USIAIndustriebetriebe

USIA - Betriebe, Industrie

Der Einmarsch der Roten Armee war mit zahlreichen Übergriffen auch auf die Zivilbevölkerung verbunden. So sehr viele das Ende des Krieges und auch der nationalsozialistischen Herrschaft begrüßten,  war nur bei Wenigen das uneingeschränkte Gefühl der Befreiung gegeben. Die Anwesenheit der sowjetischen Besatzungsmacht war mit großen Einschränkungen der persönlichen Freiheit, mit Angst und Unsicherheit verbunden.

Am schlimmsten waren die ersten Tage der Besetzung, wobei  weniger die Fronttruppen als der nachrückende Tross in vielen Gemeinden schlimme Exzesse verübte. Als ein Beispiel seien die Ereignisse in der Gemeinde Marz geschildert (nach Manfried Rauchensteiner, Der Beginn der Besatzungszeit, In. Burgenland 1945):

Das Gros der Besatzungstruppen ist am 1. 4. in die Gemeinde eingezogen. Diese Truppen haben etwa 48 Stunden in der Gemeinde arg gehaust. Es wurden von ihnen 22 Zivilpersonen und der Gendarmerieinspektor Oberascher erschossen. Desgleichen haben die Truppen Einrichtungsgegenstände beschlagnahmt, teils mit sich genommen, teils zerstört. Der ganze Pferde-, Rinder-, Schweine- und Hühnerbestand wurde von den Russen beschlagnahmt. Auch wurden die Lebensmittelvorräte wie Kartoffel und Mehl von den Russen beschlagnahmt und der Bevölkerung entzogen. Die Bevölkerung hatte arg zu leiden, vorerst wegen der Lebensmittelknappheit und schließlich durch die Drangsalierung der Russen. Fast 60% der Frauen und Mädchen des Ortes wurden von den Russen (Mongolen) vergewaltigt. Nach den Kampftagen wurde von der eingesetzten russischen Ortskommandantur eine Ortspolizei aufgestellt, die die Toten beerdigen musste und auch den Ort aufzuräumen hatte. Vorerst mussten die Toten an Ort und Stelle beerdigt werden und erst im Sommer 1946 wurden diese exhumiert und im Ortsfriedhof bestattet. Gleich beim Einmarsch der Russen wurde Franz Leitgeb von diesen als Bürgermeister eingesetzt. Seine Amtsdauer war vom 31. 3. 1945 bis 10. 5. 1945. Schließlich wurde bei Aufnahme der österreichischen Verwaltung der Bürgermeister von 1938, Johann Leitgeb, als Bürgermeister wiedereingesetzt. Unter seiner Führung wurde der Wiederaufbau der Gemeinde durchgeführt und die Versorgung der Ortsbevölkerung wieder geregelt."

Besonders die Häuser der Geflüchteten wurden geplündert. Daran waren neben den Sowjets und entlassenen Zwangsarbeitern auch Einheimische beteiligt. Den immer wieder zur Ablieferung herangezogenen Bauern fehlte es an Zugtieren und Saatgut. Dort, wo sie aussäen konnten, wurde die Frucht von den Pferden der Besatzungsmacht abgeweidet. Lebensmittelhilfslieferungen, wie sie im Westen Österreichs verteilt wurden, kamen im Burgenland zunächst nicht an.

