Es gibt kaum ein Thema, das so häufig und so intensiv missbraucht wurde wie das der frühen Besiedlung. Es diente immer wieder der Legitimierung politischer Ziele. Im Zeitalter des beginnenden Nationalismus hat man sowohl auf deutscher wie auch auf magyarischer und slawischer Seite in die "nationale Frühgeschichte" zurückgegriffen und die ersehnte nationale Einheit in grauer Vergangenheit konstruiert. Ortsnamen deutscher, slawischer und magyrischer Herkunft wurden oft recht willkürlich als "Beweise" für frühe Besiedlung und damit auch für entsprechende Gebietsansprüche in jüngster Zeit herangezogen. Die völkerwanderungszeitliche germanische Eroberung und Durchdringung des gesamten Karpatenbeckens wurde ebenso wie die altslawische Besiedlung des Alpenostrandes in den Nationalitätenkämpfen des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts missbraucht.
 

Über ein Jahrhundert dauerte die Auseinandersetzung der Sprachwissenschaft an. Die Ergebnisse waren zum Teil extrem unterschiedlich. Die Awaren wurden gerne - so wie die Hunnen und die Magyaren - als die "Gefahr aus dem Osten", als unkultivierte, barbarische Völker dargestellt. Man konnte daran den "Abwehrkampf" des christlichen oder nach Bedarf des christlich-germanischen Abendlandes mühelos anschließen. Hunnen, Awaren, Magyaren, Türken . . .und zuletzt Russen und Kommunisten - das ergab eine schöne Reihe von "Erzfeinden". Freilich hat man bei unseren östlichen Nachbarn die Geschichte nicht weniger stark instrumentalisiert.
Die magyarische Geschichtsschreibung hat nicht wenige der Klischees übernommen und ins Positive verkehrt. Die "Gefahr aus dem Westen", díe Germanisierungsangst , hat in der Herausbildung des magyarischen Selbstverständnisses immer wieder eine wesentliche Rolle gespielt.
 

Von slawischer Seite wurde den Ungarn bis in jüngster Zeit immer wieder vorgeworfen, daß sie die Erforschung der frühslawischen Besiedlung des Karpatenbeckens bewusst verzögern. Es geht dabei auch um die Frage, wann die slawische Besiedlung erfolgte - unter awarischer Herrschaft oder erst nach der Niederlage der Awaren. Aus der Awarenzeit gibt es kaum "slawisches" Fundmaterial. Dies könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass jene Slawen, die unter awarischer Herrschaft lebten und in die Oberschicht aufstiegen, sich eben wie die "Awaren" begraben ließen . . . Die Frage also: Wo waren die Slawen? ist deshalb nicht zu beantworten, weil sie falsch gestellt ist. Zusätzlich geht es auch noch um die Frage, woher die frühen slawischen Siedler kamen, ob sie westslawisch - slowakischer oder südslawisch- slowenischer Herkunft waren.
 

Bis in die Gegenwart heftig umstritten ist das Ausmaß der karolingisch - bayerisch - fränkischen Durchdringung und Besiedlung in Westungarn und im Burgenland. Vor allem nach dem Anschluss des Landes an Österreich, der ja angesichts des magyarischen Revisionismus in der Zwischenkriegszeit noch keineswegs als gesichert und endgültig gesehen werden konnte, versuchte man auch von der Geschichtsschreibung her das "uralte" deutsche Erbe Westungarns entsprechend in den Vordergrund zu rücken. Bei der nicht selten spekulativen, wissenschaftlich wenig abgesicherten Lokalisierung der wenigen, in den Quellen genannten Orte schoss man dabei oft weit über das Ziel. Auf ungarischer Seite wurden die frühen Ansätze westlicher Kolonisation hingegen in ihrer Bedeutung möglichst heruntergespielt oder überhaupt geleugnet.
 

