Die Anfänge in der Stadt

Es ist keineswegs einfach, einen genauen Zeitpunkt festzulegen, ab dem die Stadt evangelisch wurde. Heute spricht man in der Forschung von einem mehr oder weniger langen Zeitraum der „Konfessionalisierung“. Auch viele Pfarrerpersönlichkeiten - die man in der älteren evangelischen Kirchengeschichtsschreibung als schon evangelisch bezeichnet hat, sind keineswegs eindeutig zuzuordnen. Die Frage, ob noch katholisch oder schon evangelisch stellte sich über einige Jahrzehnte überhaupt nicht. Die Pfarrer hätten es wohl selber nicht gewusst, wie sie sich einordnen sollten.

Eines steht fest: Die Bevölkerung Ödenburgs war durch eine tiefe Religiosität geprägt, ja die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts war eine Zeit sehr intensiven religiösen Lebens. Vor allem die Franziskaner, die seit dem 13. Jahrhundert in der Stadt ansässig waren, beeinflussten durch ihre bescheidene Lebensweise das religiöse Leben. Sie hatten ihre Kirche, die Geißkirche, und ihr Kloster mitten in der Stadt, am Hauptplatz. Sie gerieten immer wieder in Konflikt mit dem Stadtklerus. Auch die Ansiedlung des Paulinerordens durch die Stadt in Wandorf trug zur Entfaltung des religiösen Lebens bei. Die Bürger waren in religiösen Gesellschaften organisiert, die sich zum Teil mit den Zünften deckten. Sie unterhielten Altäre in den Kirchen, die ihren Schutz- und Zunftheiligen geweiht waren. Die Schmiede zum Beispiel waren in der Bruderschaft „Corpus Christi“ und in der „Liebfrauenbruderschaft“ organisiert, die Fleischhauer in der Hl. Jakobusbruderschaft, die Schneider in der St. Anna Bruderschaft, die Fischer in der St. Katharinabruderschaft. Es gab drei Mariengesellschaften, eine Dreifaltigkeitszunft, eine Hl. Geist – Zunft, eine Elisabeth- und eine Barbarazunft … Insgesamt gab es 16 religiöse Gemeinschaften, die Altäre unterhielten und mit Messstiftungen ausgestattet wurden. Wohlhabende Bürger hinterließen der Kirche testamentarisch bis zu einem Drittel ihres Vermögens.

So groß die Gläubigkeit in der Stadt war – mit der kirchlichen Obrigkeit, dem Bischof von Raab, gab es immer wieder Konflikte. Dabei spielten die finanziellen Aspekte, vor allem die Zehentforderungen der Bischöfe, eine wichtige Rolle. Die Bischöfe verhängten deswegen mehrmals das Interdikt über die Stadt und es kostete den Königen viel Mühe, dieses wieder aufzuheben (etwa unter König Ludwig oder 1456 unter Friedrich III.)

Seit der Stadterhebung von 1277 besaß die Stadt die Patronatsrechte über die Kirchen. Rechtlich konnte  also die Stadt  die Pfarrer einsetzen. De facto spielte aber die „Große Bruderschaft“ oder Georgsbruderschaft eine wichtige Rolle. In ihr saßen die Patrizier und der Pfarrklerus, wobei die weltlichen Vertreter die Mehrheit hatten. Ihr gehörten die Pfarrherrn von St. Michael, von „Unserer Frau am Graben“ und der Probst der geistlichen Zunft an. Denn auch die Pfarrer und die vielen Benefizialgeistlichen bildeten eine Zunftorganisation, die jährlich einen Probst wählte. Schon 1422 wird eine Priesterbruderschaft erwähnt. 1549 bestand die Priesterbruderschaft noch, ging dann aber ein. Die übrigen Kirchen, die nicht unter städtischem Patronat standen (Franziskanerkirche, Johanniterkirche), wurden durch einen von der Stadt beauftragten „Kirchenvater“ ebenfalls kontrolliert. Die kirchliche Aufsicht erfolgte durch den Archidiakon, der Mitglied des Domkapitels von Raab war.

Es gab in der Stadt eine große Zahl an Priestern, da im Laufe der Zeit die Altarstiftungen und Benefizien stark angewachsen waren. Durch Erbschaften hatten die Bruderschaften beträchtliche Vermögen angehäuft. Die Macht der Stadt über die Kirchen, gepaart mit einem beachtlichen Selbstbewusstsein der Bürger, war den kirchlichen Würdenträgern natürlich nicht geheuer und es kam immer wieder zu Konflikten. Die Bürger kritisierten die Prunksucht, den Reichtum und auch die Finanzkraft der Kirche. Die Stiftungen waren ja auch Geldverleihanstalten, die beträchtliche Zinsen verlangten. Zu einem Gutteil war also die Hinwendung zu reformatorischen Lehren auch durch wirtschaftliche Interessen bedingt. 1517 verordnete die Stadt, dass auch die Geistlichen Steuer zahlen sollten. 1523 verlangte die Bürgerversammlung, dass die Immobilien, die an die Priester und die religiösen Gemeinschaften geschenkt oder vererbt wurden, verkauft werden sollten.

Vorgehen gegen erste reformatorische Tendenzen

Die Konflikte zwischen Priesterschaft und den Franziskanern verschärften sich. 1522 etwa predigte ein Franziskanerpater Christoph im „lutherischen Geist“. 1524 erstattete der Stadtpfarrer Christoph Peck Anzeige beim Archidiakon Kajari in Raab: Die Bürger würden lutherische Bücher massenhaft kaufen und in den Schenken besprechen. Auf Befehl König Ludwigs II. wurde eine Untersuchung durchgeführt. Die Bürger protestierten vergeblich gegen diese Untersuchung beim König und erhoben Klage gegen die Benefiziatsgeistlichen. Diesen wurde zur Schande des ganzen Klerus und zum Schaden der Seelen ein sittenloses Leben vorgeworfen, sie würden öffentlich Konkubinen aushalten und mit diesen Kinder zeugen. Der König verfügte, dass die Konkubinen verjagt werden sollten. In der Untersuchung zeigte sich, dass mehrere Personen, unter ihnen der Franziskanermönch Christoph und der Bürger Paul Moritz Kramer reformatorische Schriften besaßen und darüber hinaus zahlreiche Bürger bereits mit der Lehre Luthers sympathisierten. Der Mönch war in der Bevölkerung beliebt und konnte sich von allen Vorwürfen reinigen. Moritz wurde auch die Missachtung der Fastengebote vorgeworfen und die Untersuchung zeigte, dass sich auch viele andere, darunter auch Geistliche, nicht daran hielten. Moritz leugnete den Besitz der Lutherschriften nicht und wurde so zum Sündenbock für alle anderen. Am 30. Oktober 1524 wurden die auf dem Hauptplatz zusammengetragenen Bücher und Schriften feierlich durch den Henker verbrannt. Paul Moritz musste seinen „Abfall von der rechten katholischen Lehre“ öffentlich bereuen. Aber schon zwei Jahre später wurde Moritz zum Stadtrichter ernannt und bekannte sich öffentlich zur Reformation. Hinter ihm stand also bereits die Mehrheit der Bevölkerung oder zumindest der Patrizier. Im November 1525 wurde an die Stadt eine königliche Verordnung erlassen - nach einer entsprechenden Anzeige der Stadt beim König – die sich gegen die Altaristen richtete, die mit Frauen zusammenlebten und Kinder hatten. Die Stadt wurde als Kirchenpatron beauftragt, diese Missstände abzustellen. 1526 wurden wieder schwere Vorwürfe an den Erzbischof und an die königliche Kanzlei in Ofen gerichtet und eine Untersuchung durchgeführt. Besitzer von lutherischen Schriften wurden mit der Exkommunion bedroht. Weitere Bürger, etwa Veit Schneider, wurden ins Gefängnis geworfen und die beschlagnahmten Schriften verbrannt.

Eine Auswirkung der neuen Frömmigkeitsform war, dass die Güter der religiösen Bruderschaften unter städtische Verwaltung gestellt wurden. Als etwa zwei Benefiziaten starben wurden die Stiftungen eingezogen und für karitative Zwecke verwendet. Sogar die „Große Bruderschaft“ verlor ihre Bedeutung und wurde nach 1550 zu einer einflusslosen Tischgesellschaft.

Die reformatorischen Schriften gelangten schon früh durch Kaufleute nach Ödenburg. Im benachbarten Österreich waren nach 1526 die Einflüsse aus Deutschland schon stark, in Wr. Neustadt und Wien gab es schon lutherische Prediger. Die Ödenburger Pfarrer wurden aus dieser Nachbarschaft berufen. Janos Bán, der maßgebende katholische Kirchenhistoriker, behauptete, dass die Reformation in Ödenburg durch solche ausländische und unzureichend gebildete Pfarrer verbreitet worden wäre. Was die Bildung betrifft waren die Zustände in Ungarn aber wohl noch weit schlechter, wie die Synode von Vesprém 1515 festgestellt hatte.