Von den zahlreichen Übergriffen auch noch Jahre nach der Besetzung, die von der Besatzungsmacht nur selten verfolgt und aufgeklärt wurden, erregten einige großes Aufsehen, obwohl in den Medien nicht darüber berichtet werden durfte. In Horitschon, das schwere Kriegsschäden erlitten hatte und wo der beliebte Pfarrer Bauer von Russen erschossen worden war, wurde eine Familie, ein Mann und dessen Schwiegersohn erschossen, Tochter und Kind überlebten nur, weil die Waffe eine Ladehemmung hatte. Oft waren es nicht Besatzungssoldaten, sondern Deserteure und Marodeure in russischen Uniformen, die raubten, plünderten und vergewaltigten, so etwa in Eltendorf. Dort wurde im Juni 1945 beim Gendarmerieposten Anzeige erstattet gegen drei berittene und mit Machinenpistolen bewaffnete Männer in russischen Uniformen, die schon wochenlang besonders brutal ihr Unwesen trieben. Drei Hilfsgendarmen wurden gegen sie ausgeschickt, In Zahling erfuhren sie von einem weiteren Mord und einer Vergewaltigung in Kukmirn. Als die Gesuchten in Zahling auftauchten und vom Bürgermeister ein Pferd forderten griffen die Gendarmen ein. Es kam zu einem Feuergefecht, bei dem zwei der "Russen" getötet wurden. Sie wurden begraben, der dritte flüchtete. Der Vorfall konnte ein halbes Jahr geheim gehalten werden, wurde dann aber der Bezirkskommandantur verraten. Die Leichen wurden exhumiert, die Gendarmen sollten verhaftet werden, waren aber schon in die Steiermark geflohen. Nur ein junger Hilfsgendarm, der für Frau und zwei Kinder zu sorgen hatte, blieb. Er wurde vor ein Militärgericht gestellt, zum Tode verurteilt und zu 10 Jahre Zwangsarbeit in Sibirien "begnadigt". Obwohl sich bald herausstellte, dass die drei Gewalttäter keine Sowjetsoldaten sondern zwei ukrainische Deserteure und ein jugoslawischer Bandit waren, die auch von der Sowjetarmee gesucht wurden, wurde das Urteil keineswegs revidiert. Auch ein Gnadengesuch blieb unbeantwortet. Erst 1955 kehrte der Gendarm zurück, durch die lange Zwangsarbeit körperlich gebrochen. Der 11jährige Gustav Hollaubek verschwand  kurz vor Weihnachten 1945 spurlos. Erst nach 11 Jahren tauchte er in seiner Heimatgemeinde Bruckneudorf wieder auf, Er hatte aus Neugier einen Zug mit einem Russentransport erklettert und durfte trotz seines Weinens und Flehens nicht mehr aussteigen. In Budapest sorgte zunächst ein russischer Offizier für ihn, dann wurde er in ein Waisenhaus gesteckt. Erst als erwachsener und verheirateter Mann durfte er erstmals wieder - allerdings ohne Frau und Kind - seine Familie besuchen. . BF 1957, Nr14, S.4 

Die Bevölkerung musste der Roten Armee Hilfsdienste leisten, etwa Munition transportieren, sie wurde zu Schanzarbeiten herangezogen,  vor allem aber musste sie Lebensmittel zur Verfügung stellen, obwohl sie selbst kaum zu essen hatte. In den Industriebetrieben wurden die Maschinen abmontiert, etwa im Antimonbergwerk in Schlaining, und in die Sowjetunion abtransportiert. Alle Fahrzeuge wurden requiriert. Radioapparate und Waffen jeder Art mussten abgegeben werden.

Besonders schwer betroffen waren die Orte entlang der Hauptverkehrslinien, da die vielen durchziehenden Truppen ständig die Ablieferung von Lebensmitteln verlangten. An den Straßen gab es zahlreiche Kontrollposten, die man nur mit einem Passierschein der Besatzungsmacht überwinden konnte. Entlang der Durchzugsstraßen und Bahnlinien waren zehntausende Menschen unterwegs, neben den Besatzungstruppen, die häufig ausgewechselt wurden, dogenannte "Ostarbeiter", befreite Kriegsgefangene, deutsche Kriegsgefangene, die nach Osten abtransportiert wurden. Noch immer kamen viele Volksdeutsche, auf der Flucht oder aus ihrer Heimat vertrieben. 1946 erfolgte dann die Vertreibung der Ungarndeutschen, darunter auch etwa 20 000 Deutsche aus Ödenburg und Umgebung. Nur wenigen gelang es, im Burgenland eine neue Heimat zu finden. Sie wurden gegen ihren Willen nach Deutschland deportiert, wo ihnen unter 12 Millionen Vertriebenen noch viele Jahre in Lagern bevorstanden.

Nahezu jeder größere Ort hatte einen sowjetischen Ortsmilitärkommandanten. Diesem kam absolute Gewalt zu, auch über Leben und Tod. Die wenigsten von ihnen waren in der Lage, der Bevölkerung ein Gefühl der Befreiung zu vermitteln. Aus den kleineren Orten zogen die Sowjets noch im Mai ab und im Laufe der Zeit konzentrierten sie ihre Soldaten in den großen Orten. In Rechnitz etwa hielten sich mehr Russen auf als der Ort Einwohner hatte.