Die in den karolingerzeitlichen Quellen erwähnten Orte tragen deutsche Namen. Die Quellen sind aber überwiegend "deutsche" Quellen. Deutsche Ortsnamen in fränkischen Quellen beweisen noch nicht, daß in diesen Orten überwiegend Deutsche gelebt haben, schließen es aber natürlich auch nicht aus. Für Mosapurc (Moosburg,Moorburg), die Hauptstadt des Priwina, ist auch eine slawische Form Blatyngrad (davon Plattensee, Balaton; bedeutet ebenfalls Moorburg) überliefert. Es gibt Beispiele aus Ostdeutschland, dass Deutsche und Slawen auch in gemischten Siedlungen lebten.
 

Die heutige wissenschaftliche Erforschung des Frühmittelalters gibt viele neue und faszinierende Antworten. Dazu haben vor allem die Arbeiten von H.Wolfram, István Bóna, Ágnes Sós, Walter Pohl... beigetragen. Es ist allerdings nicht leicht, den Überblick über die vielen Spezialforschungen, Ausgrabungsberichte, ja nicht einmal über die zusammenfassenden Darstellungen ständig aktuell zu halten.
Viele der "Argumente", die im Laufe der politischen Entwicklung immer wieder gebraucht und missbraucht wurden, sind auch heute noch im Umlauf. Noch immer geht es dabei - manchmal unbewusst und unterschwellig, um Rechtfertigung jüngerer Geschichte und Politik. Aber es geht natürlich auch um die immer wieder gestellte und sehr ernst zu nehmende Frage: Wer waren und woher kamen unsere Vorfahren? Es geht also auch um die "Wurzeln" unserer heutigen Identität, um unser Selbstverständnis, das - zumal in der populärhistorischen Geschichtsinterpretation - eine wesentliche Rolle spielt.
 

Es sollte zunächst klar sein, dass die "Langobarden", "Awaren", "Bayern" oder "Magyaren" des Frühmittelalters keineswegs mit Völkern im heutigen Sinn oder gar mit Staatsnationen verwechselt werden dürfen. Sie waren labile, nach außen offene Herrschafts- und Gefolgschaftsverbände, wohl mit einem Traditionskern, der aber nur zum Teil von einem "Volk" im biologischen Sinn gestellt wurde. Es ist die Dynamik der gentilen Prozesse zu betonen, die Tatsache,daß "Völker" und "Stämme" sich auflösen, neu entstehen, sich zu anderen Gruppierungen zusammenschließen konnten, daß es keineswegs nur die "blutsmäßige", die verwandtschaftliche Bindung war, die eine solche Gruppierung zusammenhielt, sondern daneben auch die Erfolge eines Unternehmens, Subsidienzahlungen, Beute...
 

Sowohl am Beispiel der Langobarden wie auch am Beispiel der Awaren kann demonstriert werden, dass eben auch Gruppen anderer abstammungsmäßiger oder sprachlicher Herkunft in die Herrschaftsverbände aufgenommen wurden.
Keineswegs darf die staatsbildende Kraft der Awaren, ihre zweihundertjährige Herrschaft über Pannonien unterschlagen werden, ebenso wenig wie der Anteil der Slawen an der Besiedlung Pannoniens. Aber auch die karolingerzeitliche fränkisch - bayerische ("deutsche") Expansion, die Neuorganisation des Ostlandes, Besiedlungsansätze und Anfänge der kirchlichen Organisation dürfen nicht geleugnet oder vergessen werden. Im Verlaufe der Neuorientierung der österreichsichen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die "Geburt Österreichs" immer weiter nach vor, bis in die "graue Urzeit", verlegt und sogar die überwiegend keltische Abstammung der Österreicher behauptet. Das ist natürlich Unsinn. "Österreich" ist als Teil Bayerns und des Hl. Römischen Reiches entsprechend geprägt worden. Für die Burgenländer kommt als weitere Komponente hinzu, dass im Zuge des Anschlussgeschehens das deutsche Erbe besonders hervorgehoben wurde - nur so konnte man dem magyarischen Nationalismus entgegentreten, die eigene Identität als Minderheit wahren.
 

