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abstimmungsergebSelbst wenn man zugibt, dass zur damaligen Zeit kaum mehr eine bessere Lösung möglich war - eine solche hatte man in Wien längst verpasst - bleibt eine Tatsache: Das österreichische Parlament und die österreichische Öffentlichkeit wurden von der eigenen Regierung hinters Licht geführt. Was aber noch viel schlimmer war: Die Österreich freundlichen Ödenburger und die vielen Menschen in den Stadtdörfern, die ja nahezu geschlossen für Österreich waren und die an eine echte Chance bei der Volksabstimmung glaubten, wurden bedenkenlos geopfert. Sie hatten die Zeche zu zahlen, die Rechnung für diesen Handel zu begleichen. Die Nationalmagyaren vergaßen nicht. 1946 war es dann soweit, wobei übrigens kein Unterschied gemacht wurde zwischen jenen, die 1921 für Ungarn oder für Österreich waren. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Zunächst waren es noch viele, die glaubten, Ödenburg wäre zu gewinnen. Sie stürzten sich nun, nachdem die Volksabstimmung beschlossen war, mit ganzer Kraft und vollem Einsatz in den Kampf um Ödenburg. Die Hauptrolle kam dabei dem Ödenburger Heimatdienst zu. Dieser wurde sofort nach Bekanntwerden der Venediger Beschlüsse gegründet. Maßgebend waren dabei wieder jene Personen, die schon in den Jahren zuvor auf den Anschluss Deutschwestungarns an Deutschösterreich hingearbeitet hatten, allen voran der Großdeutsche und spätere zweimalige Landeshauptmann des Burgenlandes, Prof. Dr. Alfred Walheim. Dazu kamen der Ödenburger Paul Eitler, der Mattersburger Josef Rauhofer, Hans Ambroschitz, der Schriftleiter der Ödenburger Zeitung. Später kam auch der Sozialdemokrat Ludwig Leser dazu. Gegen Leser hatte man allerdings wegen seiner hohen Positionen in der kommunistischen "Raterepublik" schwere Bedenken, doch erwies er sich bald als entschiedener Vertreter des deutschen Volkstums. Die Vertreter des Heimatdienstes legten Bundeskanzler Schober ihre Pläne dar und bekamen Räumlichkeiten und Hilfspersonal zugewiesen. Später wurden Außenstellen in Wiener Neustadt und in Loipersbach gegründet.

Geschäftsführer des Heimatdienstes wurde Eitler. Ihm stand der Kärntner Dr. Viktor Miltschinsky zur Seite, der bei der Organisation der Kärntner Volksabstimmung entsprechende Erfahrung gesammelt hatte und später österreichischer Abstimmungskommissär in Ödenburg war. Auch der Leiter des Kärntner Heimatdienstes, Dr. Steinacher, half mit.

Der Heimatdienst brachte schon am 11.November 1921 eine eigene Zeitung heraus, "Der Freie Burgenländer", die lange Zeit wohl die beste burgenländische Zeitung war und die sich später ganz in den Dienst des freiheitlichen Lagers stellte. Ihr Chefredakteur war Hans Amrbroschitz, ein großartiger Journalist.  Ambroschitz trat kompromisslos für den Anschluss an Österreich ein und musste im August 1921 vor den magyarischen Freischärlern fliehen. 1921 war er Gründungsmitglied der Großdeutschen Partei des Burgenlandes, ab 1922 deren erster Landesparteisekretär. Er war auch in dieser Position äußerst konsequent. Als seine Partei 1927 ein Wahlbündnis mit den Christlichsozialen einging, in denen Ambroschitz mit einigem Recht die Partei der Monarchisten und der Magyaronen sah, legte er seine Funktion zurück.

Auch andere, bedeutende Persönlichkeiten wirkten im Heimatdienst wie etwa Josef Vukovits, der das Propagandamaterial ins Kroatische übersetzte, Julius Polster, Professor aus Oberschützen, der die Wr. Neustädter Außenstelle leitete, der Apetloner Dr. Josef Stehlik, der schon 1920 in Wien die "Vereinigung deutscher Hochschüler aus dem Burgenland" gegründet hatte, der Sankt Margarethener Bauer und Kaufmann Michael Unger, der 1918 im Komitatsausschuss von Ödenburg für die freie deutsche Sprache eingetreten war und im Deutschen Volksrat eine wichtige Rolle spielte. Unger war mutig und in der Bevölkerung überaus populär. In der Rätezeit wurde er als Bauernführer und "gefährlicher Konterrevolutionär" inhaftiert und kam nur durch den Sturz der Räte mit dem Leben davon. Später wurde er Christlichsozialer, trat aber ebenso mutig gegen Tendenzen auf, die ihm nicht passten, sodass er schließlich ausgebootet wurde.

