thumb stefan und giselaDie einzigen, die dieses politische Meisterstück schafften, waren die Magyaren. Paradoxer Weise gerade deshalb, weil sie sich nicht zu Tode siegten. Die schwere Niederlage auf dem Lechfeld 955 wurde zum Anfang des "modernen", des mittelalterlich-feudalen und christlichen Ungarn. Und mit der Hochzeit vor tausend Jahren zwischen Stefan und der bayerischen Herzogstochter Gisela wurde jene Entwicklung besonders gefördert, die einen Nomaden- oder Halbnomadenstamm von höchstens einigen zehntausend Krieger-Hirten die Basis für eines der erfolgreichsten Staatsmodelle des nächsten Jahrtausends schaffen ließ.Das mitelalterliche Ungarn war ein "Gastland". Es mußte ein solches sein, denn die Zahl der eingewanderten Magyaren reichte bei weitem nicht, um den riesigen Raum zu besiedeln und "in Wert zu setzen", auch wenn mit Sicherheit mehr Menschen aus der Vorbevölkerung den "Magyarensturm", die ersten fünfzig Jahre magyarischer Herrschaft, überlebten, als man früher zu glauben geneigt war. Die Archäologie schließt allmählich auch diese Lücke. Tatsächlich gibt es kaum einen vernünftigen Grund, mit der magyarischen Eroberung jegliche Siedlungskontinuität abreißen zu lassen. Wenn offenbar romanische, germanische und slawische Gruppen dreieinhalb Jahrhunderte Awarenherrschaft überdauerten, wenn Fluß- und Städtenamen auch aus viel früherer Zeit weitergegeben wurden, warum sollte dann ein halbes Jahrhundert Magyarenherrschaft eine menschenleere Einöde hinterlassen haben?

Es ist unser neuzeitliches Denken, das uns immer wieder zu solchen Bildern von Verwüstung und Vertreibung verführt. Wir denken besitzbezogen, und Besitz ist für uns Landbesitz. Im Frühmittelalter aber bedeutete Landbesitz wenig, denn es war genug Land verfügbar. Entscheidend waren hingegen die Menschen, die in der Lage und bereit waren, dieses Land zu bewirtschaften. Sie waren der ganze Reichtum einer Region. Landbesitz war nicht allein und nicht in erster Linie die Grundlage von Macht und Herrschaft. Die Verfügungsgewalt über Menschen mußte dazukommen. Es hätte also mittelalterlichem Denken widersprochen, die Vorbevölkerung auszurotten. Und es entsprach mittelalterlichem Denken, die eigene Gruppe, den eigenen, sich allmählich konsolidierenden "Staat" durch die Aufnahme möglichst vieler Menschen zu stärken.Der "Staat" war ja damals und noch für lange Zeit nicht ein strikt begrenztes Territorium, sondern eine Gruppe von Menschen, die durch Verwandtschaft und durch Gefolgschaft aneinander gebunden waren. Das war das Grundprinzip der Jahrhunderte der Völkerwanderungszeit und auch noch des Frühmittelalters. Nicht anders hatten die Franken, die Langobarden, die Bayern gehandelt, deren Stammesbildung ja überhaupt erst durch Zusammenschluß von Gruppen verschiedenster Herkunft erfolgte. Wenn die ungarischen Könige, mit Stephan dem Heiligen beginnend, also Zuwanderer aus dem Westen mit offenen Armen aufnahmen, wenn Stefan in seiner berühmten Anweisung an seinen Sohn Emerich empfiehlt, die "Fremden" mit offenen Armen aufzunehmen und ihre Sitten zu achten, dann lag dies durchaus auf der Linie mittelalterlichen Denkens. Was im hochmittelalterlichen Ungarn fehlte waren Menschen, die das Land bebauten, die Städte gründeten und Handwerk wie Handel entwickelten, waren Bergleute, die Schätze aus dem Boden holten. Menschen aber gab es im Westen, im römisch - deutschen Reich, anscheinend genug. Denn im Westen und in der Mitte Europas hatte inzwischen ein gesellschaftlicher Entwicklungsprozeß begonnen, den die Forschung mit dem Begriff der "hochmittelalterlichen Agrarrevolution" kennzeichnet. Der wirtschaftliche Aufschwung auf der Basis neuer und besserer Landbaumethoden war mit einer "Bevölkerungsexplosion" verbunden.

Die "hospites", die "Gäste" aus dem Westen, kamen gerne in das gastfreundliche Ungarn, denn es wurden ihnen bedeutende Privilegien gewährt. In den folgenden Jahrhunderten bedeutete dann " hospes" weit mehr als "Gast", wie wir es heute verstehen, also mit vorübergehendem Aufenthalt. Der "Gast" war von vornherein als Dauerbewohner gedacht - und er wurde zu einem privilegierten Bewohner des Königreiches Ungarn. 1222, in der berühmten Goldenen Bulle des Königs Andreas II., wurden die Rechte der Gäste unterschiedlichster Herkunft, wie sie ihnen bei der Ansiedlung gewährt wurden, für alle Zeiten garantiert.

