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Besetzung durch die Sowjets

Die Reichsschutzstellung, auch "Südostwall" genannt, sollte den Vormarsch der Roten Armee aufhalten. Wie wenig man aber selbst in der obersten Führung an dessen Wirksamkeit glaubte, zeigt ein Bericht Dr. Ernst Kaltenbrunners, Chef des Reichssicherungshauptamtes und der Polizei, der im Herbst 1944 das Gebiet bereiste: "Das einzige, was 'von oben' geschieht, ist die Planung einer Befestigungslinie, die in verschiedenen Varianten von der Nord - Slowakei über den Thebener Kogel zum Neusiedler See führt und dann mehr oder weniger haltlos durch das Ödenburger Ländchen oder westlich herum auf Karten eingezeichnet wird, um sich dann irgendwo in der Semmeringgegend zu verlaufen ... Man plant also, Befestigungslinien zu bauen, damit man sich als mutiger und standfester Verteidiger zeigt, hat aber selbst nicht den geringsten Glauben an den Effekt einer solchen Linie und erzielt bei einer nervösen Großstadtbevölkerung Angst, die bald in Panik ausarten kann." (zitiert nach Manfried Rauchensteiner, Das militärische Kriegsende im Burgenland 1945. In: Burgenland 1945. Eisenstadt 1985) Auch in der Bevölkerung des Burgenlandes glaubte kaum mehr jemand an die Wirksamkeit dieser Maßnahme.

Ursprünglich sollte der Südostwall nur im Bergland verlaufen. Aus politischen Gründen wurden die Planungen geändert, sodass die Planungen sich auf das Burgenland erstreckten, in kleinen Abschnitten auch vorgeschoben auf ungarischem Gebiet. Es wurde ein eigenes Armeeoberkommando dafür eingerichtet. Für den Bau wurden aus Wien, Niederdonau und der Steiermark etwa 50 000 Menschen herangezogen. Es wurden Freiwillige, Hitlerjugend und frauen eingesetzt. Dazu kamen Häftlinge aus den Konzentrationslagern und ungarische Juden. Ihre Zahl kann man ebenfalls auf etwa 50 000 schätzen. Es wurden Kommandostände, Kampfstände, Unterkünfte, vor allem aber Panzergräben im offenen Gelände angelegt, meist nur mit Holz verstärkt. Beton stand kaum zur Verfügung. Schon während des Winters 1944/45 verfielen einige der Gräben und Unterstände wieder und mussten erneut ausgehoben werden. Der Südostwall sollte neben regulären Truppen vom Volkssturm verteidigt werden.

Ein Bericht aus Rechnitz, nach dem Krieg in einem Gemeindebericht niedergeschrieben,  schildert anschaulich die fürchterlichen Zustände beim Bau der Anlagen: „In den Herbstmonaten des Jahres 1944 (wurden) Fremdarbeiter aus 12 Nationen, und zwar Franzosen, Griechen, Flüchtlinge aus den Balkanstaaten, Zwangsarbeiter aus den Ostgebieten, Muselmanen aus Serbien und Juden aus verschiedenen Staaten nach Rechnitz gebracht, um auch hier einen durchgehenden Panzergraben und Stellungen zu errichten. Auch Hitlerjugend wurde aus der Steiermark nach Rechnitz verlegt... Insgesamt wurden 3000 bis 4000 Personen eingesetzt, um eine Verteidigungslinie zu errichten, die einer neuzeitlich ausgerüsteten Armee nicht standhalten konnte. Die so genannten Schanzarbeiter wurden im Schloss Batthyany, im Kloster, in den Schulen und im Judentempel auf Strohlager(n) armselig untergebracht, und von einer Großküche wurde ein- oder zweimal täglich ein kümmerliches Essen ausgefolgt. Unter der Leitung von Parteibonzen wurden täglich die vielen Zwangsarbeiter, kümmerlich bekleidet, die meisten mit Schuhen mit einer Holzsohle versehen, an die Grenze getrieben, und mussten dort von früh bis spät Panzergräben in einer Tiefe von 3 m und einer Breite von 7 m ausheben. Auch die Ortsbevölkerung, Männer und Frauen, mussten an der Errichtung des Südostwalles mitarbeiten."  (zitiert nach: Manfried Rauchensteiner, Das militärische Kriegsende im Burgenland 1945. (In: Burgenland 1945. S 99)

