Eine wichtige und interessante Frage ist die nach der Bevölkerungsentwicklung. Die herkömmliche Interpretation sieht so aus: Die Türken haben einen Großteil der Bevölkerung vernichtet, in die frei gewordenen Dörfer sind die Kroaten eingewandert... Tatsächlich aber hatten die entscheidenden Veränderungen lange vor den Türkenkriegen, in der Krise des Spätmittelalters, stattgefunden. In der Wüstungsperiode wurden viele Siedlungen aufgegeben - was allerdings keineswegs mit einer Bevölkerungsverminderung einher ging. Ganz im Gegenteil, die Weinbaugemeinden, die Dörfer mit Handwerk und Gewerbe, wuchsen an. Erzeugt wurden jene Produkte, die auf den neuen Märkten verkauft werden konnten. Aufgegeben hingegen wurden kleine Siedlungen in den Getreidebaugebieten. Dort schrumpften die Dörfer - und eben jene Dörfer waren es dann, in die die Kroaten eingesiedelt wurden. Die Verwüstungen der Türkenzeit haben also mit diesem Prozess eher wenig zu tun (abgesehen von der Tatsache, daß die Getreidebaudörfer in der Ebene auch zumeist auf den Anmarschwegen der großen türkischen Armeen lagen, die Weinbaudörfer und Märkte weit besser geschützt waren...).

Jedenfalls nahm die Gesamtbevölkerung in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts kräftig zu. Der ungarische Historiker Istvan Hunyadi berechnet etwa die Bevölkerung des Komitates Ödenburg 1520 mit 25 000 bis 34 000 Personen, 1590 aber mit 50 000 bis 66 000. In den anderen westungarischen Komitaten sind ähnliche Zahlen anzunehmen. In den Herrschaften Schlaining und Forchtenstein etwa verdoppelte sich die Bevölkerung.

Die Bevölkerungsverluste durch die Türkenkriege werden meist maßlos überschätzt, was natürlich damit zu tun hat, dass auch die Quellen oft kräftig übertreiben. Paul Esterhazy behauptet etwa 1683, er hätte 10 000 Untertanen verloren, das Stift Heiligenkreuz kommt auf 4500... Das sind vermutlich viel zu hohe Zahlen (um Steuerbefreiung zu erlangen, um die eigenen "Verdienste" und Opfer entsprechend herauszustreichen...)

Die Forschung hat festgestellt, dass jene Quellen, die uns Auskunft über den Bevölkerungsstand geben, nicht immer übereinstimmen. Die Steuerkonskriptionen (Dicalisten) weisen viele öde Höfe auf - Bauer wie Grundherr waren gleichermaßen daran interessiert, da dadurch die Gesamtsteuerbelastung sank. Die Urbarien weisen weniger öde Höfe auf. Nicht jeder öde Hof war außerdem tatsächlich unbewirtschaftet, er konnte auch ganz oder teilweise von einem anderen Bauern bestellt werden...

Das Jahr 1605 brachte vermutlich die höchsten Verluste an Menschenleben. Die Berichte aus Purbach etwa sind erschütternd. Trotzdem sind in den Märkten am See kaum mehr Menschen als 5 % der Bevölkerung ums Leben gekommen. Die Pestepidemie von 1600 forderte weit mehr Menschen - und auch diese Lücken wurden verhältnismäßig rasch wieder gefüllt, durch eigenen Bevölkerungszuwachs, aber auch durch Zuwanderung, die immer funktionierte, wenn die ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen günstig waren. Man kann also nicht den Türken die Schuld an den späteren schweren ökonomischen Krisen zuschieben.

