kossuth"Wir Heutigen wissen immer noch nicht genau, was in Wirklichkeit im Frühling 1848 geschah, aber Einigkeit besteht darüber, dass es etwas Wunderbares war. Jeder Ungar, ob extremer Nationalist, Konservativer, Liberaler, Demokrat, Sozialist oder Kommunist, blickt stolz auf März und April 1848 zurück und schöpft daraus Begeisterung. Der ungarische Frühling bedeutet jedem etwas anderes, aber etwas bedeutet er für jeden in diesem Land." (István Deák, Die rechtmäßige Revolution, S.100)

Die  europäischen Revolutionen von 1848 griffen im März 1848 auch auf Ungarn über, Im ständischen Reichstag (Landtag) konnte sich die Opposition durchsetzen und zunächst große Fortschritte erzielen. Eine unabhängige und dem Reichstag verantwortliche Regierung wurde eingesetzt und in den "Aprilgesetzen" die Grundsätze des bürgerlichen Liberalismus verankert. Schon bald aber entstanden schwerwiegende innere Probleme, vor allem mit den nichtmagyarischen Nationalitäten.

Kossuths Rede in Pressburg

Die Opposition im Reichstag, der damals in Preßburg tagte, war zwar weder im Unter- noch im Oberhaus einig, war aber bereit, die Schwäche des Hofes angesichts der Unruhen in Italien zu nutzen. Am 3. März hielt Lajos Kossuth seine berühmte Rede in einer nicht offiziellen Zirkularsitzung der Deputiertentafel, in der er die Wiener Regierung sehr heftig angriff und sie für alle wirtschaftlichen Probleme verantwortlich  machte. Er verlangte eine unabhängige ungarische Finanzverwaltung, Besteuerung des Adels. Abschaffung der Urbariallasten (natürlich mit Entschädigung der Grundherrn), politische Rechte für Bürger und Bauern, Neuwahlen zum Reichstag und eine dem ungarischen Reichstag verantwortliche Regierung. Kossuths Vorschläge wurden von der Deputiertentafel mit großem Beifall aufgenommen und sollten als Adresse an den Thron gesandt werden. Zunächst musste aber die Magnatentafel zustimmen. Diese Zustimmung kam nicht zustande, der Palatin und wichtige Magnaten hielten sich in Wien auf und niemand wollte das Oberhaus einberufen. Die ungarischen Würdenträger erklärten, sie würden nicht zulassen, dass diese aufrührerische Adresse an den Hof gelange.István Szechenyi, der in Kossuth eine große Gefahr sah, war sogar bereit, als königlicher Kommissar mit militärischen Mitteln gegen die Reformopposition vorzugehen.  Kossuth drohte, man würde sich auch ohne Zustimmung des Oberhauses direkt an Wien wenden. Dazu kam es aber nicht mehr, denn am 13. März brach in Wien die Revolution aus und die Regierung war gezwungen, den Ungarn sofort Zugeständnisse zu machen. Zugleich mit Metternich wurde auch der ungarische Kanzler Apponyi entlassen. Am 14. März nahm die Magnatentafel Kossuths Adressenvorschlag an. Eine Delegation beider Häuser brachte ihn nach Wien.

"Revolution"  in Ofen - Pest

Am 15. März begann die Revolution auch in Ofen-Pest. In der rasch wachsenden Großstadt Pest, die inzwischen immer mehr von einer deutschen zu einer ungarischen Stadt wurde, war das intellektuelle Zentrum des Landes. In den Kaffeehäusern wurde die politische Situation des Landes heftig diskutiert. Wortführer der radikalen Budapester Intellektuellen war der Dichter Sandor Petöfi, der schon 1846 den "Klub der Zehn"  radikaler und demokratischer Schriftsteller, gegründet hatte. Sie nannten sich "Jungungarn" und wollten ein völlig unabhängiges Ungarn. Auf Wunsch Kossuths wurde eine Massenpetition eingeleitet. Am großen Bauernmarkt am Rakosfeld  am Josephstag sollte ein Reformbankett veranstaltet werden. Obwohl die Bauern kaum Interesse an den politischen Forderungen zeigten verbreitete sich in Pressburg und in Wien die Nachricht, dass sich 40 000 Bauern, zum Teil bewaffnet, versammelt hätten. Diese Nachricht und die Angst vor einem Bauernaufstand beschleunigten die Gewährung der ungarischen Forderungen. Am 11. März legten die "Jungungarn" ihr Programm in 12 Punkten vor, die weit über Kossuths Forderungen hinaus gingen. So wurden Pressefreiheit, ein in Ofen residierendes ungarisches Ministerium und ein vom Volk gewähltes Parlament verlangt, ebenso eine Nationalgarde, bürgerliche und religiöse Gleichheit, ein Geschworenengericht, eine Nationalbank, eine Nationalarmee und die Union mit Siebenbürgen. Der Urbarialgrund sollte an die Bauern übergeben werden. Am 15. März wurden im Café Pilvax die 12 Punkte und das von Petöfi gedichtete Nationallied verlesen. Die "Jungungarn" zogen zur Universität, zum Nationalmuseum, zum Pester Rathaus und schließlich nach Ofen, wo die Freilassung des einzigen politischen Gefangenen, Mihaly Táncsics, erzwungen wurde. Etwa 20 000 Demonstranten - bei einer Einwohnerzahl von 150 000 - waren an dieser Aktion beteiligt. Bis heute fragt man sich, wie es möglich war, unter der eher passiven Studentenschaft und der eher behäbigen, meist deutschen Bürgerschaft eine derartige Massenbewegung zustande zu bringen. Der Statthaltereirat, dem immerhin 7000 Soldaten zur Verfügung standen, bewilligte alle Forderungen der Demonstranten. Aber schon bald entglitt den Radikalen die Führungsrolle, im "Ausschuss für öffentliche Sicherheit" stellten sie nur eine Minderheit.

Delegation nach Wien

Inzwischen brach die Delegation des Reichstages von Pressburg nach Wien auf und wurde dort von der Bevölkerung mit ungeheurer Begeisterung empfangen.  Sie sollte nunmehr die sofortige Ernennung eines ungarischen Kabinetts fordern. Man legte dem König eine bereits von Kossuth vorformulierte Erklärung vor: Lajos Batthyány sollte mit der Regierungsbildung betraut werden. Erzherzog Stephan zum bevollmächtigten Statthalter ernannt werden. Diese Erklärung wurde tatsächlich vom Hof angenommen, allerdings mit Einschränkungen: Die von den Ungarn verlangte bedingungslose Sanktionierung aller vom Reichstag beschlossenen Gesetze wurde nicht gewährt. Die Ernennung Batthyanys wurde erst nach einer neuerlichen Vorsprache des Palatins beim König gewährt - unter Umgehung der Staatskonferenz, was später den Vorwand bot, die ungarische Verfassung in Zweifel zu ziehen. Es war dann die Rechtsgrundlage für das Todesurteil gegen Batthyány. Zunächst stellte die Staatskonferenz fest, Erzherzog Stefan habe seine Kompetenz überschritten und genehmigte Batthyánys Ernennung nur "provisorisch".  Zweifel an den Zugeständnissen an die Ungarn hatten auch hohe deutschösterreichische Beamte, die auf den Widerspruch zum am 15. März vom Kaiser gewährte gesamtösterreichische Kabinett und ein zu wählendes gesamtösterreichisches Parlament hinwiesen. Die deutschösterreichischen Zentralisten sollten bald wachsende Unterstützung in der liberalen Öffentlichkeit finden. Nicht zuletzt erwachte das begründete Misstrauen der Slawen, der Tschechen und Kroaten, aber auch der Rumänen gegen diese neue "Selbständigkeit" Ungarns.

Die großen Erfolge in Wien ließen nun auch die Konservativen an die Seite der Reformer treten, etwa Deak und Szechenyi. Der Reichstag in Preßburg arbeitete rastlos, nicht zuletzt deshalb, um keine Radikalisierung aufkommen zu lassen. Die allgemeine Besteuerung, die Abschaffung der herrschaftlichen Renten und Dienstleistungen des Adels und schließlich auch der Kirche wurden durchgesetzt. Es kam aber auch schon zu ersten Konflikten, etwa als eine Budapester Delegation die 12 Punkte überreichte und den Reichstag zur Übersiedlung nach Ofen-Pest aufforderte. Kossuth verweigerte dies und trat zugleich gegen die Radikalen auf. Damit gewann er die gemäßigt konservativen Kräfte. Am 29 März wurde ein neues Pressegesetz vorgelegt, das zwar die Zensur abschaffte, zugleich aber hohe Strafen wegen Pressevergehens  und hohe Kautionen für die Gründung einer neuen Zeitung vorsah. Dagegen gab es heftige Proteste in Pest mit Verbrennung dieses Gesetzesvorschlages. Er musste abgemildert werden.

Antijüdische Ausschreitungen

Am 21. März sollte über die Privilegien der Städte verhandelt werden. Nach dem Gesetzesvorschlag sollte jeder Einwohner einer Stadt Stimmrecht erhalten, der bisher aus religiösen Gründen ausgeschlossen war, also vor allem vermögende Juden. Sofort brach in Pressburg ein Pogrom aus, jüdische Geschäfte wurden zerstört und Juden misshandelt. Die antijüdischen Unruhen weiteten sich auf das ganze Land aus und dauerten den ganzen April hindurch an. Es brach sich dabei die schon lange schwelende antijüdische Grundstimmung Bahn, die vor allem in Händler- und Handwerkerkreisen mit Unbehagen das Einsickern der jüdischen Konkurrenz in den Städten beobachtete. Als Folge des heftigen Widerstandes wurde den Juden das Stimmrecht vorenthalten - gegen den formalen Protest Kossuths. Der gesamte Problembereich der Judenemanzipation wurde aufgeschoben.

