Die Ereignisse vom Zusammenbruch der Donaumonarchie bis zum Ende der Räteherrschaft im Sommer 1919 sind nach wie vor in der Geschichtsschreibung umstritten und werden - je nach ideologischem Standpunkt der Historiker - sehr unterschiedlich beurteilt. Während man in kommunistischer Zeit darin eine Vorstufe der proletarischen Revolution sah wurden  und werden in der bürgerlichen und nationalen Geschichtsschreibung vor allem der "rote Terror" der Rätezeit betont. Umstritten ist, wie weit die republikanische Regierung und vor allem die Räteregierung tatsächlich vom "Volk" betragen wurden oder nur die Angelegenheit einer kleinen intellektuellen und überwiegend jüdischen Minderheit waren. Es wird immer wieder darauf hingewiesen, dass von den 26 Kommissaren 18 Juden waren.  Dadurch wäre der Antisemitismus in Ungarn stark begünstigt worden.Der "Jude" wurde zum Feind der ungarischen Nation. Die Räteregierung in Ungarn sei der erste Versuch gewesen, den sowjetischen Bolschewismus  "exportieren". Nicht geleugnet kann der Terror der "Leninbuben", der roten Garden, werden. Davon kann auch der Hinweis auf die angeblich viel größere Opferzahl des "weißen Terrors" nach der Niederschlagung der Räteherrschaft nicht entlasten.

 

Die "Asternrevolution"

So wie in Deutschland und Österreich war  das Kriegsende auch in Ungarn  mit schweren Erschütterungen in der Gesellschaft verbunden. Diese wurden durch die Problematik der nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen  verschärft. Nur etwa die Hälfte der 18,2 Millionen Einwohner des Königreiches waren Magyaren, 16 % Rumänen, je 10 % Deutsche und Slowaken, 4 % Serbokroaten und 3 % Ruthenen (Ukrainer). Über 900 000 Personen waren Juden, von denen sich etwa 700 000 zur magyarischen Nation bekannten. Juden spielten im Kulturleben wie in der Wirtschaft eine sehr große Rolle.  346 jüdische Familien wurden in den Adelsstand erhoben. Ferenc Corin etwa  kontrollierte 40 % der Kohleförderung  und war Präsident des Industriellenverbandes, Baron Zsigmond Kornfeld  war Präsident der Budapester Börse und der Ungarischen Allgemeinen Kreditbank, sein Sohn Móric war Präsident des Verbandes der Eisenbahn- und Maschinenindustrie und  Generaldirektor der Maschinenbaufirma Ganz -Danubius,  die Familie  Weisz kontrollierte die Rüstungsfabriken in Csepel , die Familie Deutsch  die Mühlenindustrie und Zuckerindustrie. Interessant ist, dass auch der Vater des linken Intellektuellen György Lucáts zu den mächtigsten Vertretern des Finanzkapitals gehörte. Er  war Generaldirektor der Englisch-
österreichischen Bank und der Kreditbank.
 

In wirtschaftlicher Hinsicht hatte das Königreich Ungarn vor dem Krieg eine Phase stürmischer Entwicklung erlebt. Das Wirtschaftswachstum lag über dem europäischen Durchschnitt, die Industrialisierung schritt rasch voran.  Von 1867 bis 1914 stieg der Anteil von Industrie und Bergbau von etwa 18 auf über 30 %, Auch wenn die Agrarproduktion verglichen mit der westlichen Reichshälfte noch immer sehr hoch war  (mehr als 50 % des Gesamtstaates) war Ungarn kein reiner Agrarstaat mehr. Regional sehr ungleich war freilich die Verteilung der Wirtschaftszweige. In jeder Beziehung dominierte die Hauptstadt Budapest, im Finanzwesen, in der Industrie und auch in der Kultur. 60 % aller Großbetriebe und 28 % aller Fabriksarbeiter konzentrierten sich in der Hauptstadt. Ein Fünftel der Einwohnerschaft der rasch wachsenden Metropole, die Wien in vielerlei Hinsicht überholt hatte, waren Juden. Unterentwickelt war das Bildungs- und das Gesundheitswesen. Im ganzen Land gab es nur 5800 Ärzte, Geschlechtskrankheiten und Tuberkulose waren weit verbreitet, die Säuglingssterblichkeit noch immer sehr hoch. Jeder dritte Einwohner Ungarns war Analphabet.

Der Großteil der Bevölkerung hatte keinen Anteil am politischen Geschehen. Nur 12 % der erwachsenen Bevölkerung hatten das Wahlrecht. Alle Versuche, das Zensuswahlrecht auszuweiten, waren gescheitert. Im prächtigen Parlament saßen noch immer die alten Eliten. Von 413 Abgeordneten waren nur 5 Vertreter der nichtmagyarischen Nationalitäten, nur zwei waren Bauern und kein einziger Arbeiter. Die Besitzverhältnisse in der Landwirtschaft waren noch immer durch den Großgrundbesitz geprägt. Von den 23,9 Millionen ha Boden entfielen nur 7,6 Millionen auf auf die 2,5 Millionen  bäuerliche Betriebe bis 20 ha. Von diesen 2,5 Millionen Betrieben waren 1,5 Millionen Kleinst- und Zwergbetriebe mit 6 Millionen Menschen, die nicht in der Lage waren, eine Familie zu ernähren. 71 000 Großgrundbesitzer, 0,3 % der Bevölkerung, besaßen ein Drittel des Landes. Auf deren Güter arbeiteten noch immer 1,8 Millionen Landarbeiter, mit Angehörigen 4,4 Millionen Menschen.  184 Familien des  Hochadels besaßen  über 6 000 ha, etwa Graf Moritz Esterházy 300 000 ha oder der Ministerpräsident Graf István Tisza  86 000 ha.
 