Man kann sagen, dass die ersten Impulse von der Bürgerschaft ausgingen. Das Ödenburger Bürgertum war ja gebildet, konnte lesen und las auch viel. Das Streben nach religiöser Mündigkeit zeigte sich immer stärker. Kontakte zu den Zentren der Reformation erfolgten aber auch durch die vielen Studenten aus Ödenburg. Anhänger Luthers waren aber auch am königlichen Hof zu finden. Königin Maria, Gattin und nach Mohacs Witwe Ludwigs II., die Schwester König Ferdinands, war etwa an den Lehren Luthers interessiert, auch wenn sie persönlich nicht von der katholischen Religion abfiel.

1532 verlangte die Bürgerversammlung vom Rat, dass alle Pfarrherrn sich einen Prediger halten sollten, „einen erbern gelehrten predi(g)er der dem evangeli nit widerwartig halte, wie er zu tun schuldig ist“ (Hazi II/2, S.230). Schon früh setzte der Strom von Ödenburger Studenten nach Wittenberg ein. 1533 immatrikulierte Georg Faber, 1545 Johann Schreiner, 1555 Michael Wirth, letzterer mit Unterstützung des Stadtrates. Er wurde von Melanchthon betreut. Später wurde er Ödenburger Stadtnotar.

Immer mehr Benefizien wurden für soziale und schulische Zwecke beschlagnahmt, etwa 1533, als zwei Benefiziaten starben. Ihre Häuser und Weingärten wurden verkauft. Dagegen gab es noch Proteste des Königs. Die Stadt war aber der Ansicht, dass die Stiftungen eigentlich ihr gehörten. 1548 bis 1551 wurden die Nachlässe der verstorbenen Pfarrer, wenn sie ohne Testament starben, zur Gänze beschlagnahmt. Wenn sie ein Testament machten verlangte die Stadt einen Teil der Verlassenschaft.

Waren die Pfarrer in dieser Zeit schon „evangelisch“? 1548 starb der Stadtpfarrer Ulrich Raidl. Er war 1534 gewählt, aber nie dem Bischof präsentiert worden. Er teilte das Abendmahl in beiderlei Gestalt aus und stellte die Anrufung der Heiligen ein, hielt aber trotzdem am „alten Glauben“ fest. 1549 wurde Georg Fürth zum Stadtpfarrer gewählt. Als Prediger war ihm Peter Kalbermatter (Kalbermaut) zugeteilt. Er war Schweizer uns stellte sich offen auf die Seite der Reformation. Er anerkannte nur zwei Sakramente, die Taufe und die Ehe. In der Forschung wurde gelegentlich vermutet, dass er Zwinglianer, vielleicht sogar Wiedertäufer war. Jedenfalls blieb er zunächst unbehelligt, da der Archidiakon Benedikt Jankó Czenki nichts gegen ihn unternahm. Czenki war selbst verheiratet, erwarb 1550 in der Neugasse ein Haus und wurde in die Bürgerschaft aufgenommen – ein einzigartiger Fall. Ein Problem wurde Kalbermatter erst, als 1549 der aus Breslau stammende Konrad Jeckel nach Ödenburg kam. Er war Doktor der Rechte und ein heftiger Gegner der Evangelischen. 1551 wurde er zum Notar der Stadt Ödenburg gewählt. Noch 1551 berichtete er König Ferdinand, dass Ödenburg ein Zentrum der Abtrünnigkeit und einer der Sittenlosigkeit verfallenen Priesterschaft sei. Er berichtete von sieben verheirateten Geistlichen, unter ihnen auch der aus Stockerau vertriebene Johann Fabri. Auf Grund dieses Berichtes ließ der Raaber Bischof Balint Uljaki Kalbermatter und einen Pfarrer Josef, der aus Villach stammte und ebenfalls Prediger in der St. Michaelskirche war, verhaften. Die Stadt bürgte für die beiden und so kamen sie frei, scheinen aber in der Folgezeit nicht mehr in Ödenburg auf. Jäckel wurde wegen dieser Anzeige als Stadtnotar untragbar. Er musste aus Ödenburg fliehen und wurde sogar wegen Amtsuntreue verklagt.

Der Bischof drohte der Stadt mit Exkommunion. Dabei ging es ihm wohl weniger um die rechte Lehre als vielmehr um materielle Interessen. Der Stadt konnte man aber keine missbräuchliche Verwendung der Kirchengüter nachweisen.1552 untersagte daher Erzherzog Maximilian, der den abwesenden König Ferdinand vertrat, dem Bischof jeden Zugriff auf die Benefizien und verwies auf die Privilegien der Stadt.
1553 kam es zu einem Vergleich. Die Stadt behielt die Patronatsrechte, verpflichtete sich aber, die designierten Geistlichen dem Bischof zu präsentieren. Auch ungarische Priester wurden eingesetzt. Selbst Bán bezeichnete diese als ungebildet, ohne Frömmigkeit und der deutschen Sprache nicht mächtig.

Auf dem Landtag von 1553, der in Ödenburg stattfand, griff König Ferdinand die Protestanten heftig an. Die Stände aber wiesen die Beschuldigungen zurück. Die Stadt versuchte, sich durch Zusammenarbeit mit den mächtigen evangelischen Adeligen Westungarns abzusichern.

Es ist natürlich verlockend, in der Errichtung bzw. Umwandlung der bestehenden Schule in ein lateinisches Gymnasium im Jahre 1557 einen Schritt in Richtung Reformation der Stadt zu sehen. Dafür gibt es allerdings keinen Beweis. Ganz unrichtig ist es freilich nicht, hier eine Verbindung herzustellen. Denn mit dem Gymnasium wurde der humanistische Geist in der Stadt fest verankert. So wie in vielen anderen ungarischen Städten, die damals ja überwiegend von einem deutschen Bürgertum geprägt waren, entstand jene feste Verbindung zwischen humanistischer Bildung, Kirchenreform und kultureller Dominanz einer gebildeten, deutschsprachigen Einwohnerschaft, die zum Teil ja sogar die rabiate Gegenreformation überstand und ein wichtiges Element in der Kultur des Königreiches Ungarn war.



Fochter und Bürgermeister Hummel

Die 1550er Jahre sind, was die konfessionelle Zugehörigkeit betrifft, hoch interessant. Zwei Personen stehen im Mittelpunkt: Der ab 1553 gewählte Bürgermeister Christof Hummel und der 1557 berufene Stadtpfarrer Johann Fochter. Beide Persönlichkeiten sind nicht eindeutig zuzuordnen. Die Konfessionsgrenzen waren auch in Ödenburg keineswegs noch scharf ausgebildet. Die Stimmung gegenüber den Priestern wurde immer aggressiver. Fochter aber war gelehrt und arbeitete mit vollem Einsatz für seine Pfarre. Er war in der Bevölkerung beliebt. 1559 heiratete er. 1566 starb er in Ödenburg. „er nahm am Gesellschaftsleben teil, er hatte Solidaritätsgefühl mit dem Volke und war ein gutmütiger, sanfter und frommer Pfarrer.“ (Geyza Alpár, S. 176) Hummel, der zwischen 1549 und 1562 mehrmals Bürgermeister war, nahm sich der Kirchen wie auch der Schulen intensiv an. Die Mittel stammten aus den Stiftungen und Benefizien, er setzte aber auch sein eigenes Vermögen für seine Anliegen ein. So schenkte er seinen Garten der Lateinschule. 1553 wurde die Schule „am Pflaster“ von der Stadt übernommen und damit der Kontrolle durch die Pfarre entzogen. 1557 wurde die Schule neu errichtet und ganz im Geiste humanistisch – reformatorischer Ideen organisiert. Michael Wirth, inzwischen aus Wittenberg zurückgekehrt, hatte daran wesentlichen Anteil. Anders als etwa die Schule der Batthyány in Güssing, die eine adelig höfische Institution war, war das Ödenburger Gymnasium die Schule eines bildungswilligen Bürgertums und wurde auch ausschließlich von diesem Bürgertum bezahlt. Zusammen mit dem Rektor unterrichteten zwei Hilfslehrer. Vor allem unter den Rektoren Balthasar Nusser und dem aus Wr. Neustadt stammenden Franz Hartmann (1965 – 1971) blühte die Schule auf. Neben dem Gymnasium gab es natürlich auch eine Volksschule, die tatsächlich allen Bevölkerungsschichten unabhängig von Herkunft und Besitz zugängig war. Einer der Volksschullehrer war Urbanus Reuter aus Bayern, ein Schwager des ebenfalls in Ödenburg wirkenden Predigers Gregorius Pharerus. Der Volksschullehrer schlug dem Rat vor, wer von den begabten Knaben in das Gymnasium geschickt werden sollte. Pharerus, ein gebürtiger Niederösterreicher, wurde vom Rat als Prediger an die St. Georgskirche berufen. Katholischer Stadtpfarrer war von 1551 bis 1577 Sebastian Dalmády. Auch er lebte mit einer Frau zusammen, der er ein Haus gegenüber dem Kreuzhof kaufte. Nach ihrem Tod heiratete er Martha Hernath, die Witwe eines Pfarrers.



