friedrich Kappel angestellt. Der Streit um das Schulgeld brach sofort wieder aus. Purt war zu keinem Kompromiss bereit. Erst mit seinem Tod endete der Streit. Die per Gesetz 1882 angeordnete Wiederholungsschule – wöchentlich 5 Stunden für die 12 bis 15-jährigen Kinder – wurde nicht abgehalten, weil sich die Lehrer weigerten, diese ohne Bezahlung zu halten. Es blieb wie bisher bei der Sonntagsschule. Auch der bei Schülern und Eltern sehr beliebte Friedrich Kappel hielt es neben Purt nicht lange in Agendorf aus. Nach viereinhalb Jahren wurde er 1884 als Kantorlehrer nach Pöttelsdorf berufen. Als sein Nachfolger wurde der aus Güns stammende Samuel Weber gewählt. 1888 wurde der Bau der zweiten Schule mit Lehrerwohnung beschlossen, 1889 wurde sie eingeweiht. In Loipersbach wurde nach der Pensionierung Georgs von Horvath zunächst für kurze Zeit Ludwig Purt Lehrer, der aber bald nach Agendorf berufen wurde. Es folgte Franz Peter, 1826 in Eltendorf geboren. Er war längere Zeit in Buchschachen Lehrer und kam 1853 nach Loipersbach, wo er bis 1857 blieb. Während dieser Zeit starb anscheinend seine erste Frau Josepha, geborene Gruber. Er ging anschließend nach Allhau, wo er erneut heiratete. Als Lehrer war er nicht mehr tätig. Er besaß in Buchschachen eine Mühle und war Katasterbeamter und Postmeister in Allhau. Sein Nachfolger war der aus Schlesien stammende Karl Wilhelm Süßmann, der das Lehrerseminar in Oberschützen besuchte. In Oberschützen war er Probelehrer. 1857/58 war er Lehrer in Loipersbach und wurde dann nach Zurndorf als Kantorlehrer gewählt. Dort starb er – erst 37jährig, im Jahre 1866 an der Cholera. 1859 kam schließlich Johann Benedek als Lehrer nach Loipersbach und blieb es bis zu seiner Pensionierung 1903. In diesen 44 Jahren prägte er die Gemeinde entscheidend. Er war nicht nur als Lehrer anerkannt, als Ortsnotär prägte er auch das ganze Leben im Dorf, das sich nach dem Großbränden von 1870 und 1876 und der hohen Grundablöse von 1869 in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Situation befand. 1863 gründete er einen Schul- und Turmbaufonds. Aber erst 1888 konnte das Vorhaben mit Kosten von 15000 Gulden verwirklicht werden. Neben der Turmschule, der heutigen Kirche, die auch für Gottesdienste genutzt werden konnte, entstand eine sehr komfortable Lehrerwohnung. Bendek war auf vielen Gebieten tätig und wurde mit dem Silbernen Verdienstkreuz ausgezeichnet. 1903 wurde er pensioniert, 1910 starb er.

 

Tochtergemeinde und Muttergemeinde

Das Verhältnis der Tochtergemeinde Loipersbach zur Muttergemeinde Agendorf war nicht immer ganz konfliktfrei. Wenn Unstimmigkeiten auftauchten ging es meist ums Geld. Am Bau des Toleranzbethauses waren auch die Tochtergemeinden beteiligt, bei dessen Neubau gab es Widerstände. Loipersbach zahlte lediglich 1000 Gulden dazu. Den Kirchturm musste die Muttergemeinde allein bezahlen. Kleinere Probleme gab es immer wieder bei der Nutzung der Kirchensitze, bis diese Frage strikt geregelt wurde und die den Loipersbachern und Wandorfern zustehenden Sitze gekennzeichnet wurden. Eine Streitfrage war auch immer wieder, ob die Tochtergemeinden zum Unterhalt des Kantorlehrers beitragen mussten. Das Kirchengemeindepräsidium bestand aus dem Pfarrer und dem Kircheninspektor. Beigeordnet waren der Kirchenvater (Kurator) und der Schulvorstand. Das Presbyterium wurde vom allgemeinen Kirchenkonvent, also von allen Kirchen- und Schulsteuern zahlenden Gemeindemitgliedern, gewählt. Die Presbyter waren 6 Jahre im Amt, wobei alle drei Jahre die Hälfte ausschied und neu gewählt wurde. Das Gesamtpresbyterium bestand zur Hälfte aus Vertretern Agendorfs und zur Hälfte aus Vertretern der beiden Tochtergemeinden. In den 1890er Jahren entsandte Agendorf 12 Presbyter (mit den beiden Vorstehern), Loipersbach 6 Presbyter mit dem jeweiligen Kirchenvater an der Spitze. Das Gesamtpresbyterium trat nur einmal im Jahr, Ende Jänner, zusammen. Dabei wurden die Kirchenrechnungen des Jahres überprüft und gutgeheißen und die Kostenvoranschläge für das folgende Jahr erstellt und alle Fragen, die die Gesamtgemeinde betrafen, besprochen. Die Beschlüsse mussten dann von der „Allgemeinen Kirchenversammlung“ aller drei Gemeinden – meist am darauf folgenden Sonntag – bestätigt werden. Danach blieben die Agendorfer unter sich und verabschiedeten die Beschlüsse, die die Kirchen- und Schulrechnungen der Muttergemeinde betrafen. Weitere gemeinsame Presbyterial- und Konventssitzungen fanden nur selten statt, etwa bei der Wahl des Generalinspektors, des Bischofs, des Distriktualinspektors, des Seniors und Senioralinspektors. Vor allem aber, wenn ein neuer Pfarrer gewählt wurde. Eigene Sitzungen in den drei Gemeinden fanden hingegen häufiger statt, je nach Bedarf. Der Kircheninspektor war die weltliche Vertretung im Präsidium. Bis zur Grundablöse waren immer angesehene Magistratsmitglieder die Kircheninspektoren. Dann war die Stelle einige Zeit unbesetzt und die Kirchengemeinde musste immer wieder aufgefordert werden, einen Kircheninspektor zu wählen. Man entschied sich 1886/87 für den Unterbezirksrichter Hugo von Sontagh, 1889 für den angesehenen Ödenburger Bürger Koloman Rupprecht, der sein Amt aber 1890 aus gesundheitlichen Gründen zurücklegte. Das wurde von der Gemeinde sehr bedauert, denn Rupprecht war sehr spendenfreudig. Danach wurde für längere Zeit kein Inspektor gewählt.Jeder Ort hatte einen Kurator, Kirchenvater genannt. Der Kirchenvater von Agendorf war aber für alle drei Gemeinden zuständig und wurde vom gemeinsamen Konvent auf drei Jahre gewählt. Er verwaltete die „gemeinsame Kirchenkasse“. Jedes Jahr musste er Rechnung legen. Aus ihr erhielt der Kantorlehrer für seinen Orgeldienst jährlich 5 Gulden, der Kirchendiener 20 Gulden, der Konventsnotar Weber 5 Gulden und auch der Kirchenvater erhielt einen kleinen Betrag. Aus der gemeinsamen Kasse mussten auch Reparaturen am Kirchengebäude (ohne Turm) bezahlt werden, ebenso Reparaturen am Pfarrhaus, Reinigungsgelder, Steuern und Versicherungen, Kanzleibedarf und Taggelder für Pfarrer und Kirchenvater, wenn sie an auswärtigen Versammlungen teilnahmen. Die Einnahmen aus dem Klingelbeutel reichten dafür nicht, die einzelnen Gemeinden mussten dazuzahlen. Wichtiger als die gemeinsame Kasse, die über nur wenig Geld verfügte, waren die Konventskassen der drei Gemeinden. Aus ihnen wurde der Geistliche bezahlt. Auch diese Kassen waren meist leer und es herrschte große Sparsamkeit. 1890 bis 1897 wurde der Greissler Friedrich Eitler zum Gesamtkirchenvater gewählt, der für seine Knausrigkeit berüchtigt war. Die Konventskassen der drei Gemeinden wurde vom jeweiligen „Schulrechnungsführer“ – Schulvorstand genannt – geführt. Diese Kasse war für die Schule jedes Dorfes zuständig. Der Pfarrer und die Lehrer erhielten daraus ihr Gehalt. Die Beiträge waren je nach der sozialen Zugehörigkeit – gestaffelt. Viertel- und Achtelbauern, Kleinhäusler, Arbeiter hatten ihren eigenen Tarif, wobei auf die tatsächliche materielle Lage der Familien nicht Rücksicht genommen wurde. Der Glöckner hob die Beiträge vierteljährlich ein. Die Bauern zahlten meist im Herbst nach der Ernte. Die Wahl des Presbyteriums war keinesfalls konfliktfrei, da es dabei auch um den Einfluss in der Gemeinde und um die Repräsentanz sozialer Gruppen, auch um Familien- und Verwandtschaftsgruppen ging. Gegen Ende des Jahrhunderts wirkten die politischen Auseinandersetzungen auch in die Dörfer hinein, wobei generell der Gegensatz zwischen der sozial führenden Gruppe der Großbauern und den Kleinbauern, Kleinhäuslern, Handwerkern zur Austragung kam. In Agendorf entstand die merkwürdige Situation, dass in der politischen Gemeinde auf Grund des Zensuswahlrechtes weiterhin die „Großbauern“ das Sagen hatten, in der Kirchengemeinde aber die „Opposition“ die Mehrheit erringen konnte. Die konservative Gruppe der reicheren und älteren Bauern gehörten politisch zu den „Liberalen“, die kein Interesse an Veränderungen hatten. Die „Radikalen“, später Anhänger der kleinbürgerlich – liberalen Partei des Oskar Jaszi, in Ödenburg durch Gezá Szombor vertreten, waren Kleinbauern und Kleinhäusler, Handwerker, vor allem aber die Jungen, die mehr Einfluss wollten. In den Wahlen der Kirchenvertretung von 1890 gewannen sie die Oberhand. Die „Parteien“ waren auch um die beiden Lehrer organisiert, die sich ja nicht besonders gut vertrugen. Purt war „Liberaler“, der junge Weber wurde von den „Radikalen“ unterstützt. Aus Loipersbach haben wir keine konkreten Nachrichten, doch lassen einige Indizien darauf schließen, dass hier die Fronten ähnlich verliefen. Die Mehrheit der „Radikalen“ im Presbyterium wirkte sich jedenfalls nicht auf die Arbeit aus, auch sie waren, wie Scholtz schreibt, „lauter ehrenhafte Männer".

 

Kirchengeschichte (Teil 2) Vortrag am 6. Jänner 2017

 