Mit den Großgrundbesitzern eng verbunden  waren die führenden Bankiers-, Industriellen- und Kaufmannsfamilien, deren Bestreben nicht selten dahin ging, in den grundbesitzenden Adel aufgenommen zu werden. Die bürgerliche Mittelschicht aus Beamten, Freiberuflern, Hausbesitzern, Gewerbetreibenden und größeren Bauern wuchs zwar allmählich an, zählte aber 1914 kaum mehr als 4 Millionen Personen. Zur Arbeiterschaft  in den Großgewerbe- und Industriebetrieben der größeren Städte waren mit Angehörigen etwa 3,4 Millionen Personen zu zählen. In ihr waren die Magyaren mit 63 % und die Deutschen mit 16 % überproportional vertreten.

Nach einigen bescheidenen frühen Ansätzen begann die Arbeiterschaft sich zu organisieren, zunächst in Selbsthilfe- Und Bildungsvereinen, dann in den Gwerkschaften, die in 28 Branchenverbänden  organisiert waren  und 1914 107 000 Mitglieder hatten. 1890 wurde die  Sozialdemokratischen Partei Ungarns Magyarorszagi Szociáldemokrata Párt (MSzDP) gegründet.  Mit »Nepszava« (Volkswort) verfügte sie über eine Tageszeitung und über eine theoretische Schrift "Szocializmus". 1913 gab es etwa 73 000 Parteimitglieder.  Im Parteiprogramm von 1903 wurde die Vergesellschaftung der kapitalistschen Produktionsmittel  zur Beseitigung von Ausbeutung und Unterdrückung gefordert. Der weltliche und geistliche Großgrundbesitz sollten enteignet werden, Banken, Bergwerke und Verkehrsmittel in Gemeineigentum überführt werden.

Die führenden Persönlichkeiten in der sozialistischen Parte waren  der Buchbinder Manó Buchinger, der Steinmetz Deszö Bokányi, der Mechaniker Ernö Garami, der Tischler Jakab Weltner, der Lehrer Dr. Szigmond Kunfi, der Maurer Sándor Garbai  und der Techniker Vilmos Böhm.  Führende Gewerkschaftsfunktionäre waren der  Drucker Gyula Peidl  und Samu Jászai, der Tapezierer Sándor Propper. Weitere Parteiführer waren  der Buchbinder Deszö Biró, der Drucker Mór Erdélyi, der Schuhmacher István Farkas, der Schriftsteller Dr. József Pogány, der Ökonom Dr. Jenö Varga, der Jurist Dr. Zoltán Rónai. Der marxistische Theoretiker  Ervin Szabó, von Beruf Jurist, brach mit der  Führung der Partei, der Journalist Gyula Alpári, der Landarbeiterführer  István Várkonyi  und  Graf Ervin Batthány wurden ausgeschlossen. Während der Revolution gelang es einigen regionalen Parteifunktionären, in die Parteiführung aufzusteigen, darunter  der Journalist Béla Kun und Dr. Sándor Vincze aus Klausenburg, der Stahlarbeiter Reszö Fiedler aus Arad und der Arzt Dr. Jenö Hamburger aus Nagykánizsa. Zur Linken gehörte auch der "Sonntags - Kreis" (1915-1918) um den Philosophen Dr. György Lukács und den Dichter Béla Balázs.
 

Neben der Sozialdemokratie konnten sich  auch zwei kleinbürgerliche Gruppierungen im Kampf um die Beendigung des Krieges, das Wahlrecht, die Bodenreform und der nationalen Neuordnung des Landes etablieren. Im Juli 1916 wurde von Graf  Mihály Károlyi  geführte "Függetlenségi es 48-as Párt" (Unabhängigkeits- und 48er Partei – FP) gegründet. Schon im Juni 1914 entstand die  von dem Soziologen Dr. Oszkár Jászi und dem Juristen Pál Szende geführte  "Országos Polgári Radikalis Párt" (Bürgerlich- Radikale Landespartei – OPRP). Sie hatte ihr ideologisches Fundament in der Zeitschrift  "Zwanzigstes Jahrhundert" (1900), in der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft und war mit der Freimaurerloge "Martinovic" und dem "Galilei-Kreis" (1908-1918) eng verbunden.

In den letzten beiden Kriegsjahren wuchs die Unzufriedenheit. 600 000 Soldaten waren gefallen, 750 000 schwer verwundet und ebenso viele in Gefangenschaft. Die Einkommen der Arbeiter war um 50 %, das der Taglöhner auf 40 % der Vorkriegszeit gesunken, die Versorgungssituation wurde immer schlechter. Im Frühjahr 1918 musste die Brotration auf 50 g herabgesetzt werden. Die Unzufriedenheit und die Spannungen bündelten sich zunächst in der Frage des Wahlrechtes, das den Vaterlandsverteidigern noch immer größtenteils vorbehalten wurde. Die Oppositionsparteien schlossen sich zum "Wahlrechtsblock" zusammen, die Gewerkschaften und die Sozialdemokraten bekamen starken Zulauf. Galilei - Kreis und syndikalistische Arbeiter gründeten im Herbst 1917 die Gruppe der Revolutionären Sozialisten.   Der Wiener Hof sah sich gezwungen, den Ministerpräsidenten Graf István Tisza abzulösen. An seine Stelle trat Sándor Wekerle.