 
Wie ist nun die karolingerzeitliche fränkisch-bayerische Kolonisation zu beurteilen? Nicht nur die in den Quellen erwähnten Ortsnamen, auch die Personennamen sind überwiegend deutsch. Am Hofe des slawischen, aber lehensrechtlich vom fränkischen König abhängigen Fürsten Priwina hat die deutsche Geistlichkeit die Hauptrolle gespielt. Bei der Weihe der Marienkirche in Mosapurc sind 17 deutschnamige Personen anwesend - die Frage ist, ob man sie als Grundherren aus der "Umgebung" betrachten darf. Mit Sicherheit darf man dies von der Familie des Rihhari (Richard), des Grafen von Steinamanger, annehmen.
 

Die "deutsche Theorie" geht von einer intensiven planmäßigen Kolonisation in Westpannonien aus. Die meisten erwähnten Orte liegen auch westlich der Raab. Es hätte also nicht nur deutsche Grundherren, sondern auch Bauern gegeben. Diese hätten zumindest teilweise den Ungarnsturm überlebt und Gewässernamen wie Leitha, Spratz, Güns; Rabnitz, Zöbernbach, Lafnitz, Raab, Saala an die Magyaren weitergegeben. Dabei ist die Herkunft dieser Flußnamen oft umstritten. Zwei Stimmen zur "deutschen Theorie" seien kurz zitiert:
"Die landnehmenden Ungarn stießen sowohl in dem Gebiet von Priwina und Kozel wie auch in der Raaber Mark auf deutsche, und zwar baierische Splittergruppen. Nur so könne man die Kontinuität, die im Gebrauch einiger....deutscher Namen (Plattensee, Raab, Rabnitz, Leitha, Ödenburg) nachweisbar ist, verstehen. Die landnehmenden Ungarn dürften weiterhin die Namen der Stadt Moson (Wieselburg) und des Flusses Lapincs / Lafnitz direkt von den Deutschen übernommen haben " (I.Melich, zitiert nach Sós, S. 69)
"Bei der Untersuchung der Ortsnamen Westungarns gelangt Moór zu dem Ergebnis, daß sich die deutschen Bauern nach dem Zusammenbruch des Awarenreiches in den Tälern der großen Flüsse neben der slawischen Bevölkerung niederließen und daß in diesen Gebieten im 9. Jh. Ansiedlungen mit gemischter deutsch-slawischer Bevölkerung entstanden" (Sós, S. 69)
 

Ebenfalls umstritten ist die Gleichsetzung des karolingerzeitlichen Ztradach mit Stöttera. Um 872 ließ der Salzburger Erzbischof die Conversio Bagoariorum et Carantanorum niederschreiben, in der er seine Ansprüche auf das Ostland rechtfertigt. Unter den 866 von Erzbischof Adalwin geweihten Kirchen wird auch die von Ztradach erwähnt. Anfang des 11. Jh. wird ein Jagdgebiet "Stederach prope Ungariam sita" genannt.
Im Jahre 844 wurde in einer karolingischen Quelle ein Brunnaron erwähnt, das man lange Zeit mit Lebenbrunn gleichsetzte. Lebenbrunn galt als "ältester Ort des Burgenlandes". Aber 1950 zeigte der bgld. Forscher A. Ratz, daß die Orte Lemprun, Stampach und Kogli erst 1608 auftauchen, zum Pilgersdorfer Hotter gehörten und als Rodesiedlung angelegt wurden. In Pilgersdorf aber wurde 1975 unter dem "Schulhügel" ein sensationeller Fund gemacht: Die Fundamente zweier Kirchen, von denen die ältere aus der Karolingerzeit stammt. Die Kirche hatte ein riesiges Ausmaß von etwa 12 mal 30 Meter. Sie wird heute allgemein als die "ecclesia minigonis", der Ort als Brunnaron identifiziert.
 

