Partei Stimmen Nationalratsmandate Landtags- mandate
Sozialdemokrat. Partei 50 067         3      13
Christlichsoziale Partei 39 995         3      10
Groß- deutsche Volkspartei 16 029         1        4
Burgenländischer Bauernbund 22 008         1        6
Bürger- und Bauern- partei     933         0        0

 Wahlenvom 18. Juni 1922

Partei Stimmen Nationalrats- mandate Landtags- mandate
Sozial- demokrat. Partei 46 524         4      12
Christlich- soziale Partei 45 275         3      13
Verband der Groß- deutschen und des Landbundes   3 123         0        0
Burgenländischer Bauernbund 23 201         1        7
Kroatenpartei (Hrvatska Stranka)   2 454         0        0

 Wahlen vom 21.10. 1923

Bis zur ersten Landtagswahl im Juni 1922 waren   noch  der Landesverwalter und als beratendes Organ die Verwaltungsstelle für das Burgenland zuständig. Der Landesverwalter war ein hoher Bundesbeamter, der von der Bundesregierung - im Einvernehmen mit dem Hauptausschuss des Nationalrates - ernannt wurde. Landesverwalter war Dr. Davy. Der Verwaltungsstelle gehörten 12 Mitglieder und sechs Ersatzmitglieder an. Jedes der drei politischen Lager (Großdeutsche, Sozialdemokraten, Christlichsoziale) stellte vier Mitglieder. Dr. Davy trat nach Schwierigkeiten mit den Parteien, besonders mit den Großdeutschen, zurück. Sein Nachfolger wurde Dr. Alfred Rausnitz, der das Vertrauen der Christlichsozialen hatte, dem aber als unabhängiger Beamter auch die Sozialdemokraten zustimmten. Nach der Inbesitznahme des Landes im November und Dezember 1921 erfolgte am 27. Jänner 1922 die Neuwahl der Verwaltungsstelle. Als Mitglieder kamen nunmehr nur Personen in Frage, die im Burgenland auch ihren Hauptwohnsitz hatten. Die Großdeutschen entsandten Wollinger, Walheim, Wolf und Schuster, die Sozialdemokraten Leser, Till, Fiala und Mosler, die Christlichsozialen Stesgal, Schreiner, Grabenhofer und Unger.

Die ersten Wahlen im neuen Bundesland Burgenland fanden am 18. Juni 1922 statt. Es waren dies gleichzeitig Landtags- und Nationalratswahlen. Stärkste Partei wurde - zur allgemeinen Überraschung - die Sozialdemokratie, die 38,5 % der Stimmen erhielt. Es folgten die Christlichsozialen, der Bauernbund und die Großdeutsche Volkspartei, die sich alle drei weit mehr Stimmen erhofft hatten.

An diesem Wahlergebnis war interessant, dass die Zahl der Wähler der Sozialdemokratie die der Arbeiter in der Industrie weit überstieg. Die Sozialdemokraten hatten ihre größten Erfolge in den Wanderarbeitergemeinden des Nordburgenlandes, wo offenbar auch eine beträchtliche Zahl von Kleinbauern sozialdemokratisch wählte.  Die Schwerpunkte der Sozialdemokraten lagen im Nordburgenland und in den nördlichen Gemeinden des Mittelburgenlandes. Im Südburgenland hatte der mit steirischer Unterstützung aufgebaute Burgenländische Bauernbund (Landbund) seine stärksten Positionen. Selbst in der größten Industriegemeinde des Südburgenlandes, in Pinkafeld, hatten die Christlichsozialen eine starke Mehrheit. Die dortigen Arbeiter waren aus dem alten Handwerk hervorgegangen und verstanden sich keineswegs als Proletarier.

Zu Auseinandersetzungen und tätlichen Angriffen kam es am 10. Juni beim Katholikentag in Eisenstadt. Leser organisierte eine sozialdemokratische Demonstration, wobei es zu Handgreiflichkeiten mit aus Wien angereisten Coulourstudenten kam.