Die Forderungen nach Frieden, Bodenreform, Nationalisierung und Rätemacht standen nun im Zentrum der politischen Auseinandersetzung.
Die Herrschenden sahen sich zunehmend gezwungen, gemäßigte und kooperationswillige Sozialdemokraten in die Regierungen einzubinden. Auf dem Parteitag der Sozialisten am 13. Oktober 1917 trat  Szigmond Kunfi, damals der einflussreichste Führer der ungarischen Sozialdemokratie, für eine  Regierungsbeteiligung ein. Die Sozialdemokratie müsse mit den bürgerlichen Parteien zusammenarbeiten, da ihr allein die Kraft fehle, dem russischen Weg zur Rätemacht zu gehen. Die  die linke Minderheit um József Pogány  hingegen verlangte  den Aufbau von Arbeiterräten.
 

Am 25. Oktober 1918 trat Wekerle zurück.  Sozialdemokraten, Bürgerlich - Radikale und  Karolyi -Partei bildeten den Ungarischen Nationalrat unter dem Vorsitz von Graf Mihaly Károlyi. Gemeinsam beschlossen sie das Zwölfpunkteprogramm  zu veröffentlichen :  I. Das gegenwärtige
parlamentarische und Regierungssystem ist abzuschaffen. II. Die volle Unabhängigkeit Ungarns ist sicherzustellen. III. Der aussichtslos gewordene Krieg ist sofort zu beenden. IV. Das allgemeine, gleiche, geheime, das Frauenstimmrecht umfassende Wahlrecht ist unverzüglich zum Gesetz zu erheben. V. Das Selbstbestimmungsrecht ist allen Völkern des Landes ...sofort zu gewährleisten. VI. Die Freiheit der Versammlung und Vereinigung..., die Preß-Gewissensfreiheit ist gesetzlich zu sichern. VII. Eine allgemeine Amnestie ist allen zu erteilen, die wegen politischer Vergehen verurteilt worden sind. VIII. Der drohenden Hungersnot ist vorzubeugen. IX. Eine umfassende Agrarreform ... und entsprechende sozialpolitische Reformen sind einzuleiten. Dem Anhäufen übermäßiger Kapitalien ist entgegenzuwirken. Diese sind öffentlichen Zwecken dienstbar zu machen. X. Die neu entstandenen ukrainischen, polnischen, tschechischen, südslawischen und deutsch-österreichischen Gemeinwesen sind von Ungarn anzuerkennen. XI. Es sind geeignete Vertreter... zu betrauen, die die wahren Ziele der ungarischen Demokratie dem Ausland näher bringen. XII. Bei den allgemeinen Friedensverhandlungen ist Ungarn durch Männer zu vertreten, die rückhaltlose Anhänger der Idee der Abrüstung ... und des Völkerbundes sind." (Zitiert nach: Michael Graf Károlyi: Gegen eine ganze Welt, S. 458 f.)

Am 27. Oktober 1918 ernannte König Karl Graf János Hadik zum ungarischen Ministerpräsidenten.  Dagegen gab es vor dem Schloss und dem Parlament in Budapest heftige Demonstrationen, die die Ernennung des Vorsitzenden des Nationalrates Graf Mihaly Károlyi zum Ministerpräsidenten forderten.  Der Soldatenrat der Budapester Garnison ließ die Bahnhöfe, die Telefonzentrale und die Banken besetzen. Es folgten Ausschreitungen gegen Offiziere, denen die Rangabzeichen heruntergerissen wurden. Weiße Astern wurden von den "revolutionären" Soldaten in die Gewehrläufe gesteckt. Marodierende  "Soldaten" drangen in die Wohnung des greisen Grafen Tisza ein und ermordeten diesen. Am 31. Oktober betraute König Karl den 43 - jähirigen "roten Grafen" Karolyi mit der Regierungsbildung. Die Károlyi - Regierung (bis 29. Januar 1919) bestand bis 29. Jänner 1919 aus den Vertretern der Karolyi Partei Graf Tividar Batthány  (Inneres) , Marton Lovászy  (Bildung), Barna Buza  (Landwirtschaft), Vetretern der Sozialdemokraten  Ernö Garami ( Handel), Szigmond Kunfi ( Wohlfahrt) und der Radikalen Partei  Oszkár Jászi  (Nationalitäten), Pál Szende (Finanzen) , Dénes Berinkey (Justiz). Parteilosen Minister waren Ferenc Nagy (Ernährung) und Béla Lindner (Verteidigung). Lindner  wurde am 9. November 1918 von Albert Bartha von der Károlyi - Partei abgelöst.
 

Am 2. November 1918 wurde ein zentraler Budapester Arbeiterrat "gewählt". Den Vorsitz übernahmen  die Gewerkschaftsführer der Drucker, Moritz Preusz, und der Eisenbahner, János Vanczák  und die linken Sozialdemokraten  Dr. Jenö Landler und György Nieysztor  von der Landarbeitergewerkschaft. Zum Vorsitzenden des Zentralen Budapester Solddatenrates  wurde Pogány  Am 16. November 1918 übertrugen unter dem Druck der Straße die vor dem Krieg gewählten Abgeordneten des ungarischen Parlaments die oberste Staatsgewalt auf die Károlyi-Regierung.  Diese rief  sogleich die Volksrepublik Ungarn aus und  erklärte die  Herrschaft der Habsburger für beendet.

