Westungarn-Burgenland im 16.und 17. Jh. war in der historischen, vor allem aber in der populär-historischen Darstellung von Zeitungen, Zeitschriften, Kalendern ein verwüstetes, geknechtetes, von Türken und Kuruzzen geplagtes und von der Glaubensspaltung zerrissenes Land. Das 18.Jh. hingegen war die Zeit der Kulturblüte, der barocken Prachtbauten, des fürstlich - esterhazyschen Hoflebens. Immer wieder wurde und wird behauptet, dass die relative Armut an vorbarocken Kunst - und Kulturdenkmälern eine Folge der Türkenkriege und der Verarmung, auch der geistigen Verarmung der Bevölkerung in dieser Zeit gewesen sei.

Diese Sicht wurde in jüngster Zeit von der historischen Forschung mehrmals zurückgewiesen. Es wurde auf den reichen Schatz an romanischen Bauresten im Burgenland-Westungarn verwiesen. Natürlich wurden in den Türkenkriegen viele Kirchen niedergebrannt. Das einzige, sehr bedeutende Bauwerk, das in dieser Zeit völlig zerstört wurde, die romanische Klosterkirche von Sankt Gotthard, wurde übrigens nicht von den Türken zerstört, sondern 1605 vom steirischen General Teuffenbach beim Rückzug vor den Bocskairebellen in die Luft gesprengt. Oft übersehen wird die Tatsache, dass in den Städten und Märkten eine überaus reiche Bausubstanz im 17.Jh. entstand, die das Ortsbild, freilich oft in der barockisierten Version, bis heute prägen (Rust, Donnerskirchen, Purbach, Breitenbrunn, Eisenstadt, Ödenburg,Güns...), ganz abgesehen von den Renaissanceschlössern, für die etwa Kobersdorf steht. "Die Weinbauorte vor allem des nördlichen Bereiches erwarben im 17.Jh. durch den Weinfernhandel nach Schlesien, Polen, Böhmen, Mähren einen Wohlstand, der sich in der Erhebung von Eisenstadt, Rust zu königlichen Freistädten, vieler Dörfer in den Rang von Märkten und einer starken Bautätigkeit spiegelte". (Prickler, Bgld.HBl. 1/1986)

Die historische Forschung hat dieses Bild weitgehend umgekehrt. Heute erkennt man immer deutlicher, dass wohl kaum ein Jahrhundert eine derartige Vielfalt an geistigen Leistungen im westungarischen Raum hervorgebracht hat wie das 17.Jh. Etwas schwieriger ist die Beurteilung der wirtschaftlichen und sozialen Situation. Grob gesprochen zeigt sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts, ausgehend von der "Krise des Spätmittelelters", eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung mit wachsender Bevölkerung und steigendem Wohlstand. Im ausgehenden Mittelalter hatten die große Pestepidemie und dann die vielen Konflikte, das Fehdewesen, Raub und Straßenraub einen schweren Rückschlag mit sich gebracht, der sich etwa in den zahlreichen Wüstungen dieser Zeit äußerte. Freilich darf man auch hier nicht generalisieren. Viele kleine Dörfer wurden aufgegeben, die größeren Siedlungen allerdings konnten sich halten, ja legten sogar an Einwohnerzahl zu, vor allem dann, wenn es Weinbaugemeinden waren. Auf Grund der außerordentlichen Gunstlage, vom Klima her wie auch von der Nähe großer Städte der damaligen Zeit, wurden die Bevölkerungsverluste rasch wieder durch Zuzug ausgeglichen. 1510 etwa lag der Wüstungsgrad in der Herrschaft Forchtenstein bei 30 %, bis 1526 sank er auf 16 %. Einige Orte freilich, zum Beispiel Steinbrunn und Zillingtal, werden im Urbar von 1500/1510 als völlig verödet bezeichnet. Leonhard Prickler hat aus dem Vergleich der Familiennamen aus dem Gewölberegister der Firma Funck in Wr, Neustadt mit dem Urbar von 1500/1510 eine starke Fluktuation in Mattersburg und Pöttsching erschlossen. Ein besonders wichtiger Faktor in der Bevölkerungsentwicklung war die unterschiedliche Entwicklung der Getreide- und der Weinpreise. Während die Getreidepreise von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16.  Jahrhunderts  stagnierten und erst gegen Ende des 16.  Jahrhunderts stark anstiegen erlebten die Weinpreise einen  zunächst stetigen, mit Beginn des 16. Jahrhunderts jedoch starken und kontinuierlichen Anstieg. Es gab also eine beträchtliche Preisschere vor allem in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Es ist daher kein Wunder, dass die Weinbaugemeinden prosperierten, die aufgegebenen kleineren Dörfer hingegen im Getreideanbaugebiet lagen.

Wie wertvoll die Weingärten waren zeigt sich vor allem am Grundstücksmarkt. Die meisten Weingärten gehörten ja nicht zum Hofland, sie waren frei verkäuflich.Schon Mitte des 15. Jahrhunderts besaßen die Bürger von Bruck, Hainburg, Ödenburg und Wr. Neustadt zahlreiche Weingärten in den Dörfern Westungarns. 1570 waren etwa in der Herrschaft Forchtenstein 43,4 % der Weingärten in der Hand der Ortsansässigen, 14,8 % gehörten Auswärtigen, aus den Dörfern der Herrschaft, 41,8 % aber waren in den Händen der Österreicher. Die österreichischen Weingartenbesitzer mussten keinen Zehent zahlen. Beim Transport des Mostes über die Grenze war der "Ausgang" (exitus) zu entrichten, im 16. Jahrhundert 12 1/2 Denare für jeden Eimer Most. Das war nur ein Viertel der Ertragssteuern der Einheimischen. Dementsprechend attraktiv war der Besitz der Weingärten im "Ungarischen".