Simon Gerengel

1565 war ein entscheidendes Jahr in der Konfessionalisierung. Simon Gerengel wurde als Prädikant in die Michaelerkirche berufen. Später sollte man ihn den „Luther Ödenburgs“ nennen. In Pottschach in Niederösterreich geboren studierte er in Padua, wurde Anhänger Luthers, war Benefiziat in Aspang. Am 13. Juli 1551 wurde er verhaftet und dreieinhalb Jahre lang in der Festung Hohensalzburg eingekerkert. Von dort aus versandte er seine „Vier tröstlichen Sendbriefe“ an seine Mutter und seine Freunde, in denen er sich ungebrochen zeigte. Am 14. 9. 1554 wurde er entlassen und war anschließend Stadtsuperintendent in Rothenburg ob der Tauber. Warum er dort abgesetzt wurde ist unklar. Vielleicht war er von einem Anhänger Melanchthons zu einem Flacianer geworden. Am 11. Feber 1565 hielt er seine Probepredigt in Ödenburg und wurde als Stadtprediger angestellt. Obwohl er nur sechs Jahre in Ödenburg wirkte wurde die Stadt in dieser Zeit entschieden evangelisch. Sein wichtigstes Werk war wohl sein Katechismus, der 1569 in Regensburg und 1571 in Augsburg erschien: „Catechismus und Erklärung der christlichen Kinderlehre, wie die in der Kirchen Gottes zu Ödenburg in Hungern fürgetragen wird“. Es war dies der wichtigste Katechismus in Ungarn und wurde noch im Jahre 1779 aufgelegt. Im Anhang wurde ein Gesangbuch des Gregor Pharerus mit 76 Kirchenliedern hinzugefügt. Gerengel schuf außerdem eine Gottesdienstorfnung, die – mit Änderungen – bis 1945 in Gebrauch blieb.

Das Verhältnis zwischen den „Konfessionen“ war in der Zeit König Maximilians, der bekanntlich viel Verständnis für die Evangelischen hatte, gut. Dazu trug auch Gerengel, der Konflikte mit der Amtskirche mied, bei. Auch Erzbischof Olah und der Raaber Bischof Gregoriancz traten wenig aggressiv auf. In der Stadt wohnte seine ledige Schwester Helene, die 1562 ein Haus erwarb und eine entschiedene Anhängerin der Lehre Luthers war.

Zur gleichen Zeit wirkte der Traiskirchener Jakob Ritschendl als Prediger. Es gab nunmehr nur mehr wenige Katholiken, etwa 40 bis 60 Familien, in der Stadt. In allen Kirchen der Stadt – mit Ausnahme der Ordenskirchen – wurde evangelisch gepredigt. In der Michaelerkirche fand um 8 Uhr die katholische Messe, um 9 Uhr die der evangelische Gottesdienst statt.

Die katholische Religion und ihre Priester wurden freilich keineswegs aus der Stadt verdrängt. Die Rechte des katholischen Stadtpfarrers wurden immer anerkannt, obwohl seine Wirkungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt waren. Es gab weiterhin katholische Messen und der Stadtrat war sorgsam darauf bedacht, keine konfessionellen Konflikte entstehen zu lassen. Die Abgrenzung zur katholischen Kirche wurde von Musäus und Ritschendl sehr scharf gezogen, was keineswegs im Sinne des evangelischen Rates war, der die beiden Prediger abmahnte. 1573 bis 1584 wurden die Michaeler- und die Georgskirche von beiden Konfessionen gemeinsam genutzt. Der Pfarrer der Michaelerkirche wurde gewählt und dem Bischof präsentiert. Er erhielt auch die Stolagebühren. Die evangelischen Prediger wohnten in den Benefizienhäusern und wurden vom Rat bezahlt. 1571 starb Gerengel, Sein Nachfolger wurde der Nürnberger Mag. Peter Jonas Musaeus (Fleißmann). Dieser war ein guter Prediger, aber er polemisierte gegen die katholische Kirche und beschwor bald heftige Konflikte herauf. 1574 musste die Stadt einen Verweis des Bischofs Listi und König Maximilians hinnehmen. Rektor der Lateinschule war Kaspar Zeitvogel, der die Jugend von den katholischen Messen fernhielt und bei Beerdigungen deutsche Psalmen singen ließ. Er wurde vom Stadtpfarrer in aller Öffentlichkeit geohrfeigt. Er verließ die Stadt und ließ sich in Basel als Arzt nieder. Musaeus war wiederholt krank und musste vertreten werden. Sowohl Musaeus wie Rittschendel waren in der evangelischen Bevölkerung sehr beliebt. Ein weiterer evangelischer Prediger war Andreas Pfandtner.

Die Stadt war bestrebt, möglichst solche Pfarrer einzusetzen, die mit der anderen Konfession friedlich umgehen konnten. Unter Bischof Johann Listy (1572 – 1578) war das Verhältnis zur Stadt gut. Der Bischof ließ sogar seine Söhne von evangelischen Lehrern erziehen. Mit den neuen Stadtpfarrer Johann Spillinger begannen 1570 die Probleme. Nach dem Konflikt mit Zeitvogel schlug dem Stadtpfarrer Abneigung und Widerstand entgegen. Ein königliches Mahnschreiben nützte nichts. Die Situation eskalierte erst, als Georg Draskovich 1578 Bischof von Raab und Kanzler von Ungarn wurde. 1579 berief dieser die Synode von Steinamanger ein. Die Ödenburger verweigerten, ebenso die evangelischen Grundherrn, die Teilnahme. Draskovich ließ daraufhin Musaeus, der sich zur ärztlichen Behandlung in Wien befand, verhaften. Er starb 1582 in der Gefangenschaft.



Bischof Draskovich greift an

Die konfessionellen Auseinandersetzungen nahmen 1578 mit dem Amtsantritt des neuen Raaber Bischofs und ungarischen Kanzlers Georg Draskovich schärfere Formen an. Er hatte die volle Unterstützung des Erzherzogs Ernst in Wien. Der Bischof berief 1579 sämtliche Priester seiner Diözese zu einer Synode nach Steinamanger ein. Das Ziel war die Durchsetzung der Beschlüsse des Konzils von Trient. So wie viele evangelische Grundherrn verweigerte auch die Stadt Ödenburg die Entsendung ihrer Prediger. Die Weigerung der Stadt hatte schwerwiegende Folgen. Zunächst erwirkte der Bischof einen Befehl König Rudolfs II., der der Stadt untersagte, an Stelle der 1582 verstorbenen Prediger Musaeus und Rittschändl neue Prediger einzustellen. Der Stadtrat stellte aber Leonhard Pinder als Prediger an der St. Georgskirche ein. Ein anderer, Andreas Pfendtner, kam vom Spital als Prediger an die St. Michaelskirche.

1582 wurde der neue Gregorianische Kalender eingeführt und dessen Annahme vom Bischof befohlen. Die Stadt Ödenburg weigerte sich und ging damit – anders als etwa Güns – auf Konfrontationskurs. 1583 kam der Bischof nach Ödenburg und zitierte den Bürgermeister Hans Steiner und den Stadtrichter Hans Gering zu sich in die Johanniskirche. Er fordert sie auf, die evangelischen Prediger zu entfernen. 1584 wurden Bürgermeister Steiner, der Stadtrichter und vier Ratsmitglieder sowie zwei weitere Bürger nach Wien vorgeladen und dort sieben Wochen lang gefangen gesetzt. Außerdem wurde, wie der Stadtschreiber Nußbaum nach Ödenburg berichtete, mit der Verhaftung der beiden Prediger gedroht. Die Stadt musste nachgeben. Andre Pfentner fand in Deutschkreutz Aufnahme. Wie aufgeheizt die Stimmung war, zeigt die Nachricht, dass er „mit Weinhebern von unsren Pfaffen zur Stadt hinaus geblasen“ (Faut/Klein) wurde. Leonhard Pinder weigerte sich zunächst noch, die Stadt zu verlassen. Der Kantor, der in der Georgskirche das Lied „Erhalt uns Herr bei Deinem Wort“ singen ließ, wurde deshalb ins Gefängnis geworfen. Alle evangelischen Lehrer wurden entlassen. Stadtpfarrer Spillinger und der Bischof hatten sich damit durchgesetzt.

Die Ödenburger Bürger aber liefen nun in die evangelischen Kirchen der Umgebung aus, vor allem nach Neckenmarkt und Deutschkreutz, die unter den evangelischen Grundherrn Franz Dersffy und Franz Nadasdy standen. Sie hörten dort die Predigten und ließen ihre Kinder von den evangelischen Pfarrern taufen. Wenn sie angezeigt wurden, musste der Rat Strafgelder von ihnen einheben und diese an den katholischen Stadtpfarrer abliefern – und dies, obwohl Bürgermeister und Rat selbst ohne Ausnahme sich zum evangelischen Glauben bekannten.

