Die meisten Deutschen Westungarns waren froh, als der Spuk der "Räterepublik" endlich beseitigt war. Bei der bäuerlichen Bevölkerung waren die "Roten" verhasst, aber auch mancher Sozialdemokrat konnte für Kun, Samuely und Genossen nicht mehr allzu viel Sympathie aufbringen. In Wien aber hielt sich die sozialistische Partei während der Rätezeit sehr mit Anschlußforderungen zurück. Erst nach dem Sturz der Räte verlangte sie heftig - und zu spät - nach dem Burgenland. Die Christlichsozialen aber wollten nunmehr die Freundschaft mit Horthy-Ungarn wegen des "bisschen Westungarn" nicht gefährden. In Ungarn wiederum setzte man ganz auf Zusagen, die die Wiener Christlichsozialen Brüder angeblich gemacht hatten.

Auch die Wiener Presse war alles andere als "burgenlandfreundlich". Die "Neue Freie Presse" etwa ließ regelmäßig den ungarischen Außenminister Dr.Gustav Gratz zu Wort kommen - der ganz im Sinne Ungarns schrieb. Der einzige, der in den deutschfreiheitlichen Blättern unermüdlich dagegen ankämpfte, das Zusammenspiel der Wiener und Budapester Presse aufdeckte, den Vorrang der parteipolitischen Interessen anprangerte, war Dr. Walheim. Er gab später, nach dem Scheitern des ersten Landnahmeversuches, nicht ganz zu Unrecht den eigensüchtigen Bestrebungen von Rot und Schwarz die Schuld. Er war der Meinung, die Westungarnfrage hätte zum nationalen Anliegen ganz Österreichs und darüber hinaus der gesamten deutschen Nation gemacht werden müssen. Deutschwestungarn - Burgenland hätte nicht zum Spielball von Parteiinteressen verkommen dürfen.

Der "weiße" Terror, der nun folgte, stand in mancher Hinsicht dem der Roten nicht nach. Die "weiße" Gegenregierung ergriff die Macht am 1. August 1919. Da Ungarn noch immer Königreich war, die Siegermächte aber die Rückkehr des Habsburgers Karl nicht dulden wollten, wurde für ihn ein "Reichsverweser" eingesetzt. Diese Position nahm Miklos von Horthy ein, der Kriegsheld, spätere Adjutant Kaiser Franz Josefs und schließlich Admiral der österreichsich - ungarischen Flotte. Er und die Kreise um ihn, ehemalige Offiziere und viele Adelige, waren alles andere als Freunde einer demokratischen Ordnung. Sie "räumten auf" - mit den Anhängern der Räte, den Sozialdemokraten und nicht selten auch gleich mit all jenen, die sich für den Anschluss Westungarns an Österreich ausgesprochen hatten. Letztere wurden als "Vaterlandsverräter" diffamiert, verfolgt, zur Flucht gezwungen oder auch unter fadenscheinigen Vorwürfen eingekerkert.

Eine wichtige Rolle bei der "Befreiung" Westungarns und der "Säuberung" von allen Gegnern des Horthyregimes spielte Oberst Lehár. Sein Anteil am Sieg der "Weißen" ist ein gutes Beispiel dafür, wie die einfachen Deutschwestungarn in der "großen Politik" missbraucht wurden. Der höchst naive Lehar freilich war seinerseits nur ein Werkzeug in den Händen stärkerer Kräfte. Viele Deutschwestungarn waren im Weltkrieg Soldaten gewesen. Sie vertrauten noch immer ihren Offizieren, auch wenn sich diese nun "magyarisch" gaben, wie etwa der frühere Kommandant des Steinamangerer Hausregimentes, Baron Anton von Lehar.

