besiedlung

Bauern, Ritter und Gäste; die deutsche Besiedlung Westungarns

Die Entstehung des Burgenlandes nach dem Ersten Weltkrieg war natürlich nur möglich, weil im Westen Ungarns ein weitgehend geschlossenes deutsches Siedlungsgebiet entstand, das nahtlos jenseits von Leitha und Lafnitz an den österreichisch – deutschen Volkskörper anschloss. Dieser Tatsache wurde man sich allerdings erst im ausgehenden 19. Jahrhundert bewusst. Zuvor waren die Deutschen Westungarns ja nur ein Teil der relativ großen und in vielen Teilen Ungarns siedelnden deutschungarischen Bevölkerung. Zwar war man sich der Zugehörigkeit zum deutschen Volk bewusst, aber dieses Bewusstsein war politisch von geringer Bedeutung, weder war man als Volksgruppe organisiert noch agierte man gemeinsam auf der politischen Bühne. Die Loyalität zum ungarischen Staat war jedenfalls völlig unangefochten. Dies änderte sich erst mit dem Aufkommen der magyarischen Nationalstaatsidee. Aber selbst dann begannen die Ungarndeutschen nur langsam und zögernd sich als Sondergruppe innerhalb des ungarischen Staates zu begreifen und zu organisieren. Die ersten Bestrebungen in Richtung auf einen Anschluss der geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete in Westungarn kamen nicht aus dem Lande, sondern aus Österreich.

Heute könnte weitgehend ohne diese politische Belastung die mittelalterliche Besiedlungsgeschichte vorurteilsfrei diskutiert werden. Die Forschung scheint aber jegliches Interesse an der deutschen Besiedlung Westungarns verloren zu haben. Während in den vergangenen Jahrzehnten die Siedlungsgeschichte der Volksgruppen auf burgenländischem Boden intensivst erforscht wurde, gab es kaum Arbeiten zur Siedlungsgeschichte der Mehrheit, obwohl gerade heute dank der politischen Unbelastetheit und der Unbestrittenheit der Grenze ein methodisch übergreifender Ansatz durchaus Erfolg versprechend wäre. Dazu ein Ausschnitt des Vortrages Harald Pricklers am 25. Internationalen Kulturhistorischen Symposion Mogersdorf:

"Auffallend ist, dass parallel zum Schwinden der politischen Konfrontation wegen des Burgenlandes zwischen Ungarn und Österreich das Forschungsinteresse an der überwiegenden Bevölkerungsmehrheit des Burgenlandes, an den Deutschen, schwand. Diese werden sozusagen als ‚selbstverständliche', keiner eigenen Behandlung bedürfende historische Größe angenommen, bei aller Berücksichtigung der Schwierigkeiten, die sich – bedingt durch Forschungslücken – einer Darstellung der deutschen Besiedlung widersetzen, sollte aber doch nicht übersehen werden, dass gerade das überwiegende deutsche Volkstum das eigentliche Constitutivum des Burgenlandes bildete, den eigentlichen Grund für seine Entstehung als politische Einheit; Geschichte des Burgenlandes kann aber mangels einheitlicher historisch – politischer Strukturen nur Geschichte des Volkes sein, sie muss auf dem Volk als einzigem einheitlichen und bindenden Strukturelement aufbauen. Ich bitte, diese Feststellung nicht als beckmesserische Polemik aufzufassen und keineswegs als Absage an die vorerwähnte ‚Minderheitenforschung', die überaus wertvolle Bereicherungen der historischen Palette unseres Gebietes darstellen, sondern eher als Mahnung an uns alle, auch an mich selbst, zu größerer Umsicht, Bedachtsamkeit und terminologischer Genauigkeit.; es geht auch nicht an, wie es in jüngster Zeit bei uns Mode wird, die burgenländische Bevölkerung in Kroaten, Ungarn (bzw. Magyaren) und Deutschsprachige zu gliedern, denn "deutschsprachig" waren und sind auch die meisten Kroaten und Ungarn des Burgenlandes, viele Deutsche auch ‚ungarisch' - bzw. ‚kroatischsprachig' und viele Kroaten auch ‚ungarischsprachig'; bis 1921 waren aber alle Volksgruppen unseres Raumes, die Ungarn, Kroaten und Deutschen, im Sinne der Staatsbürgerschaft ‚Ungarn', so wie sie heute ‚Österreicher' sind."