Gegenreformation und Toleranzgemeinde

In meinem letzten Vortrag habe ich versucht, die Anfänge der reformatorischen Lehren in Ödenburg und seinen Stadtdörfern aufzuzeigen. Wir haben gesehen, dass unser Loipersbach über ein Jahrzehnt hinweg selbständige evangelische Kirchengemeinde war. Von Loipersbach aus wurde unter bemerkenswerten Pfarrern wie Mathias Rosner und Hieronymus Christoph Foman auch Walbersdorf und Pöttelsdorf zeitweise betreut, da dort die Gegenreformation schon früher einsetzte.Diese Blütezeit wurde mit Gewalt beendet. Loipersbach kam in den Besitz des Raaber Bischofs und dann der Jesuiten. Foman wurde vor das berüchtigte Sondergericht in Preßburg geladen. Wegen einer Krankheit konnte er dort nicht erscheinen. Auch wenn diese Krankheit nur vorgeschützt war kann man ihm dies keineswegs verdenken, denn man wusste ja, welches schlimme Schicksal den dort Angeklagten drohte. Der Bischof ließ Richter und Geschworene der Loipersbacher nach Kroisbach, in seine dortige Residenz, bringen und einkerkern. Es wurde ihnen ein katholischer Pfarrer präsentiert, ein Kroate namens Stephan Rosenitsch, den sie jedoch nicht annehmen wollten. Sie blieben im Gefängnis. Der Pfarrer wurde in Begleitung von Bewaffneten nach Loipersbach gebracht, wo er die Kirche aufbrechen ließ. Das Taufbuch nahm er zu Ehren der Jungfrau Maria und aller Heiligen in Besitz. Eine Visitation im selben Jahr ergab, dass die Loipersbacher alle Häretiker, also Ketzer, waren. darüber später etwas mehr.Von 1673 bis zum Toleranzpatent von 1781 –also über 108 Jahre - blieb auch Loipersbach wie meisten evangelischen Gemeinden ohne Kirche und ohne Pfarrer. Die Evangelischen wurden verfolgt, besonders im so genannten Trauerjahrzehnt nach der Magnatenverschwörung, bis sie 1681 auf dem Ödenburger Landtag zumindest einige bescheidene Rechte zugestanden bekamen. Die Karte zeigt, dass um 1570/80 nahezu ganz Westungarn evangelisch war. Hauptsächlich in den kroatischen Gemeinden konnte sich die katholische Religion besser halten. Auch die meisten Adelsfamilien wurden protestantisch – wie besonders die Batthyany in Güssing und die Nadasdy in Deutschkreutz, die Königsberg in Bernstein usw. Auch die Städte und größeren Marktorte waren evangelisch. In den Herrschaften Forchtenstein und Eisenstadt, die ja den Habsburgern unterstanden, unter österreichischer Herrschaft standen, waren es die Pfandherrn und Verwalter wie Weispriach, die von Fürst und Kollonisch, die den Protestantismus besonders förderten. In vielen Orten ließen sich auch adelige Glaubensflüchtlinge aus Österreich, der Steiermark und Kärnten nieder. Nachdem die Gegenreformation in den österreichischen Ländern eingesetzt hatte versuchte der niederösterreichische Klosterrat, auch in den Herrschaften Forchtenstein und Eisenstadt katholische Pfarrer einzusetzen. Dies scheiterte sehr oft am Mangel geeigneter Priester und am heftigen Widerstand der Gemeinden. In vielen dieser Gemeinden saßen damals außerordentlich tüchtige und glaubensfeste Pfarrer. Man bezeichnet diese als Gnesiolutheraner (=echte Lutheraner) oder als Flacinaer, benannt nach einem ihrer führenden Köpfe, Flacius Illyricus, einem gebürtigen Kroaten. Flacius und seine Glaubensbrüder lehnten den Kompromiss, den Melanchthon im so genannten „Interim“ geschlossen hatte, ab. Sie verloren deshalb ihre Pfarrstellen und viele gingen nach Österreich und dann – durch die Gegenreformation vertrieben – nach Westungarn. Etwa zwei Dutzend Flacianer wirkten auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes, darunter besonders bekannt Johann Hauser in Donnerskirchen. Zentren der Flacianer waren Purbach, Großhöflein usw. In diesen und vielen anderen Gemeinden war das Luthertum so fest verankert, dass es über Jahrzehnte nicht gelang, sie wieder katholisch zu machen, auch nicht durch Einsatz von Gewalt. Wurden die Pfarrer vertrieben übernahmen vielfach die Lehrer ihre Aufgabe. Wo gute katholische Pfarrer wirkten ging es erheblich schneller. Es kam also auf beiden Seiten sehr auf die Überzeugungskraft der Pfarrer an.Entscheidend für den Erfolg der Rekatholisierung waren neben nunmehr besser ausgebildeten Pfarrern und dem Wirken der Jesuiten, die in Ödenburg, Güns, Raab, Pressburg Niederlassungen errichteten, vor allem die Grundherrn, die nunmehr ausnahmslos wieder katholisch wurden. Vor allem Nikolaus Esterhazy war maßgebend. 1612 bis 1622 erwarb er nahezu alle Herrschaften im Nord- und Mittelburgenland. 1643 traten die Nadasdy zum Katholizismus über, 1630 die Batthyany, die nahezu das gesamte Südburgenland beherrschten. Auch die Erdödy waren katholisch. Die Karte zeigt das Voranschreiten der Rekatholisierung und die zahlreichen Gründungen oder Neugründungen von Klöstern. Auch einige der wichtigsten Jesuitenmissionen habe ich eingezeichnet. Die Jesuiten fassen FußIn die Stadt Ödenburg kamen immer mehr Adelige, vor allem Flüchtlinge nach der Niederlage bei Mohacs. Sie wurden aufgenommen und konnten auch Häuser erwerben, bekamen aber keinen Sonderstatus zugestanden. Sie mussten so wie alle anderen Bürger Steuern zahlen und Dienste leisten (z. B. Wachdienst). Dies änderte sich mit dem Friedensschluss von 1606. Dem Adel wurde ein freies Niederlassungsrecht in den königlichen Freistädten zugestanden, unter Beibehaltung ihrer adeligen Privilegien, vor allem was die Gerichtsbarkeit betraf. Nun tauchten auch in Ödenburg immer mehr ungarische adelige Hausbesitzer auf. Im 17. Jahrhundert erwarben die Magnatenfamilien Häuser in der Innenstadt und bauten dort ihre Palais. Auch das Personal, das sie in großer Zahl anstellten, waren meist Katholiken und Magyaren. Zwar wurde kein einziger Adeliger je in eine städtische Funktion gewählt. Die Gefahr für die städtische Autonomie war jedoch groß, da sich die Magnatenfamilien, allen voran die Esterházy, bald massiv in die kirchlichen Angelegenheiten einmischten. Die Einschränkung der städtischen Freiheit zeigte sich besonders in der Frage der Jesuitenansiedlung in der Stadt. König Ferdinand II. ordnete die Gründung einer Jesuitenschule an. Dagegen protestierte die Stadt, denn im Wiener Frieden war die Niederlassung von Jesuiten im gesamten Königreich Ungarn untersagt worden. Die Stadt bot vergeblich die Errichtung einer katholischen Schule an. Der König beauftragte Esterházy mit der Durchführung seiner Anordnung. Schließlich musste die Stadt einem Kompromiss zustimmen. Die Jesuiten bekamen die Erlaubnis, zwei Häuser in der Wiener Vorstadt zu erwerben. Bischof Draskovich überließ ihnen den Kreuzhof der Johanniter und die Jesuiten begannen sofort mit der Einrichtung einer Schule und eines Konvikts. Proteste der Stadt wurden vom König zurückgewiesen. Nach der Aufdeckung der Wesselenyischen Verschwörung benützten die Jesuiten die Gelegenheit, auch in die Innenstadt vorzudringen. Der Stadt wurde ja die Beteiligung des ungarischen Notars Stephan Wittnyédy an der Verschwörung zur Last gelegt, obwohl man in Ödenburg die Umtriebe des Notars nur mit Widerwillen zur Kenntnis nehmen musste und dieser in der Stadt wegen seines arroganten Auftretens keineswegs beliebt war. 1674 erhielten die Jesuiten das große Haus Vittnyedys. 1679 wurde es dem Raaber Domkapitel übergeben. Die Häuser, die die Jesuiten nun im Anschluss an die Georgskirche besaßen, dienten den Jesuiten als Kollegium, 1691 wurden das Gymnasium und das Konvikt eingerichtet. Die Georgskirche wurde im barocken Stil umgebaut. Die Unterwerfung des evangelischen Ödenburg 1674Kardinal Leopold Kollonitsch, der Präsident der ungarischen Kammer, war fest entschlossen, die Stadt zu unterwerfen. Die Beteiligung an der Verschwörung war ein willkommener Vorwand. 1670 scheiterte ein erster Versuch. Eine Söldnertruppe unter Oberst Zeus wurde nicht in die Stadt eingelassen. 