Am zahlreichsten aber auch am heftigsten umstritten sind die karolingischen Ortsbezeichnungen im Bereich des Südburgenlandes bzw. in den angrenzenden steirischen und ungarischen Gebieten. Auf die Bitte des Erzbischofs erhielt die Salzburger Kirche von Ludwig d. Deutschen 860 Sabariam civitatem (Steinamanger) et Peinihhaa, weiters Höfe ad Penninuuanc, ad ecclesiam Anzonis, ad Uuitanesperc, ad ecclesiam Ellodis, ad ecclesiam Minigonis presbiteri, ad Kundpoldesdorf, ad Rapam, ad siccam Sabariam, item ad Peinicaha, ad Salapuigin... Ratz lokalisiert den Uuitanesperc im Wechsel, die Ecclesia Minigonis in Mönichkirchen, ad Peinicaha in Pinkafeld, die Ecclesia Ellodis in Eltendorf...

Eine entscheidende Frage ist, wie weit die ungarische Landnahme die bisherigen Siedlungen zerstörte. Hier gehen die Ansichten weit auseinander. Der Steirer Posch ist eher der Ansicht, dass man die Berichte von den Zerstörungen ernst nehmen muss. Der burgenländische Forscher F. Zimmermann hingegen meint, dass die ungarische Invasion nicht mehr als jede andere Invasion zerstört hätte. Die Deutschen hätten zahlenmäßig das Übergewicht gehabt, hätten die großen Dörfer mit Kirchen bewohnt, die Slawen hingegen die umliegenden kleinen Weiler. Echte Beweise für eine großräumige und dichte deutsche Besiedlung gibt es allerdings nicht, ebenso wenig wie solche für eine Entvölkerung durch die Ungarn.
Slawische Forscher haben oft die entgegen gesetzte Meinung vertreten: Die Deutschen wären nur eine dünne Oberschicht gewesen. Auch Auch die Frage, was aus den besiegten Awaren wurde, ist nicht gelöst, sie haben keine greifbaren Spuren hinterlassen. Einer der wenigen Ortsnamen, die gelegentlich aus dem Awarischen abgeleitet werden, ist übrigens Illmitz. Noch um 870 berichtet die "Conversio" von Tributpflichtigen verschiedener, u.a. auch awarischer Stammeszugehörigkeit. Weitgehend außer Zweifel steht heute, dass ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung Pannoniens im 9. Jh. slawischer Herkunft war.
 

Die ungarische Forschung versuchte ebenfalls lange Zeit, den deutsch-karolingischen Einfluss in Pannonien herunterzuspielen. Etwa noch Endre Toth, ein ungarischer Forscher, in "Die Obere Wart" (Hg. L. Triber): Er ist der Meinung, dass die Ortsnamen nur im kontinuierlich deutsch besiedelten Gebiet Aufschluss geben, nicht aber im heutigen Westungarn, dessen Bevölkerung ja von den Magyaren vernichtet wurde. . . also nach dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Er hält eine Kontinuität der romanischen Bevölkerung über vier Jahrhunderte Völkerwanderung für möglich, eine deutsche über ein Jahrhundert Ungarnherrschaft aber nicht. (S.93). Toth meint: "Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass das bajuwarische Ethnikum innerhalb von knapp hundert Jahren den Raum zwischen Enns und Raab dicht besiedelt hätte". Er denkt - die Eigenheiten mittelalterlicher Staatlichkeit völlig verkennend - in den Grenzgrafschaften nur an "militärische Wachmannschaften" und am ehesten noch an Reste der früheren Bevölkerung - Romanen natürlich, denn Slawen sollten es ja nach Möglichkeit auch nicht gewesen sein. Er hat aber keine Bedenken, wenn es darum geht, daß das magyarische "Ethnikum" - zahlenmäßig weit kleiner und in wesentlich kürzerer Zeit - das gesamte Karpatenbecken "besiedelt"...
 

Genauere Antworten kann - nachdem sich die Methoden der Sprachwissenschaft als wenig Ziel führend erwiesen haben - eigentlich nur mehr die Archäologie bringen, die genaue Untersuchung von einzelnen Friedhöfen und Siedlungen in kleinen Regionen.


 

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