Schon Anfang November 1918, also lange bevor Österreich seine Forderung nach Deutschwestungarn erhob, hatte sich im Lande selbst eine Bewegung gebildet, die eine echte Autonomie für die deutschen Gebiete innerhalb Ungarns forderte. Die maßgebenden Persönlichkeiten waren zwei deutschbewusste Neusiedler, der Rechtsanwalt Dr. Karl Amon und der Apotheker Mag. Adalbert Wolf. Zwischen Kriegsende und dem Beginn der Räteherrschaft wurde nun in Westungarn heftig und auf sehr hohem Niveau in den zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften um eine Lösung gerungen. Diese deutschsprachigen Zeitungen bestanden zum Teil schon lange, einige wurden erst jetzt gegründet. Diese Diskussionen widerlegen schlagartig Behauptungen, die noch immer in der Literatur herumgeistern. Westungarn war alles andere als politisch inaktiv, entmündigt, mit Menschen, die kaum des Lesens und Schreibens kundig waren. Die Argumente für und gegen Anschluss oder Autonomie, Staatstreue oder Volkstreue zeigen eindeutig eine lange Beschäftigung mit dem Thema. Sie zeigen immer wieder auch ein sehr ausgeprägtes regionales Selbstbewusstsein.

In einem Punkt trafen sich Autonomiebefürworter und Anschlussfreunde: Sie verlangten das Selbstbestimmungsrecht für Deutschwestungarn. Die Deutschen Westungarns nahmen keineswegs alles kommentarlos hin, was in Budapest, in Wien oder in Paris über sie beschlossen wurde. Die von Karl Wollinger gegründete "Deutsche Freiheit", die Zeitung der Deutschen Freiheitspartei, verlangte - obwohl Wollinger damals bereits für den Anschluss an Österreich eintrat - das freie Selbstbestimmungsrecht der westungarischen Bevölkerung. Westungarn solle auf der Friedenskonferenz durch eine eigene, von einem freien Landtag gewählte Vertretung sein Selbstbestimmungsrecht zur Geltung bringen.  Wollinger stellte fest: "Niemand hat das Recht, auf der Friedenskonferenz im Namen Deutsch-Westungarns zu sprechen, ohne hiezu vom Volke beziehungsweise vom freien Landtag ein rechtlich unanfechtbares Mandat zu haben." 

"Es gibt keinen österreichischen Kaiser und ungarischen König mehr. Geblieben ist das Volk. Soll es von fremden Völkern, von fremden Beamten, die mit und nicht fühlen und denken, weiter beherrscht werden? Wir Deutsche sind kein Sklavenvolk, sondern ebenso frei wie die anderen Völker..." So schrieb die Zeitung Wollingers. Und sie war ferner der Meinung, jenes Land, aus dem später das Burgenland wurde, könne eine Brücke sein zwischen den Völkern, sofern diese bereit seien, in Frieden zu leben und die Freiheit des anderen zu achten.

Die Autonomiebewegung blieb aber nicht beim Diskutieren. Es wurde gehandelt. Besonders ungerechte und unbeliebte Beamte wie etwa der Mattersburger Oberstuhlrichter wurden vertrieben, Nationalgarden aufgestellt, die die Dörfer schützen sollten. Dies, obwohl die Behörden zögerten, Waffen auch an die deutschen Gemeinden auszugeben. Das Misstrauen von Seiten der Magyaren war bereits groß.

 

Die Autonomiebewegung fand zunächst in ganz Deutschwestungarn begeisterte Zustimmung. Am 10. November 1918 wurde unter Teilnahme sämtlicher deutscher Vereinigungen der Deutsche Volksrat für Ungarn gegründet. Am selben Tag fand auch in Mattersburg eine große Volksversammlung statt, die den Deutschen Volksrat für Westungarn ins Leben rief. Es war dies ein für die burgenländische Geschichte und das burgenländische Selbstverständnis überaus wichtiges Ereignis. Man könnte es ohne zu zögern als Geburtstag des Landes bezeichnen.

Dem Volksrat Westungarns schlossen sich in wenigen Tagen weit über hundert Gemeinden an, von Tyrnau und Pressburg im Norden bis Neuhaus im Süden, darunter auch kroatische Gemeinden.

Die Schwäche der Autonomiebewegung bestand darin, daß man in Budapest größtenteils nur zu Scheinzugeständnissen bereit war. Erst als die westungarischen Deutschen der Regierung ein Ultimatum stellten und die Ausrufung einer unabhängigen Republik androhten verabschiedete der Ministerrat das Autonomiegesetz, das eine eigene deutsche Nationalversammlung, Verwaltungs- und Kulturautonomie vorsah.

Auch die Autonomiebewegung selbst hatte recht unterschiedliche Ziele: die einen sahen in der Autonomie eine Vorstufe für den Anschluss an Österreich, die anderen ein Mittel, um das Burgenland bei Ungarn zu halten.

Diejenigen, die die Autonomie ernst nahmen, konnten sich nicht durch setzen. Im Autonomiegesetz wurden wesentliche Forderungen nicht erfüllt. Es wurde daher in Westungarn von der Mehrheit unter Führung Wollingers abgelehnt. Es setzte sich hier immer mehr die Meinung durch, daß die Autonomie für Budapest nur ein Mittel war, um die Anschlußbewegung einzudämmen. Nur wenige Tage nach dem Gesetzesbeschluss legten 40 St. Gottharder (also südburgenländische) Gemeinden Protest ein und verlangten die Wiedereinführung der alten deutschen Ortsnamen, deutsche Regimenter, vollkommene Selbstverwaltung und Beibehaltung des Selbstbestimmungsrechtes, also die Möglichkeit, sich in Zukunft für eine Lösung von Ungarn zu entscheiden. Auch in Neusiedl war man enttäuscht. Der Rechtsanwalt Karl Amon gründete die "Vierburgenländische deutsche autonome Volkspartei" und versuchte, in ihrem Programm die Inhalte einer echten Autonomie zu definieren. Im Parteinamen wurde erstmals die Bezeichnung "Vierburgenland" offiziell genannt.

In Mattersburg schritt man zur Tat: dort wurde die "Republik Heinzenland" ausgerufen.

Schließlich wurde die gesamte Autonomiebewegung hinfällig. Die vorgesehenen Wahlen fanden nicht mehr statt. In Budapest übernahm die Räteregierung die Macht.


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