herrsch gssing

Die Herrschaft Güssing in d. Mitte des 17. Jhd.

Im Ungarn der frühen Neuzeit gab es keinen königlichen Hof. Die großen Adelsfamilien allerdings entfalteten ein üppiges Hofleben. Ihre Sitze waren militärische, aber auch kulturelle Zentren. An den Residenzen dieser Familien entstand das für das damalige Ungarn typische Familiaritätssystem oder Servitorsystem. Die "familiares" des Herrn waren Menschen, die sich unter seinen Schutz begaben, von ihm Unterhalt bekamen und dafür Gefolgschaft und Treue schuldig waren. Es konnten dies verarmte Adelige sein, von denen es damals als Folge des türkischen Vorrückens sehr viele gab, aber auch wohlhabendere Adelige verschmähten es nicht, in den Dienst eines mächtigen Herrn zu treten.

Das "ständige Hofvolk" (continui Herren) lebte immer am Hof und begleitete den Herrn auch, wenn er seinen Wohnsitz verlegte. Aus dieser Gruppe kamen die höchsten Wirtschaftsbeamten, bei den Batthyany etwa an der Spitze der "Vogt" oder "Provisor" und der "Officialis", der Wirtschaftsverwalter. Ihnen unterstanden die Eigengüter und die für einzelne Bereiche zuständige "Beamte", der Meier für die Getreidevorräte, der Kellermeister bzw. Schließer für die Getränke, der Truchsess für die Ausgabe der Lebensmittel. Der Kerkermeister war auch für die Burgtore verantwortlich. Dazu kamen Schreiber und Rentmeister.

Neben dieser ständigen Besatzung gab es die Servitoren, die in ihren eigenen Häusern im Umfeld der Burg lebten, von der Herrschaft versorgt wurden, aber nur dann zum Dienst erschienen, wenn sie vom Herrn gerufen wurden.

Zur dritten Gruppe zählten die Angehörigen der Privatarmee unter einem Hauptkapitän und einigen Leutnanten, die ebenfalls nicht in der Burg wohnten, meist "adeliger" Herkunft waren und deren Status davon abhängig war, wie viele Pferde sie stellen konnten. Sie zogen mit ihren "Dienern", mit nichtadeligen Soldaten, in den Krieg. Insgesamt umfasste die "Privatarmee etwa 2 300 Mann, eine für damalige Zeit beachtliche Streitmacht, die aus den Gütern der Herrn versorgt werden musste und eine enorme Belastung für die Bauern darstellte. Die "adeligen" Soldaten nahmen zudem wenig Rücksicht auf die Bauern, sie waren undiszipliniert und überheblich. 1648 etwa beschwerten sich die Bewohner der Schlaininger Vorstadt: "Wenn der Herr hierher kommt, dann kann wegen der Reiter weder Gans noch Huhn noch Heu, noch Hafer auf dem Feld in Frieden bleiben, sogar das Hofland und die Scheunen werden verheert und alles wird erbeutet".

Vera Zimányi, Schlaining unter der Familie Batthyány bis zum Ende der Türkenzeit. In: Stadtgemeinde Stadtschlaining. 2006, S. 65

Der Hof und die Eigengüter der Batthyany

Beispiel Güssing

Zur herrschaftlichen "familia" auf Burg Güssing gehörten 1634: 220 Personen, die zu verköstigen waren. 173 hielten sich ständig in der Burg auf, 47 nicht ständig; zu letzteren gehörten vorwiegend die Offiziere des Privatheeres. Weitere 114 Personen erhielten von der Herrschaft Brot und Wein. Zur Zeit Adams I. wurden 364 Personen gespeist, 43 Herren ständig, 77 kommen nur dann, "wenn wir sie rufen, aber dann sitzen sie beim Tisch des Herrn, zählen alle zu den Burgleuten, da jedoch ein jeder in seinem eigenen Haus zu tun hat und somit den Hof nicht continuieren kann, kommen sie nur dann, wenn wir sie rufen"

(Zimanyi,Herrschaft Güssing,S.42)