Der Widerstand der Ödenburger war nicht zuletzt auch deshalb sehr heftig, weil die vom Niederösterreichischen Klosterrat nach dem Tod Spillingers eingesetzten Priester nicht sehr geeignet waren. Johann Schwendtner und sein Nachfolger Konrad Glöckel, Pfarrer von St. Michael, mussten abtreten, da ihre Lebensweise eines Priesters unwürdig war. Christoph Villanus (Hofer), der aus Donnerskirchen an die St. Michaelkirche kam, richtete die Pfarrgemeinde auch wirtschaftlich zu Grunde. Die heftigen Beschuldigungen, die gegen die katholischen Priester erhoben wurden, waren natürlich einerseits eine Folge der Ablehnung durch die Bevölkerung. Nach den Klosterratsakten gibt es 1597 nur zwanzig katholische Familien. Andererseits zeigen aber die Klosterratsakten auch, dass die Missstände zeitweise gravierend waren.

Schwer zu beurteilen ist, wie weit der Klerus in der Stadt tatsächlich in einem schlimmen Zustand war. Der katholische Kirchenhistoriker Ban zeigt in seinem Werk viele „Missstände“ auf, die er größtenteils auf die verkommenen Pfarrer und Benefiziaten, die aus Österreich nach Ödenburg kamen, zurückführte. Man darf, wenn man die Lange Liste der Beschwerden über Benefiziaten und Priester hört, aber nicht vergessen, dass einige ihre Aufgabe durchaus ernst nahmen. Ein gutes Beispiel ist der allseits beliebte Pfarrer Fochter.

Die meisten Vorwürfe betreffen das Zusammenleben mit Frauen. Man darf dabei aber keine heutigen Maßstäbe anlegen, da der Zölibat damals noch keineswegs allgemein durchgesetzt war und auch die Bevölkerung die „beweibten“ Priester durchaus akzeptierte. Dazu einige Beispiele (nach Ban): Pfarrer Ulrich Raidel bezeugte in seinem Testament von 1548, dass er zwei Kinder mit seiner Haushälterin hinterließ. Peter Rotfuchs wurde vom Grafen Batthyány vertrieben, weil er mit einer Frau zusammen lebte. In Ödenburg erhielt er ein Benefizium, trennte sich von der Frau, „verkaufte“ sie an einen anderen Mann, nahm sie später aber wieder zurück. Gregor Panholz lebte mit Frau und sechs Kindern in einem Ödenburger Benefizium. Der Pfarrherr von St. Georg, Peter Helgl und der Oberdekan Benedikt Czenki liebten mit Frauen zusammen. Der Mörbischer Pfarrer Johann musste das Dorf verlassen, nachdem ihm ein Verhältnis mit der Frau eines Bauern nachgewiesen wurde.

Andere Pfarrer gingen mit den Gläubigen nicht zimperlich um. Pfarrer Paul Wagner erwischte die Torwächter beim Würfelspiel und verprügelte diese. In einer Buschenschänke warf man ihn die Kellertreppe hinunter. Pfarrer Dalmady war ebenfalls gewalttätig. An Marktagen zog er betrunken fluchend und mit dem Schwert herumfuchtelnd über den Platz und verletzte mehrere Bürger. Man warf ihn vor, den Großteil der Mauteinnahmen, von denen ihm ein Teil zustand, veruntreut zu haben.

Manche andere Vorwürfe wurden gegen die Priester erhoben. 1549 musste der Mesner gestehen, dass die Pfarrherrn und Studenten den Messwein von 3 Eimern (etwa 200 Liter) von Gründonnerstag bis Ostermontag fast zur Gänze ausgesoffen hatten. Manche Pfarrherrn wirtschafteten kräftig in die eigene Tasche. Der Oberdekan Benedikt kaufte in der Neustiftgasse einen Meierhof, den er 1550 seiner Frau und seinen Kindern hinterließ. Gregor Panholz hatte bei den Bürgern viele Schulden, Pfarrer Szentgróthy hatte seinen Vespermantel und den Kelch bei einem jüdischen Händler verpfändet. Bischof Újlaky wollte die Zustände verbessern und verlangte die Einsetzung ungarischer Pfarrer. Diese erwiesen sich aber bald als noch weniger geeignet, sowohl nach ihrer mangelhaften Ausbildung wie auch wegen der Nichtbeherrschung der deutschen Sprache.

Die Stadt stand um die Jahrhundertwende unter dem Druck des Raaber Bischofs Martin Pethe, der keine Gelegenheit ausließ, um den Ödenburgern Schwierigkeiten zu machen. Anlass dafür war meist der Kirchenzehent, den der Bischof einforderte. Vor allem den Weinzehent verlangte er gleich nach der Lese und noch vor Martini, dem üblichen Abgabetermin, ohne vorher das übliche „stattliche Mahl“ für den Rat der Stadt auszurichten. Nach der Bürgerchronik von Faut/Klein (S. 66/67) habe der Kaiser den Bischof zwar mehrmals ermahnt und ihm befohlen, die Rechte der Ödenburger zu achten. Dieser habe sich allerdings nicht daran gehalten und einfach die Wagen der schlesischen Weinfuhrleute beschlagnahmt. Die Ödenburger mussten darauf hin die Weinhändler von Bewaffneten bis nach Müllendorf eskortieren lassen, was ihnen hohe Kosten verursachte. Hohe Kosten entstanden auch durch die zahlreichen Vorladungen vor das geistliche Gericht in Tyrnau und nach Wien.

Der Bischof ließ durch seine „Hussarn und suppenhund“ Ödenburger Bürger und Bürgerinnen, die von der Predigt in Deutschkreutz heimreisten, gefangen nehmen und in Kroisbach einsperren. 1604 wird etwa auch der Chronist Melchior Klein zusammen mit einigen Frauen auf dem Rückweg aus Deutschkreutz von den bischöflichen Husaren abgefangen und kommt nach einigen Tagen, nachdem Bürgschaft hinterlegt und der Rat heftig protestierte, wieder frei. Max Faut und Sebastian Dobner wandten sich an Nadasdy, den Deutschreutzer Grundherrn, um Hilfe. Dieser drohte dem Bischof an, er würde nicht nur seine Leute, sondern auch ihn persönlich aus dem Wagen holen und in Deutschreutz einsperren, falls er ihn erwischen würde. Nicht ohne Stolz berichtet die Bürgerchronik, der Bischof habe in Wien vorgebracht, „daß kheine Verbaintere harttnekhrigere Khezer in allen Städten herumb gefunden werden allß die Oedenburger...“. Wenn man diese nicht stets an Leib und Gut strafen und bändigen würde, dann hätte die katholische Reform in der Stadt keine Chance. Und dann heißt es in der Bürgerchronik recht trotzig und selbstbewusst: „Wer ist, der Unns sol Meistern?“

Die ablehnende Haltung der Bevölkerung zeigte sich auch im Schulbesuch: Zwischen 1590 und 1605 besuchten angeblich nur 10 Schüler die katholische Pfarrschule (Bán, S. 91). Die Kinder der Evangelischen besuchten Geheimschulen. Die Söhne der Bürgerfamilien, etwa die Wirth, Lackner, Rosenkrantz, Mock und Faut, studierten an ausländischen Schulen und Universitäten (Wittenberg, Graz, Breslau, Budweis).