 

Unterkunft und Verpflegung wurden immer schlechter. Die Gasthäuser und Schulen entlang des Ostwalles waren längst überfüllt, viele Menschen wurden in Scheunen oder Ställen untergebracht. Die Essensrationen wurden, vor allem für die Juden, immer mehr gekürzt. Die "Schanzer" hatten oft weite Anmarschwege und waren ausgemergelt und erschöpft. Krankheiten breiteten sich aus, eine Typhusepidemie forderte zahlreiche Opfer, auch unter der einheimischen Bevölkerung. Nicht mehr Arbeitsfähige wurden erschossen und in Massengräbern verscharrt. Die ungarischen Juden wurden in Notunterkünften, hauptsächlich im Raume Ödenburg, etwa in Wolfs und Kroisbach, untergebracht. Ende März wurden die Überlebenden in Richtung Mauthausen getrieben, wo nur mehr etwa 17 000 lebend ankamen.

Beim Herannahen der Front war der Großteil des Südostwalls unbesetzt. Manchmal wurde er von den zurückgehenden deutschen Truppen gar nicht als Verteidigungsanlage erkannt. Die vielen Opfer, die die Errichtung gekostet hatte, waren vergeblich.

Im Feber 1945 scheiterte die Operation "Frühlingserwachen" im Plattensee - Gebiet. Am 16. März begann der Angriff der Russen, am 20. März war im Burgenland bereits Gefechtslärm zu hören. Zwei deutsche Armeen, die 6. Armee und die 6. Panzerarmee, zogen sich auf die Reichsgrenze zurück, abgekämpfte Soldaten, schlecht bewaffnet und ohne Treibstoff für ihre Fahrzeuge. Ihnen gegenüber stand eine gewaltige sowjetische Übermacht. Die Russen brachen vielfach in die Reichsschutzstellung ein, noch bevor diese besetzt werden konnte. Am 29. März 1945 erreichten die Russen bei Klostermarienberg erstmals burgenländisches Gebiet. Ein weiterer Vorstoß ging über Mattersburg in Richtung Wr. Neustadt. Die deutschen Truppen leisteten erbitterten Widerstand, konnten die Russen aber immer wieder nur für wenige Stunden aufhalten. Heftig gekämpft wurde im Raum Marz - Mattersburg - Forchtenau. Am 1. April wurde Eisenstadt angegriffen, das hauptsächlich von Landesschützen und Volkssturm verteidigt werden sollte. Sie konnten kaum Widerstand leisten und zogen sich nach Loretto zurück. In der Brucker Pforte gelang es einem SS-Panzerkorps, die Sowjets längere Zeit aufzuhalten. Nach dem Fall Pressburgs musste man auch hier am 2. April der Übermacht weichen. Im Südburgenland wurde zunächst nur die Region Rechnitz vom Kriegsgeschehen erfasst. Die anschließenden Kämpfe waren dann im hügeligen Gelände des Südburgenlandes weit heftiger als im Norden. Immer wieder wurden die Russen aus einzelnen Orten durch Gegenangriffe wieder zurückgeworfen. Dabei kam es zu erheblichen Zerstörungen. Am 31. März und 1. April konnte ein sowjetisches Panzerkorps im Raabtal weit vorstoßen. Alle Tapferkeit nützte letztlich nichts gegen die gewaltige Übermacht. Die deutschen Truppen mussten an die steirische Grenze zurückgehen. Die Sowjets verschoben Truppen nach Norden, ihr Vormarsch kam zum Stehen - mit schlimmen Folgen für die Dörfer an der steirischen Grenze, wo die Zerstörungen besonders stark waren. Erst am 7. Mai kam die Front hier wieder in Bewegung, am 8. Mai trat die Kapitulation der Wehrmacht in Kraft.

Genaue Opferzahlen gibt es nicht. Schätzungen sprechen von 3000 bis 5000 deutschen Soldaten und etwa ebenso vielen Sowjetsoldaten, die auf burgenländischem Gebiet fielen. Etwa 400 Zivilisten wurden während der Kämpfe getötet. Ein vielfaches davon machten die Opfer aus, die unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen getötet, erschossen oder erschlagen wurden.

Literatur:

  • Leopold Banny, Der Krieg im Burgenland I. Warten auf den Feuersturm.
  • Burgenland 1945. Eisenstadt 1985



 

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