Entwicklung des Weinbaues

Der Weinbau geht im heutigen Burgenland auf vorrömische Zeit zurück. Das beweisen die archäologischen Funde in Zagersdorf - ein Gefäß mit Rebkernen - ebenso wie ein eisernes Rebmesser aus der Umgebung von Güns aus der Latènezeit. In römischer Zeit dürften die Weinkulturen eine beträchtliche Ausweitung erfahren haben. In Winden wurden Teile einer römischen Weinpresse gefunden. Es ist zu vermuten, dass alle klimatisch geeigneten Gebiete schon damals für den Weinbau genutzt wurden. Ab manchen Orten überstand der Weinbau wohl auch die Völkerwanderungszeit.

 

Die Möglichkeit, Weinbau zu betreiben, spielte dann wahrscheinlich auch bei der hochmittelalterlichen deutschen Besiedlung im 12. und 13. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Schon im 13. Jahrhundert erreichte der Weinbau die größte jemals erreichte geographische Verbreitung, begünstigt durch ein wärmeres Klima, Reben wurden nahezu im gesamten Siedlungsgebiet angepflanzt. Die wenigen Orte, in denen kein Weinbau betrieben wurde, hatten Weingartenbesitz in den Nachbarorten. Nur in wenigen Dörfern überstieg die Weinproduktion allerdings den Eigenbedarf. Erst im Spätmittelalter entwickelte sich ein umfangreicher Weinhandel mit Österreich, der Steiermark und besonders mit Böhmen, Mähren, Schlesien und Polen (die "Oberländer"). Der Wein kam aus Ödenburg und Güns, aus Pöttsching, Mattersburg, Deutschkreutz, Neckenmarkt, Lutzmannsburg, Rechnitz und vom Eisenberg.

 

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts gab es gravierende Veränderungen. Der Weinbau konzentrierte sich auf die begünstigten Gebiete. Dort wurden die Weingebirge stark ausgeweitet und lückenlos mit Reben bepflanzt. In den weniger geeigneten Gebieten wurde der Weinbau aufgegeben, zum Beispiel in Bernstein, Jormannsdorf, Aschau, Rettenbach, Tauchen, Lockenhaus, Deutsch Gerisdorf, Unter- und Oberrabnitz, Karl, Weingraben, Draßmarkt, Piringsdorf, Neutal, St. Martin, Kalkgruben und Tschurndorf, Horitschon und Mitterpullendorf. Insgesamt erreichte aber der Weinbau die flächenmäßig größte Ausdehnung. Ein großer Teil, oft mehr als die Hälfte der Weingärten, befand sich im Besitz von Auswärtigen, von Bauern aus den Nachbargemeinden, aber auch von Herrschaften und Klöstern in Westungarn, Niederösterreich und der Steiermark, ja sogar aus Oberösterreich. Große Besitzungen hatten die Bürger von Wr. Neustadt und Bruck. Diese durften nach der Lese ihre Maische zollfrei über die Leitha führen. Um 1570 besaßen die Niederösterreicher 42,5 % der Weingartenfläche der Grafschaft Forchtenstein. Auch in der Herrschaft Eisenstadt war der Anteil der Auswärtigen besonders hoch, etwa in St,Georgen, Kleinhöflein, Donnerskirchen. In der Stadt Eisenstadt waren zwei Drittel der Weingärten in den Händen der Bürger. Auch in Deutschkreutz und Neckenmarkt hatten die Auswärtigen viele Weingärten. Steirische Adelige und Klöster besaßen Weingärten in Rechnitz und am Eisenberg. Auch die Grundherrn hatten umfangreichen Weingartenbesitz, die Grafschaft Forchtenstein etwa 17 ha, die Herrschaft Landsee war bemüht, ihren Weingartenbesitz in Neckenmarkt auszubauen. Am Eisenberg hatte der herrschaftliche Eigenweinbau im 18. Jahrhundert einen Anteil von zwei Drittel der Fläche. In den Herrschaftsweingärten wurde vor allem hochwertiger Wein produziert. Seit 1632 ist die Herstellung von Ausbruch nachweisbar. Der Wein, der von den Bauern als Bergrecht und Zehent abgeliefert werden musste, wurde - wenn er minderer Qualität war - von den Untertanen ausgeschenkt werden. Im 18. Jahrhundert errichteten die Herrschaften eigene Wirtshäuser. Beim Weinverkauf hatte die Herrschaft ein Vorkaufsrecht ("Anspannwein").