 
Zum Hofpersonal gehörten: 24 Speisenträger, 6 Schreiber, 20 Reitknechte und andere Diener, 12 Trompeter, Pfeiffer und Trommler, 11 Handwerker, 20 Gesellen und Lehrlinge, 8 Köche, 5 Vorreiter,16 Pferdeknechte,11 Kutscher, 14 "Frauenzimmer", 63 Diener der Herrschaft, 25 Diener der Speisenträger ,5 Diener der Musikanten, 4 Lakaien der Herrschaft usw. Dies ist nur das Personal des Hofes in Güssing. Die Hofhaltungen in Schlaining und Rechnitz hatten ähnliche Dimensionen. Wenn man dazu noch die Soldaten rechnet, ist es kein Wunder, dass sie zusammen den Großteil der Herrschaftseinnahmen, der Abgaben der Bauern und zusätzlich noch die meisten überschüssigen Lebensmittel, auf die die Herrschaft ja auch ein "Vorkaufsrecht" hatte, verbrauchten.

Im Vergleich zu diesem Hofpersonal war die Zahl der Herrschaftsangestellten auf den Meierhöfen äußerst gering. Jeder Meierhof kam mit etwa 5 bis 10 Personen aus, da die meiste Arbeit von den Untertanen geleistet werden musste. 1634 betrug die Gesamtzahl der gesamten Herrschaft Güssing an Meier, Meierinnen, Knechte, Dienstmädchen, Hirten nur 46 Personen. Die Herrschaft bewirtschaftete drei große Eigengüter: Mönchmeierhof, den "neuen Meierhof" und den Meierhof des Schlosses Stegersbach. Unterhalb der Burg Güssing lag der "große Meierhof", in Punitz bestand ein herrschaftlicher Schafstall, in Rudersdorf Getreidespeicher und Scheunen mit Schüttkästen. Neue Meierhöfe wurden im 17.Jh in Poppendorf und Raabfidisch errichtet. Im 16.Jh. fand auch in der Herrschaft Güssing jener schon erwähnte Konzentrationsprozess um die bestehenden Meierhöfe auf guten Böden statt, bei gleichzeitiger Aufgabe einzelner Herrschaftsfelder . Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, besonders aber in der zweiten Jahrhunderthälfte, wuchs der Besitz an Allodialfeldern, Wiesen und besonders an Weingärten rasch an. Die Batthany brachten viele hundert Hauer Weingarten in den Herrschaften Güssing, Rechnitz und Schlaining in ihren Besitz. Die herrschaftlichen Besitzungen wurden größtenteils durch Robot bewirtschaftet, an die Verwendung von Lohnarbeit dachte man - anders als auf den Herrschaften im Nordburgenland, nicht.

Eine Art "Jahresbilanz" der Herrschaft Güssing legte V. Zimanyi in ihrem Buch über die Herrschaft Güssing für das Jahr 1661 vor.(S.44):

Bargeldeinnahmen: 11 627 Gulden Naturalien: 7 371 Metzen Korn, 5280 Eimer Wein, viele andere Lebensmittel wie Geflügel ,Eier, Honig, Wachs, Schafe...

Zu den Bargeldeinnahmen wären noch zu zählen: Das Gehalt des Fürsten als Generalissimus, Lösegelder für "türkische" Gefangene, Gewinne aus dem Handel.

An Ausgaben werden angeführt: Lohn für die Bediensteten: 12 125 Gulden in Geld, 6578 Gulden in Tuch, 2000 Gulden für die Kleidung des Grundherrn, 2013 Gulden für Fleischkäufe

24 000 Gulden für sonstige Kleidung, für Gebrauchsgegenstände, Gewürze etc.

Weder die Naturaleinnahmen noch die Geldeinnahmen reichten also aus, um die hohen Ausgaben abzudecken. Dementsprechend verschuldet waren die Grundherrn auch, vor allem dann, als die Herrschaft geteilt wurde. Immer wieder mussten auch Teile der Herrschaft an die Geldgeber verpfändet werden.


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