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Wichtigste Aufgabe der Kulturpolitik nach dem Anschluss an Österreich war die Schaffung bzw. der Ausbau einer deutschen Landesidentität. Das Burgenland als deutsches Grenzland wurde zur Abwehr vermeintlicher oder tatsächlicher magyarischer Ansprüche besonders betont. Das entschiedene Bekenntnis zur deutschen Nation und damit verbunden der Wunsch nach Anschluss an Deutschland war sowohl in der Sozialdemokratie, vor allem in der Person Ludwig Lesers wie selbstverständlich in der Großdeutschen Partei und im Landbund fest verankert. Das Ziel der Großdeutschen wie der Sozialdemokraten blieb immer der Anschluss an Deutschland. Der Landtagspräsident Hans Morawitz formulierte es so: "dass unsere Überzeugung,Angehörige des deutschen Volkes zu sein und dass unser Wille, Glieder des deutschen Volkes im Reich werden zu wollen, nicht von dem jeweiligen Stand der Börsenkurse in der Welt bestimmt ist, sondern dass vielmehr unser Wille, Glieder des deutschen Volkes zu werden, unerschütterlich war, ist und bleiben wird." (stenographische Protokolle des Landtages 4.1.1924, S.4). Landeshauptmann Walheim sagte 1931:"wenn wir seinerzeit für die Befreiung Deutschwestungarns eingetreten sind, so hat uns dabei nicht nur der Wunschnach Vereinigung mit Deutschösterreich, sondern auch und viel mehr die Hoffnung auf den Anschluss an das Deutsche Reich geleitet." (stenographische Protokolle, Sitzung vom 25.11.1931). Leser bekundete immer wieder, dass erst der Anschluss an Deutschland die endgültige Sicherung des deutschen Charakters des Burgenlandes wäre. Dazu Walheim:"Wir Burgenländer können erst dann beruhigt in die Zukunft blicken und werden vor Aspirationen vom Osten her erst dann sicher sein, wenn wir im Verbande des Deutschen Reiches sind." (stenographische Protokolle, Sitzung vom26.2.1926).

Ein Brennpunkt der Kulturpolitik war die Schulpolitik- von Leser mit dem Schlagwort von der „Schulschande“apostrophiert. Sie sahen in einer deutschen Schule die       Voraussetzungfür die „innere Landnahme“. Es ging gegen die Beibehaltung der konfesionellen Schule im Burgenland und damit um den Einfluss der Kirchen auf die Bevölkerung und besonders die Jugen. Es gelang nicht, das Reichsvolksschulgesetz auf das Burgenland . In den Schulstühlen sahen viele die katholische Geistlichkeit am Werk und mit ihr magyarisch- nationale Tenenzen. Es ging auch um die deutsche Schulsprache, die Landeshauptmann Walheim vehement einforderte. Landesschulinspektor Parr drohte den Lehrern, die sich der ungarischen Sprache bedienten.Leser charakterisierte dieunagarische Schulefolgendermaßen:“…nur ein dummes,unaufgeklärtesVolk konnte die Herrschaft einer Minderheit auf die Dauer dulden.Wissen macht frei; das wusstenauch die Klassen der iMagyariens…Man musste also so unangenehm das war, doch eine Art Schuleerrichten,wobei man aber schon darauf achten musste dass die Schule ihr Ziel,recht dumme herrenergebene Untertanen erziehen,denen es niemals einfallen möge,die Herrschaft der ungarischen Aristokratie nicht als ihr höchstes Glück zu empfinden, erreiche“ zitiert nach Krenn Martin,Kulturpoliik II.S.12). Der Klerus aber habe sich in den Dienst Oberschicht und des magyarischen Nationalismus gestellt. Die Sozialdemokratie sah sich daher über den Kulturkampf auch zum Kirchnkampf gezwungen.Ein weiterer Faktor war,dass die proungarischen Magnaten über die Patronatsrechte vieler Kirchengemeinden und damit auch über die Pfarrereinsetzung verfügten. Ein Gutsverwalter etwa erklärte einer ungarischen Zeitung:“Wir machen von dem Recht Gebrauchunsere Leute allein auszuwählen. Der Geistliche, der im Burgenland in den vom Fürsten Estrhazy erhaltenen Pfarreien unterkommen will, muss ein guter Magyare sein“. (Krenn II,S.17“) Leser sah im Kirchenkampf eine Machtfrage, Michael Gangl, der Landesobmann der Christlichsozialen und Pfarrer in Neudörfl, sah darin eine grundsätzliche weltanschauliche Frage. In der Frage des Gebrauches der ungarischen Spache waren die Christlichsozialen weniger ablehnend.