Rausnitz lieferte schließlich die Anlässe, die seine Entmachtung einleiteten - in der Hauptstadtfrage und in der Piringsdorfer Lynchaffäre. Rausnitz trat für Wr. Neustadt als Landeshauptstadt ein. Der Sitz der Landesregierung sollte die Wr. Neustädter Burg (Militärakademie) werden. In Piringsdorf gab es schon lange schwere Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Angestellten der Esterhazy - Gutsverwaltung. Besonders verhasst war ein Förster namens Josef Györke, der überaus selbstherrlich auftrat. Es wurde ihm daher das Tragen von Waffen verboten. Trotzdem war er - angeblich mit stillschweigender Duldung der Bezirkshauptmannschaft - weiterhin bewaffnet im Dienst. Dabei kam es zu einem schwerwiegenden Zwischenfall. Der Kleinbauer Anton Schlögl wurde von Györke erschossen. Nach Darstellung der Bevölkerung wollte Schlögl Beeren suchende Kinder vor dem Förster in Schutz nehmen. Von Seiten der Gutsverwaltung wurde hingegen behauptet, Schlögl wäre ein Wilderer. Die aufgebrachte Piringsdorfer Bevölkerung griff zur Selbstjustiz und erschlug Györke. Die Sozialdemokraten forderten die Absetzung des Bezirkshauptmannes Hagenauer, den sie als mitschuldig sahen. Rausnitz aber stellte sich vehement hinter den Bezirkshauptmann von Oberpullendorf, Dr. Hagenauer, dem man vielfach die Schuld an den Vorfällen in Piringsdorf gab.

Rausnitz wusste, dass ein Misstrauensantrag im Landtag durchgehen würde. Er teilte am 14. Juli 1923 mit, dass er, da er nicht mehr das Vertrauen der Sozialdemokraten besitze, sein Amt zurück lege.  Noch am gleichen Tag wurde die Neuwahl durchgeführt. Im ersten Wahlgang bekam kein Kandidat die nötige Mehrheit, im zweiten Durchgang wurde Walheim gegen die Stimmen der Christlichsozialen gewählt. Auf die Stelle Walheims als Landesrat rückte der Sozialdemokrat Ignaz Till nach.

 

Die Wahlbeteiligung war mit 70 % sehr niedrig. Der Wahlausgang brachte vor allem für die Sozialdemokraten eine schwere Enttäuschung. Sie konnten nur knapp ihren Vorsprung als stimmenstärkste Partei behaupten. Sie verloren etwa 3000 Stimmen, die Christlichsozialen hingegen gewannen etwa 5000 Stimmen hinzu. Die Ursachen suchten die Sozialdemokraten in der "Wahlmüdigkeit" der Wanderarbeiter, die es zu anstrengend fanden, wegen der Wahl die oft weite Strecke nach Hause zu fahren. Eine weitere Ursache glaubte man in der Beeinflussung der Frauen durch die Pfarrer zugunsten der Christlichsozialen zu sehen. Beide Faktoren könnten durchaus eine Rolle gespielt haben, konnten den starken Zuwachs der Christlichsozialen aber kaum erklären.

Die Sozialdemokraten hatten den Christlichsozialen schon kurz nach der Wahl eine Koalition angeboten, die diese zunächst ablehnten. Erst nach dem Scheitern der Verhandlungen mit dem Bauernbund kehrten sie gegen Ende November zu diesem Angebot zurück. In Wien wurden geheime Verhandlungen zwischen den führenden Sozialdemokraten und den Christlichsozialen Thullner und Ratz geführt. Am 27. Dezember kam es zum Abschluss eines Koalitionsabkommens. Allerdings gab es unter den Sozialdemokraten heftigen Widerstand gegen dieses Zusammengehen mit den Christlichsozialen. Eine kleine Gruppe, die aber in Wien bei Otto Bauer Rückhalt fand, forderte die konsequente Opposition.