Es ist höchst problematisch, allein aus der sprachlichen Anleitung des Ortsnamens allzu weit reichende Schlüsse zu ziehen. Die sprachliche Zuordnung eines Ortsnamens sagt in Grenzgebieten von Sprach- und Kulturräumen nichts über die ethnische Zuordnung der Bewohner aus. Die Zusammenarbeit von Archäologie, Sprachwissenschaften und Geschichtsforschung würde aber durchaus neue und Erfolg versprechende Möglichkeiten für eine Erforschung der hochmittelalterlichen Besiedlung Westungarns bieten.

Auf einen gewissen Anteil an slawischer Bevölkerung deutet der relativ hohe Anteil an Orts- und Flurnamen slawischer Herkunft hin. In manchen Gebieten, wie etwa in der nordwestlichen Ecke des Oberpullendorfer Bezirkes, häufen sich diese Bezeichnungen. Auch am Südrand des Günser Berglandes gab es slawische Siedlungen, Schlaining ist von einer slawischen Ortsbezeichnung abgeleitet.  Im Nordburgenland sind altslawische Siedlungsnamen seltener, kommen aber ebenfalls vor. So berichtet etwa eine Urkunde von den Suslani, den "Leuten vom Zeiselbach" im Randbereich der Ödenburger Pforte.

Am Ende des Hochmittelalters ist aber der Großteil des heutigen Nord- und Mittelburgenlandes bereits deutsch besiedelt, die slawische Vorbevölkerung geht in den zahlenmäßig weit stärkeren Kolonistengruppen auf.

Woher die Kolonisten im einzelnen stammen, ist natürlich nicht zu klären. Es gibt ja damals noch keine Familiennamen. Vereinzelt sind aber Hinweise möglich. H. Prickler weist etwa auf das Beispiel der Allacher hin, ein im Raume Gols weit verbreiteter Familienname, der die "Allander", also die aus Alland im Wienerwald stammenden, bedeutet. Alland gehörte dem Kloster Heiligenkreuz, das im 13. Jahrhundert auch am Neusiedler See reich begütert war. Von der Sprachwissenschaft her (Kranzmayr) werden die burgenländischen Mundarten dem donaubayrischen Raum mit dem Schwerpunkt zwischen Regensburg und Passau zugeordnet, ebenso wie die Mundart der Pittener Mark. Ein beträchtlicher Teil der Siedler scheint aus dem benachbarten steirisch – niederösterreichen Gebiet gekommen zu sein. Später, im Spätmittelalter, als es bereits Familiennamen gibt, ist diese Zuwanderung jedenfalls eindeutig zu verfolgen.

Die Zuwanderung und Ansiedlung der Kolonisten, die also überwiegend aus dem benachbarten Niederösterreich und der Steiermark kommen, geht wahrscheinlich in Gruppen vor sich. Dass sie im Gefolge der Adeligen, die in ungarische Dienste traten, kamen, ist zumindest im Falle der Mattersdorf – Forchtensteiner unmöglich, denn diese kommen aus Spanien. Dass die Ansiedlung in größeren Gruppen erfolgte, zeigt vor allem die planmäßige Anlage der Siedlungen. Die meisten Siedlungen sind, so wie im gesamten Bereich der deutschen Ostkolonisation üblich, Straßen-, Anger- und Zeilendörfer, gelegentlich auch unregelmäßig, den natürlichen Gegebenheiten angepasst. Die Kolonistenorte umfassten wohl in der Regel etwa 20 bis 30 Höfe oder Lehen. Im südlichen Burgenland scheint die Besiedlung etwas später eingesetzt zu haben und etwas länger, bis an das Ende des 13. Jahrhunderts, gedauert zu haben. Die regelmäßigen Dorfanlagen gehen dort parallel mit der Aufgabe kleinerer Siedlungen und einzelner Gehöfte (predia).

