Die Ungarn hatten es verstanden, in Wien, vor allem bei den Christlichsozialen, große Zweifel am Nutzen einer Erwerbung Deutschwestungarns zu wecken. Dies galt vor allem für die "karlistischen", also habsburgtreuen Christlichsozialen, die den Kaiser-König ("Karlchen in der Schweiz" nannte ihn Walheim) wegen des bisschen Westungarn wohl nicht verärgern wollten...

In den Wahlen im Herbst 1920 waren die Christlichsozialen siegreich. Ihre Gesinnungsfreunde in Budapest erwarteten nunmehr die versprochene "Belohnung". Ja selbst nach der Wahl hatte ja der einflussreiche Christlichsoziale und frühere Wiener Bürgermeister Dr. Weiskirchner dem ungarischen Außenminister Csáky versichert, dass man den "Grenzstreit" im Einvernehmen mit der ungarischen Regierung beilegen werde. Er versprach, man würde sich allen Bemühungen, das österreichische Militär einzusetzen, widersetzen !

Nachdem Ungarn den Friedensvertrag von Trianon ratifiziert hatte erklärte Bundeskanzler Mayr allerdings, dass Österreich auf eine Lösung der Burgenlandfrage im Sinne des Friedensvertrages bestehen müsse. In Budapest war die Empörung angesichts der geweckten Erwartungen natürlich groß. Interessant ist, wie Seipel und Weißkirchner diesen Schwenk begründeten: wegen der Sozialdemokraten und der Großdeutschen könne man nicht anders ...

Ende 1920 schien es, als würde die Pariser Botschafterkonferenz endlich eingreifen. Sie forderte in einer Note Ungarn auf, das Burgenland an die Alliierte Militärkommission in Ödenburg zu übergeben. Bald darauf aber wurden wieder direkte Verhandlungen empfohlen. Es folgten nun - sozusagen im letzten Moment - eine Serie von ungarischen Lockungen und Erpressungsversuchen in Richtung Wien: Ungarn versprach die Unterstützung der Heimwehren, wirtschaftliche Vorteile und vieles mehr. Dafür verlangte und bekam man auch die Zusicherung, die Burgenlandfrage würde nur mit ungarischer Zustimmung gelöst. Die Ungarn verlangten einmal das ganze Südburgenland, dann wieder Ödenburg und Umgebung, den Seewinkel - zuletzt noch im August 1921 Diese Forderung wurde von Schober abgelehnt, noch ...

 

Am 26.Juli 1921 wurden die ratifizierten Verträge ausgetauscht. Damit gab es nach internationalem Recht für Ungarn keinen Grund mehr, die Herausgabe des Burgenlandes zu verzögern. Nachdem alle Tricks versagt hatten, alle Versprechungen und Lockungen letztlich gescheitert waren, zog Ungarn seine letzte Trumpfkarte: Die "westungarische" Bevölkerung selbst sollte den Anschluss des Burgenlandes an Österreich verhindern. Natürlich wusste man in Budapest, dass diese dazu keineswegs bereit war. Also musste man der Welt ein Theater vorspielen. Die Vorbereitungen für den "bewaffneten Widerstand" waren längst angelaufen. Ungarische Regierungs- und Verwaltungsstellen hatten diese Vorbereitungen tatkräftig gefördert. Die Freischaren, die "Banditen", wie man sie im Burgenland nannte, waren längst organisiert und bestens bewaffnet. Im Sommer 1920 hatten sie etwa das steirische Fürstenfeld überfallen und dabei 1000 Gewehre und auch Maschinengewehre erbeutet - zu einer Zeit, als die nach Österreich geflohenen Burgenländer vergeblich um Waffen baten, um ihre Heimat zu befreien. Waffen gab es genug und auch arbeitslose Soldaten und magyarisch - chauvinistische Offiziere waren ausreichend vorhanden. Unter ihnen Söldnertypen, Abenteurer, Gewalttäter, die schon in der "weißen" Gegenrevolution sich ausgetobt hatten. Aber auch Jugendliche, deren Idealismus hier bedenkenlos missbraucht wurde, etwa Studenten der nach Ödenburg verlegten Bergbauakademie von Schemnitz, nicht selten deutscher Herkunft, Flüchtlinge und Vertriebene aus der Slowakei, aus Siebenbürgen und Kroatien, die hier ihren "Stellvertreterkrieg" führten und sich an Unschuldigen für das Unrecht rächten, das sie erlitten hatten.

Natürlich gab es unter den Freischärlern auch Westungarn, ja sogar einige Anführer stammten aus dem Gebiet des heutigen Burgenland. Sie sammelten sich etwa in den königstreuen Verbänden des Majors Julius Moravek (von Ostenburg), die als reguläres Militär oder Gendarmerie getarnt wurden.

Weit schlimmer war Paul von Pronay, zusammen mit Iwan Hejjas einer der gefürchtetsten Freischärlerführer. Pronay hatte es im Krieg nicht sehr weit gebracht; im Dienste Horthys war er bald so berüchtigt, dass man ihn in der Armee nicht mehr haben wollte. Er zog sich gekränkt zurück und sah im Freischärlerkampf seine Chance. Er übernahm die Führung der südlichen Freischaren. Die ungarische Staatsanwaltschaft warf Pronay 500 widerrechtliche Hinrichtungen, tatsächlich also Morde, vor. Angeklagt wurde er dafür allerdings nie.


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