 

Im 17. Jahrhundert begann der Rückgang des Weinbaues im Süden, seit dem 18. Jahrhundert auch im Mittel- und Nordburgenland. Die Besitzungen der Auswärtigen wurden fast vollständig verkauft. Der Tiefpunkt war dann Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Auftreten der Reblaus erreicht. Die Ursachen des Rückganges sind sehr komplex. Neben klimatischen Veränderungen sind vor allem der Verlust Schlesiens als Absatzgebiet und die Überbelastung der Untertanen durch zu hohe Robotleistungen anzuführen. Die Umstellung auf amerikanische Unterlagsreben war sehr arbeits- und kapitalintensiv und wurde nur dort frühzeitig vollzogen, wo der Weinbau eine unverzichtbare Haupterwerbsquelle war. Die Sortenzusammensetzung änderte sich vollständig. Statt der alten Edelsorten wurden nun vor allem Rotweinsorten ausgesetzt. Damit begann der Neuaufstieg des burgenländischen Weinbaues, kurzfristig nur durch den "Weinskandal" unterbrochen.

Die Arbeitsvorgänge im Weinbau haben sich vom Mittelalter bis in das 19. Jahrhundert kaum verändert. Sie wurden im "ordinari Bau" festgehalten und reglementiert. Die erste Arbeit im Frühjahr, bevor die Reben in Saft gingen, war der Rebschnitt mit dem Rebmesser. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Rebmesser von der Rebschere abgelöst. Gleichzeitig erfolgte das "Gruben", wobei die Rebe eines alten Stockes in den Boden eingelegt wurde und dann zu einem neuen Weinstock austrieb. Dann wurde der Dünger ausgebracht, an den steilen Hängen eine sehr schwere Arbeit, und es wurden die Stecken geschlagen, die man im Herbst herausgezogen hatte, um ihre Haltbarkeit zu verlängern. Die Reben wurden mit Stroh an den Stecken fixiert. Schwere, meist von Männern ausgeführte Arbeit war das Hauen, das dreimal im Laufe des Jahres erfolgte: das Fastenhauen, das Band- und das Jathauen. Die "grünarbeit war meist Frauenarbeit: Binden, Jäten (Beseitigung von Geiztrieben). Traten Schädlinge, "Käfer", auf, mussten diese mit der Hand abgesammelt werden. Spritzmittel gab es natürlich noch nicht. Der Lesetermin wurde jedes Jahr in einer "Leseordnung" festgelegt, an die man sich strikt zu halten hatte. In den meisten Weingebirgen gab es eine Hütte, in der Herrschaftsangestellte das "Bergrecht" und den Zehent in der Form von Most einzogen. Die Herrschaften brachten ihre Ernte und die entsprechenden Abgaben der Bauern in die Herrschaftskeller. Ein besonders großer Keller bestand etwa beim Eisenstädter Schloss (später im Leisserhof in Donnerskirchen.

Rebsorten

Die heute dominierenden Sorten, vor allem der Blaufränkische, setzten sich erst um 1900 durch. Bis ins späte 19. Jahrhundert dominierten die Weißweinsorten in ganz Westungarn. Die "Direktträger" (Selbstträger, etwa "Uhudler") sind keineswegs "alte" Sorten. Sie waren bis Ende des 19. Jahrhunderts völlig unbekannt und wurden erst aus Amerika eingeführt, nachdem die Reblaus die alten Kulturen vernichtet hatte. Sie wurden dann ausgepflanzt, wenn sich die Weinbauern die hohen Kosten der Umstellung, der Veredlung auf amerikanische Unterlagsreben ersparen wollten.

Zu den alten Edelsorten gehörten in erster Linie der Zapfner (Zapfeter, Gmainer, Furmint, Mosler), nach der zapfenförmigen Gestalt der Beeren benannt. Aus Zapfner wurde in besonders guten Jahren Ausbruch hergestellt, vor allem in den gutsherrlichen Betrieben, die sich das hohe Risiko einer späten Lese leisten konnten. Der Zapfner wurde nahezu ausschließlich für den Verkauf in die Oberländer verwendet. Die "Leseöffnung" durch Grundherrn und Berggericht erfolgte früher zumeist erst in der zweiten Oktoberhälfte. Stark verbreitet war auch der früh reifende "Augster" (von August), der in einer Vorlese eingebracht wurde, ferner die Muskateller, die Meier-Traube (Weirer oder Majorantraube), die "Weißen", die "Krämler", die "Gässler" und die "Lombarden" ("Geißduttel"). Letztere wurden als Speisetrauben verwendet. Als weniger wertvolle Massenträger, die dem Eigenbedarf von Besitzern und Taglöhnern dienten, werden die Sorten "Silberweiß", Grüner Muskateller und Grober Reifler genannt. Rotwein wurde nur in geringen Mengen und in besonders guten Jahren erzeugt. Die Herstellung von Gewürzweinen (Kräutlwein) mit Verwendung von Wermut, Alant, Salbei u.a. in geringen Mengen zu medizinischen Zwecken ist etwa in der Eisenstädter Schlosskellerei seit dem frühen 17. Jahrhundert nachweisbar.