Die Kroatensiedlung wurde früher in ihrem Ausmaß weit überschätzt, in Kroatien spricht man heute noch gelegentlich von bis zu 200 000 Menschen - zu einer Zeit, als das Gebiet des heutigen Burgenlandes eine Gesamtbevölkerung von etwa 100 000 hatte. Seriöse Schätzungen gehen von einer Zahl von etwa 30 000 kroatischen Neusiedlern aus. Damit stellten sie immerhin ein Drittel der damaligen Bevölkerung, auch wenn ihr Prozentanteil bald zu sinken begann. Aber nicht nur Kroaten wurden angesiedelt. Der Zustrom war auch aus anderen Gebieten stark, aus dem benachbarten Österreich und Steiermark, aus Kärnten, aus entfernteren Teilen des Reiches. Denn Westungarn hatte im 17.Jh.einen wesentlichen Vorteil gegenüber Österreich zu bieten: Religionsfreiheit für die bedrängten Evangelischen. Diese kamen in großer Zahl. H. Prickler etwa ermittelte allein in der Herrschaft Bernstein zwischen 1550 und 1650 neun neue deutsche Dörfer, besiedelt mit Bergwerks- und Glashüttenarbeitern aus der Steiermark und Glaubensflüchtlingen, besonders aus Kärnten. Im 17.Jh. waren unter den zuwandernden Kärntnern auch Katholiken, was auch für ökonomische Beweggründe spricht. Glaubensflüchtlinge, zum Teil auch Adelige und wohlhabende Bürger, sehr viele Lehrer und Geistliche, fanden in den Städten und auch Dörfern Aufnahme. Manche von ihnen verblieben für einige Jahre, fanden eine Anstellung, wurden sesshaft, andere zogen, zum Teil auch hier wieder von der Gegenreformation vertrieben, weiter.

 
Auch innerhalb Westungarns war die Bevölkerungsfluktuation groß, weit stärker, als man dies heute zu glauben geneigt ist: Dörfer , die viele Menschen durch Seuchen und Krieg verloren, waren in wenigen Jahren wieder aufgesiedelt, vor allem dann, wenn der Weinbau entsprechende Erwerbsmöglichkeiten bot. Die in Urbaren und Konskriptionen erfassten Namen zeigen, dass in manchen Dörfern innerhalb weniger Jahre nahezu die gesamte Bevölkerung ausgetauscht wurde. Besonders mobil waren die Handwerker. Ihr Zustrom aus allen Teilen des Reiches war immer groß. Aus der Oberpfalz etwa kamen häufig Fassbinder, die hier ein reiches Betätigungsfeld fanden, Bierbrauer aus Schwaben und Bayern. Im Jahre 1712 blieben im Verlauf der ersten Schwabenzüge auch bei uns schwäbische Einwanderergruppen "hängen": 1712 in Antau und Großhöflein, in Luising, Hagensdorf und Strem.

Von Osten her kamen nicht nur die kroatischen Umsiedler, sondern auch Magyaren, auf der Flucht vor den Türken oder weil sie hier neue Erwerbsmöglichkeiten fanden. Mit den neuen magyarischen Magnaten kamen Gefolgsleute und grundherrliche Beamte, Söldner und Soldaten der Hofarmee. Im Pinkatal wurden, ebenso wie in den Residenzen der Batthyany, viele dieser Leute sesshaft. Im Seewinkel waren es magyarische Ochsentreiber und Händler, die sich niederließen, besonders zahlreich etwa in Tadten.

Die Italiener waren zahlenmäßig weniger bedeutend, aber in manchen Berufen (Mauer, Steinmetze, Bildhauer, Maler, Kaufleute..) besonders stark vertreten. Der neue Beruf des Rauchfangkehrers (Spacicamini) wurde fast nur von Italienern ausgeübt. Eine weitere, starke Gruppe von Zuwanderern stellten die Wiedertäufer, die brüderischen Gemeinden, die ebenfalls ganze Berufszweige dominierten.