Auch in Ödenburg selbst fanden sich trotz des enormen Druckes, der auf Österreichfreunde ausgeübt wurde, Mitarbeiter des Heimatdienstes, die Bürgerfamilie Holzmann etwa, die Professoren Lenk, Müller und Strauch, die Lehrer Sepp Steiger und Josef Kath, die nach dem Verbleib der Stadt bei Ungarn nach Österreich übersiedelten.

Die Mitglieder der alliierten Generalskommission erschienen am 14. November in Wien, wo sie erklärten, für die Kontrolle der Abstimmung sorgen zu wollen, damit die Ödenburger tatsächlich ihren freien Willen zum Ausdruck bringen könnten. Tatsächlich wurden dann aber bald Entscheidungen getroffen, die dieses Versprechen keineswegs einlösten. So durften etwa die vermutlich etwa 2000 Personen, die vor dem Terror der Freischärler nach Österreich geflohen waren, nicht abstimmen. Die Anfertigung der Stimmlisten wurde den Gemeindeämtern übertragen, ebenso wie die Ausstellung der Abstimmungsausweise.

Die Generalskommission hatte ferner die öffentliche Propaganda beider Parteien untersagt. Tatsächlich unterbunden wurde aber nur die Österreich freundliche Propaganda. Der Ödenburger Heimatdienst verlangte vehement noch einige Verbesserungen -vergeblich!

Am 14.Dezember 1921 fand die Ödenburger "Volksabstimmung" statt. Trotz des großen Einsatzes des Ödenburger Heimatdienstes, von Freiwilligen auch aus anderen Teilen Österreichs, besonders aus Kärnten, unterstützt, war die Abstimmung in Ödenburg nicht zu gewinnen. Daran konnte auch Hans Ambroschitz mit seinem "Freien Burgenländer" nichts ändern. Sie durfte nicht gewonnen werden, denn Ödenburg war der hohe Preis, den man für den Abzug der Magyaren aus dem übrigen Burgenland zu bezahlen hatte. Das wussten aber weder die österreichischen Abstimmungskommissare noch diejenigen Menschen, die im Abstimmungsgebiet selbst für Österreich eintraten. Sie riskierten viel, denn die Ungarnfreunde gingen nicht zimperlich mit den Anschlussfreunden um.

Die Volksabstimmung sollte von der alliierten Generalskommission organisiert und überwacht werden. Diese verstieß allerdings in vielen Punkten gegen ihre eigenen Bestimmungen. Die Mitglieder der österreichischen Abstimmungskommission kamen in offizieller Funktion und mit Diplomatenpässen ausgestattet. Das hinderte ungarische Behörden aber nicht, sie auf Schritt und Tritt zu belästigen und in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken. Ein Kommissär wurde von der Gendarmerie dem Stadtkommandanten vorgeführt, der schlicht und einfach behauptete, er wisse nichts von einer Abstimmung. Ein anderer wurde körperlich misshandelt.

In der Stadt und auch in den Dörfern herrschte eine Atmosphäre der Angst und des Terrors. Es waren zahlreiche Gendarmen und Geheimpolizisten herangebracht worden. Jedes offene Wort zugunsten Österreichs konnte die Verhaftung zur Folge haben. Dort, wo man keinen rechtlichen Vorwand fand, genügte es, die militanten "Studenten" der Forstakademie auf die Bürger zu hetzen. Ihre "Argumente" waren kurz, bündig und schlagkräftig: sie bestanden aus Gummiknüppel, Beilstöcken, Schlagringen. Anfang Dezember etwa wurden österreichisch gesinnte Bürger in einem Gasthaus schwer misshandelt. Sogar Bürgerhäuser wurden in der Nacht überfallen, die Bewohner geprügelt und verschleppt. Besonders eifrige Anschlussgegner zogen von Haus zu Haus und zwangen den Menschen eidesstattliche Erklärungen ab, für Ungarn zu stimmen.

