grenzwaechter
Archäologische Funde aus der frühen Arpadenzeit 900-100

 

Nach der Niederlage auf dem Lechfeld 955  und  während der Seßhaftwerdung der Magyaren  zogen sich diese immer mehr in das Innere des Karpatenbeckens zurück. Östlich der Enns entstand als Grenzmark des Deutschen Reiches Ostarrichi, südlich davon wurde die Karantanische Mark an der Mur wiedererrichtet. Etwa ab 1043 verlief die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und dem Königreich Ungarn an Leitha und Lafnitz.

Die ungarischen Königreich schützte seine Grenzen mit einem Grenzverteidigungssystem, dem Gyepügürtel. Es war dies ein tief gestaffeltes System von Verhauen und Überschwemmungsvorrichtungen. Dafür boten die Sümpfe und Auwälder der Rabnitz, der Raab und der Schüttinseln an der Donau günstige Voraussetzungen. Es gab einige Durchlässe, "Tore", die durch Burganlagen gesichert waren, etwa Oroszvár (Rusovce, "Russenburg", Karlburg) in der heutigen Slowakei), Moson - Wieselburg, Kapuvár (= Torburg), Sarvár, Ikervár, Vasvár (Eisenburg).  Vor diesem inneren Verteidigungsgürtel wurden  im Gyepüelve, im Grenzödland,  Beobachtungs- und Wachposten angelegt. Dieses Gebiet, zu dem das heutige Burgenland zur Gänze gehörte, war vermutlich dünner besiedelt.

Die außerhalb des magyarischen Siedlungsgebietes gelegenen Grenzwächtersiedlungen lagen an besonders gefährdeten Stellen. Die in den ungarischen Ortsbezeichnungen vorkommenden Namenselemente wie Ör (Wächter) Lövö (Schützen), Lö sowie Szem (Auge) weisen auf diese Funktion hin. Grenzwächter (lateinisch Speculatores) finden wir z. B. in der "Wart" (Oberwart, Unterwart, Siget in der Wart) Kleinjabing, Koh- und Kirchfidisch, in Ober- Mitter- und Unterpullendorf. An der Leitha und um den Neusiedler See wurden Petschenegen (Bissener) als Grenzwächter angesiedelt, ebenso zwischen Leitha und Donau. Grenzwächtersiedlungen gab es in Pöttsching, Leithaprodersdorf, Gattendorf, Jois, Mönchhof und Bezenye/Pallersdorf. Die Ortsnamen Pöttsching und Bezenye (nordöstlich des Grenzüberganges Nickelsdorf) deuten auf die Ansiedlung von Petschenegen (Bissener) hin. Auch der Riedname Pöttschen in Kittsee, direkt an der Donau, könnte darauf zurückzuführen sein. Die Petschenegen sperrten also die Ödenburger und die Brucker Pforte gegen Westen ab. "Russen", eigentlich germanische Waräger, sicherten die Hainburger Pforte, wie auch aus dem Ortsnamen Oroszvar (= Russenburg) hervorgeht.  Die Grenzwächter  mussten das Herannahen eines Feindes melden und die Truppen in kleine Gefechte verwickeln, um Zeit zu gewinnen, bis sich das ungarische Heer zum Kampf bereitgemacht hatte.

Die Petschenegen (Bissener) waren alte Feinde der Ungarn. Sie hatten diese vor langer Zeit aus ihren Wohnsitzen am Schwarzen Meer vertrieben. Die Petschenegen wurden nun ihrerseits von den Kumanen bedrängt. Unter König Salomon (1063 - 74) wurde ein Teil von ihnen in Ugarn aufgenommen und an der Westgrenze und an der Waag als Wächter angesiedelt. An der Wr. Neustädter Pforte, im Bereich von Sigleß, Pöttsching und Neudörfl, entstanden Wächtersiedlungen. Im 14. Jahrhundert wurde dieses Gebiet als "Wart" bezeichnet. Allzu lange konnten sie sich aber nicht behaupten. Im Aufstand gegen König Salomon schlossen sie sich Herzog Geza an. Salomon musste sich bis an die Westgrenze zurückziehen, erlangte aber durch Anerkennung der deutschen Oberhoheit die Unterstützung seines Schwiegervaters Kaiser Heinrich IV. Der größte Teil der Petschenegen wurde von den Anhängern des Königs niedergemacht oder in die Sümpfe des Neusiedler Sees getrieben. Ein kleiner Teil konnte sich unter dem Anführer Zupan retten und wurde weiter östlich angesiedelt.

Von den "Schützen" wird erstmals zu Beginn des 13. Jahrhunderts berichtet, als diese im Dienst Heinrichs von Güssing standen. Sie nahmen an seinen Kriegszügen teil. König Ladislaus IV. vertrieb die königlichen Schützen des Komitates Eisenburgvon ihren Besitzungen, weil sie noch im Dienst von Heinrichs II. Sohn, Johann von Güssing standen und zur Zeit Stephans V. zu Ottokar überliefen. In der Folgezeit wurden viele Schützenorte von den Güssingern abhängig, etwa Rauchwart und Deutsch Schützen. In Ober- und Unterschützen wurden deutsche Kolonisten angesiedelt. In Ober- und Unterwart wurde Nikolaus, Sohn des Peter, von König Karl Robert beauftragt, die "Wart" neu zu organisieren. Er wurde geadelt und zum Comes ernannt. Auch an anderen Stellen, etwa in Gattendorf, wurde die Organisation der Schützen erneuert. Sie sollten der Stärkung der königlichen Macht dienen.