Nicht ganz ohne Probleme ging auch ein weiteres wichtiges Gesetzesvorhaben, die Aufstellung der Nationalgarde, am 22. März verhandelt. In Pest gab es schon seit 15. März einige Kompanien der Nationalgarde, andere Städte folgten. In der Debatte im Reichstag wurde aber die Befürchtung geäußert, dass sich eventuell bewaffnete Bauern gegen ihre Herrn wenden könnte. So wurde die Aufnahme in die Nationalgarde zunächst an Besitz und Vermögen (mindestens eine halbe Hufe Land) gebunden. Kossuth setzte gegen die Radikalen durch, dass nur die Offiziere bis zum Hauptmann demokratisch gewählt wurden, nicht jedoch die höheren Offiziere. Später, als im Kampf jeder Mann gebraucht wurde, hielt man sich aber keineswegs an diese Einschränkungen.

Regierungsbildung

Sehr wichtige Gesetze wurden am 23. März beschlossen: die Aufhebung der Avitizität und die Entschädigung der Grundherrn - ohne Fristsetzung und ohne zu wissen, woher die Gelder kommen sollten. Die Entschädigung wurde dem "...Schutz der nationalen Ehre anvertraut". An gleichen Tag reichte Batthyany die Liste der zukünftigen Regierungsmitglieder im Reichstag ein. Kossuth war als Finanzminister vorgesehen. Das Kabinett konnte sich immerhin sechs Monate lang halten, obwohl Batthyany in Wien wenig Vertreuen genoss und die ungarischen Radikalen in ihm einen Agenten der Wiener Regierung sahen. Im Kabinett saßen insgesamt sechs Liberale der früheren Opposition, zwei Konservative und ein Parteiloser. Fürst Paul Esterhazy sollte die Magnaten mit der Revolutionsregierung aussöhnen. Er übernahm nur widerstrebend das Ministeramt als "Minister am königlichen Hoflager", bezeichnete sich als Königlich Ungarischer Außenminister". István Szechenyi wurde Minister für öffentliche Arbeiten und Verkehr. So wie Esterházy hoffte auch er, Kossuth im Kabinett neutralisieren zu können. Bis zu seinem Zusammenbruch im September 1848 erfüllte er sein Amt in harter Arbeit. Kriegsminister wurde - nachdem sich kein kaiserlich-königlicher General ungarischer Abstammung zur Verfügung stellen wollte - Oberst Lázár Mézszáros, ein kaisertreuer Soldat, der zunächst versuchte, seinen Treueeid mit der neuen Funktion in Einklang zu bringen. Als die Gegensätze zu Wien größer wurden reichte er wiederholt sein Gesuch um Abschied von der Armee ein. Im April 1919, nach der Absetzung des Königs, blieb er auf der Seite Kossuths, versagte aber als General der revolutionären Streitkräfte. Minister für Kultus und Unterricht wurde Baron Jozsef Eötvös, Justizminister Ferenc Deák, Innenminister Bertalan Szemere, Landwirtschafts-, Gewerbe und Handelsminister Gábor Klauzál. Der erst 35-jährige Eötvös. Dichter, Journalist und Romanschriftsteller, war der einzige, der die Führungsrolle des Adels in Frage stellte, das Komitatssystem und die Misswirtschaft heftig angriff, für die vollständige Bauernbefreiung und die Demokratisierung der Gemeinden eintrat. Als sich der Konflikt zuspitzte ging er im September 1848 ins Ausland. 1867 wurde er wieder Kultus- und Unterrichtsminister und schuf ein zeitgemäßes Bildungssystem.

In Wien wusste man nicht, wie man den ungarischen Ambitionen begegnen sollte. Palatin Stephan verfasste am 24. März ein geheimes Memorandum an den Hof, welches das ganze Dilemma aufzeigte. Das Memorandum wurde später, im September, nach dem Rücktritt des Palatins, gefunden und bewog den Reichstag, ihn zum "Verräter" zu erklären. Stephan sah drei Möglichkeiten: Rückzug der militärischen Macht aus Ungarn, um das Land der Plünderung durch die Bauern zu überlassen; Zusammenarbeit mit Batthyany, um zu retten was noch zu retten war; Einsetzung eines königlichen Kommissars mit entsprechender Truppenmacht, Auflösung des Landtages und Durchgreifen mit eiserner Hand. Der Palatin wusste, dass nur die zweite Möglichkeit in Frage kam. Er konnte zunächst mit Mühe auch die Staatskonferenz davon überzeugen. Als im Oktober aber dieser Kurs versagte griff man am Hof zur dritten Möglichkeit.

Probleme mit Wien

Vor allem die Aufhebung des urbarialen Systems, zunächst ohne Entschädigung, rief im gesamten Adel große Unruhe hervor. Esterhazy, selbst Regierungsmitglied, wollte sogar als erblicher Obergespan von Ödenburg, sein Komitat dazu bewegen, beim König Einspruch gegen das Gesetz zu erheben. Die Staatskonferenz in Wien empfahl den ungarischen Landtag, den Gesetzesantrag so lange nicht zu befürworten, bis die Entschädigungsfrage geklärt wäre. Dann aber folgte ein königliches Reskript, in dem die Entscheidungsspielräume der ungarischen Regierung stark eingeschränkt wurden: Die ungarische Hofkanzlei soll weiterhin die Aufsicht über die ungarische Regierung haben; bei Abwesenheit des Königs soll nur Palatin Stephan, nicht jedoch jeder folgende Palatin Vollmacht haben; die staatlichen Einnahmen sollten über Wien laufen und die Überschüsse erst von dort an Ungarn gelangen; nur der König habe das Recht, Offiziere zu ernennen, auch der Palatin kann nicht über die Verwendung der Truppen verfügen und schließlich solle Ungarn einen Teil der österreichischen Staatsschuld übernehmen. Die Empörung in beiden Häusern des Landtages war groß und Batthyány überlegte seinen Rücktritt. Kossuth drohte mit einer Revolution und bewog die Deputiertentafel, das Reskript zurückzuweisen. Er verlangte, den ungarischen Ratgebern des Königs als Verrätern den Prozess zu machen. Der Budapester Ausschuss für öffentliche Sicherheit organisierte eine Massendemonstration, Petöfi forderte die Ausrufung der Republik. Am 29. März verlangten die Demonstranten Waffen und errichteten Barrikaden. Am 30. März versammelten sich 20 000 Menschen vor dem Nationalmuseum, um Petöfi zu hören. Graf Ferenc Zichy, der provisorische Vorsitzende der Statthalterei, berichtete nach Wien, dass sofort nachgegeben werden müsse, denn sonst sei Ungarn verloren. Die Staatskonferenz in Wien gab in nahezu allen Punkten nach, lediglich die Offiziersernennung und die Verfügung über die Armee wurde aufrecht erhalten. Kossuth gab sich versöhnlich.

Aprilgesetze, neues Wahlrecht

Noch vor der Schließung des Landtages wurden rasch eine Reihe von Gesetzesvorlagen beschlossen, darunter ein neues Wahlrecht. Das Wahlrecht aller, die es bisher schon hatten (Adelige, Bürger freier Städte) wurde bestätigt, dazu kamen alle Männer, die in Ungarn geboren waren, 20 Jahre alt (passives Wahlrecht 24 Jahre) waren, nicht unter der Obhut ihrer Eltern oder eines Meisters standen, nicht verurteilt waren und einer rezipierten Konfession angehörten, vorausgesetzt, sie hatten Vermögen und Einkommen. Mindestens eine Viertelhufe Land war Voraussetzung. Fabrikanten, Kaufleute und Handwerker mussten mindestens einen Arbeiter beschäftigen. Vom Wahlrecht ausgeschlossen waren demnach Gesinde, Arbeiter, Lohnempfänger, von den Eltern abhängige junge Leute, Häusler und Landarbeiter sowie etwa zwei Drittel aller Bauern. Da der "mosaische Glaube" nicht zu den rezipierten Religionen gehörte waren auch Juden ausgeschlossen. Alle christlichen Honoratioren - Gelehrte, Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure, Lehrer, Pfarrer - bekamen das Wahlrecht. In den Landtag, der jährlich tagen sollte, konnten nur Männer gewählt werden, die die ungarische Sprache beherrschten. Etwa 6 % der Einwohner oder ein Viertel aller erwachsenen Männer hatten das Wahlrecht. Vor allem das Wahlrecht für alle "Adeligen", auch die ohne jeden Besitz, war problematisch und hatte zur Folge, dass der Adel auch in der  neuen Nationalversammlung, die im Juni gewählt wurde, dominierte. Dieses Wahlrecht blieb bis zum Ende der Monarchie in Kraft. Eine geplante Komitatsreform kam nicht zustande und im Verlauf des Jahres ging die Macht auf die Regierungskommissare über. Am 11. April wurde der Landtag in Anwesenheit des Königs feierlich geschlossen.