1672 kam Kollonitsch zusammen mit Bischof Szechenyi und Obergespan Esterházy in die Stadt. Sie verlangten, dass die Hälfte der Ratsherrn von den Katholiken gewählt werden sollte. Die Stadt, noch immer zu zwei Drittel evangelisch, weigerte sich. Es wurde ihr nun vorgeworfen, sie hätte seit 1609 gegen die Gesetze verstoßen, die die Wahl des Rates aus beiden Konfessionen vorschrieben. Für den Gesetzesverstoß über 63 Jahre hätte die Stadt 126 000 Gulden zu bezahlen. Ödenburg bekam schließlich eine Strafe von 34 000 Goldgulden auferlegt. Da die Stadt diese Summe nicht aufbringen konnte musste sie die beiden Dörfer Klingenbach und Loipersbach an den Fiskus verpfänden. Das Pfandrecht erwarb der Raaber Bischof Széchenyi und gab die beiden Dörfer zunächst an die Ödenburger, dann an die Günser Jesuiten weiter. Erst 1695 konnte die Stadt ihre Dörfer mit Hilfe einer Anleihe von 36 000 Gulden rücklösen. 22 Jahre lang stand Loipersbach also unter der Herrschaft der Jesuiten. 1673 setzte Kollonitsch durch, dass die Hälfte des Stadtrates mit Katholiken besetzt wurde. Es war keineswegs leicht, geeignete katholische Kandidaten zu finden. Der neu eingesetzte Kämmerer Nikolaus Horwath konnte angeblich weder lesen noch schreiben. 1674 wurde der evangelische Stadtrat vor das außerordentliche Gericht in Preßburg zitiert, ebenso alle Prediger, Lehrer und Studenten sowie alle Bürger. Die Stadt versuchte, dem Verhängnis zu entkommen und schickte die Räte Georg Grad und Johann Metzger nach Preßburg, Andreas Preining und Johann Serpilius nach Wien. Alle Eingaben und Bitten waren vergeblich, die Stadt musste die schriftlich gefassten Bedingungen annehmen. Alle Kirchen, Benefizien, Pfarrhäuser und Schulen mussten von den Evangelischen abgetreten werden, die Pfarrer, Lehrer und Schüler mussten innerhalb von 15 Tagen die Stadt verlassen. Auch die sechs evangelischen Stadtdörfer verloren ihre Pfarrer und Lehrer. Allerdings gelang es dem bisherigen Stadtrichter Johann Serpilius, einen Vertrag mit dem königlichen Fiskus zu schließen. Kein Ödenburger Bürger sollte gezwungen werden, zur römisch – katholischen Kirche überzutreten. Die öffentliche Religionsausübung wurde in der Stadt nicht zur Gänze untersagt. Die Evangelischen durften zwei Prediger behalten, ebenso ihre Stiftungen und testamentarischen Zuwendungen. Die Gottesdienste mussten zunächst in Privathäusern abgehalten werden. Der Besuch der Gottesdienste im Eggenberghaus wurde den Bürgern erlaubt. Die Pfarrer Sowitsch und Barth predigten – schon wenige Tage nach der Wegnahme der Kirchen - im Lacknerischen Haus. Das Gebäude des evangelischen Gymnasiums in der Langen Zeile blieb im Besitz der Evangelischen, der Unterricht war aber untersagt. Am 28. Feber 1674 wurden die Kirchen an die hochrangige Delegation – Thomas Pállfy, Bischof zu Neutra und Kanzler Ungarns, Kollonics, Bischof von Wr. Neustadt und Kammerpräsident, und Szécheny, Bischof von Raab, in Anwesenheit von Esterházy mit seiner Gemahlin Ursula, Graf Johann Kéry und anderen übergeben. Die Kirchen wurden neu geweiht. Der abgesetzte Pfarrer Heinrich Trost wurde bei einer Trauung in Agendorf verhaftet. Mit Hilfe eines Kaufmannes gelang ihm die Flucht nach Wr. Neustadt. Er kehrte in seine Heimatstadt Jena zurück. 1675 hielt er vor dem Kurfürsten Bernhard von Sachsen einen Vortrag über die Evangelischen in Ungarn. 1680 starb er als Pfarrer von Beutnitz. Rektor Daniel Tieftrunk und Korektor Johann Kövesdy, Sohn des evangelischen Pfarrers, wurden in Preßburg verurteilt und auf die Galeeren nach Neapel verschleppt.Über sieben Wochen wurde im Lacknerschen Haus gepredigt.1675 wurde bereits eine hölzerne Notkirche errichtet. Die beiden Pfarrer wurden dann allerdings für ein halbes Jahr nach Eisenstadt verbannt. Auch der Konvent bestand weiterhin, als eine gewissermaßen staatlich anerkannte Körperschaft öffentlichen Rechtes. Diese Zugeständnisse waren im damaligen Ungarn einzigartig. Zu verdanken hatte man dieses „Entgegenkommen“ vor allem der Fürsprache der preußischen, sächsischen, dänischen und niederländischen Gesandtschaft, die keine Möglichkeit hatten, in Wien evangelische Gottesdienste zu besuchen. Ganz besonders wichtig aber war die Rolle der Fürstin Eggenberg, der Witwe des österreichischen Marschalls Fürst Johann Anton Eggenberg, eine Tochter des Markgrafen Christian von Bayreuth.Anna Maria Eggenberg hatte vor ihrer Eheschließung von Ferdinand II. die volle Glaubensfreiheit zugesichert bekommen. Sie hatte im Zuge der Gegenreformation Graz verlassen müssen und in Ödenburg ein Haus erworben, wohin sie mit ihrem gesamten Hofstaat 1671 übersiedelte. Sie stellte Matthias Lang als Hofprediger an. Im Hof ihres Hauses in der Georgengasse fanden ebenfalls Gottesdienste statt. Lang, zuvor Diakon in Wittenberg und Magister der Theologie, war von 1674 an über sechs Jahre Hofprediger. Er predigte von der Steinkanzel im Eggenberg-Haus in der Georgsgasse. Ein neuer evangelischer Friedhof wurde hinter dem Gymnasium angelegt. Eine weitere Schikane war die Verbannung der beiden evangelischen Prediger Barth und Sowitsch nach Eisenstadt, das inzwischen längst wieder katholisiert war. Dagegen gab es aber einen Proteststurm der evangelischen Gesandten in Wien, an der Spitze der schwedische Gesandte Graf Benedikt Oxenstierna. Schließlich wurde den beiden Pfarrern zu Ostern 1675 die Rückkehr nach Ödenburg erlaubt, nicht jedoch die Benützung der evangelischen Notkirche. Erst am 20. Dezember 1675 wurde die Holzkirche wieder freigegeben. 1676 brannte während des großen Stadtbrandes auch die evangelische Kirche ab. Die Opferbereitschaft der Bürger, aber auch des Exulantenadels in der Stadt und aus den evangelischen Ländern war aber groß und so konnte schon zu Ostern 1677 wieder ein neues, ebenfalls aus Holz gebautes Gotteshaus eröffnet werden. Matthias Lang war zu seiner Zeit der bedeutendste theologische Schriftsteller in ganz Ungarn. Unter seinen Schriften sind vor allem die „zwölf Schlussreden wider Jodokus Kedd“ zu nennen. Kedd war ein Wiener Jesuit, der öfters in Ödenburg predigte und den „Christlichen Herzensführer“ herausgab. In seinen Schriften legte Lang klar die evangelische Sakramentslehre und den evangelischen Kirchenbegriff dar und trat so dem Vorwurf der Ketzerei entgegen. Um 1670 verfasste Lang ein Ödenburger Gesang- und Gebetbuch. Nach dem Tod der Fürstin Eggenberg sollte Lang ins Exil gehen, starb aber am Tag seiner erzwungenen Abreise. Konflikte mit den Katholiken wurden weitgehend vermieden, der Konvent verbot Predigern und Lehrern Gespräche mit den Jesuiten. Ein weiterer herausragender Prediger in Ödenburg war Johann Konrad Barth. 1634 wurde er in Lampertheim im Elsass geboren, sein Vater war Pfarrer in der Nähe von Straßburg. Über Wittenberg und Rostock kam er nach Helsingör und an den Hof des dänischen Königs Friedrich III. 1663 wurde er Gesandtschaftsprediger des dänischen Gesandten Andreas Lilienkron in Wien, wo er nur sehr eingeschränkt wirken konnte. Die evangelische Gemeinde in Wien wurde damals stark bedrängt. 1665 wurde er als Pfarrer nach Ödenburg berufen. Dort heiratete er die Tochter des angesehenen Rates Ludwig Ägidius Prisoman. Sein Sohn Johann Konrad studierte in Regensburg und Jena Rechtswissenschaft und ließ sich in Ödenburg nieder, wo er 1702 verstarb. Pfarrer Barth war auch literarisch tätig und konnte immer wieder die Hilfe ausländischer Gesandter für das evangelische Ödenburg mobilisieren.. Trotz der Schließung aller Schulen konnte das evangelische Bildungswesen nicht vernichtet werden. Die Bürgerfamilien stellten Hauslehrer an, obwohl die Jesuiten mit schweren Strafen drohten. Und auch an den evangelischen Universitäten studierten weiterhin zahlreiche Söhne der Stadt, allein in den Jahren von 1675 bis 1681 11 in Wittenberg, 11 in Jena, 2 in Tübingen und einer in Bayreuth. Die Schikanen gegen die Evangelischen gingen weiter. Der Rat musste zugunsten der Katholiken verändert werden, per Erlass wurde ein Bürgermeister eingesetzt, der weder ein Haus in der Stadt besaß noch Bürger war (der Steuereinnehmer Peter Tallian). 1681 bestand der Rat aus 9 Katholiken und 5 Evangelischen. Alle Funktionen wurden mit wie etwa der Stadtkommandant bis hin zu den Torwächtern wurden mit Katholiken besetzt. Der frühere Bürgermeister Natl musste sogar aus dem Stadtrat weichen und wurde durch den Ungarn Martin Csémy, der weder lesen noch schreiben oder rechnen konnte, ersetzt. Königliche Erlässe sollten die Handwerker zwingen, an den katholischen Prozessionen teilzunehmen. Das konnte aber verhindert werden.