Die Ansiedlung der deutschen Bauernkolonisten ging nach den in den deutschen Ländern üblichen Rechtsnormen vor sich. Das ist eindeutig bewiesen, denn schon im 13. Jahrhundert wird in Ungarn der Begriff "Lehen" für einen Bauernhof und den Begriff "Bergrecht" für die freie Leiheform der Weingärten an. In Jois wird in einer Urkunde aus dem Jahre 1214 von "XIII loca curiarum, quod lechun vocantur" gesprochen, also von XIII Hofstellen, die man Lehen nennt. Und in Winden werden 1239 "duas partes vini, quod vulgo nominantur perchrecht", also zwei Weingärten, die man im Volk Bergrecht nennt, erwähnt.

In vielen Fällen gibt der Ortsname Hinweise auf den Gründer oder den frühen Besitzer. Bad Tatzmannsdorf ist das Dorf des Tatzmann, Jormannsdorf das Dorf eines Jormann, Großpetersdorf das Dorf eines Berchtold, Loipersdorf das Dorf eines Leopold, Rumpersdorf das Dorf eines Rumpold, Willersdorf das Dorf eines Wieland, Salmannsdorf das Dorf eines Salomon, Deutschgerisdorf das Dorf eines Gerhard, Pilgersdorf das Dorf eines Pilgrim. Es handelt sich dabei um Dienstleute der Güssinger bzw. Günser Grafen, die entweder diese Orte gründeten oder sie für ihre Dienste übertragen bekamen. Als Herrn über die königlichen Grenzburgen Bernstein, Lockenhaus und Güns, zu denen später als neue Burgen Schlaining, St. Veit und Rechnitz kamen, holten sie anscheinend eine Reihe nahezu ausschließlich deutscher Dienstleute ins Land. Auch in anderen Herrschaften, etwa in der der Mattersdorf – Forchtensteiner oder der Kanizsai, kam es immer wieder vor, dass einzelne Besitzungen an Dienstleute gegeben oder verpfändet wurden. Aus ihnen entwickelten sich, wenn sie nicht wieder eingelöst wurden, Edelhöfe oder Kurien, die vielfach bis ins 17. Jahrhundert, bis zur gewaltsamen Enteignung durch Nikolaus Esterhazy, bestanden.

Die Dienstleute der Grundherrn tragen seit dem 14. Jahrhundert durch das ganze Mittelalter und auch noch in der frühen Neuzeit nur deutsche Namen (Wagramer, Gilleis, Köln, Freisinger, Warter, Flatzer ...). Auch andere Fakten deuten darauf hin, dass der Adel Westungarns viel stärker nach Westen als nach Innerungarn orientiert war. Die Adeligen heirateten häufig Frauen aus steirischen oder österreichischen Adels- oder Ministerialenfamilien. Auch im Zuge dieser Verbindungen werden Kolonisten nach Westungarn gekommen sein.

 
Aber auch die wirtschaftlichen Verbindungen zum benachbarten Österreich und zur Steiermark sind schon sehr früh überaus intensiv. So besitzen ab dem 13. Jahrhundert viele Bürger aus Hainburg, Bruck an der Leitha, Wiener Neustadt, Hartberg und Fürstenfeld, ebenso Adelige und Klöster Weingärten im "Ungarischen" jenseits von Leitha und Lafnitz. Es werden österreichische und steirische Maßeinheiten verwendet. Die überschüssigen Produkte der westungarischen Herrschaften wurden auf den Märkten in Öszterreich und Steiermark abgesetzt, vor allem der Wein besserer Qualität wurde schon ab dem 13. Jahrhundert in die "Oberländer" Böhmen, Mähren und Schlesien verkauft. Es bestanden also auch intensive wirtschaftliche Verbindungen zum übrigen deutschen Sprachraum.

