Zunächst seien kurz die Verhältnisse in Gesamtungarn geschildert. Ungarn war zwar im 19. Jahrhundert und besonders nach dem Ausgleich in einen raschen Modernisierungsprozess eingetreten, aber natürlich wirkten noch immer die alten gesellschaftlichen Strukturen nach. Noch immer waren die "Standesgrenzen" scharf ausgebildet. Magnaten und adelige Großgrundbesitzer spielten eine überproportional wichtige Rolle, fühlten sich noch immer als die Herren des Landes. Der Kleinadel, der zahlenmäßig eine beträchtliche Gruppe ausmachte (etwa 5 % der Bevölkerung), war zwar zum Teil verarmt, hatte es aber verstanden, vom Fürstendienst in den Staatsdienst überzutreten und diesen weitgehend zu monopolisieren. Was an materieller Basis fehlte wurde nicht selten durch übertriebenen Stolz und Standesdünkel ersetzt. Besonders folgenschwer war das Fehlen eines Großbürgertums. Ein solches konnte sich lediglich in den Großstädten, allen voran natürlich Budapest, entwickeln. Hier waren es vor allem reich gewordene jüdische Bankiers- und Kaufmannsfamilien, die jedoch nur selten eine entsprechende Rolle auch in der Politik spielen konnten. Aus verschuldeten Grundbesitzern, aus Beamten und Intellektuellen bildete sich der Mittelstand heraus - eine Art Kleinbürgertum.Die zahlenmäßig größte Schicht der ungarischen Gesellschaft aber stellten die Bauern dar. Die eineinhalb Millionen besitzenden Bauern - Groß-, mittlere-, Klein- oder Zwergbauern - und die zwei Millionen milttellose Landbevölkerung - Taglöhner, Wander- und Gelegenheitsarbeiter, Gesinde - stellten fast zwei Drittel der Gesamtbevölkerung. So blieb das Land auch weiterhin im großen und ganzen ein Agrarland, die Landwirtschaft war mit Abstand der wichtigste Erwerbszweig der Bevölkerung. Die regionalen Unterschiede waren dabei beträchtlich. In Westungarn gab es im Vergleich zum übrigen Land durchaus Ansätze einer Modernisierung und sogar Mechanisierung der Landwirtschaft, hauptsächlich auf den Großgrundbesitzungen Vieles wurde aber auch von den Bauern übernommen.
Aber die wirtschaftliche Umgestaltung West- und dann auch Mitteleuropas hin zur Industriegesellschaft sowie die Verstädterung und die damit verbundene zunehmende räumliche Mobilität blieb natürlich nicht ohne Folgen. Die Bevölkerung nahm rasch zu. Das Gewerbe in seiner traditionellen Form, also das alte dörfliche Handwerk, geriet in eine immer schwerere Krise, immer mehr Zweige wurden durch die billige industrielle Massenfertigung bedrängt. Zugleich erlitt auch der Weinbau, der wichtigste und arbeitsintensivste Erwerbszweig in Westungarn, schwere Einbußen, die sich gegen Ende des Jahrhunderts mit dem Auftreten der Reblaus zu einer Katastrophe auswuchs. Mit der Auflösung der Grundherrschaft, der Grundentlastung und dem Ende der alten Urbarialgemeinschaft fielen auch wichtige soziale Bindungen. Der Bauer war gezwungen, zum "Unternehmer" zu werden und musste auf dem Markt die hohen Ablösegelder erst verdienen. All das brachte zwar nicht von heute auf morgen, aber doch innerhalb weniger Jahrzehnte eine tief greifende Umgestaltung der Welt der Dörfer mit sich. Die Menschen versuchten verzweifelt, durch Nutzung aller möglichen Erwerbsformen, durch Kombination der kleinen Landwirtschaft mit Handwerk, mit Obstbau, mit landwirtschaftlicher oder gewerblicher Wanderarbeit zu überleben. Als wichtigster, gegen Jahrhundertende immer häufiger gewählter Ausweg erwies sich die Auswanderung, vor allem im Süden des Landes. In den meisten Fällen war sie als eine Form der Arbeitswanderung mit der Absicht zur Rückkehr gedacht. Die Auswanderung nach Übersee, vorwiegend die Vereinigte Staaten, Kanada, Südamerika (Brasilien, Argentinien) - begann in Ungarn massenweise erst ab 1880. Von 1876-1910 verließen 3,574.630 Personen Österreich/Ungarn. 2,953.587 Personen (83,25%) wanderten in die USA, der Rest ging nach Kanada und vor allem aus der ungarischen Reichshälfte nach Argentinien - 358.507(10,1%). Im Norden war es mehr die gewerblich - industrielle Wanderarbeit in die Industriezentren des Wiener Beckens und nach Wien. Nur langsam Griff die Industrialisierung auch auf westungarische Grenzgemeinden über.
