Im Jahre1982 wurde Ottilie Matysek Klubobfrau der SPÖ. Sie zeigte vom Anfang an die Bereitschaft zu tief greifenden Reformen in ihrer Partei; sie forderte einen offenen Dialog und Kritik an der Partei: "Freilich muss sich auch das Bild des Politikers ändern, wir müssen mehr an uns selbst arbeiten". Auch die "Privilegiendiskussion" zu führen war sie durchaus bereit, nach einer "Schrecksekunde", wie sie sagte: "Im Burgenland selbst ist sicher einiges fehl gewachsen - aber wir haben ... schon gezeigt, dass wir glaubhaft reagieren".

Die Warnung vor allzu kritischem Vorgehen kam schon früh. Bald nach ihrem Amtsantritt fragte sie die BF: " Frau Klubobmann, Sie preschen mit ihren Aussagen gegenüber der herkömmlichen Politik recht weit vor, Sie haben in Ihrer Landtagsrede mehr heiße Eisen angefasst, als sonst üblich. Haben Sie nicht Angst, dass sich ihre Klubkollegen überfahren fühlen?

Matysek: "Ehrlich gesagt, es war ein wenig Angst da. Aber erstens ist mit Kritik aus den eigenen Reihen lieber als die gängigen Phrasen der ÖVP, die ja schon aus ihrer Lage her jammern muss. Zweitens aber... hat sich aus allen Gesprächen und Wortmeldungen eine phantastische Bereitschaft zu einem gemeinsamen Ruck gezeigt. Diese Tage haben wieder gezeigt, dass die SPÖ-Politiker aufgeschlossener, sensibler und flexibler auf neue Herausforderungen reagieren ..."

 Matysek, gab in der Öffentlichkeit immer schärfere Kritik an ihrer Partei zu erkennen. Im Mai 1985 wurde sie "auf Grund eines Vertrauensverlustes, der sich in der letzten Zeit angehäuft hatte" als Klubobfrau abgesetzt , im September aus dem Klub und - nachdem sie bei der Landtagswahl 1987 auf einer eigenen Liste kandidierte - auch aus der Partei ausgeschlossen.

Ihr Nachfolger als Klubobmann wurde Joseph Posch. Kery zu Matysek: "Kritiker können ihre Meinungen haben, aber eine ganze Partei kann nicht ihre Arbeit nach ihnen ausrichten". (BF 22.Mai 1985)

Zur selben Zeit, als der Weinskandal im Sommer 1985 seinen Höhepunkt erreicht hatte, bekamen auch die heftigen Angriffe gegen Kery wieder neue Nahrung. Mehrere Zeitungen stellten die Abwahl von Ottilie Matysek als "Hinrichtung" dar, Matysek selbst sprach von "dedopten Partei - Zombies", vom "Kery-Feudalstaat", von einer Politik, zu der "offensichtlich der Schmäh, das Schwindeln, um nicht zu sagen, die Lüge" gehörten: "Ich bin vogelfrei. Die gedopten Partei-Zombies haben zugeschlagen, das Burgenland grenzt halt verdammt nahe an den Osten. Tritt und kusch - im Kery-Feudalstaat" (Matysek im Kurier, 8.Sept. 1985)

Die österreichischen Zeitungen stellten es so dar, als sei die intellektuelle , fleißige und kritische Matysek von den Machos in der SPÖ verdrängt worden, denen es nur um die Erhaltung ihrer Macht und ihrer grenzenlosen Privilegien ging. Kery antwortete, Matysek sei aus gekränktem Ehrgeiz in Opposition gegangen, sie habe Kulturlandesrätin werden wollen, sie habe "einen Schuh anziehen wollen, der ihr eindeutig zu groß war".

 

Eine neue Dimension erhielt der "Matysek-Skandal" später durch den "Bundesländerskandal". In der ÖVP-nahen Bundesländerversicherung "versickerten" angeblich 200 Millionen Schilling, bei dem Geschäftsführer Ruso wurde eine "Empfängerliste" gefunden, auf der auch Namen von Burgenländern aufschienen. Matysek wurde in naher Verbindung zu Ruso gesehen. Ihr umfangreicher Besitz - mehrere Häuser - geriet unter Beschuss, ebenso wie ihr angeblich aufwendiger Lebensstil. Angeblich hatte sie von der Bundesländer Gelder erhalten. Matysek verteidigte sich erfolgreich. Die Zahlungen waren nach ihrer Darstellung refundierte Zahlungen nach dem Einbau einer Alarmanlage. Matysek wurde aber schließlich wegen des Verdachtes des Verbrechens der Untreue als Beteiligte in der Bundesländeraffäre angeklagt und vom burgenländischen Landtag - dessen Abgeordnete sie ja noch immer war - an das Gericht ausgeliefert. Im Zusammenhang mit der Bundesländeraffäre beging 1986 ein früherer Landesdirektor dieser Versicherung im Burgenland Selbstmord.

Der "BEWAG - Skandal"

Ende Jänner 1985 geriet auch die BEWAG wieder in das Schussfeld der ÖVP: dem ehemaligen Direktor Eugen Horwath wurde vorgeworfen, er hätte Geld und Personal der BEWAG bei der Renovierung der Burg Lockenhaus eingesetzt. Ebenso wurden Zuwendungen an einen BEWAG - Betriebsratsfonds und an eine Kultur- und Sportanlagen Betriebsgesellschaft scharf kritisiert.

LR.Stix zum Wertewandel

" Zweifellos befinden wir uns aber in einer Phase der Neuorientierung. Alte Strukturen müssen neuen weichen, und zwar in fast allen gesellschaftlichen und politischen Bereichen ... Wirtschaftsförderung ist nicht mehr ausschließlich auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, sondern auch auf den Unstieg in ein neues, technologisches Zeitalter ausgerichtet. Die staatlichen Organe sollen von einer reinen Dienstleistungsfunktion in die Bereiche der Beratung, des Service hineinwachsen. Eine Verwaltungsreform soll nicht nur zu besserem, schnellerem Bürgerservice, sondern auch zu einer neuen Motivation der Beamtenschaft führen. Im Kultur- oder Sozialbereich wird wieder mehr auf individuelle Eigeninitiative gesetzt.Im Gegenzug sind von Seiten der Organisationen und der Staatsbürger mehr Phantasie und Öffnung gefragt ..."

BF 11.12.1985,S.2


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