Der neue Landtag konstituierte sich am 4. Jänner 1924. Landtagspräsident wurde der Sozialdemokrat Hans Morawitz, Landeshauptmann der Christlichsoziale Josef Rauhofer. Dieser hatte in seiner Partei ebenfalls große Schwierigkeiten. Er hatte versucht, eine eine eigene Partei zu bilden, wurde aber von Thullner in die Christlichsoziale Partei zurückgeholt. Dagegen opponierten die prominenten Christlichsozialen Pfarrer Gangl und Michael Koch. Allerdings war Rauhofer insofern eine gute Wahl, als er eine annehmbare Gesprächsbasis mit den Sozialdemokraten hatte. Erster Landeshauptmannstellvertreter wurde wieder Ludwig Leser, zweiter Franz Stesgal. Landesräte waren weiterhin Hoffenreich und Till von den Sozialdemokraten, Michael Koch und Rudolf Burgmann von den Christlichsozialen und Viktor Voit vom Bauernbund. Voit gab man jedoch keine Kompetenzen.

Die Koalition bewährte sich nur für kurze Zeit. Man hatte vereinbart, alle heiklen Probleme auszuklammern. Aber schon im Feber 1924 wurde die Schulfrage wieder akut. Die Amtszeit der Schulstühle ging zu Ende, die Kirchen mussten Neuwahlen ausschreiben. Die Sozialdemokraten konnten diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne erneut gegen die kirchliche Herrschaft über die Schule herzuziehen. Sie vertraten die Ansicht, dass der betreffende Gesetzesartikel aus der ungarischen Zeit ohnedies nicht mehr gültig sei, denn dort hieß es: Wenn die Schule von der Gemeinde ohne Glaubensunterschied erhalten werde könne sie nicht mehr als konfessionelle Schule gelten. Da das Land aber zu 90 % die Schulkosten trug seien die Schulen Landes- bzw. Gemeindeeigentum. Die Christlichsozialen hingegen waren der Ansicht, mit "Gemeinde" sei die jeweilige Kirchengemeinde gemeint. Der Streit drohte zu eskalieren. Da die Koalition dies nicht wollte, ließ man sich erneut auf einen Kompromiss ein. Die Sozialdemokraten verzichteten auf ihre Pläne, gestanden den Pfarrern einen Sitz in den Schulstühlen  und den kirchlichen Behörden ein Aufsichtsrecht zu. Die Gegenleistung wurde von der Kirche erbracht. der Apostolische Administrator gestand allgemeine Wahlen bei der Bestimmung der Ortsschulräte zu. Tatsächlich tobte der Schulstreit insofern weiter, als sozialdemokratisch dominierte Gemeinden die Beiträge an die konfessionellen Schulen verweigerten.

Auch in der christlichsozialen Partei gab es eine radikale Gruppe um die beiden Pfarrer Thullner und Gangl. Diese verlangten einen schärferen Kurs gegenüber den Sozialdemokraten und waren mit der Kompromisspolitik Rauhofers höchst unzufrieden. Sie strebten auch weiterhin ein Zusammengehen mit dem Bauernbund an. Rauhofer gelang es zunächst noch, die Kritiker niederzuhalten. Diese fanden jedoch in Wien bei Seipl und anderen Spitzenpolitikern Rückhalt. Im Feber 1925 resignierte Rauhofer schließlich. Er nahm die Landeshauptstadtfrage zum Vorwand, um zurückzutreten.

Fortsetzung Schattendorf 1927

Literatur

  • Charlotte Heidrich, Burgenländische Politik in der Ersten Republik. Deutschnationale Parteien und Verbände im Burgenland vom Zerfall der Habsburgermonarchie bis zum Beginn des autoritären Regimes (1918 - 1933), Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1982
  • Um Freiheit und Brot. Geschichte der burgenländischen Sozialdemokratie von den Anfängen bis 1945


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