Die Diskussion um die deutsche Identität spitzte sich im Streit um die nationale Zugehörigkeit und die Abstammung Franz Liszts zu. Ungarn wurde die Vereinnahmung Liszts vorgeworfen: in Vorbereitung auf die -Feierlichkeiten1936 zum 50. Todestag entbrannte der Streit, ob Liszt Magyare war oder Deutscher. Im Burgenland wurde die Abstammung Liszts von deutschen und österreichischen Vorfahren betont. In der BF wurde geschrieben:“Die Ungarn beanspruchen Liszt als einen der ihren. Aber er hat eine deutsche Mutter gehabt und wurde in der deutschen Sprache erzogen. Ungarisch konnte er Zeit seines Lebens nicht. Seine Tochter Cosima ist die Frau Richard Wagners gewesen“.Am Geburtshaus in Raiding wurde zusätzlich zur ungarischen eine deutschspachige Gedenktafel angebracht: „Hier wurde Franz Liszt am22.Oktober1811 geboren. Diese Gedenktafel weihte dem deutschen Meister das deutsche Volk." Die ungarische Propaganda betonte den "ungarischen Volkscharakter" Liszts und seiner Musik den "Geist seiner Schöpfung". Die ungarische Abstammung des Komponisten "kann leicht nachgewiesen werden; sie wird bezeugt durch den heroischen Prunk, durch den pathetischen Tonfall und die reiche Ornamentierung der Musik Liszts, die allesamt ungarische Züge sind..." (Pester Lloyd vom 22.10.1935). Im Rahmen der Burgenländischen Heimatblätter erschien ein Liszt - Sonderheft mit einer Ahnentafel. Man befürchtete in Eisenstadt hinter der Kulturpropaganda um die Volkszugehörigkeit Liszts revisionistische Pläne Ungarns. Die Auseinandersetzung mit UNgarn erhielt eine neue Dimension, als ungarische Vertreter die Überführung der Gebeine Liszts nach Ungarn anstrebten.1929 wurde im "Soproni Hirlap" die Überführung nach Ödenburg gefordert."Über die dem großen Mann gebührende Pietät hinaus sprechen dafür die Interessen der ungarischen Nation, da die Österreicher nach dem Raub der Heimat Franz Liszts alles unternehmen, um auch seine Gebeinefür sich zu erwerben. So wollen sie auch die Kultur des Ungarntums seiner Integrität berauben." Die burgenländische Kulturverwaltung unter Paul Eitler mobilisierte dagegen den Deutschen Volksbund und den Deutschen Schulverein SüdmarkAm 31. Juli 1936 wollte eine ungarische Delegation in Raiding auftreten, aber auch Landeshauptmann Sylvester sollte einen Kranz niederlegen. In Wien versuchte man, jede Verstimmung der Ungarn zu vermeiden. Die ungarische Veranstaltung wurde schließlich mit Hinweis auf eine drohende Kinderlähmungsepidemie hintertrieben und abgesagt. Lediglich eine kleine Delegation legte in Raiding einen Kranz nieder. Ein Wettlauf fand auch um die Ehrung Liszts an seinem Grab in Beyreuth statt.Am 11. November1936 legten Landesstatthalter Coreth und Paul Eitler dort einen Kranz an Liszts Grab nieder.

Um den "magyarischen Charakter" von Liszts Musik wurde publizistisch gerungen. In einem Liszt - Sonderheft der Burgenländischen Heimatblätterwies Eduard Beninger die Ansicht, dass dieser in der Zigeunermusik wurzelt, zurück. Die "Volksmelodien", die Liszt sammelte, wären kein "magyarisches Erbe", sondern Kunstmusik des 19. Jahrhunderts.