Lehar war der Sohn eines Militärkapellmeisters, sein jüngerer Bruder war der berühmte Operettenkomponist Franz Lehar. Anton Lehar war in Pressburg und Prag aufgewachsen, war Lehrer an der Armeeschießschule in Bruck an der Leitha und im Ersten Weltkrieg einer der tapfersten und höchst dekorierten Offiziere Österreich Ungarns. 1918 hatte er das Ritterkreuz des Militär- Maria- Theresien-Ordens bekommen. Damit verbunden war die Erhebung in den Adelsstand. Er hatte bei Kriegsende sein Regiment,  das Infanterieregiment 106, das einen ungeheuren Blutzoll an der Piave zu zahlen hatte, in voller Ordnung nach Hause zurückgeführt. Dementsprechend groß war sein Ansehen. Lehar gab sich - obwohl er deutscher Abstammung und mit einer Wienerin verheiratet war und kaum ungarisch sprach, nun ganz als Magyare. Von seinem Regiment, das zu einem beträchtlichen Teil aus südburgenländischen Deutschen bestand, hatte er sich mit einem einzigen Wort, mit "Feltámadunk" ("Wir werden auferstehen") verabschiedet. Tatsächlich war Lehar kein nationalistischer Magyare, sondern ein bedingungsloser Gefolgsmann seines Königs Karl von Habsburg, wie sich bald zeigen sollte.

Lehar war es, der von Österreich aus in Westungarn einmarschierte und die Räteherrschaft beendete. Er hatte in Wien auf diesen Augenblick gewartet und ihn gründlich vorbereitet, mit Hilfe der österreichischen und der vielen ungarischen Monarchisten, die in Wien auf ihre Chance warteten. Es wurden Werbebüros errichtet und Freiwillige angeworben. Das Geld, das man dafür brauchte, stammte zum Teil aus einem Raubüberfall, den ungarische Offiziere auf die ungarische Botschaft (auf die Botschaft der Räterepublik) durchgeführt hatten.

Lehar bediente sich bei der Vorbereitung seines Unternehmens zunächst durchaus der Hilfe auch jener Kreise, die ein deutschösterreichisches Westungarn wollten. Er bezog mit seinen Leuten bei inoffizieller Duldung durch die Steiermark das "Feldbacher Lager", ein ehemaliges Kriegsgefangenenlager. Gleichzeitig bereiteten - nach der Entscheidung der Friedenskonferenz zugunsten Österreichs - ja auch andere den Einmarsch in Westungarn vor: steirische Heimwehren, deutschnationale Studenten, der aus Güssing stammende Oberstleutnant Herbst. Sie glaubten in Lehar einen Verbündeten zu haben, wurden von ihm aber kräftig hineingelegt. Als er von den Erfolgen der Truppen Horthys und vom beginnenden Zusammenbruch des Räteregimes erfuhr gab er seinen Verbündeten einen falschen Termin zum Losschlagen, brach nach Steinamanger auf und konnte zunächst die Stadt und die Garnision, dann ganz Westungarn nahezu kampflos auf seine Seite bringen.

 
Vor der Zusammenarbeit mit den Steirern, die ihn bisher unterstützt hatten, "graute ihn" nunmehr, seine erste Maßnahme bestand darin, die Grenzen des Südburgenlandes gegen die Steiermark zu sichern. Auch Lehár begann nun, proösterreichische Kundgebungen zu unterdrücken und die "Kommunisten" zu verfolgen. Lehár entpuppte sich nun wie die anderen Monarchisten als ein heftiger Gegner des Anschlusses des Burgenlandes an Österreich. Auch er missbrauchte die Loyalität der deutsch - westungarischen Bevölkerung für seine politischen Ziele. Schon im Weltkrieg hatte er ja die Angehörigen seines Regiments ein "hervorragendes, intelligentes und vor allem williges Soldatenmaterial" genannt. Mit ihrer Hilfe zog er nun in Budapest ein.

Von der Bevölkerung wurde er zwar nicht als Befreier begrüßt, man akzeptierte ihn aber, so wie man jede andere Ordnungsmacht nach der Räteherrschaft akzeptiert hätte. Lehár unterschied sich auch wohltuend von jenen nationalistischen weißen Banden, die nunmehr über die Anschlussfreunde herfielen. Er sah auf "Disziplin" und verachtete die Methoden der Schlägerbanden.