 

Die Stadtdörfer

Es sollte aber in dem Jahrhundert bis zum Toleranzpatent nicht gelingen, die Bevölkerung der deutsch-evangelischen Dörfer Ödenburgs wieder für den Katholizismus zurück zu gewinnen, obwohl in dieser Zeit nur katholische Pfarrer und Lehrer wirkten. Die katholischen Pfarrer mussten immer wieder feststellen, dass in den Familien weiterhin die lutherischen Lieder gesungen wurden und Hausandachten abgehalten wurden. Nach der Resolutio Leopoldina blieben sämtliche Pfarrämter und Schulen der Stadtgemeinden im Besitz der katholischen Kirche. Die offiziellen kirchlichen Handlungen – Taufen, Eheschließungen, Begräbnisse – nahmen die katholischen Pfarrer vor. Die Kinder wurden zu den katholischen Lehrern in die Schule geschickt. Katholischer Pfarrer in Loipersbach, bald darauf in Agendorf mit Loipersbach als Filiale, war von 1674 bis 1684 Stefan Rosenitsch, 1684 bis 1694 Diviachich. Lehrer war ab 1695 der aus Wulkaprodersdorf stammende Michael Wild.1674 wurde in Loipersbach eine Kirchenvisitation durchgeführt. Im Protokoll heißt es: „Hic parochiani praeter unum sunt omnes haeretici et omnes germani …“. Schulmeister war Michael Major, offenbar der einzige erwähnte Katholik, ein Kroate, der zwar deutsch sprechen konnte, zu dem aber keine Kinder in den Unterricht kamen. Die Kirche, von den „Irrgläubigen zurück gewonnen“, war länglich und schmal, mit Schindeln gedeckt und hatte einen Holzturm mit einer nicht geweihten Glocke. Der Pfarrer besaß einen Weingarten mit 20 Tagwerk, 6 Joch Ackerland, eine Wiese mit 6 Tagwerk und drei Gärten, die alle die Gemeinde bearbeiten musste. Er bewohnte ein bequemes Pfarrhaus mit Keller, Scheune und Stall, das ebenfalls die Gemeinde erbauen und in Stand halten musste. Die evangelischen Gläubigen sträubten sich manchmal bei den Naturalabgaben oder Robotleistungen für die katholischen Pfarrer. Die Stadt versuchte die Abgaben zu regeln. Das Recht der Ortslehrer, Traubensaft einzusammeln, wurde durch eine Weinzuwendung abgelöst, auch die oft umstrittene Holzzustellung wurde einheitlich geregelt. Jeder Pfarrer erhielt 25 und jeder Lehrer 8 Klafter Holz jährlich. Nach dem großen Stadtbrand wurden auch die Stadtgemeinden zu höheren Abgaben verpflichtet. Diese protestierten schriftlich bei der Stadt. Preiner wies den Protest zurück mit der Begründung, dass die Bauern der Esterházy und Nadasdy noch weit höhere Lasten zu tragen hätten. Zerstörung der Dörfer durch die Tataren1677 übergab der Bischof von Raab Loipersbach an die Günser Jesuiten. Fünf Jahre später wurde der Ort dann von den Tataren vernichtet. Über die Jesuitenherrschaft wissen wir nichts. Es ist unbekannt, ob es eine Jesuitenmission gab. 1698 war das Dorf wieder im Besitz Ödenburgs.Die Überfälle der Tataren im Jahre 1683 trafen beide Orte schwer. Am 23. Juli wurde Agendorf, am 24. auch Loipersbach überfallen. Vermutlich war es im Falle von Loipersbach besonders verhängnisvoll, dass der Ort noch den Jesuiten gehörte. Das wussten die Verbündeten der Türken, die ungarischen Gefolgsleute Thökölys, natürlich. Aber auch die anderen Orte – auch wenn sie eine Salva Guardia hatten, fanden keine Gnade. Die Tataren kümmerten sich ja keinen Deut um diese.Die Visitationen 1696 und von 1713Aus der Zeit, in der Loipersbach eine Filiale der katholischen Gemeinde Agendorf war, haben wir Nachrichten in den Visitationsberichten der katholischen Kirche. 1696 fand eine solche Visitation statt. Sie stellte fest, dass die Kirche in Loipersbach noch immer zerstört war. Nur das Dach hatte man instand gesetzt. 1713 fand dann die nächste Visitation statt. Am 24. Juni kamen die Visitatoren nach Agendorf und Loipersbach. Katholischer Pfarrer war von 1713 bis 1726 Andreas Dorner. In Agendorf stellten sie fest, dass die Dorfkirche zu Ehren des Hl. Georg 3000 Schritt vom Dorf entfernt lag und in einem guten Zustand war. Die Kirche war innen von einem Holzchor umgeben. Der Kirchturm war nicht an das Kirchenschiff angebaut. In Loipersbach musste das Dorf erneut verpflichtet werden, die Kirche zu renovieren. Offenbar war seit 1696 nicht viel geschehen. Die evangelische Bevölkerung hatte anscheinend kein Interesse daran, die Kirche zu erneuern. In Loipersbach gab es laut Visitationsbericht noch immer zwei Kirchen, eine davon am Berg, die andere im Dorf. Zur Pfarre gehörten drei kleine Weingärten, 11 Joch Ackerfeld und drei Wiesen, Die im Dorf stehende Kirche wurde nach dem Bericht des Vistationsprotokolls um 1466 erbaut, 1633 unter dem evangelischen Prediger Schweiger vergrößert und 1683 von den Türken niedergebrannt. Der katholische Pfarrer in Agendorf bekam aus Loipersbach den Ertrag von einer Wiese, zwei Gärten und einem 16 Pfund großen Weingarten. Von der Kirche bekam er 24 Gulden. Die Visitatoren wollten die Hälfte davon der Gemeinde zusprechen. Der Agendorfer Pfarrer bekam 30 Metzen Getreide, von jedem Haus Holz und von jedem Kleinhäusel 20 Denare in bar. Auch in Loipersbach hatte er das Weinausschankrecht. Dorner wurde aber von den Visitatoren wegen des Loipersbacher Weinausschankes gerügt. Offenbar schenkte er zu viel Wein aus. Nach dem Vertrag von 1661 durfte er nur sieben Eimer zur Zeit der drei großen kirchlichen Festtage ausschenken. Dazu kamen natürlich auch noch die Stolagebühren. Lehrer waren in Agendorf 1713 Andreas Resch, später Matheus Schuster (1756 – 1785) und Oswald Freyler. In Loipersbach wirkte Georg Wagner, der aus Mattersburg stammte. Er bekam von jedem Lehensbauern ein Viertelmetzen Getreide und 12 Denare in bar, von den Kleinhäuslern die Hälfte. Er besaß eine Wiese, einen Garten und ein Joch Ackerland. Im Herbst hatte er das Recht, Traubensaft einzusammeln. Für das Zusammenschreiben der Bergmaut (des Bergrechtes) bekam er von der Stadt pro Jahr 12 Gulden. Auch an den Stolagebühren hatte er Anteil. Nach Wagner wurde Josef Fürsatz Lehrer in Loipersbach. Er genoss im Ort ein hohes Ansehen. Nach seinem Tod wurden sein Sohn Josef und 1780 sein Enkelsohn Lehrer in Loipersbach. Es waren 1713 44 Personen katholisch, von denen 27 die Osterbeichte vollzogen. Nach Dorner wurde Michael Weschitz Pfarrer. Er stammte aus Weppersdorf. Er ließ die beiden Kirchen in Agendorf und in Loipersbach instand setzen, die Loipersbacher Kirche im Jahre 1727. In der Visitation von 1734 wird er als glaubenseifriger Pfarrer geschildert. Bischof Groll berief ihn als Pfarrer nach Kroisbach. 1739 berief Bischof Groll auf Empfehlung des Stadtrates den bisherigen Stadtkaplan Michael Puckel nach Agendorf. Er kam jedoch mit den beiden evangelischen Gemeinden nicht zurecht. 1741 ging er als Stadtpfarrer nach Wieselburg. 1764 war Ignatz Kraczer Pfarrer in Agendorf – Loipersbach. Der geborene Ödenburger führte ein sehr liederliches Leben und vernachlässigte seine Gemeinde. Oberdekan Knoblauch führte drei Visitationen durch, Kraczer wurde seines Amtes enthoben, Anton Mayr als Administrator eingesetzt. Kraczer wollte aber nicht weichen. Auf Anraten des Loipersbacher Lehrers Josef Fürsatz machten die beiden Dörfer eine Eingabe beim Bischof und schilderten Kraczer als tyrannischen, zornigen, sittenlosen und liederlichen Pfarrherrn, der nicht einmal den Sterbenden Beistand leistete. Kraczer wurde daraufhin vom Bischof in sein Benefizium in Ödenburg zurück versetzt, wo er noch lange lebte. In seinem Testament vermachte er aber dann der Gemeinde Agendorf 600 Gulden. Damit sollte eine Kapelle am Ortseingang gebaut werden. Neuer Pfarrer wurde Anton Mayr, obwohl der Bischof seine Wahl zunächst für ungültig erklärt hatte, da an ihr auch evangelische Ratsherrn beteiligt waren. 1772 war die von Kraczer gestiftete Kapelle bereits fertig gestellt. Zur Zeit Mayrs missionierte ein Pater Wütt in beiden Gemeinden und gründete angeblich 26 kleine Kirchengruppen (Katechetengemeinschaften) mit insgesamt 390 Mitgliedern. Dies war damals in vielen Gemeinden üblich. Wenn die Zahlen stimmen hatte die katholische Mission offenbar doch einigen Erfolg auch in den evangelischen Gemeinden. Diese Kirchengruppen wurden jedoch 1787 durch Kaiser Josef II. aufgelöst. Mayr dürfte im Dorf positiv gewirkt haben. Zichy berief ihn deshalb zum Ödenburger Dekan. Die katholische KircheWie kann man sich nun das Leben der Protestanten in den über 100 Jahren, als sie wieder der katholischen Kirche unterstanden, vorstellen? Der katholische Pfarrer war für alle Amtshandlungen zuständig, also für Taufen, Begräbnisse und Trauungen. Er führte auch die Matrikeln, in der Muttergemeinde Agendorf auch für Loipersbach. Wer aus dieser Zeit also Informationen über seine Vorfahren haben will, muss im Agendorfer katholischen Kirchenbuch nachsehen.Die Bevölkerung zahlte für die katholische Kirche, den katholischen Priester, bearbeitete dessen Felder in Robot und lieferte für die Amtshandlungen Stolgebühren ab. Die gemeinsamen Feiertage wurden natürlich abgehalten, an Fronleichnamsprozessionen wird sich die Bevölkerung kaum beteiligt haben. Auch den katholischen Lehrer musste man akzeptieren und bezahlen. Das es auch in dieser Zeit in Loipersbach eine Schule gab ist gewiss. Vermutlich wurde die Schule noch immer im Gemeindehaus abgehalten. Wie das Verhältnis der Bevölkerung zum Pfarrer und Lehrer war hing wohl in erster Linie von deren Persönlichkeit ab und von deren Bereitschaft, das „Ketzertum“ der Evangelischen bis zu einem gewissen Grad zu akzeptieren. Die klügeren Pfarrer fanden sich damit ab und hatten so ein leidlich gutes Verhältnis zu den Bewohnern, vielleicht sogar auch einigen Erfolg bei der Rückgewinnung einzelner Familien für die katholische Kirche. Diejenigen aber, die glaubten, „durchgreifen“ zu müssen oder diejenigen die ihr Amt nicht gewissenhaft versahen, hatten kein leichtes Leben und verließen die Orte schon bald wieder. Erstaunlich ist, dass die Mehrzahl der Bewohner letzten Endes evangelisch blieb, wie man 1781, nach dem Toleranzpatent mit einigem Erstaunen feststellte. Mehrere Faktoren trugen dazu bei: in erster Linie war es die Nähe zu Ödenburg, die den Loipersbachern immer wieder ermöglichte, an den dortigen Gottesdiensten teilzunehmen – zuerst im Hause Lackners, für einige Jahre im Hof des Eggenberg-Hauses, wo der Hofprediger der Fürstin wirkte, und dann im hölzernen Bethaus in der Kirchengasse. Wir wissen aus verschiednen Berichten, dass diese Predigtstätten an Sonntagen und großen Feiertagen völlig überfüllt waren, weil auch die Menschen aus den Stadtdörfern kamen. Dies war zwar zeitweise verboten, konnte aber auf Dauer nicht verhindert werden. Nach dem großen Stadtbrand wurde das Bethaus durch einen steinernen Bau ersetzt. In der Kirche selbst fanden die Auswärtigen freilich keinen Platz, sie mussten vor den Kirchentoren stehend am Gottesdienst teilnehmen – die „nassen“ Lutheraner wurden sie voller Schadenfreude von einigen Katholiken genannt. Selbstverständlich trugen sie durch Spenden auch am Kirchenbau und Unterhalt der Pfarrer bei. Die Evangelischen zahlten also doppelt. Ein weiterer Faktor für das Fortbestehen des Luthertums in unserer Gemeinde waren die Hausandachten – von einigen angesehenen Gemeindemitgliedern abgehalten – das Lesen von Gebetbüchern und der Bibel, und das Singen geistlicher Lieder. Ob es gelegentlich auch heimlich Besuche von evangelischen Pfarrern gab wissen wir nicht. Es ist dies aber anzunehmen. Im Dorf selbst gab es die nunmehr wieder katholische Kirche, in der auch Taufen und Hochzeiten stattfanden. Die 1727 gebaute oder renovierte Kirche – nach vielen Jahren des Verfalls - ist nicht die heutige katholische Kirche. Sie stand aber wahrscheinlich am heutigen Platz. Sie wurde am 1795 durch eine schwere Überschwemmung, die das ganze Dorf traf, angeblich total zerstört. Die heutige Kirche wurde 1797 erbaut, also schon in einer Zeit, als das Dorf wieder weitgehend evangelisch geworden war. Aus dieser Zeit (1798) stammt auch das wertvolle Altarbild – Abschied der Apostel Petrus und Paulus – von Stefan Dorfmeister. Nach ihrem Wiederaufbau fiel sie dem großen Dorfbrand zum Opfer. Altar, Kanzel, Orgel, die um 1800 gebaut wurde, und die schönen Kirchenbänke aus der Entstehungszeit blieben aber erhalten. Der Turm wurde erneuert.


