Am 30. Juli 1920 erfolgte eine schwere Provokation von Seiten ungarischer Freischärler, die offenbar zum Ziel hatte, die Regierung Renner herauszufordern. Etwa 800 bewaffnete Freischärler drangen über die Grenze hinweg in Fürstenfeld ein, überwältigten die Wachen des Waffenlagers und erbeuteten etwa 1000 Gewehre und Maschinengewehre. Sie brachten diese ungehindert über die Grenze.

Staatskanzler Renner informierte sofort die Nachbarstaaten und auch die Botschafterkonferenz in Paris über diese schwere Grenzverletzung. Er gab seiner Sorge um die Sicherheit Österreichs Ausdruck und ersuchte die Ententemächte, für die Entwaffnung Ungarns zu sorgen. Der Sekretär der österreichischen Botschaft in Budapest, Theodor Hornbostel, sprach bei Ministerpräsident Pál Teleki vor und forderte eine schnelle Untersuchung des Vorfalls, die der Ungar auch zusagte.

Das Ergebnis der "Untersuchung" teilte die ungarische Regierung in einer Note mit:

"Die ungarische Regierung wurde durch die Note des Budapester österreichischen Gesandten über den Angriff auf das Fürstenfelder Waffenlager informiert und leitete natürlich unverzüglich und mit größter Strenge die Untersuchung ein. Anhand der bisherigen Ergebnisse wurde festgestellt, dass der Angriff auf Anregung des mit der dortigen österreichischen politischen Lage unzufriedenen österreichischen Hauptmanns Anton Bardorfer vorbereitet worden ist. Hauptmann Bardorfer führte die Aktion mit Hilfe österreichischer und ungarischer Schmuggler und Kettenhändler durch. Nach Ausführung ihrer Tat flüchteten sie nach Ungarn, wo sie in einen bewaffneten Zusammenstoß mit der ungarischen Grenzwache verwickelt wurden, die aber zu schwach war, um den Kampf mit ihnen erfolgreich aufzunehmen. Zur Ausforschung der Waffen werden die Untersuchungen fortgesetzt ...       Die inkriminierten Handlungen  sind auf österreichischem Gebiet und unter Leitung eines österreichischen Offiziers erfolgt, ungarische militärische oder offizielle Stellen haben mit der Angelegenheit überhaupt nichts zu tun. 

 

Der Fall Fürstenfeld ist ein neuer Beweis für die Grundlosigkeit jener Beschuldigungen, die gegen Ungarn in Verbindung mit angeblichen Österreich feindlichen Absichten vorgebracht werden."

(Haus- Hof- und Staatsarchiv,  NPA  K. 882/36-37; zitiert nach Lajos Kerekes, Von St. Germain bis Genf, S. 201 f.)

Kerekes ist der Meinung, dass Hauptmann Bardorfer in Wirklichkeit im Dienste der ungarischen Regierung stand. Er gehörte dem Kader der "Österreichischen Legion" in Zalaegerszeg an. Nach der Fürstenfelder Aktion wurde er in den ungarischen Staatsdienst übernommen und als Offizier der Szegeder Zollwache eingestellt, allerdings bald darauf pensioniert. Der Angriff auf Fürstenfeld wurde von Ivan Héjjas und Mihály Francia Kiss, den berüchtigten Freischarführern, geleitet. Das ungarische Militär war von dem Plan informiert und war an den Vorbereitungen aktiv beteiligt. Es gibt eine schriftliche Zeugenaussage eines österreichischen Teilnehmers, die Hornbostel nur wenige Tage nach dem Überfall aufgenommen hatte. Diese besagt, dass die Teilnehmer an der Aktion in der Husarenkaserne in Steinamanger auf das Unternehmen vorbereitet wurden. Die Teilnehmer wurden mit 100 Kronen belohnt. Die Waffen wurden zunächst nach Steinamanger, dann über Körmend in das Artilleriemunitionslager nach Hámaskér gebracht. Schon in Steinamanger hatten ungarisches Militär den Transport übernommen.    (Lajos Kerekes, S. 202)

Am 4. August bat Renner die Gesandten Frankreichs und Großbritanniens zu sich und legte ihnen die Gefährdung der österreichischen Grenze dar. Diese beschwichtigten und wiesen darauf hin, dass Ungarn gezwungen sein könnte, gegen das Übergreifen des Bolschewismus nach Mitteleuropa militärisch einzugreifen, was auch dem Schutz Österreichs dienen würde. Sie forderten Ungarn zwar auf, für eine friedliche Beilegung des Konfliktes und für die Rückgabe der Waffen zu sorgen. Dabei blieb es aber. Es geschah nichts. Man legte der Affäre offenbar keine besondere Bedeutung bei ... 


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