Es wird vermutet, dass in den Dörfern, in denen später Kleinadelige siedelten. ursprünglich ebenfalls Wächter ansässig waren ( Tatzmannsdorf, Tschantschendorf, Mischendorf, Kohfidisch, Schandorf, Naring, Eisenberg, Edlitz ...).

Ursprünglich gehörten die Wächter zu den Gemeinfreien, die Wehrdienst leisten mussten. Die Wächterfamilien waren militärisch organisiert. Zehn Familien standen unter der Führung eines Decurio, je hundert Familien befehligte ein Centurio. Im 13. Jahrhundert unterstanden mehrere Wächtersiedlungen einem Maior, den man aus den Burgiobagionen, aus der Besatzung der Burgen, wählte. Er hatte auch die Rechtsprechung über die Wächter zu vollziehen. Die Wächter durften vor kein anderes Gericht zitiert werden. Einsprüche konnten sie beim Komitatsgespan oder direkt beim König erheben. Der Maior speculatorum bekam pro Zehnerschaft der Wächter jährlich ein Schaf, vier Hühner, eine Gans, 20 Brote, einen Kübel Bier und fünf Kübel Getreide. An Zehent zahlten die Wächter zwei Denare pro Familie, an königlichen Steuern nur die Hälfte des Üblichen. Außerordentliche Steuern mussten sie nur auf ausdrückliche königliche Anordnung zahlen.

Mit der Anlage der Grenzburgen und der immer dichteren Besiedlung wurden die Wächter und Schützen überflüssig. Im 14. und 15. jahrhundert sanken sie in den Bauernstand ab oder galten als Kleinadelige, auch wenn sie wie Bauern lebten. In der sich ausbildenden Feudalordnung mit adeligen Grundherrn und abhängigen Bauern hatten sie keinen Platz mehr. Sie traten in den Dienst des Königs, der Kirche oder der Grundherrn. Als königliche Burgmannschaften (Jobagionen) behielten sie ein gewisses Maß an Freiheiten. Mit dem Übergang der Burgländereien an die adeligen Grundherrschaften verloren sie aber auch diese Funktion. Im königlichen Dienst, als servientes regis, hatten sie jedoch die Möglichkeit, durch kriegerische Leistungen aufzusteigen. Sie bildeten in der Folgezeit den zahlenmäßig starken Klein- und Mitteladel. Dirch die "Goldene Bulle" von 1222 wurden die Freiheiten dieser Gruppe gestärkt. Die königlichen Komitate gerieten in ihre Hand und wurden zu "Adelskomitaten".

 In den Quellen scheinen die Bewohner von Unter- und Oberwart erstmals im Jahre 1482 als "Adelige" auf. Die Situation der "Wächter" im Eisenburger Komitat war kompliziert. Die Bewohner von Jabing (Jobbágyi) wurden  in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts Jobagionen. Die Bewohner der Dörfer der Wart waren wohl kaum "adelig". Lediglich Nikolaus, ihr Anführer, wurde geadelt. Dass sie aber eine höhere gesellschaftliche Stellung als die Bewohner der benachbarten Dörfer hatten beweist die Tatsache, dass sie immer wieder bei Besitzeinweisungen als königliche Beauftragte agierten. Sie konnten ihre Besitzungen - so wie die Adeligen - teilen und unterlagen einem Erbrecht, das dem der Adeligen ähnlich war. Steurlich waren sie benfalls begünstigt.

Den ungarischen Grenzwächtern entsprachen jenseits der Grenze deutsche Abwehrposten. Auch dort gab es Warten oder Wartberge. Die auf steirischer Seite mit Spiegel oder Spiel gebildeten Namensformen sowie die Peilsteine oder Beisteine (Sicherungshöhen) deuten auf eine Abwehrfunktion hin. Bei Hartberg gibt es etwa eine Spielstätte und die Hochwart. Südlich von Fürstenfeld ist im Rittscheintal im Namen Söchau (=Lauerplatz)  und im Spielberg von Tantendorf ein Hinweis gegeben, im Raabtal lagen den ungarischen Grenzwächtern die deutschen Grenzposten von Wartegg, Beistein und Wartberg gegenüber.

Das System der Grenzwächter bestand über hundert Jahre. Mit der Entstehung von Burgen auf beiden Seiten der Grenze wurden die Grenzwächter überflüssig. König Bela III. etwa nahm das Benediktinerkloster auf dem Güssinger Basaltkegel in seinen Besitz  und baute es zu einer massiven Burg aus. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden zahlreiche weitere Burgen, die die Funktion der Landesverteidigung übernahmen.

Vorläufer der Grenzburgen waren die so genannten "Roten Schanzen", mächtige Ringwälle zum Teil auf den Überresten früherer Befestigungsanlagen. Solche Anlagen haben die Archäologen in Ödenburg und Draßburg, in Lutzmannsburg und in Burg festgestellt. Diese Anlagen hatten Durchmesser bis zu 150 Meter  und wurden schon im 9. und 10. Jahrhundert errichtet. Sie boten Zuflucht für eine größere Menschenzahl. Es waren dies Holz - Erdekonstruktionen, die, wenn sie ausbrannten, die rötliche Farbe annahmen. Die Anlage dieser Burgwälle erforderte jedenfalls zahlreiche Arbeitskräfte. Sie belegen eindrucksvoll, dass das Grenzgebiet keineswegs dünn oder gar unbesiedelt war.

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