 

 Die Studenten der Bergbau- und Forstakademie spielten im Prozess der Einschüchterung eine wichtige Rolle. Die Hochschule war im März 1919 von Schemnitz provisorisch nach Ödenburg verlegt worde, wurde dann auf zwei Städte aufgeteilt und schließlich Ende November wieder nach Ödenburg zurückverlegt worden. Viele der etwa 600 Studenten waren zuvor in den Freischaren. Ende September wurde das neue Studienjahr eröffnet und zum Zeitpunkt der Volksabstimmung befanden sich die meisten Studenten bereits in der Stadt. Die ungarische Regierung zahlte ihnen "aus Anlass der Volksabstimmung" ihre Quartiere.   

Das Abstimmungsgebiet war zwar gegen Österreich hermetisch abgeriegelt, aus Ungarn hingegen war der Zuzug jederzeit möglich. In den Esterhazyschen Meierhöfen fanden die Verteidiger der "nationalen Ehre" Ungarns Unterschlupf.

Der Terror blieb auch jenen wohlmeinenden Ungarnfreunde unter den Deutschen, die noch immer auf eine Zukunft als Deutsche im Mutterland Ungarn hofften, nicht verborgen. Sie befanden sich in einem Dilemma, das sie ihr Leben lang nicht mehr loswurden. Sie wollten Ungarn, dem alten, toleranten Ungarn, das ihnen so viele Jahrhunderte Heimat war, die Treue halten. Sie wollten aber auch ihre Volksgruppe, die die Geschichte der Stadt geprägt hatte, nicht dem nun so massiv auftretenden magyarischen Nationalismus ausliefern. Sie ahnten, was schon bald auf sie zukommen würde: man unterschied nicht mehr zwischen proösterreichisch und proungarisch. Wer deutsch sprach war verdächtig. Viele von ihnen stimmten dann doch für Ungarn, in der Hoffnung, die Lage würde sich wieder normalisieren, die "Vaterlandsretter" würden endlich wieder abziehen und man könne dann zum gewohnten Zusammenleben zurückkehren.

Trotz aller Bemühungen wurde die Abstimmung nicht verschoben. Die Botschafterkonferenz in Paris beschloss zwar die Verschiebung vom 14. auf den 18.Dezember, der Vorsitzende der Generalskommission, der Italiner Ferrario, hielt sich aber nicht daran.

Dass man auch in Wien nicht mehr an die Möglichkeit eines Abstimmungssieges glaubte - und wohl nie geglaubt hat - beweist, dass die österreichische Regierung zwar protestierte, zugleich aber die österreichische Delegation beauftragte, aus Ödenburg noch vor der Abstimmung abzureisen. Dieser Schritt hatte verheerende Folgen. Die Österreichfreunde fühlten sich im Stich gelassen. Es war völlig belanglos, dass die österreichische Regierung und der Nationalrat nun erklärten, das Ergebnis der Abstimmung nicht anerkennen zu wollen. In Wien stellte man fest, dass die "...österreichische Regierung alles getan hat, um sowohl ihre Pflicht gegenüber ihrem Lande zu erfüllen als auch den Bestimmungen und dem Geist des Protokolls von Venedig gerecht zu werden." Das hört sich an wie ein Versuch, sich vor der Öffentlichkeit rein zu waschen. Der Protest war ein schwacher Trost für diejenigen, die am nächsten und in den beiden folgenden Tagen zu den wenigen Abstimmungslokalen mussten, häufig durch ein Spalier von höhnenden Nationalmagyaren. Viele kamen überhaupt nicht mehr rechtzeitig ins Wahllokal.

Die Abstimmung ergab 65 % für Ungarn, 35 % für Österreich. Das Ergebnis war auch für die Magyaren nicht ganz befriedigend. Immer wieder wird die Frage gestellt, wie die Abstimmung ausgegangen wäre, wäre sie nur korrekt verlaufen. Manche Fachleute sind heute der Meinung, dass sie trotzdem, wenn auch äußerst knapp, für Ungarn ausgegangen wäre. Das ist nicht ganz auszuschließen, wenn man die Vorgeschichte und das besondere Verhältnis der Deutschwestungarn, insbesondere der Deutschen in Ödenburg, zu Österreich und zu Ungarn kennt. Viele wollten ihr ungarländisches Deutschtum nicht schwächen, wollten - trotz aller Enttäuschung während des Anschlusskampfes - es noch einmal mit dem ungarländischen Mutterland versuchen. Die Folgen waren katastrophal. Die Rechnung bekamen auch bald jene präsentiert, die so vehement für den Verbleib bei Ungarn geblieben waren, die Christlichsozialen Mandatare, die in der nächsten Wahl ihre Sitze verloren. Von den eigenen Leuten abgewählt, von den Nationalmagyaren bald als deutsche Vaterlandsverräter nicht nur beschimpft, oft auch bedroht, erlebten manche noch die Vertreibung.