 
1582 kam Draskovich in seiner Eigenschaft als Kanzler nach Ödenburg und forderte Bürgermeister, Stadtrichter und Rat auf, die evangelischen Prediger zu entlassen und Kirchen und Schulen den Katholiken zu übergeben. Dies wurde von der Stadt abgelehnt. Der Rat wurde von Erzherzog Ernst nach Wien zitiert und ebenfalls eingekerkert. Das Verhältnis zum Bischof verschlechterte sich, als sich die Stadt weigerte, den gregorianischen Kalender zu übernehmen und das Weihnachtsfest um 10 Tage später feierte. Draskovich sah darin einen Angriff auf seine Autorität. 1584 ließ er auf Befehl Erzherzog Ernsts den Rat nach Wien vorladen, Bürgermeister Johann Steiner und der Stadtrichter Johann Gering zögerten, die evangelischen Pfarrer zu entlassen und wurden verhaftet. Nur der Notar Nussbaum blieb frei und berichtete nach Ödenburg über das Geschehen und reichte auch mehrere Gesuche an den Erzherzog ein, die alle abgelehnt wurden. Nach der Chronik von Markus Faut hätte man in Wien gedroht, man würde die evangelischen Prediger in Ketten legen und nach Wien bringen. Nach neunwöchiger Gefangenschaft und demütigender Behandlung war der Widerstand gebrochen, die Prediger wurden aus der Stadt und ihren Dörfern ausgewiesen. Die Ödenburger Pfarrer wurden bedroht und mussten fliehen, Andreas Pfendtner ging nach Neckenmarkt zu Franz Dersffy, Leonhard Pinder weigerte sich zunächst, zu gehen, musste schließlich aber ebenfalls weichen. Er ging nach Deutschkreutz zu Franz Nadásdy. Eine bischöfliche Delegation untersagte den Ödenburgern jeden weiteren Kontakt zu ihren Pfarrern. Die Bevölkerung war aber mit der Nachgiebigkeit keineswegs einverstanden. Es kam zu Volksaufläufen und zu Übergriffen auf die Benefiziaten, von denen einer schwer verletzt wurde. Diese Akte des Widerstandes sind deshalb von Bedeutung, weil in der Geschichtsschreibung gelegentlich behauptet wurde, die Einführung des evangelischen Glaubens wäre eine Angelegenheit des Patriziats gewesen. Offenbar war aber auch der Großteil der Bevölkerung inzwischen zu überzeugten Evangelischen geworden. Viele Bürger wollten die Bedingungen nicht hinnehmen. Berthold Traxel, der Leutnant der Bürgerwehr, wollte die Prediger mit Gewalt zurückholen. Er und seine Anhänger marschierten gegen die „Innerstädter“ und die „ruchlosen Pfaffen“ auf. Die Anführer dieser Revolte wurden gefangen genommen und eingesperrt. Über sie wurden Geldstrafen verhängt. In diesen Tagen des Aufruhrs fiel auch der Übergriff auf den Benefizpfarrer Krini, der nach schweren Beleidigungen für die Ödenburger von einigen Burschen nahezu totgeschlagen wurde.

Zur Vertiefung der Abneigung gegen die katholische Kirche trugen auch die Ereignisse anlässlich des Auszuges von Pfendner bei. Stadtpfarrer Spillinger in Begleitung von mehreren Frauen bliesen auf Weinhebern und anderen Gefäßen den „Abschiedsmarsch“. Zur Verabschiedung Pinders spielte der Kantorlehrer von St. Georg das streng verbotene Lied „Erhalt uns Herr bei deinem Wort, und steur des Papstes und Türken Mord“. Er wurde dafür in den Turm gesperrt. Am 4, Juli wurde der neue Kalender angenommen, am 13. Juli sämtliche evangelischen Lehrer entfernt. Anfang September wurde erneut der gesamte Rat nach Wien zitiert und sofort gefangen gesetzt. In der Stadt kam es inzwischen zu Tumulten. Die 24 Anführer wurden ins Gefängnis geworfen und mussten Reverse unterschreiben. Nur der Goldschmied Emmerich Pàpai weigerte sich.

Über 20 Jahre, bis zum Wiener Frieden von 1606, blieb die Stadt ohne evangelische Pfarrer und Lehrer. Die evangelische Bevölkerung aber begann nun, nach Deutschkreutz und Neckenmarkt „auszulaufen“. Sehr zum Ärger von Stadtpfarrer Spillinger waren daran auch Ratsmitglieder beteiligt 1585 setzte eine Verordnung Erzherzog Ernsts eine Strafe von 100 Taler für jedes Auslaufen fest. Vorübergehend wirkte in der Stadt der Feldprediger Magister Gabriel Grünberger. Er kam mit den Truppen Baron Herbersteins nach Ödenburg. Zuvor war er Prediger in Zanegg. Seine Predigten kamen in der Bürgerschaft gut an und so blieb er nach Abzug der Soldaten, gegen den Willen des Rates. In Wien verlangte man die sofortige Entlassung Grünbergers. Eine hochrangige Kommission erschien 1595 in der Stadt. Grünberger wurde so unter Druck gesetzt, dass er die Stadt schließlich verließ. Ödenburg wurde nachträglich zu einer hohen Strafe verurteilt, eine Delegation die in dieser Angelegenheit nach Prag reiste, erneut eingekerkert. Neue Probleme gab es mit dem Bischof, der behauptete, der Jurist Dr. Christoph Lackner würde in seinem Privathaus evangelisch Predigen. Lackner wurde vor den Bischof Pethe in Kroisbach zitiert. Neuerlich wurden Vorwürfe erhoben, die Deutschkreuzer Prediger würden in Ödenburg kirchliche Handlungen vornehmen. Pfarrer Villanus (Hofer) klagte 1599: „Bei jedem Wetter ziehen sie gegen Deutschkreutz und Neckenmark. Lieber bringen sie ihre Toten ohne Pfarrer zur Beerdigung, als unsere Dienste in Anspruch zu nehmen. Sonntäglich hört man von vielen Bürgerhäusern das Singen von Kirchenliedern, wo sich oftmals die gesamte Nachbarschaft versammelt. Wenn notwendig der Hausherr selbst Worte des Gebets spricht, und die Kirchen stehen leer.“ 1602 beschwerte sich der Schullehrer Markus Fabricius, dass er kein Schulgeld einnehmen könne. Die Bürger bezahlten lieber Privatlehrer. Die Bürgersöhne studierten weiterhin an evangelischen Schulen und Hochschulen, Christoph Lackner, 16jähriger Sohn des Goldschmieds Adam Lackner, etwa in Csepreg, Stefan Schindler 1588, Michael Rosenkranz 1592, Thomas Mock 1592 – 1594 in Wittenberg, Johann Paurs Söhne in Breslau, andere studierten im polnischen Meseritz, Georg Nussbaum, der Sohn des Notars und Michael Graf in Jena usw.

Auch der neue Stadtpfarrer Wimpfhammer schloss sich den Vorwürfen gegen die Stadt an. 1602 wurde wieder ein strenger Erlass des Erzherzogs Matthias gegen Ödenburg verkündet, der Bürgermeister Pucher und einige Räte wurden wieder nach Wien zitiert. 1602 wurde ein Vertrag mit dem Bischof geschlossen, in dem die Stadt diesem finanziell entgegenkam. Um die Zehentabgaben wurde weiterhin heftig gestritten. Der Bischof ließ Weinhandelszüge aus Ödenburg beschlagnahmen, die Stadt musste diesen Geleitschutz geben. Die Stadt beschwerte sich deshalb beim König. Das Auslaufen wurde aber erneut streng unter Strafe gestellt. Der Bischof ließ auf der Straße nach Deutschkreutz angesehene Bürger gefangen nehmen und beschlagnahmte deren Fahrzeuge. Es mussten hohe „Lösegelder“ bezahlt werden.



Triumph der katholischen Kirche


Die Stadt mischte sich in die kirchlichen Verhältnisse wenig ein, beschwerte sich nur gelegentlich beim Bischof wegen der Vernachlässigung der Benefiziatshäuser und der schlechten Bewirtschaftung der Weingärten. Nach Dalmády wurde Wolfgang Spillinger Stadtpfarrer. Auch er hatte mit seiner Hauwirtin eine Tochter, nahm aber seine Aufgabe sehr ernst. Nach Bán war er gewissenhaft, wenn auch „sehr kampflustig und jähzornig und etwas gewalttätig“. Er stand in enger Verbindung zu Bischof Draskovich.

Nach Spillingers Tod wurde auf Drängen des Domkapitels Konrad Glöckel Stadtpfarrer. Die Benefizien wurden neu verteilt, unter anderen bekamen auch Georg Lamminger und Pfarrer Andreas Scherer Benefizien. Scherer war Pfarrer in Agendorf – Loipersbach und eine problematische Persönlichkeit. Auch Konrad Glöckel und Nikolaus Akatsch waren „beweibt“. Glöckel musste, da er seine Priesterweihe nicht beweisen konnte, zurücktreten. Arkatsch war von Gerengel getraut worden. Ihm und seiner Frau wurde von den Domherrn eine liederliche Haushaltsführung vorgeworfen. 1597 wurde er abgesetzt. Für kurze Zeit war er noch Pfarrer in Agendorf. Auf den Pfarrer Mattes Krinis setzte der Bischof große Hoffnung. Er war zuvor Kaplan des Wr. Neustädter Bischofs. Aber auch er konnte sich in die besondere Ödenburger Atmosphäre nicht einfügen und brachte die Bürgerschaft gegen sich auf. Er geriet immer wieder in Streitereien und Raufereien. Einem Winzer schlug er beide Daumen ab. Die Situation war so gespannt, dass Handwerks- und Hauerburschen das Pfarrhaus stürmten und den Pfarrer beinahe zu Tode schlugen. Weder Bürger noch Stadtwache schritten ein. Krinis wandte sich brieflich mehrmals an Erzherzog Ernst und gab sich als Märtyrer aus. Die Täter wurden festgenommen, ihnen drohte die Todesstrafe. Sie konnten aber fliehen. Krinis wurde mit einem reichen Benefizium und den Pfarren Donnerskirchen und Purbach entschädigt. Im Streit um ein weiteres Benefizium fand er schließlich den Tod.

