Die Zeit nach dem Staatsvertrag war zwar durch großen Optimismus der Bevölkerung gekennzeichnet, die Situation der meisten Menschen und der gesamten Wirtschaft besserte sich rasch. Die Kaufkraft nahm zu, die Einlagen bei den Banken stiegen rasch. Verglichen mit den anderen Bundesländern hinkte das Burgenland aber ständig nach bzw. fiel relativ gesehen immer mehr zurück. Noch immer war das Burgenland stark agrarisch orientiert, die Hälfte der Bevölkerung lebten von der Land- und Forstwirtschaft, nur 14 % von der Industrie. Zwar schritt die "Entagrarisierung" rascher voran als in den anderen Bundesländern , die Agrarquote war aber 1961 mit 48,4 % mehr als doppelt so hoch wie der österreichische Durchschnitt (22,8%).

Das Land blieb am Rande der österreichischen Konjunktur, nach wie vor war die Zahl der Wanderarbeiter, die nun immer mehr zu Pendlern wurden und auch die saisonale Arbeitslosigkeit hoch . Im Winter 1961 etwa waren etwa 15 000 Personen als arbeitslos gemeldet. Das Einkommen je Einwohner war mit 67,3 % des österreichischen Durchschnitts im Burgenland bedenklich niedrig. Im Bezirk Jennersdorf verdiente man im nur halb soviel wie im österreichischen Durchschnitt! Es war also kein Wunder, dass im Zeitraum von 1951 bis 1961 die Abwanderung 8,7 % betrug. Die damals noch hohe Geburtenrate sorgte allerdings dafür, dass der Bevölkerungsverlust "nur" 1,9 % betrug. In manchen Bezirken wie in Oberpullendorf, Güssing und Jennersdorf nahm die Abwanderung allerdings ein verheerendes Ausmaß an.

1957 fand nach langer Zeit wieder eine Landesausstellung in Eisenstadt statt, die unter dem Motto "Ein Grenzland baut auf" stand und beeindruckende Erfolge zeigte. Die gravierenden Strukturmängel konnten aber nicht verborgen bleiben, so dass immer häufiger der Ruf nach einer gezielten Ansiedlung von Industriebetrieben erhoben wurde. Im Tätigkeitsbericht der Handelskammer von 1956 hieß es: "Die Kapitalnot im eigenen Land drängt kategorisch dazu, dem verfügbaren Fremdkapital genügend Anreiz für Investitionen im Burgenland zu bieten".

Im Herbst 1955 gründeten die Kammer der gewerblichen Wirtschaft, die Arbeiterkammer, der Gewerkschaftsbund und die Landwirtschaftskammer einen Wirtschaftsbeirat, aus dem 1956 der "Verein zur Förderung der burgenländischen Wirtschaft" hervorging. Sein Ziel war, durch Untersuchungen und Gutachten die Schaffung von Dauerarbeitsplätzen einzuleiten. Es wurde begonnen, um Interessenten für Betriebsneugründungen zu werben. Angestrebt wurde eine möglichst breite Streuung über das ganze Land, Gemeinden mit starker Arbeitslosigkeit und entsprechendem Arbeitskräftereservoir sollten bevorzugt werden. Bei der Auswahl und Vermittlung half der "Informationsdienst für Betriebsneugründungen" des Sozialministeriums. Zwischen 1956 und 1961 wurden etwas mehr als 50 Projekte realisiert. Erst jetzt konnte erreicht werden, dass auch etwas mehr ERP-Mittel als Industriekredite in das Burgenland flossen.

1956 arbeiteten im gesamten Burgenland nur 51 Industriebetriebe mit mehr als 20 Beschäftigten. Nunmehr wurde ihre Zahl also nahezu verdoppelt. Allein in den drei Jahren von 1959 bis 1961 entstanden 34 Betriebe, die meisten davon in der Textil- und Bekleidungsindustrie, im Bereich Eisen- und Metallwaren und in der Steine- und Botonwarenindustrie. Die Zahl der Beschäftigten stieg von 5000 auf 6500. Der Nettoproduktionswert verdoppelte sich zwischen 1955 und 1964. Die meisten Betriebe entstanden im Nordburgenland, im Raume Eisenstadt-Mattersburg.