Ein großes Problem war, dass die Befehle der Besatzungsmacht stets mündlich gegeben wurden. Es kam häufig vor, dass sich die betreffenden Offiziere dann nicht mehr erinnern konnten. Die Behörden behalfen sich, indem sie zumeist sofort Gedächtnisprotokolle anfertigten.

Für große Aufregung sorgte die Stationierung der  ungarischen 5. Honvéd - Division, die im April 1945 in das mittlere Burgenland und in das Gebiet zwischen Kirchfidisch und Kulm stationiert wurde. Man befürchtete den neuerlichen Anspruch Ungarns auf das Burgenland. Aber schon am 13. Mai wurden die Ungarn abgezogen.

Die Besatzungsmacht verlangte von der Gendarmerie regelmäßige, zumeist monatliche Berichte über die Lage der Bevölkerung. Erst am 10. Feber 1954 gab der sowjetische Hochkommissar bekannt, in Zukunft auf diese Berichte verzichten zu wollen. Manche Bezirkskommandanturen forderten aber die Berichte weiterhin ein.

Die Besatzungsmacht verlangte jährlich aufwendige Feiern zum Jahrestag der "Befreiung". In Eisenstadt fand diese "Feier" zumeist vor dem Schloss statt. Gendarmerie und Musikkapelle hatten aufzumarschieren, die Leiter aller Behörden und die Schulkinder hatten zu dieser Veranstaltung zu erscheinen. Die ganze Zeremonie wurde von vielen nur widerwillig hingenommen, denn die Mehrheit der Bevölkerung sah in den Sowjets nun einmal nicht die Befreier, sondern die Besatzer.

Auch in den ersten Nachkriegsjahren wurden die Lebensmittel bewirtschaftet. Die Bauern hatten alle Lebensmittel abzuliefern, insbesondere das Brotgetreide. Nur der Eigenbedarf   und das Saatgut durften zurückbehalten werden. Das Verfüttern von Getreide an die Tiere war strengstens verboten. Die Gendarmerie hatte den Schwarzhandel zu unterbinden. Die Situation zwischen Bevölkerung und Gendarmerie war sehr angespannt. Die Gendarmen ihrerseits waren schlecht entlohnt, der Lohn blieb manchmal über Wochen hinweg aus. So kam es zu manchen Zwischenfällen, ja in einigen Fällen zu schweren Unruhen. Ein Beispiel dafür sind die Unruhen in Gols.

Die Golser hatten das ihnen vorgeschriebene Kontingent an Brotgetreide nicht abgeliefert. Am 31. Oktober 1947 fand daher eine Visitation der dortigen Steegmühle durch Beamte des Österreichischen Brauwirtschaftsverbandes statt. Es wurden Schwarzvermahlungen und verbotene Mengen an Getreide festgestellt. Daraufhin wurde der Müller im Auftrag der Bezirkshauptmannschaft Neusiedl von der Gendarmerie verhaftet und in das Bezirksgericht Neusiedl eingeliefert. Am 5. 11. kam ein Beamter der Bezirkshauptmannschaft zu weiteren Untersuchungen zur Mühle, wo er von einer größeren Menschenmenge wenig freundlich empfangen wurde. Diese verlangte die Herausgabe ihres Mehls. Er lenkte den Zorn auf den Bürgermeister, der angeblich die Mahlkarten nicht hatte ausstellen lassen. Das half aber nicht viel. Der Beamte wurde von etwa zehn Burschen verprügelt. Nur unter Gendarmerieschutz konnte er die Mühle verlassen. Der Bezirkshauptmann ließ daraufhin die Schulabteilung der Gendarmerieschule Rust ausrücken. Am 6.11.1947 gelang es, drei der Burschen zu verhaften. Dies hatte nun einen regelrechten Aufruhr zur Folge. Die alarmierte Ortsbevölkerung, angeblich 1200 Personen, eilte herbei. Die Gendarmerie drohte den Waffengebrauch an, was aber nicht viel nützte. Die Gendarmen wurden verhöhnt und beschimpft. Sie gaben schließlich scharfe Schüsse gegen die Demonstranten ab, Ein 19-jähriger Bursche wurde getötet, vier weitere verletzt. 25 Personen wurden verhaftet.  (Chronik des Landesgendarmeriekommandos Burgenland). (Nach: Wolfgang Bachkönig)