Beim Festbankett in Sauerbrunn wie auch bei der Abschlusskundgebung vor dem Eisenstädter Schloss legten Landtagspräsident Hoffenreich wie auch Kulturreferent Leser erneut leidenschaftliche Bekenntnisse zur großdeutschen Idee ab. Burgenlandbewusstsein bedeutete deutsches Burgenlandbewusstsein - in staatlicher wie kultureller Prspektive. Vor allem Ludwig Leser trat dafür ein. Schon 1927 nahm er an der Jahrestagung des Deutschen Schutzbundes in Regensburg teil, 1929 begab er sich auf seine erste große Deutschlandreise, begleitet von Paul Eitler. 1931 verlieh die Universität Heidelbeg Leser die Ehrendoktorwürde. Jugendgruppenfahrten und Stipendien für Burgenländer an deutschen Universitäten sollten die Beziehungen vertiefen. Zu den Stipendiaten gehörten übrigends Tobias Portschy und Hans Goger.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme änderte sich personell in der Kulturpolitik nur wenig. Mit Eitler und Kunert standen längst illegale Nationalsozialisten an der Spitze des Landesarchivs und der Landesbibliothek. Anders im Landesmuseum. Dessen leitender Beamter Alfons Barb war zwar deklariert deutschnational, aber Mitglied der Sozialdemokratie und Jude. Er musste gehen.

Auch in bnationalsozialistischer Zeit wurden Haydn und ganz besonders Liszt gefeiert. Nach der politischen Auflösung des Landes waren Portschy und andre bemüht, das ehemalige Burgenland als nationale und kulturelle Einheit, als "deutsche Heimat", Vorposten gegen den kulturlosen Osten, zu definieren. Das Burgenland hätte auch weiterhin eine Kulturelle und geschichtsmächtige Mission zu erfüllen.

Das Landesarchiv wurde dem Reichsarchiv Niederdonau angegliedert und blieb als dessen Zweigstelle in Eisenstadt (Filialarchiv Eisenstadt). Es unterstand Heinrich Kunnert. Neu in den Archivdienst aufgenommen wurde Josef Karl Homma. DasArchiv war in vier Räumen im Schloss Eisenstadt untergebracht. Das Archiv wurde mit den Aufgaben einer landeskundlichen Forschungsstelle in Volkstumsfragen beauftragt. Dem Archiv wurde auch die Erhebung und Sicherstellung der jüdischen Archivalien und Matriken übertragen. Das "Jüdische Zentralarchiv und Dokumente aus jüdischem Privatbesitz wurden übernommen. Homma konzentrierte sich auf die Erfassung der Herrschaftsarchive. Im Kreisarchiv Eisenstadt wurden Dokumente der Entwicklung der NSDAP gesammelt.

Besondrs wichtig war die Fertigstellung des bereits 1933 initiierten "Burgenland-Atlas"unter der Leitung von HUgo Hassinger und Fritz Bodo, ein großartiges Werk und auch kartographisch vielfach innovativ. 1941 wurde der Atlas präsentiert, allerdings nur für den "Dienstgebrauch" gedruckt. Eine Wissenschaftliche Großleistung war neben dem Atlas die Burgenländische Landeskunde, deren Hauptteil vom später berühmten Historiker Otto Brunner verfasst wurde.

Auch die Landesbibliothek überdauerte die Auflösung des Landes. Als Institution wurde sie zwar aufgelassen, der Großteil der Bestände der im August 1938 geschaffenen Volkstumsstelle zugeteilt. Nach Gauleiter Jury war die Volkstumsstelle auch eingerichtet worden, um durch die Bemühung dieser Stelle die Gleichmäßigkeit der Behandlung der Kroaten und Magyaren des Burgenlandes auch nach Aufhören des Bundeslandes als verwaltungmäßige Einheit" zu sichern. Die Biblothek wurde weiterhin von Kunnert betreut. 1942 zählte sie etwa 9000 Bände. 1943 wurde die Volkstumsstelle aufgelöst. Die Bestände gingen in das Filialarchiv Eisenstadt bzw. an die neu gegründete Landeskundliche Forschungsstelle über.