Die Ödenburger aber, die heute überwiegend in Baden- Württemberg leben, mit ihrem Zentrum in der schönen Reichsstadt Bad Wimpfen, sehen den 14.Dezember 1921 als den schwärzesten Tag ihrer Geschichte.

Das Ergebnis der Volksabstimmung wurde nicht von allen akzeptiert. Sozialdemokratische Kreise in Wr. Neustadt planten im Dezember 1921 noch einmal, die Stadt zurück zu gewinnen. Vorbild für diesen Handstreich war der erfolgreiche Überfall Gabriele d' Annunzios auf Fiume - Rijeka. Die Pläne für den Handstreich auf Ödenburg wurden schon im August 1919 von Militärs entwickelt. Sie wurden nun wieder hervorgeholt.

Im Zentrum der Vorbereitungen stand der Kommandant der Wr. Neustädter Arbeiterwehr, Josef Pichler. Er wurde von erfahrenen Kärntner Abwehrkämpfern, unter ihnen Hans Steinacher, unterstützt. Ludwig Leser sollte das Unternehmen diplomatisch durch Beruhigung der Tschechen und Jugoslawen absichern. Man hielt die Aktion für mit den Pariser Friedensverträgen konform und sah in den Venediger Protokollen und in der Ödenburger  Abstimmung Verstöße gegen die Friedensverträge.

Die für die Aktion vorgesehenen Arbeiterwehren wurden mit Waffen aus dem Kärntner Abwehrkampf ausgerüstet. Eisenbahner, die am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, wurden in Wöllersdorf an Maschinengewehren ausgebildet. Sie sollten mit zwei Panzerzügen auf der Raaber Bahn und auf der Wr. Neustadt - Ödenburger Bahn bis Kolnhof (Kophaza) durchbrechen und dort das Abstimmungsgebiet abriegeln - bis die Arbeiterwehren das Gebiet besetzt hätten. Die Flieger des Fliegerhorstes Wr. Neustadt, unter ihnen hervorragende Kampfflieger des Ersten Weltkrieges, sollten die Aktion unterstützen.

Das ganze Unternehmen wurde schließlich vom sozialdemokratischen Reichsparteivorstand in Wien verhindert. Die Erfolgsaussichten waren wohl ohnedies nur gering. Die Gefahr aber, dass daraus ein Krieg zwischen Ungarn und Österreich entstanden wäre, war groß.

 In Ungarn war die Enttäuschung über das Abstimmungergebnis zunächst groß, hatte man dorch mit einer Zustimmung von bis zu 90 % gerechnet.Der "Virradat" (Morgendämmerung) schrieb am 23. Dezember 1921: "Gestehen wir uns ein, dass das Ödenburger Ergebnis für uns niederschmetternd ist. ... Selbst die größten Pessimisten rechneten auf eine Mehrheit von 75-80 %, die Sanguinikergingen bis zu 90% zugunsten des Ungarntums ... Wie war es möglich, dass sich selbst in der Stadt Ödenburg 4 500 Personen gegen ihr Mutterland erklärten, ihre Nation verleugneten und ihren Anschluss an ein fremdes Volk, an eine fremde Staatsmacht zum Ausdrucke brachten?  ... In Westungarn muss eine Menge Fehler und Verbrechen geschehen sein, damit eine solche Antipathie gegen uns entstehen konnte." (Miltschinsly, Das Verbrechen an Ödnburg, S.107)

Das hinderte aber nicht daran, die Gewinnung Ödenburgs als ersten Schritt einer Revision des Trianoner Vertrages zu sehen. Der Pester Lloyd schrieb am 2. Jänner 1922: "Ödenburg ist nur ein erster Schritt auf dem langen Wege, den Ungarn noch zu gehen hat. Aber er lässt hoffen, dass das ungarische Volk sein Endziel erreichen werden." Während der Siegesfeierlichkeiten am 10. Jänner sagte der Ödenburger Dechantpfarrer: "Sopron ist heute keine kleine Provinzstadt mehr, deren Ruf bis zu den Herren der Westminster-Hall und der Gloire gedrungen ist, sondern ein neues Görlitz, bei dem wir die Front von Trianon durchbrachen. Die Geschichte erreichte heute einen neuen Abschnitt und Clio notiert die erste Station: Sopron!"  (Zitiert nach Haslinger, Peter: Der ungarische Revisionismus und das Burgenland, S.40)


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