Die noch vor wenigen Jahren gerade im Burgenland fest gefügten Loyalitäten, die weitgehend unangetasteten Autoritäten und die ihnen zugrunde liegenden organisatorischen Strukturen - Familie, Dorfverband, Vereine, Kirchen, politische Parteien, Interessensgemeinschaften - treten heute auch im Burgenland zurück und zeigen gelegentlich Auflösungserscheinungen. Der oft übersteigerte Individualismus, gelegentlich bis zum Hedonismus gesteigert, macht sich verstärkt bemerkbar. "Politikverdrossenheit" zeigt sich auf lokaler wie auf Landesebene und ist weniger Desinteresse an den gesellschaftlichen Aufgaben als vielmehr an der bisherigen Art, sie zu bewältigen, also vor allem an den politischen Parteien und an übertrieben selbstbewussten, wenig sensiblen, die technokratische und bürokratische Seite zeigende Politikerpersönlichkeiten. Das Ergebnis ist steigende Wahlenthaltung, aber auch Zuwendung zu kleinen und oppositionellen Gruppen.

Die Ablehnung herkömmlicher parteipolitischer Organisation artikuliert sich vor allem im Angriff auf hohe Bezahlung, Mehrfacheinkommen und Privilegien der Politiker. Der "Multifunktionär", über Jahrzehnte der Normaltyp des Politikers gerade im Burgenland, wurde zum Feindbild und ist, wenn man bedenkt, wie sehr sich die personellen Ressourcen des Landes erweitert haben, tatsächlich nicht mehr gerechtfertigt. Die bestehenden Machtstrukturen, die auf eine enge Verbindung zwischen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Machtpositionen aufgebaut sind, können sich offenbar davon besonders schwer lösen. Häufige Kritik richtete sich - etwa im Rahmen der Diskussion über den Rücktritt Kerys -  gegen das autoritäre Verhalten der Führungsgruppen, die noch immer mit der Selbstverständlichkeit der Nachkriegsjahre die höchst unterschiedlichen Zugangschancen verteilen. Die politische Zugehörigkeit und die Konfession spielt dabei verdeckt in einem formal die Chancengleichheit behauptenden System noch immer eine wesentliche Rolle.

Kritik richtete sich besonders heftig gegen behauptete "moralische" Defizite der Führungsschicht, klagt aber zugleich über mangelnde Führungskraft und fehlendes Charisma. Hier zeigt sich auch im Burgenland die neue Unsicherheit im Umgang mit vielen Grundfragen der Politik.

Trotz aller Veränderungen darf aber nicht vergessen werden, dass die burgenländische Gesellschaft einen recht ausgewogenen, vorsichtig-evolutionären Entwicklungsgang genommen hat und vor allem in den Dörfern bestehende Strukturen vermutlich noch immer relativ stabil sind.


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