Georg Lamminger war als verheirateter Priester vom Klosterrat aus Österreich ausgewiesen worden. 1591 war er Pfarrer in Schattendorf und hatte in der Stadt ein Benefizium inne. In der Stadt berichtete er, dass der Schattendorfer Schulmeister Schaller in verschiedenen Häusern lutherische Predigten halte. Am Ödenburger Steintor war er in eine schlimme Schlägerei verwickelt. Lamminger wurde Stadtpfarrer, kassierte in den Dörfern aber weiterhin verschiedene Abgaben, worüber er in eine Prügelei mit den Domherrn geriet. Einer schweren Strafe entging er nur, weil er vorher starb. Villanus war nur für kurze Zeit Stadtpfarrer. Während seiner einjährigen Tätigkeit hatte kein einziger Ödenburger seine Dienste beansprucht. 1599 bis 1603 war Heinrich Wimpfhammer Stadtpfarrer, Auf Verlangen des Bischofs musste der Rat Nachforschungen über sein Vorleben einziehen. Diese ergaben, dass er im Kreise „sehr verrufener Weiber“ in Wien verkehrte. Eine dieser Frauen hielt sich öfter auch in Ödenburg auf.

Die Kirchengebäude waren in der Zeit von 1585 bis 1606 nicht im besten Zustand. Der Abgabendruck auf die Bauern der Stadtdörfer war in dieser Zeit groß. An den Kirchen wurden kaum Ausbesserungsarbeiten durchgeführt. In Agendorf gingen Mess- und andere kirchliche Gegenstände verloren. Der Zechmeister hatte angeblich den Kelch vergraben, dieser wurde jedoch nicht mehr aufgefunden.

Die katholischen Messen wurden kaum besucht. Evangelische Taufen, Trauungen und Beerdigungen waren streng verboten, wurden aber offensichtlich trotzdem durchgeführt. Evangelische Prediger kamen weiterhin in die Stadt. Die Hebammen wurden angewiesen, die Geburten zu melden, weigerten sich aber und wurden vorübergehend eingekerkert. Der katholische Stadtpfarrer Konrad Glöckel konnte sich nicht durchsetzen. Auch die jetzt wieder katholischen Schulen wurden nicht besucht. Hauslehrer und Winkelschulen traten an ihre Stelle. Der Stadtpfarrer ersuchte die Ratsmitglieder, ihre Kinder wieder in die Schule zu bringen. Sie „dürften sich durchaus nicht besorgen, sie müssen papistisch werden, sondern können sie zu ihrer Gelegenheit, wenn sie ausgelernt, wohl anderer Orten verschicken“ (Heimler, S.16). 1590 starb der Stadtpfarrer. Der Stadtrat wollte einen neuen erst wählen, wenn zumindest ein Prediger zugelassen würde. Das wurde abgelehnt. Als Ausweg aus dieser Situation wählte man den ungarischen Adeligen Nikolaus Arkatsch. Von ihm erwarteten die Evangelischen Entgegenkommen. Er war von Gerengel getraut worden, als er noch Benefiziat war. Die Ehe wurde vom Bischof nicht anerkannt, obwohl er die Präsentation von Arkatsch bestätigt hatte. Seit 1601 wurde von den neu gewählten Stadtpfarrern ein Revers verlangt. Pfarrer Johann Wimpfhammer etwa musste zugestehen, dass er den auswärtigen Gottesdienst hinnehmen werde und der „… Verrichtung der Taufen, Trauungen und Beerdigungen durch die Prediger nicht widerstehe“. Die Situation in Ödenburg verschärfte sich aber insofern, als das Raaber Domkapitel nach der Eroberung dieser Stadt durch die Türken nach Ödenburg flüchtete, Wimpfhammer wurde angezeigt und mit der Exkommunikation bedroht. Er wurde schließlich abgesetzt, obwohl sich der Rat hinter ihn stellte und ihm bestätigte, dass es nicht seine Aufgabe war, diejenigen, die „ausliefen“, zu verzeichnen.


Der Wiener Friede und die Zeit Dr. Christoph Lackners – Zweite Blütezeit
des Protestantismus von 1606 bis 1674


1605 blieb die Stadt trotz aller Drangsalierung königstreu und wurde lange Zeit von den Scharen Bocskais, der ja den Kampf um die Glaubensfreiheit auf seine Fahnen geschrieben hatte, belagert. Der Wiener Friede 1606 brachte schließlich für die königliche Freistadt Ödenburg die freie Religionsausübung. Anders war die Situation im Bethlenaufstand. Christoph Lackner huldigte Gabor Bethlen, so wie die meisten Stände Ungarns. 1620 wurden die Aufständischen bei Lackenbach geschlagen, am 5. Mai 1621 huldigte die Stadt wieder Ferdinand II. Der Strafexpedition General Collaltos – die zuvor in Tschapring an die 1000 Bürger ermordet hatte – entging Ödenburg durch das diplomatische Geschick Lackners und durch die Zahlung enormer Summen. 1621 fand in Ödenburg ein Landtag statt. Trotz der Anwesenheit Peter Pázmanys, des Kardinals und Kanzlers und heftigsten Gegners der Lutheraner, konnte die freie Ausübung der evangelischen Religion behauptet werden. Nach Ödenburg kamen zahlreiche Exulanten aus Österreich, etwa evangelischen Jörger von Tollet. Althan, Auersperg, Herberstein, Königsberg, Schellenberg, Trautmannsdorf, Windischgrätz …

Schon Ende 1605 wurde mit Jacob Egerer wieder ein evangelischer Prediger an der St. Georgskirche eingesetzt. Er war gebürtiger Zipser und zuvor Prediger in Ritzing. Vor den Haiducken floh er nach Ödenburg, wo er schon 1605 in Privathäusern predigte. Im November 1606 wurde der gebürtige Neckenmarkter Stefan Fuchsberger als Pfarrer an die Michaelerkirche berufen. Beide Pfarrer wohnten zunächst zur Miete, wurden dann aber in dem 1621 städtischen Haus gegenüber dem Kloster untergebracht. Die Stelle des katholischen Stadtpfarrers blieb längere Zeit unbesetzt, da der neue Bischof Naphrághy die Bedingungen der Stadt nicht annehmen wollte. Vor allem die gemeinsame Benützung der Michaelerkirche lehnte er ab und überließ diese lieber den Protestanten, die das zerstörte Gotteshaus wieder aufbauten. 1608 wurde Kaspar Mayr als katholischer Pfarrer angestellt.

Dass sich das Luthertum in Ödenburg behaupten konnte war auch ein Verdienst des Bürgermeisters Christoph Lackner. Lackner, Sohn eines Goldschmieds, studierte in Bologna, Siena und promovierte in Padua. Als 28-Jähriger kam er nach Ödenburg zurück und wurde sofort in den Stadtrat gewählt. Er vertrat die Stadt auf den Landtagen und am kaiserlichen Hof in Wien und Prag. 1602 wurde er in den Adelsstand erhoben und vom König zum Truchsess und zum Pfalzgrafen ernannt.

1605 gründete er den Studentenbund , der bis 1674 bestand und viele Stipendien vergab. Lackner förderte auch das seit 1606 wieder evangelische Gymnasium und verfasste selbst lateinische Schuldramen.1606 erhielten die Evangelischen alle Kirchen zurück, nur die Heiligen Geistkirche behielt der katholische Stadtpfarrer als Stadtpfarrkirche. 1624 schuf Lackner das erste Ödenburger Konsistorium. Mitglieder waren die Stadt- und ihre Dorfpfarrer und Abgeordnete des Stadtrates. Alle Vierteljahr sollte ein Konvent abgehalten werden, der sich mit Kirchen-, Ehe- und Schulangelegenheiten zu befassen hatte. Es ist nicht bekannt, ob dieser Kirchenkonvent auch noch nach Lackners Tod 1631 weiter bestand. Erst 1667 wurde er wieder neu eingeführt. Lackner wurde in der Georgskirche beigesetzt. Später diente sein Grabstein als Treppenstein im Hause des Jesuitenrektors. Lackner starb kinderlos. Sein beträchtliches Vermögen hinterließ er zu einem Drittel der Stadt, zu einem Drittel der evangelischen Kirchengemeinde und zu einem Drittel stiftete er es für die Auslandsstudien begabter Studenten.

1606 wurde auch das Gymnasium unter der Leitung Stephan Franks, eines gebürtigen Eisenachers, wieder eröffnet. 1620 hatte es 5, 1633 6 Jahrgangsklassen. Der Rat und die Stiftung zahlreicher Stipendien ermöglichten dort die Ausbildung des Pfarrernachwuchses für ganz Transdanubien. Neben dem deutsch-lateinischen wurde auch ein ungarisches Gymnasium eröffnet. Mit der Konversion Franz Nadasdys zum Katholizismus wurde das evangelische Gymnasium in Csepreg eingestellt und es gab für ungarische Schüler evangelischer Herkunft keine entsprechende Bildungsanstalt. Die deutsche Stadt Ödenburg half in dieser Notsituation. In diesem ungarischen Gymnasium stiftete Stephan Witnyedy Freiplätze für sechs ungarische Knaben. 1659 wurde für die evangelischen Schulen eine Aufsichtsbehörde geschaffen, die sich aus den Pfarrern und weltlichen Konventsmitgliedern zusammensetzte. Vorsitz hatte der erste Pfarrer der Stadt als Inspektor.