Auch Juden und Zigeuner wurden in dieser Zeit erstmals in größerer Zahl heimisch. Die Juden standen völlig außerhalb der feudalen Gesellschaftsordnung. Sie konnten sich nur mit Hilfe der Grundherren behaupten. In Eisenstadt und Ödenburg gab es schon mittelalterliche Judengemeinden. Eine kontinuierliche Ansiedlung gab es aber erst in der frühen Neuzeit. Nach der Vertreibung der Juden aus Ödenburg und Wiener Neustadt ließen sie sich - mit der Förderung des Grundherrn – in Eisenstadt, Güns, Mattersburg, Kobersdorf und Neckenmarkt nieder, später kamen Lackenbach, Deutschkreuz, Neufeld, Gattendorf, Kittsee, Frauenkirchen, Schlaining, Rechnitz dazu, vorübergehend auch Mönchhof und Nikitsch. Kulturgeschichtlich von großer Bedeutung waren die jüdischen Schulen von Eisenstadt, Mattersburg und Deutschkreutz. In den meisten genannten Orten entstanden Judenviertel. In Güssing, Stadtschlaining und Neufeld mussten die Juden ursprünglich in Gemeinschaftshäusern leben. Die Judengemeinden blieben bis 1871 autonom. Die Juden lebten zum Teil von der Geldleihe gegen Zinsen, die zwar immer wieder verboten wurde, trotzdem aber florierte. Sie pachteten zudem oft grundherrschaftliche Rechte wie etwa Schnapsbrennereien, Bierbrauereien und Mauten. Die meisten Juden lebten aber vom Handel mit Landesprodukten, etwa Häuten, Fellen, Honig, Obst. Auch am Schmuggel über die ungarische Grenze waren sie beteiligt. Mit Förderung der Grundherrschaft brachten sie allmählich den gesamten Kleinhandel in ihre Hand. Die Ansiedlung der Juden durch die Grundherrschaft hatte damit zu tun, dass die Herrschaften im 16. Und 17. Jahrhundert den Handel mit den Landesprodukten – ihr Vorkaufsrecht nutzend – immer mehr an sich zogen. Sie verkauften diese dann an Großhändler und Heereslieferanten. Die Sammlung der Produkte lag vielfach – gegen eine geringfügige Pacht – in den Händen der Schutzjuden.

Zigeuner tauchen erstmals im 17. Jh. auf, sie waren in kleinerer Zahl als Hirten in die Dorfgemeinschaften integriert. Die geschlossenen Romasiedlungen, die man für das Burgenland der Zwischenkriegszeit als charakteristisch ansah, entstanden erst im 19.Jahrhundert.

Zur Bevölkerungs- und Familienstruktur haben neuere Forschungen interessante Details erbracht. Vor allem die Urbare des Adam I. Batthyany aus dem Jahre 1648 lassen einen guten Einblick in die Familienstruktur zu. Es gab kaum Großfamilien. Die Norm war die Kleinfamilie mit 2 bis 3 Kindern. Mehrgenerationenfamilien waren höchst selten. Im Durchschnitt hatten die Familien 2,6 unverheiratete Kinder. In den 34 kroatischen Dörfern hatten die Familien mit durchschnittlich 3 die meisten Kinder. In den 53 deutschen und den 20 ungarischen Dörfern war die Kinderzahl deutlich niedriger. Interessant sind die großen Unterschiede im Heiratsalter. Am frühesten heirateten die Mädchen in den ungarischen Dörfern, im Alter von 14 bis 15 Jahren. Dies ist auch aus zahlreichen anderen Quellen bekannt. Die kroatischen Mädchen heirateten 1 - 2 Jahre später, die deutschen Mächen erst im Alter von 16 bis 17 Jahren.

Literatur: Vera Zimányi - Zsuzsanna J. Újváry: Die Volkszählung auf den Gütern von Adam I, Batthyány aus dem Jahr 1648. In: Die Familie Batthyany. Band 2, S.125 - 148


Josef K.Homma, Beitrag zur Volksbewegung in den Siedlungen der Herrschaft Eisenstadt seit dem Jahre 1515.  http://www.zobodat.at/pdf/Burgenlaendische-Heimatblaetter_9_0074-0088.pdf
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