Die wirtschaftliche Situation

Das Burgenland hatte in der Rüstungsindustrie des Dritten Reiches keine wichtige Rolle gespielt. Ledigloch einige Fertigungsstätten wurden in aufgelassene Fabrikshallen verlegt, etwa die Messerschmittfertigung in Neudörfl (Wr. Neustädter Flugzeugwerke) oder die Fertigung von A 4 (=V 2) Raketenteilen im Zillingdorfer Wald (Raxwerke Wr. Neustadt). Für die Wehrmacht produzierten Hutter und Schranz (Drahtwaren) und Alexander Putsch (Decken) in Pinkafeld und die Berndorfer Metallwarenfabrik in Großpetersdorf. Von großer Bedeutung war der Schlaininger Antimonbergbau der Bleiberger Berwerksunion. Die Situation der Industrie 1945 war durch Zerstörungen und Demontagen durch die Sowjetarmee gekennzeichnet. Maschinen, aber auch Rohstoffe und Waren wurden beschlagnahmt. Fünf Betriebe wurden als "Deutsches Eigentum" von den Sowjets übernommen, etwa der Antomonbergbau, das Sägewerk in Jennersdorf und die Neusiedler Schilfverwertung der Gebrüder Müller. Diese Betriebe wurden dem sowjetischen USIA - Konzern eingegliedert. Auch die Esterházy - Domäne wurde von der USIA übernommen.

 

Im wiedererrichteten Burgenland ging man unverzüglich daran, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Ende Oktober 1945 fand bereits eine "Industriekonferenz" des Nordburgenlandes statt. Noch aber war die Unsicherheit groß, da die Besatzungsmacht mit "Rückstellungskommissionen" die Betriebe durchsuchte und oft Maschinen abtransportieren ließ oder nach Anhaltspunkten, etwa in Kreditverträgen, suchte, um ein "Deutsches Eigentum" nachweisen zu können.

1946 waren im Burgenland nur 25 Industriebetriebe mit mehr als 20 Beschäftigten in Betrieb, davon 10 im Bereich Steine und Erden, also hauptsächlich Ziegelöfen, und 6 Betriebe der Textilindustrie. Obwohl einige Betriebe der Ziegelindustrie (Wimpassing, Güssing) zerstört waren nahm die Produktion sofort einen nbachtlichen Aufschwung, da der Bedarf an Baumaterialen sehr groß war. Zu den größten Ziegelwerken gehörten Neusiedl a. S., Jennersdorf, Pinkafeld, Walbersdorf und Großpetersdorf. Neben den drei großen Sägewerken in Mattersburg, Lockenhaus und Lackenbach gab etwa 70 kleine Sägen. Holzverarbeitende Betriebe waren Johann Braun in Lockenhaus und die 1946 gegründete Neudörfler Türen-, Fenster- und Möbelfabrik.

Die Kohleförderung war mit Kriegsende stark zurückgegangen. Tauchen stand bis Ende 1945 unter Wasser. 1946 wurden dort 2766 t pro Monat gefördert. Kleinere Abbaue wie etwa in Steinbrunn wurden wieder in Betrieb genommen. 1947 wurde in Neufeld ein neuer Tagebau erschlossen, ebenso wurde der Abbau in Pöttsching, Ritzing und Bubendorf begonnen. Bis 1949 konnte die Gesamtproduktion auf 157 404 t gesteigert werden. Der Antimonbergbau kam nur sehr langsam wieder in Schwung, Von 381 Bergleuten vor Kriegsende waren 1946 nur mehr 38 in Arbeit.