Unklarheiten in der neuen Verfassung

Die ungarischen Liberalen sahen ihr Ziel erreicht. in ihren Augen waren die historischen Rechte Ungarns wiederhergestellt. Der König behielt seine Rechte als konstitutioneller Monarch. Ungarn hatte eine eigene Regierung und ein für drei Jahre gewähltes, jährlich tagendes Parlament, es gab eine unabhängige Verwaltung und Gerichtsbarkeit, eine Nationalgarde und eine eigene Armee. Es gab eine fast vollständige Religionsfreiheit. Die früheren Steuerprivilegien waren abgeschafft. Die Bauern verfügten über eigenen Grund und Boden, das Wahlrecht war erheblich auf die besitzenden und gebildeten Schichten ausgeweitet. "Nach den ungarischen Liberalen war also das freie und moderne Ungarn geboren, in dem lediglich die Hingabe, die Begabung und der Patriotismus Vorwärtskommen und Reputation ermöglichen konnten."  (Istvan Deák, Die rechtmäßige Revolution, S. 95) Zudem bestand Hoffnung, dass die Union mit den bisher vom Königreich getrennten Gebiete hergestellt werden könnte. Das "Partium", kleine Gebiete an der ungarischen Grenze, die bisher von Siebenbürgen aus verwaltet wurden, kamen sofort zurück, in Bezug auf Siebenbürgen hoffte man auf einen baldigen Beschluss des dortigen Landtages und die Militärgrenze stand nur noch unter österreichischer Militärverwaltung.

Aus der Sicht Wiens, der nichtmagyarischen Nationalitäten, der Juden, der Unterschichten sah die Bilanz freilich nicht ganz so rosig aus. Die Macht des Königs sah man stark eingeschränkt, jede Verordnung des Königs und des Palatins musste von einem ungarischen Minister gegengezeichnet werden; unklar war die Kompetenz des ungarischen Finanzministers und besonders des Kriegsministers, von dem niemand wusste, welche Truppen ihm nun eigentlich unterstellt wären. Selbst die Bauern, die natürlich die Befreiung vom Robotzwang begrüßten, hatten durchaus auch Grund zur Sorge. Weinzehent und Schankrecht der früheren Grundherrn blieben, ebenso Jagd und Fischereirechte. Unklar war auch die Situation vieler hundertausend Bauern, die auf Vertragsbasis auf herrschaftlichen Allodialfeldern wirtschafteten. Die Großgrundbesitzungen blieben erhalten, an Landaufteilung zugunsten landarmer Bauern dachte niemand, in vielen Fällen mussten sich die Bauern ihre Rechte erst erstreiten und es kam schon bald zu Bauernaufständen. Die Arbeiter hatten vergeblich auf Arbeitszeit- und Lohnregelungen gehofft. Die Radikalen waren mit der stark eingeschränkten Pressefreiheit unzufrieden. Ganz besonders problematisch war, dass die neue Verfassung die Existenz der Nationalitäten einfach nicht zur Kenntnis nahm und die ungarische Sprache allein in der Verwaltung zuließ. Viele Angehörige der nichtmagyarischen Volksgruppen, die zuvor durchaus mit der "Revolution" sympathisiert hatten, wurden dadurch vor den Kopf gestoßen.

Sommer 1848 - auf dem Weg zur Rebellion

DieRegierung und das neu gewählte Parlament konnten in den sechs Monaten bis September einige Probleme lösen, nicht jedoch die Nationalitätenfrage, die Schwierigkeiten mit Kroatien und auch das Verhältnis zum König und zu Wien verschlechterte sich. Im September ging man zur "revolutionären Diktatur" über.Kossuth schwang sich zum Führer des Landes auf.  Bald darauf brach der Krieg aus.

Schon am 12. April bekam der Ministerrat Nachricht von nationaler Agitation unter slowakischen Studenten und Intellektuellen, angeblich mit Wissen der russischen Regierung. Aus dem Süden wurde berichtet, dass die Kroaten eine vollständige Loslösung von Ungarn anstrebten, die Serben im Aufruhr waren und bewaffnete Bosnier zum Einmarsch in Ungarn bereitstünden. Esterházy wurde beauftragt, in Wien die Überführung von drei ungarischen Infanterieregimenter und vier Husarenregimenter aus Galizien nach Oberungarn zu veranlassen. Aber nicht nur die Nationalitäten regten sich. Die Arbeiter in Pest und einigen Städten Oberungarns streikten. Die Arbeitgeber waren nicht bereit, die Arbeitszeit von 13 bis 15 Stunden auf 10 bis 12 Stunden herabzusetzen, die Stücklöhne zu erhöhen oder das Recht auf Tarifverträge zu gewähren. Lehrlinge und Gesellen forderten außerdem die Abschaffung der Zünfte. Die Streiks wurden mit Gewalt gebrochen, die Arbeitszeit aber auf 11 Stunden herabgesetzt. Die Adeligen in der Nationalversammlung hatten keine Bedenken, da die Arbeitgeber ohnedies meist Deutsche oder Juden waren. Den Druckern gelang es sogar, einen Tarifvertrag zu erlangen. Weit größere Sorgen bereiteten die Bauern. Schon im Vorfeld der Revolution gab es lokale Aufstände. Überall verbreitete sich das Gerücht, der König wolle die Bauern befreien, die Großgrundbesitzer, die Beamten, die Pfarrer und die Juden aber würden das verhindern. Der Widerstand äußerte sich in der Nutzung von Gemeinschaftsweiden, die der Grundherr eingezäunt hatte, in Pachtverweigerung, Verweigerung des Weinzehents, Missachtung des Jagd- und Fischereirechtes, Nutzung herrschaftlicher Wälder und ähnliches. Zu Übergriffen gegen Herrn und Herrenhäuser kam es nur vereinzelt, meist in den Nationalitätengebieten. Ziel war meist die Vernichtung der Grundbücher. Die Staatsmacht, die Nationalgarde und das Militär, aber auch private "Aufgebote" der Herrn schlugen meist rasch zu. Rädelsführer wurden gefangen genommen, schließlich der Belagerungszustand über das ganze Land verhängt und (mindestens) zehn Hinrichtungen durchgeführt. Unter den Bauern hatte die "Revolution" jedenfalls keine Massenanhängerschaft.

Die Rolle der Nationalitäten

Die nichtmagyarischen Nationalitäten, die zusammen nahezu 60 % der Bevölkerung Ungarns stellten, sympathisierten anfangs durchaus mit den Reformbestrebungen der ungarischen Eliten und äußerten zunächst nur bescheidene Wünsche. Im Verlauf der Neugestaltung Ungarns erhoben sie aber zunehmend ihre Forderungen nach nationaler Autonomie unter der Krone Ungarns. Dies gilt vor allem für Kroaten, Serben und Siebenbürger Sachsen. In der österreichischen Verfassung vom 24. April hieß es: "Allen Volksstämmen wird Unverletzlichkeit ihrer Nationalität und Sprache garantiert". In Ungarn gab es derartige Zugeständnisse nicht. Das war mit ein Grund, warum auch die Slawen der ungarischen Reichshälfte eher auf Österreich und den Kaiser setzten. Die Haltung der ungarischen Oberschicht zu den Nationalitätenforderungen war sehr unterschiedlich. Dort, wo diese auf alten, historischen Rechten fußten, wurden sie anerkannt, etwa in Kroatien. Dort, wo sie als Forderung des modernen nationalen Erwachens entstanden, wurden sie kategorisch abgelehnt und man war in Budapest bereit, sie mit Gewalteinsatz niederzuschlagen.

Selbst bescheidene Bitten, wie etwa die der Slowaken nach slowakischer Verhandlungssprache und Unterrichtssprache in den Grundschulen  in den Komitaten, in denen sie die Mehrheit stellten, wurden schroff zurückgewiesen und als Panslawismus verunglimpft. Am 10. und 11. Mai wurden in einer großen Versammlung bereits in 14 Punkten konkrete Zugeständnisse verlangt, unter anderem Regionalparlamente für alle Nationalitäten, rot-weiße Fahne, slowakische Nationalgarde, slowakische Verwaltung und Schulen. "Für die Ungarn waren die Slowaken brave, schwachköpfige, oft angetrunkene Holzfäller oder dörfliche Kesselflicker, denen man eine solche Riesenfrechheit gar nicht zumutete; dies konnte nur aus ausländischer, aus zaristischer Quelle stammen. Deshalb wurde sofort zu Strafmaßnahmen gegriffen. Man schickte königliche Kommissare nach Oberungarn, ind gegen drei slowakische Agitatoren, Ludovit Stúr, Jozef M.Hurban und Michal M. Hodza, wurden Haftbefehle erlassen, Sie flohen daraufhin nach Prag, um an dem für Juni anberaumten Slawenkongress teilzunehmen." (István Deak, Die rechtmäßige Revolution, S.113).