 

Schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich die große Krise des ungarischen Weinbaues abzeichnete, wurden erste Versuche mit neuen, im Ausland erprobten Edelweinsorten gemacht. Sie wurden von den Rebschulen in Eisenstadt, Ödenburg, Pinye und Budapest propagiert und in Güns, Ödenburg und Pöttelsdorf mit Erfolg erprobt. Die Esterházysche Rebschulein Eisenstadt und zwei Rebschulen in Ödenburg, von einem Aktienverein unter der Führung des Weinhändlers Samuel Boor gegründet, waren maßgebend. So wurden die alten Sorten allmählich durch Welsch- und Rheinriesling, Traminer. Muscat-Ottonel, Weißburgunder , Ruhländer, Sylvaner, Gutedel ... ersetzt. Auf den schweren und kühlen Böden des mittleren Burgenlandes, vom Ödenburger Raum bis zum Eisenberg im Süden, erwies sich der Rotwein als besser geeignet. Vor allem der Blaufränkische setzte sich durch, daneben Burgunder, St. Laurent und Zweigelt.

 

Weinbau und Gesellschaft

Der äußerst arbeitsintensive Weinbau erforderte zahlreiche Arbeitskräfte und prägte damit die Sozialstruktur vieler Dörfer. Vor allem die auswärtigen Besitzer mussten ihre Weingärten ja von ortsansässigen bewirtschaften lassen. Im Spätmittelalter waren dies "Hauer", die als eigene Berufsgruppe sogar in einigen Fällen zu Zechen zusammengeschlossen waren. Sie lebten als Söllner oder als Inwohner bei den Bauern. Seit dem 17. Jahrhundert wuchs die Zahl der Holden (Hulden) stark an. Sie lebten in den Häusern der Bauern zur Miete, waren aber meist verheiratet und hatten zum Teil auch kleine Weingärten.  In der frühen Neuzeit, vor allem im 17. Jahrhundert, waren neben den Ortsansässigen im Sommer zahlreiche Saisonarbeiter aus den angrenzenden Berggebieten beschäftigt. Sie hausten oft unter primitiven Verhältnissen bei den Arbeitgebern. Ihre Entlohnung war strikt geregelt, es gab Absprachen vor allem zwischen den Herrschaftsinhabern, die versuchten, die Löhne möglichst niedrig zu halten. Das Lohnniveau des späten 16. Jahrhunderts blieb lange unverändert, die Kluft zwischen Weingartenbesitzern und Arbeitern wurde größer. Im 17. Jahrhundert versuchte man, die sozialen Spannungen durch die Erlaubnis, "Kleinhäusl" (Neuhäusl) zu bauen, zu mildern und zugleich die Verfügbarkeit über die Arbeitskräfte zu sichern, etwa um 1676 in St. Georgen oder im Hofe des Eisenstädter Vizedoms (für die Arbeitskräfte des Pfarrweinbaues). Zum Problem wurde die große Zahl an Menschen, die vom Weinbau abhängig waren, im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert mit der Reblauskrise, zumal auch die Bevölkerung in den Dörfern stark anwuchs.

 