 

Alle "Erfolgsmeldungen" der 60er Jahre konnten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die ungünstige Struktur der burgenländischen Industrie wenig änderte. Die neuen Betriebe stellten vor allem ungelernte weibliche Arbeitskräfte zu niedrigen Löhnen ein, es gab nach wie vor starke saisonale Schwankungen im Arbeitskräftebedarf. Die Textilbetriebe kämpften ums Überleben; mit Vossen-Frottier in Jennersdorf wurde allerdings auch ein neuer Großbetrieb errichtet (1961); die meisten neuen Betriebe entstanden in der Bekleidungsindustrie, also in einer typischen Niedriglohnbranche, gefolgt von der Lebensmittelindustrie (Felix Austria in Mattersburg, Betriebe in Neusiedl und Andau), die einen saisonal schwankenden Arbeitskraftbedarf zwischen 700 und 1500 Personen hatten. Facharbeiter benötigte hingegen das neue Walzwerk in Parndorf und zwei Metallwarenfabriken in Großpetersdorf.

Das Gewerbe entwickelte sich nach Sparten höchst unterschiedlich. 1958 war dabei ein Schlüsseljahr - es wurde die Selbständigenpensionsversicherung eingeführt, sodass nun eine ganze Generation von älteren Gewerbetreibenden in Pension gehen konnte. Viele Betriebe wurden nicht mehr fortgeführt, vor allem in solchen Sparten, die die industrielle Massenproduktion inzwischen stark bedrängte: Die Zahl der Schuster und Schneider sank um ein Drittel, ebenso die der Schmiede, Wagner und Müller. Andere Sparten hingegen, wie etwa die KFZ-Mechaniker, Installateure, Maler und Anstreicher, Gärtner... nahmen rasch zu und versuchten mit Hilfe von Kleingewerbekrediten ihre Betriebe zu modernisieren.

In einer besonders günstigen Lage war das Baugewerbe, das nach wie vor von der Baukonjunktur profitierte. Es wurden relativ hohe Löhne bezahlt, der Zustrom an jungen Burgenländern war ungebrochen. Die Baufirmen des Landes blieben zumeist klein. So war die Beschäftigung im Baugewerbe noch immer stark mit Wanderarbeit bzw. Pendlerwesen verbunden, da im Burgenland selbst zumindest öffentliche Aufträge nur eine geringe Rolle spielten.

Ein wichtiger neuer Bereich im Wirtschaftsleben waren alle jene Branchen, die mit dem Auto zu tun hatten. Auch das Tankstellennetz wurde zügig ausgebaut. Das traditionelle Handwerk erlebte in den 60er Jahren den größten Umbruch. Ganze Berufsgruppen wurden überflüssig, verloren innerhalb weniger Jahre ihre Bedeutung. Das galt etwa für die vielen Schneider und die noch zahlreicheren Schuster, die in vielen mittel- und südburgenländischen Dörfern früher von großer Bedeutung waren, da sie auch für die Märkte produzierten. Die Konfektionswaren verdrängten sie nunmehr, die Klein- und Kleinstbetriebe bekamen keine Aufträge mehr, betrieben ihr Handwerk oft nur mehr im Nebenerwerb. Meist wurden die Betriebe mit der Pensionierung der älteren Generation eingestellt. Die Jüngeren suchten Beschäftigung in anderen Berufen. In größeren Orten versuchten Handwerker, sich durch den Handel über Wasser zu halten. Manche alte Handwerke erlebten jedoch nach einer Durststrecke eine überraschende Neubelebung, so etwa die Stoober Töpferei. 1956/57 wurde in Stoob die Landesfachschule für Keramik, Ofenbau und Töpferei in Betrieb genommen.


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