Zwischen Duldung und Repression


Der Landtag von 1681 in Ödenburg – Artikularkirchen

Die Erfolge des aufständischen Tököly erzwangen die Einberufung des Landtages nach Ödenburg, der in Anwesenheit Kaiser Leopolds abgehalten wurde. Den evangelischen Ständen wurde gnädig erlaubt, ihre Beschwerden schriftlich vorzubringen. Auch Loipersbach fand dabei an prominenter Stelle Erwähnung. Während des Landtages wurden auch Feste gefeiert, etwa anlässlich der Wahl Esterhazys zum Palatin, am Namenstag Leopolds und anlässlich der Krönung seiner Gemahlin Eleonore zur Königin von Ungarn. Auf dem Ödenburger Landtag von 1681 wurde die Religionsausübung der Evangelischen auf die „Artikularorte“ beschränkt, im Komitat Ödenburg auf Nemeskér, im Komitat Eisenburg auf Nemescsó. Ödenburg behielt seine Sonderstellung wie bisher. Die beiden Prediger Lang und Sowitsch durften aber nicht in die Stadtdörfer gehen. 1683 Huldigung für Thököly1683 musste die Stadt wie die meisten anderen in Westungarn den Türken bzw. deren Gefolgsmann Thököly huldigen. Den Evangelischen wurden die Kirchen zurückgegeben, Sowitsch hielt in der Michaelerkirche den Dankgottesdienst. Die Kommissare Thökölys wiesen die Jesuiten aus der Stadt aus, ihre Häuser wurden vom Pöbel geplündert. Nach der Niederlage der Türken vor Wien erhielt die Stadt Pardon. Die Jesuiten kehrten zurück und verlangten von der Stadt nahezu 5000 Gulden Schadenersatz. 1684 kam wieder Kollonitsch in die Stadt und verlangte die bisherige Wahlordnung. Serpilius und Leopold Nätl widersprachen. 1691 wurde in Gegenwart von zwei kaiserlichen Kommissaren eine Vereinbarung geschlossen. Der Rat sollte je zur Hälfte aus Katholiken und Evangelischen bestehen, Bürgermeister- und Richteramt sollten jährlich zwischen den beiden Konfessionen wechseln. Diese Vereinbarung hielt bis in das 20. Jahrhundert. Die Zugeständnisse des Ödenburger Landtages wurden 1687 wieder durch die Explanatio Leopoldina eingeschränkt. Die Resolutio Leopoldiana von 1687 verschärfte die Bedingungen für die Evangelischen. Der evangelische Superintendent durfte die Gemeinden zwar besuchen, dort aber keinen Einfluss nehmen. Visitationen führte ausschließlich der katholische Oberdekan durch. Mischehen waren nur dann gestattet, wenn sie vom katholischen Pfarrer vollzogen wurden. Die Duldung der Evangelischen wurde von der Gnade des Herrschers abhängig gemacht, konnte also jederzeit wieder zurückgenommen werden. Trotz vieler Maßnahmen gegen die Evangelischen hielt die Stadt im Rakoczi – Aufstand treu zum habsburgischen Königshaus und überstand eine schwere Belagerung, mit Beschießung der Stadt zu Weihnachten 1705 und am 2. Jänner 1706. Es waren die Ödenburger Bürger, die durchhielten. Der kaiserliche Oberst Weitersheim wollte die Stadt übergeben. Die Belagerung war aber ein schwerer Schlag für die Stadt, deren Wohlstand weitgehend vernichtet wurde. Es blieb ein riesiger Schuldenstand und auch die Einwohnerzahl ging stark zurück. 1715 hatte die Stadt nur mehr 5472 Einwohner. Probleme bereiteten weitere Erlässe und Dekrete gegen die Evangelischen, etwa 1728 der Dekretaleid, der vorsah, dass alle Beamten auf die Hl. Maria und alle Heiligen zu schwören hatten. Das hätte einen Ausschluss aller Evangelischen von allen städtischen und staatlichen Ämtern bedeutet. Ödenburg konnte aber, wie Pressburg und einige wenige andere Städte, eine Befreiung vom Dekretaleid erwirken. Die Zünfte wurden ebenfalls der Kontrolle der katholischen Kirche unterstellt. 1700 wurde durch Johann Paul Greiner, königlich Ödenburger Postmeister, Stadtrat und Zunftmeister, das Vermögen der Zünfte erfasst. Die Zünfte besaßen 730 Pfund Weingärten. Im Auftrag des Bischofs Szechenyi musste das gesamte Vermögen der Zünfte an die Kirche übergeben und die Zunfttruhen in der Michaelerkirche deponiert werden. Sämtliche Rechnungen mussten dem Stadtpfarrer vorgelegt werden. Auf Bischof Leopold Kollonitsch folgte Christian August als Bischof. Er war ein Konvertit aus dem sächsischen Kurfürstenhaus. Anders als Kollonitsch setzte er nicht auf Gewalt, sondern auf die Mission durch Jesuiten und Franziskaner. Eine massive Rekatholisierungswelle fand unter den Pfarrern Andreas Matuschek und Stefan Kontor statt. Ein kaiserlich königlicher Revers verbot Mischehen generell. Der evangelische Partner musste zuvor zur katholischen Kirche übertreten, die Kinder mussten katholisch erzogen werden. Vorkämpfer dieser Katholisierungsbemühungen waren der Jurist Mathias Trimel und Paul Johann Greiner. 1713 nahm Bischof Christian August eine Visitation vor, in der Stadt und auch in den Dörfern. Er verweigerte den Evangelischen die Rückgabe ihrer Bibliothek und forderte von ihnen Geld für die Renovierung der Michaelerkirche. 1725 starb Christian August, Bischof wurde der 27 – jährige Ludwig Philipp Graf zu Sinzendorf, der die Grundlage für die Ansiedlung der Ursulinerinnen in der Stadt legte, und nach ihm Adolf Groll. Dieser verbot die Ansiedlung evangelischer Deutscher. Die Stadt wurde gezwungen, ungarische Ansiedler katholischen Glaubens aufzunehmen. Unter Bischof Zichy und Stadtpfarrer PrimesStadtpfarrer Lorenz Hauser, ein gebürtiger Kroisbacher, brachte die Kirchengüter in Ordnung. Wenn er betrunken war, war er sehr jähzornig und wurde handgreiflich. Zichy war von 1743 bis 1783 Bischof von Raab. Unter dem neuen Stadtpfarrer Primes, einem gebürtigen Neckenmarkter, gab es bald massive Probleme. 1746 wollte ein außerhalb des Stadttores wohnhafter Gärtner heiraten. Primes verbot die Trauung. Auch in der Affäre Wimmersberg zeigte er sich unnachgiebig. Die Eltern stammten angeblich aus Loipersbach und waren evangelisch. Da sie vor der Ehe ein „sündiges Verhältnis“ hatten, wurden sie nur getraut, weil sie versprachen, ihre Kinder katholisch taufen zu lassen. Der katholische Pfarrer in Agendorf kümmerte sich aber nicht um die Angelegenheit und so wurden die Kinder evangelisch erzogen. Als Primes 1754 Dekan wurde griff er die Angelegenheit wieder auf, die Kinder mussten zur „Glaubenserziehung“ nach Ödenburg kommen. Von der Kanzel verkündete Primes, dass jedes Waisenkind der „katholischen Kirche gehört“, musste dies aber auf Anordnung Maria Theresias zurücknehmen. Primes konnte sich in einer anderen, sehr heftig umstrittenen Frage nicht durchsetzen. Er schaffte es nicht, die evangelischen Zünfte mit ihren Fahnen und Uniformen zur Teilnahme an den Fronleichnamsprozessionen zu zwingen. Eine in Ödenburg ansässige Druckerei musste freilich alle Schriften, die gedruckt wurden, dem Stadtpfarrer zur Zensur vorlegen. Gegen den Bau des neuen Theaters am Platz der ehemaligen Ochsenmühle hatte Primes nichts einzuwenden. Als aber Dorfmeister das Theater mit „Lustfiguren“ ausmalte protestierte er heftig. Konflikte gab es vor allem um die Taufe der Kinder aus Mischehen. Der katholische Stadtpfarrer Primes bestand grundsätzlich auf eine katholische Taufe. Auch alle Waisen, auch diejenigen aus evangelischen Familien, wurden von der katholischen Kirche in Anspruch genommen und im vom k. k. Kommissar Karl Voß gestifteten Waisenhaus katholisch erzogen. Bekehrungsversuche der Jesuiten im großen Stil blieben erfolglos. Verboten wurde die Zuwanderung aus dem Reichsgebiet. Die Stadt ermöglichte daraufhin verstärkt die Zuwanderung aus den deutschen evangelischen Gemeinden Westungarns. Die Auslandsstudien wurden eingeschränkt. Die Behörden verlangten ab 1725 Pässe. Zeitweise waren die Auslandsstudien verboten (1756-59, 1763-66). In Ödenburg standen große Stiftungen für Auslandsstudien zur Verfügung, 1764 etwa 28 000 Goldgulden. Durch die Resolutio Carolina wurden die evangelischen Pfarrer unter die Oberhoheit der katholischen Bischöfe gestellt. Der Bischof durfte die Führung der Matrikelbücher überprüfen und eine „Prüfung“ des evangelischen Pfarrers zur Taufe durchführen. In der Resolutio Carolina II von 1734 wurde die Errichtung von vier Superintendenturen angeordnet. Pfarrer Samuel Serpilius wurde zum Superintendenten gewählt, der Ödenburger Konvent untersagte ihm aber die Annahme dieses Amtes. Ab 1735 fanden Generalkonvente statt, die je einen Generalinspektor für Kirchen- und Schulangelegenheiten wählten. Gemeinden, Seniorate und Kirchendistrikte bekamen Inspektoren als weltliche „Schutzherren“. Pressburg und Ödenburg wollten sich dieser Neuorganisation nicht einfügen. Ödenburg beharrte darauf, seine Religionsangelegenheiten direkt beim König vortragen zu dürfen und kam so in Konflikt mit dem Distriktualinspektor Paul Matkovitsch. In der Frage des Umbaues des Schulwesens im Gefolge der Maria Theresianischen Schulgesetzte, der hohe Kosten verursachte, musste sich die Stadt aber doch dem Generalkonvent anschließen. Die Konflikte zwischen städtischer Kirchengemeinde und Distrikt gingen auch noch nach dem Toleranzedikt weiter. 1786 wurde der Kirchenkreis jenseits der Donau neu aufgeteilt. Es wurde das Oberödenburger Deutsche Seniorat geschaffen, Ödenburg selbst und Rust blieben aber selbständige Stadtseniorate. Dadurch verlor der Ödenburger Konvent die Zuständigkeit für die Stadtgemeinden. Der Konflikt wurde zunächst so gelöst, dass Samuel Gamauf Senior der Stadt und der Stadtgemeinden wurde. Da aber Superintendent und Superintendentialinspektor auf ihr Visitationsrecht über die Stadt bestanden beantragte 1786 der Ödenburger Konvent am kaiserlichen Hof die Bildung einer deutschen Superintendentur. Der Antrag wurde nicht genehmigt. 1796 wollte Superintendent Hrabovsky das Gymnasium, das 1782 zu einer theologisch – philosophischen Akademie ausgebaut worden war, visitieren. Er wurde aus der Schule verwiesen. 1812 kam es zu einer Vereinbarung mit dem Generalkonvent. Ödenburg wurde die Autonomie innerhalb des Kirchenkreises zugesichert und blieb ein Stadtseniorat. Der Konvent hatte nicht nur Probleme mit dem Kirchendistrikt. Auch innerhalb der Stadt kam es zu Konflikten, hauptsächlich zwischen dem Konvent und der Leitung des Gymnasiums, die immer mehr die Ideen der Aufklärung in das Unterrichtsgeschehen aufnahm. Den lutherisch – orthodoxen Kreisen passte das nicht. Der langjährige und äußerst verdienstvolle Rektor Christof Deccard wurde wegen eines kritischen Artikels entlassen. Daniel Haynóczy wurde vom Konvent heftig kritisiert und verstarb, im Streit zwischen Pfarrer Oertel und dem Professor Ribini wurde letzterer kurzerhand entlassen. Unzufriedenheit herrschte in weiten Kreisen der Bürgerschaft über die Dominanz weniger Patrizierfamilien im Konvent. Auch der Adel und wohlhabende Bürger verlangten mehr Mitbestimmungsrechte. 1796 musste der Konvent erweitert werden. Zu den bisher acht Mitgliedern mussten nun auf Vorschlag der vier Stadtviertel weitere 24 Mitglieder aufgenommen werden. Im Konvent wurden Ausschüsse gebildet, die sich den einzelnen Aufgabenbereichen widmeten.
Der Kampf um die kirchliche Autonomie Ödenburgs ging weiter, da der Kirchendistrikt immer wieder das Visitationsrecht über das Gymnasium forderte. Ein Ausweg war, dass der Ödenburger Pfarrer Johann Kis zum Superintendenten gewählt wurde, Theophil Gamauf war Senior. 1846 starb Kis, Ödenburg sah damit das Visitationsrecht des Distrikts für verfallen an. In diesen Streitigkeiten um die Autonomie ging es immer mehr auch um nationale Fragen. Der Kirchendistrikt war magyarisch dominiert, der Stadtkonvent deutsch. Nach Gamaufs Tod etwa setzte der Distrikt durch, dass anstatt der lateinischen Sprache in der Matrikelführung die ungarische eingeführt wurde. Und es ging vor allem auch um die Unterrichtssprache am Gymnasium. Im Revolutionsjahr 1848 eskalierte dann die nationale Frage. Die deutsch – evangelische Gemeinde verlor schließlich ihre Schule an das Magyarentum.

 

Zusammenfassung

Über 110 Jahre gab es also keine evangelische Gemeinde und keine Kirche in Loipersbach. Das Dorf gehörte zur katholischen Gemeinde Agendorf, der katholische Pfarrer nahm alle kirchlichen Handlungen vor, also Taufen, Begräbnisse und auch Hochzeiten. Die Evangelischen hatten nur die Möglichkeit, Privatandachten zu halten, wobei es aber streng verboten war, dass auch neben der engeren Familie auch andere Personen – etwa Nachbarn und Verwandte – teilnahmen. Wollten sie an einem evangelischen Gottesdienst teilnehmen, mussten sie den weiten Weg nach Nemeskér zurücklegen. Die Loipersbacher konnten die viel näher gelegene evangelische Kirche in Ödenburg besuchen.

 