Am 13. November 1918 schloss  die Revolutionsregierung mit dem Oberkommandierenden der französischen Balkanarmee, Marschall
Louis Franchet d’Esperey, Waffenstillstand. Weite Teile des Landes waren von den Nachbarn besetzt. Die Frage war, wie es weitergehen sollte und ob es gelingen konnte, Ungarn in seinen historischen Grenzen zu erhalten, wofür allerdings angesichts der Unabhängigkeitserklärungen der nichtmagyarischen Nationalitäten kaum eine Chance bestand.

Einen Versuch, Ungarn in eine "Föderation der ungarländischen Nationen" nach Schweizer Vorbild  umzuwandeln, unternahm der Minister Oskar Jászi, stieß dabei aber auf den Widerstand der Minister der Karolyi - Partei. Die Vorschläge Jaszis fanden durchaus Sympathie in Kreisen der Minderheiten, die ein Weiterbestehen des alten Ungarn bei weitestgehender Autonomie befürworteten, wurden aber von der Entwicklung überholt. Serbische, rumänische und tschechische Truppen marschierten im Jänner 1919 in Ungarn ein und besetzten weite Gebiete, mit wohlwollender Unterstützung vor allem Frankreichs.

Durch die ungeheure Empörung über die Erniedrigung Ungarns und den "Raub ungarischer Gebiete" entstand eigentlich erst eine revolutionäre Situation, die keineswegs in erster Linie  eine soziale Revolution war. Die Umsetzung des 12- Punkte - Programms wurde damit praktisch unmöglich. Innerhalb der Koalition gab es Spannungen. Albert Bartha, der Kriegsminister, ordnete den Aufbau einer schwer bewaffneten "Alarmgruppe" an, um diese gegen die Radikalen einzusetzen, musste seine Absichten allerdings verheimlichen   Als er die revolutionäre Budapester Garnison auflösen wollte, erzwangen  Matrosen und Soldaten, unterstützt vom Zentralen Budapester Soldatenrat, am 12. Dezember 1918 seinen Rücktritt. Sein Nachfolger, Károlyis Schwager Graf Sándor Festetics  setzte diese Politik fort. Auch andere Minister des rechten Flügels der Karolyi-Partei, Graf  Batthány und Marton Lovászy, die auf Ententetruppen im Kampf gegen die Revolution hofften, mussten zurücktreten.

Da die sozialökonomischen Reformen ausblieben griffen kleine Gruppen zur "Selbsthilfe" - Bauern teilten eigenmächtig Großgrundbesitzungen auf, Arbeiter übernahmen die Kontrolle über manche Betriebe. Ein unruhiges Element waren neben den Invaliden und den aus der Kriegsgefangenschaft entlassenen auch die Vielen Flüchtlinge aus den von den Nachbarstaaten besetzten Gebiete, darunter ehemalige Beamte und Offiziere.

Umstritten ist bis heute, welche Rolle der "russische Faktor", also das Vorbild der Oktoberrevolution spielte und welche Bedeutung der Kommunistischen Partei (Kommunisták Magyarországi Pártja – KMP) zukam. Im März 1918 war unter ungarischen Kriegsgefangenen eine Sektion der Kommunistischen Partei unter der Führung des Journalisten Bela Kun ( Adalbert Kohn) entstanden. Am 4. November 1918 wurde in Moskau ihr Zentralkomitee  gebildet. Dieses forderte die ungarischen Kommunisten zur Rückkehr in die Heimat auf. Eine Woche nach seiner Ankunft in Budapest gründete der Lenin-Vertraute Kun am 24. November 1918 die neue Partei. Ihrem ZK gehörten nicht nur die leitenden Kommunisten der ungarischen Sektion der kommunistischen Partei an wie Vántus, Fiedler, der Journalist Tibor Szamuely, die Angestellten Ferenc Jancsik, Ernö Pór  und Ernö Seidler  und der Goldschmied József Rabinovic  an, sondern auch linke Sozialdemokraten an wie etwa der Anwalt Jenö László, der Journalist László Rudas und Revolutionäre Sozialisten vertreten an - Ottó Korvin,  József Mikulik, der Schriftsteller József Lengyel, die Ingenieure Gyula Hevesi, Ármin Helfgott und József Kelen.. Lukács vom Sonntagskreis kam am Jahresende hinzu. Die kommunistische Partei  zählte bis Jahresende etwa 35 000 Mitglieder. Sie erhielten finanzielle Zuwendungen aus Moskau und konnten damit  die Zeitung  "Vörös Ujság" (Rote Fahne) ab  7. Dezember 1918 herausgeben. Sie forderten die Verstaatlichung der Industrie  und des Großgrundbesitzes und konnten in den Arbeiter-, Betriebs- und Soldatenräten Fuß fassen.