 
Die Nähe der großen Städte im heutigen Nordburgenland - vor allem der Residenzstadt Wr. Neustadt und Ödenburgs - boten die denkbar günstigsten Bedingungen für die frühneuzeitliche Landwirtschaft, wobei der Weinbau seit jeher die größte Bedeutung hatte. Das Einkommen aus dem Weinbau und der relativ große Wohlstand ermöglichten es der bäuerlichen Bevölkerung, direkt am Warenaustausch teilzunehmen. Das belegt etwa das Register des Handelshauses Funck in Wr. Neustadt eindringlich. Neben dem Weinverkauf dürfte auch der Handel mit anderen landwirtschaftlichen Produkten, etwa Kleinvieh, Geflügel und Eiern und besonders auch Honig beträchtlich gewesen sein.

Gegen Ende des Jahrhunderts endete diese Phase des raschen Aufschwunges; Pestepidemie von 1600 und Bocskai-Rebellion von 1605 sind der Tiefpunkt. Dann aber beginnt - trotz weiterer Türken- und Kuruzzenplagen - ein unglaublicher Aufschwung, der vor allem den Städten, Märkten und Dörfern des Nordburgenlandes einen beachtlichen Wohlstand beschert und zu Ansätzen einer "frühbürgerlichen" Gesellschaft führt. Anders verläuft die Entwicklung im Südburgenland, wo der Verarmungsprozess weitergeht. Diese Blütezeit endet auch im Norden gegen Ende des Jahrhunderts. Tiefpunkt sind wieder der Türkenzug von 1683 und die folgenden Kuruzzenwirren, allerdings nicht die alleinigen Ursachen des Niederganges. Diese sind im wirtschaftlichen Bereich, im Weinbau, in geänderten Marktbeziehungen, vor allem aber in der Entwicklung der Grundherrschaft zu suchen.

Das ganze 18.Jahrhundert, das sich nach außen hin in seiner barocken Schauseite, so prachtvoll gibt, ist ein Katastrophenjahrhundert, in dem zumindest im Nordburgenland erst all jene sozialökonomischen Merkmale entstehen, die für Westungarn-Burgenland so lange charakteristisch sind und die das Klischee auch auf frühere Jahrhunderte übertragen hat.

Die interessante Frage ist, warum diese falsche Sicht unserer Geschichte sich so lange gehalten hat. War es nur die Bequemlichkeit, die am so leicht fassbaren Antagonismus : schreckliche Türkenzeit - Barockblüte festhielt? Oder war diese "Verfälschung" mehr oder weniger gewollt, beabsichtigt? Hat die "Hofgeschichtsschreibung" , im wesentlichen die im Dienste der Esterhazys, bewusst alles vergessen, was es an großartigen kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen im 17.Jh. gegeben hat? Hat man es deshalb vergessen, weil diese vorbarocke Kultur im wesentlichen eine lutherische war? Weil das 17. Jh. das "evangelische", das 18.Jh.aber das "katholische" war? Hat man deshalb das 17.Jh. heruntergemacht, weil es auch das Jahrhundert des bürgerlichen und bäuerlichen Freiheitsstrebens in unserem Raum war? Musste man schlicht und einfach vergessen, weil die Hauptursache der Verelendung bei den Grundherren, ihrer grenzenlosen Prunksucht lag? All diese Fragen sind hier einfach gestellt, aber wohl nur kompliziert und differenziert zu beantworten. Eng damit verbunden ist die Neubewertung des 18.Jahrhunderts, die bisher vor allem aus der Sicht Esterhaza - Haydn - Frauenkirchen erfolgte

Kaum ein Kapitel ist so wenig erforscht wie die Bauernunruhen und -aufstände im Burgenland, die sich im Barockzeitalter häufen. Auch von der Kirchengeschichtsschreibung her gibt es Lücken. Geschrieben wurde die Geschichte der Pfarrer und Würdenträger, zum Teil der Organisation und der Gemeinden. Noch nicht geschrieben hingegen die Geschichte der Auswirkungen der Konfessionskämpfe in der Bevölkerung.

Sozialgeschichtliche und wirtschaftshistorische Arbeitender 70er und 80er Jahre, von Zimanyi, Prickler, Tobler und anderen, haben jedenfalls ein neues Geschichtsbild geschaffen, das mehr Beachtung finden muss. Größte Sorgfalt ist dabei allerdings geboten. Mit einer eindimensionalen Sicht wird man jedenfalls nicht auskommen. Wenn die Synthese zu einem neuen, differenzierten Gesamtbild nicht gelingt, wird man zumindest mehrere Interpretationen gleichberechtigt nebeneinander stellen müssen. Zwei "Minderheitenstandpunkte" sind dabei auf jeden Fall zumindest am Rande mit zu berücksichtigen: Die evangelische und die kroatische "Dimension". Ohne sie bleibt burgenländische Geschichte unvollständig, ja manipuliert.


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