Als evangelische Pfarrer wirkten Paul Schubert, 1649 bis 1664 Johann Schubert und andere. Neben Schubert wurde der Ödenburger Matthias Lang zum Zweitpfarrer bestellt. Lang, 1622 als Sohn eines wohlhabenden Lederers geboren, wurde im Hause seines Vaters von dem aus Iglau vertriebenen Marin Liebezeit unterrichtet. Er besuchte das Ödenburger Gymnasium und studierte in Breslau und in Wittenberg, wo er als Diakon auf Luthers Kanzel predigte. Die Ödenburger beriefen ihn als Erstpfarrer. 1650 hielt er in der Michelerkirche seine Antrittspredigt. Er heiratete 1655 Rosina, die Tochter des evangelischen Pfarrers Baumgartner in Agendorf. Als Zweitprediger wurde der ebenfalls aus Ödenburg stammende Christian Sowitsch berufen. Er studierte in Königsberg Jura und anschließend Theologie. 1657 heiratete er Maria Barbara, die Tochter des Wiener Kaufmannes Johann Föggler. Mit Lang, Schowitsch und Schubert hatte die evangelische Gemeinde drei tüchtige und gelehrte Pfarrer, die durchaus in der Lage waren, den Angriffen der Jesuiten standzuhalten. Vor allem Lang verfasste mehrere Streitschriften. Auch an der Spitalskirche wirkten bedeutende Persönlichkeiten und mit Stefan Zwonarich, zuvor Hofprediger bei Nadasdy, hatte auch die evangelische ungarische Gemeinde einen bedeutenden Prediger. Er wurde nach Kaschau berufen. Rektor des Gymnasiums war der aus Coburg stammende Christian Seelmann von 1650 bis 1661. Auch er heiratete eine Ödenburger Bürgertochter, Veronika, die Tochter des Stadtrichters Peter Zoana. Der Konrektor Daniel Klesch wurde später als Pfarrer nach Güns berufen. Auf die Kirchenmusik wurde großer Wert gelegt. Bekannte Organisten waren Sylvester Pfarrkirchner und dann, 1629 bis 1656, Andreas Rauch, der bekannte Komponist. Der Kantorlehrer Johann Kusser, ein ausgezeichneter Musiker, wurde nach Pressburg berufen. Sein Sohn Johann Sigismund Kusser, wirkte in Hamburg und als Chordirigent des irischen Vizekönigs in Dublin. Die Stadt bezahlte etwa 1674 Sänger, Violinisten, Fagottisten, Bassgeiger, Turmmusiker und Trompisten. Matthias Lang gab ein neues Gesangbuch heraus. Nicht alles war in der Kirchengemeinde in bester Ordnung. Dr. Hans Georg Ribstein, Mediziner, Mitglied des Inneren Rates und Inspektor der Lateinschule, hatte ein Verhältnis mit seiner Dienstmagd, musste diese heiraten und wurde einige Jahre später wegen Ehebruchs mit seiner Cousine zum Verlust seines beträchtlichen Vermögens verurteilt. Auch der Zwist zwischen Pfarrer Lang und Bischof Mussay brachte Probleme mit sich. Die Ödenburger waren sehr auf ihre Selbständigkeit bedacht und wollten sich nicht dem Bischof unterordnen.



Die katholische Stadtpfarre unter Georg Zichy

Trotz der im Wiener Frieden zugesicherten Glaubensfreiheit gingen die Angriffe gegen die evangelische Kirche weiter, vor allem nachdem die Stadt mit dem Übertritt Franz Nadasdys zum Katholizismus 1643 die letzte Stütze unter dem Hochadel verlor. Bischof Draskovich wurde von seinem jüngeren Bruder, der nach dem Tode Esterházys 1646 bis 1648 Palatin war, sowie von dessen Nachfolgern Paul Pállfy und Franz Wesselényi unterstützt. In der Führung des Komitates saßen nunmehr fast ausschließlich katholische Hochadelige.

Die Interessen Ödenburgs vertraten hoch gebildete und mutige Amtsinhaber wie etwa Dr. Erhard Artner, in Tübingen studierter Jurist, Bürgermeister, Richter und Rat und königlicher Truchsess, oder Peter Zoana, Georg Christian Zoana, Georg Grad und andere. Eine zunehmend wichtigere Rolle spielte Stefan Wittnyédy, der von der Stadt als ungarischer Notar angestellt wurde. Er, der leidenschaftliche Protestant und Magyare, sollte sich für die Stadt als großes Unglück erweisen. Er war ehrgeizig, arrogant und bei den Ödenburger Bürgern keineswegs beliebt. Wittnyédy wurde in Sárvár geboren. Sein Vater war leitender Beamter bei Nadasdy. Mit 26 Jahren wurde er neben dem deutschen Notar als ungarischer Notar bestellt. Er nahm mit Erhard Artner und Matthias Löw am Preßburger Landtag teil. Er war Vertrauter des Grafen Nikolaus Zrinyi. 1640 heiratete er Susanne Radl und kam dadurch zu einem entsprechenden Vermögen, das er eifrig vermehrte und sich schließlich ein prächtiges Haus in der St. Georgsgasse baute, gegen den Willen der Bürgerschaft, von der er immer wieder Gratisleistungen forderte. Er setzte sich für die ungarische Schule in Ödenburg ein und stiftete Stipendien für ungarische Studenten. 1647 trat er am Landtag sehr aggressiv gegen den Primas Lippay auf. Den Notarsposten in Ödenburg quittierte er. Wittnyedy war eine der zentralen Persönlichkeiten und wahrscheinlich der Hauptorganisator der „Wesseley’schen Verschwörung“. Der Verurteilung und Hinrichtung entging er nur durch seinen vorzeitigen Tod.

Nach dem Linzer Frieden brach in Ödenburg der Streit um die Benützung der Glocken wieder aus. Die Stadt beharrte auf ihrem Recht, die Glocken, die sie ja mit ihrem Geld angeschafft hatte, auch für evangelische Zwecke benützen zu dürfen. 1649 wurde die Angelegenheit auf dem Preßburger Landtag verhandelt. Streitgegenstand waren auch Grabgebühren, die der katholische Pfarrer nunmehr verlangte. Draskovich konnte sich aber nicht mehr durchsetzen.

1666 starb der Stadtpfarrer Franz Wittnyedy, wahrscheinlich ein Cousin des Notars. Er war 1655 bis 1666 Stadtpfarrer und ein energischer Vertreter seiner Gläubigen. Mit der Stadt trug er manche Streitigkeiten, etwa um die Pfarrwiese und um Waldrodungen aus. Nachfolger war Georg Zichy, Chorherr in Gran. Seine Familie trat in seiner Kindheit zum Katholizismus über. Zichy verlangte höhere Abgaben, obwohl die Stadtpfarre keineswegs arm war. Sie besaß 105 Joch Ackerland, 5 Wiesen, drei Gärten, einen Obstgarten und 14 Weingärten. Dazu kam ein Benefizweingarten in der Größe von 68 Pfund. Zichy besaß zusammen 8 Benefizien. Er hielt keine Predigten und las selbst auch keine Messen. Dem Raaber Bischof gestand er nicht das Recht zu ihn zu visitieren. Während der Weihnachtsmette hatte er auf der Kanzel einen Schlaganfall und starb. Seine Aufregung wurde durch die Frage eines Kirchenbesuchers ausgelöst, warum er unter lauter Deutschen eine ungarische Messe zelebriere. Stadtrichter und später Bürgermeister war in dieser Zeit Matthias Preiner, Stütze des Stadtpfarrers und sehr entschieden Katholik. Gegen ihn gab es in der evangelischen Bürgerschaft Widerstand. Im Oktober 1681 wurde auf ihn vor seinem Haus ein Attentat verübt. Preiner begünstigte die Katholiken. Vom Mauer- und Torwächter bis zum Magistrat wurden nur Katholiken eingestellt.