 
Die bürgerlich - sozialdemokratische Koalition wehrte sich gegen diese radikalen Umtriebe. Rebellierende Bauern wurden umgebracht, gegen die Bergarbeiter und Soldaten in Salgótárjan  vom Sekretär der Bergarbeitergewerkschaft Károly Peyer  das Standrecht verhängt  und 16 Personen erschossen. Über die weitere Strategie wurde in der Sozialdemokratischen Partei heftig diskutiert. Einige Vertreter im Ausschuss und im Arbeiterrat wollten die Bildung einer rein sozialistischen Regierung, andere bestanden auf eine bürgerliche Regierung. Die Mehrheit war für die Fortsetzung der Koalitionsregierung, wollte aber mehr sozialdemokratische Minister. Am 11. Jänner 1919 berief das Exekutivkomitee des Nationalrates Graf Michael Karolyi zum Präsidenten, der Justizminister Berinkey wurde mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Die Sozialdemokraten erhielten die Ministerien Verteidigung (Böhm), Volkswohlfahrt (Peidel), Bildung (Kunfi) und Handel (Garami), die bürgerlichen Parteien behielten die Ressorts Landwirtschaft, Finanzen, Justiz und die Beauftragten für die deutschen und ruthenischen Autonomiegebiete.

Der Ausschuss der Sozialdemokratischen Partei beschloss, die Gewerkschaften und Räte von Kommunisten zu säubern, was aber etwa im Zentralen Soldatenrat nicht gelang. Am 3. Februar 1919 verwüsteten Polizisten die Redaktionsräume der kommunistischen Zeitung Vöros Ujság und beschlagnahmten alle Papiervorräte. Justizminister Juhasz-Nagy unterstützte die Pläne des Polizeipräsidenten Károly Dietz, die Kommunisten gewaltsam auszuschalten, behielt sich aber den Zeitpunkt vor. Als aber am 20 Feber 1919 eine große Demonstration vor dem Redaktionsgebäude der sozialdemokratischen Zeitung Nepszava stattfand, bei der drei Zivilisten und fünf Polizisten getötet wurden, sah der Polizeipräsident den Zeitpunkt zum Losschlagen gekommen  Mit Zustimmung der Minister Böhm und Peidl wurden  200 Personen linker Organisationen verhaftet, unter ihnen 77 führende Kommunisten.  Parteichef Kun und andere Verhaftete  wurden  geschlagen,  eine Massenkundgebung forderte eine Untersuchung der Vorgänge. Die Verhafteten konnten unter diesem Druck vom Gefängnis aus weiterhin agieren.

Die Mitte Februar 1919  entstandene Károlyi – Unabhängkeitspartei  und die bürgerlichen  Radikalen sahen nun  in einer  Landreform die einzige Möglichkeit, die Stabilität wieder herzustellen.   Das am 16. Februar 1919 verabschiedete Gesetz "Über die Bodenzuteilung an die Landarbeiter"  sah vor, den weltlichen Großgrundbesitz ab 300 ha und den Kirchenbesitz über 120 ha  an Landarbeiter und Bauern  gegen Entschädigung zu vergeben. Graf Károlyi begann  am 23. Februar 1919 auf seinen Gütern in Kálkápolna mit der Aufteilung; aber kein
einziger der Großgrundbesitzer  folgte seinem Beispiel. Daraufhin begannen eigenmächtige Beschlagnahmungen durch Räte, sozialdemokraten und Kommunisten. Im Komitat Somogy etwa organisierten der Vorsitzende des Landarbeiterverbandes und der Regierungsbeauftragte Hamburger bis Mitte März die Umwandlung von 400 000 ha Großgrundbesitz in "staatliche Produktionsgenossenschaften". Die Rätebewegung erlebte einen starken Zulauf und in den meisten Gebieten übernahmen "Arbeiter- und Bauernräte".
 

Die Regierung  schrieb für den 13. April die  versprochenen Parlamentswahlen aus. Die bürgerlichen Radikalen freilich lösten sich als Partei auf und auch die Károlyisten traten nicht mehr an. Sie empfahlen, für die Sozialdemokraten zu stimmen. In der Sozialdemokratie herrschte wieder einmal Uneinigkeit. Ihr linker Flügel empfahl, Verbindung zu den inhaftierten Kommunisten aufzunehmen. Diese stellten aber Bedingungen:  Errichtung einer Räterepublik, Gleichberechtigung der Nationalitäten, Volksbewaffnung und Aufbau einer Roten Armee, Verstaatlichung  der Industrie, Bergwerke, Banken und Versicherungen, des Transportwesens und des Großgrundbesitzes, Errichtung des Staatsmonopols über Außen- und Binnenhandel und Arbeiterkontrolle über Produktion und Verteilung, Trennung von Staat und Kirche.

Viele Offiziere der alten Armee, die während der Astern- Revolution durch die Straßen von Budapest gejagt worden waren und nicht bereit waren, die linke Republik zu akzeptieren, begann sich zu sammeln und  in den  Organisationen "Ungarische Landesverteidigung"  und "Erwachendes Ungarn".zu organisieren. Eine zentrale Figur war schon damals der frühere Generalstabsoffizier Gyula Gömbös de Jakfa. 