Die Situation der Rumänen, der größten nationalen Minderheit, war in Ungarn und in Siebenbürgen recht unterschiedlich. Die nationale und religiöse Existenz der Rumänen, immerhin 2,5 Millionen Menschen, wurde in Ungarn nicht anerkannt. Die Forderungen gingen zunächst in Richtung religiöser Anerkennung. Mit den Aprilgesetzen wurde die griechisch-orthodoxe Kirche als gleichrangig anerkannt, nicht aber die Unabhängigkeit vo´m serbischen Metropoliten in Karlovac. Die nationale und politische Autonomie wie sie Eftimie Murgu, der Führer der ungarischen Rumänen, forderte, wurde völlig negiert. In Siebenbürgen hatten die Rumänen, obwohl sie die Bevölkerungsmehrheit stellten, im Landtag neben den drei anerkannten "Nationsuniversitäten, den Ungarn, den Szeklern und den Sachsen. keine Vertretung. Neben Katholiken, Reformierten, Lutheranern und Unitariern waren auch die beiden Kirchen der Rumänen, die griechisch-orthodoxe und die katholisch - orthodoxe, nicht anerkannt. Die Situation der rumänischen Bauern war unteroft magyarischen Grundherrn katastrophal, da hier die Urbarialreformen Maria Theresias nicht durchgeführt wurden. Wichtig für den Verlauf der Ereignisse war, dass in Siebenbürgen zwei rumänische Grenzregimenter, zum Teil auch unter rumänischen Offizieren, lagen. Auch unter den Rumänen begann die Herausbildung einer eigenen intellektuellen Oberschicht, die in enger Verbindung mit den nationalen Bestrebungen in den benachbarten Donaufürstentümern Modau und Walachei stand. Die von den Ungarn geforderte Union mit Siebenbürgen wurde dort unterschiedlich gesehen. Der magyarische Adel war skeptisch, da er um seine Privilegien fürchtete, die Sachsen vorsichtig zurückhaltend. Die Rumänen verlangten als Vorbedingung für die Union zuerst die Bauernbefreiung und die Anerkennung der rumänischen Nation und Kirchen. Vom 15. bis 17. Mai fand in Blaj (Blasendorf) eine große Volsversammlung mit 40 000 Teilnehmern, darunter sehr viele Bauern, unter der Führung von Simion Barnutiu statt. Sie verlangte die Urbarialreform ohne Schadenersatz, Bürgerrechte, Gewerbe- und Handelsfreiheit, rumänische Schulen und Miliz, eine eigene Nationalversammlung und die Teilnahme der Rumänen am Siebenbürger Landtag in Klausenburg. Erst eine gesamtsiebenbürgische konstitutionelle Versammlung sollte dann die Bedingungen und den Zeitpunkt der Union mit Ungarn aushandeln. Ein Nationalkomitee und eine rumänische Nationalgarde wurden gebildet. Am 30 Mai nahm allerdings der Siebenbürger Landtag - ohne Rücksicht auf die Rumänen und gegen den Widerstand der Sachsen - die Union mit Ungarn vor. Die allgemeine Steuerpflicht, die Abschaffung der urbarialen Dienstleistungen  und die Gleichberechtigung der "rezipierten" Religionen wurden beschlossen. Eine Delegation der Rumänen nach Ofen-Pest wurde mit ihren nationalen Forderungen abgewiesen. Dies hatte zur Folge, dass die Rumänen immer ungarnfeindlicher wurden und ein eigenständiges rumänisches Fürstentum direkt unter der Kaiserkrone anstrebten. Die rumänischen Bauern erhoben sich schließlich gegen die ungarischen Grundherrn, ein blutiger Bürgerkrieg zwischen ihnen und den Szeklern brach aus.

Ebenso blutig wurde der Aufstand der Serben in Südungarn. Auch die Serben hatten zunächst die Aprilgesetze freudig begrüßt, nicht zuletzt weil der lästige Grenzdienst aufgehoben wurde. Unter den Magyarisierungsbestrebungen hatten aber auch schon die Serben lange Zeit gelitten. Auch die Serben verlangten zunächst am 27. März in Neusatz gemäßigte Zugeständnisse von der unagrischen Regierung. Am 8. April wies Kossuth auch ihre Gesandten ohne die geringsten Zugeständnisse ab. Am 13. Mai versammelten sich 8 000 Menschen in Karlovac zu einem Kongress. Ein nationales Programm der Serben wurde beschlossen. Der Metropolit Joseph Rajacic wurde zum "Patriarchen aller Slawen, Serben und Walachen" ausgerufen.Die Bildung einer autonomen serbischen Provinz, der Wojwodina, wurde angekündigt, die ganz Südungarn und einen Teil von Kroatien-Slawonien umfassen sollte. Der serbische Grenzoberst Stevan Supljikac wurde zum Woijwoden gewählt. Präsident des Exikutivkomitees wurde Djordje Stratimirovic, ein erst 26-jähriger Leutnant der kaiserlich-königlichen Kavallerie. Die Serben erklärten sich bereit, ein enges Bündnis mit dem Dreieinigen Königreich Kroatien, Dalmatien und Slawonien einzugehen. Die ungarischen Beamten wurden vertrieben und es kam zu Übergriffen serbischer Bauern gegen die Magyarischen Grundherrn, aber auch gegen magyarische, rumänische und deutsche Bauern. Am 25. Mai begann der allgemeine serbische Aufstand gegen Ungarn. Ein Armeeaufgebot, das den Aufstand niederschlagen sollte, wurde besiegt. Auf beiden Seiten kämpften Truppen, die sich auf ihre Loyalität zum ungarischen König beriefen.

Das Problem Kroatien

Die Kroaten verlangten die völlige Unabhängigkeit. Man war in Kroatien zunehmend empört über die häufige Einmischung Ungarns in die kroatische Autonomie und auch über die Behandlung der kroatischen Abgeordneten am Pressburger Landtag. Ljudevit Gaj und andere Führer der Kroaten spielten auch mit dem Gedanken, einen eigenen südslawischen Staat "Illyrien" zu gründen. Am 25, März wurde ein kroatischer Nationalkongress einberufen. In dreißig Punkten forderte er, ein kroatisch - slawonisch - dalmatisches Parlament einzuberufen, die Einbeziehung der kroatisch-slawonischen Militärgrenze in das dreieinige Königreich,  eine dem Parlament verantwortliche Regierung mit einem Finanz- und einen Außenminister, eine kroatische Nationalarmee, eine Universität und eine Bank. Alle nichtkroatischen Truppen sollten aus dem Land abgezogen werden. In der katholischen Kirche sollte die Landessprache verwendet werden. Eine Delegation aus 400 Personen überbrachte die Forderungen nach Wien. König Ferdinand erinnerte die Kroaten, dass sie der ungarischen Oberhoheit unterstünden, ernannte aber Oberst Jelacic zum Banus von Kroatien und dann zum kommandierenden General in Agram (Zagreb). Das war ein äußerst geschickter Schachzug, denn so wurden die Kroaten ohne irgendwelche Konzessionen in ihrer Treue zum Herrscherhaus bestärkt. Jelacic stellte sich gegen die Regierung in Budapest. Den Versuch, die ungarische Verwaltungssprache in Slawonien einzuführen, wies er zurück, ebenso alle Anordnungen, die aus Budapest kamen. Er mobilisierte die Truppen der Militärgrenze und verhängte am 2. Mai den Kriegszustand. Der Versuch Budapests, Jelacic zu stürzen, gelang nicht.

Zusammenarbeit Wien - Budapest?

Auf beiden Seiten, sowohl am Hof wie auch von Seiten Kossuths, gab es Bemühungen, die Probleme zu lösen. Das gegenseitige Misstrauen aber blieb und die Aussöhnung wurde einerseits durch Unklarheiten in der Verfassung, andererseits aber auch durch Aktionen radikaler Gruppen in Ofen-Pest immer wieder gestört. Auch Kossuth störte das Einvernehmen mit seiner unklaren und schwankenden Haltung, wodurch Spannungen zu Batthyány entstanden. Viel Unmut entstand auch dadurch, dass sich Ungarn weigerte, einen ohnedies nur geringen Anteil an der Staatsschuld zu übernehmen. In Wien war man in vielen Fragen durchaus entgegenkommend. So wurden etwa die vier ungarischen Generalkommandos dem ungarischen Kriegsminister unterstellt. Man brachte Wien sogar dazu, Maßnahmen gegen Jelacic zu ergreifen.Am 10. Juni wurde er seiner sämtlichen Funktionen vom König enthoben. Jelacic befolgte den Befehl nicht.

Zu einer Verschärfung der Situation kam es am 10.Mai in Ofen-Pest. Die Pester Radikalen unterstellten Batthyány, er würde in Zusammenarbeit mit Wien und den ungarischen Konservativen die Konterrevolution vorbereiten. Sie behaupteten, die österreichischen Offiziere seinen Verräter, die Nationalgarde habe keine Waffen und der kommandierende General in Buda, Baron Lederer, verweigere die Herausgabe von Waffen. Eine Regierungskommission fand 14 000 Gewehre im Magazin, die Lederer nicht herausgeben wollte. Die Radikalen marschierten zu Lederers Wohnung, wurden dort aber von Kürassieren und Grenadieren unter der Führung junger österreichischer Offiziere vertrieben. Ein Demonstrant wurde getötet. Die Unruhen verstärkten sich, die Demonstranten forderten die Entfernung österreichischer Offiziere und die Rückholung ungarischer Truppen aus Italien. Schließlich verlangten sie unter Führung Petöfis den Rücktritt der Regierung Batthyány und die Ernennung des radikalen Pál Nyary.