Gegen Ende des Mittelalters ist die Bevölkerung des Raumes, der das heutige Burgenland bildet, nahezu zur Gänze deutsch. Das lassen alle Urbare, aber auch die Urkunden der Städte, etwa Ödenburgs, erkennen. Es gibt nur kleine ungarische Sprachinseln. Dazu gehören die Wart mit den Kleinadelsdörfern Ober- und Unterwart, Adelig – Jabing, Kleinbachselten und Klein – Schachendorf. Auch der Ort Dürnbach, der im 16. Jahrhundert eine ungarische und kroatische Bevölkerung aufweist, war vermutlich im Spätmittelalter ungarisch. Im Mittelburgenland war Oberpullendorf ein ungarisches Kleinadelsdorf, ungarische Untertanendörfer waren Mitter- und Unterpullendorf, Großmutschen war teils adelig, teils untertänig. Im Nordburgenland war Martenhofen bei Apetlon, in Tadten zog der ungarische Bevölkerungsteil wahrscheinlich erst im 17. Jahrhundert zu.

Wenn heute in vielen populären Werken, in vielen Politikeransprachen und bei kulturellen Veranstaltungen gerne der "schon immer" multiethnische oder gar multikulturelle Charakter des Burgenlandes betont wird und man sich heute – auch in manchen sehr "populärwissenschaftlichen" Ortsfestschriften gerne auf das "Magyarische" beruft, magyarische Orts- und Flurnamen zitiert und davon eine entsprechende Vergangenheit ableitet, ist das in vielen Fällen ein sehr problematisches Unterfangen. Denn weder magyarische Orts- noch Flur- oder Familiennamen stellen dafür einen Beweis dar. Dazu sei ein Ausschnitt eines Aufsatzes von Harald Prickler zitiert, der die Problematik sehr einprägsam erläutert:

"Mit großer Vorsicht beurteilen muss man die Orte mit einem Volksprädikat im Namen: Während die im 13. Jahrhundert genannten Orte Magyar Sussuk und Tót Sussuk, Ungarisch- bzw. Windisch – Sussendorf, noch im Mittelalter wüst gewordene Orte bei Deutschkreutz, zweifelsohne auf ein ursprünglich ungarisches bzw. slawisches Ethnicum ihrer Bevölkerung schließen lassen, scheint aber bei den Orten Magyar Baran und Német Baran für die späteren Orte Groß- und Kleinwarasdorf die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung zu Ende des Mittelalters unsicher: In Ungarisch – Warasdorf, dem heutigen Großwarasdorf, deutet eine ansehnliche Zahl deutscher Familiennamen im Urbar von 1569 neben der überwiegenden Zahl kroatischer Neusiedler auf eine spätmittelalterliche deutsche Bevölkerung; das zur Zisterze Klostermarienberg gehörende Deutsch – Warasdorf, Kleinwarasdorf, dürfte vor der Ansiedlung der Kroaten fast völlig verödet gewesen sein, da wir hier im 16. Jahrhundert neben wenigen deutschen nur auf kroatische Familiennamen stoßen; einen wichtigen Hinweis geben hier aber wohl die von den Kroaten übernommenen und in der Neuzeit verwendeten Weingartenriednamen Steinberg, Mitterberg und Weberberg, die ein ungarisches Ethnicum im Spätmittelalter wohl ausschließen. Das Dorf Kukmirn westlich von Güssing bestand im 16. Jahrhundert aus den zwei Teilen Deutsch- und Ungarisch – Kukmirn, beide sind aber von deutschen Bauern bewohnt. Ob die Bezeichnung Ungarisch – Kukmirn auf frühere ungarische Bevölkerung, etwa Angehörige der alten Grenzwächtersiedlung, schließen läßt, bleibt dahingestellt, dies wurde jedenfalls von ungarischer Seite angenommen. Die neben Leithaprodersdorf bis ins 19. Jahrhundert gebräuchliche Form Ungarisch – Prodersdorf gegenüber dem auf niederösterreichischem Gebiet liegenden Deutsch – Brodersdorf könnte theoretisch auf die hier im frühen 14. Jahrhundert nachweisbare magyarisch – széklerische Grenzwächterlsiedlung zurückzuführen sein, wahrscheinlicher ist aber, daß das Namenspaar deutsch – ungarisch sich auf die staatliche Zugehörigkeit der beiden Orte bezieht: jedenfalls kann man weder aus Flurnamen noch aus anderen Quellen eine ungarische Bevölkerung von Leithaprodersdorf gegen Ende des Mittelalters glaubwürdig annehmen.