Die Textilfabriken in Pinkafeld, Neufeld, Neudörfl, Hornstein, Lockenhaus und Rudersdorf konnten bald nach Kriegsende die Produktion wieder aufnehmen, Die Neufelder Hanf-, Jute- und Textilindustrie war von Kriegsschäden verschont geblieben und hatte 1946 518 und 1947 schon wieder 1031 Arbeiter in Beschäftigung. Die Hirmer Zuckerfabrik war schon 1940/41 stillgelegt worden, die Siegendorfer Zuckerfabrik wurde ausgeplündert und litt unter Rohstoffmangel. Sie konnte den Betrieb erst wieder 1946 aufnehmen, mit bescheidenen Ergebnissen. Erst 1948 ging es aufwärts. Die Stoober Tonwarenfabrik diente der Besatzungsmacht als Kaserne und später als Lazarett. Die "Hausindustrie" lebte im Gefolge der großen Not wieder auf (Schilfverarbeitung, Korbmacherei, Sesselerzeugung ...), ja selbst Hausspinnerei und -weberei wurde wieder aktiviert.

Die gewerbliche Wirtschaft musste neu organisiert werden. Noch im November 1945 wurde ein "Provisorischer Kammerausschuss für Gewerbe, Handel, Verkehr und Gaststättengewerbe" gegründet. Im Dezember 1946 wurde die Burgenländische Handelskammer in Eisenstadt errichtet. Es wurden zahlreiche neue Gewerbeberechtigungen erteilt, besonders viele für Schuh- und Kleidermacher. 1949 hatte die Kammer 5 751 Fachgruppenmitglieder. Noch dünn gesät waren die Gas- und Wasserleitungsinstallateure, die Elektromechaniker und die Kraftfahrzeugmechaniker. Der Großteil der Gewebebetriebe waren Klein- und Kleinstbetriebe.

1945 waren viele Straßen in einem desolaten Zustand, ein Viertel der Brücken war zerstört. Die Autobusunternehmungen weigerten sich, die burgenländischen Straßen zu befahren. Im gesamten Südburgenland stand bei Kriegsende nur ein einziger Holzgas-LKW zur Verfügung. Bis 1949 konnten die meisten Straßen notdürftig repariert werden. 1948/49 wurde mit dem Bau der Nord-Süd - Verbindung begonnen. In der Elektrizitätsversorgung war die Situation günstiger. Im Norden übernahm die niederösterreichische Elektrizitätswirtschafts - AG  (NEWAG) die Anlagen der Eisenstädter Elektrizitäts - AG. Im Süden schlossen sich die Steirische Wasserkraft - Elekrizitäts - AG (STEWEAG), die Burgenländische Elektrizitäts Ges.m.b.H. und die OSTBURG zusammen. Von 1938 bis 1945 war dort die Versorgung stark ausgebaut worden. Die Kriegsschäden waren allerdings enorm. Trotzdem konnte die Versorgung im Herbst 1945 bereits wieder aufgenommen werden. Stromabschaltungen über mehrere Stunden waren allerdings noch immer auf der Tagesordnung.

Literatur: Koller Maria, Zur burgenländischen Wirtschaft bei Kriegsende, In: Burgenland 1945. Eisenstadt 1985. S. 165 - 178

Bachinger, Karl, Geschichte der gewerblichen Wirtschaft des Burgenlandes. Eisenstadt 1973