 
Die grundherrschaftliche Dominanz ließ ein bürgerliches Unternehmertum nicht aufkommen. Es wirkte sich besonders fatal aus, dass es in Westungarn nie die Chance gab, dass eine entsprechende Kaufleuteschicht mit Kapitalbildung entstand. Der Adel versuchte auch – mit eher geringem Erfolg – als Unternehmer. Auch in der Zeit des Merkantilismus und der beginnenden Industrialisierung scheiterten manche Ansätze. Die Grundherren errichteten Betriebe wie Ziegelöfen, Sägewerke, Bierbrauereien und Glashütten, aber auch Tuch – und Lederfabriken: Lederfabriken gab es etwa in Zurndorf, Potzneusiedl, Dörfl. Eine Tuchfabrik in Tazmannsdorf, Tabakfabriken entstanden Rudersdorf, Dörfl, eine Messingfabrik in Loipersdorf. Allen diesen Unternehmungen war nur eine kurze Lebensdauer beschieden.
Die Grundablöse hatte oft eine Verschuldung der Familien zur Folge. Dazu kam, dass die Realteilung die landwirtschaftlichen Betriebe bald so sehr verkleinerte, dass sie nicht mehr für den Unterhalt einer Familie ausreichten. Die Krise des Getreideanbaues, hervorgerufen durch die Weizenimporte aus den Kolonien, schränkte die Erwerbsmöglichkeiten ein. Ein noch schwerer Schlag wurde der westungarischen Wirtschaft durch die Reblauskrise versetzt. Sie kostete unzähligen Menschen das Einkommen, denn im arbeitsintensiven Weinbau waren sehr viele Menschen beschäftigt. Es waren zunächst die unterbäuerlichen Schichten, die früheren Inwohner - oft Hauer, also Weingartenarbeiter -, die Kleinhäusler und Söllner, die früher vom Handwerk in Kombination mit Kleinlandwirtschaft lebten, die von diesen Problemen betroffen waren. Sie waren die ersten, die zur Auswanderung bzw. zur Wanderarbeit gezwungen waren. Bald folgten aber immer mehr Kleinbauern.
Während im Südburgenland die Auswanderung, vor allem nach Amerika, zum wichtigsten Ventil wurde, begann im Norden die Wanderarbeit immer größere Bedeutung zu erlangen. Die Industriezentren des Wiener Beckens lagen ja in erreichbarer Nähe. Auch die gewaltigen Bauprogramme im Wien der Gründerzeit, die zahlreiche Arbeitskräfte erforderten, zogen Menschen aus Westungarn an. Auch die frühen Bahnbauten, wie etwa die Errichtung der Wiener Neustadt - Ödenburger Bahn, trugen zu dieser verstärkten Orientierung in Richtung Wien bei.
Zu Industriestädten entwickelten sich Ödenburg und Steinamanger, auf heute burgenländischem Gebiet nur Pinkafeld. In Pinkafeld entstand aus dem alten Tuchmacher- und Lederergewerbe entsprechende Fabriken. Leder- und Tabakfabriken in Eisenstadt hatten nur eine kurze Lebensdauer, ebenso eine Konservenfabrik in Rechnitz. In der Zeit des Liberalismus entstanden Fabriken entlang der Grenze in Neudörfl, Neufeld und Zurndorf. Von größter Bedeutung waren die Zuckerfabriken von Hirm und Siegendorf.
In und um Wien, besonders im südlichen Wr.Becken, entstanden im 19.Jh. zahlreiche Fabriken, die auch für die Bevölkerung Westungarns als Arbeitsstätten bald von größter Bedeutung waren. Da die Pottendorfer und Wiener Neustädter Spinnfabrik in Händen des Fürsten Nikolaus II. Esterházy war, lag es nahe, dass ein Großteil der Arbeiter aus westungarischen Grenzorten Beschäftigung fanden. Viele Familien mit Kindern arbeiteten und wohnten in den Fabriken und Fabrksbarracken. Einen hohen Anteil westungarischer Wanderarbeiter gab es in Pottendorf, Schönau, Sollenau, Weigelsdorf, Neunkirchen, Ebenfurth, Wiener Neustadt.
Die Spinnfabrik Ebenfurth ( 408 Arbeiter) beschäftigte fast zu zwei Drittel (300 Arbeiter) aus westungarischen Gemeinden wie Neufeld, Hornstein, Steinbrunn, Müllendorf und Großhöflein. In Neunkirchen waren Kroaten aus Baumgarten und Wulkaprodersdorf beschäftigt, in der Spinnfabrik Wiener Neustadt arbeiteten Neudörfler, Pöttschinger und Siglesser; Pottendorf beschäftigte Hornsteiner und Wimpassinger.

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