Die Berufung von "Gästen" aus dem römisch - deutschen Reich ist schon in der Regierungszeit des Großfürsten Geisa (971 - 997) bezeugt. Geisa war es ja, der die "Verwestlichung" Ungarns begann, den Umbau der magyarischen Gesellschaft. Zuerst waren es bayerische Geistliche, die ins Land kamen, vereinzelt auch schon Ritter. Zwei deutsche Ritter aus Schwaben waren es angeblich, die den jungen Waik, Geisas Sohn, erzogen. Sogar ihre Namen überliefert die - allerdings erst viel später entstandene - Legende: Pazman und Hont (Kunz) sollen sie geheißen haben.

Die Bereitschaft, sich in Ungarn zu engagieren, war freilich in Salzburg und besonders in Passau groß. Dort hatte man die wichtige Rolle, die man hundert Jahre zuvor im Ostland spielte, die Besitzungen, die man dort erworben hatte, keineswegs vergessen. Und Bischof Pilgrim von Passau war ein "Ostpolitiker", der die neuen Chancen mit beiden Händen ergriff, die alten Ansprüche in entsprechend manipulierten Urkunden fundierte, angeblich auch das Nibelungenlied in lateinischer Fassung aufzeichnen ließ ... Neben dem alten Rivalen in der Ostmission, Salzburg, machte auch Bischof Wolfgang von Regensburg dem Passauer Konkurrenz. Er war es, der Gisela erzog. In der Missionierung Ungarns hatte aber schließlich doch Passau die Nase vorn: Geisas Sohn Waik wurde auf den Namen des Passauer Patrons Stephan getauft.

Stefan I. der Heilige (997 - 1038) war es schließlich, der zum eigentlichen Baumeister des mittelalterlichen, christlichen Ungarn wurde. Und er stützte sich dabei auf die "Gäste" aus dem Westen. Denn der alte heidnische Stammesadel war keineswegs bereit, sich widerstandslos entmachten zu lassen. Ein "Gast" aus dem Westen, Vencelin oder Wezelin von Wasserburg, ein Schwabe, war es angeblich, der Stefans Heer in der entscheidenden Schlacht anführte. Er wurde zum Ahnherrn der Familie Ják, die später auch Eberau und Pernau besaß.

 
In dieses Konzept paßte die Ehe mit Gisela hervorragend. Sie garantierte massiven Rückhalt für Stephan, stammte sie doch aus dem ottonischen Kaiserhaus. Nach dem Tode Ottos III. bestieg ihr Bruder Heinrich II., zuvor Herzog von Bayern, den römisch - deutschen Thron. Und auch diesem Heinrich war die Ostmission ein entschiedenes Anliegen, er war es ja der das Bistum Bamberg gründete. So wie sein Schwager Stephan wurde er später ebenfalls heilig gesprochen, nicht zuletzt wegen seines Beitrages zur Ungarn- Mission.

An Bamberg knüpft auch manche Gisela - Legende. Angeblich soll die Dame wenig Lust gehabt haben, sich ins ferne und barbarische Magyarenland verheiraten zu lassen. Sie hätte es vorgezogen, ins Kloster zu gehen. Aber Stephan hätte hoch zu Roß den Bamberger Dom gestürmt und die ihm Zugedachte auf diese Weise einigermaßen an ihre Pflichten erinnert. Nun ja, sehr temperamentvoll sieht er nicht aus, der "Bamberger Reiter", und nach der Meinung der Forscher stellt er auch keineswegs Stephan dar. Gisela jedenfalls scheint sich in ihr Schicksal gefügt zu haben und eine beträchtliche Zahl von Getreuen mit ins Ungarland genommen zu haben. Der ungarische Chronist Simon de Keza führt eine eine lange Liste von vornehmen Familien an, die aus dem deutschen Reich stammten. So manche ungarische Adelsfamilie behauptete später, mit Gisela aus Deutschland gekommen zu sein - was offenbar als besondere Auszeichnung galt. In der berühmten "Ungarischen Bilderchronik", im 14.Jahrhundert auf der Basis älterer Werke entstanden, vermutlich vom Stuhlweißenburger Domherrn Markus von Kalt verfaßt und vom Hofmaler Nikolaus aus Ödenburg illustriert, wird von den der Ankunft der "Gäste" aus Deutschland (de Alemannia) berichtet. An erster Stelle wird jene Familie genannt, die dann in der westungarisch-burgenländischen Geschichte eine Hauptrolle spielen sollte: Die Grafen Wolfer und Hedrich von Hainburg, die Ahnherren der "Grafen von Güssing". Angeblich wurden sie von dreihundert Rittern begleitet.