Das Toleranzpatent

Es gab einige Vorboten des neuen Geistes der Aufklärung und der Toleranz. 1773 wurde der Jesuitenorden aufgelöst. Natürlich wurde das Toleranzpatent auch in der Gemeinde Loipersbach mit großer Freude begrüßt. Es bot nun die Möglichkeit, eine evangelische Kirchengemeinde zu gründen und eine evangelische Kirche zu bauen. Noch gab es aber viele Widerstände und für den Kirchenbau viele Einschränkungen. Die Komitatsbehörden waren keineswegs bereit, den Edikten des Reformkaisers nachzukommen. Sie machten Schwierigkeiten, wo sie nur konnten. Die Gründung einer Kirchengemeinde sollte erlaubt werden, wenn es mindestens 100 Familien verlangten. In Agendorf lebten damals etwa 900, in Wandorf 600 und in Loipersbach etwa 450 Evangelische. Die erste Bedingung war also vollauf erfüllt. Nach der Zählung von 1816 waren in Agendorf 914, in Wandorf 624 und in Loipersbach 464, in Brennberg 14 Personen evangelisch. Die Evangelischen der drei Gemeinden beschlossen die Gründung einer Kirchengemeinde. Das Komitat, das entsprechende Untersuchungen vornahm, aber untersagte dies. Daraufhin wandte eine vom Kircheninspektor verfasste Petition Anfang 1783 direkt an den König. In ihr wurden die Argumente des Komitates Punkt für Punkt widerlegt. Das Hauptargument des Komitates war, dass die Agendorfer ohnedies das Bethaus in Ödenburg besuchen konnten, da dies weniger als eine Stunde entfernt lag. Dem wurde widersprochen und auf die Beschwerlichkeit des Weges vor allem im Winter hingewiesen. Man berief sich auch auf den noch viel weiteren Weg, den die Loiperbacher zurückzulegen hatten. Auch die wirtschaftliche Belastung wurde geltend gemacht und darauf hingewiesen, dass die Ödenburger Kirche zu klein sei. Dem Bittgesuch wurde in kürzester Zeit stattgegeben. Am 1. August 1783 wurde vom Komitat ein königliches Mandat veröffentlicht, in dem die Genehmigung erteilt wurde. Aber selbst jetzt noch weigerte sich das Komitat, nachzugeben, mit der Begründung, dass ja nur eine einzige Filiale, nämlich Loipersbach, weiter als eine Stunde von Ödenburg entfernt läge. Die Agendorfer reagierten sofort und entsandten eine Delegation, den Fleischhackermeister Johann Kann und Paul Wödl, mit einer neuen Bittschrift nach Preßburg. Am 11. August kam eine neuerliche königliche Resolution und am 6. September 1783 musste die General – Komitatskongregation diese publizieren. Noch am selben Tag, den 6. September, holten Kann und Wödl den schon vorläufig berufenen Pfarrer Matthias Harnwolf bei seinem Schwager Matthias Schädl in Ödenburg ab, händigten ihm die Berufungsurkunde aus und brachten ihn nach Agendorf. Harnwolf war zuvor 8 Jahre lang Prediger in Nemes Dömölk, wo er die deutschen Predigten hielt. Harnwolf war gebürtiger Agendorfer. Noch am gleichen Tag wurde auch der Kantorlehrer berufen – der ebenfalls in Agendorf geborene Johann Ehnl. Harnwolf bekam 150 Gulden zugesagt, dazu eine freie bequeme Wohnung, das nötige Brennholz und Frucht- und Weinabgaben. Die Berufungsurkunde wurde von den Agendorfern Paul Wödl, Johann Kann, Matthias Wödl, Michael Böhm, Michael Gritsch, Matthias Eber, Andreas Feiler und Neuberger, von der Vertetern Wandorfs und aus Loipersbach von Andreas Hauer als Richter, Johann Hopf, Joseph Hauer, Michael Tschürtz und Thoma Amring unterschrieben.Am 7. September, also am Tag nach der Ankunft Harnwolfs, wurde der erste Gottesdienst im Garten des Matthias Neuberger, am Anfang der Straße nach Loipersbach, abgehalten. Daran nahmen auch viele Auswärtige teil, auch Vertreter des Ödenburger Magistrats. Harnwolf ließ bald seine Frau Katharina, eine geborene Ernst, und zwei Kinder sowie seine Besitzungen nach Agendorf holen. Die Pfarrersfamilie wohnte im Gemeinde-Offiziershaus, in dem bis 3. Juli 1785, bis zur Fertigstellung des Bethaus, auch Gottesdienst gehalten wurde. Der Bau des Bethauses erwies sich ebenfalls schwieriger als gedacht. Die junge Kirchengemeinde ersuchte die Grundherrschaft, die Stadt Ödenburg, um die Zuweisung eines Bauplatzes für Bethaus, Pfarrhaus und Schule. Am 6. Oktober kam eine Kommission der Stadt, die den Platz der Dorfschmiede für geeignet erklärte. Schon am 5. Dezember gab der Stadtrat seine Zustimmung. Der katholische Pfarrer und die katholischen Lehrer aber versuchten den Bau zu verhindern. Außerdem wollten sie, dass der Unterricht durch den evangelischen Kantorlehrer wieder eingestellt werde und die Glocken bei evangelischen Begräbnissen nicht mehr geläutet werden sollten. Sie brachten vor, dass das Bethaus und die Schule entgegen den Bestimmungen des Toleranzpatents „in der Gasse“, also nicht zurückversetzt erbaut werden sollten. Auch gegen das Ausstellen der Heiratskontrakte durch den evangelischen Lehrer brachten sie Einwände vor. Sie setzten sich zunächst voll durch. Am 14. Feber 1784 erschien der Vizestuhlrichter Stephan Illésy und verbot das Schulehalten, den Bau des Bethauses am vorgesehenen Platz, das Läuten der Glocken bei evangelischen Begräbnissen und das Ausstellen von Heiratskontrakten. Die Agendorfer wandten sich wieder an das königliche Konsilium. Am 4.Mai kam die Anordnung, dass der Bau des Bethauses nicht weiter behindert werden dürfe. So konnte am 13. Mai der Bau beginnen. Der Maurermeister war Georg Trost aus Ödenburg. Die Hilfs- und Spendenbereitschaft war groß. Die Gräfin Starhemberg zu Turnhof kaufte die Dachziegel. Den Altar kaufte der Kriegsart Striegel um 30 Gulden vom Karthäuser-Kloster auf dem Kahlenberg in Wien, die Fuhren und Handarbeiten wurden von den Evangelischen der drei Dörfer und von Helfern aus Ödenburg, Harkau, Wolfs und Mörbisch besorgt. Große Spenden kamen von Michael Harnwolff, dem Bruder des Pfarrers, aus Liegnitz in Schlesien, der auch die Abendmahlsgeräte spendete. Zwei Wandorfer bestellten in Wien die Orgel, die Kanzel wurde um 75 Gulden ebenfalls in Wien gekauft. Sie stand zuvor in der bürgerlichen Spitalskirche. Den Taufstein ließ der Ödenburger Schmiedemeister Matthias Proßwimmer, ein gebürtiger Agendorfer, aufstellen. Auch die Kircheninspektoren unterstützten den Bau. Kirchenvater war bis 1793 Paul Wödl, danach Georg Trinkl und Matthias Bernecker. Dem Presbyterium gehörten aus Loipersbach der Richter Andreas Hauer, Johann Hasch, Matthias Hauer und Andreas Kirchknopf. Von den Baukosten entfielen 1120 Gulden auf Agendorf, auf Wandorf und Loipersbach zusammen ebenso viel. Es musste trotz der Zahlungswilligkeit der Einwohner ein Kredit in der Höhe von 2850 Gulden aufgenommen werden. Dies war jedoch kein Problem, erbrachte doch der Klingelbeutel jährlich etwa 400 – 500 Gulden. Am 3. Juli 1785 konnte das Bethaus feierlich eingeweiht werden. Die Begräbnisse konnten nun zwar durch einen evangelischen Pfarrer erfolgen, jedoch ohne Sang und Klang, also ohne Glocken und Gesang. Am 2. März 1784 wurde das Glockengeläut bei evangelischen Begräbnissen eingestellt. Das war umso ärgerlicher, als ja auch die evangelische Bevölkerung zum Ankauf der Glocken beigetragen hatte. Am 4. Juni 1784 wurde daher eine Bittschrift eingereicht, die das Läuten bei Begräbnissen erbat. Eine Kommission erschien im Dorf, um die Angelegenheit zu untersuchen. Am 17. Jänner 1785 wurde schließlich durch eine königliche Resolution auch das Geläute bei evangelischen Begräbnissen angeordnet. Vorübergehend wurde das Geläut dann aber neuerlich verboten und das Problem durch einen neuen, detaillierten Erlass geregelt. In Loipersbach wurde am 16. September 1786 beim Begräbnis eines sechsjährigen Kindes erstmals wieder geläutet. 1787 wurde den Evangelischen schließlich der Bau von Kirchtürmen und Glockenstühlen gestattet. Agendorf ließ 1796 beim Bethaus einen Glockenstuhl aufstellen und bekam aus der Kirche eine Glocke, eine zweite Glocke wurde angekauft. Wann in Loipersbach ein Glockenstuhl aufgestellt wurde ist nicht bekannt, wahrscheinlich ebenfalls Ende der 1790er Jahre. Auch das Singen bei Begräbnissen wurde den Evangelischen mehrmals verboten, schließlich aber ebenfalls erlaubt. Bis Dezember 1789 war auch das neue Pfarrhaus fertig gestellt. Das „alte Pfarrhaus“ am Rasten wurde später verkauft. Im gleichen Jahr entstand das erste Schulhaus, neben dem Pfarrhaus. Mit der Errichtung einer Schule waren wieder Probleme verbunden. Ein königlicher Erlass sah nämlich „vermischte Schulen“ vor, und zwar aus Gründen der Nützlichkeit und Wirtschaftlichkeit. Auch in Agendorf wurde im Mai 1788 eine Schulvisitation durchgeführt und dabei der Versuch unternommen, eine gemeinsame Schule zu errichten. Die evangelische Gemeinde war damit nicht einverstanden. Eine Zählung der Schüler im September 1788 ergab 134 schulfähige Kinder bei den Evangelischen und 20 bei den Katholiken. Es ging natürlich auch um die Frage, was mit dem katholischen Lehrer geschehen sollte. Seine Anstellung als Hilfslehrer wurde von den Evangelischen ebenfalls zurückgewiesen und der Versuch, ihn als Notär fix anzustellen, scheiterte ebenfalls. Scholz äußert in seiner Kirchengeschichte die Vermutung, dass dem katholischen Lehrer die Vorbildung für seinen Beruf fehlte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Gemeinde die Entlohnung eines zweiten Lehrers vermeiden wollte. Bis 1791 mussten die Zahlungen an den katholischen Pfarrer und an den Schulmeister aber weiterhin geleistet werden. Erst damit fielen die beträchtlichen Leistungen an die katholische Kirche weg. Dies waren 1786 immerhin in Agendorf 355 Gulden, in Loipersbach nahezu 160 Gulden, die von den 508 Einwohnern, darunter 413 Evangelische und 95 Katholiken, aufzubringen waren. Dazu kamen noch Robotleistungen und Naturalabgaben. Die Gemeinde Loipersbach wählte am 12. Mai 1791 den ehrsamen Samuel Unger, Sohn des Adam Unger, zu ihrem Schulmeister und Notar. Dieser war damals Student am Ödenburger Lyceum, in der 5.Klasse. Am 13. Juni führte ihn Pfarrer Harnwolf als Schulmeister ein. Im Gemeindehaus unterrichtete er ab 14. Juni 45 Kinder. Aus der Bestellung des Wandorfer Lehrers Lux wissen wir, was von einem Schulmeister verlangt wurde: Täglich wurde der Unterricht mit einem Schulgebet angefangen, dem auch andere Leute beiwohnen konnten. Jeden Sonn- und Feiertag musste er am Nachmittag eine kurze Kinderlehr abhalten. Die Bezahlung war mager: 50 Gulden, dazu 10 Gulden für Gemeindeschreibereien, freie Wohnung und Brennholz sowie Naturalabgaben, dazu eine freiwillige Mostspende zur Zeit der Lese. Von jedem Schüler bekam er einen kleinen Geldbetrag. Zu seinen Aufgaben gehörten natürlich auch das Läuten der Glocken, das Singen mit den Schülern bei Begräbnissen usw. So wie auch der Pfarrer erhielt er bei allen kirchlichen Handlungen einen kleinen Betrag. Vom 1- Jänner 1788 an wurde die Taufstola durch einen Pauschalbetrag an den Pfarrer und Lehrer abgelöst. Die Verpflichtung, die Taufen dem katholischen Pfarrer zu melden, wurde aufgehoben, unter der Bedingung, dass die evangelischen Geistlichen entsprechende Taufmatrikeln führen. Pfarrer Harnwolf führte aber ohnedies schon seit 1783 die Matrikel. Ein Problem blieb bestehen: das der Begräbnisse ungetaufter neugeborener Kinder. 