 
Batthyány ordnete eine Unteruchung des "Lederer-Zwischenfalles" an, Lederer (der an der ganzen Aktion völlig unschuldig war) wurde schuldig gesprochen, die Radikalen aber verloren stark an Einfluss, die Batthyány-Regerung ging gestärkt aus den Unruhen hervor. Batthyany ließ alle Regimente in Ungarn auf die Verfassung vereidigen und die Aufstellung der zehn Bataillone, die bald Honvéd (Landesverteidiger) genannt wurden, beschleunigen. Die gemäßigten Regierungsmitglieder drängten auf eine Einigung mit Österreich, Kossuth aber wandte sich mit Unterstützung der Radikalen mehrmals gegen sie. Die Entwicklung in Kroatien wurde immer bedenklicher. Jelacic wurde vom kroatischen Landtag mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet. Da UNgarn die Zahlungen an das Zagreber General - Militärkommando einstellte kam die Unterstützung nun vom österreichischen Kriegsminister Latour. Der serbische Aufstand nahm brutale Formen an. Auf beiden Seiten standen auch kaiserlich-königliche Truppen, die Offiziere waren oft in einem unlösbaren Loyalitätsdilemma. Ein Feldzug des Generals Philipp Freiherr von Berchtold endete mit einer Niederlage, ebenso ein Unternehmen des ungarischen Kriegsministers Mezaros. Die ungarische Nationalgarde versagte vollständig. Berchtold versuchte, dem ungarischen Staat die Treue zu halten, wurde aber von den Radikalen als Vaterlandsverräter gebrandmarkt und von den kaiserlichen Offizieren auf Seiten der Serben ebenfalls bedrängt. Er trat schließlich zurück.

Vom Anfang Juni bis Mitte Juli fanden die Wahlen zum ungarischen Parlament statt. Die Nominierungskommissionen sorgten dafür, dass nur Regierungsanhänger zum Zuge kamen. Die Wahlen wurden manipuliert, viele verzichteten überhaupt auf die Stimmabgabe. Die Konservativen nahmen etwa an den Wahlen nicht teil und auch in Kroatien wurde nicht gewählt. Von den 414 gewählten Abgeordneten waren wieder 74 % adelige Grundbesitzer, 30 % Komitatsbeamte. Nur zwei Abgeordnete waren Bauern. Einige Radikale wie Petöfi und der Dichter János Arany fielen durch, der radikale Bauernführer Táncsics erhielt große Zustimmung, Nur wenige Abgeordnete gehörten den nationalen Minderheiten an. Die herrschende Kaste behielt also die Macht fest in ihren Händen.

Im September wurde ein Landesverteidigungsausschuss unter dem Vorsitz von Kossuth gewählt, der die Exekutivgewalt übernahm. Kossuth verlangte vom neuen Parlament eine Nationalarmee von 200 000 Mann und für deren Aufstellung riesige Steuerbeträge. Mit dem Sieg der österreichischen Truppen bei Custozza gegen Piemont-Sardinien änderte sich auch die Situation Ungarns, denn nun standen ausreichend Truppen zur Verfügung. Szechenyi hatte das schon lange vorher erkannt, konnte sich aber gegenüber Batthyány und Kossuth nicht durchsetzen. In Wien hatte sich inzwischen die Lage beruhigt, der konstituierende Reichstag trat zusammen und wurde von Erzherzog Johann eröffnet, am 12. August kehrte auch der Hof aus Insbruck nach Wien zurück. Ungarn litt unter Geldmangel, es wurden kaum mehr Steuern bezahlt und eine Anleihe wurde ein Misserfolg. Der König erklärte eigene ungarische Banknoten für verfassungswidrig. Kossuth erließ Ausfuhrbeschränkungen für ungarisches Silber und erklärte seinerseits die österreichischen Banknoten in Ungarn für ungültig. Die von Kossuth gedruckten Banknoten wurden im Lande akzeptiert, damit wurde dann der Krieg finanziert. In einer Botschaft an das Frankfurter Parlament erklärte das ungarische Parlament, dass man den Anschluss Österreichs an Deutschland begrüßen würde und dass man im Falle eines Krieges in dieser Frage keinesfall Österreich Hilfe leisten würde. Der Riss in der Regierung Batthyany wurde tiefer, als man die Eingliederung der neuen Rekruten und sogar die Rekrutierungsbatallione der regulären Truppen in die Honvéd beschloss.

September 1848 - Die Auflehnung

Am 4. September wurde Jelacic in einem königlichen Reskript rehabilitiert und für sein Eintreten für die Gesamtmonarchie belobigt.Schon am 31. August hatte er seine Truppen nach Fiume geschickt, am 11. September marschierte er - ohne direkten Befehl aus Wien - in Ungarn ein. Die ungarische Regierung unter Batthyány wurde von Wien beschuldigt, gegen die Pragmatische Sanktion verstoßen zu haben. Maßnahmen gegen Kroatien und Jelacic wurden ihr untersagt. Zugeständnisse der Ungarn an Kroatien, die sehr weit gingen, kamen zu spät, verzweifelte Vermittlungsversuche scheiterten. Kossuth und die Radikalen waren nicht zum Nachgeben bereit. Eine große ungarische Parlamentsdelegation forderte den König zur Übersiedlung nach Ofen-Pest auf, ein unrealistisches Verlangen. Die Situation war so verfahren, dass Batthyány seinen Rücktritt anbot. Am 11. September versuchte Palatin Erzherzog Stephan die Macht an sich zu reißen um damit sowohl den ungarischen Interessen zu dienen wie auch die Macht seiner Familie zu erhalten. Kossuth hatte ihm kurz zuvor die Krone Ungarns angeboten. Die Budapester Garnison war höchst unzuverlässig, sodass der Palatin Truppen in die Hauptstadt beorderte. Das Parlament erklärte diese Aktion für verfassungswidrig. Um den Rücktritt der Regierung herrschte Verwirrung. Esterházy hatte Ofen-Pest bereits in Richtung Wien verlassen, Szechenyi erlitt einen totalen Zusammenbruch und wurde am 5. September von seinem Arzt nach Wien, in die Irrenanstalt Döbling, gebracht. Die radikale Presse Ungarns sprach von Feigheit und Flucht. Batthyany nahm seinen Rücktritt zurück-

Am 11. September überschritt Jelacic mit regulären Soldaten, Grenzern und kroatischen Nationalgardisten die Drau. Die schweren Übergriffe und Plünderungen durch die Grenzer brachten die ungarischen Bauern bald gegen die Kroaten auf. Die ungarischen Truppen waren zahlenmäßig schwach, die Generäle versuchten zu verhandeln. Batthyány wurde vom Parlament erneut mit der Regierungsbildung betraut  und stellte ein Kabinett gemäßigter Minister zusammen. Kossuth aber hatte auch weiterhin das Abgeordnetenhaus hinter sich. Von ihm entsandte Abgeordnete übernahmen als Parlaments- oder Regierungskommissare die Verwaltung der Komitate und Städte. Batthyány rief die Bevölkerung zum Widerstand gegen die Kroaten auf und überredete den Palatin, die Führung der Armee gegen Jelacic zu übernehmen. Am 15. September rief Kossuth zum allgemeinen Aufstand auf und forderte die Budapester auf, Schanzen zu bauen. Am 21. September wählte das Abgeordnetenhaus einen aus sechs Mitgliedern bestehenden ständigen Ausschuss, der Batthyany zur Seite gestellt wurde. Dieser, später Landesverteidigungsausschuss genannt, bestand hauptsächlich aus Radikalen. Es war dies ein entscheidender Schritt in Richtung Machtübernahme.

Erzherzog Stephan und General Móga sollten Jelacic entgegen treten. Sie wollten Waffenstillstandsverhandlungen, die aber nicht zustande kamen. Da der König dem Palatin verbot, gegen Jelacic zu kämpfen, trat er zurück. In Ungarn wurde er als Feigling und Verräter gebrandmarkt, am Hofe war er nicht gerne gesehen. Den Rest seines Lebens verbrachte Erzherzog Stephan auf seinem Gut in Deutschland. Er starb 1867. Bei Pákozd stellte sich General Móga mit seinen Truppen den kroaten entgegen und blieb siegreich. Es wurde ein Waffenstillstand vereinbart, den Jelacic nutzte, um nach Westen, Richtung Wien, abzuziehen. Eine weitere kroatische Truppe, bestehend aus Grenzern und kroatischen Bauern unter den Generälen Roth und Philippovich, wurde bei Ozora geschlagen, die Grenzer wurden gefangen genommen.

Nach dem Rücktritt des Palatins bereiste Kossuth von Cegléd aus die große Tiefebene und hielt zahlreiche Reden und veranlasste tausende Bauern, sich freiwillig zur Armee zu melden. Ihr Kampfwert war äußerst gering, viele kehrten bald wieder in die Dörfer zurück, das ganze Land war aber politisch mobilisiert und Kossuth wurde zum unantastbaren Helden des Volkes.