Jedenfalls riß seit Stefan und Gisela der Zustrom aus dem Westen nicht mehr ab. Unter Geisa II. (1141-1162) kamen die Siebenbürger und die Zipser "Sachsen" und wurden an den Stellen, an denen das ungarische Königreich besonders gefährdet war, angesiedelt. Nach dem Mongolensturm, der große Lücken in der Besiedlung hinterließ, schwoll der Einwandererstrom immer mehr an. Neben Geistlichen und Rittern waren es nun zunehmend Handwerker und Kaufleute, Bergleute und Bauern, die ein weites Betätigungsfeld vorfanden. Im 12. Jahrhundert strömten bäuerliche Kolonisten aus dem Westen in jene westungarischen Komitate, aus denen später das Burgenland wurde. Die Kreuzzüge, die ja teilweise über Ungarn führten, dürften das Land und seinen etwa vom Babenberger Otto von Freising in höchsten Tönen gepriesenen Reichtum bekannt gemacht haben.

Die "Gäste" kamen, auch wenn die Beziehungen zwischen Ungarn und dem römisch - deutschen Reich schlecht waren. Denn dann fanden Flüchtlinge aus dem Reich Aufnahme. Unter Stephans Nachfolgern gab es neben gut nachbarlichen Beziehungen auch so manchen Konflikt. Denn das "Heilige Römische Reich" verstand sich durchaus als universale christliche Macht und zählte auch Ungarn zu den von der Kaisermacht abhängigen Königreichen. Schon 973 hatte Otto der Große den Großfürsten Geisa nach Quedlinburg beordert, um dort den Lehenseid zu leisten. Geisa konnte geschickt ausweichen. Die Krone Ungarns aber wurde nicht - wie das bis heute immer wieder behauptet wird - von Papst Sylvester II. an Stephan übersandt. Die Legende berichtet, ein Engel wäre dem Papst erschienen und habe seine Aufmerksamkeit auf Stephan gelenkt, eine ungarische Delegation angekündigt, die das christliche Ungarn dem Papst unterstellen wollte ... In der frühen Neuzeit wurde sogar eine Urkundenfälschung darüber angefertigt. Was sich tatsächlich zutrug, berichtet und Thietmar von Merseburg: Stephan empfing die Krone aus der Hand Kaiser Ottos III. Dies erklärt auch, warum man in Ungarn die Legende nur allzu gerne glaubte: besser den fernen Papst als Lehensherrn als die nahe Großmacht im Westen. Die "Stephanskrone" war dies freilich noch keineswegs. Sie, das geheiligte Symbol des ungarischen Staates, kam erst ein Jahrhundert später, vermutlich als byzantinisches Geschenk, an König Geisa I.

Stephan und Gisela hatten einen Sohn, der den Namen Heinrich erhalten hatte. In Ungarn nannte man ihn Emmerich oder Imre. Er sollte das Werk seines Vaters weiterführen, ihm war jener berühmte "Fürstenspiegel" (Libellus de institutione morum ad Emericum ducem) gewidmet, in dem Stephan die Grundsätze seiner Staatsführung festlegte. Aber schon 1031 kam Emmerich bei einem Jagdunfall ums Leben, das Werk Stephans war gefährdet. Zum Nachfolger wurde schließlich Peter Orseolo, Sohn seiner Schwester und Doge von Venedig, bestimmt. Der deutsche König Heinrich III. mußte ihn gegen die Opposition im Lande unterstützen. 1045 leistete Peter in Stuhlweißenburg dafür den Lehenseid.

Der Libellus, das "Testament" Stephans, ist umstritten wie wohl kaum ein anderes Dokument der mittelalterlichen ungarischen Geschichte. Er ist nur in zwei Handschriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert erhalten und er ist - vor allem was die Aussagen bezüglich der "Gäste" betrifft, so modern, daß man seine Echtheit angezweifelt hat. Tatsache ist aber, daß die politische Praxis der ungarischen Könige sehr genau diesen Grundsätzen entsprach.

Die bayerische Prinzessin Gisela und Königin von Ungarn residierte in Wesprim (damals auch Weißbrunn genannt), das damit für alle Zeiten zur "Stadt der Königinnen" wurde. Dort, auf der Terrasse der Burg, steht auch jenes Denkmal, das man 1938, anläßlich des neunhundertsten Todestages Stephans ihm und seiner Gemahlin errichtet hat, zu einer Zeit, als man sich der deutsch - ungarischen Zusammenarbeit besonders erinnerte. Wenige Jahre später endete diese Gemeinsamkeit und das tausendjährige Zusammenleben in der Katastrophe des Krieges und der Vertreibung. Heute ist es wieder an der Zeit, sich dieses wichtigen Faktors in der Geschichte des Königreiches Ungarn, das unseren Vorfahren einst Gastrecht und später Heimatrecht gewährte, zu erinnern. Nicht zuletzt im Burgenland besteht diese Verpflichtung. Denn mit Stephan und Gisela begann gewissermaßen auch unsere Geschichte - vor tausend Jahren.



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