Weinmaße

Eimer, lat. idria, ung. vödör, veder, kroat. vidro, vedro

Noch viel komplizierter sind die Hohlmaße. Die Bevölkerung hielt - anders als in Niederösterreich, wo sich der Wiener Eimer 58 Liter) durchsetzte - lange an den traditionellen Einheiten fest. Der Günser Eimer, auch Rechnitzer Eimer, Schlaininger Eimer oder Emerl umfasste 10 Liter. Er war im ganzen Eisenburger Komitat und im südlichen Ödenburger Komitat im Gebrauch. Ein Ödenburger oder Wr. Neustädter Eimer umfasste 70 Liter, ein Eisenstädter Eimer 77 1/3 Liter, ein Eisenburger Eimer 80 Liter. Ein Schlaininger Eimer wurde in vier (bei der Einhebung des Bergrechts und des Zehents) oder fünf Pint (beim Weinausschank) gemessen. Ein Pressburger Eimer 54,36 Liter, 32 Pint; es gab auch einen Hartberger, Wiener, Hornsteiner, Forchtensteiner, Mattersburger (65,25 l zu 48 Achtring) Eimer. In der Herrschaft Bernstein war der Hartberger Eimer üblich. Als Maßstab für den Transport wurde die Kufe verwendet. Im 17. Jahrhundert bürgerte sich anstelle des Eimers das größere Maß der Stärtin ein. Ein Hartberger Stärin entsprach etwa vier Eimern  (etwa 525 Liter). Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Pressburger Eimer zu 27 Pint das vorherrschende Weinmaß (54,1371 Liter).  Vom 15. bis ins 18 Jahrhundert wurden große Fuhrmaße verwendet: Fuder =Wagenschwer (16, 24 oder 30 Eimer) und Dreiling (30 Eimer). Ein Eimer wurde in Eisenstadt in 42 Pint (1,86 Liter), 1 Pint in zwei "Halbe" oder vier Seitl unterteilt. In anderen Orten, etwa in Ödenburg, war das Pint kleiner. Noch komplizerter wurde die Sache durch die Verwendung von "Bergmaß" und "Gibmaß". Das Bergmaß war die Einheit, in der nach der Lese die Maische oder der Most eingehoben wurde. Das Gibmaß wurde für reinen Most oder Wein verwendet.

 

Flächenmaße im Weinbau

Als Längen- und Flächenmaß wurde das Klafter verwendet. Ein Klafter mit 1,896 m Länge wurde in 6 Schuh und dieser in 12 Zoll unterteilt. Der Quadratklafter war 3,6 qm groß. 1200 Klafter ergaben ein Preßburger Joch (0,43 ha). Dieses wurde schon im 16. Jahrhundert für ganz Ungarn als verbindlich erklärt. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde auch in Ungarn das niederösterreichische Katastraljoch mit 1600 Klafter (0,57 ha) eingeführt.

Die Größe eines Weingartens wurde häufig in "Teilen" angegeben, also etwa ein Viertel, ein Achtel...  Ursprünglich war ein "Viertel" jener Fläche, für die als Bergrechtsabgabe ein Viertel Eimer Most abgeliefert werden musste. So wurde aus der Steuereinheit ein Flächenmaß. Allerdings war ein "Viertel" nicht immer gleich groß, selbst innerhalb einer Gemeinde gab es - je nach Ertrag und Entfernung vom Dorf - unterschiedliche Viertel.  Ein "ganzer" Weingarten umfasste im Komitat Ödenburg vier Joch zu je 1200 Klafter (1,73 ha). Das am häufigsten verwendete "Viertel" entsprach einem Joch (= 43,17 a). Im Komitat Eisenburg schon im Mittelalter, in den Komitaten Ödenburg und Wieselburg jedoch seit ungefähr 1600, wurde jedoch eine kleinere Flächeneinheit verwendet, die im Süden zumeist als Tagwerk oder Hauer, im Norden als Pfund, Kräften oder Tagwerk bezeichnet wurde. Diese Einheit hat sich aus einer Arbeitseinheit (Tagwerk!) entwickelt. Die Größe ist nicht einheitlich. Ein Pfund Weingarten schwankt zeitlich und örtlich zwischen 60 und 80 Klaftern, eine Kräften oder ein Hauer ist zumeist etwas größer (90 - 100 Klafter). Seit dem 16.Jahrhundert kam als Flächenmaß auch das Pfund in Gebrauch. Es war jene Flächengröße, für die man im Laufe eines Jahres für die Bearbeitung ein Pfund Pfennig (1 Gulden rheinisch) aufgewandt werden musste. Es war dies eine Fläche zwischen 18 und 25 Klafter.

Literatur:

H. Prickler, Zur Geschichte des burgenländisch- westungarischen Weinhandels in die Oberländer Böhmen, Mähren, Schlesien und Polen. In: Zeitschrift für Ostforschung, 14. Jg. 1965. 1.Teil: Nr.2 (S. 294 - 320) 2. Teil Nr.3 (S. 495-529), 3. Teil Nr.4 (S. 731-754) H. Prickler, Geschichte der Herrschaft Bernstein

Harald Prickler, Festschrift 750 Jahre Weinbaugemeinde Lutzmannsburg


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