Sommer 1989: Die deutsche Wiedervereinigung beginnt an der burgenländischen Grenze

Der "Eiserne Vorhang" fällt...

 

Die Öffnung Ungarns war schon in den Jahren zuvor in einem beschleunigten Tempo vorangeschritten. 1988 etwa wurden bereits 62 Millionen Grenzübertritte, davon 11 Millionen von ungarischen Staatsbürgern, registriert. Eine riesige Welle von Einkaufstouristen hatte auch das Burgenland überschwemmt, was die heftig umstrittene Frage aufwarf, ob an der burgenländischen Grenze Einkaufsmärkte entstehen sollten.

Am 2.Mai 1989 begannen die Ungarn bei Güns und an anderen Stellen mit dem Abbau der ersten Kilometer der "technischen Grenzsperren". Sie gaben als Begründung an, eine Erneuerung des Systems wäre zu teuer gekommen. Die ungarische Regierung beschritt damit eine außenpolitische Gratwanderung, denn man war sich in Budapest durchaus bewusst, was eine "grüne Grenze" zum Westen für Folgen haben würde: nicht eine Fluchtbewegung der Ungarn war zu befürchten, denn diese hatten zu diesem Zeitpunkt bereits internationale Pässe und durften nahezu unbegrenzt ins Ausland reisen; wohl aber war eine Massenflucht der Bewohner der sozialistischen Bruderländer, vor allem der DDR und Rumäniens, durch diese große Lücke im Eisernen Vorhang zu befürchten. Und genau dies trat dann auch ein, mit schwerwiegenden Konsequenzen für die innenpolitische Entwicklung in der DDR.

Schon im Mai und Juni häuften sich die illegalen Grenzübertritte, vor allem von DDR - Bürgern, die ihren Urlaub in Ungarn verbrachten. Am 19. August veranstaltete die "Paneuropäische Bewegung" bei Mörbisch ein "grenzüberschreitendes Picknick", bei dem es möglich war, ungehindert über die Grenze zu gehen. Dafür wurde in den Urlaubsgebieten Ungarns geworben. Tatsächlich überschritten an diesem Tag über 600 DDR - Bürger die Grenze. Damit wurde die Fluchtbewegung zu einem reißenden Strom. Zehntausende, vor allem junge Menschen aus der DDR nützten den neuen Weg in die Freiheit ungehindert von den ungarischen Behörden. Das Burgenland stand im Mittelpunkt des Weltinteresses. Die Bevölkerung half wo sie helfen konnte.

Diese "Abstimmung mit den Füßen", das Davonlaufen vieler, oft der höchstqualifizierten Bürger, brachte das erstarrte Regime der DDR so unter Druck, dass schließlich Reformen unausweichlich waren. Die Konsequenz daraus war die Auflösung der DDR und die Wiedervereinigung Deutschlands.

 

" Hegyeshalom, 2.Mai 1989, gegen Mittag. An der 'technischen Grenzsperre' - dort wo früher einmal das Fotografieren strengstens verboten war - drängen sich drei Busladungen voll Auslandsjournalisten, zucken die Blitzlichter, kurbeln mehrere Fernsehteams nach Herzenslust drauflos. Der Motive sind genug: Ungarische Grenzsoldaten, die mit Drahtscheren die Stacheldrahtverhaue beseitigen, Betonpfähle, die per Traktor aus dem Boden gezogen werden, ein ehemaliger 'Todesstreifen', der nun gepflügt und für landwirtschaftliche Zwecke verwendet werden soll ..."

BF 10 Mai 1989

"Manche fürchten sich davor: Nach einer noch weitergehenden Liberalisierung bei den ungarischen Nachbarn könnte die ohnehin schon durchlässige Grenze ganz offen werden. An die Wand gemalt wird eine Situation, in der das Burgenland nur mehr als Durchgangsstation angesehen wird. Der 'drübere Teil Pannoniens' würde dann mit seinen Billigpreisen den heimischen Fremdenverkehr gefährden, noch mehr Kaufkraft in das Nachbarland abfließen. Eine wirtschaftliche Einbahnstraße.

Optimisten sehen diese Entwicklung ganz anders. Das Burgenland könnte seine Chance als Brückenkopf zwischen Ost und West nützen, im Zeichen des politischen Tauwetters ... einen Namen in der Welt erringen, dem pannonischen Raum jenen mitteleuropäischen Stellenwert wieder geben, den dieser schon einmal gehabt hat....

In jedem Fall bedeutet die großräumige Entwicklung eine Herausforderung für das Burgenland. Finanzlandesrat Karl Stix will sie im wirtschaftlichen Bereich voll wahrnehmen: "Was bisher unser Nachteil war, könnte in Zukunft unsere Chance sein. ...

Stehen wir vor einer historischen Chance? Das wird wohl von unserem eigenen Verhalten abhängen."

BF 10.Feber 1989,S.4

Im Juli 1989 durchschnitten die Außenminister Ungarns und Österreichs, Alois Mock und Gyula Horn, anlässlich eines Außenministertreffens in Eisenstadt symbolisch in der Nähe von Ödenburg den Eisernen Vorhang.


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