Landwirtschaft, Ernährung, Lebensstandard

Die Situation der Landwirtschaft in der Zwischenkriegszeit war nicht rosig. Zwar kam es zu erheblichen Produktionssteigerungen, die Absatzkrise machte aber schwer zu schaffen. Bis 1937 etwa war der burgenländische Wein kaum zu verkaufen. Nach dem Anschluss an das Dritte Reich öffnete sich ein großer Markt. Die Entschuldungsaktion für die vielen schwer verschuldeten Bauern lief sofort an. Anträge mussten bis 31. Dezember 1938 gestellt werden. Die Schulden wurden mit einem rückzahlbaren Darlehen des Reiches getilgt, darüber hinaus wurden langfristige Darlehen gewährt und es gab auch Aufbaukredite. Alle diese Maßnahmen waren an eine Mindestgröße des Betriebes gebunden. Während des Krieges hatte die Landwirtschaft unter dem Arbeitskräfte- und Treibstoffmangel zu leiden. Kriegsgefangene und "Ostarbeiter" wurden zudem aus der Landwirtschaft abgezogen und im industriellen Bereich eingesetzt. Mit den "Zivilarbeitern" gab es außerdem zunehmend disziplinäre Probleme. Die Hauptlast der Arbeit hatten die Frauen zu tragen. Auch wetterbedingt gingen die Ernteerträge zurück. Das Absatzproblem wurde in kürzester Zeit gelöst, der Bedarf an Lebensmittel stieg und die Vorräte waren bald verbraucht. Die für die burgenländischen Bauern meist unbezahlbaren Maschinen wurden nach dem Anschluss auch für Mittelbetriebe rentabel. Traktore wurden in Österreich schon ab 1924 (mit Eisenreifen) und ab 1932 (mit Gummireifen) erzeugt, blieben aber meist auf Großbetriebe beschränkt. Mit dem Anschluss an Deutschland erlebte die Landmaschinenproduktion zunächst einen Aufschwung, allerdings nur für kurze zeit, denn die Fabriken wurden bald in die Rüstungsproduktion eingegliedert. Der kriegsbedingte Mangel an Treibstoff, Dünger und Hilfsstoffen machte sich aber bald bemerkbar. 1945 wurden die wenigen vorhandenen Traktoren verschleppt. Schon 1946 entwickelte Steyr - Daimler - Puch Traktoren mit 26 PS (der berühmte Steyr 180), die aber erst 1948 serienreif waren.  Die Brotgetreideflächen wurden eingeschränkt, der Anbau von Öl- und Faserpflanzen begünstigt. In Wallern wurde 1938 eine Hanffabrik errichtet. Der Arbeitskräftemangel trug dazu bei, dass nun viele Felder nur mehr extensiv bewirtschaftet wurden. Die Zwangsbewirtschaftung mit ihren bis in Einzelheiten gehenden Vorschriften verärgerten auch viele Bauern.

In der Nachkriegszeit mussten 2000 ha Kulturland, die durch Südostwall, Bombentrichter, Kriegseinwirkungen verwüstet waren, rekultiviert werden. Die Wintersaat 1944/45 wurde vielfach von den Pferden der Besatzungsmacht abgeweidet. Der Tierbestand war durch Requirierungen stark reduziert. Ganze Waldungen wurden abgeholzt, Obst und Weinkulturen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Maschinen und Geräte wurden oft beschlagnahmt oder gestohlen. Es fehlte an Saatgut, etwa für den Kartoffelanbau. Saatgut musste erst durch verbotenen Tauschgeschäfte besorgt werden. 1946 war ein Katastrophenjahr. Die Ernte brachte nur die Hälfte von 1937 oder 1943 ein. Durch die Sowjetarmee wurde vereinzelt Treibstoff für die Landwirtschaft zugeteilt. Obwohl vom neuen Befehlshaber Konev verboten wurden manche Bauernhöfe von den Russen beschlagnahmt und die Ernte von ihnen eingebracht. Erst 1950 wurden die Produktionsmengen der Vorkriegszeit wieder erreicht.

Die Versorgung mit den rationierten Lebensmitteln  funktionierte bis Kriegsende einigermaßen. Der Hamsterverkehr im Umland von Wien, besonders in den Weinbauorten am See, nahm aber trotzdem im Winter 1943/44 stark zu, Die Wiener tauschten allerlei Gebrauchsgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem aber Wein, ein. Der Landrat des Kreises Bruck, zu dem ja auch der Bezirk Neusiedl gehörte, ordnete einen Großeinsatz der Gendarmerie gegen Schwarzhändler und Hamsterer an. Anfang 1945 kam der Hamsterverkehr dann völlig zum Erliegen. Aus Ungarn wurde viel Schweineschmalz und Selchfleisch geschmuggelt. Es gab ungarische Schmugglerbanden, die bis zu 10 Träger beschäftigten, aber auch die einheimische Bevölkerung war daran beteiligt. Vereinzelt kam es zu Abgabenverweigerungen wie etwa in Weingraben. 1944 ging die Milchanlieferung stark zurück, Gemüse war knapp und Kartoffel mussten durch Hülsenfrüchte ersetzt werden.