Lehár wurde so in Westungarn zum Steigbügelhalter Horthys und seiner Clique. Dafür wurde er mit hohen militärischen Positionen belohnt. Dann aber versuchte Karl von Habsburg zweimal, "seine" ungarische Krone in Besitz zu nehmen. Beide Versuche, im März/April und im Oktober 1921, scheiterten kläglich, nicht zuletzt an der Unfähigkeit und Unentschlossenheit Karls. Am zweiten Restaurationsversuch war Lehár maßgeblich beteiligt. Erst als Horthy den Zug Karls vor Budapest mit Gewalt stoppen ließ begriff Lehár das doppelte Spiel des Reichsverwesers. Er floh nach Prag und dann nach Bayern. In der Zwischenkriegszeit war er Verleger in Berlin, ab 1938 bis zu seinem Tod im Jahre 1962 lebte er wieder in Wien. Er fand in jenem Land Zuflucht, das er in der Frage Deutschwestungarns so heftig bekämpft hatte ...

Das Horthyregime zeigte den Anschlussfreunden bald, wer wieder Herr in Ungarn war: am 23. September 1919 hielt Horthy in Ödenburg eine Rede, in der er meinte, man werde mit den Österreichern wie mit Räuberbanden verfahren. Und es gab nicht wenige, die seiner Meinung waren. Die Christlichsozialen Westungarns traten nunmehr massiv für Ungarn ein. Manche ihrer Wiener Gesinnungsgenossen stimmten zu: das bisschen Deutschwestungarn musste man nicht unbedingt haben. Waffen für die Heimwehren waren ihnen wichtiger.

Die Verfolgung der Anschlussfreunde nahm bald brutale Züge an. Nicht nur die "Roten" wurden ins Gefängnis geworfen, viele, die nicht rechtzeitig nach Österreich entkommen konnten, "auf der Flucht erschossen". Ein beträchtlicher Teil der Österreichfreunde musste ebenfalls fliehen, auch wenn sie nicht der kommunistischen oder sozialdemokratischen Partei angehört hatten. Manche, die den Freischärlern in die Hände fielen, wurden brutal gefoltert, einige auch ermordet.

In Güssing etwa fand am 17. August 1919, also nach dem Ende der Räteherrschaft, eine große Versammlung der Anschlussfreunde im Gasthaus Nikischer statt. Redner war Hauptmann Wohl, der den Anschluss an Österreich verkündete. Die Gendarmerie wollte ihn am Reden hindern, der Notär Szöllössy erkannte aber, dass eine Verhaftung Wohls zum Tumult führen würde. Der Stadtkommandant Oberstleutnant Herbst, ließ Militär ausrücken. Bei ersten Auseinandersetzungen griff das Militär aber nicht ein. Vermutlich war man sich der Haltung der Soldaten nicht sicher. Die versammelte Menge zog zum Oberstuhlrichter Dr. Polczer, bei dem sich auch Herbst befand. Dr.Polczer erklärte sich bereit, als "Bezirkshauptmann" die Ordnung bis zum Eintreffen der österreichischen Gendarmerie aufrecht zu erhalten, gab aber sofort ein Telegramm auf. Noch am selben Tag, am Nachmittag, erschien der Oberbefehlshaber der Transdanubischen Streitkräfte, Oberst Lehár, höchst persönlich in einem Panzerauto in Güssing und ordnete die Verhaftung Wohls und der "Haupträdelsführer" an. Der Oberstuhlrichter und der Stadtkommandant wurden streng ermahnt und bald darauf weitere Anschlussfreunde verhaftet. Auf dem Bahnhof traf ein Panzerzug mit einem Bataillon Soldaten ein, die eine Strafaktion durchführen sollten. Der Wirt Johann Nikischer wurde verhaftet und schwer misshandelt., ebenso der Schmiedemeister Alexander Sammer und andere. Die Gefangenen wurden in die Husarenkaserne nach Steinamanger gebracht, wo man sie sechs Wochen lang festhielt und immer wieder misshandelte. Paul Draskovich und der Bischof von Steinamanger erwirkten schließlich die Freilassung, Nikischer wurde aber unter Aufsicht gestellt und in seinem Gasthof Militär einquartiert. Später, mit der Ankunft der Freischärler, flüchtete er nach Fürstenfeld. Trotz dieser Ereignisse war noch immer ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung pro ungarisch und auch die deutschen Autonomiepläne fanden offenbar wenig Anklang, wie sich bei einem Besuch Dr. Jakob Bleyers und Dr. Johannes Hubers in Güssing am 1. Juni 1920 zeigte.


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