Immer wieder wird die Frage gestellt, warum die Deutschen und Kroaten Deutschwestungarns wenn überhaupt, erst so spät, erst nach 1918, ihre Forderung nach Anschluss an Österreich erhoben. Die übliche Antwort lautet dann: Sie waren Dörfler, Bauern, ungebildet, durch die Magyarisierung mundtot gemacht. Das ist natürlich eine sehr polemische und verkürzte Antwort auf in Wirklichkeit komplexe Verhältnisse.

Es gab lange Zeit keinen Grund, Ungarn adé zu sagen. Denn so schlecht war das alte Ungarn nicht. Anders wäre die große Anhänglichkeit, die viele Deutsche in Ungarn diesem Staat noch bewahrten, nicht erklärbar. Und dies trotz aller Nachteile, die sie in den letzten Jahrzehnten vor dem 1.Weltkrieg erleiden mussten. Das alte Ungarn war ein Vielvölkerstaat, in dem sich die meisten Menschen durchaus wohl fühlten. Schon Stefan der Heilige hatte seinen Nachfolgern nahe gelegt, mit den "hospites", den zahlreichen Einwanderern aus dem Westen, höflich umzugehen. Natürlich hielt man sich nicht immer daran. Im großen und ganzen aber war das alte Ungarn wesentlich toleranter als etwa das barocke Österreich. So wurden etwa viele unserer Dörfer zu Zufluchtstätten für in Österreich oder in der Steiermark verfolgte evangelische Pfarrer und Lehrer. Vor allem die Deutschen hatten keinen Grund, sich als unterdrückte Minderheit zu fühlen; stellten sie doch von den Siebenbürger Sachsen über die Schwaben des Donaulandes, über die reichen Bergbaustädte Oberungarns bis nach Westungarn einen beträchtlichen und den aktivsten und wohlhabenden  Teil der Bevölkerung. Auch Ofen (Buda, heute Teil Budapests) war eine deutsche Stadt, ebenso wie Pressburg, lange Zeit Hauptstadt Ungarns.

In Westungarn stellte sich die Frage nach einer "nationalen" Benachteiligung  lange Zeit überhaupt nicht. Denn hier waren viele Grundherren, nahezu die gesamte Bürgerschaft der reichen Städte und fast die gesamte Landbevölkerung Deutsche oder Kroaten. Und die Deutschen Westungarns waren alles andere als beschränkte Bauern, die über ihren Kirchturm nicht hinaussahen. Es gab höhere Schulen in den Städten, es gab nahezu in jedem Dorf und früher als in anderen Teilen Ungarns Schulen. Eine lange Reihe von Gelehrten, Wissenschaftlern, hervorragenden Priestern und Pfarrern, von Geschäftsleuten und Militärs ging aus diesem Landstrich hervor. Schon im 16. Jahrhundert studierten Deutsche aus Westungarn an deutschen Universitäten. In Ödenburg gründete der Bürgermeister, Künstler und Humanist Christoph Lackner, der in Italien studiert hatte, eine "Gelehrte Gesellschaft". Die geschmackvollen Bürgerhäuser zeigen nicht nur in Ödenburg und Güns, auch in Rust und Eisenstadt, in Donnerskirchen, Purbach und Breitenbrunn, in Schlaining und Pinkafeld die Wohlhabenheit und die kulturelle Höhe Westungarns. Verglichen mit dem übrigen Ungarn ging es auch den Bauern recht gut. Die Herrschaften Eisenstadt und Forchtenstein gehörten zu den reichsten des Landes. Daran konnte auch die Verschwendungs- und Prunksucht der Esterhazy nichts ändern. Im Südburgenland allerdings, im Herrschaftsbereich der Batthyany, da setzte der Verarmungsprozess schon früh ein. Im 18. Jahrhundert wurden dann weite Landesteile erfasst. Die Westungarn aber entwickelten erfolgreiche Gegenstrategien: Intensivierung der Landwirtschaft, Kleingewerbe, Wanderarbeit, Auswanderung. Die schwere Krise des Weinbaues erzwang diese Auswege. Aber davon war nicht nur Westungarn betroffen. Auch Industrien entstanden. Dass Westungarn ein reines Bauernland gewesen sei ist ebenfalls ein Märchen. Es gab frühe und erstaunlich viele Ansätze einer Industrialisierung.