1789 kam es deshalb erstmals zu großer Aufregung. Ein totgeborenes Kind wurde von Harnwolf im Friedhof bestattet. Der katholische Pfarrer Gilsberth befahl dem Vater, es wieder auszugraben und außerhalb der Friedhofsmauer einzugraben. Auf die Weigerung des Vaters ließ der Pfarrer die Leiche ausgraben und außerhalb der Friedhofsmauer bestatten. Der Richter meldete den Vorfall der Grundherrschaft, die ihn an die Gespanschaft verwies. Diese erlaubte es nicht, den Sarg erneut auszugraben und im Friedhof zu bestatten. 1786 erfolgte die Einteilung des Kirchendistrikts jenseits der Donau in Seniorate. Unsere Gemeinden gehörten dem Oberen Ödenburger Seniorat an. Senior war Samuel Gamauf, Superintendent Samuel Hrabovsky. Am 10. Januar 1788 hielten sie zusammen mit dem Lokalkircheninspektor Josef von Prusinsky die erste Visitation ab. Vorsteher und Bewohner der drei Ortschaften wurden zusammen gerufen und alles in Ordnung befunden. Kirchenvater Paul Wödl legte dabei Rechnung. Durch die Entdeckung und dem Abbau der Brennberger Kohle kam es mehrmals zu hohem Besuch, 1797 etwa durch Kaiser Franz II. und auch durch Palatin Joseph. 1789 besuchten sechs kaiserliche Prinzen das Bergwerk, 1800 kam Erzherzog Ferdinand mit zwei Söhnen. Unter Pfarrer Kalchbrenner 1809-1819Am 12. Jänner 1810 fand die Wahl des neuen Pfarrers statt. Zu dieser Zeit hatte sich die Gemeinde bereits für den Pöttelsdorfer Pfarrer Kalchbrenner entschieden. Unter vier vorgeschlagenen Kanditaten wurde Kalchbrenner mit großer Mehrheit gewählt. Kalchbrenner wurde 1776 in Ödenburg geboren. Er besuchte das dortige Gymnasium und studierte anschließend in Jena. Er war zunächst Pfarrer in mehreren ungarischen Gemeinden und wurde dann nach Pöttelsdorf berufen. Bald folgten weitere Berufungen an größere Gemeinden (Ödenburg, Nemescsó u.a.), die er aber ablehnte. Kalchbrenner wurde ein Gehalt von 150 Gulden zugesichert, dazu die Naturalien (Wein, Weizen, Korn, Holz …) und die entsprechenden Stolgebühren. Diese waren in Loipersbach und Wandorf höher, „wenn keine Gelegenheit geschickt wird“. Der Pfarrer betrieb noch immer Landwirtschaft. Kalchbrenner erhielt Futter und Stroh für eine Kuh zugesichert. Später bekam er auch einen Kartoffelacker zugesprochen. Zusätzlich wünschte er sich einen Garten. Der gebürtige Ödenburger Kalchbrenner wird als begabt, vielseitig gebildet und überaus tätig geschildert.Besonders am Herzen lag Kalchbrenner das Schulwesen. Da es in den Filialgemeinden einige Klagen gab rief er schon bald die drei Lehrer zusammen und schärfte ihnen ihre Pflichten ein. In allen drei Gemeinden wurde eine Prüfung um Ostern eingeführt. In Loipersbach waren die Prüfungen am Sonntag nach Ostern. Danach begann der Konfirmationsunterricht. Kirchenvater war damals Matthias Bernecker. Der Preis für die Kirchenstühle wurde erhöht und eine feste Stuhlordnung eingeführt. Das Lehrergehalt wurde erheblich auf 80 Gulden erhöht, das Schulgeld pro Schüler verdoppelt. Schulmeister in Agendorf war Samuel Unger, geborener Agendorfer. Er heiratete die Witwe seines Vorgängers Ehnel. Unger war zuvor Lehrer in Loipersbach. Bemerkenswert ist, dass der Lehrer verpflichtet wurde, den Pfarrer bei dessen Abwesenheit zu vertreten und auch Gottesdienste zu halten. Ungers Nachfolger in Loipersbach wurde Georg von Horvath. Die Loipersbacher mussten auch einen Beitrag zum Gehalt des Agendorfer Lehrers leisten, weil der ja allein den Kantorendienst versah. Das haben sie offenbar nicht gerne getan, sei mussten ermahnt werden. Zahlen musste die Kirchengemeinde auch für das evangelische Gymnasium (1911 waren dies immerhin 300 Gulden), für das Alumneum wurden Naturalien geliefert. 1811 wurde ein anderes Gesangbuch, das „Neue Ödenburger Gesangbuch“, eingeführt (bis 1924). Kalchbrenner selbst gab „Leichengesänge“ heraus. In der „Kirchenzucht“ griff Kalchbrenner scharf durch. Im Neujahrsgottesdienst 1812 rügte er die Jugendlichen. Im vergangenen Jahr habe er mehr „Gefallene copuliert“ als in seiner ganzen Zeit als Pfarrer. Er drohte mit einer „dreifache Kirchenzucht“ gegen sie. Im Winter 1813 errichtete der Pfarrer für Burschen und junge Männer eine Abendschule – um sie in den langen Winterabenden von der die Unsittlichkeit befördernden Gesellschaft abzubringen. Lehrer Unger sollte die Schreib- und Lesefähigkeit aufbessern, es gab Vorträge aus der Physik, der Naturbeschreibung und der Ökonomie. Eine Schulbibliothek wurde gegründet und Bücher angekauft. Wir haben es hier mit einem sensationell frühen Versuch einer Erwachsenenbildungseinrichtung zu tun. Er selbst scheint an den Naturwissenschaften besonders interessiert gewesen zu sein und vermittelte diese Begeisterung auch an seinen noch in Pöttelsdorf geborenen Sohn Karl Kalchbrenner, der später zu einem der bedeutendsten Wissenschaftler in Ungarn werden sollte. Er leistete vor allem in der Pflanzengeographie viel und gilt als der Begründer der ungarischen Pilzkunde. Wiederholt wurde von anderen Gemeinden der Versuch unternommen, Pfarrer Kalchbrenner abzuwerben, etwa 1818 von Preßburg. Die Gemeinde erhöhte sein Gehalt beträchtlich und der blieb zunächst. Dann kamen drei Deputierte der deutschen Kirchengemeinde in Pest. Ihr Werben ignorierte Kalchbrenner, da sie eine Probepredigt verlangten. Kurz darauf erschien eine Delegation von 12 Männern aus Pest, deren Drängen er schließlich nachgab. Am 24. Oktober 1818 hielt er seine Abschiedspredigt. In Pest wirkte er bis 1834. Unter Pfarer Josef Gamauf 1819 bis 1847Weit länger als Kalchbrenner wirkte Josef Gamauf als Pfarrer. Er war gebürtiger Ödenburger und war zuvor in Ragendorf. Auch sein Vater Samuel Gamauf war Pfarrer in Ödenburg. Seine Frau Franziska, geb. Waltersdorfer, gebar von 1816 bis 1819 fünf Kinder. Der Abschied aus Ragendorf fiel ihm vermutlich leicht, da er über Jahre einen Kampf mit dem Lehrer Karl Palisch in der Filiale Deutsch Jahrndorf auszutragen hatte, der angeblich ein Säufer und Unruhestifter war. Er wurde 1772 geboren, war also bei seiner Berufung schon etwas älter. Bald genoss er wegen seiner Gewissenhaftigkeit hohes Ansehen und führte auch die Matriken akurat. Von seiner Frau wird berichtet, dass sie von kleiner Gestalt mit einer weißen Haube in die Kirche einzuziehen pflegte und sich die ganze Gemeinde von ihren Sitzen erhob. 1820 erhielten Kirche und Schule ein großes Legat von 1500 Gulden testamentarisch vermacht. Der Spender war ein Johann Michael von Scheller, ein gebürtiger Agendorfer, der als Spediteur in Wien reich geworden war. Offenbar wurde die Stiftung später für den Neubau des Bethauses verwendet. Das Toleranzgebethaus war inzwischen ziemlich baufällig geworden. Ein Einsturz des wurmstichigen Dachstuhls war zu befürchten. Am 7, Oktober 1827 wurde ein allgemeiner Kirchenkonvent abgehalten und dabei der Bau eines neuen Bethauses beschlossen. Die Realisierung ließ allerdings noch lange auf sich warten, denn die Spendenfreudigkeit war zwar in Agendorf groß, in den Filialgemeinden war man aber eher zurückhaltend. Es wurden die Verträge mit den Firmen abgeschlossen. Rechnungsführer waren die Kirchenväter, aus Loipersbach Andreas Grasl. 1834 wurde mit dem Bau begonnen. Am 27. September 1835 wurde die neue Kirche, mit neuem Altar, Kanzel und Orgel, von Superintendent Johann von Kis eingeweiht. Das Kirchweihfest wird seither immer am 29. September (Michaeli) gefeiert. Die Leistungen der Gemeinde waren beachtlich, zumal die wirtschaftliche Situation nicht besonders günstig war und 1832 die Cholera wütete und 156 Todesopfer zu beklagen waren, davon 35 in Loipersbach. Das Problem der viel zu kleinen Schule war schon lange virulent. Das Schulzimmer wurde Lehrer Unger übergeben und der Unterricht im Gemeindehaus bei der Kirche abgehalten. Dieses war zwar groß genug, aber feucht. So wurde 1842 der Beschluss gefasst, eine neue Schule mit Lehrerwohnung zu bauen. Sie wurde noch im gleichen Jahr fertig gestellt und eingeweiht (später „alte Schule“ genannt). 1798 bis 1800 wurde in Loipersbach eine Schule gebaut, mit einem Kostenaufwand von 691 Gulden. In Loipersbach wirkte Georg von Horvath als Lehrer. Während des Cholerajahres 1832 hielt er auch die Gottesdienste. In den von Pfarrer Gamauf geführten Aufzeichnungen steht vermerkt, dass in Loipersbach die Schüler auch nach Vollendung der Schulpflicht bis zu ihrem 14. Lebensjahr freiwillig die Schule besuchten. Ab 1829/39 musste in den Volksschulen auch die ungarische Sprache unterrichtet werden. Bei der ersten Schulprüfung sagten die Schüler auswendig gelerntes auf. 1834 ist dazu vermerkt: Die Loipersbacher Schüler beten das Vaterunser ungarisch und sagen auch einzelne Reime aus der Geographie auf. „…allein zu wünschen wäre es, dass sie das Auswendig gelernte auch verstehen möchten; was wohl nicht der Fall ist.“ Ab 1846 wurden die Eltern dringend aufgefordert, nach Beendigung der Volksschule die Kinder zu Ungarn „in den Tausch“ zu geben. Von Horvath erlebte als greiser Pfarrer noch den Neubau der Schule, die 1847 vom Superintendenten Hammerschmidt eingeweiht wurde. Zu dieser Zeit war aber bereits Ludwig Purt als Hilfskraft angestellt. Horvath starb erst 1866 im Alter von 89 Jahren.1847 starb Pfarrer Gamauf, in seinen letzten Lebensjahren auch Senior, nach langer Krankheit an einer Lungenentzündung. Schon seit 1833 war sein gleichnamiger Sohn als Kaplan tätig. Unter Pfarrer Karl Fleischhacker 1847 bis 1893Die ganze zweite Jahrhunderthälfte war Fleischhacker Pfarrer der drei Gemeinden und prägte deren Leben entscheidend. Am 21. März 1847 wählte ihn die ganze Gemeinde mehrheitlich zum Pfarrer. Nicht gewählt wurde Josef Gamauf, obwohl er schon viele Jahre als Kaplan gedient hatte. Fleischhacker war der Sohn eines Ödenburger Kürschnermeisters. Er besuchte das Ödenburger Lyceum, wo er bereits in der dort bestehenden „Deutschen Gesellschaft“ literarisch tätig war. Später sollte er sich bitter über die erfolgte Zwangsaufhebung dieses kulturell äußerst verdienstvollen Zusammenschlusses, der als Reaktion auf die Gründung einer Ungarischen Gesellschaft entstanden war, beklagen. Er studierte anschließend in Basel. Es ist zu vermuten, dass er von dort eher eine rationalistische Theologie mitbrachte, in einer Zeit, wo auch in Westungarn die pietistischen Einflüsse zunahmen. Aus Basel zurückgekehrt wurde er im April 1847 von Superintendent Matthäus Haubner ordiniert und am 2. Mai feierlich installiert. Fleischhacker hatte nicht nur eine „würdige Erscheinung“, er war auch gebildet und ein hervorragender Kanzelredner. Verheiratet war er mit Amalia Roth aus Güns. Das alte Pfarrhaus entsprach nicht mehr den Anforderungen, zumal der Pfarrer dort an Rheuma litt. So wurde der Bau eines neuen Pfarrhauses neben der Kirche beschlossen. Es wurde ein prächtiger Bau, kostete allerdings 7749 Gulden, eine hohe Summe, zu der die beiden Filialen je nur 1000 Gulden beisteuerten. 1857 wurde das Pfarrhaus gebaut. Pfarrer und Lehrer erhielten als Folge der stark gestiegenen Preise eine Gehaltsaufbesserung. 1862 regte der Pfarrer die Gründung eines Turmbaufonds an. Mit dem Bau sollte aber erst begonnen werden, wenn die Hälfte der voraussichtlichen Kosten beisammen wäre. Im März 1869 konnte mit der Aushebung des Fundaments begonnen werden. Der Turm wurde aufgemauert, aber erst im folgenden Jahr fertig gestellt. Im September 1870 wurde der Turm eingeweiht. Zuvor schon hatte man drei Glocken angeschafft. Eine Turmuhr wurde von Johann Holzhofer gespendet. 