Die folgenden Ereignisse bis zum Zusammenschluss der Sozialdemokraten und Kommunisten wurden  weniger durch die politische Dynamik als durch die außenpolitischen Zwänge vorangetrieben.  Die Siegermächte Frankreich und Großbritannien sahen in einem linksorientierten Ungarn eine große Gefahr im Hinblick auf ihre Bemühungen, Sowjetrussland einzukreisen. Sie wollten durch eine Besetzung Ungarns diese Gefahr eindämmen, zumal die Rote Armee bereits nach Bessarabien und in die Bikowina vorrückte. Der Chef der Entente- Militärmission in Budapest, Oberstleutnant Fernand Vix, überreichte der ungarischen Regierung am 20. März 1919 eine Note, in der verlangt
wurde, Ostungarn von ungarischen Truppen bis einschließlich Debrecen und Szeged zu räumen.

Premierminister  Berinkey  wollte das nicht akzeptieren und trat zurück. Die Bereitschaft der Sozialdemokraten, , mit den Kommunisten zusammen zuarbeiten und auf diese Weise die "Revolution" zu retten, wuchs. Man sah nun in einem Bündnis mit Sowjetrussland die Möglichkeit, die Unabhängigkeit Ungarns zu retten. Nicht alle waren für diese Option. Parteisekretär Buchinger und Peidl lehnten sie ab.  Der erweiterte Parteiausschuss und der Zentrale Gewerkschaftsrat beschlossen schließlich, eine von den Kommunisten unterstützte sozialdemokratische Regierung zu bilden. Die rechten Parteiführer traten zurück. Im Zentralgefängnis wurde schließlich der Zusammenschluss der 600 000 Sozialdemokraten und 200 000 Kommunisten zur  "Magyarországi Szocialista Párt"  (Ungarländische Sozialistische Partei – MSzP) und die Bildung einer Räteregierung. vereinbart. Die Kommunisten wurden noch von der Berinkey - Regierung freigelassen. Der Zentrale Arbeiterrat wurde aufgelöst, sein Präsident Garbai übernahm den Vorsitz des Revolutionären Regierungsrates. Bela Kun erhielt das Volkskommissariat für Äußeres. Alle anderen Volkskommissare (Minster) wurden von früheren Sozialdemokraten gestellt , bekamen aber jeweils einen Kommunisten als Stellvertreter, etwa Tibor Szamuely für das Kriegswesen oder György Lukács für Unterricht. Ernannt wurden politische Volkskommissäre bei der Polizei und Volkswehr, für die Hauptstadt und für die ruthenischen und deutschen Autonomiegebiete.(Oszkár Szabó / Henryk Kalmár). Präsident Graf M. Károlyi trat zurück, forderte aber alle Bürger auf, die Räteregierung zu unterstützen.

Beschluss der Kommissionen der Sozialdemokraten und der Kommunisten  vom 21. März 1919: "Die Ungarländische Sozialdemokratische Partei und die Partei der Kommunisten Ungarns haben am heutigen Tage in einer gemeinsamen Sitzung ihrer Leitungen die restlose Vereinigung der beiden Parteien beschlossen. Die vereinigte neue Partei wird, bis die revolutionäre Internationale hinsichtlich der definitiven Benennung der Partei entscheidet, folgenden Titel führen: Ungarländische Sozialistische Partei. Die Vereinigung erfolgt auf der
Grundlage, dass an der Leitung der Partei und an der Regierungsgewalt die beiden Parteien gemeinsam teilnehmen. Die Partei übernimmt im Namen des Proletariats die Macht, sie wird durch die Arbeiter-Bauern und Soldatenräte ausgeübt. Die geplanten Wahlen für die Nationalversammlung entfallen daher naturgemäß endgültig. Die Klassenarmee des Proletariats ist unverzüglich zu schaffen, und den Händen der Bourgeois sind die Waffen restlos zu entwinden. Zur Sicherung der Herrschaft des Proletariats und gegen den Ententeimperialismus ist mit der russischen Sowjetregierung das vollkommenste und innigste Bündnis zu schließen." Zitiert nach Wilhelm Böhm: Im Kreuzfeuer, S. 278;

Ein am  3. April 1919 erlassenes Gesetz ermöglichte erstmals in der Geschichte Ungarns die Teilnahme von Frauen und Männern ab dem 18. Lebensjahr an freien und geheimen Wahlen. Kein Wahlrecht bekamen Geistliche und Personen, die Gewinne durch Lohnarbeit erzielten.  Zunächst wurden  örtliche Räte vom 6. bis 8. April 1919 gewählt. Diese wählten die Abgeordneten zum Landesrätekongress, der vom 14. bis 24. Juni als oberste gesetzgebende Körperschaft der Republik tagte. Er wählte ein 150köpfiges Exekutivkomitee. Der Landesrätekongress beschloss die neue Verfassung. Ungarn wurde zur Sozialistischen Föderativen Räterepublik erklärt. Der Landesrätekongress berief den Revolutionären  Regierungsrat als Exekutivorgan. Volkskommissar für das Äußere blieb Kun, für das Innere Landler. Andere Volkskommissariate wurden neu besetzt. Daneben gab es den Obersten Volkswirtschaftsrat aus 80 Delegierten der Genossenschaften, der Gewerkschaften und der lokalen Wirtschaftsräte. Dem Regierungsrat war das fünfköpfige Direktorium unterstellt, dem etwa Kun, Kunfi und Landler angehörten. Mitte Juni fand der erste Parteitag der vereinigten beiden Parteien statt. Dabei zeigte sich, dass über die weitere Entwicklung keineswegs Einigkeit herrschte. Kun wollte die Umbenennung in Kommunistische Partei und forderte eine proletarische Diktatur mit starker Hand. Kunfi hingegen war für ein Übergangsprogramm  ohne terroristische Maßnahmen. Es kam zu einem Kompromiss. Die Partei wurde in Szocialista-Kommunista Munkások Magyarországi Pártja (Partei der Sozialistisch-Kommunistischen Arbeiter« – Sz-KMMP) umbenannt, der Streit um Posten in der Führungsspitze konnte zunächst beigelegt werden. Fünf Kommunisten standen acht ehemals sozialdemokratischen Funktionären gegenüber.