Natürlich hinterließ das Aufbrechen des magyarischen Nationalismus seine negativen Spuren. Aber noch 1848 standen Deutschwestungarn wie Wimmer auf Seiten der ungarischen Revolution. Die berüchtigte "Magyarisierung" schließlich wird wohl in ihren Auswirkungen überschätzt. Aber sie gab den Anlass, dass man sich nun in Westungarn ebenfalls zu seinem deutschen oder kroatischen Volkstum zu bekennen begann. Erst nach dem "Ausgleich" von 1867 begann die Situation auch in Westungarn schwieriger zu werden. Der ungarische Staat, der zunehmend ein "magyarischer" Staat wurde, erfasste mit seiner Verwaltung und seiner Schul- und Kulturpolitik auch die deutschen Regionen.

Verhängnisvoll war, dass sich der Hass vieler Magyaren gegen Wien, gegen die Jahrhunderte lange Bevormundung und Unterdrückung, nunmehr gegen alles Deutsche, auch im eigenen Land, zu richten begann. Träger des magyarischen Nationalismus wurde der Kleinadel. Verarmt und deklassiert, im Fürstendienst dahinvegetierend, begann diese Kaste nunmehr das einzige auszuspielen, was sie noch besaß: ihren Standesdünkel, ihre Überheblichkeit, ihren Nationalstolz. Sie nahmen die meisten Beamtenstellen in Anspruch. Im "Anschlusskampf" um Westungarn stellten sie vielfach die Anführer der Freischärler. Das deutsche Bildungs- und Wirtschaftsbürgertum der Städte, Jahrhunderte lang des aktivste und fortschrittlichste Element der ungarischen Gesellschaft, wurde vielfach zurückgedrängt, sah alle Chancen auf einen sozialen Aufstieg versperrt.

 
Der Weg nach oben führte nunmehr über die magyarische Sprache. Und viele gingen diesen Weg. Später hat man sie verächtlich "Magyaronen" genannt. In vielen Fällen zu unrecht. Zwar gab es Opportunisten, die ihre "schwäbische" Herkunft möglichst rasch vergessen wollten, ihren Namen magyarisierten und ihr Magyarentum besonders betonten. Aber es gab auch jene, die auf dem Weg nach oben zwangsläufig ihre deutschen und kroatischen Dörfer verlassen mussten, deshalb aber nicht zu Feinden ihrer eigenen Volksgruppe wurden. Magyarischer Bildungsweg, Gebrauch der magyarischen Sprache und Bejahung des ungarischen Staatsgedankens führten in vielen Fällen keineswegs zur Verleugnung des eigenen Volkstums, ja vielfach waren es gerade diese zwei- und mehrsprachigen Persönlichkeiten, die auch das deutsche und kroatische Kulturleben erneuerten. Auch für sie war im alten Ungarn noch Platz, wenn auch der Spielraum für alles Nichtmagyarische immer enger wurde.