Nach Kriegsende verschlechterte sich die Ernährungssituation. So wie im niederösterreichischen Industrieviertel herrschte auch in den angrenzenden Arbeiter- und Pendlergemeinden Hunger. In Wr. Neustadt standen im April 1945 80 Kalorien pro Tag und Person zur Verfügung, im September waren es 300. Erst mit der Schaffung des burgenländischen Ernährungsamtes und von Ernährungsausschüssen bei den Bezirkshauptmannschaften und in den Gemeinden im Herbst 1945 konnte man sich einen Überblick über die Versorgung verschaffen. Die Einführung der Lebensmittelkarten funktionierte zunächst aber nicht. Viele kleine burgenländische Dörfer führten überhaupt keine Lebensmittelverteilungen durch. In den anderen Gemeinden wurden selten die amtlich festgesetzten Rationen ausgegeben. Zum Bezug aufgerufen wurde jeweils nur dann, wenn gerade etwas zu verteilen war. Am 3. November 1945 kam es in der Neufelder Jutefabrik zu einer Protestversammlung, man verlangte die Aufbesserung der Wochenration von 1 kg. Brot, 50 dkg Mehl, 15 - 20 dkg Fleisch (kein Zucker, kein Fett), insgesamt mit einem Nährwert von 700 - 800 Kalorien pro Tag und Person. Durch den hohen Anteil an Selbstversorgern und Teilselbstversorgern in der burgenländischen Bevölkerung - insgesamt mehr als die Hälfte der Bevölkerung - war die Situation in vielen Dörfern aber nicht so dramatisch, obwohl natürlich auch dort alle Lebensmittel über die Selbstversorgung hinaus abgeliefert werden mussten. Nur das Saatgut durfte zurückbehalten werden.  Arbeitergemeinden und die Weinbauerngemeinden des Nordburgenlandes waren auf Fremdversorgung angewiesen. Nach den "amtlichen" Rationen aber war das Burgenland zunächst aber schlechter gestellt als die westlichen Bundesländer. In der Praxis erhielt im Feber 1946 ein "Normalverbraucher" 1400  g Brot, 200 g Fleisch, 40 g Fett und 200 g Kartoffel  wöchentlich, insgesamt etwa 800 Kalorien. Milch bekamen nur die Kinder zugeteilt. Erst im Frühjahr 1946 wurde zeitweise auch etwas Zucker ausgegeben. Erst im Sommer 1946 begann sich die Ernährungssituation etwas zu bessern. Ab November 1946 konnte der Kaloriensatz schon auf 1550 erhöht werden. Die "1. Mai - Spende" der Roten Armee wurde zwar propagandistisch stark betont, war aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein  (1 kg Brot, 150 g Fleisch, 50 g Öl, 400 g Hülsenfrüchte, 150 g Zucker). Im März 1946 liefen erste Hilfsmaßnahmen aus dem Ausland an. Aus der "Schweizer Spende" erhielten die nordburgenländischen Gemeinden Karotten und Fett. Das Burgenland lieferte bereits Milch und Butter sowie Brotgetreide - trotz der schlechten Eigenversorgung - nach Wien. Bei Kartoffeln, Gemüse und Obst gab es bereits einen Überschuss. 64,6 % der Brotgetreideernte sollten abgeliefert werden, weit mehr als aus jedem anderen Bundesland. Diese Quote konnte aber bis Ende 1946 nur zu 32,5 % erfüllt werden.

Die Belieferung mit Schuhen, Wintermänteln und Heizmaterial war schon im Winter 1944 unzulänglich, im Mai 1945 wurde auch die Treibstoffzuteilung halbiert. Brennstoffmangel herrschte vor allem im Seewinkel. Eines der größten Probleme war im letzten Kriegsjahr und dann besonders nach Kriegsende der Fahrzeugmangel. Von den 1938 vorhandenen 977 PKW und 1979 Krafträdern waren Ende 1945 nur 35 PKW und 53 Motorräder sowie 28 LKW - von 393 - vorhanden. Von 58 Autobussen war kein einziger mehr da. Konsumgüter kamen nahezu ausschließlich durch Hamsterverkäufe ins Land. Die Wiener Schwarzmarktzentren am Naschmarkt und Resselpark wurden hauptsächlich aus dem Burgenland beliefert. Erst in den Jahren 1948 und 1949 konnten die Rationierungen auf vielen Gebieten abgeschafft werden, zunächst bei Schuhen und Textilien. 1950 hatte sich die Lage weitgehend normalisiert. Nur für einzelne Lebensmittel blieb die Bewirtschaftung bis 1952/53 aufrecht.


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