 Die Räteregierung beschloss im März und April 1919 Gesetze, die weit reichende Folgen haben sollten. Schon Ende März wurden die Banken verstaatlicht und Einlagen beschlagnahmt. Nur geringe Beträge durften ausbezahlt werden. Entschädigungslos enteignet wurden  Industrie-, Bergbau-, Verkehrs- und Handelsunternehmen  mit über 20 Beschäftigte, Banken und Versicherungen, Mittel- und Großgrundbesitz ab 57,5 ha.  Frühere Besitzer von Betrieben konnten als "Produktionskommissare"  die neuen Staatsbetriebe leiten. Sie wurden von Betriebsräten kontrolliert.  Die  Verstaatlichung des Großgrundbesitzes war keinesfalls im Interesse  der Millionen  Klein- und Zwergbauern und fand auch im Agrarproletariat wenig Verständnis. Es war vielen Beobachtern klar, dass dabei einiges schief ging. Es kam zu Bauernunruhen in manchen Gebieten, etwa in Transdanubien. Die Räte waren nicht bereit, diesen Kurs zu korrigieren. Jaszi etwa, Verfechter einer demokratischen Bodenreform, erkannte den Fehler, den die Räterepublik damit beging. Die Großgrundbesitzungen wurden Staatsbetriebe, meistens sogar unter der Leitung der bisherigen Besitzer. Der Staat sorgte für die Auszahlung der Löhne, die nötigen Investitionen. Jaszi meint, das kommunistische System habe damit den Großgrundbesitz gerettet. Dieses System funktionierte allerdings kaum. Es fehlte an Arbeitskräften, an Arbeitsmoral, die Erträge sanken und die Lebensmittelversorgung der Städte wurde immer schlechter. Nach der Abschaffung der Räterepublik konnten die früheren Großgrundbesitzer ihre Betriebe ohne nennenswerten Widerstand wieder übernehmen. Besser funktionierte die übrige verstaatlichte Wirtschaft unter der Führung der Gewerkschaften und auch hier unter der Leitung der früheren Besitzer. Aber auch dort kam es - vor allem nach Einführung des Stundenlohnes statt des Leistungslohnes - zum Rückgang der Produktion und der Versorgung. Die Löhne der Arbeiter wurden um 25 % erhöht, Kranken- und Unfallversicherung für Arbeiter und Angestellte eingeführt, kostenlose Gesundheitsfürsorge, bezahlter Urlaub, der 8-Stunden-Tag. Uneheliche Kinder wurden den ehelichen gleichgestellt, die Mieten für Kleinwohnungen gesenkt, Obdachlose in die Häuser der Reichen eingewiesen. Ohne Zweifel gab es unter den beiden Bildungskommissaren Kunfi und Lukács  beachtliche Erfolge auf kulturellem Gebiet. Die Grund- und Mittelschulen der Kirchen wurden nationalisiert, der Schulbesuch bis zum 14. Lebensjahr obligatorisch, Hochschulstudien waren kostenlos. Kunstschätze, Theater, Museen waren im Staatsbesitz. Im Volkskommissariat für Bildung wirkten in den Direktorien für Musik, Theaterleben, Literatur, Bildende Künste und Filmproduktion etwa  die Komponisten Béla Bartók, Zoltán Kodály und Ernö Donnanyi, die Schriftsteller  Dezsö Kosztolányi, Dezsö Szabó, Zsigmond Móric und Mihály Babits, der Maler Róbert Berény,  der Filmregisseur Sándor Korda.


Am 25. März 1919 beschloss die Räteregierung den Aufbau einer Roten Armee. Bis Juni hatte sie einen Mannschaftsstand von 285 000 Personen. Den Einmarsch der Nachbarn unter der Führung Frankreichs  konnte sie freilich nicht verhindern. In Oberungarn drangen tschechische Verbände bis Kaschau, Miskolc und Ungvar vor, die Rumänen besetzten Ostungarn bis zur Theiß, vom Süden her griffen serbische und französische Truppen an und kamen bis Szeged, Arad und Fünfkirchen. In Szeged bildete sich eine gegenrevolutionäre unagrische Regierung unter Graf Gyula Karolyi, dem Stiefbruder des "roten" Karolyi, mit Graf Pál Teleki als Außen- und Miklos Horthy als Kriegsminister. Gömbös baute eine Nationalarmee auf, die bald 5 000 Mann umfasste. Die Rote Armee konnte einen Teil Oberungarns zurückerobern. Dort wurde die Slowakische Räterepublik ausgerufen. Der französische Premier Clemenceau forderte Ungarn auf, Oberungarn zu räumen und der Tschechoslowakei zu übergeben. Dafür würden die Rumänen Ostungarn räumen. Der Rätekongress nahm das Ultimatum der Franzosen an. Der Rückzug aber endete in einem Desaster. Die Rote Armee löste sich auf. Böhm versuchte vergeblich, einen Militärputsch gegen Kun zu organisieren und trat schließlich zurück. Der versprochene Rückzug aus Ostungarn wurde nicht durchgeführt, die Sanktionen der Alliierten sogar noch verstärkt. Versuche eines militärischen Entlastungsangriffes, wobei die Volkskommissare die Truppenführung übernahmen, scheiterten kläglich.