...Bei einem Grenzstreit von Nachbarorten, der im 16. Jahrhundert vor der Niederösterreichischen Regierung bzw. der Niederösterreichischen Kammer ausgetragen wurde, bezeichneten sich die zur Herrschaft Güns gehörenden Großwarasdorfer als ‚Deutsche'; sie stritten mit den ‚ungarischen' Raidingern um Grundstücke. Die Großwarasdorfer waren aber tatsächlich überwiegend Kroaten, die Raidinger überwiegend Deutsche, in beiden Orten gab es Minderheiten der jeweils anderen Volksgruppe. Die im Streit verwendeten Charakterisierungen ‚deutsch' bzw. ‚ungarisch' beziehen sich auf die grundherrschaftliche Zugehörigkeit der Orte; Großwarasdorf gehörte zur damals in österreichischer Verwaltung befindlichen kaiserlichen Herrschaft Güns, Raiding gehörte zur Grundherrschaft Landsee, die der ungarischen Landeshoheit unterworfen war. Aus diesen Beispielen ersieht man, dass man bei der Beurteilung von Volksbegriffen in Ortschaftsnamen sehr vorsichtig sein muss: ein ‚Ungerdorf' in der Steiermark oder in Niederösterreich bedeutet noch lange nicht, dass hier ungarische Grenzwächter saßen, es kann sich im simpelsten Fall auch um die Anzeigung von Himmelsrichtungen handeln.

