person

Moritz Kolbenheyer

 

* 17.07.1810 in Bielitz in Schlesien
† 04.01.1884 in Ödenburg

 

Pfarrer und Kanzelredner
  

Kolbenheyer entstammte einer ungarndeutschen Kaufmanns- und Tuchmacherfamilie aus der Zips. Er besuchte die evangelische Schule von Eperies (Presov) und anschließend das berühmte evangelische Lyceum in Kesmark (Kezmarok). Er studierte Theologie in Wien und in Berlin. 1836 kehrte er als Pfarrer nach Eperies zurüxk. Er heiratete Cornelie Medgyasszay, Tochter eines Wiener Großhändlers und kalvinistischen Glaubens. 1846 wurde er als Nachfolger des Superintendenten und evangelischen Pfarrers Johann Kis nach Ödenburg berufen. Im Revolutionsjahr 1848 hielt er eine flammende Predigt für die Redefreiheit. Nach der Besetzung der Stadt durch die österreichischen Truppen wurde er  als "kommunistischer Agitator" verhaftet, wegen seiner Predigten, aber auch weil er der Gattin des Ferenc Pulszky, des Mitarbeiters Kossuths, Unterschlupf geboten hatte. Er verfügte jedoch über gute Beziehungen. Sein Schwager Oberst Cordon war der Bruder des ehemaligen Kriegsministers. So wurde er schon nach sechs Wochen aus der Untersuchungshaft wieder entlassen. Er blieb ein ungarischer Patriot und trat für die magyarische Unterrichtssprache am traditionsreichen Lyzeum ein, das nicht zuletzt auf sein Betreiben der evangelischen Gemeinde Ödenburg entzogen und dem Kirchendistrikt jenseits der Donau übertragen wurde.  Der evangelischen Kirchengemeinde in Ödenburg , die das Lyzeum unter großen finanziellen Opfern erhielt,  sprach er die Kompetenz ab, in Fragen der Unterrichtssprache entscheiden zu können. Ab 1853 war er auch Schulinspektor. Bis heute ist umstritten, wie sein Eintreten für die magyarische Sprache zu werten ist. Als magyarischer Nationalist kann er wohl nicht gesehen werden. Er war aber stets bemüht, der ungarischen Literatur im deutschen Sprachraum Anerkennung zu verschaffen, etwa durch die Übersetzung der ungarischen Literaturgeschichte von Franz Toldy- Schedel. In einem späteren Privatbrief an Hebbel zeigte er sich zutiefst enttäuscht über die nationalmagyarische Entwicklung in Ungarn.

Als Pfarrer und Kanzelredner genoss Kolbenheyer einen ausgezeichneten Ruf. Zahlreiche seiner Predigten wurden auch gedruckt. Insgesamt sind mehr als 60 Werke gedruckt worden, neben Predigten auch Gelegenheitsgedichte, Gedichtbände und Übersetzungen. Zusammen mit Josef Paul von Király bemühte er sich um die Gründung einer evangelischen Lehrerbildungsanstalt, für die 1857 der Grundstein gelegt wurde. Das Geld dafür sammelte er bei westeuropäischen Glaubensgenossen. 1859 gründete er das evangelische Waisenhaus und  die allgemeine kirchliche Hilfsanstalt mit Hilfe des Gustav Adolf - Vereines. 1864 konnte schließlich der prächtige Turm zur evangelischen Kirche errichtet werden.

1860 wandte er sich in einem Sendschreiben an die beiden evangelischen Kirchen in Ungarn und warb für das Patent von 1859. Damit stieß er auf den Widerstand der meisten evangelischen Pfarrer und auch der eigenen Gemeinde. Nach der Rücknahme des Patents vermied er enttäuscht  öffentlich-politische Stellungnahmen.

Kolbenheyer führte einen ausgedehnten Briefwechsel mit Dichtern und Schriftstellern, etwa mit Friedrich Hebbel oder Anastasius Grün, aber auch mit Verlegern.  Auf Kolbenheyers Vermittlung sollte Gustav Heckenast in Pest Hebbels Novellen verlegen. Auf Anregung von Heckenast übersetzte Kolbenheyer die Toldi - Epen von János Arany ins Deutsche. Seine Nachdichtungen und Übersetzungen brachten ihn viel Lob ein. Weniger Anerkennung fanden seine eigenen Gedichtbände, die er erst spät veröffentlichte. 1876 erhielt er das Ritterkreiz des Franz-Josefs-Ordens verliehen.

Kolbenheyer hatte eine zehnköpfige Familie zu ernähren. Er hatte von Eltern und Schwiegereltern beträchtlichen Reichtum übertragen bekommen. Gegen Ende seines Lebens hatte er schwere finanzielle Sorgen. Zwei seiner Schwiegersöhne und sein ältester Sohn hatten durch Spekulationsgeschäfte hohe Summen verloren, auch seine jüngeren Söhne führten nicht eben einen soliden Lebenswandel.

Literatur:

  • Szabolcs Boronkai, Moritz Kolbenheyer. Ein (Nach-)Dichter an der Sprachgrenze, in: Schriftsteller zwischen (zwei) Sprachen und Kulturen. Internationales Symposium Veszprém und Budapest 6.-8. November 1995, hrsg. von Antal Mádl und Peter Motzan. München 1999, S. 75-84.
  • Szabolcs Boronkai, Wandlungen und Abwandlungen der ungarndeutschen Identität anhand von Leben und Werk des Moritz Kolbenheyer 1810-1884, in: Jahrbuch der ungarischen Germanistik (1998) S. 147-161