Vertreter der Räteregierung, der Präsident des Budapester Arbeiterrates Weltner, Peyer und Böhm, Botschafter in Wien, nahmen Verbindung zur Wiener Ententekommission auf. Der britische Vertreter, Oberst Cunningham, verlangte die Entfernung von Kuns Kommunistenregierung und versprach die Aufhebung des Embargos. Der Viererrat der Pariser Konferenz stimmte zu. Kun wurde von diesen Verhandlungen informiert und beriet sich mit den führenden Politikern. Nur wenige traten für eine Fortsetzung des Kampfes ein. Nach Beratungen der Partei- und Staatsführung am 1. August 1919 entschieden 48 der 51 Parteiführer und Kommissare, die Räteregierung durch eine sozialdemokratische "Gewerkschaftsregierung" auszuwechseln. Als auch Lenin am 30 Juli mitteilte, dass mit einem sowjetischen Vormarsch nach Ungarn nicht gerechnet werden könne und er Verhandlungen empfahl, gaben auch Kun und Szamuely  ihren Widerstand auf. Die Kommunistische Partei sollte in der Illegalität weiter wirken. Kun sagte im Zentralen Arbeiterrat: : "Das Proletariat ließ nicht seine Führer, sondern sich selbst im Stich. Ich erwog, ich überlegte lange, was ich tun sollte. Kalt und ruhig muss ich es feststellen: Die Diktatur des Proletariats
ist gestürzt." Die Rätemacht hätte Erfolg gehabt, "wenn wir über selbstbewusste und revolutionäre Proletariermassen verfügt hätten. ... " ... " Jetzt sehe ich, dass wir es umsonst versucht haben, die Proletariermassen zu selbstbewussten Revolutionären zu erziehen. Dieses Proletariat bedarf der rücksichtslosesten, grausamen Diktatur der Bourgeoisie, um revolutionär zu werden."

Die neue sozialdemokratische Regierung unter dem Gewerkschaftsführer Peidl  setzte in ihrem Erlass Nr. 1 sämtliche Verordnungen der Räteregierung, aufgrund deren Grundbesitz in Gemeineigentum übernommen wurde ..., außer Kraft .  In Verhandlungen mit Wien wurde erreicht, dass die meisten Revolutionsführer in das österreichische Exil gehen  konnten - ein verhängnisvoller Schritt im Kampf um das Burgenland, denn Österreich wurde nunmehr vorgeworfen, die Kommunisten zu schützen. Dies war ein sehr wichtiges Argument der Gegener eines Anschlusses Deutschwestungarns an Österreich. Unter den in Wien Aufgenommenen waren nicht nur Kun, sondern auch die prominentesten Führer der Räterepublik. Der besonders verhasste Tibor Szamuely war nicht auf der Liste. Er versuchte, schwer beladen mit Geld und Wertsachen, bei Neudörfl über die Grenze zu kommen. Als er kontrolliert wurde beging er in einer Panikreaktion Selbstmord.

Trotz der Zusagen der Alliierten wurde die Peidl - Regierung nach dem Einmarsch rumänischer Truppen in Budapest gestürzt und durch eine Regierung unter der Führung des Industriellen István Friedrich ersetzt. Westungarn war inzwischen unter Oberst Lehár bereits unter Kontrolle der "Weißen", in Siófok errichtete Horthy sein Oberkommando. Die Sozialdemokraten  passten sich der neuen Situation sofort an. Ihr neuer Parteichef Peyer bezeichnete die Räterepublik am 24. Oktober 1919 als "schmutziges System"  und verlangte die strenge Bestrafung der Kommunisten. Viele Funktionäre wurden verhaftet, einige, darunter Lukács, gingen in den Untergrund. Die meisten der Geflüchteten landeten in der Sowjetunion und wurden unter Stalin ermordet. Nur wenige überlebten die stalinistischen Lager.

Am 16. November 1919 zog Miklos Horthy - auf einen Schimmel reitend, als "neuer Àrpát"  - an der Spitze der 24 000 Mann starken Nationalramee in Budapest ein. Es begann die Verfolgung der Anhänger der Räterepublik, der "weiße Terror".


 

Literatur:

  • Karl-Heinz Gräfe:Von der Asternrevolution zur Räterepublik. Ungarn 1918/19. Utopie  kreativ, H. 168 (Oktober 2004), S. 885-900
  • András Mihályhagyi: Die ungarische Räterepublik im Spannungsfeld zwischen Weltrevolution und nationalen Egoismen, Bochum 1975
  • Koczo, Margit: Die ungarische Räterepublik (21. März - 1. August 1919), Wien 1969;
  • Wilhelm Böhm: Im Kreuzfeuer zweier Revolutionen, München 1923
  • Ders.:Entstehung und Zusammenbruch der ungarischen Räterepublik. Wien 1919
  • Michael Graf Károlyi: Gegen eine ganze Welt. Mein Kampf um den Frieden, München 1925;

    Oszkár Jászi: Magyariens Schuld – Ungarns Sühne. Revolution und Gegenrevolution in Ungarn, München 1923;

 

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