Ende September wurde von Wien aus ein letzter Versuch gemacht, Ungarn zu retten. Er ging von Ministerpräsident Wessenberg aus, der die militärische Fraktion am Hof unter Kriegsminister Latour für verantwortungslos und den Nationalismus der Kroaten für gefährlich hielt. Auf Anraten Weissenbergs ernannte der König den Feldmarschallleutnant Graf Franz Lamberg zum königlichen Kommissar und zum Oberkommandierenden aller Streitkräfte in Ungarn. Er hatte den Auftrag, alle Kämpfe sofort einzustellen. Der gemäßigte Liberale Miklós Vay wurde mit der Bildung einer neuen Regierung betraut. Lamberg war Mitglied der Magnatentafel und Reformer. Er war Kommandant des Pressburger Armeekorps und fühlte sich ganz als Ungar. Dieser gut gemeinte Versuch wurde aber in Ungarn ganz anders gesehen. Das Parlament erklärte das Vorgehen des Königs für verfassungswidrig und Kossuth forderte, Lamberg müsse als Rebell und Verräter behandelt werden. Das Abgeordnetenhaus schloss sich dieser Meinung an. Lamberg wurde von den aufgepeitschten Massen in Ofen - Pest gesucht, entdeckt und umgebracht. Damit war der Rubicon überschritten. Batthyany wurde in Wien nur mehr unfreundlich empfangen, man beschuldigte ihn, am Tod Lamberg mitschuldig zu sein. Am 1. Oktober trat er endgültig zurück. Jelacic wurde nun zum Bevollmächtigten und Oberkommandanten aller Truppen in Ungarn ernannt. Das ungarische Parlament sollte aufgelöst und das Kriegsrecht verhängt werden. Das Parlament wies eine entsprechende königliche Verfügung zurück. Daraufhin blieb nur mehr der Krieg.

Sobald die Gefahr durch die Kroaten beseitigt war wurde auch der Einfluss der Radikalen im Landesverteidigungsausschuss zurück gedrängt. Er wurde um Mitglieder des Magnatenhauses erweitert. Am 8.Oktober erhielt der Ausschuss vom Parlament die uneingeschränkte Vollzugsgewalt. Kossuth wurde Präsident. Eine Regierung gab es nicht mehr. Zwar wurde bei wichtigen Entscheidungen immer noch die Zustimmung des Parlaments eingeholt, in Wirklichkeit hielten aber der Ausschuss und dort wieder Kossuth alle Macht in der Hand. Nach István Deák ist es durchaus berechtigt, Kossuth als "Diktator" zu bezeichnen. (Deak, Die rechtmäßige Revolution, S.159)

Im Dezember 1848 schien das Ende des selbständigen Ungarn gekommen zu sein. Seine Armee war in ständigem Rückzug, ein Großteil des Landes besetzt, die "Regierung aus Ofen-Pest geflohen. Nur der Wiener Oktober-Aufstand rettete Kossuth zunächst. Kaiser und Ministerien flohen aus Wien nach Ollmütz, die kaiserlichen Truppen mussten sich aus Wien zurück ziehen, die Stadt war in den Händen der Aufständischen. Die ungarische Armee kam zur Hilfe, erreichte am 10. Oktober die Leithagrenze. General Móga und die Offiziere weigerten sich aber, außerhalb des Landes einzugreifen und auch Kossuth war der Meinung, dass dies nur geschehen könne, wenn ein Hilfegesuch aus Wien vorliegen würde. Inzwischen hatte der neue Oberkommandierende Windisch-Graetz mit der Belagerung Wiens begonnen. Nun griffen die Ungarn ein und General Móga stellte sich bei Schwechat den kaiserlichen Truppen. Die Ungarn waren an Zahl unterlegen und wandten sich beald zur Flucht. Móga legte sein Kommando nieder. Kossuth ernannte den 30jährigen ehemaligen Husarenoberleutnant Arthur Görgey zu seinem Nachfolger. Görgey stammte aus Oberungarn, seine Mutter war, ebenso wie die Mutter Kossuths, aus einer Zipser deutschen Bürgerfamilie. Er absolvierte die Tullner Pionierschule und kam mit 19 Jahren in die königlich ungarische Leibgarde nach Wien und dann in eine Kavallerietruppe. Da er sich den aufwändigen Lebensstil eines Offiziers nicht leisten konnte trat er aus der Armee aus und studierte in Prag erfolgreich Chemie. 1848 meldete er sich zum Dienst in der Nationalarmee, wo er bald die Aufmerksamkeit Kossuths fand, vor allem nachdem er den grafen Ödön Zichy, den man mit einem Schutzbrief von Jelacic gefangen genommen hatte, aufhängen ließ. Görgey genoss in der Armee bald die höchste Autorität und die fanatische Gefolgschaft seiner Soldaten. Er war aber auch eigenwillig und geriet bald in Gegensatz zu Kossuth, der ihm misstraute. Görgey hielt von der Nationalgarde, einem Aufstand der Bauern und von Freischärlern nichts, er setzte auf eine gut ausgebildete schlagkräftige reguläre Armee.

Die Nationalarmee

Etwa 50 000 Angehörige der kaiserlich-königlichen Armee traten auf die Seite Ungarns und etwa 1500 Berufsoffiziere. Von den großen Festungen blieben die meisten Besatzungen kaisertreu. Dazu kamen schon im Frühjahr zehn Honvédbataillone. Die Nationalgarde hatte vor allem in den Städten Zulauf, weniger unter den Bauern. Bis September wurden 400 000 Nationalgardisten angeworben, aber nur 150 000 konnten ausgebildet und mit Waffen versorgt werden. Einigermaßen brauchbar war nur die "mobile Nationalgarde" die aus Längerdienenden bestand. Im September 1848 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Die Honvédarmee wurde ständig ausgebaut , im Sommer 1849 gab es 140 Honvédbataillone mit 170 000 Mann. Etwa 10 000 Offiziere wurden ernannt. Selbst in der Honvédarmee wurden bei Beförderungen die Adeligen bevorzugt. Eines der größten Probleme war die Versorgung der ungarischen Truppen mit Waffen. Sie wurden durch Wiener Händler und ungarische Agenten in Belgien, England und Preußen gekauft. Die einzige ungarische Waffenfabrik in Pest wurde verstaatlicht. Erst allmählich verbesserte sich die Ausrüstung mit Uniformen, Munition und Kanonen, Die Kriegsproduktion war gut organisiert und ein wesentlicher Faktor für die militärischen Erfolge im Frühjahr 1849.

Der Krieg

Militärischer Gegner Kossuths und Görgeys war im Winter 1848/49 Winsisch-Graetz, politischer Gegner dessen Schwager Fürst Felix Schwarzenberg. Am 2. Dezember trat Kaiser-König Ferdinand zugunsten seines 18-jährigen Neffen Franz Joseph zurück. Kossuth verlangte die sofortige und entschiedene Ablehnung des Herrscherwechsels. Ein Teil des Parlaments aber, die "Friedenspartei", verweigerte ihm die Gefolgschaft in dieser Frage. Kossuth setzte sich durch. Damit war für die Ungarn noch immer Ferdinand der rechtmäßige König und Franz Joseph ein Usurpator. Man würde ihn nur dann anerkennen, wenn er den Eid auf die ungarische Verfassung geleistet und mit der Stephanskrone gekrönt wäre.

Der Krieg begann damit, dass Franz Graf Schlick mit einem Armeekorps aus Galizien in Ungarn eindrang und am 11. Dezember Kaschau besetzte. Eine andere Truppe stieß von Mähren aus nach Oberungarn vor. Besonders gefährlich war für die Ungarn ein Vorstoß der Kaiserlichen aus Siebenbürgen, wo sich  inzwischen unter den vielen heterogenen Interessensgruppen  die pro-österreichische Seite durchgesetzt hatte. Die Truppen standen unter General Anton Freiherr von Puchner, der auch die zivile Oberherrschaft übernommen hatte. Er wurde  von Oberstleutnant Karl Urban unterstützt, der als Kommandant des 2. Walachischen Grenzinfanterieregiments die rumänisch-nationalen, antiungarischen Kräfte sammelte. Puchner wurde auch vom rumänischen Pazifikationskomitee (später Nationalkomitee) und von rumänischen Freischaren unterstützt. Die rumänischen Bauern wandten sich gegen magyarische Grundherrn und Beamte, die vielfach umgebracht wurden. Die Szekler aber hatten schon Mitte Oktober Ungarn den Treueeid geleistet und zum allgemeinen Aufstand aufgerufen. Sie bildeten nun eine Nationalgarde und adelige "Jägerbataillone", die ebenfalls mit großer Grausamkeit gegen die Rumänen vorgingen. Anfang November brach Puchner nach Westen auf, besetzte Klausenburg und marschierte Richtung Großwardein. In dieser Notsituation ernannte Kossuth den polnischen Emigranten Jozef Bem zum Oberkommandierenden in Siebenbürgen. Dieser konnte in kurzer Zeit einen Großteil Siebenbürgens zurück erobern.

Mitte Dezember überschritt Windisch-Graetz mit der Hauptarmee die Grenze. Görgey zog sich entlang der Donau zurück, unter ständigen und widersprüchlichen Einmischungen Kossuths, Am 30. Dezember wurde General Perczel bei Mór geschlagen, am 31. Dezember gab Kossuth den Rückzug aus der Hauptstadt nach Debrecen bekannt. Auch Verteidigungsausschuss und Parlament sowie die Rüstungsbetriebe und ein Teil der Beamtenschaft wurden evakuiert. Debrecen wurde provisorische Hauptstadt. Eine Friedensmission unter Batthyány scheiterte. Windisch-Graetz verlangte die bedingungslose Kapitulation. Batthyany wurde bald darauf in Ofen-Pest verhaftet und bis zu seiner Hinrichtung eingekerkert. Die Abgeordneten des Parlaments fanden sich nur unvollständig in Debrecen ein. Auf Drängen der Radikalen wurden Standgerichte geschaffen, die insgesamt 122 Todesurteile verhängten, Unter den Verurteilten waren auch 8 ungarische Adelige. Auch jetzt noch, unter größter Bedrängnis, war das Parlament zu keinen Zugeständnissen an die nationalen Minderheiten bereit. Diese wurden als "Rinderherden" bezeichnet und die Siebenbürger Sachsen mit der Rache der Ungarn bedroht. Interne Streitigkeiten schwächten das Parlament, etwa das Vorgehen gegen den radikalen Polizeichef László Madarász, dem man Unterschlagungen vorwarf. Das Parlament tagte zwar oft, konnte aber keinerlei Reformmaßnahmen beschließen.