Die Blütezeit der evangelischen Stadtdörfer Agendorf und Loipersbach

In den Stadtdörfern wirkten noch längere Zeit „katholische“ Pfarrer. Namentlich bekannt ist nur Martin Floder. Er wurde nach Trautmannsdorf berufen. Sein neuer Grundherr ersuchte den Ödenburger Rat schriftlich, man möge das von Floder gesäte Getreide herausgeben. Nach Floder war Georg Schiller Prediger in Agendorf. Er vertrat 1573/74 den bereits kranken Pfarrer Musaeus in Ödenburg. Erasmus Fellner dürfte der erste evangelische Prediger gewesen sein. Er wird noch 1586 erwähnt. Loipersbach war jedenfalls nach dem Kauf durch die Stadt keine selbständige Pfarre mehr. Mörbisch wurde von Kroisbach aus mitbetreut, ein Kaplan. Als „Halbpfaff“ bezeichnet, eingesetzt. In Agendorf mit den Filialen Loipersbach und Wandorf war im Jahre 1586 ein Pfarrer namens Martin Edlinger tätig, 1588 ein Andreas Scherer, Bán meint, dass sie nur zum Schein katholische Pfarrer waren. Scherer bekam ein Benefizium in Ödenburg. 1592 bewarb er sich um das Benefizium zu St. Michael, bekam es aber nicht. Obwohl der städtische Klerus gegen ihn war konnte er seinen Rivalen Reiter verdrängen. Der städtische Notar Sebastian Dobner teilte dem Statthalter mit, dass Scherer nur ein Jahr Theologie studiert hatte, fast keine Lateinkenntnisse hatte, als Mörder aus dem Salzburger Kirchenbezirk geflohen war, den Kreuzpfarrer in Ödenburg mit einem Messer bedrohte. Einem Mann entriss er die Frau und zeugte mit dieser sechs Kinder. In Agendorf hielt er über ein Jahr lang keine einzige Messe. Wer beichten wollte wurde davongejagt. Er vernachlässigte seine Weingärten und widmete sich lieber seiner Vogelzucht.

Nach dem Wiener Frieden 1606 erhielt die Stadt die freie Religionsausübung zugestanden. Damit durften auch in den Stadtdörfern wieder evangelische Prediger und Schulmeister angestellt werden. In Agendorf wurde Christian Schweiger Prediger. Später kamen Martin Liebezeit und der aus Nobschitz vertriebene Karl Baumgartner. Der Rat schrieb vor, wann er in den beiden Filialen zu predigen hatte. Die Visitation durch Senior Schubert im Jahre 1641 stellte der Agendorfer Kirchengemeinde ein gutes Zeugnis aus.  In Agendorf wurden seit 1650 Matrikelbücher geführt, in Loipersbach 1662. Pfarrer waren Baumgartner, Heinrich Trost und Matthias Rosner, Lehrer war Thomas Faust.

1662 wurde Loipersbach von der Muttergemeinde Agendorf gelöst und eine selbständige Kirchengemeinde. Der erste Pfarrer wurde der eben erst aus Wittenberg zurückgekehrte Matthias Rosner. Er wirkte in Loipersbach nur zwei Jahre. Nach dem Tod des Karl Paumgartner wurde er nach Agendorf berufen, wo er bis 1573/74, bis zu seiner Vertreibung, wirkte. Sein Nachfolger war Hieronymus Christoph Fohmann, zuvor Pfarrer in Kobersdorf und Weppersdorf und von dort vertrieben. Agendorf und Loipersbach wurden in der Zeit, als die Gegenreformation in den Esterhazy-Herrschaften voll anlief, Zufluchtsorte für Evangelische aus der ganzen Umgebung, besonders aus Pöttelsdorf und Walbersdorf.



Gründung des Konsistoriums (Konvents)

Am 5. Mai 1667 wurde das Konsistorium wieder begründet und damit angesichts des immer stärker werdenden Drucks der katholischen Seite die Trennung von Kirchlichen und weltlichen Angelegenheiten vollzogen. Die kirchlichen und weltlichen Vertreter im Konsistorium sollten die gesamte evangelische Gemeinde repräsentieren. Das Konsistorium sollte für Kirchenzucht sorgen und etwa auch für die Regelung von Eheangelegenheiten. Zum ersten Präses wurde der Bürgermeister Georg Grad gewählt, nicht wegen seines Amtes, sondern weil er als würdiger Vertreter der evangelischen Gemeinde galt. Zweiter Vorsitzender war Leopold Natl, Notar Johann Andreas Preining. Fünf Mitglieder des Konvents kamen aus dem Stadtrat. Hinter dieser Gründung stand der zweite Stadtpfarrer Mathias Lang, selbst gebürtiger Ödenburger. Es ging dabei auch um den Gegensatz der evangelischen Gemeinde Ödenburg zur ungarisch dominierten Superintendentur, die versuchte, ihr Visitationsrecht auf Ödenburg auszudehnen. Schon 1655 hatte eine Partikularsynode in Harkau stattgefunden, in der Bischof Georg Musay versuchte hatte, seine bischöfliche Autorität auch auf die Stadt auszudehnen. Er war damit aber nicht durchgedrungen. Der Streit wurde aber bald angesichts der verstärkt einsetzenden Gegenreformation unwichtig und endete, als Bischof Stephan von Fekete in Pressburg zum Katholizismus übertrat. Von 1673 bis 1742 hatte die evangelische Kirche keinen Bischof. Als der Distrikt 1742 einen neuen Superintendenten bekam musste sich dieser per Revers verpflichten, die Autonomie Ödenburgs und der Artikularkirche von Nemescsó nicht anzutasten. Bis 1812 fand in Ödenburg keine bischöfliche Visitation statt.



Die Jesuiten fassen Fuß

In die Stadt der Bürger kamen immer mehr Adelige, vor allem Flüchtlinge nach der Niederlage bei Mohacs. Sie wurden aufgenommen und konnten auch Häuser erwerben, bekamen aber keinen Sonderstatus zugestanden. Sie mussten so wie alle anderen Bürger Steuern zahlen und Dienste leisten (z. B. Wachdienst). Dies änderte sich mit dem Friedensschluss von 1606. Dem Adel wurde ein freies Niederlassungsrecht in den königlichen Freistädten zugestanden, unter Beibehaltung ihrer adeligen Privilegien, vor allem was die Gerichtsbarkeit betraf. Nun tauchten auch in Ödenburg immer mehr ungarische adelige Hausbesitzer auf, 1614 ein Graf Esterházy, gefolgt von den Erdödy, Káldy, Zichy …Im 18. Jahrhundert erwarben die Magnatenfamilien Häuser in der Innenstadt und bauten dort ihre Palais. Zwar wurde kein einziger Adeliger je in eine städtische Funktion gewählt. Die Gefahr für die städtische Autonomie war jedoch groß, da sich die Magnatenfamilien, allen voran die Esterházy, bald massiv in die kirchlichen Angelegenheiten einmischten. Dazu kam, dass sich der Adel erfolgreich der städtischen Gerichtsbarkeit entzog.

Die Einschränkung der städtischen Freiheit zeigte sich besonders in der Frage der Jesuitenansiedlung in der Stadt. König Ferdinand II. ordnete die Gründung einer Jesuitenschule an. Dagegen protestierte die Stadt, denn im Wiener Frieden war die Niederlassung von Jesuiten im gesamten Königreich Ungarn untersagt worden. Die Stadt bot vergeblich die Errichtung einer katholischen Schule an. Der König beauftragte Esterházy mit der Durchführung seiner Anordnung. Schließlich musste die Stadt einem Kompromiss zustimmen. Die Jesuiten bekamen die Erlaubnis, zwei Häuser in der Wiener Vorstadt zu erwerben. Bischof Draskovich überließ ihnen den Kreuzhof der Johanniter und die Jesuiten begannen sofort mit der Einrichtung einer Schule und eines Konvikts. Proteste der Stadt wurden vom König zurückgewiesen. Nach der Aufdeckung der Wesselenyischen Verschwörung benützten die Jesuiten die Gelegenheit, auch in die Innenstadt vorzudringen. Der Stadt wurde ja die Beteiligung des ungarischen Notars Stephan Wittnyédy an der Verschwörung zur Last gelegt, obwohl man in Ödenburg die Umtriebe des Notars nur mit Widerwillen zur Kenntnis nehmen musste und dieser in der Stadt wegen seines arroganten Auftretens keineswegs beliebt war. 1674 erhielten die Jesuiten das große Haus Vittnyedys. 1679 wurde es dem Raaber Domkapitel übergeben. Die Häuser, die die Jesuiten nun im Anschluss an die Georgskirche besaßen, dienten den Jesuiten als Kollegium, 1691 wurden das Gymnasium und das Konvikt eingerichtet. Die Georgskirche wurde im barocken Stil umgebaut.




Literatur:

  • Alpar, Geyza: Sopron im Zeitalter der Reformation. In: Reformation und Gegenreformation im pannonischen Raum. Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland Band 102. Eisenstadt 1999
  • Bán, Janos: Sopron újkori egyház története (Die neuzeitliche Kirchengeschichte von Sopron), Sopron 1939
  • Floiger, Michael: Das alte Ödenburg. In: Geographisches Jahrbuch Burgenland, Band 33. 2008 - im Internet auf der Seite oedenburgerland.de
  • Heimler, Heinrich - Spiegel-Schmidt, Friedrich: Deutsches Luthertum in Ungarn. Düsseldorf 1955

 

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