1850 starb der Lehrer Samuel Unger. Die Gemeinde Agendorf berief den Loipersbacher Lehrer Ludwig Purt als Nachfolger. Purt stammte aus Güns und war mit Josephine Hafenscher, Tochter des Mörbischer Langzeitlehrers Paul Hafenscher, verheiratet. 1864 gründete er den Männergesangverein „Liederstrauß“. Großes Ansehen erlangte Purt im Cholerajahr 1873. Pfarrer Fleischhacker erkrankte ebenfalls und Purt musste an seiner Stelle 47 Begräbnisse durchführen. Insgesamt starben in Agendorf 66 Menschen. Das größte Problem war die hohe Schülerzahl, für die die Schule längst nicht mehr ausreichte. Purt unterrichtete nahezu 200 Schüler, was natürlich nur mit äußerster „Strenge“ möglich war. Das neue Schulgesetz von 1866 schrieb eine maximale Schülerzahl von 70 vor. Man zögerte eine Entscheidung lange hinaus. In einer Presbyteriumssitzung vom August 1871 wurde der Bau einer zweiten Schule und die Anstellung eines zweiten Lehrers beschlossen. Der Kirchenkonvent nahm diese Entscheidung an. Der zweite Lehrer sollte 400 Gulden und als „Turnlehrer“ aus der Gemeindekasse weitere 100 Gulden erhalten. In der Schule sollte abwechselnd am Vor- und am Nachmittag unterrichtet werden. 1872 wurde der aus Agendorf stammende Michael Röh als zweiter Lehrer gewählt, der aber bald nach Wolfs ging. Es begann der Streit um die Lehrerbesoldung, der sich über viele Jahre hinzog und das Klima im Dorf vergiftete. Lehrer Purt nahm das gesamte Schulgeld und auch das Heizgeld für die Beheizung des Lehrzimmers in Anspruch. Ein zweiter Lehrer hätte für ihn de facto eine Kürzung bedeutet. Die wollte er aber nicht akzeptieren und war wohl auch mit seinen 10 Kindern, die er durchfüttern musste, darauf angewiesen. Nachdem der zweite Lehrer das Dorf verlassen hatte erklärte sich Purt bereit, wieder alle 200 Kinder allein und „mit Erfolg“ zu unterrichten. Sieben Jahre lang blieb es dabei, obwohl die Kirchen- und die Komitatsbehörden auf eine Besetzung der Zweiten Lehrstelle drängten. 1879 wurde der Mörbischer Friedrich Kappel angestellt. Der Streit um das Schulgeld brach sofort wieder aus. Purt war zu keinem Kompromiss bereit. Erst mit seinem Tod endete der Streit. Die per Gesetz 1882 angeordnete Wiederholungsschule – wöchentlich 5 Stunden für die 12 bis 15-jährigen Kinder – wurde nicht abgehalten, weil sich die Lehrer weigerten, diese ohne Bezahlung zu halten. Es blieb wie bisher bei der Sonntagsschule. Auch der bei Schülern und Eltern sehr beliebte Friedrich Kappel hielt es neben Purt nicht lange in Agendorf aus. Nach viereinhalb Jahren wurde er 1884 als Kantorlehrer nach Pöttelsdorf berufen. Als sein Nachfolger wurde der aus Güns stammende Samuel Weber gewählt. 1888 wurde der Bau der zweiten Schule mit Lehrerwohnung beschlossen, 1889 wurde sie eingeweiht. In Loipersbach wurde nach der Pensionierung Georgs von Horvath zunächst für kurze Zeit Ludwig Purt Lehrer, der aber bald nach Agendorf berufen wurde. Es folgte Franz Peter, 1826 in Eltendorf geboren. Er war längere Zeit in Buchschachen Lehrer und kam 1853 nach Loipersbach, wo er bis 1857 blieb. Während dieser Zeit starb anscheinend seine erste Frau Josepha, geborene Gruber. Er ging anschließend nach Allhau, wo er erneut heiratete. Als Lehrer war er nicht mehr tätig. Er besaß in Buchschachen eine Mühle und war Katasterbeamter und Postmeister in Allhau. Sein Nachfolger war der aus Schlesien stammende Karl Wilhelm Süßmann, der das Lehrerseminar in Oberschützen besuchte. In Oberschützen war er Probelehrer. 1857/58 war er Lehrer in Loipersbach und wurde dann nach Zurndorf als Kantorlehrer gewählt. Dort starb er – erst 37jährig, im Jahre 1866 an der Cholera. 1859 kam schließlich Johann Benedek als Lehrer nach Loipersbach und blieb es bis zu seiner Pensionierung 1903. In diesen 44 Jahren prägte er die Gemeinde entscheidend. Er war nicht nur als Lehrer anerkannt, als Ortsnotär prägte er auch das ganze Leben im Dorf, das sich nach dem Großbränden von 1870 und 1876 und der hohen Grundablöse von 1869 in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Situation befand. 1863 gründete er einen Schul- und Turmbaufonds. Aber erst 1888 konnte das Vorhaben mit Kosten von 15000 Gulden verwirklicht werden. Neben der Turmschule, der heutigen Kirche, die auch für Gottesdienste genutzt werden konnte, entstand eine sehr komfortable Lehrerwohnung. Bendek war auf vielen Gebieten tätig und wurde mit dem Silbernen Verdienstkreuz ausgezeichnet. 1903 wurde er pensioniert, 1910 starb er. Tochtergemeinde und MuttergemeindeDas Verhältnis der Tochtergemeinde Loipersbach zur Muttergemeinde Agendorf war nicht immer ganz konfliktfrei. Wenn Unstimmigkeiten auftauchten ging es meist ums Geld. Am Bau des Toleranzbethauses waren auch die Tochtergemeinden beteiligt, bei dessen Neubau gab es Widerstände. Loipersbach zahlte lediglich 1000 Gulden dazu. Den Kirchturm musste die Muttergemeinde allein bezahlen. Kleinere Probleme gab es immer wieder bei der Nutzung der Kirchensitze, bis diese Frage strikt geregelt wurde und die den Loipersbachern und Wandorfern zustehenden Sitze gekennzeichnet wurden. Eine Streitfrage war auch immer wieder, ob die Tochtergemeinden zum Unterhalt des Kantorlehrers beitragen mussten. Das Kirchengemeindepräsidium bestand aus dem Pfarrer und dem Kircheninspektor. Beigeordnet waren der Kirchenvater (Kurator) und der Schulvorstand. Das Presbyterium wurde vom allgemeinen Kirchenkonvent, also von allen Kirchen- und Schulsteuern zahlenden Gemeindemitgliedern, gewählt. Die Presbyter waren 6 Jahre im Amt, wobei alle drei Jahre die Hälfte ausschied und neu gewählt wurde. Das Gesamtpresbyterium bestand zur Hälfte aus Vertretern Agendorfs und zur Hälfte aus Vertretern der beiden Tochtergemeinden. In den 1890er Jahren entsandte Agendorf 12 Presbyter (mit den beiden Vorstehern), Loipersbach 6 Presbyter mit dem jeweiligen Kirchenvater an der Spitze. Das Gesamtpresbyterium trat nur einmal im Jahr, Ende Jänner, zusammen. Dabei wurden die Kirchenrechnungen des Jahres überprüft und gutgeheißen und die Kostenvoranschläge für das folgende Jahr erstellt und alle Fragen, die die Gesamtgemeinde betrafen, besprochen. Die Beschlüsse mussten dann von der „Allgemeinen Kirchenversammlung“ aller drei Gemeinden – meist am darauf folgenden Sonntag – bestätigt werden. Danach blieben die Agendorfer unter sich und verabschiedeten die Beschlüsse, die die Kirchen- und Schulrechnungen der Muttergemeinde betrafen. Weitere gemeinsame Presbyterial- und Konventssitzungen fanden nur selten statt, etwa bei der Wahl des Generalinspektors, des Bischofs, des Distriktualinspektors, des Seniors und Senioralinspektors. Vor allem aber, wenn ein neuer Pfarrer gewählt wurde. Eigene Sitzungen in den drei Gemeinden fanden hingegen häufiger statt, je nach Bedarf. Der Kircheninspektor war die weltliche Vertretung im Präsidium. Bis zur Grundablöse waren immer angesehene Magistratsmitglieder die Kircheninspektoren. Dann war die Stelle einige Zeit unbesetzt und die Kirchengemeinde musste immer wieder aufgefordert werden, einen Kircheninspektor zu wählen. Man entschied sich 1886/87 für den Unterbezirksrichter Hugo von Sontagh, 1889 für den angesehenen Ödenburger Bürger Koloman Rupprecht, der sein Amt aber 1890 aus gesundheitlichen Gründen zurücklegte. Das wurde von der Gemeinde sehr bedauert, denn Rupprecht war sehr spendenfreudig. Danach wurde für längere Zeit kein Inspektor gewählt.Jeder Ort hatte einen Kurator, Kirchenvater genannt. Der Kirchenvater von Agendorf war aber für alle drei Gemeinden zuständig und wurde vom gemeinsamen Konvent auf drei Jahre gewählt. Er verwaltete die „gemeinsame Kirchenkasse“. Jedes Jahr musste er Rechnung legen. Aus ihr erhielt der Kantorlehrer für seinen Orgeldienst jährlich 5 Gulden, der Kirchendiener 20 Gulden, der Konventsnotar Weber 5 Gulden und auch der Kirchenvater erhielt einen kleinen Betrag. Aus der gemeinsamen Kasse mussten auch Reparaturen am Kirchengebäude (ohne Turm) bezahlt werden, ebenso Reparaturen am Pfarrhaus, Reinigungsgelder, Steuern und Versicherungen, Kanzleibedarf und Taggelder für Pfarrer und Kirchenvater, wenn sie an auswärtigen Versammlungen teilnahmen. Die Einnahmen aus dem Klingelbeutel reichten dafür nicht, die einzelnen Gemeinden mussten dazuzahlen. Wichtiger als die gemeinsame Kasse, die über nur wenig Geld verfügte, waren die Konventskassen der drei Gemeinden. Aus ihnen wurde der Geistliche bezahlt. Auch diese Kassen waren meist leer und es herrschte große Sparsamkeit. 1890 bis 1897 wurde der Greissler Friedrich Eitler zum Gesamtkirchenvater gewählt, der für seine Knausrigkeit berüchtigt war. Die Konventskassen der drei Gemeinden wurde vom jeweiligen „Schulrechnungsführer“ – Schulvorstand genannt – geführt. Diese Kasse war für die Schule jedes Dorfes zuständig. Der Pfarrer und die Lehrer erhielten daraus ihr Gehalt. Die Beiträge waren je nach der sozialen Zugehörigkeit – gestaffelt. Viertel- und Achtelbauern, Kleinhäusler, Arbeiter hatten ihren eigenen Tarif, wobei auf die tatsächliche materielle Lage der Familien nicht Rücksicht genommen wurde. Der Glöckner hob die Beiträge vierteljährlich ein. Die Bauern zahlten meist im Herbst nach der Ernte. Die Wahl des Presbyteriums war keinesfalls konfliktfrei, da es dabei auch um den Einfluss in der Gemeinde und um die Repräsentanz sozialer Gruppen, auch um Familien- und Verwandtschaftsgruppen ging. Gegen Ende des Jahrhunderts wirkten die politischen Auseinandersetzungen auch in die Dörfer hinein, wobei generell der Gegensatz zwischen der sozial führenden Gruppe der Großbauern und den Kleinbauern, Kleinhäuslern, Handwerkern zur Austragung kam. In Agendorf entstand die merkwürdige Situation, dass in der politischen Gemeinde auf Grund des Zensuswahlrechtes weiterhin die „Großbauern“ das Sagen hatten, in der Kirchengemeinde aber die „Opposition“ die Mehrheit erringen konnte. Die konservative Gruppe der reicheren und älteren Bauern gehörten politisch zu den „Liberalen“, die kein Interesse an Veränderungen hatten. Die „Radikalen“, später Anhänger der kleinbürgerlich – liberalen Partei des Oskar Jaszi, in Ödenburg durch Gezá Szombor vertreten, waren Kleinbauern und Kleinhäusler, Handwerker, vor allem aber die Jungen, die mehr Einfluss wollten. In den Wahlen der Kirchenvertretung von 1890 gewannen sie die Oberhand. Die „Parteien“ waren auch um die beiden Lehrer organisiert, die sich ja nicht besonders gut vertrugen. Purt war „Liberaler“, der junge Weber wurde von den „Radikalen“ unterstützt. Aus Loipersbach haben wir keine konkreten Nachrichten, doch lassen einige Indizien darauf schließen, dass hier die Fronten ähnlich verliefen. Die Mehrheit der „Radikalen“ im Presbyterium wirkte sich jedenfalls nicht auf die Arbeit aus, auch sie waren, wie Scholtz geradezu erstaunt schreibt, „lauter ernsthafte Männer“. Mit den Großbauern, mit der sozial führenden Schicht, verstand er sich aber offensichtlich besser. Unter ihnen gab es welche, die ihn auch materiell stark unterstützten. Scholtz sah sich durchaus der dörflichen Führungsschicht zugehörig, war abgehoben und betonte immer wieder seine engen Kontakte zur intellektuellen Oberschicht der Stadt und des Komitates. Seine Einstellung zum Problem der Abtretung Westungarns und dann zur Ödenburger Abstimmung ist hoch interessant.