In Eisenstadt bestand die Landesvolksbücherei, die 1939 in den Besitz der Freistadt überging. Sie sollte unter der Leitung vonFranz Stanits stark ausgebaut werden.Auch in einigen Dörfern wurden Bücherien errichtet. 1941 etwa wurde die Stadtbücherei Rust eröffnet.

Nur wenige Tage nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Alphons Barb von der Leitung des Landesmuseums und der Landesfachstelle für Naturschutz enthoben. Karl Kritsch und Stefan Aumüller wurden mit deren interimistischen Leitung beauftragt. Von der Gestapo zur Auswanderung gedrängt konnte sich Barb jedoch noch einige Zeit als "vorläufig noch unentbehrlich"halten. Am 31.Oktober 1938 wurde er in den dauernden Ruhestand versetzt. Er lebte in Wien. Im März 1939 reiste Barb mit einem Besuchervisum nach Großbritannien aus. Er arbeitete als Maschinenschlosser, war ab 1949 Hilfsbibliothekar im Warburg - Institut und später dessen stellvertretender Direktor. Die Pensionszahlungen wurden eingestellt. Die Nachfolge Barbs übernahm Dr. Richard Pittioni, obwohl gegen ihn weltanschauliche Bedenken bestanden. Es wurde ihm zu Unrecht die Mitgliedschaft in einern CV-Verbindung nachgesagt. Die Museumsleitung führte Pittioni von Wien aus. Ab Oktober 1942 wurde der Eisenstädter Gymnasialprofessor Oskar Gruszecki Leiter des Landschaftsmzseums, ab Mai 1944 übernahm Heinrich Kunnert auch die Museumsleitung. Das Museum sollte zu einer der Volkstumsstelle nachgeordneten Institution der Grenzlandforschung werden. Die Bestände des Wolfmuseums sollten einbezogen werden. Die Sammlung Wolf war nach dem Anschluss beschlagnahmt und unter kommissarische Leitung gestellt worden. Aus dem Landesmuseum wurde das "Landschaftsmuseum Eisenstadt" des Reichsgaues Niederdonau. Dem Reichsgaumuseum in Wien unterstanden auch das Haydnhaus und das Museum in Carnuntum.

Die Raumfrage wurde dahingehend gelöst, dass vier Wolf-Häuser - im Meierhof, in der Museumsgasse und im Privathaus von Wolf. Wolf war 1938 nach Israel ausgereist. Insgesamt standen 12 Zimmer als Schauräume zur Verfügung. In der Zeit nach dem Krieg sollte ein Neubau erfolgen. Die Vereinigung der beiden nSammlungen unterblieb zunächst. Erst ab 1940 wurde die Sammlung Wolf von Adalbert Riedl inventarisiert. Riedl spielte vor allem nach Pittionis Abgang eine wichtige Rolle im Museum. Nach der Ansicht Pittionis sollte das Museum nicht nur Sammelstelle sondern Forschungseinrichtung sein. Es sollte kulturell- wissenschaftlicher Mittelpunkt der Landschaft sein. Pittioni wurde 1942 zur Wehrmacht eingezogen. Die Geschäftsführung des Landschaftsmuseums übernahm Oskar Gruszecki, der auch Kulturreferent der NSDAP-Kreisleitung von Eisenstadt war. Zwischen ihm und Pittioni gab es einige Spannungen.

Pittioni bemühte sich um die Übernahme jüdischer Kultobjekte, mit dem Ziel, in Eisenstadt ein jüdisches Museum zu errichten. Es gelang ihm jedoch nicht, die Synagoge (Wertheimertempel) und die Häuser des Judenviertels unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Die Frage der jüdischen Friedhöfe im Land wurde von den NS-Behörden dahingehend entschieden, dass die Friedhöfe vonEisenstadt und Mattersburg erhalten bleiben sollten. Sie wurden unter Denkmalschutz gestellt.


 

 

 

 

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Quellen

  • Martin Krenn: ...Nicht Nachhut, sondern Vorhut des Reiches im Südosten". Studien zur burgenländischen Kulturpolitik I und II. Burgenländische Forschungen 106 und 109. Eisenstadt 2014 und 2016
 
 
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