Erst um die Jahrhundertwende wurde der magyarische Nationalismus rabiater, der Druck vor allem auf die Schulen nahm zu. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Magyaren in der ungarischen Reichshälfte zwar die größte Volksgruppe waren, insgesamt aber noch immer weniger als 50 % der Bevölkerung stellten. 1906/1907, als mit den neuen Schulgesetzen der Druck auf die nichtmagyarischen Bewohner Ungarns immer stärker wurde, begannen auch die Deutschen Ungarns sich zu organisieren. Sie hatten, wenn sie als Volksgruppe überleben wollten, gar keine andere Wahl. So wurde am 30. Dezember 1906 in Werschetz im Banat die "Ungarländische Deutsche Volkspartei" gegründet, die die Anliegen aller Deutschen in den Ländern der Stephanskrone vertreten sollte. Sie stand unter der Führung Edmund Steinackers. In Westungarn waren ihre bedeutendsten Vertreter der Neusiedler Rechtsanwalt Dr.Karl Amon und Karl Wollinger. Die Partei trat 1910 zu den Reichstagswahlen an, allerdings ohne Erfolg. Noch hatten die meisten Menschen in Westungarn nicht die Notwendigkeit einer nationalen Vertretung begriffen. Eines wollten die Anhänger der Ungarländischen Deutschen Volkspartei freilich bis auf wenige Ausnahmen nicht: die Loslösung von Ungarn. Dies sollte sich bis 1918/1919, bis zum Ende des Ersten Weltkrieges und zum Zerfall der Doppelmonarchie, nicht ändern. Was man anstrebte war Autonomie innerhalb Ungarns, Gleichberechtigung neben dem magyarischen Staatsvolk, Anerkennung der eigenen Kultur und Tradition.

Ohne jeden Zweifel war die Idee, Westungarn könnte sich Österreich anschließen, bis 1918 kaum verbreitet. Und auch noch nach dem Zerfall des Habsburgerstaates erschreckte dieser Gedanke viele. Es bedurfte erst der Ereignisse von 1919 bis 1921, des Terrors der ungarischen Räterepublik und später des weißen Gegenterrors, der Verfolgung all jener, die Selbstbestimmung forderten, um die Bevölkerung reif für die Anschlussidee zu machen.

An zwei Stellen wurde die Forderung nach einem Anschluss an Deutschösterreich allerdings schon früh und laut erhoben: in Wien und in Heiligenkreuz im heutigen Südburgenland, wo Karl Wollinger vor allem in den evangelischen Gemeinden des Lafnitztales, etwa in Eltendorf und Deutsch Kaltenbrunn, gut vorgearbeitet hatte. Wollinger hatte schon vor 1910 im ganzen St.Gottharder Bezirk eine Organisation von Verbindungs- und Vertrauensleuten aufgebaut, die sich dann in der Anschlusszeit hervorragend bewährte. Er hatte in diesem Gebiet auch die kulturelle und wirtschaftliche Neubelebung eingeleitet, durch Gründung von Bibliotheken und Bildungsvereinen und durch die Gründung der Eltendorfer Raiffeisenkasse. 1911 etwa gründete er den "West-Eisenburger Volksbildungsverein", 1912 den "Eisenburger Volks- und Bildungsverein, der sogar über eine eigene Zeitschrift, den "Weckruf", verfügte.

Später, nach dem Zusammenbruch der Monarchie, trat Wollinger entschieden für den Anschluss Deutschwestungarns an Österreich ein. Er gründete die Deutsche Freiheitspartei, die sich nicht damit zufrieden gab, dass die Menschen von den Siegermächten einfach einem Staat zugeteilt wurden. Er verlangte die uneingeschränkte Selbstbestimmung. Er war Vertreter des südlichen Westungarn im "Deutschen Volksrat für Ungarn" und im "Deutschen Volksrat für Westungarn". Während der Räterepublik wurde er von den Kommunisten in Budapest eingekerkert, die folgende Horthy- Regierung erklärte ihn zum "Hochverräter". Er floh in die Steiermark, kehrte aber unter Lebensgefahr immer wieder zurück, um seine Freunde zu unterstützen.

Interessant ist auch sein weiteres Schicksal. Für kurze Zeit war er im Nationalrat und Landtag. Die Nationalsozialisten machten ihn 1938 zum Bürgermeister von Heiligenkreuz. Dieses Amt legte er aber schon 1941 aus Enttäuschung über die Entwicklung nieder. 1945 wurde sein Besitz in Heiligenkreuz verwüstet. Er starb, völlig gebrochen, in Graz.


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