Ein gleichfalls hierher gehöriges Problem sind die in den lateinischen Urkunden des Mittelalters überwiegend angewendeten ungarischen oder auf altslawischen Wurzeln beruhenden Ortsnamen-, Flurnamenformen und anderen topographischen Bezeichnungen: Fast alle Urkunden des ungarischen Rechtswesens wurden in den sogenannten ‚glaubwürdigen Orten', den ‚Loca credibilia', ausgestellt oder liefen über diese; in unserem Falle waren dies vor allem die Somkapitel von Raab, Stulweißenburg, Wesprim, Preßburg, das Kapitel von Eisenburg, weiters einige Kloster – Konvente wie Csorna, Kapornak, sogar Casma in Kroatien. Die als Schreiber in den laca credibilia tätigen Geistlichen waren in der Regel Ungarn; für sie galten aber Latein und Ungarisch als ‚idente' Sprachen, während Deutsch als Volkssprache, Vulgärsprache bezeichnet wurde; diese Schreiber übersetzten daher deutsche Namensformen, wenn sie ihnen verständlich waren, zumeist ungeniert ins Ungarische oder Lateinische. Dies erklärt, warum zum Beispiel der Ort Donnerskirchen, dessen deutsches Etnicum durch den 1285 genannten Ortsnamen Dundolskirichun, aber auch durch mehrere im Mittelalter überlieferte Flurnamen und Personennamen eindeutig erwiesen ist, in lateinischen Urkunden noch lange unter dem Namen ‚Csákány' auscheint, noch dazu mit den Zusätzen ‚Ful' = Fel, Ober-, und Tot =Windisch, Slawisch, zu einer Zeit, als diese Zusätze dem Ethnicum der Bevölkerung längst nicht mehr entsprachen. Wenn daher in einer lateinischen Urkunde eines glaubwürdigen Ortes bei einer Siedlung unter mehreren Flurnamen in ungarischer Sprache wie ‚Hosszú földek', ‚rövis Földek', ‚Pap réte' und ähnlichen vereinzelt ein deutscher auftaucht wie etwa ‚Gillihart', so beweist die Mehrzahl der ungarischen Namensformen nicht das ungarische Ethnicum der Ortsbewohner, sondern im Gegenteil das deutsche Ethnicum, weil dem Urkundenschreiber die Bedeutung eines deutschen Flurnamens unbekannt war und er sie daher nicht übersetzen konnte, was ihm bei den vorgenannten Langäckern, Kurzäckern, Pfaffenacker usw. leicht fiel. Sprache bedeutete eben in dieser Zeit nicht Bekenntnis der ethnischen Zugehörigkeit, sondern einzig und allein Mittel zur Verständigung. In diesem Sinne läßt sich die Anwendung der Sprachen in amtlichen Schriftstücken unseres Raumes bis ins 18. Jahrhundert verfolgen. Die niederösterreichische Freiherrnfamilie Teuffl von Krottendorf erhält als Besitzerin der ungarischen Herrschaft Landsee in den lateinischen Urkunden der glaubwürdigen Orte den Namen ‚Eördeögh'; Der Name einer in Rust und Ödenburg im 17. Jahrhundert ansässigen adeligen Bürgerfamilie wechselt zwischen ‚Türk von Türckenheim' und ‚Török de Törökháza', der Name der adeligen Familie Wildendorffer wird im 16. Jahrhundert ungeniert auf ‚Vadasfalvay' übersetzt bzw. umgekehrt; in den ungarisch verfassten Urbaren der Herrschaft Güns werden im 17. Jahrhundert die Familiennamen meines Heimatortes Lutzmannsburg ins Ungarische übersetzt, aus Schlögl wird Sulyok, aus Braun Barna, aus Pfeiffer Sipos usw.; diese ‚Magyarisierung' ist aber nur eine scheinbare, sie erfolgt nur zum besseren Verständnis der in diesem Falle ungarischen Verwaltungsbeamten.

Noch ein kurioses Beispiel: Der esterházysche Archivar des 18. Jahrhunderts wandelt in seinen lateinisch geschriebenen Dorsalvermerken zu deutschsprachigen Schriftstücken die Ortsnamen Schattendorf und Pöttelsdorf auf ‚Károsfalva' und ‚Koldusfalva' um, Namensformen, die nie wirklich verwendet wurden; er leitete eben den Namen von ‚Schattendorf', damals ‚Schadendorf' geschrieben, von ‚Schaden' = ungarisch ‚kár' ab, den Namen Pöttelsdorf von ‚Bettler', ungarisch ‚koldus'!

Wenn diese Neigung zur ungenierten Übersetzung von Namensgut vom 16. Bis zum 18. Jahrhundert ungebrochen zu beobachten ist, kann sie auch ohne Bedenken für die Zeit des Spätmittelalters angenommen werden."

Harald Prickler, Das Gebiet des Burgenlandes im Spätmittelalter. In: Internationales Kulturhistorisches Symposion Mogersdorf, Mogersdorf 1994, S. 74 ff.


Fritz Zimmermann, Zur ältesten Siedlungsgeschichte des Burgenlandes http://www.zobodat.at/pdf/Burgenlaendische-Heimatblaetter_9_0055-0061.pdf


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