General Görgey zog sich vor Windisch-Graetz  nicht wie befohlen an die Theiß, sondern nach Oberungarn zurück. Er hatte große Probleme mit seinen Truppen, da viele Offiziere desertierten. Am 5. Januar gab er die Vácer Erklärung ab, in der er erklärte, keine Befehle vom Landesverteidigungsrat mehr entgegen zu nehmen, sich gegen "republikanische Umtriebe" wandte und gegen alle, die das konstitutionelle Königtum stürzen wollten. Schlick siegte am 4. Jänner über die Truppen des Kriegsministers Mészáros bei Kaschau, aber weder er noch die Hauptarmee machten Anstalten, auf das nahezu ungeschützte Debrecen zu marschieren. Görgey schlug sich mit seinen Truppen nach Kaschau durch und begann überraschend mit einem Gegenangriff. Das Misstrauen Kossuths gegenüber dem äußerst beliebten Görgey erlaubte es aber nicht, ihn zum Oberbefehlshaber zu machen. Oberkommandierender wurde der polnische General Dembinski, der sich bald als unfähig erwies.

Im von den Kaiserlichen besetzten Ungarn ließ Windisch-Graetz einige Politiker, Journalisten und Beamte verhaften. Einige Kossuth-Anhänger, die strafbare Handlungen gegen die Armee begangen hatten, wurden hingerichtet. Einige Beamte wurden entlassen und die Güter der "Insurgenten" beschlagnahmt. Die meisten Kossuth-Anhänger kamen jedoch mit einer formalen Huldigungserklärung davon. Die Juden und die Städte mussten hohe Kontributionen zahlen. Für die Verwaltung ernannte Windisch-Graetz eine zentrale zivile Kommission, in den Komitaten wurden königliche Kommissare eingesetzt. Das Ziel von Windisch-Graetz war es, die Verhältnisse, wie sie vor der Revolution geherrscht hatten, wieder herzustellen. Als Hauptfeind sah er die Demokraten, als Hauptstütze der Monarchie die Aristokratie. Er respektierte die territoriale Integrität Ungarns und nahm nur widerwillig die Existenz der serbischen Wojwodina zur Kenntnis. Eine Anerkennung der Slowaken als Volk kam für ihn nicht in Frage. Als der Hof den Vorschlag machte, die Militärkommandos so abzugrenzen, dass sie der Verbreitung der Sprachen und Nationalitäten folgten, lehnte er ab. Er gewährte Sprachfreiheit in den Schulen, war aber ansonsten allen nationalen Bestrebungen gegenüber äußerst misstrauisch.

Gegen Ende Feber begann der Kampf erneut und brachte zunächst für die Ungarn beachtliche Erfolge. Dembinski sammelte die Hauptarmee nördlich von Budapest. In einer ersten Schlacht bei Kapolna mussten die Ungarn weichen. Windisch-Graetz glaubte sie vollständig besiegt. Der Hof wurde dadurch veranlasst, am 4. März nach der gewaltsamen Auflösung des Reichstages in Kremsier die so genannte oktroyierte Verfassung in Kraft zu setzen. Trotz ihrer Fortschrittlichkeit war sie für die Ungarn unannehmbar, denn ihr Land hätte aufgehört, ein selbständiges Königreich zu sein. Dies bewog die Ungarn, ihren Kampf mit aller Kraft fortzusetzen. Nach einem Aufstand der Offiziere gegen Dembinski sollte nun Görgey zum Oberbefehlshaber ernannt werden. Kossuth weigerte sich jedoch, ernannte General Vetter und begab sich selbst zur Armee. Am 30. März wurde Görgey doch Oberbefehlshaber, die Ungarn griffen sofort an und konnten in den Gefechten von Hatvan, Tápióbicske und Isaszeg Erfolge erzielen. Am 7. April konnte Kossuth bereits in das Schloss von Gödölö einziehen, am 10. April siegten die Ungarn erneut bei Waitzen (Vác). Am 12. April wurde Windisch-Graetz abgelöst und durch Feldzeugmeister Ludwig Freiherr von Welden ersetzt. In Pest erhob sich die Einwohnerschaft.

Am 14. April, als die Österreicher überall auf dem Rückzug waren, proklamierte Kossuth mit Zustimmung des Parlaments Ungarns Unabhängigkeit und die Absetzung des Hauses Habsburg. Kossuth wurde einstimmig zum Gouverneur-Präsidenten gewählt. Am 19. April wurde der Text der Unabhängigkeitserklärung veröffentlicht - eine historische Abhandlung über die Ungerechtigkeiten, die das Haus Habsburg immer wieder der magyarischen Nation angetan hatte. Unter Bertalan Szemere wurde eine neue Regierung gebildet. In den folgenden Monaten boten Kossuth und Szemere wiederholt ausländischen Fürsten die ungarische Krone an.

Die militärischen Erfolge gingen weiter. Bei Nagysalló siegten erneut die Ungarn, Komorn wurde besetzt und die Österreicher räumten am 23.April Ofen-Pest, nur die Festung unter Generalmajor Heinrich Hentzi wurde gehalten. Görgey wurde nun Kriegsminister, blieb aber bei der Armee. Als seinen Stellvertreter schickte er General Klapka nach Debrecen. Inzwischen wurden die österreichischen Truppen aus dem südlichen Trandanubien verdrängt und in Südungarn war die ungarische Armee gegen die Serben im Vormarsch, unter fürchterlichen Verwüstungen. Tausende Grenzer und ihre Familien wurden niedergemetzelt, die Dörfer niedergebrannt. In Siebenbürgen sorgte General Bem hingegen für Disziplin und schonte die aufständischen Rumänen und die sächsischen Bürger - gegen den Widerstand Kossuths, der ein scharfes Vorgehen verlangte. Bem wurde schließlich in das Banat abkommandiert. Görgey wandte sich, anstatt die Österreicher zu verfolgen, mit seiner ganzen Armee gegen die Festung Ofen. Diese hielt sich aber ganze drei Wochen, Zeit genug für die Österreicher, um den Gegenangriff vorzubereiten. Anfang Mai war die Festung von Ofen von 40 000 Mann vollständig eingeschlossen. Zwei große Angriffe wurden von der Besatzung abgewehrt, etwa 1000 Österreicher fielen, Hentzi wurde schwer verwundet, die Stadt Pest litt unter dem Beschuss aus der Festung, die schließlich erobert wurde.

Im neuen Kabinett unter Ministerpräsident Szemere war Görgea Kriegsminister. Kossuth und die Regierung waren aber keineswegs einig, es gab viele Kompetenzstreitigkeiten, Trotzdem wurden noch einige beachtenswerte Reformgesetze beschlossen, etwa zugunsten der Bauern. Die Standgerichte und die Beschlagnahme der Vermögen der Verurteilten wurden eingeschränkt, das System der Regierungskommissare, das sich durchaus bewehrt hatte, wurde abgeschafft.

Am 1. Mai 1949 bat Kaiser Franz Joseph öffentlich den russischen Zaren um Hilfe im "heiligen Krieg gegen die Anarchie". Ende Mai übernahm Haynau das Kommando über die österreichische Armee, ein überaus tatkräftiger Mann. Haynau war ein Sohn des Landgrafen von Hessen aus einer morganatischen Verbindung. Er hatte sich in vielen Feldzügen ausgezeichnet. Als "Hyäne von Brescia" hatte er den Ruf, sehr grausam zu sein. Er hatte in Brescia Frauen auspeitschen lassen, weil diese in einem Lazarett die italienischen Aufständischen zu den Betten verwundeter österreichischer Soldaten geführt hatten, denen dann die Kehle durchgeschnitten wurde. Haynau war ein hervorragender Truppenführer und bei seinen Soldaten keineswegs unpopulär.  Die Nachricht vom Eingreifen der Russen bewog Kossuth und die Regierung, zu einem "Kreuzzug" und zur Mobilisierung aller Kräfte aufzurufen, mit geringen Erfolg. Die Bevölkerung folgte den pathetischen Aufrufen nicht mehr, sie war kriegsmüde und immer mehr Männer entzogen sich den Rekrutierungskommissionen. Aufrufe erfolgten auch an die Regierungen und Völker Europas.Aber weder Frankreich noch England waren gewillt, sich einzumischen. Palmerston tat sogar alles, um die Habsburgermonarchie zu retten.

Am 17. Juni überschritt die russische Armee Paskewitsch die ungarische Grenze.Die Hauptarmee der Russen kam aus Galizien über die Karpatenpässe, eine kleinere Armee unterstützte die Österreicher in Siebenbürgen. Die Russen stießen kaum auf Widerstand, gingen äußerst vorsichtig vor und hatten mit einer Choleraepidemie zu kämpfen, die Ungarn wichen aus.Die russischen Truppen benahmen sich meist músterhaft, es regte sich kein Widerstand in der Bevökerung. Haynau hatte inzwischen längst den Kampf aufgenommen. Zwischen Juni und August siegte seine Donauarmee in mehr als zehn Gefechten. Insgesamt standen nun 200 000 Russen und 160 000 Östereicher den etwa 170 000 Ungarn gegenüber. Nach einer Niederlage bei Raab (Györ) beschlossen Kossuth und die Regierung den Rückzug aller Armeen nach Szeged. Görgey weigerte sich, sein Kommando wurde ihm entzogen, wogegen seine Offiziere wieder revoltierten. Bei Komorn wurde Görgey verwundet, Klapka erlitt dort dann eine schwere Niederlage. Haynau ließ Komorn einschließen und zog am 13. Juli in Ofen-Pest ein. Görgey konnte sich der Umklammerung durch Österreicher und Russen noch einmal entziehem und marschierte entlang der Theiß nach Süden. Am 8. Juli hatten Regierung und Parlament Pest verlassen und war nach Szeged übersiedelt. Dort wurde am 28. Juli noch ein Parlamentsbeschluss gefasst, der jeder ethnischen Gruppe in Ungarn das Recht auf freie Entwicklung zugestand. War dieser Beschluss ein letzter, vergeblicher Versuch der Anbiederung ? Ungarische Historiker verneinen und sind der Meinung, die Verhandlungen darüber hätten schon viel früher begonnen und wären durchaus ernst gemeint gewesen. Auch die Judenemanzipation wurde beschlossen. Im Parlament konnte man sich nicht auf einen neuen Oberkommandanten einigen.Die Kritik an Kossuth wurde immer schärfer. Görgey stand inzwischen in ständiger Verbindung mit den Russen. Die Verhandlungen sowie das Angebot der ungarischen Krone für einen Romanow führte zu keinem Erfolg. Gegen Ende juli rückte Haynau rasch auf Szeged vor. Die Regierung und ein Teil der Truppen zogen sich nach Arad zurück, dorthin sollte auch Görgey beordert werden. Am 31. Juli erlitten die Truppen Bems, die von einem Einfall in die Moldau zurückkehrten, bei Schäßburg eine schwere Niederlage. In dieser Schlacht fiel Petöfi. Am 2. August erreichte Haynau Szeged. General Nagysandor wurde von den Russen bei Debrecen geschlagen. Haynau griff die ungarische Hauptarmee, die inzwischen Richtung Temesvár abgebogen war, an und siegte, obwohl seine Truppen zahlenmäßig weit unterlegen waren. Viele Honvéds hatten inzwischen genug vom Krieg und gingen nach Hause.

Am 11. August zwang Görgey Kossuth zum Rücktritt. Görgey übernahm die militärische und zivile Gewalt. Kossuth floh, verkleidet und mit zwei falschen Pässen versehen.Wenige Tage später floh auch Szemere in die Türkei. Die Stephanskrone vergrub er bei Orschowa in einer Kiste. Görgey bot den Russen die bedingungslose Kapitulation an. Die Nationalversammlung hilet in Arad ihre letzte Sitzung ab, zu der nur mehr 12 Abgeordnete erschienen. Am 13.August ergab sich die Honved-Armee: 11 Generale, 1420 Offiziere und 32 569 Soldaten. Sie wurden von den Russen den Österreichern übergeben, wobei Tausende unterwegs flohen. Görgey wurde im russischen Lager mitgeteilt, dass er als einziger von Franz Joseph begnadigt worden sei - auf Wunsch des Zaren. Dies war die Basis für den völlig ungerechtfertigten Vorwurf, Görgey wäre ein "Verräter" gewesen. ein Vorwurf, der auch von Kossuth erhoben wurde, der nach einem Sündenbock suchte. Kossuth bezeichnete sich, kaum dass er die sichere türkische Grenze erreicht hatte, wieder als Gouverneur-Präsident und forderte von der ungarischen Nation unbedingten Gehorsam. Görgey sei, als er kapitulierte, wortbrüchig geworden. Mit der Kapitulation von Komorn am 27. September endete der Krieg.

Die Bestrafung

Die gemeinen Soldaten der Honvéd-Armee wurden zum Teil in die kaiserlich-königliche Armee übernommen, zum Großteil aber entlassen. Offiziere höheren Ranges kamen vor ein Kriegsgericht, ebenso leitende Beamte und Abgeordnete. Insgesamt 4628 Personen wurden angeklagt. 498 ehemalige Habsburgeroffiziere wurden vor ein Kriegsgericht gestellt, 231 zum Tode verurteilt und etwa 40 hingerichtet. Im Prozess von Arad wurden 14 Generäle zum Tode verurteilt und am 6. Oktober 13 hingerichtet. Die österreichischen Militärgerichte haben insgesamt etwa 500 Aufständische Soldaten und Zivilisten zum Tode verurteilt, etwa 120 Urteile wurden vollstreckt. Lajos Batthyány wurde im August 1849 von einem Militärgericht in Ollmütz zum Tode verurteilt und in Budapest erschossen. 1500 Personen wurden zu Kerkerstrafen verurteilt. Von den verurteilten Zivilisten waren 8 Obergespane, 11 Vizegespane, 34 Rechtsanwälte, ein katholischer und zwei griechisch katholische Erzbischöfe, zwei Bischöfe, 21 katholische Priester, 11 reformierte Pastoren und 35 Großgrundbesitzer. Adelige Gefangene wurden bevorzugt behandelt. Ende der 1850er Jahre war nach mehreren Amnestien kein einziger Revolutionär mehr im Gefängnis. Trotzdem blieb im ganzen Land viel Hass zurück.

Kossuth verbrachte die weiteren 45 Jahre seines Lebens im Exil. In Widin hatten sich zunächst mehr als 5000 Flüchtlinge versammelt. Kossuth betrachtete sich als ihr Führer und verlangte die einem Staatsoberhaupt zustehende Ehrerweisung. Am 12. September ließ Kossuth das "Manifest von Widin" verbreiten, in dem er allein Görgey die Schuld am Scheitern gab. In der Emigration wollte er einen neuerlichen Aufstand vorbereiten.  Österreich und Russland forderten von der Türkei zunächst die Auslieferung, was eine schwere diplomatische Krise zur Folge hatte. Von den Flüchtlingen kehrten schon bald nach Zusicherung von Straffreiheit 3000 in die Heimat zurück, der Großteil der anderen Flüchtlinge folgte in den nächsten Jahren. Nur einige hundert Emigranten blieben in der Fremde. Kossuth wurde im Feber 1850 in der türkischen Stadt Kintahia interniert. Russland und Österreich verzichteten auf Auslieferung. Die Internierung wurde auf britischem Druck aufgehoben und 1951 wurde Kossuth von einem amerikanischen Kriegsschiff aufgenommen. Mehrere Verschwörungspläne Kossuths scheiterten und kosteten weiteren Menschen das Leben. Kossuths Reise durch Frankreich und England wurde zu einer Triumphfahrt, ebenso seine Rundreise durch die USA. Aber auch manche Vorwürfe wurden gegen ihn erhoben, etwa seine Unterstützung für die amerikanische konservative Know-Nothing-Bewegung, seine extreme Katholikenfeindlichkeit oder die Verschwendung des für den Befreiungskampf gesammelten Geldes für seine hohen persönlichen Ausgaben. Zurück in England schmiedete er weitere utopische Pläne. 1867 kehrten viele seiner früheren Mitstreiter wie Perczel, Klapka und Andrassy nach Ungarn zurück und er wurde in seinem Haus bei Turin in den 1870er Jahren zunehmend isoliert, obwohl er weiter versuchte, auf die ungarische Politik Einfluss zu nehmen. Zugleich wurde er aber zunehmend heroisiert. Wiederholt wurde er in absentia in das ungarische Parlament gewählt und in vielen Städten zum Ehrenbürger ernannt. 1894 starb er 92jährig.

"Zu behaupten, er sei völlig gescheitert, wäre irrig, hatte er doch den Unterdrückten Hoffnung gegeben ... Er lud jedoch dem ungarischen Volk größere Lasten auf, als es zu tragen vermochte. Er war ein Führer von beeindruckender Kraft, der bei den Ungarn die gefährliche Vorstellung festigte, sie seien eine auserwählte Nation: Ungar zu sein sei eine besondere Tragödie und eine ruhmreiche Berufung zugleich."  (Deak, Die rechtmäßige Revolution, S.290)

"Die Revolutionäre von 1848 träumten vom Zusammenwirken der Nationen, führten aber in Wirklichkeit den Krieg der Nationen herbei. In Mitteleuropas Geschichte wurden zum ersten Mal Tausende von Menschen nicht darum ausgerottet, weil sie Herren oder Bauern waren oder nicht den gleichen Glauben hatten, sondern weil sie ungarisch, deutsch, serbisch oder rumänisch sprachen. Diese Tatsache kann und darf man nicht durch die gezwungene Unterscheidung von 'fortschrittlichen' und 'reaktionären' Völkern, von Nationen, die 'der guten Sache' und die der 'schlechten Sache' dienten, vernebeln. Im Jahre 1848 war jedes Volk Opfer, und jedes Volk hatte eine ganze Anzahl von Henkern." (ebendort, S. 292)


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